84  Der  Große  Kurfürst  —

der  Handwerker  muß  viel  öfter  die  Partisane,  die  Büchse  führen,
als  die  Axt  und  die  Ahle;  und  trotzdem  fallen  auch  viele  Städte
der  ärgsten  Verwüstung,  ja  selbst  der  Zerstörung  anheim,  wie  beispielsweise
  das  arme  Magdeburg  zu  zweien  Malen.  Keinen  Schutz
gewährten  die  festen  Schlösser  der  Herren;  vor  den  immer  mehr
verbesserten  Kartaunen,  Feldschlangen,  Mörsern  hielten  sie  nicht
stand,  und  eine  so  berannte  und  eroberte  Burg  lohnte  doch  oft  an
Kostbarkeiten,  Geräten,  Waffen  und  Wein  den  Sturm.

Bildung  und  Sitte  konnten  in  dieser  Zeit  nicht  gedeihen;  von
einem  Unterricht,  besonders  der  niederen  Schulen,  war  nicht  die
Rede;  die  Jugend  wuchs  heran,  wie  sie  wollte;  ein  kühnes  herrliches
  Leben  schien  ihr  das  Soldatenleben,  die  Soldaten  waren  die
Herren  in  Deutschland;  wie  sie  sich  räusperten  und  wie  sie  spuckten,
das  wurde  ihnen  emsig  abgeguckt:  das  Schwert  und  das  Gold,  sie
wurden  Regenten;  Treue,  Anhänglichkeit,  Rechtschaffenheit,  Zucht
und  Ehrbarkeit  waren  Märlein  aus  verklungenen  Tagen.

Und  als  die  Kirchenglocken  dann  durch  Deutschland  erschallten
und  den  abgeschlossenen  Frieden  verkündeten,  da  fanden  sie  ein  neues
Geschlecht,  das  groß  geworden  war  in  unbändiger  Freiheit,  in
Roheit,  Kampf  und  Zügellosigkeit,  das  sich  nicht  gleich  in  die  Friedenszeit,
  in  die  obrigkeitliche  Führung,  in  die  Achtung  vor  den  Gesetzen
  schicken  konnte.  Fertigkeiten  waren  verloren  gegangen,  die  erst
mühsam  wieder  gewonnen  wurden;  die  Hand,  die  das  Schwert  geschwungen,
  hatte  verlernt  den  Pflug  zu  führen;  es  fehlte  vor  allem
an  Menschen.  Da  war  es  kein  Wunder,  wenn  jetzt  die  Landesherren
mit  allen  Mitteln  eingreifen  mußten,  um  abzuhelfen;  der  Eintritt
  mannbarer  Leute  in  die  Klöster  wurde  verboten;  Doppel=  und
dreifache  Ehen  mit  Vorwissen  der  Kirche  geduldet.  Aber  Jahrzehnte
  mußten  vergehen,  bis  wieder  überall  in  Deutschland  die  Fluren
  prangten,  das  nötige  Material  wieder  vorhanden  war,  Obstbäume
  Früchte  trugen,  die  Handelskarawanen  ruhselig  ihre  Straßen
  zogen,  die  Dorfschulmeister,  die  zuerst  meist  abgedankte  Soldaten
  waren,  etwas  kenntnisreicher  geworden  waren,  das  Handwerk
  wieder  seinen  goldenen  Boden  fand,  die  Kunst  das  Leben  zu
verschönern  begann  und  die  Dichtkunst  es  der  Mühe  wert  hielt,
neuc  Verse  zu  schmieden.

Unbarmherzig  war  auch  in  diesen  Stürmen  an  der  Autorität
des  Kaisertums  in  Deutschland  gerüttelt  worden.  Ferdinand  II.
war  nur  der  Kaiser  einer  Partei  gewesen,  nur  an  die  Erhöhung
der  katholischen  Kirche,  nicht  an  das  Wohl  des  Reiches  dachte  er.

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