16  Martin  Luther

bens.  Damit  wächst  Luther  weit  hinaus  über  die  engen  Grenzen
seines  ersten  Auftretens  mit  den  95  Thesen,  damit  wird  seine  Bewegung
  eine  nationale  Sache,  eine  soziale  Erscheinung.  Und  darin  liegt
die  Größe  dieses  Mannes,  daß  er  zuerst  den  Mut  und  die  Fähigkeit
gehabt  hat,  solche  Fragen  aufzurollen.  Luther  hat  selbst  die  Bedeutung
  dieses  Auftretens  nicht  recht  gefühlt,  er  hat  zunächst  immer
wieder  nur  auf  die  eine  Seite  desselben  Gewicht  gelegt,  auf  den
Kampf  gegen  den  römischen  Hof,  wie  er  ihn  persönlich  kennen  gelernt
hatte,  wie  er  ihn  immer  wieder  aus  den  Klagen  der  deutschen  Stände,
aus  den  Beobachtungen  der  deutschen  Humanisten  geschildert  erhielt.
Und  noch  im  nämlichen  Monat  August  1520  schreibt  er  seine  Schrift
von  der  Babylonischen  Gefangenschaft  der  Kirche,  in  welcher  er
bereits  anfängt  recht  massiv  grob  zu  werden.  Es  ist  eine  gänzliche
Verkennung  der  Stellung  des  römischen  Papsttums,  wenn  er  noch
immer  glaubt,  dasselbe  könne  auf  seine  Vorschläge  Rücksicht  nehmen
und  mit  ihm  paktieren,  wenn  er  gleichzeitig  ein  Schreiben  an  den
Papst  richtet,  in  welchem  er  beteuert,  nichts  gegen  seine  Person  unternehmen
  und  nur  die  Mißbräuche,  die  in  seiner  Regierung  eingerissen
  seien,  bekämpfen  zu  wollen.  Die  Reformation,  die  Luther
verlangte,  konnte  nur  von  innen  heraus  entstehen,  langsam,  allmählich;
  es  war  nicht  tunlich,  alles,  worin  man  gefehlt  hatte,  offen
einzugestehen,  wollte  Rom  nicht  selbst  an  seiner  Autorität  rütteln.
Dem  Wunsche  Luthers,  diese  Fragen  auf  einem  Konzil  zu  erörtern,
  das  naturgemäß  über  dem  Papste  stehen,  ihm  seine  Entscheidungen
  aufdrängen  sollte,  konnte  man  am  Stuhle  Petri  nicht  nachgeben,
  das  hätte  unabsehbare  Folgen  für  die  Machtstellung  des
Stellvertreters  Christi  auf  Erden  mit  sich  geführt.  Auch  war  im
damaligen  Zeitpunkte  während  der  unsicheren  politischen  Lage  die
Berufung  eines  allgemeinen  Konzils  unmöglich.  Vom  katholischen
Standpunkte  konnte  Luther  nicht  mehr  als  innerhalb  der  Kirche
stehend  betrachtet  werden,  wenngleich  er  auch  noch  lange,  bis  1524,
das  Habit  des  Augustinerordens  krug  und  sich  als  Glied  der  katholilischen
  Kirche  betrachtete;  es  war  nur  folgerichtig,  wenn  am  3.  Januar
  1521  eine  Bannbulle  gegen  Luther  erlassen  wurde,  nachdem
bereits  früher,  am  15.  Juni  1520,  41  seiner  Glaubensartikel  als
ketzerisch  bezeichnet  worden  waren.

Betrachtete  aber  Luther  sich  als  rechtgläubiges  Glied  der  katholischen
  Kirche  und  als  Vertreter  des  reinen  Christentums  den  Irrungen
  des  römischen  Papstes  gegenüber,  dann  lag  der  weitere  Schritt
nahe,  daß  er  den  Papst  nicht  mehr  als  rechtgläubig  ansah,  sondern