Rudolf  II.  1  109

und  Grandezza,  wie  er  sie  in  Spanien  gelernt,  hat  er  zeitlebens  gehalten,
  nur  war  es  jetzt  ein  sehr  kleiner  Hof,  der  darauf  achten  mußte.
Einsam  irrt  der  Kaiser  Tag  und  Nacht  durch  die  Gänge  des  Schlosses,
argwöhnisch  und  mißtrauisch;  sein  heißes  Blut  hat  sich  in  zahllosen
  Liebesabenteuern  ausgetobt;  sein  blondes  Haar  ergraut  frühzeitig,
  seine  hellblauen  Augen  werden  matt  und  trübe,  die  kleine
Gestalt  schrumpft  zusammen.  Nur  manchmal  braust  die  ganze  Majestät,
  das  ganze  leidenschaftliche  Temperament  des  kranken  Mannes
auf,  wenn  er  sich  hintergangen,  wenn  er  sich  beleidigt  wähnt.  Zwei
Todesurteile,  die  Justizmorde  zu  nennen  sind,  fallen  in  die  letzten
Regierungsjahre,  an  Georg  Popel  Lobkowitz  und  dem  Marschall
Rußwurmz  letzterer  muß  mit  dem  Tode  büßen,  „weil  er  des  Kaisers
  Frauenzimmer  visitiert  und  allerhand  Ungebühr  daselbst  begangen
  habe“.  Von  allem  wollte  Rudolf  wissen,  aber  nur  durch
die  unreinen  Kanäle  des  Vorzimmertratsches  erfuhr  er  davon;  zu
nichts  konnte  er  sich  entschließen;  daß  er  schließlich  im  Zanke  mit
seinen  Brüdern  und  Neffen  auf  seine  böhmische  Krone  verzichten
mußte,  erfüllte  ihn  mit  solchem  Ingrimm,  daß  er  mit  den  Zähnen
die  Feder  zerriß,  mit  der  er  die  Abdankungsurkunde  unterschrieben
hatte.

Das  Leben  wurde  ihm  immer  unerträglicher,  er  suchte  ihm  ein
Ende  zu  machen,  seine  Unruhe  durch  Trinken  zu  betäuben,  er  wird
immer  unzurechnungsfähiger,  Ausbrüche  sinnloser  Wut  machten  den
Verkehr  mit  ihm  unmöglich;  es  wurde  undenkbar,  daß  ein  solcher
Kranker  auch  nur  nominell  weiter  regieren  durfte;  seine  Berwandten
hatten  seine  Rechte  schon  genug  beschnitten,  nun  rüsteten  sich  auch
noch  die  Kurfürsten,  ihn  abzusetzen;  da  erlöste  der  milde  Tod,  Anfang
  1612,  den  Sechzigjährigen  von  seinen  Qualen  und  endete  ein
tragisches  Schicksal.

Da  er  sowie  sein  Bruder  und  Nachfolger,  Matthias,  kinderlos
bleiben,  so  folgt  die  steirische  Linie;  die  ältere  Tiroler  war  nicht  erbberechtigt
  infolge  der  Mesalliance  mit  Philippine  Welser.

Kaiser  Ferdinand  II.  —  wir  kennen  ihn  bereits  —  war  ein  Urenkel
  Ferdinands  I.  und  der  slawischen  Anna;  seine  Großmutter  war
die  spanische  Maria;  sein  Vater  Karl  war  mit  der  bayerischen  Prinzessin
  Maria  vermählt  gewesen,  die  eine  Nichte  Ferdinands  und
Annas,  also  seine  leibliche  Base  war.  Und  Ferdinand  II.  heiratete
in  erster  Ehe  seine  bayerische  Verwandte,  Maria  Anna,  die  schon
väterlicherseits  mit  ihrem  Manne  verwandt  war,  von  der  Mutter
und  den  Großeltern  her  französisches,  italienisches  und  däuisches