120  Kaiser  Leopold  I.

nun  die  kostbare  Erbschaft  antreten?  Diese  Frage  hat  die  europäische
  Diplomatie  während  der  ganzen  Lebenszeit  des  letzten  Königs
von  Spanien  aus  dem  Geschlechte  Philipps  des  Schönen  und  Johannas
  der  Wahnsinnigen  beschäftigt.

Als  nächste  Berechtigte  stellten  sich  die  Häupter  der  beiden  Familien
  Bourbon  und  Habsburg  dar;  zahlreiche  Heiraten  hatten  die
Verwandtschaft  des  spanischen  Königshauses  mit  der  ersteren  vermittelt,
  mit  der  letzteren  verstärkt.  Während  seiner  ganzen  Regierung
  hat  Ludwig  XIV.  auf  diese  Erbschaft  hingearbeitet  und  auch  Leopolds
  Minister  haben  mehr  oder  minder  geschickt  mit  dieser  Eventualität
  gerechnet.  Der  europäischen  Diplomatie,  soweit  sie  damals  in
Betracht  kam,  also  vor  allem  der  englischen  und  holländischen,  war
es  gefährlich  geschienen,  das  gesamte  ungeheuere  Reich  einem  einzigen
  Potentaten  zuzuweisen;  sowohl  der  deutsche  Kaiser  und  Erbherr
  von  Österreich,  Ungarn  und  Böhmen,  als  auch  der  König  von
Frankreich  wären  durch  den  Heimfall  von  Spanien,  Amerika,  Italien
  und  der  Niederlande  zu  mächtig  geworden;  Frankreichs  Stellung
  zur  See  wäre  dadurch  besonders  gestärkt  worden;  die  Hollän—
der  vor  allem  wären  Gefahr  gelaufen,  ins  Meer  geworfen  zu  werden.
So  wurden  die  verschiedensten  Teilungspläne  am  grünen  Tische  vorgenommen
  1668,  1698,  1699,  ohne  Rücksicht  darauf,  was  die  zunächstbeteiligten
  Spanier  dazu  sagen  würden.  Einen  Augenblick  lang
schien  noch  ein  anderer  Ausweg  gefunden  zu  sein.  Wir  erinnern  uns
der  einzigen  überlebenden  Tochter  Kaiser  Leopolds  aus  seiner  Ehe
mit  der  spanischen  Margarete;  diese  Prinzessin,  Marie  Antonie,  hatte
sich  mit  dem  Kurfürsten  Max  Emanuel  von  Bayern  vermählt  und
war  bei  der  Geburt  eines  Söhnchens,  Ferdinand  Joseph,  im  Wochenbett
  gestorben.  Auf  diesen  jungen  Prinzen  richteten  nun  die  Diplomaten
  ihre  Blicke,  ihn  wählten  die  Spanier  zu  ihrem  künftigen
Könige;  abgesehen  von  kleinen  Abfindungen  an  Osterreich  und
Frankreich  sollte  er  das  ungeteilte  Reich  beherrschen.  Sein  ehrgeiziger
  Vater,  der  Bayernfürst,  frohlockte  über  die  Aussichten,  die  ihm
die  Rangerhöhung  des  Knaben  eröffnen  würde;  er  sungierte  bereits
als  spanischer  Statthalter  in  den  Niederlanden,  fühlte  sich  am  ausgelassenen
  Hofe  von  Brüssel  sehr  wohl  und  gedachte  auf  irgendeine
Weise  eine  Königskrone  zu  ergattern.  Da  starb  der  junge  Kurprinz,
erst  zwölfjährig,  an  den  Blattern,  und  der  ganzen  Liebe  Müh'  war
umsonst  gewesen.  Aufs  neue  beginnt  der  Wettlauf  der  Gesandten  am
Bette  des  sterbenden  Königs  von  Spanien;  da  man  in  Wien  und
Paris  nicht  allzu  begehrlich  erscheinen  wollte,  so  wurde  die  Erbschaft