124  Kaiser  Leopold  I.

versprach.  Sogar  ins  Ausland,  aus  dem  Reich  heraus,  durften  die
Brandenburger  geschickt  werden,  sie  haben  dann  1704  bei  Turin
durch  ihre  Tapferkeit  die  Schlacht  entschieden.  Am  18.  Januar  1701
hatte  sich  Friedrich  in  Königsberg  die  preußische  Königskrone  aufsetzen
  lassen.

So  gab  es  im  zweiten  Jahrzehnt  des  achtzehnten  Jahrhunderts
einen  König  Friedrich  I.  von  Preußen,  einen  König  August  II.  von
Polen,  einen  König  Georg  I.  von  England:  lauter  deutsche  Fürsten.
Nur  die  Wittelsbacher  waren  durch  ihre  Verbindung  mit  Frankreich
leer  ausgegangen;  erst  hundert  Jahre  später  sollte  ihnen  diese  Politik
  die  erwünschten  Früchte  bringen.

Es  hatten  die  Welfen  sich  mit  England  verbunden,  die  Wettiner
mit  Polen,  die  Wittelsbacher  mit  Frankreich;  die  Habsburger  hatten
Ungarn,  Italien,  die  französischen  Niederlande  erworben,  sie  trugen
sich  noch  viele  Jahre  mit  ernsten  Absichten  auf  Spanien.  Alle  diese
Geschlechter  hatten  sich  mit  dem  Auslande  verheiratet,  einzig  und
allein  die  Hohenzollern  waren  auf  deutschem  Boden  geblieben,  sie  haben
  hier  die  stählende  Kraft  gefunden,  die  sie  für  eine  große  Stellung
in  Deutschland  brauchten.

Zwei  Jahrhunderte  deutscher  Geschichte  sind  an  uns  vorübergezogen;
  der  unbewußte  Versuch  Martin  Luthers,  auf  religiöser  Grundlage
  ein  machtvolles  Deutsches  Reich  zu  gründen,  war  gescheitert  am
dem  Widerstreben  der  Habsburger,  sich  auf  diese  neue  Basis  zu  stellen,
  an  dem  Widerstande  der  deutschen  Fürsten  gegen  eine  starke  Zentralgewalt,
  an  dem  anfangs  leisen,  dann  stärker  werdenden  Bestreben
  des  Auslandes,  die  Parteiungen  im  Reich  zu  mehren.  Immer
weiter  gehen  diese  drei  Richtungen  der  deutschen  Geschichte.

Die  Habsburger  werden  mehr  und  mehr  aus  Deutschland  hinaus
vom  Westen  nach  dem  Osten  gedrängt;  sie  bleiben  katholisch  und  begründen
  eine  umfangreiche  Hausmacht,  die  aber,  aus  den  verschiedensten
  Ländern  und  Völkern  bestehend,  dadurch  allein  schon  den
Keim  der  Schwäche  in  sich  trägt.  Monarchen  voller  Pflichttreue,  aber
ohne  große  geistige  Bedeutung,  besonders  in  Geldsachen  unerfahren
und  unglücklich,  haben  sie  die  Mission  Österreichs  in  Deutschland  nicht
erkannt,  oder  als  etwas  Selbstverständliches  unterschätzt.  Die  deutschen
  Fürsten  wahren  dem  schwach  und  schwächer  werdenden  Kaisertume
  gegenüber  ihre  Hausmacht  und  ihr  Hausrecht;  sie  werden  selb-