70  Wallenstein

seine  Unnahbarkeit,  die  keine  Freundschaft  aufkeimen  ließ;  vielleicht
haben  bei  einzelnen  der  Italiener  auch  religiöse  Bedenken  mitgewirkt;
  am  wenigsten  hat  sie  jedenfalls  das  Gefühl  der  Treue  gegen
den  Kaiser  beeinflußt,  sondern  nur  der  reinste  Eigennutz,  der  hohen
Lohn  beim  Abfall  von  Wallenstein  erwartete  und  dann  auch  bekam.
Nun  war  dieser  ein  höchst  gefährlicher  Gegner,  der  viel  vermochte,
dessen  Üübergang  zum  Feinde  auch  mit  geringer  Macht  bedenklich
ward,  so  wurde  sein  Tod  in  der  Armee  selbst  früher  beschlossen  als
in  Wien.  Noch  ehe  der  Befehl  aus  Wien  kam,  sich  des  Friedländers
um  jeden  Preis  zu  bemächtigen,  war  er  eine  Leiche.  Im  Februar
1634  brach  das  Luftschloß  Wallensteins  zusammen;  die  Prager  Garnison
  fiel  von  ihm  ab,  aus  Pilsen  entwichen  seine  früheren  Freunde,
andere,  die  er  rief,  kamen  nicht,  Piccolomini,  Gallas  kündeten  ihm
den  Dienst.  Schleunig  brach  er  gegen  Eger  auf,  wo  er  sich  in  Sicherheit
  wähnte,  wo  er  den  Schweden  nahe  war,  die  er  jetzt  herbeirufen
mußte;  und  in  Eger  traf  ihn  in  der  Nacht  vom  25.  auf  den  26.  Februar
  1634  der  Mordstahl.  Drei  Ausländer,  Gordon,  Leslie,  Butler,
  die  beiden  ersteren  Protestanten,  sind  an  dem  Komplotte  beteiligt,
  das  der  Hauptmann  Deveroux  wenige  Stunden  später  durch
die  Ermordung  Wallensteins  krönte.

Seinem  Andenken  wurde  der  Prozeß  gemacht;  nun  der  Löwe  tot
war,  kamen  die  Hunde  aus  allen  Winkeln  gekrochen;  sonnenklar
ward  der  Verrat  bewiesen,  den  man  beweisen  wollte;  seine  Güter
und  die  seiner  Anhänger  wurden  zum  größten  Teile  konfisziert,
Piccolomini  erhielt  Nachod,  Gallas  Friedland,  Aldringen  Teplitz;
ein  viel  kleineres,  immerhin  aber  noch  stattliches  Anwesen  war  es,
das  seiner  Frau  und  Tochter  blieb  (Elisabeth,  damals  9  Jahre  alt)
und  das  später  mit  der  Hand  dieser  Tochter  an  den  Grafen  Kaunitz
kam.  Und  die  Leiche  Wallensteins  mußte  wandern,  bis  sie  spät  in
Münchengrätz  Ruhe  fand.

Was  der  Friedländer  in  seiner  ehrgeizigen  Seele  geträumt,  wer
könnte  das  heute  künden.  Welche  Krone  ihm  genügend  glänzend
gedünkt?  Ob  er  in  tiefverschwiegenen  Momenten,  in  denen  die
Phantasie  über  Klugheit  und  Politik  hinweg  in  unermeßliche  Fernen
streift,  an  die  Kaiserkrone,  die  böhmische  Königskrone,  einen  Kurhut
  gedacht  oder  mit  dem  Herzogshute  sich  begnügen  wollte?  Wir
haben  einen  Mann  vor  uns,  der  mit  glänzenden  Gaben  des  Verstandes,
  mit  ungewöhnlichen  organisatorischen  Fähigkeiten  ausgestattet,
  aber  skrupellos  und  rücksichtslos  ist,  der  weit  hinausgreifen
will  über  den  Platz,  den  ihm  Abstammung  und  Rang  gegeben  haben.