24  Martin  Luther

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gefolgert  haben,  daß  die  Lage  der  deutschen  Bauern  infolge  der
Reformation  eine  viel  schlechtere  und  sittlich  verkommenere  geworden
  sei,  als  vorher,  so  haben  sie  wohl  richtig  beobachtet,  sich  aber
über  den  Grund  der  Erscheinung  getäuscht;  nicht  deshalb  wird  die
Lage  des  Bauernstandes  schlechter  in  Deutschland,  weil  er  der  Reformation
  sich  angeschlossen  hat,  sondern  weil  die  Reformation  sich
ihm  in  gefährlicher  Stunde  versagt  hat,  ihr  Schicksal  nicht  dem  seinen
verknüpfen  und  mit  ihm  nicht  untergehen  wollte.

Was  die  Geistlichkeit  anbelangt,  so  empfand  sie  vor  allem  ebenfalls
  den  revolutionären  und  demokratischen  Zug  der  Reformation;
sie  bekam  das  Recht  zu  heiraten,  sie  bekam  auch  das  Recht,  menschenwürdig
  zu  leben,  denn  die  lutherische  Kirchenverfassung  sah
streng  darauf,  daß  die  Gemeinde  für  den  Unterhalt  ihres  Pfarrers
sorgte,  und  wenn  er  auch  dadurch  nicht  immer  gedieh  und  des  öfteren
in  starke  Abhängigkeit  zu  seiner  Gemeinde  geriet,  so  war  das  doch
etwas  anderes  als  das  frühere  Hungern  und  Darben  der  niederen
katholischen  Klerisei.  Freilich  blieb  das  oft  nur  Theorie  und  sah  in
Wirklichkeit  recht  anders  aus.  Aber  auch  die  hohe  Geistlichkeit  fand
so  viele  Vorteile  in  der  neuen  Lehre,  daß  auch  sie  sich,  undankbar
genug,  ihr  zahlreich  anschloß;  viele  zogen  es  vor,  ihr  weltliches
Treiben,  den  Verkehr  mit  Frauen,  die  Unabhängigkeit  von  Rom,  die
selbständige  Stellung  eines  säkularisierten  Fürsten  auf  gesetzlichem
Wege  festzuhalten,  um  das  Opfer  des  einen  Schrittes,  des  Abfalles
von  Rom,  der  freilich  nichts  Geringeres  war  als  ein  Akt  der  Felonie,
  der  Bruch  eines  heiligen  Eides.  Doch  das  sittlich  Verwerfsliche
  dessen  empfanden  jene  aufgeregten  Kreise  wohl  weniger.

So  ist  es  gekommen  und  so  ist  es  zu  begreifen,  wenn  in  Nordund
  Ostdeutschland,  wenn  im  Herzen  des  Reiches  Fürsten  und  Städte,
Ritter,  Bürger  und  Bauern  in  einer  unerhörten  Weise  vom  alten
Glauben  abfielen  und  der  neuen  Lehre  huldigten,  wenn  im  Laufe
des  sechzehnten  Jahrhunderts  Sachsen  und  Preußen,  Brandenburg
und  der  größte  Teil  der  welfischen  Lande,  die  österrreichischen  Erblande
  und  Ungarn,  das  Württembergische  und  die  Schweiz  die  Reformation
  annahmen;  wenn  der  neue  Glaube  Skandinavien  und
England  eroberte,  in  Frankreich  eindrang  und  selbst  bis  nach  Spanien
  und  Italien  seine  Schatten  warf;  wenn  es  bald  protestautische
  Erzbischöfe  und  Bischöfe  gab,  die  ihr  geistliches  Amt  unter
weltlicher  Flagge  ruhig  weiter  behielten;  wenn  in  Bayern  nur  mühsam
  der  alte  Glaube  geschützt  wurde,  wenn  auch  am  Rhein  in  die
Pfaffengasse  des  Heiligen  Römischen  Reiches  das  Luthertum  ein-