Maximilian  II.;  Prinzenerziehung  105
und  um  sie  darauf  vorzubereiten,  wurden  die  beiden  ältesten  in  Spanien
  erzogen.

Diese  Erziehung  ist  eine  so  eigenartige,  den  nichtdeutschen  Charakter
der  damaligen  Habsburger  erklärende  gewesen,  daß  es  wohl  lohnt,
etwas  länger  bei  diesem  Kapitel  zu  verweilen;  auch  ist  die  Gestalt  des
ältesten  Sohnes  Maximilians  II.,  der  später  Kaiser  Rudolf  II.  wurde,
so  seltsam  und  psychologisch  merkwürdig,  daß  auch  seiner  Person  mehr
Aufmerksamkeit  geschenkt  werden  soll.

Er  war  mit  seinem  jüngeren  Bruder  Ernst  im  Winter  1563  nach
Spanien  geschickt  worden;  im  Mai  1564  kamen  sie  an  ihrem  Bestimmungsorte
  Aranjuez  an.  Den  Hofmeister,  dem  ihre  Erziehung  übertragen
  wurde,  hatten  sie  sich  selbst  mitgebracht,  es  war  Doktor  Johann
  Tonner  von  Trübach.  Als  Grundlage  des  Wissens  eines  Prinzen
  wurde  damals  die  lateinische  Sprache  betrachtet;  nicht  mit  den
Anfängen  der  Volksschule  begann  man,  sondern  mit  der  lateinischen
Stilistik.  Die  klassischen  Autoren  waren  das  Mädchen  für  alles.
Sollte  Kriegsgeschichte  gelehrt  werden,  so  nahm  man  Cäsar  und
Vegetius  zur  Hand;  galt  es,  den  Prinzen  in  die  Rechtswissenschaft
einzuführen,  so  konnte  dies  nur  mittels  des  Corpus  juris  geschehen;
in  die  Staatsverwaltung  weihte  Aristoteles  ein;  sollte  der  künftige
Herrscher  für  Ansprachen  —  im  Reichstage,  zu  Gesandtschaften  —
vorbereitet  werden,  so  lernte  er  diese  Redekunst  aus  Sallust.  Auch  die
Prinzessinnen  entgingen  damals  dem  Schicksale  nicht,  in  frühester
Jugend  mit  der  lateinischen  Sprache  geplagt  zu  werden.  Viel  weniger
  wichtig  erschien  die  Muttersprache,  erst  später  lernten  die  Prinzen,
  sich  in  derselben  halbwegs  ausdrücken.  Daß  die  Fürstensöhne  an
dieser  klassischen  Dressur  keinen  Gefallen  finden  konnten  und  gegen
lateinische  Grammatiken  eine  gewisse  Antipathie  ins  Leben  herübernahmen,
  das  ist  vielleicht  begreiflich.  Als  in  späteren  Jahren  ein
Schulrektor  dem  Erzherzog  Ernst  eine  lateinische  Grammatik  widmete,
  erhielt  er  dafür  eine  Gratifikation  von  einem  Taler!

Wir  besitzen  die  Aufgabenhefte  der  beiden  Erzherzoge  1);  sie  gewähren
  einen  Einblick  in  die  Art,  wie  diese  herangedrillt  worden  sind;
Erziehung  kann  man  das  nicht  nennen.  Tonner  beginnt  den  Unterricht
  mit  Terenz,  dann  kommt  Cicero  an  die  Reihe;  schwer  geht  es
mit  dem  Lateinisch-Reden.  Die  Prinzen  müssen  oft  nach  Hause  berichten;
  sie  tun  es  in  vorgeschriebenem  Tone.  Rudolf  schreibt  einmal
an  den  Vater:  „Du  hast  erfahren,  daß  ich  aus  eigenem  Antriebe

1)  in  der  Wiener  k.  k.  Hofbibliothek  aufbewabrt.