*5  Das  deutsche  Soldatenwesen  57

war  schwer  zusammenzuhalten,  besonders  wenn  einmal  der  Sold
ausblieb,  was  wohl  öfters  vorkam;  es  war  ein  überaus  kostbares
Material  für  den  Kriegsherrn,  da  jeder  Tote  seine  Kraft  minderte
und  dabei  seinen  Säckel  belastete;  so  hütete  man  die  Menschenleben
sorgsam  und  wagte  ungern  eine  größere  Schlacht;  lieber  berannte
man  einen  Platz,  da  sich  der  Sturm  gewöhnlich  selbst  bezahlt
machte.  Dann  das  Soldatenmaterial!  Von  theoretisch  ausgebildeten
  Offizieren  und  Gemeinen,  von  richtigem  Drill,  von  Abrichtung
war  keine  Rede.  Leute,  die  sonst  nichts  andres  werden,  die  dem
sicheren  Galgen  nur  so  lange  entgehen  konnten,  drängten  sich  herbei,
  nahmen  das  Handgeld,  schworen  Treue,  um  vielleicht  in  der
nächsten  Nacht  davonzulaufen  und  wo  anders  aufs  neue  dasselbe
zu  versuchen.  Eine  Kriegsmoral,  die  ethische  Empfindung  der  Treue,
kannte  man  nicht.  Alle  Nationen  und  Koufessionen  dienten  durcheinander,
  Kroaten,  Wallonen,  Schweizer,  Deutsche;  Katholiken,  Lutheraner,
  Calviner;  sie  dienten  heut  dem  und  morgen  jenem.  Ihr
Sprüchlein  lautete:

Gewissen  hin,  Gewissen  her,

Ich  acht  vielmehr  die  zeitlich'"  Ehr',

Dien'  nicht  um  Glauben,  dien'  um  Geld,
Gott  geb',  wie  es  geh'  in  jener  Weltl

Besonders  beliebt  waren  von  alters  her  die  Schweizer  „Reisläufer“;
Jahr  um  Jahr  sandte  die  Schweiz  ihre  überschüssigen  Männer,
die  in  der  Heimat  kein  Fortkommen  finden  konnten,  als  Söldlinge
in  die  Fremde.  Ein  gewaltiger  Troß  folgte  dem  eigentlichen  Heere;
fast  jeder  Mann  nahm  sein  Weib  mit  —  es  mußte  ihm  nicht  angetraut
  sein  —  zum  Kochen  und  Waschen  und  zur  Pflege;  sein  Bub
mußte  auch  dabei  sein,  ihm  die  Waffe  zu  tragen,  allerhand  Dienste
für  ihn  zu  verrichten,  wenn's  not  tat  auch  zu  stehlen.  Dann  noch
das  Gefolge  der  Krämer,  Marketender,  Spieler,  Dirnen  —  ein
vielgestaltiges,  schwer  zu  bewegendes,  noch  schwerer  zu  behandelndes
  Ganze  war  solch  ein  Heer.  Nun  kam  Wallenstein  und  organisierte
  es  in  eigener  Regie  —  man  gestatte  den  Ausdruck.  Er  selbst
trieb  es  zusammen,  bezahlte,  unterhielt  es,  sorgte  für  dasselbe,
versah  es  mit  Korn,  Tuch,  Waffen,  Wein.  Er  hielt  auf  strenge  Zucht
im  Lager,  auf  unbedingten  Gehorsam  der  Offiziere,  sorgte  für  Nahrung
  und  Unterhalt,  für  eine  größere  Gemeinsamkeit  der  Tracht,
er  ist  der  Organisator,  der  Stifter  der  modernen  Ammee  geworden.
Er  wußte  große  Mengen  zusammenzuhalten:  sein  erstes  Heer  zählte
samt  dem  Trosse  etwa  hunderttausend  Mann,  für  jene  Zeit  eine