96  Der  Große  Kurfürst

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Hugenotten  in  Preußen  ein  neues  Vaterland  anbietet.  Zu  Tausenden
  machen  sie  davon  Gebrauch:  ein  Stamm  braver  in  Not  und  Gefahr
  erprobter  Männer  und  Frauen,  treu,  redlich,  arbeitsam  und
geschickt,  wird  damit  für  Brandenburg  erworben.  Es  war  ein  großer
Gewinn  für  Preußen,  dieses  tüchtige,  leichter  fließende  Blut,  das
sich  dann  trefflich  mit  dem  trägeren  deutschen  mischte,  diese  fleißigen
Hände,  die  französische  Art  und  französischen  Geschmack  nach  Deutschland
  verpflanzten,  dieser  ehrenhafte  Sinn,  der  die  Treue,  die  er  seinem
  Herrgott  bewahrte,  auch  dem  neuen  Vaterlande  schenkte.  Friedrich
  Wilhelms  Haß  gegen  Unduldsamkeit,  die  kluge  Voraussicht,  für
die  spärlich  bevölkerten  heimischen  Staaten  ausgezeichnete  Kolonisten
  zu  gewinnen,  der  lang  aufgespeicherte  Grimm  gegen  das  unselige
  und  fruchtlose  Bündnis  mit  Frankreich  haben  diese  Absage  an
Ludwig  XIV.  zuwege  gebracht.  Ohne  die  mindeste  Rücksicht  auf  die
Bestimmung  des  Westfälischen  Friedens,  daß  Bündnisse  mit  dem
Auslande  dem  Reiche  nicht  abträglich  sein  dürften,  hatte  der  Große
Kurfürst  sein  Bündnis  mit  Frankreich  geschlossen,  das  in  der  Tat
höchst  schädlich  für  die  Kraft  des  Reiches  war;  gewiß,  er  hat  freudigen
  Herzens  dasselbe  gebrochen  und  die  Verbindung  mit  den  Welschen
  gelöst;  aber  er  hätte  es  sicher  noch  länger  fortdauern  lassen,
wenn  er  sich  eines  Gewinnes  daraus  für  versichert  gehalten  hätte.
Nun  schrie  aber  der  Zorn  der  deutschen  Fürsten  zum  Himmel,  überall
rührte  und  regte  es  sich  in  Feindschaft  gegen  Frankreich,  ein  gewaltiger
  Krieg  stand  bevor,  da  konnte  noch  einmal  ein  Tag  von  Fehrbellin
  kommen,  gegen  Frankreichs  Verbündeten  Schweden,  und  Potz
Wetter  und  Blitz!  dann  würde  der  brandenburgische  Adler  nicht  mehr
loslassen,  was  er  in  seine  Krallen  bekommen  hatte!  Denn  gebessert
und  verändert  war  jetzt  seine  Stellung  zum  Kaiser.

Es  war  ein  Meisterstreich  frivoler  Staatskunst,  der  eben  damals
dem  kaiserlichen  Gesandten  Baron  Fridag  im  Einverständnisse  mit
dem  preußischen  Thronerben  Friedrich  und  dessen  Freunde,  dem  Fürsten
  von  Anhalt,  gelungen  war.  Zäh  hatte  Friedrich  Wilhelm  an
seinen  schlesischen  Ansprüchen  festgehalten;  abgesehen  von  der  Erbschaft
  von  Brieg,  Liegnitz  und  Wohlau  hatte  man  ja  noch  eine  andere
  alte  Rechnung  mit  dem  Kaiser  auszugleichen:  Jägerndorf  war
den  Hohenzollern  genommen  und  nicht  zurückgegeben  worden,  das
war  gleichfalls  eine  ungeschlossene  Wunde.  Zäh  und  unerschütterlich
  verteidigte  der  Kurfürst  seine  Ansprüche,  nur  wenn  sie  anerkannt
  wurden,  wollte  er  von  Frankreich  ablassen,  ein  neues  Bündnis
  mit  dem  Kaiser  schließen;  zäh  und  unerschütterlich  versagte  sich