Brandenburg,  Frankreich  und  Osterreich  97

der  Wiener  Hof  den  brandenburgischen  Forderungen.  Da  verfielen
die  oben  genannten  Herren  auf  einen  Auswegj;  anscheinend  gab  der
Kaiser  nach  und  bewilligte  eine  kleine  Gebietsabtretung  in  Schlesien:
  der  wenig  bedeutende  Kreis  Schwiebus  wurde  dazu  ausersehen.
Zugleich  verpflichtete  sich  aber  der  Kurprinz,  diesen  Kreis  sofort
nach  seinem  Regierungsantritte  wieder  dem  Kaiser  zurückzugeben;
dafür  bekam  der  schuldenreiche  Prinz  eine  hübsche  Abfertigung  in
Gold,  bekam  billige,  weitausstehende  Aussichten  einer  Vergrößerung
  durch  Ostfriesland,  und  wurde  der  immerwährenden  kaiserlichen
  Huld  versichert,  die  er  später  für  seine  ehrgeizigen  Pläne  —
er  sehnte  sich  nach  einer  Königskrone  —  gut  brauchen  konnte,  ebenso
für  die  Unterstützung  gegen  das  Testament  des  Vaters,  das  zugunsten
  der  nachgeborenen  Brüder  aus  der  zweiten  Ehe  das  Erbe  des
Kurprinzen  schmälern  sollte.  Im  tiefsten  Geheim  vor  dem  Vater
wurde  dieser  niederträchtige  Revers  vom  Prinzen  ausgestellt,  der
alte  Herr  genasführt  und  durch  Abtretung  von  Schwiebus  aufs
höchste  erfreut.  Nun  gab  es  kein  Hindernis  mehr,  der  Kurfürst  warf
sich  dem  Kaiser  in  die  Arme,  der  Streit  schien  ausgelöscht,  die
Freundschaft  auf  ewig  besiegelt.  Und  doch  war  es  nur  ein  artiges
Taschenspielerkunststück  oder,  wenn  man  will,  ein  unartiges  Gaunerstück.
  Der  alte  Kurfürst  hat  nichts  davon  erfahren,  der  Himmel
ersparte  ihm  diesen  Schmerz,  es  hätte  ihn  sonst  wohl  jählings  der
Schlag  gerührt;  aber  der  junge  Kurfürst,  der  Sohn,  mußte  einstmals
bitter  für  seine  Verstellung  büßen  und  die  Wunde  am  preußischen
Staatskörper  wurde  durch  diesen  Scheinvertrag  vergiftet.

Für  den  Augenblick  war  alles  eitel  Freude;  der  Geist  des  kommenden
  achtzehnten  Jahrhunderts  mit  seinem  apréès  nous  le  déluge
hatte  den  Kaiser,  den  Kurprinzen,  die  Diplomaten  erfaßt;  Friedrich
Wilhelm  war  wiedergewonnen,  der  große  Krieg  gegen  Ludwig  XIV.
konnte  beginnen.  Eben  als  er  ausbrach,  schloß  der  Kurfürst  für  immer
  seine  Augen.

Wir  lernten  den  Politiker  kennen,  sehen  wir  uns  den  Regenten,
den  Monarchen  an.  Wie  wir  bereits  wissen,  hat  er  mit  starker  Hand
Ordnung  geschafft  in  den  alten  und  neuen  Provinzen;  starrköpfig
wehrten  sich  die  Stände  von  Kleve,  die  Herren  und  Bürger  von
Preußen  gegen  die  Betonung  der  absoluten  Herrscherrechte;  rücksichtslos
  griff  er  ein  und  als  man  in  Preußen  die  neuen  Verhältnisse,
  die  völlige  Loslösung  von  den  Polen  nicht  anerkennen  wollte,
da  wurde  der  Schöppenmeister  von  Königsberg,  Hieronymus  Rohte,
festgenommen,  zum  Tode  verurteilt  und  zu  lebenslänglicher  Ge-ANuG

  1293:  Weber,  von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2.  Aufl.  7