„An  den  christlichen  Adel“  15

dabei  wird  Luther  nicht  nur  an  Fürsten  und  Ritter  gedacht  haben,
sondern  an  alle,  die  im  Reiche  Macht  hatten  und  einer  Reform  geneigt
  waren.  Es  ist  ein  gewaltiger  Ruf,  den  Luther  hier  enschallen
läßt,  ein  Ruf,  der  allenthalben  in  Deutschland  Widerhall  findet;
aus  einer  rein  theologischen  oder  dogmatischen  Frage  wird  das  Auftreten
  des  Wittenberger  Priesters  zu  einer  Frage  des  ganzen  öffentlichen
  Lebens.  Nicht  nur,  daß  er  überall  anerkannte  Mißstände
angreift  wie  Pfründenhäufung,  Amterkauf,  Ablaßkrämerei;  er  will
die  gesamte  römische  Kirche  umgestalten,  er  tritt  gegen  die  Allmacht
des  Bischofs  von  Rom  auf,  gegen  das  Kardinalskollegium,  gegen
den  ganzen  römischen  Hof  und  Beamtenstaat;  er  will  Deutschland
aus  den  Fesseln  befreien,  in  die  es  Rom  geschlagen;  er  will  eine
unabhängige  deutsche  Kirche,  eine  freie  deutsche  Nation,  einen  selbständigen
  deutschen  Kaiser  gewinnen;  er  will  die  Klöster  einschränken,
  die  Überzahl  der  Feiertage  abschaffen;  er  hat  beobachtet,  wie
sehr  viele  der  Geistlichen  in  der  Schwachheit  ihres  Leibes  im  Konkubinat
  lebten,  und  da  will  er  nicht  etwa  die  alten  Vorschriften  der
Keuschheit  wieder  durchführen  mit  ihren  Vorbedingungen  enthaltsamen
  strengen  Lebens,  er  will  im  Gegenteil  dem  Zuge  der  Zeit
Rechnung  tragen  und,  was  er  für  unvermeidlich  hält,  durch  die
Priesterehe  regeln.  Er  knüpft  an  die  hussitische  Lehre  vom  Laienkelch
wieder  an,  er  wiederholt  bei  jeder  Gelegenheit  seine  Abneigung  vor
den  unnützen  „guten  Werken“.  Aber  nicht  genug  daran,  er  will  das
soziale  Leben  vollkommen  neuordnen,  der  Bettelei  abhelfen,  die
Hochschulen  ganz  umändern,  er  macht  da  ausführliche  Vorschläge
für  die  einzelnen  Disziplinen,  gibt  die  zu  benützenden  Bücher,  den
zu  erreichenden  Lehrzweck  an;  so  sehr  ihm  zuerst  die  geistlichen
Verhältnisse  am  nächsten  gelegen  sind,  so  wendet  er  doch  seine  Aufmerksamkeit
  auch  dem  weltlichen  Leben  zu  und  gibt  vernünftige
Ratschläge  zur  Besserung  des  Lebenswandels  der  Laien.  Es  ist
eine  große  Programmschrift,  die  Martin  Luther  in  die  Welt  hinaussendet,
  er  tritt  damit  als  Reformator  des  gesamten  Lebens  auf,
eine  ungeheure  Summe  von  Vorschlägen  und  Gedanken  steckt  darin
und  daraus  ist  auch  ihr  Erfolg  zu  erklären  gewesen.  Was  viele
bis  dahin  dunkel  und  unklar  gefühlt,  das  wird  zum  ersten  Male
ausgesprochen,  eine  Partei,  wenn  man  will,  da  eingeschworen  auf
bestimmte  Grundsätze,  ein  Ziel  gesteckt,  das  zu  erreichen  des  Schweißes
  der  Edlen  wert  war.  Nicht  in  dem  Angriffe  gegen  das  Papsttum
  möchte  man  die  Hauptbedeutung  dieser  Schrift  sehen,  sondern
in  dem  zum  ersten  Male  formulierten  Programm  eines  neuen  Le-