Ferdinand  II.  59

sahrten,  Bußübungen  getreulichst  mit;  widmete  jeden  Tagi  über  eine
Stunde  der  Gewissenserforschung,  war  ganz  dem  Einflusse  geistlicher
  Männer  unterworfen,  wie  des  Jesuiten  P.  Lamormain,  bei
denen  er  in  den  zahlreichen  Fällen,  wo  er  über  seine  Gedanken,  seine
Handlungen  Skrupel  hatte,  sich  Rat  und  Erleuchtung  holte.  Einem
solchen  Manne  mußte  nun  jede  Rücksichtnahme  auf  weltliche  Dinge,
auf  Forderungen  der  hohen  Politik,  wie  es  seine  Vorgänger  Karl  V.
und  Ferdinand  I.  so  oft  getan  hatten,  als  durchaus  verwerflich  und
untunlich  erscheinen.  Und  was  da  doch  während  seiner  Regierung
geschehen  ist,  das  war  gewiß  auf  direkte  Einflußnahme  der  vorerwähnten
  Ratgeber  zurückzuführen,  nicht  auf  seinen  freien  Willen.
Bezeichnend  ist  sein  Ausspruch  gewesen,  lieber  wollte  er  betteln
gehen,  als  dulden,  daß  der  katholischen  Religion  Eintrag  geschehe.
Aus  dieser  Überzeugung  heraus  hatte  er  die  Gegenreformation  in
der  Steiermark  mit  grausamer  Energie  durchgeführt  und  aus  dieser
  Uberzeugung  heraus  erließ  er  jetzt  das  Restitutionsedikt.

Man  wird  diese  Entschlossenheit  und  Einseitigkeit  seines  Charakters
  ganz  gut  verstehen  können,  ohne  sie  vom  politischen  Standpunkte
  billigen  zu  müssen.  Das  „ius  reformandi“,  wie  es  die  deutschen
  protestantischen  Fürsten  zuerst  so  oft,  die  katholischen  erst  viel
später  und  seltener  ausgeübt  haben,  jetzt  noch  im  Reiche  energisch
durchzuführen,  war  durchaus  unangebracht,  ja  unmöglich.  Dazu
war  die  Kraft  der  einzelnen  Fürsten  zu  sehr  gewachsen,  die  Macht
des  Kaisers  schon  zu  gering  geworden.  Plötzlich  sahen  sich  da  die
deutschen  Fürsten  einem  Kaiser  gegenüber,  der  wirklich  tat,  als  ob
er  der  Herr  wäre,  sie  aber  nur  seine  Vasallen.  So  wie  die  Verfassung
  des  Heiligen  Römischen  Reiches  Deutscher  Nation  hätte  sein
sollen,  wie  sie  aber  in  Wirklichkeit  nie  gewesen  war,  so  wollte  Ferdinand
  vorgehen.  Dem  Pfälzer,  dem  Jägerndorfer,  den  Mecklenburgern
  hatte  er  ihre  Länder  genommen,  sie  nach  eigenem  Gutdünken
  weiter  verliehen,  nun  forderte  er  eine  neue  Umwälzung
des  Besitzes  in  Deutschland.  Wohin  kam  dann  die  „Libertät“  des
Reiches,  die  Macht  des  einzelnen  Fürsten?  Besonders  gefährlich
wurde  die  Haltung  des  Kaisers  dadurch,  daß  er  sich  auf  ein  mächtiges
Hcer  stützen  konnte,  geführt  von  einem  skrupellosen  Manne  wie
Wallenstein,  dem  man  damals  das  Schlimmste  im  Dienste  des  Kaisers
  zutraute.  Hatte  dieser  Mann  doch  schon  mit  rücksichtsloser  Energie
  in  Freundes=  und  Feindesland,  ohne  sich  um  katholisch  und
protestantisch  zu  kümmern,  gehaust  und  gebrandschatzt.  In  Wagenladungen
  schier  kamen  die  Proteste  und  Notschreie  der  durch  die