98  Der  Große  Kurfürst  J

fangenschaft  begnadigt;  und  als  zehn  Jahre  später  die  Stände  wie—
der  meuterten,  da  wurde  ihr  Rädelsführer,  Christian  Ludwig  von
Kalkstein,  herausgegriffen  und  hingerichtet;  beide  Male  ist  es  nicht
abgegangen,  ohne  das  Recht  zu  beugen;  ohne  Zaudern  hat  es  der
Kurfürst  getan,  um  seine  Macht  zu  erhalten.  Die  Stände  ordneten
sich  unter;  die  kurfürstlichen  Beamten  hielten  Zucht;  der  schon  1604
eingesetzte  Geheime  Rat  wurde  unter  Friedrich  Wilhelm  1651  neu
belebt,  rastlos  arbeitete  dieser  an  der  Erschließung  neuer  Hilfsquellen,
  an  der  Uberwachung  der  ganzen  Verwaltung;  zwei  Tage  vor  seinem
  Tode,  schon  schwer  leidend,  hat  der  Große  Kurfürst  noch  an  dessen
  Beratungen  teilgenommen.  Straßen  wurden  angelegt,  um  den
Verkehr  zu  fördern,  eine  neue  Straßen-  und  Brückenordnung  erlassen,
  die  brandenburgische  Post  mustergültig  eingerichtet,  in  den  Jahren
  1662—68  der  Friedrich-Wilhelm-Kanal  erbaut,  zur  Verbindung
der  Elbe  mit  der  Oder.  Die  Industrie  wird  gefördert  und  das  Handwerk
  unterstützt,  besonders  als  es  dann  gelang,  geschickte  Arbeiter  in
den  Hugenotten  zu  gewinnen;  noch  heute  erinnern  zahlreiche  Namen
in  Berlin,  in  Magdeburg  an  diese  Einwanderung.  Für  das  flache
Land  werden  geübte  Landwirte  aus  Holstein  als  Lehrmeister  nach
Preußen  übersiedelt.  Frühzeitig  trug  sich  Friedrich  Wilhelm  mit
großen  Gedanken  von  überseeischen  Kolonien  und  einer  brandenburgischen
  Marine,  langsam  werden  sie  verwirklicht;  1647  wird  der  Plan
einer  ostindischen  Handelsgesellschaft  entworfen  mit  einer  Niederlassung
  in  Guinea,  die  nur  kurze  Zeit  blühte;  1682  dann  eine  afrikanische
  Handelskompanie  gegründet,  die  sich  bis  Anfang  des  nächsten
Jahrhunderts  erhalten  hat.  Eine  kleine  Flotte  wird  geschaffen,  die
sogar  1681  einen  Kaperkrieg  gegen  Spanien  beginnt;  30  Schiffe  werden
  mit  Kaperbriefen  ausgerüstet,  sie  sollen  der  spanischen  Marine
weidlichen  Schaden  zugefügt  haben.  Alles  das  blieben  aber  nur  Eintagsdinge;
  sobald  sich  diese  Kolonien,  diese  Marine  überhaupt  bemerkbar
  machten,  wurden  sie  von  England,  von  Holland  unterdrückt,
die  keine  Rivalen  auf  dem  Mrere  aufkommen  ließen,  und  Friedrich
Wilhelms  Nachfolger  hatte  andere  Pläne,  andere  Sorgen.  Es  verdient
  aber  festgehalten  zu  werden  zum  ewigen  Gedächtnis,  wic  weitumspannend
  die  Gedanken  dieses  Mannes  gewesen  sind.  Zwei  Jahr#
hunderte  mußten  vergehen,  bevor  die  brandenburgische  Flagge  wieder
  die  fernen  Meere  grüßen  durfte.

Auch  für  das  geistige  Leben  ist  Friedrich  Wilhelm  voll  Sorge  gewesen;
  unter  seiner  Regierung  schrieb  Samuel  Pufendorf  seine  Geschichtswerke,
  die  zuerst  von  allen  einer  kritischen  Untersuchung  Rech-