68  Wallenstein

dung,  daß  man  zwischen  den  Religionsparteien  einen  Ausgleich
treffen  müsse,  daß  von  einem  Siege  des  Katholizismus,  wie  er  etwa
in  der  Durchführung  des  Restitutionsediktes  gelegen  wäre,  keine  Rede
sein  könne.  Und  eben  deshalb  hatte  er  auch  recht,  anzunehmen,  der
Kaiser  werde  nicht  gutwillig  in  einen  der  katholischen  Religion  abträglichen
  Frieden  willigen.

Es  scheint  fast  vermessen,  jetzt,  nahezu  dreihundert  Jahre  später,
dem  Friedländer  nachrechnen  zu  wollen,  was  er  damals  gewollt,
und  es  ist  bekannt,  daß  darüber  die  Ansichten  weit  auseinander
gehen:  die  einen  meinen,  des  Friedländers  schwärzester  Verrat  habe
das  Vorgehen  des  Wiener  Hofes  vollauf  gerechtfertigt,  die  anderen
sagen,  nur  durch  des  letzteren  schnöden  Undank  sei  der  General  den
Feinden  in  die  Arme  getrieben  worden.  Darf  der  ruhige  Beobachter
  nicht  dennoch  der  Vermutung  Raum  geben,  daß  es  die  Verhältnisse
  waren,  die  verschiedenen  Standpunkte,  von  denen  Wallenstein
und  Ferdinand  II.  die  Welt  und  die  Menschen  betrachteten,  die  Unmöglichkeit,
  auf  Grund  des  Göllersdorfer  Vertrages  zu  einer  ehrlichen
  Abkunft  zu  kommen,  daß  es  endlich  der  Ehrgeiz  Wallensteins
und  die  Treulosigkeit  der  Zeit  gewesen  sind,  die  zusammen  den  großen
Konflikt  herbeiführen  mußten?  Wallenstein  will  den  Frieden,  er
will  für  sich  eine  hohe  gewaltige  Stellung,  er  will  sie  gleichfalls  in
Frieden  unter  allgemeiner  Anerkennung  genießen.  Den  Frieden  und
die  Machtstellung  ünd  ihre  Anerkennung  muß  er  mit  allen  Mitteln
durchsetzen,  sie  Freund  und  Feind  nötigenfalls  mit  Gewalt  abtrotzen.
Er  wähnt  sich  seiner  Offiziere,  seiner  Armee  unbedingt  sicher;  gestützt
  auf  dieselben  gedenkt  er  seine  Bedingungen  vorzuschreiben.  Er
kümmert  sich  zunächst  um  Wien  nicht;  er  glaubt  des  Kaisers  Regierung
  machtlos.  Er  verhandelt  mit  den  Gegnern.  Die  Sachsen  sind
leicht  gefunden;  sie  wünschen  im  Grunde  genommen  auch  nur  einen
günstigen  Frieden.  Schwerer  ist  es  mit  den  Böhmen,  die  möchten
die  Wiederkehr  der  Verhältnisse  vor  der  Schlacht  am  Weißen  Berge;
das  ist  für  Wallenstein  unmöglich,  denn  gerade  durch  den  Umschwung
der  Dinge  nach  1620  ist  er  emporgekommen.  Die  Böhmen  wollen
ein  nationales  Reich  bilden,  sie  bieten  offenbar  dem  Wallensteiner
selbst  die  Krone  an;  der  antwortet  darauf:  „Was  die  Krone  beträfe,
das  wäre  ein  groß-  Schelmenstück!“  Es  wäre  mehr,  es  wäre  eine
politische  Dummheit,  denn  niemals  würden  die  Habsburger  sich  das
gefallen  lassen,  das  würde  nicht  Frieden,  sondern  ewigen  Krieg  mit
sich  führen.  Da  lag  es  doch  viel  näher,  seine  nordböhmischen  Besitzungen
  mit  schlesischem  Gebiete,  mit  lausitzischem,  zu  ergänzen;