2  Martin  Luther.

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Es  muß  gesagt  werden,  und  das  gilt  auch  für  die  anderen  Stände,
daß  viele  Persönlichkeiten  im  Reiche  gewiß  nur  aus  religiösen  Grün—
den  dem  „reinen  Evangelium“  nachgefolgt  sind,  daß  aber  zum  großen
  Teile  es  recht  weltliche  Erwägungen  und  Empfindungen  waren,
die  zum  Abfall  von  Rom  geführt  haben.  Der  gläubige  Katholik,
der  es  damals  mit  seinem  Glauben  ernst  nahm,  hatte  einen  starken
Zoll  seiner  Kirche  zu  leisten:  an  Andachtsübungen,  Fasten,  guten
Werken  aller  Art;  um  wie  vieles  einfacher  gestalteten  sich  die  Anforderungen
  des  neuen  Glaubens,  der  nichts  mehr  von  der  Messe,
der  Beichte,  dem  Fasten,  dem  Wallfahren  wußte.  Und  manche,  die
etwa  früher  ihrer  Bequemlichkeit  hatten  Zügel  schießen  lassen,  fanden
  sich  doch  jetzt  mehr  mit  ihrem  Gewissen  eins,  wenn  sie  in  gesetzlicher
  Form  bequem  sein  durften.  Wer  aber  das  Bedürfnis  spürte,
mit  der  Gottheit  Zwiesprache  zu  halten,  dem  mochte  der  deutsche
Gottesdienst,  den  Luther  einführte,  die  deutsche  Bibel,  die  er  einbürgerte,
  ebenfalls  mehr  behagen  als  die  lateinische  Liturgie  der  katholischen
  Kirche.  Die  Heilige  Schrift  wurde  nun  ein  Erbauungsbuch
  des  Deutschen,  und  wenn  auch  in  der  Flut  der  theologischen
Fragen,  die  aufgewühlt  wurde,  viel  Edles  und  Frommes  unterging,
so  hat  damals  und  später  mancher  Christ  aus  dem  heiligen  Buche
Erbauung  und  Erquickung  geschöpft.  Und  in  der  Predigt,  die  jetzt
ganz  anders  gepflegt  und  gehegt  wurde,  in  dem  Kirchenliede  (1521.
entstand:  Eine  feste  Burg  ist  unser  Gott),  das  Luther  in  herzerhebender,
  poetischer  Weise  ausbildete,  fanden  er  und  seine  Nachfolger
gleichfalls  ein  Mittel,  auf  die  Menschenherzen  einzuwirken,  das  der
römischen  Kirche  verloren  gegangen  war.  Das  gemütvolle  Einwirken
  des  Geistlichen  auf  die  Weltlichen  wurde  außerordentlich  gesteigert
  —  eine  große  Lehre,  die  vor  allem  dann  der  Jesuitenorden
beherzigt  hat.  Man  darf  den  Einfluß  nicht  übersehen,  den  damals
die  Gottesgelahrtheit,  das  Bibelstudium,  mit  einem  Male  auf  das
öffentliche  Leben  nahm;  bisher  das  Eigentum  einer  exklusiven  Gesellschaft
  gewesen,  steigt  jetzt  die  hehre  Theologie  auf  den  Markt
hinab,  sie  gesellt  sich  dem  Bürger  auf  die  Bierbank,  sie  begleitet
ihn  in  die  Kemenate,  die  Hohen  und  Geistreichen  finden  ein  neues
Kampfspiel  in  den  Disputationen,  in  den  Religionsgesprächen,  die
in  den  nächsten  Jahrzehnten  immer  wieder  die  gelehrte  Welt  erfüllen;
  die  menschliche  Kritik  bekommt  einen  gewaltigen  neuen  Stoff
zum  Verarbeiten;  das,  im  Vereine  mit  der  Erneuerung  der  antiken
  Welt,  mit  den  neuen  Gedanken  des  Humanismus,  mußte  eine
so  ungeheuere  Fülle  von  Ideen,  Anschauungen,  Empfindungen  zei-