26  Martin#  Luther

Denn  allein,  ohne  Aussicht  geblieben,  sind  die  radikalsten  seiner
Schüler,  vor  allem  Karlstadt,  tonangebend  geworden  und  haben
gründlich  aufgeräumt  mit  den  Einrichtungen  der  katholischen  Kirche.
Die  Messe  ward  abgeschafft,  das  Zölibat,  desgleichen  das  Mönchswesen.
  Es  wurde  geradezu  als  Prüfstein  für  die  rechte  Gesinnung
gefordert,  an  den  katholischen  Fasttagen  Fleisch  zu  essen,  gefordert,
daß  die  Geistlichen  sich  Weiber  nahmen;  ein  heftiger  Sturm  begann
gegen  den  Schmuck  der  Kirchen.  Noch  mehr,  sonderbare  Schwärmer,
die  aus  Böhmen  von  Hussiten  und  böhmischen  Brüdern  allerlei
Projekte  herüberbrachten,  schlossen  sich  der  Bewegung  an,  sie  vergiftend,
  wie  ja  überhaupt  die  lutherische  Lehre,  indem  sie  sich  veränderte,
  neben  der  Weiterbildung  durch  Zwingli  und  Calvin  nicht
freigeblieben  ist  von  Verzerrung  und  Verhunzung:  man  denke  an  die
Wiedertäufer  von  Münster  und  ihr  himmlisches,  aber  eigentlich  sehr
irdisches  Reich!  Nachdem  Luther  schon  von  der  Wartburg  aus  gegen
die  „Zwickauer“,  Stübner,  Storch,  Cellarius  und  andere  aufgetreten
war,  entschloß  er  sich  im  März  1522,  sein  Asyl  zu  verlassen,  um
persönlich  nach  dem  Rechten  zu  schauen.  Es  hatte  sich  gezeigt,  daß
das  Wormser  Edikt  auf  dem  Papiere  bleiben,  daß  Luthers  gütiger
Landesherr,  Kurfürst  Friedrich  der  Weise  von  Sachsen,  ihn  nach
wie  vor  beschützen  würde  und  so  wagte  er  sich  —  obwohl  es  mit  Rücksicht
  auf  Acht  und  Bann  nicht  ohne  Gefahr  war  —  wieder  in  den
Sturm  der  Welt  hinein.  In  acht  Predigten  gegen  die  Zwickauer
Propheten  entwickelte  er  in  Wittenberg  sein  Reformprogramm.
Damit  beginnt  der  zweite  Abschnitt  seines  Lebens.  Während  er
im  ersten  langsam  tastend  vorgeschritten  war,  in  der  Überzeugung,
innerhalb  der  römischen  Kirche  die  ihm  nötig  erscheinenden  Reformen
  im  Glauben  und  Leben  durchführen  zu  können,  zog  er  jetzt,
da  der  Bruch  von  Rom  unheilbar  geworden,  die  äußerste  Konsequenz
aus  seiner  Überzeugung  und  vergrößerte  —  zuerst  eigentlich  mehr
dem  Drängen  seiner  Freunde  folgend  —  den  Kreis  seiner  Reformen.
Es  ist  nebensächlich,  daß  er  in  Wittenberg  zuerst  noch  für  die  Privatbeichte
  eingetreten  ist  und  sein  Ordensgewand  wieder  anlegte,  immer
weiter  wurde  er  durch  seine  eigenen  Anschauungen  und  die  der  Anhänger
  fortgerissen,  von  Jahr  zu  Jahr  wurde  er  radikaler:  1524
trat  er  förmlich  aus  seinem  Orden  aus,  1525  heiratete  er  die  frühere
  Nonne  Katharina  Bora,  noch  früher  war  er  gegen  die  Messe  als
Greuel  losgezogen,  hatte  sich  damit  in  unversöhnbaren  Gegensatz  zu
den  katholischen  Reformfreunden  gesetzt.  Viele,  die  sein  Auftreten
zuerst  begrüßt  hatten,  treunten  sich  jetzt  von  ihm,  wie  Erasmus  von