92  Der  Große  Kurfürst

nung  Preußens  durch  die  Krone  Polens,  fuhr  mit  eiserner  Faust  in
die  klevische  Unordnung  hinein,  bahnte  politische  Beziehungen  zu
den  Niederlanden  und  zu  Frankreich  an.  Er  hob  mit  einem  Schlage
Brandenburg-Preußen  aus  einem  deutschen  Kleinstaate  zu  einem
europäischen  Mittelstaate  empor;  darin  liegt  seine  Bedeutung  für
sein  Land.

Man  hat  gerne  in  begreiflicher  Bewunderung  der  politischen
Staatskunst  des  Großen  Kurfürsten  alles  Lob  auf  ihn  gehäuft,  das
einem  heutigen  deutschen  Fürsten  taugen  würde,  und  hat  sich  gefallen,
  ihn  zu  einem  nationalen  Heros  zu  stempeln:  man  hat  da
moderne  Begriffe  auf  frühere  Zeiten  angewendet,  Begriffe,  die  damals
  keine  Geltung  hatten.  Abgesehen  von  den  Theorien  wissenskundiger
  Gelehrter  und  den  Träumen  hoffnungsreicher  Phantasten
hat  es  in  der  Wirklichkeit  keine  nationalen  Berührungspunkte  im
damaligen  deutschen  Staatsleben  gegeben;  um  es  kurz  und  drastisch
auszudrücken:  es  gab  einen  kurfürstlich  Brandenburgischen,  einen
bischöflich  Bambergschen,  einen  reichsstädtisch  Straßburgschen  Patriotismus,
  aber  keinen  allgemeinen  deutschen,  und  Friedrich  Wilhelm
  nachsagen,  er  sei  ein  Deutscher  gewesen,  im  heutigen  Sinne  des
Wortes,  heißt  seine  Zeit  gründlich  verkennen.

Mit  der  äußersten  Zähigkeit  hatte  der  Brandenburger  im  Westfälischen
  Frieden  um  Pommern  gekämpft,  da  er  von  keiner  Seite
Unterstützung  fand,  aber  nachgeben  müssen;  nur  ein  kleines  Stüch
Hinterpommern,  den  östlichen,  weniger  bedeutsamen,  keinerlei  wichtige
  Flußläufe  beherrschenden  und  keinen  guten  Hafen  umfassenden
Teil  bekam  er;  das  schöne  Vorpommern  mit  Rügen,  den  Inseln
Usedom  und  Wollin,  mit  Stettin,  mit  der  Odermündung  fiel  an  die
Schweden.  Zugleich  erhielten  sie  Wismar  und  an  der  Nordsee  die
Bistümer  Bremen  und  Verden,  allerdings  ohne  die  betreffenden
Städte.  Dafür  erzwang  sich  aber  Friedrich  Wilhelm  in  unnachgiebiger
  Festigkeit  reiche  Entschädigung  durch  die  Einverleibung  der  Stifte
Minden,  Kamin  und  Halberstadt  und  durch  die  Aussicht  auf  die
Erwerbung  von  Magdeburg.  Nach  dem  Tode  des  damaligen  sächsischen
  Administrators  sollte  es  an  Brandenburg  kommen,  ein  Fall,
der  1680  wirklich  eintrat.

Von  großer  Bedeutung  war  es,  daß  Schweden  und  Frankreich
Garanten  dieses  Friedensschlusses  wurden  und  dadurch  für  alle  Zeiten
  das  Recht  bekamen,  sich  in  die  deutschen  Verhältnisse  einzumischen;
  sie  konnten  bei  den  Reichstagen  Gesandtschaften  unterhalten,
  Schweden  wurde  selbst  (für  Pommern)  Reichsstand.