Luther  auf  der  Wartburg  25
brach,  wenn  die  drei  weltlichen  Kurfürsten  —  Böhmen  zählte  da—
mals  nicht  mit  —  Pfalz,  Sachsen  und  Brandenburg  protestantisch
wurden  und  es  nur  mit  Mühe  zu  zweien  Malen  verhindert  wurde,
daß  auch  von  den  geistlichen  Kurfürsten  Mainz,  Köln  und  Trier  der
mittlere  von  Rom  abfiel.  Es  kam  die  Zeit,  wo  fast  sieben  Achtel
des  Reiches  den  neuen  Glauben  angenommen  hatten  und  auf  den
Reichstagen  auf  der  Kurfürstenbank  Stimmengleichheit  herrschte,  auf
der  Bank  der  weltlichen  Fürsten  und  in  der  Gruppe  der  Städte  die
Protestanten  nahezu  die  Mehrheit  hatten.  Eine  völlige  Berdrängung
des  Katholizismus  aus  Deutschland  schien  unvermeidlich.

Wir  sind  weit  vorangeeilt;  es  gilt  den  Schritt  zurückzulenken
und  zu  sehen,  wie  Luthers  Lebensgang  verlaufen  ist  von  dem  Tage
an,  da  er  seinen  Bart  wachsen  ließ,  weltliche  Tracht  anlegte,  um
als  Junker  Georg  auf  der  Wartburg  in  stiller  Sicherheit  zu  hausen
  und  die  Wendung  der  Zeit  in  einem  kritischen  Momente  abzuwarten,
  da  sich  der  Kaiser  und  scheinbar  auch  das  Reich  von  ihm
abgewandt  hatten.  Nicht  ganz  elf  Monate  dauerte  sein  Aufenthalt
in  den  grünen  Wäldern  Thüringens;  in  emsiger  literarischer  Beschäftigung
  verbrachte  er  die  Zeit,  die  „Kirchenpostille“  wurde  damals
  verfaßt,  vor  allem  übersetzte  er  das  Neue  Testament  aus  dem
Urtexte  ins  Deutsche,  zwölf  Jahre  später  wurde  auch  das  Alte  Testament
  fertig.  Schwere  Mühe  hatte  sich  Luther  mit  diesem  Buche
gegeben  und  damit  ein  Werk  geschaffen,  das  als  Merkzeichen  in  der
Entwickelung  der  deutschen  Sprache  dasteht.  Mit  heißem  Bemühen
hat  Luther  versucht,  die  Sprache  des  Volkes  zu  erkennen,  um  sinnund
  wortgetreu,  dabei  volksverständlich  zu  übersetzen;  er  hat  selbst
gesagt,  daß  er  den  Leuten  auf  der  Gasse  und  bei  der  Arbeit  „aufs
Maul  geschaut“  habe,  um  den  richtigen  Ausdruck  zu  finden;  das
Oberdeutsche  siegt  mit  diesem  Buche  über  das  Niederdeutsche,  es
wird  zur  Schriftsprache.  Was  durch  Ehcke  von  Repgowe  1230  im
Sachsenspiegel  vorbereitet,  durch  Johann  von  Neumarkt  ein  Jahrhundert
  später  in  der  Kaiserlichen  Kanzlei  Karls  IV.  zu  Prag  fortgesetzt
  worden  war:  das  mundartliche  Kompromiß,  der  Übergang
zur  Schriftsprache,  das  hat  nun  Luther  ins  Volk  getragen  und  vervollständigt.


Neben  dieser  Tätigkeit,  die  er  inmitten  starker  Anfechtung  seines
heißen  Blutes  vollbrachte,  das  ihm  mancherlei  Visionen  vorgaukelte
  —  der  Teufel  hat  im  damaligen  Leben  eine  große  Rolle  gespielt
  —,  hat  er  die  Zeichen  der  Zeit  nicht  verkannt  und  besonders
an  dem  Treiben  seiner  Anhänger  nicht  immer  Gefallen  gefunden.