Wallensteins  Verrat?  69

genug  Gelegenheit  zum  Landerwerb  gab  es  im  Reiche,  genug  an—
scheinend  herrenloses  Gut.  Sehr  gleichgültig  ließen  vermutlich  Wal—
lenstein  die  böhmischen  nationalen  Träume.  Am  schwersten  war  die
Verhandlung  mit  den  Schweden.  Denn  die  wollte  er  ja  aus  dem
Reiche  „schmeißen“,  die  mußten  unschädlich  gemacht,  getäuscht,  übertölpelt
  werden.  Sehr  schwierig  waren  daher  die  Praktiken,  die  Wallenstein
  1633  geführt  hat.  Und  aus  diesen  Schwierigkeiten,  aus  dem
Bestreben  des  Generals,  die  Trumpfkarten  allein  in  der  Hand  zu
halten,  ist  die  Sprunghaftigkeit  seiner  Politik  zu  erklären:  das  Stillestehen,
  der  plötzliche  Angriff  auf  die  Feinde,  der  Vormarsch  in  die
böhmischen  Grenzwälder,  der  Rückzug  auf  Pilsen.  Jetzt,  Anfang
1634,  mußte  er  merken,  daß  er  die  Kraft  des  Wiener  Hofes  sehr  unterschätzt,
  die  Macht  und  die  Bereitwilligkeit  seiner  dortigen  Freunde
sehr  überschätzt  habe,  daß  man  seinen  früher  einmal  ausgesprochenen
Wunsch  nicht  berücksichtigen  werde:  „Dächte  ich  so  viel  an  meiner
Seele  Seligkeit  als  an  des  Kaisers  Dienst,  so  käme  ich  gewiß  in  kein
Fegefeuer,  viel  weniger  in  die  Hölle.  Will  man  mich  in  Kaisers
Dienst  mit  Gusto  erhalten,  lasse  man  mich  machen,  nach  dem  ich
in  meinem  Gewissen  befindt,  daß  dem  Kaiser  zu  Nutz  ist.“  Kein
Gewährenlassen,  sondern  offene  Feindseligkeit  hatte  er  zu  gewärtigen.
  Und  auch  bei  den  Feinden  hatte  er  nichts  erreicht,  sie  im  Gegenteile
  durch  seine  widerspruchsvolle  Haltung  kopfschen  gemacht.  Für
sie  hatten  seine  Anträge  nur  Wert,  wenn  sie  ganz  aufrichtig  gemeint
waren,  wenn  Wallenstein  mit  seinem  ganzen  Heere  zu  ihnen  überging.
  Aber  von  ihm  sich  an  der  Nase  herumführen  lassen,  wollten
sie  begreiflicherweise  nicht.  Wallenstein  hatte  sich  seine  Stellung  so
gedacht,  daß  er  die  Verhältnisse  meistern  könnte,  und  nun  meisterten
die  Verhältnisse  ihn.  Doch  glaubte  er  Anfang  1634  noch  nichts  verloren;
  auf  die  Treue  seiner  Armec  baute  er  unbedingt;  durch  besondere
  Reverse  wollte  er  die  Offiziere  noch  mehr  an  sich  ketten,  die
alles,  Stellung,  Vermögen,  Ruhm,  Ansehen  ihm  verdankten.  Was
der  Kaiser  ihm  nicht  hielt,  was  er  dem  Kaiser  nicht  hielt,  was  nicht
im  Geiste  der  Zeit  lag:  die  Treue,  die  erwartete  er  von  seinen  Soldaten,
  aber  auch  er  ward  da  enttäuscht.  Schon  lange  arbeiteten,  ohne
sein  Vorwissen,  geheime  Einflüsse  unter  seinen  Offizieren.  Und  Piccolomini
  (es  gibt,  nebenbei  gesagt,  nur  einen  Octavio,  keinen  Sohn
Max),  Gallas,  Collalto,  sie  alle  vertrauten  mehr  dem  Sterne  des
Kaisers  als  dem  ihres  Feldherrn.  Es  mögen  persönliche  Motive
hinzugekommen  sein,  das  harte,  scharfe  Benehmen  Wallensteins,
die  Gewalttätigkeit,  mit  der  er  nach  Lützen  seine  Offiziere  bestraft,