102  Kaiser  Leopold  J.

Thronerbe  seinen  Halbbrüdern  zeigte,  veranlaßte  wohl  den  Vater,
sehr  gegen  seine  sonstigen  Ansichten  über  die  Zusammenfassung  der
Hausmacht,  in  einem  Testamente  die  jungen  Söhne  mit  eigenem
Landbesitze  zu  bedenken.

Am  9.  Mai  1688,  schwer  leidend  an  Gicht  und  Wassersucht,  schied
Friedrich  Wilhelm  aus  dem  Leben.  Breitschultrig,  untersetzt,  knorrig
  und  fest  ist  er  durchs  Leben  gegangen,  unter  den  buschigen  Brauen
starrten  ein  Paar  scharfe,  kluge  Augen  in  die  Welt,  unter  ihnen  saß
eine  schiefe  Adlernase,  ein  festes  Kinn  deutete  auf  Energie.  Sein
Wille  war  Gesetz;  rücksichtslos  hat  er  sich  seinen  Weg  gebahnt;  für
alles  Große  hat  er  Sinn  und  Empfindung  gehabt;  über  alles  ging
ihm  sein  Vaterland,  sein  Volk;  das  wollte  er  tüchtig  und  mächtig
haben  und  nur  Pflicht  der  Dankbarkeit,  Anerkennung  dieses  gewaltigen,
  starken  Mannes  ist  es  gewesen,  wenn  ihn  sein  Volk  den  „Großen
  Kurfürsten“  genannt  hat.

VI.
Raiser  Tevpold  I.

Nahezu  48  Jahre  hat  in  Brandenburg-Preußen  der  Große  Kurfürst
  regiert,  sein  jüngerer  Zeitgenosse  Leopold  herrscht  über  die  österreichischen
  Erblande  ebensolange,  über  das  römisch-deutsche  Reich  47
Jahre;  im  selben  Jahre  wurde  er  geboren,  als  eben  Friedrich  Wilhelm
  zur  Regierung  kam.  Während  in  dieser  Zeit  Brandenburg  aufstieg
  an  Umfang  und  Bedeutung  im  Deutschen  Reich,  ging  es  mit
dem  habsburgischen  Einfluß  abwärts;  wie  für  Brandenburg,  so  ist
es  auch  für  Osterreich  die  entscheidendste  Zeit  gewesen,  entscheidend
für  den  künftigen  Beruf  dieser  Staaten.  So  wenig  man  auch  Leopold
  I.  einen  Deutschen  wird  nennen  können,  so  sehr  wichtig  ist  es  doch
für  die  deutsche  Geschichte,  zu  lernen,  wie  unter  ihm  endgültig  das
Kaisertum  der  Habsburger  sich  von  den  deutschen  Interessen  abkehrt
und  damit  einer  anderen  Familie  den  Weg  zur  Größe  in  Deutschland
ebnet  —  den  Hohenzollern.  Darum  darf  wohl  hier  des  weiteren  über
Leopold  gesprochen,  dabei  ein  Rückblick  auf  die  Entwickelung  der
Habsburger  gegeben  werden.

Alter  als  die  Hohenzollern  sind  die  Habsburger;  in  der  jetzigen
Schweiz  steht  ihre  Stammburg,  ihren  eigentlichen  Stammbesitz  begründeten
  sie  in  Schwaben;  als  die  ersteren  noch  kleine  unbedeutende
Grafen  waren,  wurde  ein  Graf  von  Habsburg  zu  hohen  Ehren  be-