116  Kaiser  Leopold  J.

wählte  er  aus  deutschem  Fürstenhause  Eleonore  von  Pfalz-Neuburg,
sie  wurde  die  Mutter  der  Erzherzöge  Joseph  und  Karl,  die  später
beide  auf  den  deutschen  Kaiserthron  berufen  worden  sind.

Zwei  wichtige  Ereignisse  in  der  österreichischen  Geschichte  sind  unlösbar
  mit  der  Regierung  Kaiser  Leopolds  verknüpft:  die  Eroberung
Ungarns  und  die  Eroberung  eines  Teiles  der  spanischen  Monarchie;
daneben  ist  er  in  die  großen  Kriege  Ludwigs  XIV.  hineingezogen  worden.
  Jene  beiden  Ereignisse  haben  aber  mehr  als  alles  andere  dazu
beigetragen,  den  Donaustaat  Deutschland  zu  entfremden  und  ihm
andere  Aufgaben  aufzugeben.  Als  Leopold  zur  Regierung  kam,  stand
der  größte  Teil  von  Ungarn  und  von  Siebenbürgen  in  den  Händen
der  Türken  oder  unter  der  Herrschaft  einheimischer  Fürsten.  Seit
langen  Jahren  zum  ersten  Male  war  es  1664  bei  St.  Gotthard,  daß
die  kaiserlichen  Regimenter  einen  glänzenden  Sieg  über  die  Ungläubigen
  erfochten,  der  ihnen  den  Weg  ins  Ungarland  hinein  bahnte.
Mit  Energie  wurde  die  neue  Lage  ausgenützt,  besonders  Fürst  Wenzel
  Lobkowitz  ist  ein  Anhänger  scharfer  Maßregeln  gewesen,  er  zeigte
damit,  daß  er  den  ungarischen  Volkscharakter  richtig  abschätzte.  Als
anfangs  der  siebziger  Jahre  ein  neuer  Verschwörungsherd  sich  in  Ungarn
  bildete  unter  Teilnahme  alter  Geschlechter  wie  Tököly,  Frangipan,
  Nadasdy,  Zriny,  Tattenbach,  da  fuhr  strafend  und  wetternd
die  kaiserliche  Macht  hinein;  vieren  der  genannten  Männer  wurden
die  Köpfe  zu  den  Füßen  gelegt,  Tököly  entkam  in  die  Türkei.  Wie  ein
erobertes  Land,  was  es  in  der  Tat  war,  wurde  Ungarn  in  den  nächsten
  Jahren  behandelt,  ihm  aber  doch  1679  die  Komitatsverfassung
und  die  eigene  Verwaltung  zurückgegeben.  Gegen  diese  Fortschritte
der  Kaiserlichen  machte  sich  dann  Anfang  der  achtziger  Jahre  eine
Reaktion  von  seiten  der  Türken  geltend.  Noch  einmal  zogen  sie  unter
dem  Großwesir  Kara  Mustapha  in  ungeheueren  Scharen  durch  Ungarn
  vor  Wien,  1683,  um  diese  Stadt,  ebenso  wie  sie  es  1529  getan
hatten,  zu  berennen.  Noch  einmal  maß  sich  europäische  Kultur  mit
asiatischer  Barbarei  im  Herzen  von  Europa  selbst  und  noch  einmal
leistete  die  tapfere  Wiener  Stadt  erfolgreichen  Widerstand.  Rascher
und  universeller  als  sonst  kam  die  Hilfe  von  der  Christenheit;  der
Kulturgedanke  war  mächtig  genug  in  Europa  geworden,  das  Solidaritätsgefühl
  der  Christenheit  gegenüber  dem  Islam  gewachsen,  so
daß  Ludwig  XIV.  nicht  mehr  wagte,  was  noch  Franz  I.  vor  hundertundfünfzig
  Jahren  getan  hatte,  die  Türken  offen  zu  unterstützen.  Im
Gegenteil,  er  mußte  es  zulassen,  daß  der  französische  Adel  selbst  unter
die  kaiserlichen  Fahnen  strömte.  Alle  Gegner  der  Türken  wurden