Der  Reichstag  zu  Worms  17

–  —  —  —  —  —  -

ihn  als  größten  Feind  und  Schädling  der  Kirche  hinstellte,  ihn
geradezu  als  Antichrist,  als  Teufel  behandelte,  dessen  Anordnungen
nicht  die  leiseste  Verbindlichkeit  mehr  für  ihn  haben  konnten:  am
10.  Dezember  1520  wurde  in  Wittenberg  feierlich  die  erste  Bulle
verbrannt,  der  Krieg  zwischen  beiden  Mächten,  dem  Heiligen  Vater
und  dem  Mönche  war  erklärt;  es  frug  sich,  wer  den  Sieg  davontragen
werde?  Es  ist  eine  ungeheure  Erscheinung,  daß  in  einem  Zeitraume
von  knapp  drei  Jahren  der  Wittenberger  Mönch  zu  solcher  Bedeutung
  emporwachsen  konnte;  das  war  nur  möglich,  wir  wiederholen
es,  weil  die  Zeit  in  ihm  ihren  Vertreter,  das  Werkzeug  und  den
Träger  des  großen  Reformgedankens  sah:  Luther  ist  zur  Inkarnation
  der  religiösen  und  sozialen  Bewegung  geworden,  die  an  der
Pforte  der  neuen  Zeit  steht.

Wie  werden  sich  nun  die  Vertreter  der  weltlichen  Macht  dazu
stellen,  der  Kaiser,  die  Fürsten,  die  Bürger  und  Bauern,  wie  selbst
die  katholischen  Geistlichen,  hohe  und  niedrige?  Eine  kurzgefügte  Geschichte
  der  nächsten  fünfunddreißig  Jahre  soll  darauf  Antwort  geben.

Die  Bewegung  war  umfänglich  genug  geworden,  um  die  Fürsten
Deutschlands  zu  veranlassen,  die  Forderung  aufzustellen,  es  solle
auf  dem  nächsten  Reichstage  über  Luther  abgeurteilt  werden.  Wie
bereits  erwähnt,  mußte  ein  solcher  bald  zusammentreten,  eben  war
Kaiser  Karl  V.  auf  der  Fahrt  nach  Deutschland  begriffen;  in  Worms,
der  alten  Nibelungenstadt  am  Rheine,  sollte  die  Tagung  stattfinden.
Dorthin  wurde  nun  auch  Luther  vorgeladen,  um  sich  angesichts
des  Kaisers  und  der  Stände  zu  rechtfertigen,  denn  Luthers  Vergehen
ist  im  Sinne  der  Zeit  auch  als  ein  staatliches  angesehen  worden,
so  eng  waren  Staat  und  katholische  Kirche  miteinander  verknüpft.

Auf  dem  Reichstage  zu  Worms  trat  zum  erstenmal  der  junge  Kaiser
  auf.  In  den  Niederlanden  erzogen,  an  Spanien  gewöhnt,  letzteres
  Land  seiner  ganzen  Neigung  zufolge  als  eigentliches  Vaterland
  betrachtend,  stand  er  dem  deutschen  Wesen,  den  deutschen  Verhältnissen
  ganz  fremd  gegenüber.  Einem  solchen  Appell,  wie  ihn
Luther  in  seiner  berühmten  Schrift  an  ihn  gerichtet  hatte,  wie  er  ihn
später  noch  eindringlicher  und  schärfer  wiederholt  hat,  ein  nationales
  Kaisertum  mit  nationaler  Kirche  zu  gründen,  mußte  sich
Karl  V.  unbedingt  versagen,  da  er  nicht  das  leiseste  Verständnis  dafür
  haben  konnte.  Er  betrachtete  Deutschland  als  einen  Teil  seines
weiten  Reiches,  von  dem  ihm  die  größte  Ehre  kam,  da  er  davon  den
Kaisertitel  trug,  der  ihn  über  alle  Monarchen  der  Erde  überhob;
er  hoffte  in  ihm  auch  jenen  Teil  seines  Reiches  zu  finden,  der  ihm

ANuG  123:  Weber,  Von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2  Aufl.  2