94  Der  Große  Kurfürst

ihre  Verbindung  mit  Polen,  das  ihren  Sonderplänen  oft  Rückhalt
gegeben  hat,  und  in  jeder  Hinsicht  kann  der  Kurfürst  im  fernen  Osten
jetzt  den  Herrn  herauskehren.

Das  nächste  Jahrzehnt  ist  ein  ruhiges  geblieben,  in  welchem  der
Kurfürst  sich  den  inneren  Aufgaben  seiner  Regierung  widmen  konnte.
Anders  wurde  es,  als  Ludwig  XIV.  dann  seine  großen  Ziele  zu  verfolgen
  begann:  die  Herstellung  der  natürlichen  Grenzen  mittels  Beraubung
  seiner  Nachbarn,  Spanien,  Niederlande,  Deutschland,  wenn
möglich  auch  mitten  im  Frieden,  durch  Inanspruchnahme  alter
längst  abgetrennter  Gebiete.  Drei  Kriege  und  zahlreiche  sog.  „Reunionen“
  haben  seinen  Zwecken  gedient;  die  wichtigste  Beute,  die  er
da  machte,  war  wohl  Straßburg.  In  diese  Kriege  ist  Friedrich  Wilhelm
  aus  drei  Ursachen  verwickelt  worden,  einmal  durch  die  festgehaltene
  Verbindung  mit  dem  Hause  Oranien  und  den  Holländern;
zweitens  durch  seine  Stellung  als  Reichsfürst  und  seinen  Wunsch
aus  mehrfachen  Ursachen  die  Gunst  des  Kaisers  zu  behaupten,  endlich
  durch  das  Bündnis  Frankreichs  mit  Schweden.  Diese  Verbindung,
  aus  dem  Dreißigjährigen  Kriege  stammend,  wird  durch  reiche
französische  Geldspenden  festgehalten;  in  dem  sog.  zweiten  Raubkriege
  wird  Schweden  dazu  veranlaßt,  vom  Norden  her  ins  Reich
einzufallen,  um  dessen  Macht  zu  teilen.  Nun  mußte  ein  Krieg  mit
Schweden  der  brandenburgischen  Politik  besonders  genehm  sein,
konnte  sie  doch  daran  denken,  dadurch  Vorpommern  zu  erobern.  Das
Schicksal  schien  günstig  zu  sein;  im  Heldentage  von  Fehrbellin  (1675)
werden  die  Schweden  vollständig  geworfen,  die  Brandenburger  drängen
  auf  schwedisches  Gebiet  los  und  bald  liegt  Vorpommern  unterworfen
  zu  ihren  Füßen.  Bald  mußte  aber  Friedrich  Wilhelm  merken,
daß  Kaiser  und  Reich  keine  Lust  hatten,  einen  Teilfürsten  noch  mächtiger
  werden  zu  lassen;  da  Ludwig  XIV.  sich  energisch  bei  den  Friedensverhandlungen
  für  Schweden  einsetzt,  wird  der  Kurfürst  genötigt,
  alle  Eroberungen  wieder  herzugeben  und  auf  Vorpommern  zu
verzichten.  Schwer  hat  er  diese  Niederlage  seiner  Politik  empfunden;
schon  Jahre  vorher  hatte  er  einmal  grollend  des  Kaisers  Partei  verlassen
  und  einen  Sondervertrag  mit  Frankreich  abgeschlossen,  nun
tut  er  es  wieder;  ja  er  tut  noch  mehr,  er  schließt  sich  im  Frieden  von
St.  Germain  en  Laye,  1679,  ganz  dem  französischen  Könige  an,  in
der  Hoffnung,  vielleicht  durch  die  Verbindung  mit  ihm  von  Schweden
  zu  gewinnen,  was  ihm  als  Gegner  nicht  gelungen  war,  in  der
Hoffnung  zugleich,  vom  Kaiser  jetzt  besser  behandelt  zu  werden  als
bisher.  Im  Jahre  1675  waren  die  Piasten  in  Schlesien  ausgestor-