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        <title>Von Luther zu Bismarck. Erster Band.</title>
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            <forname>Ottokar</forname>
            <surname>Weber</surname>
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            <idno>weber_luther_bismarck_1_1913</idno>
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        Aus  Natur  und  Geisteswelt

Sammlung  wissenschaftlich-gemeinverständlicher  Darstellungen
—  —  123.  Bändchen  —

Von  Luther  zu  Bismarck
Zwölf  Charakterbilder  aus  deutscher  Geschichte

Von

Dr.  Ottokar  Weber

o.  ö.  Professor  an  der  deutschen  Universität
Prag

Erster  Band

Iweite  RKuflage

7

Druck  und  Derlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin  1913
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        Meinen  lieben  Schwägerinnen,  den  Fräulein

Jda,  Marie  und  Elisabeth  von  Lumbe

herzlichst  gewidmet
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        Copyright  1913  by  B.  G.  Teubner  in  Leipzig

Klle  Rechte,  einschließlich  des  Ubersetzungsrechts,  vorbehalten
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        Vorwort  zur  ersten  Auflage.

Der  leitende  Gedanke  dieser  zwölf  Vorträge  ist  gewesen:  zu  zeigen,
  wie  sich  in  den  letzten  vierhundert  Jahren  der  Gang  der  deutschen
  Geschichte  gestaltet  hat,  und  warum  endlich  ein  mächtiges  deutsches
  Reich  unter  preußischer  Führung  entstanden  ist,  nachdem  doch
Ssterreich  durch  die  längste  Zeit  die  Hauptmacht  in  Deutschland  gewesen
  war.  Um  diesen  Werdegang  übersichtlicher  zu  gestalten  und
dem  menschlichen  Interesse  näher  zu  bringen,  wurde  der  Ausweg
gewählt,  ihn  an  die  persönlichen  Schicksale  und  Leistungen  von  zwölf
Männern  zu  knüpfen,  die  durch  ihren  Lebenslauf  oder  durch  ihre
Stellung  von  Bedeutung  für  die  deutschen  Geschehnisse  geworden
sind.  Je  drei  fallen  mit  ihrer  hauptsächlichsten  Wirksamkeit  in  ein
Jahrhundert.  Daneben  wurde  bei  der  Auswahl  darauf  Rücksicht
genommen,  an  einzelnen  gewisse  Sondererscheinungen  des  Lebens,
wie  Geldwirtschaft,  Hofzustände,  zu  schildern;  diesem  Umstande  verdanken
  Männer,  wie  die  Fugger  und  August  der  Starke,  ihre  Aufnahme
  in  diese  Reihe.

Der  Verfasser  hat  überall  mit  seinen  persönlichen  Urteilen  nicht
hinter  dem  Berge  gehalten,  sich  dabei  aber  ernste  Mühe  gegeben,
den  konfessionellen  und  politischen  Meinungen  der  verschiedensten
Art  Rechnung  zu  tragen;  möchte  seiner  redlichen  Absicht  manches
Mißlungene  da  verziehen  werden!

Die  Vorträge  wurden  zuerst  im  Sommer  1904  im  deutschen  Nordböhmen,
  in  Rumburg,  gehalten.  Sie  sind  naturgemäß  bei  der  Aufzeichnung
  in  mancher  Beziehung  erweitert  worden:  was  der  Darsteller
  in  raschem  Redeflusse  übergehen  darf,  wird  von  dem  aufmerksam
  kontrollierenden  Leser  als  notwendig  empfunden  und  gefordert.
  Auch  die  stetig  anschwellende  Literatur  nötigte  zur  Nachprüfung
  und  Ergänzung;  als  Beispiel  dafür  seien  die  „Erzieher
des  preußischen  Heeres“  genannt.

Mögen  die  zwei  kleinen  Bände,  die  aus  dem  Böhmerwalde  in  die
deutsche  Geisteswelt  hinausgehen,  das  Bewußtsein  der  Zusammengehörigkeit
  des  Deutschtums  über  politische  Grenzen  und  Parteibver-
        <pb n="6" />
        I.  Vorwort  zur  zweiten  Auflage

schiedenheiten  hinweg  in  allen  Jenen  wachrufen,  die  sie  zur  Hand
nehmen!

Bohumilitz-Skalitz,  im  Böhmerwald,
am  Neujahrslage  1906.

Vorwort  zur  zweiten  Auflage.

Der  Verfasser  hat  dem  Vorworte  zur  ersten  Auflage  wenig  beizufügen;
  er  hat  die  Bemerkungen  seiner  Kritiker  sich  zunutze  gemacht,
  die  neue  Literatur,  die  seit  1906  erschienen  ist,  möglichst  benützt,
  im  übrigen  berechtigten  Wünschen  des  Verlags  Rechnung  getragen.
  So  ist  an  Stelle  des  Aufsatzes  über  Kaiser  Rudolf,  der  zum
großen  Teile  in  den  späteren  Kapiteln  verwertet  wurde,  ein  solcher
über  den  Kurfürsten  Maximilian  von  Bahern  getreten.

Möge  dies  Büchlein  auch  im  neuen  Gewande  Freunde  gewinnen!

Bohumilitz-Skalitz,  im  Böhmerwald,
15.  September  1912.

Der  Verfasser-
        <pb n="7" />
        Inhaltsverzeichnis.

Stite

Vorwort  zur  ersten  Auflaen  V
Vorwort  zur  zweiten  Auflgens  VI
I.  Martin  Luther.  1
II  Die  Fugeen;  29
III.  Wallenstten  .43
IV.  Kurfürst  Maximilian  von  Bahen.  71
V.  Der  Große  Kurfürstt..  ##  88
VI.  Kaiser  Leopo  ll.  102

Personenregistreerr  :  .  126
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        <pb n="9" />
        1.
Martin  Tutlker.

Ein  katholischer  Historiker  hat  das  fünfzehnte  Jahrhundert  die
„Kloake  der  Weltgeschichte“  genannt,  und  Martin  Luther  sagt  von
seiner  Zeit  „wollte  man  Deutschland  malen,  so  müsse  man  es  gleich
einer  Sau  malen“.  Es  ist  die  Zeit  roher  Sinnenlust  und  Genußfreude,
  ohne  Empfindung  für  einen  höheren  Beruf  des  Menschen,
ohne  Pflichtgefühl  und  Pflichtbewußtsein.  Es  ist  gleichzeitig  eine
Zeit  des  volkswirtschaftlichen  Aufschwungs  in  Deutschland;  Reichtum,
  damit  Luxus  und  erhöhte  Bedürfnisse  kehrten  ein  in  manche
Kreise,  andere  dagegen  gerieten  in  immer  schlechtere  Lage.  Die  sozialen
  Unterschiede,  die  nie  aufhören  werden,  solange  es  Menschen
gibt,  verschärften  sich.  Während  ein  reicher,  begüterter,  von  Kirche
und  Staat  verwöhnter  Fürstenstand  sich  herausbildete,  fand  sich  der
niedere  Adel  Deutschlands  in  seinen  Existenzbedingungen  bedroht;
der  Rauflust  und  der  Möglichkeit  durch  kecke  Beutezüge  den  Lebensunterhalt
  zu  gewinnen,  machte  der  „Landfriede“  ein  Ende;  zugleich
  verdrängte  der  Gebrauch  der  Feuerwaffen  den  Ritter  aus  seinem,
  man  darf  es  sagen,  handwerksmäßigen  privilegierten  Soldatenberuf.
  Die  vielen  kirchlichen  Stellen,  die  die  katholische  Kirche
in  Kanonikaten  usw.  dem  deutschen  Adel  zur  Verfügung  stellte,  konnten
  trotz  ihrer  Anzahl  dem  kinderreichen  niederen  Adel  nicht  genügen,
  aus  seinen  ungesetzlichen  und  gesetzlichen  Bahnen  herausgedrängt,
  fehlte  ihm  der  gewohnte  Lebensinhalt,  bald  der  Unterhalt
überhaupt.  In  den  Städten  ist  es  der  handeltreibende  Bürger,  der
in  jenen  Jahrzehnten  zu  reicher  Kraftentfaltung,  zu  Vermögen  gelangt
  ist;  in  einigen  Geschlechtern  pflegt  sich  das  zu  verdichten,  die
naturgemäß  auch  in  der  Leitung,  der  Verwaltung  der  Stadt  die
erste  Rolle  spielen  und  nun  eifersüchtig  darüber  wachen,  daß  keine
jüngeren  Familien  in  den  Rat  eindringen.  Ebenso  bewachen  in  den
Handwerkszünften  die  Meister  ihre  Vorrechte,  der  goldene  Boden
eines  Handwerks  darf  nicht  durch  zu  starke  Konkurrenz  unterwühlt
werden.  Tausende  von  fleißigen,  tüchtigen  Gesellen  bleiben  außerhalb
  des  Meistertums;  wer  nicht  eines  Meisters  Sohn  ist  oder  eine

Auch  123:  Weber,  Von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2.  Aufl.  1
        <pb n="10" />
        2  Martin  Luther

Meisterstochter  freit,  gelangt  nur  schwer  in  den  bevorrechteten  Kreis
hinein;  auch  da  gibt  es  viele  Existenzen,  denen  der  richtige  Lebensberuf
  fehlt,  die  unzufrieden  werden  über  die  lebenslängliche  Unfreiheit.
  Und  auf  dem  Lande  liegt  der  Bauernstand  in  tief  einschneidend
gefesselter  Abhängigkeit  vom  Gutsherrn,  dessen  Launen  und  Willkür
  er  unterworfen  ist.  Das  Eindringen  des  römischen  Rechtes  in
die  deutsche  Jurisprudenz  erzeugte  die  Formeln  der  Abhängigkeit,
die  in  starker  Abstufung  vom  Klienten  bis  zum  Sklaventum  herabgehen.
  Obwohl  die  Bauern  materiell  in  der  Regel  nicht  schlecht
gestellt  waren,  war  es  vor  allem  die  völlige  Rechtlosigkeit,  mit
der  sie  der  Gewalt  der  Herren  ausgeliefert  waren,  die  eine  tiefe-Unzufriedenheit
  in  den  Köpfen  jener  entstehen  lassen  mußte,  die
innerer  Trieb  oder  eine  Anregung  von  außen  über  ihr  Schicksal  nachdenken
  ließ.  Gewiß  sind  Außerungen  feudaler  Brutalität  Ausnahmen
  gewesen,  wie  jene  zwei  berühmten  Beispiele,  der  Gräfin,  die
ihre  Untertanen  tagelang  Schneckenhäuser  sammeln  ließ,  und  jenes
Herrn,  dem  die  Bauern  die  Frösche  in  den  Sümpfen  am  schlasstörenden
  Gequake  hindern  mußten.  Sie  zeigen  aber  doch,  bis  wie  weit  die
Herrschsucht  der  Obrigkeiten  ungestraft  gehen  konnte.  Wir  finden
also  auf  der  einen  Seite  Lebensgenuß  in  vollen  Zügen  mit  ungeschwächten
  Sinnen  und  wetterfesten  Mägen,  auf  der  anderen  Kampf
mit  dem  Dasein  in  den  verschiedensten  Formen.

Was  konnte  damals  den  Menschen  über  das  irdische  Jammertal  erheben?
  Die  Zeiten  kirchlichen  Aufschwungs  —  wir  reden  etwa  von
1450  —  in  der  Baukunst,  das  erste  Stammeln  deutscher  Malerei
waren  vorüber,  ins  Gewerbe  hatte  sich  die  Kunst  geflüchtet.  Die
Wissenschaft  war  immer  mehr  in  öden  Schall  und  Rauch  verdunstet;
  in  Disputierübungen,  in  geistloses  Spintisieren  und  Kommentieren
  waren  Theologie  und  Philosophie  verfallen;  die  Hochschulen
waren  Raufanstalten  geworden,  von  denen  die  fahrenden  Schüler
ihr  geringes  Wissen  und  großes  Saufen  in  die  Welt  hineintrugen;
der  Unterricht,  den  die  Lehrer  gegen  kargen  Lohn  ihren  Zöglingen
  geben  konnten,  war  so  arm,  wie  die  Lehrer  selbst,  und  die  römische
  Kirche,  bisher  die  Vermittlerin  des  Guten  und  Schönen  auf
der  Welt,  lag  im  tiefsten  Verfall.  Reich  waren  ihre  Pfründen,
massenhaft  die  Stellen,  die  sie  vergeben  konnte,  alle  Stände  drängten
  sich  an  ihre  Pforten.  Aber  vor  allem  dem  höheren  Fürstenstande
  bezeigte  sie  ihre  Huld,  elend  war  die  Verfassung  des  niederen
Klerus,  der  aus  tieferen  Ständen  stammte.  Neben  dem  Seelsorger
barg  der  Kirchensprengel  stets  eine  stattliche  Anzahl  von  beschäfti-
        <pb n="11" />
        Soziale  Verhältnisse  3
gungslosen  Geistlichen  „Altaristen“,  die,  man  kann  es  ungescheut
sagen,  ein  gefährliches  Klerikerproletariat  bildeten.  Von  der  Kirche
abhängig  war  damals  das  Bildungswesen,  die  Wohltätigkeit,  Armensorge,
  Spitalspflege,  ja  vornehmlich  im  Dienste  der  Kirche  blieben
  auch  Kunst  und  Wissenschaft.  Und  da  standen  sich  bald  schrofff
zwei  Parteien  gegenüber,  von  denen  die  eine,  dem  Wohlleben  ergeben,
  von  Bildung  und  Humanität  nichts  wissen  wollte  und  die
andere,  um  die  bloße  Existenz  kämpfend,  nichts  wissen  konnte.  Wenig
unterschied  sich  der  geistliche  vom  weltlichen  Stande.  Die  weisen
Vorschriften  der  älteren  Zeit,  die  den  Körper  des  Priesters  mit
Fasten,  Nachtwachen,  rauhen  Frömmigkeitsübungen  vor  sinnlichen
Anwandlungen  bewahren,  zu  rein  geistigem  Aufschwunge  stählen
  wollten,  sie  waren  zum  größten  Teile  vergessen.  Die  Uppigkeit
guten,  sorglosen  Lebenswandels  führte  die  einen  zu  Exzessen  in
Wein  und  Liebe;  das  Elend  kümmerlichen  Dahinvegetierens  reizte
die  anderen,  wenigstens  die  kargen  Genüsse  mitzunehmen,  die  auch
das  Tier  auf  der  Straße  findet.  Gedanken  an  eine  höhere  Pflicht
kannten  beide  Teile  nicht.  Gut,  wenn  der  Geistliche  damals  sich  mit
einem  Eheweibe  begnügte  und  nicht  allzuoft  Wechsel  da  eintreten  ließ.
Daß  sie  die  Verkünder  der  irdischen  und  himmlischen  Lebens  waren,
davon  wußten  nur  die  wenigsten  etwas.  Den  Vorschriften  der  Frömmigkeit
  wurde  meist  durch  rein  äußerliche  Betätigung  Genüge  getan.
  Zahlreich  waren  die  Betbrüder=  und  -chwesterschaften,  die
dieses  Gebiet  zu  bebauen  hatten.  Wir  hören  von  der  gnadenreichen
Vereinigung  der  elftausend  Jungfrauen,  die  durch  die  Lippenarbeit
der  Mitglieder  —  wer  elftausend  Vaterunser  gebetet  hatte,  wurde
Mitglied  —  einen  Schatz  von  6455  heiligen  Messen,  3550  ganzen
Psaltern,  200  000  Rosenkränzen,  200  000  Te  Deum  aufgespeichert
hatte,  der  nun  dem  einzelnen  zugute  kam.  Noch  Kurfürst  Friedrich
von  Sacksen,  der  spätere  Gönner  Luthers,  hat  von  seiner  Fahrt  ins
Gelobte  Land  über  5000  Reliquienpartikel  mitgebracht.  Von  Geistlichen
  und  Weltlichen  gilt  damals  nur  allzuhäufig  der  Spruch  Bernhards
  von  Chiemsee:  „Unsere  ganze  Neigung  geht  auf  Eitelkeit;
was  immer  schlechtes  einem  in  den  Sinn  kommen  mag,  das  wagt
er  ungestraft  auszuführen.“

War  das  die  Regel,  so  gab  es  natürlich  Ausnahmen  davon;  Menschen,
  die  das  sinnlose  und  sinnenbrünstige  Getreibe  anekelte,  die
das  Gefühl  hatten,  der  Mensch  sei  zu  etwas  anderem  auf  der  Welt
als  zum  Fressen  und  Saufen;  Menschen,  die  den  Hauch  des  Göttlichen
  in  der  Natur,  die  das  Bedürfnis  empfanden,  nach  Vorbildern,

17
        <pb n="12" />
        4  Martin  Luther

das  Schöne  und  Gute  im  Leben  neu  zu  entwickeln,  die  das  Menschliche
  im  Menschen  gegen  die  rein  tierischen  Triebe  verstärken  wollten.
  Seit  1450  mehren  sich  die  Stimmen,  die  laut  und  herzlich
nach  Reformen  in  der  Wissenschaft,  im  staatlichen,  im  öffentlichen
Leben,  im  geistlichen  Stande  rufen.  Ein  Name  da  für  viele:  Nicolaus
  von  Cues.  Er  findet  Nachahmer  und  Freunde;  es  kommen
Gelehrte,  die  die  Formen  des  Unterrichts  ändern,  die  Schriften  der
alten  Geistesheroen  von  dem  Wuste  der  Kommentatoren  säubern.
wollen,  die  zu  den  Urquellen  der  Bildung  zurückdringen;  mit  den
Schlagworten:  Renaissance  und  Humanismus  bezeichnet  man  diesen
  Ruf  nach  Wiedergeburt,  nach  Veredelung  des  Menschengeschlechts.
  Und  wenn  dieser  Ruf  in  die  verarmten  Raubburgen  der
Ritter,  in  die  Häuser  der  unzufriedenen  Kleinbürger  und  Handwerker,
  in  die  Hütten  der  geknechteten  Bauern  eindrang,  mußte  er  hier  ein
gewaltiges  Echo  erwecken,  das  in  dem  Wunsche  nach  Verbesserung
des  irdischen  und  geistigen  Lebens  ausklang.  Aber  nur  wenig  vorbereitet
  und  geeignet  war  das  damalige  Geschlecht,  solche  Rufe  in
der  Wüste  zu  hören  und  zu  verstehen,  es  mußte  ein  anderer  Weg
gefunden  werden  zu  den  Herzen  der  Verstockten  und  zu  den  Sinnen
der  Niedergedrückten.  Gleichsam  als  Ausgang  aller  Laster,  als
surchtbare  Strafe  für  die  Sünden  der  Welt  hatte  um  1500  eine
schreckliche  Krankheit  Europa  überfallen,  die  den  Menschen  bei  der
Befriedigung  des  natürlichen  Triebes  schlug;  wahrscheinlich  von
Amerika  über  Spanien  und  Italien  war  die  Lustseuche  eingedrungen,
deren  gräßlichen  Verheerungen  ein  völlig  unabgestumpftes  Volk
wehrlos  und  wissenlos  anheimfiel;  sie  traf,  die  Freiheit  des  damaligen
  Sinnenlebens  benützend,  hoch  und  nieder.  In  diese  böse,  schlechte,
traurige  Zeit  mit  ihrer  ganzen  Sehnsucht  nach  Anderung  und  Besserung
  trat  Martin  Luther  ein,  geboren  am  10.  November  1483.

Die  Familie  Luther  stammte  aus  dem  Thüringischen.  Der  Vater,
  ein  Bergmann,  war  in  die  Grafschaft  Mansfeld  eingewandert
und  zu  Eisleben  kam  Martin  zur  Welt.  Die  Mutter  war  eine  geborene
  Ziegler  aus  Eisenach.  Eine  harte  Kindheit  verlebte  Martin;
mit  Wehmut  gedachte  er  später  seiner  freudelosen  Kindertage,  die
ihn  frühzeitig  auf  die  ernste  Seite  des  Lebens  wiesen  und  ihn  mahnten,
  alle  Vorkommnisse  schwer  zu  tragen.  Mühsam  rang  sich  der
Vater  zu  größerem  Einkommen  hindurch;  mit  dem  Ernste  und
Fleiße,  die  keine  Minute  des  Tages  ungenützt  lassen  und  unablässig
nur  das  Wörtchen  „Vorwärts“  kennen,  strebte  der  Mann  empor;
er  übersiedelte  in  die  Stadt  Mansfeld,  erwarb  ein  Haus,  wurde  an-
        <pb n="13" />
        Humanismus  und  Renaissance.  —  Der  junge  Luther  5

gesehen,  endlich  in  den  Rat  der  Stadt  berufen.  Was  dem  Vater
da  an  juridischer  Bildung  fehlte,  sollte  der  Sohn.  frühzeitig  erreichen,
  Jus  studieren.  Schon  1497  kam  Martin  auf  die  Schule,
zuerst  in  Mansfeld,  dann  nach  Magdeburg,  ein  Jahr  später  nach
Eisenach,  wo  sich  die  treffliche  Ursula  Cotta  des  darbenden  Knaben
mütterlich  annahm,  endlich  1501  an  die  mainzische  Universität  Erfurt.
  Als  Vorbildung  für  die  Jurisprudenz  mußte  er  zuerst  die
humanistischen  Fächer  betreiben,  wurde  1502  Baccalaureus,  1505
Magister  artium;  nun  hätte  das  Rechtsstudium  eigentlich  beginnen
sollen,  aber  da  versagte  Martin  sich  dem  väterlichen  Wunsche.  Die
philosophischen,  historischen  Studien  hatten  ihn  trotz  ihrer  Mängel
festgehalten,  mit  jungen  Humanisten  war  er  in  Berührung  gekommen,
  hatte  den  Ruf  der  Zeit  nach  Selbstbesserung  vernommen.
Frühzeitig  beschäftigte  er  sich  mit  dem  Urgrund  der  Dinge,  dem
Verhältnis  des  Menschen  zu  Gott,  dem  Leben  nach  dem  Tode;
nicht  gründlich  genug  konnte  er  sich  über  diese  Fragen  unterrichten.
Von  der  Philosophie  ging  er  zur  Theologie  über;  zwei  äußere  Ereignisse,
  der  plötzliche  Tod  eines  schwärmerisch  geliebten  Freundes,
die  wunderbare  Errettung  aus  den  Schrecken  eines  furchtbaren  Gewitters
  mögen  ihn  noch  mehr  auf  die  Vergänglichkeit  alles  Irdischen,
auf  den  Wert  der  ewigen  Dinge  gewiesen  haben;  vom  Weltlichen  ab
wandte  er  sich  zu  Höherem  und  trat  1505  in  Erfurt  in  den  Augustinerorden
  ein.  Mit  brennendem  Eifer  studierte  er  Theologie,  1507
wurde  er  zum  Priester  geweiht.  Es  entsprach  seinem  Charakter,
seinem  Herzensbedürfnis,  mit  der  größten  Genauigkeit  alle  Vorschriften
  der  Kirche  zu  beobachten,  in  selbstquälerischer  Art  sich  stets
zu  prüfen,  ob  kein  noch  so  leichter  Verstoß  ihm  widerlaufen  sei.
Immer  mehr  vertiefte  er  sich  in  die  Lehren  der  Kirche;  und  da  einem
ernst  forschenden  Gemüte  die  damaligen  Lehrbücher,  die  verschiedenen
  Kommentare,  die  seelenlosen  Vorträge  der  Lehrer  unmöglich
genügen  konnten,  so  griff  er  an  die  Urquellen  der  christlichen  Lehre
und  ihre  bedeutendsten  Vertreter.  Er  las  die  Bibel  immer  und
immer  wieder;  er  studierte  besonders  die  Psalmen,  die  Briefe  des
Apostels  Paulus  und  manche  Augustinische  Schriften.  Bei  deren
Auslegung  setzte  er  sich  bald  in  Widerspruch  mit  der  Kirchenlehre
und  mit  seiner  bisherigen  praktischen  Betätigung  des  Mönchslebens.
Während  er  anfangs  der  strengeren  Richtung  seines  Ordens,  der
„Observantenpartei“,  angehört  und  die  einzelnen  Ordensregeln  aufs
genaueste  befolgt  hatte,  rückte  er  schon  in  seinen  Predigten  aus  den
Jahren  1515/16,  noch  deutlicher  in  seinem  zur  selben  Zeit  verfaß-
        <pb n="14" />
        6  Martin  Luther  I

ten  Kommentar  zum  Römerbrief,  immer  mehr  und  mehr  von  seinen
  bisherigen  Parteigenossen  ab.  Er  erklärte  laut  und  öffentlich
deren  Streben  für  bloße  Werkheiligkeit,  die  sogenannten  guten  Werke
überhaupt  für  unnütz,  da  der  Mensch  ja  gar  nichts  Gutes  tun  könne,
indem  die  auch  nach  der  Taufe  zurückgebliebene  „böse  Begierlichkeit",
die  Luther  mit  der  Erbsünde  identifizierte,  unüberwindlich  sei.
Der  Augustinerkonvent  in  Thüringen  war  nicht  besser  und  nicht
schlechter  als  andere  Orden;  er  besaß  aber  in  Johann  von  Staupitz
einen  Vorgesetzten,  der  manches  mit  offenen  Augen  ansah  und  glücklich
  war,  unter  den  jungen  Ordensgliedern  einen  Mann  zu  finden,
der  gebildet,  ja  gelehrt  war,  und  der  zu  ernster  Pflichterfüllung
neigte.  Den  zog  er  aus  des  Klosters  Dunkelheit  heraus.  Schon  1508
durfte  Luther  in  Wittenberg  Vorlesungen  halten;  auch  erhielt  er  die
Grade  eines  biblischen  Baccalaureus  und  Sententiarius;  denn  kehrte
er  nach  Erfurt  zurück,  um  im  Winter  1510/11  im  Auftrage  des
Ordens  eine  Reise  nach  Rom  zu  unternehmen.  Am  1.  Oktober  1512
wird  er  Doktor  der  Theologie,  er  nimmt  seine  Vorlesungen  in
Wittenberg  wieder  auf,  trägt  aber  nicht  die  üblichen  scholastischen
Bücher  vor  und  begnügt  sich  nicht  damit,  stereotype  Hefte  mechanisch
  herunterzulesen;  er  verweist  seine  Hörer  auf  die  heiligen
Schriften  selbst,  legt  die  Bibel  aus,  hält  in  freier  Rede  1513
bis  1516  vielbemerkte  Vorträge  über  die  Psalmen.  Rastlos  studiert
  er  selbst  weiter,  vervollkommnet  sich  im  Hebräischen,  um  die
Urtexte  lesen  zu  können,  gierig  verschlingt  er  die  Werke  der  deutschen
Mystik,  die  seiner  Seelenstimmung  ganz  entsprechen;  die  Schriften
  Taulers  üben  größten  Einfluß  auf  ihn  aus.  Er  wagte  sich  aufs
literarische  Gebiet,  schrieb  1515/16  seine  Vorlesungen  nieder,  arbeitete
  zur  selben  Zeit  einen  Kommentar  über  den  Römerbrief  Paulus'
  aus,  den  er  aber  erst  später  veröffentlichte.  Gleichzeitig  war
er  Unterprior  geworden  und  hatte  das  Predigeramt  an  der  Wittenberger
  Stadtkirche  übernommen,  das  er  eigenartig  und  ganz  anders
als  seine  Vorgänger  unter  großem  Zulauf  der  Menge  ausübte.
1515  ward  er  zum  Vikarius  der  Meißner  und  Thüringischen  Ordensprovinz
  gewählt,  und  erhielt  damit  die  Aufsicht  über  elf  Augustinerklöster.
  Da  wird  er  nun  von  Amts  wegen  so  manches  über  das
geistliche  Leben  und  die  Handhabung  der  Disziplin  erfahren  haben,
was  ihn  mit  höchstem  Abscheu  erfüllt  hat,  ihm  zugleich  immer  dringender
  den  Wunsch,  mit  mahnender  Stimme  da  einzugreifen,  nahelegte.
  Man  hat  gerne  seine  Fahrt  an  den  Hof  des  Fürsten,  der
damals  als  Julius  II.  die  Tiara  trug,  als  den  Ausgangspunkt
        <pb n="15" />
        H  Sein  Werdegang  7

von  Luthers  Abwendung  von  Rom  bezeichnet.  Es  ist  zweifellos,
daß  der  junge,  eifrige,  glaubenswarme  und  sittenstrenge  Mönch
vieles,  was  er  da  gesehen,  nur  mit  staunender  Verwunderung,  mit
Entrüstung  empfunden  hat,  und  daß  die  Eindrücke,  die  er  dort  empfing,
  später  nachgewirkt  haben.  Der  Hof  Julius'  II.  ist  der  Gipfelpunkt
des  damaligen  von  apostolischer  Reinheit  und  Einfältigkeit  abgekehrten
  geistlichen  Lebens  gewesen.  Dieser  Papst  war  ein  kriegerischer,
  gewalttätiger  Herr,  der  aus  dem  Papsttum  ein  weltliches,  insbesondere
  dem  Kunstmäzenatentum  ergebenes,  Fürstentum  machte,
der  in  keiner  Weise  der  Sinnenlust,  der  Genußfreudigkeit  seines
Hofes  entgegenzutreten  Ursache  hatte.  Die  Gleichgültigkeit  der  Romanen
  gegen  fromme  Dinge,  gepaart  mit  größtem  Aberglauben
und  äußerlicher  Beobachtung  der  Form,  einen  Überschwang  in  Reliquienkultus,
  in  Heiligenverehrung  fand  Luther  in  Rom  vor.  Bald
nachher  starb  Julius  II.,  und  ein  Medizeer  kam  als  Leo  X.  auf
den  päpstlichen  Stuhl.  Das  war  nun  ein  Mann  voll  starken  Sinnenlebens,
  politischer  Geschäftigkeit,  finanzieller  Betriebsamkeit,  der
seine  Lust  an  allem  Irdischen,  sei  es  Frauenreiz,  seien  es  Tafelfreuden,
  in  keiner  Weise  durch  Rücksichten  auf  sein  geistliches  Amt
mildern  zu  müssen  glaubte.  Was  jedem  Pfarrer,  jedem  Bischof
damals,  nach  der  landläufigen  Moral  der  Zeit  zu  tun  erlaubt  war,
warum  sollte  der  höchste  geistliche  Fürst  es  sich  versagen?  Leo  X.
war  überdies  ein  eitler  Mann,  der  von  sich  reden  machen  wollte  und
in  grandiosen  Kunstformen,  seinem  Geschmacke  entsprechend,  in
einem  alles  überstrahlenden  Gotteshause,  der  Peterskirche,  seinem
Namen  ein  monumentales  Denkmal  setzen  wollte;  er  führte  damit
  aus,  was  schon  sein  Vorgänger  geplant  hatte.

Für  die  ungeheuren  Kosten,  die  so  die  weltliche  Politik,  das  gesellschaftliche
  Treiben,  die  riesige  Kunstentfaltung  dem  Papsttume  damals
  verursachten,  mußten  die  gewagtesten  Finanzspekulationen
aufkommen.

Luther  hat  sicher  dieses  verweltlichte  Treiben  des  römischen  Hofes
wohl  erkannt,  er  wird  es  aber  damals  noch  als  etwas  Selbstverständliches
  hingenommen  haben,  an  dessen  bedauerlicher  Erscheinung
der  niedere,  zu  Gehorsam  verpflichtete  Mönch  keine  laute  Kritik
üben  dürfe,  für  dessen  Abstellung  er  nur  in  brünstigem,  stillem  Gebete
  ein  Mittel  besitze.

Erst  als  er  in  den  späteren  acht  Jahren  in  rastlosen  Studien  recht
erfaßte,  wie  das  Leben  der  Geistlichen  beschaffen  sein  sollte,  und
als  er  durch  seinen  Kontakt  mit  der  Offentlichkeit  erkannte,  wie  es
        <pb n="16" />
        8  Martin  Luther

—  —  —  —  —  —  —  ——.  ——  —  —

wirklich  beschaffen  war,  da  werden  ihm  die  alten  Erinnerungen  aus
Rom  wieder  lebendig  geworden  und  es  wird  in  ihm  die  Überzeugung
langsam  gereift  sein,  daß  es  das  böse  Beispiel  von  oben  sei,  das  so
entsittlichend  auf  den  mittleren  und  unteren  Klerus  einwirke  und  daß
der  seit  Jahrzehnten  laute  Ruf  nach  einer  kirchlichen  Reform  an
Haupt  und  Gliedern  wohlberechtigt  sei.  Und  da  das  Haupt  der
Christenheit  die  Dinge  einfach  gehen  ließ,  wie  sie  gingen,  da  faßte
der  junge  Theologieprofessor  in  Wittenberg  sich  ein  Herz  und
meinte  nicht  länger  schweigen  zu  dürfen.  So  schlug  er  am  31.  Oktober
  1517  an  der  Schloßkirche  zu  Wittenberg  95  Thesen  an,  die
zum  Teil  gegen  den  Mißbrauch  des  Ablaßwesens  gerichtet  waren,
zum  Teil  aber  schon  seine  abweichende  Ansicht  von  den  „guten  Werken“
  zum  Ausdruck  brachten.  Den  letzten  Anstoß  dazu  hatte  das
Auftreten  des  Dominikaners  Tetzel  gelegentlich  eines  von  ihm  verkündeten
  Ablasses  gegeben;  es  wird  darum  nötig  sein,  da  in  Kürze
auf  das  damalige  Wesen  des  Ablasses  einzugehen.

In  den  Anfängen  der  kirchlichen  Disziplin  hatten  die  Sünder  bei
der  Lossprechung  in  der  Beichte  für  schwere  Sünden  recht  harte
öffentliche  Bußübungen  auferlegt  erhalten.  Mit  der  Zeit  war  darin
die  Milderung  eingetreten,  daß  die  öffentlichen  Bußen  in  geheime
umgewandelt  wurden,  die  Bußübungen  überhaupt  eine  Linderung
erfuhren.  Die  Buße  bezog  sich  immer  nur  auf  zeitliche  göttliche
Strafen,  wozu  auch  das  Fegefeuer  gehört,  im  Gegensatze  zur  ewigen
Höllenstrafe.  Als  unbedingt  nötig  wurden  von  der  Kirche  immer
ausdrücklich  die  Reue  und  die  Beichte  bezeichnet,  als  Ausdruck  der
Reue  dann  die  auferlegten  Bußübungen  wie  Gebete,  Fasten,  Wallfahrten,
  Almosengeben  angesehen.  Es  wurde  nun  im  Laufe  der
Zeit  von  manchen  Theologen,  zu  denen  auch  Tetzel  gehörte,  die
Ansicht  vertreten,  daß  den  Seelen  im  Fegefeuer,  die  ja  an  und  für
sich  schon  im  Zustande  der  göttlichen  Gnade  sich  befinden,  der  Ablaß
  zugewendet  werde  durch  das  bloße  Almosen  der  Lebenden,  ohne
der  letzteren  reumütige  Gesinnung  und  sonstige  Bußübungen.  Es
war  dies  wohl  keineswegs  die  allgemeine  Ansicht  der  katholischen
Kirche;  sie  kam  auch  nicht  in  den  offiziellen  Ablaßausschreibungen
zum  Ausdruck,  ja  es  war  ihr  z.  B.  1518  auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg
  der  gelehrte  Kardinal  Cajetan  mit  Schärfe  entgegengetreten.
Beibesonderen  Gelegenheiten,  wie  z.  B.  während  der  Jubeljahre,  deren
erstes  Papst  Bonifaz  VIII.  1300  feiern  ließ,  wurde  den  Gläubigen
die  allgemeine  Möglichkeit  gegeben  durch  Gebet,  Almosen  und  andere
Bußübungen,  allerdings  erst  nach  stattgehabter  Reue  und  Beichte
        <pb n="17" />
        Das  Ablaßwesen  9
für  sich  und  die  Verstorbenen  den  Ablaß,  also  Loslösung  von  zeitlichen
  Sündenstrafen  zu  erhalten.  Dieses  Weges  haben  sich  die  Kirchenfürsten
  bedient,  um  sich  für  kirchliche  Zwecke  außerordentliche
Mittel  zu  verschaffen:  für  einen  Kreuzzug  gegen  die  Türken,  für
Kirchenbauten.  Für  die  Verkündung  der  Ablässe  wurden  nun  Geistliche
  verwendet,  die  tüchtige  Redner  waren,  herumzogen  und  die  anströmenden
  Gläubigen  von  der  Heiligkeit  ihres  Werkes  zu  überzeugen
  wußten.  War  es  da  überraschend,  wenn  gar  manche  Gläubige,
  die  nicht  gewohnt  waren,  über  theologische  Dinge  nachzudenken,
den  Sinn  des  Ablasses  ganz  verkehrten,  von  Reue  keinen  Gedanken
mehr  hatten  und  überzeugt  waren,  lediglich  durch  ihre  Geldspende
und  durch  gedankenloses  Herabmurmeln  eines  Gebetes  von  den
Folgen  der  Sünde  befreit  zu  sein?  Die  Volksmeinung  bildete  aus
dieser  Ansicht  das  bezeichnende  Sprüchlein  „Wenn  das  Geld  im
Kasten  klingt,  die  Seele  aus  dem  Feg'feuer  springt“.  Als  Normalmaß
  der  Spende  wurde  gewöhnlich  der  Geldverbrauch  eines
Mannes  damaliger  Zeit  an  einem  Tage  angesehen.  Wer  da  am
meisten  einbrachte,  der  war  unter  den  Ablaßpredigern  besonders
berühmt;  zu  der  Zeit,  von  der  wir  sprechen,  war  als  solcher  in  den
sächsischen  Landen  der  Dominikaner  Tetzel  bekannt.  Der  Ablaß,  den
damals,  1517,  Tetzel  verbreitete,  hatte  eine  besondere  Ursache.

Groß  war  im  Laufe  der  Zeiten  die  Einnahme  geworden,  die  Rom
aus  Deutschland  schöpfte  bei  Gelegenheit  der  Verleihung  von  kirchlichen
  Pfründen.  Aus  leichten  Taxen  waren  schwere  Abgaben  geworden,
  deren  Größe  oft  unwillig  empfunden  wurde.  Es  ward  üblich,
  daß  der  neu  erhobene  Bischof  oder  Erzbischof  eine  Taxe  etwa  in
der  Höhe  einer  jährlichen  Einnahme  von  seiner  neuen  Wütrde  nach
Rom  zu  schicken  hatte.  Bei  den  größeren  Stiften  wurde  die  Summe
pauschaliert,  Köln,  Mainz,  Trier  hatten  etwa  14000  Dukaten  zu
zahlen.  Trat  eine  solche  Erledigung  eines  Bistums  öfters  ein,  so
bedeutete  das  eine  starke  Belastung  desselben.  Nun  hatte  Mainz  im
Anfange  des  16.  Jahrhunderts  das  Unglück,  rasch  nacheinander  dreimal
  verwaist  zu  werden.  Als  dritter  Erzbischof  wurde  1514  Albrecht,
Bruder  Kurfürst  Joachims  I.  von  Brandenburg  gewählt,  der  seit
einem  Jahre  schon  Erzbischof  von  Magdeburg  und  Bistumsverweser
von  Halberstadt  war.  Eine  solche  Häufung  von  Pfründen  war  untersagt;
  man  machte  in  Rom  Schwierigkeiten,  die  durch  Zahlung  einer
„Komposition“  von  10000  Dukaten  überwunden  wurden;  dazu  hatte
nun  der  neue  Erzbischof  von  Mainz  noch  die  übliche  Abgabe  für  sein
Pallium  zu  leisten,  was  der  finanziell  erschöpften  Diözese  schwer  fiel.
        <pb n="18" />
        10  Martin  Luther

In  Berücksichtigung  dessen  wurde  Albrecht  für  die  Dauer  von  acht
Jahren  ein  eigener  Ablaß  bewilligt,  dessen  Erlös  zur  Hälfte  dem
Baue  der  Peterskirche,  zur  Hälfte  aber  dem  Mainzer  Säckel  zugute
  kommen  sollte.  Das  Geschäft  ging  nicht  recht.  In  den  bier
Jahren  seit  der  ersten  Verkündigung  des  Ablasses  hatten  die  Fugger,
die  Bankiers  Albrechts,  noch  wenig  eingenommen;  selbst  Tetzel,  der
geschickteste  der  Wanderprediger,  bekam  monatlich  kaum  mehr  als
300  Gulden  in  seine  „Ablaßkiste“  hinein;  er  verdoppelte  daher  seine
Bemühungen  in  der  Erfurter  Provinz  der  Diözese  Mainz,  die  ihm
zugewiesen  worden  war,  und  hier  kam  er  in  Konflikt  mit  Luther.

Die  Thesen  erregten  großes  Aufsehen  in  Wittenberg,  ihre  Kunde
verbreitete  sich  auch  an  andere  Universitäten;  in  den  Klöstern  wurde
darüber  gestritten;  das  theologische  Interesse  der  damaligen  Welt
war  aber  nicht  groß  genug,  der  Zusammenhang  der  Gebildeten  noch
nicht  genug  vermittelt,  um  etwa  aus  der  Veröffentlichung  des  jungen
Augustinermönchs  einen  Sturm  in  der  öffentlichen  Meinung  zu  erregen.
  Da  waren  es  streng  katholische  Männer  selbst,  die  den  kleinen
Funken  zum  gewaltigen  Brande  anbliesen,  der  dann  nicht  mehr  zu
löschen  war.  Zuersterhob  Tetzel  seine  Stimme;  ganz  begreiflich,  da  er
durch  Luthers  Thesen  in  seiner  Wirksamkeit  in  Thüringen  arg  geschädigt
  wurde.  Er  verfaßte  Gegenthesen  und  wurde  auf  Grund  derselben
zu  Frankfurt  an  der  Oder  zum  Doktor  promoviert;  größeren  Eindruck
machten  noch  die  Veröffentlichungen  des  gelehrten  Dr.  Johann  Eck,
Professors  in  Ingolstadt.  Von  der  Stätte,  die  einstmals  eine  der  ge—
waltigsten  Rüstkammern  der  Jesuiten  in  Deutschland  werden  sollte,
ging  die  erste  Abwehr  gegen  Luther  aus,  die  zugleich  ein  Angriff
war;  denn  Eck  verschanzte  sich  hinter  eine  Position,  die  für  einen
guten  Katholiken  uneinnehmbar  bleiben  mußte,  hinter  die  Autorität
des  Papstes.  Wenn  Luther  in  seinen  Thesen  die  Ansicht  ausgesprochen
  hatte,  der  päpstliche  Ablaß  solle  nur  auf  kirchliche  Strafen  beschränkt
  bleiben,  nicht  aber  auf  göttliche  Strafen,  das  Fegefeuer  inbegriffen,
  ausgedehnt  werden,  so  konnte  Eck  dagegen  die  entgegengesetzte
  Ansicht  der  Päpste  ins  Treffen  führen,  vor  allem  eine  Bulle
Clemens'"  VI.  aus  dem  Jahre  1343.  Auf  ein  gefährliches  Gebiet
wurde  damit  Luther  gelockt,  es  mußte  bald  für  ihn  die  Frage  entstehen,
  ob  er  seine  gegensätzliche  Meinung  vor  den  Außerungen  der
Päpste  beugen  würde  oder  nicht.  Und  im  letzten  Falle,  wieweit  er
in  der  Anzweiflung  der  Antorität  des  Papstes  gehen  würde.

In  Rom  erhielt  man  früh  im  Jahre  1518  Kenntnis  von  dem
Auftreten  Luthers,  legte  demselben  begreiflicherweise  keine  große
        <pb n="19" />
        Die  Thesen  11

men  der  römischen  Kurie,  etwa  sofort  mit  dem  Donnerkeil  gegen
Luther  vorzugehen.  Zweifellos  wußte  man  durch  Staupitz  um  den
Charakter  und  die  Art  des  Mannes;  es  war  vorteilhafter  für  die
Kirche,  wenn  es  gelang,  Luther  zur  Rücknahme  seiner  Thesen,  zum
Eingeständnis  seines  Unrechts  zu  bewegen,  als  wenn  man  ihn  sofort
  mit  Gewalt  mundtot  gemacht  hätte.  So  stellt  sich  in  der  nächsten
  Zeit  die  Politik  der  Kurie  durchaus  milde  und  entgegenkommend
dar;  1518  und  1519  verhandeln  zwei  Sendboten  Roms,  Cajetan
de  Vio  und  Karl  von  Miltitz,  mit  Luther  in  urbanster  Weise,  und
Miltitz  gelingt  es,  einen  Vergleich  mit  diesem  zu  schließen,  der  ihn
tatsächlich  mundtot  gemacht  hätte,  wenn  er  aufrichtig  gemeint  gewesen
  wärc.  Luther,  der  in  Wort  und  Schrift  seine  Ansichten  gegen
Tetzel  und  Eck  verteidigt  hatte,  versprach  zu  schweigen,  wenn  auch
feine  Gegner  schweigen  würden,  und  erklärte  sich  bereit,  einen  entschuldigenden
  Brief  an  den  Papst  zu  richten.  In  der  Ablaßsache  selbst
sollte  der  Erzbischof  von  Trier  den  Schiedsspruch  fällen.  Es  ist  sehr
die  Fragc,  ob  ein  solcher  Friede  möglich  gewesen  wäre;  ob  nicht
Luthers  Anhänger,  denn  deren  zählte  er  in  Thüringen  bereits  viele,
eigenmächtig  den  Streit  fortgesetzt  haben  würden,  endlich  ob  Luther
die  Entscheidung  des  Trierers,  die  unmöglich  zu  seinen  Gunsten  ausfallen
  konnte,  angenommen  hätte.  Es  scheint  ein  Kompromiß  gewesen
  zu  sein,  das  nur  vorübergehend  wirken  sollte,  eine  Lösung
der  Streitfrage  aber  nicht  erzielen  konnte.

Einer  der  kühnsten  Anhänger  Luthers  war  Andreas  Vodenstein,
Professor  in  Wittenberg,  genannt  Karlstadt.  Mit  diesem  verabredete
Dr.  Eck  eine  Disputation  über  theologische  Fragen,  eine  zu  jener
Zeit  beliebte  Form  von  Polemik;  in  seiner  Einladung  zu  derselben
griff  Eck  Luther  so  entschieden  an,  daß  dieser  sich  nicht  weiter  an
das  Abkommen  mit  Miltitz  gebunden  hielt  und  es  für  seine  Pflicht
crachtete,  dem  Freunde  beizustehen.  In  der  Disputation,  die  vom
27.  Juni  bis  14.  Juli  1519  in  Gegenwart  des  Herzogs  Georg  des
Bärtigen  von  Sachsen-Meißen  in  Leipzig  stattfand,  fielen  die  entscheidenden
  Worte.  Auf  die  Lehren  des  Johann  Hus  griff  man  zurück,
  und  Eck,  der  mit  weit  überlegener  Dialektik  und  Schriftkenntnis
  kämpfte,  und  dem  es  darum  zu  tun  war,  den  Gegner  zu  entlarven
  und  in  die  Enge  zu  treiben,  wußte  Luther  das  Zugeständnis
zu  entreißen,  daß  er  manche  Glaubenssätze  Hus'  für  echt  christlich
halte.  Das  brachte  ihn  in  Konflikt  mit  der  gegenteiligen  Auffassung
des  Papsttums,  damit  gab  er  zu,  daß  nach  seiner  Ansicht  das  Kon-
        <pb n="20" />
        12  Martin  Luther

stanzer  Konzil  in  der  Verdammung  Hus'  geirrt  habe,  damit  gab
er  zu,  daß  es  dem  gläubigen  Christen  möglich  sei,  anderer  Meinung
  zu  sein  als  die  Päpste  und  die  kirchliche  Lehrgewalt.  Mit
diesem  öffentlichen  Bekenntnis  hatte  sich  Luther  auf  einen  Boden
gestellt,  auf  dem  mit  ihm  nicht  mehr  zu  verhandeln  war;  gegen
einen  derartigen  Rebellen  konnte  Rom  nicht  Duldung  oder  Milde
walten  lassen.  Wohin  wäre  es  mit  dem  gewaltigen  Lehrgebäude
der  Kirche  gekommen,  wenn  jeder  einfache  Mönch  seine  abweichenden
Meinungen  ungestraft  hätte  vertreten  dürfen?  Die  Art,  in  der  dieser
Streit  sich  entwickelt  hatte,  machte  es  dem  Papste  unmöglich,  nachzugeben.
  Und  auch  Luther  war  kühner  geworden  und  hatte  es  gewagt,
  seine  Ansichten  über  Disziplin  und  Lehre  der  Kirche  fortzuentwickeln;
  mit  Gleichgesinnten,  denen  er  ausgesprochen  hatte,
was  längst  in  ihren  Herzen  gewohnt,  war  er  dazu  gekommen,  die
an  Rom  geübte  Kritik  immer  mehr  zu  erweitern.  1518  hatte  sich
ihm  ein  junger,  gelehrter,  dabei  vorsichtiger  und  kaltdenkender  Mann,
Philipp  Schwarzerd,  genannt  Melanchthon,  angeschlossen,  dessen
gründliche  Kenntnis  vornehmlich  der  griechischen  Sprache,  Luther
bei  der  Entwickelung  seiner  Ansichten  die  größte  Unterstützung  lieh.
Was  Hunderte  in  Deutschland  dunkel  gefühlt,  das  hatte  Martin
Luther  zum  erstenmal  deutsch  und  deutlich  in  Worte  gekleidet:  daß
manches  faul  im  kirchlichen  Staate  sei.  Die  Überzeugung  hiervon,
andererseits  auch  der  Eifer,  mit  dem  nicht  immer  besonnene  Anhänger
  Roms  die  bestehenden  Mißbräuche  verteidigten,  für  die  man
gewiß  nie  die  Kirche  als  Ganzes,  sondern  nur  einzelne  ihrer  mißratenen
  Söhne  verantwortlich  machen  darf,  trieben  jetzt  Luther  und
seine  Freunde  in  einen  Weg  hinein,  von  dem  keiner  ahnte,  wohin
er  führen  konnte:  keiner  von  ihnen,  am  wenigsten  Luther,  hat  ansangs
  an  eine  Trennung  von  Rom  gedacht.  Und  doch  führte  der
Weg  immer  mehr  abseits,  schon  war  Luther  für  die  Ausspendung
der  Kommunion  auch  durch  den  Kelch  an  die  Gläubigen,  den  sogenannten
  Laienkelch,  schon  war  er  für  die  Nichtigkeit  der  guten
Werke  eingetreten,  und  hatte  seine  Lehre  von  der  Heilsgewißheit
durch  den  Glauben  allein  aufgestellt;  schon  hatte  er  die  Autorität
der  Kirche,  der  Konzilien  und  des  Papstes  über  Bord  geworfeu,
schon  hatte  er  eines  der  tiefsten  Geheimnisse  der  römischen  Kirche,
das  Altarsakrament,  nach  eigener  Weise  umzudeuten  versucht:  Leib
und  Blut  Christi  waren  ihm  wirklich,  aber  nicht  erst  nach  der  Konsekration
  des  Priesters,  anwesend  in,  d.  h.  zugleich  mit  dem  Brote
und  Weine;  das  Sakrament  war  ihm  bloß  eine  Gabe,  kein  Opfer;
        <pb n="21" />
        Der  Gegensaß  zu  Rom  13

eine  Auffassung,  die  weiter  bis  zur  Umdeutung  in  ein  Symbol,  nach
der  Lehre  Calvins  und  Zwinglis  führte,  ein  Schritt,  den  freilich
Luther  niemals  getan  hat.

Eine  Partei  war  es  vor  allem  in  Deutschland,  die  Luthers  Auftreten
  mit  Jubel  begrüßte:  die  der  Humanisten;  alte  Beziehungen
wurden  erneut,  neue  gefunden;  mit  Erasmus  von  Rotterdam,  mit
Crotus  Rubianus,  mit  Franz  von  Sickingen,  Ulrich  von  Hutten
trat  der  Augustinermönch  in  Verkehr.  Alles,  was  den  Deutschen
längst  auf  der  Seele  gelastet,  über  die  Einmischung  Roms  in  die
deutschen  Verhältnisse,  über  die  starke  pekuniäre  Belastung,  wurde
jetzt  laut;  in  kühnster  Weise  wird  an  dem  Papsttum  gerüttelt,  die
Grundlagen  seiner  weltlichen  Macht  werden  angezweifelt.  Schon
1517  hatte  Hutten  die  Schrift  Laurentius  Vallas  über  die  konstantinische
  Schenkung  ins  Deutsche  übertragen  und  veröffentlicht.  In
dieser  wird  die  große  Frage  erörtert,  ob  die  ersten  Ansprüche  des
Papsttums  auf  weltlichen  Besitz  die  Folge  einer  Fälschung  seien  oder
nicht.  Und  1518  auf  dem  Reichstage  von  Augsburg  hatten  die
deutschen  Stände  energisch  Klage  geführt  über  die  willkürliche  Verteilung
  der  deutschen  Pfründen  durch  Rom,  über  die  ungeheuren
Taxen,  die  dabei  eingehoben  wurden.  Man  sieht,  vor  Luther  und
unabhängig  von  Luther  wurden  Wünsche  laut,  die  er  dann  erst
werttäthg  zu  verteidigen  verstanden  hat.  In  den  Jahren  1518  und

1519  hatte  Luther  kleinere  Abhandlungen  in  deutscher  und  lateinischer
  Sprache  veröffentlicht,  in  denen  er  seine  Ansichten  äußerte,
und  Mitte  August  1520  trat  er  mit  einer  Schrift  in  deutscher  Sprache
hervor,  die  einen  ungeheuren  Eindruck  in  ganz  Deutschland  hervorrief
  und  in  kürzester  Zeit  in  4000  Exemplaren  verkauft  wurde,  für
jene  bildungsarme  Zeit  eine  große  Anzahl.  Sie  trug  den  Titel:
„An  dencchristlichen  Adel  deutscher  Nation  von  des  christlichen  Staudes
  Besserung“.  Luther  greift  da  zuerst  die  „drei  Mauern  der  Romanisten“
  an,  die  sie  sich  willkürlich  zu  ihrem  Schutze  aufgeführt
hätten:  dap##die  geistliche  Gewalt  über  der  weltlichen  stehe,  daß  nur
der  Papst  die  Schrift  auslegen,  daß  nur  der  Papst  ein  Konzil  einberufen
  dürfe.  Er  fordert  sodann  ein  allgemeines  Konzil  zur  Abstellung
  der  Schäden  und  Irrtümer,  vornehmlich  des  übergroßen  Prunkes
  des  Papstes  und  seines  Hofes;  er  fragt,  „wozu  ist  das  Volk
nütze  in  der  Christenheit,  das  da  heißet  Kardinäle?“  Scharf  geht  er
ins  Gericht  mit  den  Geldansprüchen,  die  Rom  stellt,  und  mit  der
Art,  wie  geistliche  Amter  verliehen  werden,  wie  das  Verbot  der
Häufung  von  Pfründen  umgangen  wird;  endlich,  und  das  ist  die
        <pb n="22" />
        14  Martin  Luther

Hauptsache,  legt  Luther  in  26  Artikeln  seine  Vorschläge  zur  Besserung
  des  geistlichen  und  in  einem  27.  zur  Besserung  des  weltlichen
Lebens  dar.  Keine  Annaten  dürften  mehr  nach  Rom  gezahlt,  kein
geistliches  Amt  müßte  mehr  von  Rom  geholt,  keine  weltliche  Sache
dürfe  dorthin  gezogen,  der  Hof  des  Papstes  müsse  vereinfacht  werden;
  kein  Bischof  dürfe  mehr  so  gräßlich  bindende  Eidc  dem  Papste
leisten  und  über  den  Kaiser  Gewalt  haben,  der  Papst  solle  seine  Ansprüche
  auf  Neapel  und  Sizilien  aufgeben,  das  Fußküssen  des  Papstes
  habe  aufzuhören,  ebenso  das  Wallfahren  nach  Rom;  die  Zahl
der  Klöster  müßte  eingeschränkt  werden,  die  Zahl  derer  „die  viel
geloben  und  wenig  halten“;  die  Verehelichung  der  Geistlichen  gestattet
  werden,  Seelenmessen  und  kirchliche  Erinnerungstage  sollten  abgetan
  oder  verringert  werden,  ebenso  die  Feiertage;  die  Ehegesetze
in  bezug  auf  verbotene  Verwandtschaftsgrade  abgeändert;  die  Wallfahrtsorte
  zerstört,  Bettelei  abgeschafft,  Bruderschaften,  Ablaßbriefe
desgleichen;  mit  der  hussitischen  Lehre  müßte  man  sich  endlich  gründlich
  auseinandersectzen;  die  Universitäten  müssen  vollständig  reformiert,
  aus  einem  römischen  Kaisertum  soll  ein  deutsches  werden:
  „es  gebe  der  Papst  her  Rom  und  alles  was  er  hat  vom  Kaiserlum,
  lasse  unser  Land  frei  von  seinen  unerträglichen  Schätzen  und
Schinden,  gebe  zurück  unsere  Freiheit,  Gewalt,  Gut,  Ehre,  Leib
und  Seele  und  lasse  es  ein  Kaisertum  sein,  wie  einem  Kaisertum  gebühret,
  auf  daß  seinen  Worten  und  Vorgeben  genug  geschehe.“  Und
was  die  weltlichen  Gebrechen  betrifft,  so  rügt  Luther  den  „überschwenglichen
  Üüberfluß  und  Kostbarkeit  der  Kleidung“,  die  Spezerei
„die  auch  der  großen  Schiffe  eines  ist,  darinnen  das  Geld  aus  deulschen
  Landen  geführet  wird“,  den  Zinskauf  „das  größte  Unglück
deutscher  Nation“:  „man  müßte  wahrlich  den  Fuggern  und  dergleichen
  Gesellschaften  einen  Zaum  ins  Maul  legen“;  ferner  rügt  er
den  Mißbrauch  des  Fressens  und  Saufens;  die  allgemeine  Unkeuschheit,
  die  durch  die  vielen  Klöster  noch  vermehrt  werde:  niemand
sollte  vor  seinem  dreißigsten  Jahre  geistlich  werden  dürfen.  Er
schließt  mit  den  Worten:  „Gott  gebe  uns  allen  einen  christlichen  Verstand
  und  sonderlich  dem  christlichen  Adel  deutscher  Nation  einen
rechten  geistlichen  Mut,  der  armen  Kirche  das  Beste  zu  tun.  Amen.“

Vor  kurzem  erst,  1519,  war  dem  Reich  ein  neuer  Kaiser  erstanden,
  Karl  von  Spanien,  der  mußte  nun  bald  seinen  ersten  Reichstag
  abhalten,  und  an  Kaiser  und  Reichstag  war  in  erster  Linie
Luthers  Schrift  gerichtet,  dann  aber  an  den  gesamten  Adel  der
Deutschen  in  dem  Sinne  der  Edelsten  und  Besten  des  Volkes,  und
        <pb n="23" />
        „An  den  christlichen  Adel“  15

dabei  wird  Luther  nicht  nur  an  Fürsten  und  Ritter  gedacht  haben,
sondern  an  alle,  die  im  Reiche  Macht  hatten  und  einer  Reform  geneigt
  waren.  Es  ist  ein  gewaltiger  Ruf,  den  Luther  hier  enschallen
läßt,  ein  Ruf,  der  allenthalben  in  Deutschland  Widerhall  findet;
aus  einer  rein  theologischen  oder  dogmatischen  Frage  wird  das  Auftreten
  des  Wittenberger  Priesters  zu  einer  Frage  des  ganzen  öffentlichen
  Lebens.  Nicht  nur,  daß  er  überall  anerkannte  Mißstände
angreift  wie  Pfründenhäufung,  Amterkauf,  Ablaßkrämerei;  er  will
die  gesamte  römische  Kirche  umgestalten,  er  tritt  gegen  die  Allmacht
des  Bischofs  von  Rom  auf,  gegen  das  Kardinalskollegium,  gegen
den  ganzen  römischen  Hof  und  Beamtenstaat;  er  will  Deutschland
aus  den  Fesseln  befreien,  in  die  es  Rom  geschlagen;  er  will  eine
unabhängige  deutsche  Kirche,  eine  freie  deutsche  Nation,  einen  selbständigen
  deutschen  Kaiser  gewinnen;  er  will  die  Klöster  einschränken,
  die  Überzahl  der  Feiertage  abschaffen;  er  hat  beobachtet,  wie
sehr  viele  der  Geistlichen  in  der  Schwachheit  ihres  Leibes  im  Konkubinat
  lebten,  und  da  will  er  nicht  etwa  die  alten  Vorschriften  der
Keuschheit  wieder  durchführen  mit  ihren  Vorbedingungen  enthaltsamen
  strengen  Lebens,  er  will  im  Gegenteil  dem  Zuge  der  Zeit
Rechnung  tragen  und,  was  er  für  unvermeidlich  hält,  durch  die
Priesterehe  regeln.  Er  knüpft  an  die  hussitische  Lehre  vom  Laienkelch
wieder  an,  er  wiederholt  bei  jeder  Gelegenheit  seine  Abneigung  vor
den  unnützen  „guten  Werken“.  Aber  nicht  genug  daran,  er  will  das
soziale  Leben  vollkommen  neuordnen,  der  Bettelei  abhelfen,  die
Hochschulen  ganz  umändern,  er  macht  da  ausführliche  Vorschläge
für  die  einzelnen  Disziplinen,  gibt  die  zu  benützenden  Bücher,  den
zu  erreichenden  Lehrzweck  an;  so  sehr  ihm  zuerst  die  geistlichen
Verhältnisse  am  nächsten  gelegen  sind,  so  wendet  er  doch  seine  Aufmerksamkeit
  auch  dem  weltlichen  Leben  zu  und  gibt  vernünftige
Ratschläge  zur  Besserung  des  Lebenswandels  der  Laien.  Es  ist
eine  große  Programmschrift,  die  Martin  Luther  in  die  Welt  hinaussendet,
  er  tritt  damit  als  Reformator  des  gesamten  Lebens  auf,
eine  ungeheure  Summe  von  Vorschlägen  und  Gedanken  steckt  darin
und  daraus  ist  auch  ihr  Erfolg  zu  erklären  gewesen.  Was  viele
bis  dahin  dunkel  und  unklar  gefühlt,  das  wird  zum  ersten  Male
ausgesprochen,  eine  Partei,  wenn  man  will,  da  eingeschworen  auf
bestimmte  Grundsätze,  ein  Ziel  gesteckt,  das  zu  erreichen  des  Schweißes
  der  Edlen  wert  war.  Nicht  in  dem  Angriffe  gegen  das  Papsttum
  möchte  man  die  Hauptbedeutung  dieser  Schrift  sehen,  sondern
in  dem  zum  ersten  Male  formulierten  Programm  eines  neuen  Le-
        <pb n="24" />
        16  Martin  Luther

bens.  Damit  wächst  Luther  weit  hinaus  über  die  engen  Grenzen
seines  ersten  Auftretens  mit  den  95  Thesen,  damit  wird  seine  Bewegung
  eine  nationale  Sache,  eine  soziale  Erscheinung.  Und  darin  liegt
die  Größe  dieses  Mannes,  daß  er  zuerst  den  Mut  und  die  Fähigkeit
gehabt  hat,  solche  Fragen  aufzurollen.  Luther  hat  selbst  die  Bedeutung
  dieses  Auftretens  nicht  recht  gefühlt,  er  hat  zunächst  immer
wieder  nur  auf  die  eine  Seite  desselben  Gewicht  gelegt,  auf  den
Kampf  gegen  den  römischen  Hof,  wie  er  ihn  persönlich  kennen  gelernt
hatte,  wie  er  ihn  immer  wieder  aus  den  Klagen  der  deutschen  Stände,
aus  den  Beobachtungen  der  deutschen  Humanisten  geschildert  erhielt.
Und  noch  im  nämlichen  Monat  August  1520  schreibt  er  seine  Schrift
von  der  Babylonischen  Gefangenschaft  der  Kirche,  in  welcher  er
bereits  anfängt  recht  massiv  grob  zu  werden.  Es  ist  eine  gänzliche
Verkennung  der  Stellung  des  römischen  Papsttums,  wenn  er  noch
immer  glaubt,  dasselbe  könne  auf  seine  Vorschläge  Rücksicht  nehmen
und  mit  ihm  paktieren,  wenn  er  gleichzeitig  ein  Schreiben  an  den
Papst  richtet,  in  welchem  er  beteuert,  nichts  gegen  seine  Person  unternehmen
  und  nur  die  Mißbräuche,  die  in  seiner  Regierung  eingerissen
  seien,  bekämpfen  zu  wollen.  Die  Reformation,  die  Luther
verlangte,  konnte  nur  von  innen  heraus  entstehen,  langsam,  allmählich;
  es  war  nicht  tunlich,  alles,  worin  man  gefehlt  hatte,  offen
einzugestehen,  wollte  Rom  nicht  selbst  an  seiner  Autorität  rütteln.
Dem  Wunsche  Luthers,  diese  Fragen  auf  einem  Konzil  zu  erörtern,
  das  naturgemäß  über  dem  Papste  stehen,  ihm  seine  Entscheidungen
  aufdrängen  sollte,  konnte  man  am  Stuhle  Petri  nicht  nachgeben,
  das  hätte  unabsehbare  Folgen  für  die  Machtstellung  des
Stellvertreters  Christi  auf  Erden  mit  sich  geführt.  Auch  war  im
damaligen  Zeitpunkte  während  der  unsicheren  politischen  Lage  die
Berufung  eines  allgemeinen  Konzils  unmöglich.  Vom  katholischen
Standpunkte  konnte  Luther  nicht  mehr  als  innerhalb  der  Kirche
stehend  betrachtet  werden,  wenngleich  er  auch  noch  lange,  bis  1524,
das  Habit  des  Augustinerordens  krug  und  sich  als  Glied  der  katholilischen
  Kirche  betrachtete;  es  war  nur  folgerichtig,  wenn  am  3.  Januar
  1521  eine  Bannbulle  gegen  Luther  erlassen  wurde,  nachdem
bereits  früher,  am  15.  Juni  1520,  41  seiner  Glaubensartikel  als
ketzerisch  bezeichnet  worden  waren.

Betrachtete  aber  Luther  sich  als  rechtgläubiges  Glied  der  katholischen
  Kirche  und  als  Vertreter  des  reinen  Christentums  den  Irrungen
  des  römischen  Papstes  gegenüber,  dann  lag  der  weitere  Schritt
nahe,  daß  er  den  Papst  nicht  mehr  als  rechtgläubig  ansah,  sondern
        <pb n="25" />
        Der  Reichstag  zu  Worms  17

–  —  —  —  —  —  -

ihn  als  größten  Feind  und  Schädling  der  Kirche  hinstellte,  ihn
geradezu  als  Antichrist,  als  Teufel  behandelte,  dessen  Anordnungen
nicht  die  leiseste  Verbindlichkeit  mehr  für  ihn  haben  konnten:  am
10.  Dezember  1520  wurde  in  Wittenberg  feierlich  die  erste  Bulle
verbrannt,  der  Krieg  zwischen  beiden  Mächten,  dem  Heiligen  Vater
und  dem  Mönche  war  erklärt;  es  frug  sich,  wer  den  Sieg  davontragen
werde?  Es  ist  eine  ungeheure  Erscheinung,  daß  in  einem  Zeitraume
von  knapp  drei  Jahren  der  Wittenberger  Mönch  zu  solcher  Bedeutung
  emporwachsen  konnte;  das  war  nur  möglich,  wir  wiederholen
es,  weil  die  Zeit  in  ihm  ihren  Vertreter,  das  Werkzeug  und  den
Träger  des  großen  Reformgedankens  sah:  Luther  ist  zur  Inkarnation
  der  religiösen  und  sozialen  Bewegung  geworden,  die  an  der
Pforte  der  neuen  Zeit  steht.

Wie  werden  sich  nun  die  Vertreter  der  weltlichen  Macht  dazu
stellen,  der  Kaiser,  die  Fürsten,  die  Bürger  und  Bauern,  wie  selbst
die  katholischen  Geistlichen,  hohe  und  niedrige?  Eine  kurzgefügte  Geschichte
  der  nächsten  fünfunddreißig  Jahre  soll  darauf  Antwort  geben.

Die  Bewegung  war  umfänglich  genug  geworden,  um  die  Fürsten
Deutschlands  zu  veranlassen,  die  Forderung  aufzustellen,  es  solle
auf  dem  nächsten  Reichstage  über  Luther  abgeurteilt  werden.  Wie
bereits  erwähnt,  mußte  ein  solcher  bald  zusammentreten,  eben  war
Kaiser  Karl  V.  auf  der  Fahrt  nach  Deutschland  begriffen;  in  Worms,
der  alten  Nibelungenstadt  am  Rheine,  sollte  die  Tagung  stattfinden.
Dorthin  wurde  nun  auch  Luther  vorgeladen,  um  sich  angesichts
des  Kaisers  und  der  Stände  zu  rechtfertigen,  denn  Luthers  Vergehen
ist  im  Sinne  der  Zeit  auch  als  ein  staatliches  angesehen  worden,
so  eng  waren  Staat  und  katholische  Kirche  miteinander  verknüpft.

Auf  dem  Reichstage  zu  Worms  trat  zum  erstenmal  der  junge  Kaiser
  auf.  In  den  Niederlanden  erzogen,  an  Spanien  gewöhnt,  letzteres
  Land  seiner  ganzen  Neigung  zufolge  als  eigentliches  Vaterland
  betrachtend,  stand  er  dem  deutschen  Wesen,  den  deutschen  Verhältnissen
  ganz  fremd  gegenüber.  Einem  solchen  Appell,  wie  ihn
Luther  in  seiner  berühmten  Schrift  an  ihn  gerichtet  hatte,  wie  er  ihn
später  noch  eindringlicher  und  schärfer  wiederholt  hat,  ein  nationales
  Kaisertum  mit  nationaler  Kirche  zu  gründen,  mußte  sich
Karl  V.  unbedingt  versagen,  da  er  nicht  das  leiseste  Verständnis  dafür
  haben  konnte.  Er  betrachtete  Deutschland  als  einen  Teil  seines
weiten  Reiches,  von  dem  ihm  die  größte  Ehre  kam,  da  er  davon  den
Kaisertitel  trug,  der  ihn  über  alle  Monarchen  der  Erde  überhob;
er  hoffte  in  ihm  auch  jenen  Teil  seines  Reiches  zu  finden,  der  ihm

ANuG  123:  Weber,  Von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2  Aufl.  2
        <pb n="26" />
        18  Martin  Luther

für  seine  weltumfassenden  Pläne  die  meisten  Machtmittel  gewähren
würde.  Denn  ein  universeller  Politiker  war  Karl,  und  da  ihm  nebst
einem  nicht  geringen  Stücke  des  alten  Kontinents  ein  neuer  Weltteil
  in  den  Schoß  gefallen  war,  sind  es  Weltpläne  gewesen,  die  der
Geist  des  ehrgeizigen  Habsburgers  umfaßte.  Rasch  hat  er  die  österreichischen
  Erblande,  die  bald  darauf  die  schwere  Pille  Böhmen  und
Ungarn  schlucken  und  verdauen  mußten  und  darob  vorerst  unfruchtbar
  geworden  sind,  aus  seinem  unmittelbaren  Bereiche  ausgeschaltet
und  seinem  jüngeren  Bruder  Ferdinand  anvertraut.  Geld  und  Soldaten
  waren  es,  die  er  immer  wieder  von  den  Ständen  seiner  verschiedenen
  Länder  verlangte;  seine  habsburgische  Familienpolitik
wird  zugleich  Weltpolitik,  als  er  im  Kampfe  um  Neapel,  um  Mailand,
  um  Burgund  den  französischen  Gegner  trifft,  der  seit  dem
letzten  Jahrzehnte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  eine  große,  vornehmlich
  auf  Italien  gerichtete  Expansionspolitik  treibt.  Wie  hätte
dieser  Kaiser  sich  da  auf  ein  deutsches  Fürstentum  beschränken,  wie
vor  allem  von  der  katholischen  Kirche  sich  lossagen  können,  was
ihn  in  Gegensatz  zu  seinen  spanischen,  seinen  italienischen  Untertanen
  gesetzt  hätte?  Ahnungslos  kam  der  Kaiser  über  die  Alpen  gezogen,
  ohne  Verständnis  vernahm  er  vom  Auftreten  Luthers;  er
hat  Luther  und  seine  Lehre  benützt,  wo  sie  seinem  politischen  Zwecke
dienen  konnten,  von  der  sozialen  Bedeutung  des  Mannes  und  seines
Werkes  hat  er  nie  eine  Ahnung  gehabt.  Jedenfalls  durfte  ihn  aber
der  Mönch  nicht  eine  Minute  in  seinem  großen  Lebenswerke,  ein
absoluter,  universeller  Herrscher  zu  werden,  aufhalten,  verachtungsvoll
  ging  er  über  sein  Erscheinen  zur  Tagesordnung  über.  „Der  soll
mich  nicht  zum  Ketzer  machen“,  war  sein  wegwerfendes  Urteil  und
das  Wormser  Edikt  sollte  die  von  Luther  entfachte  Bewegung  mit
einem  Tritte  zertreten.  Luther  wird  in  Reichsacht  getan,  er  soll
aus  der  Reihe  der  Lebenden  ausgelöscht  werden.  Überzeugt  von  der
Wirksamkeit  dieser  Verordnung,  von  der  Endgültigkeit  seines  Urteils,
  zog  der  Kaiser  aus  Deutschland  weiter  in  die  Niederlande.
Luther,  dessen  Auftreten  zu  Worms  zuerst  selbst  seine  Freunde  enttäuscht,
  der  aber  bald  seine  knorrige,  widerstandslustige  Männlichkeit
  gefunden  hatte,  entwich  von  Worms  und  begab  sich  auf  die
Wartburg,  wo  er  ohne  Wissen  selbst  vertrautester  Freunde  in  tiefster
Zurückgezogenheit  abwarten  wollte,  was  die  nächsten  Monate  bringen
  würden.  Es  ist  sicher,  daß  er  von  den  berühmten  Worten:
„Hier  stehe  ich,  ich  kann  nicht  anders,  Gott  helfe  mir“  in  Worms
nur  die  letzten  drei  gesprochen  hat;  diese  Umänderung  ist  noch  im
        <pb n="27" />
        Kaiser  Karl  V.  159
selben  Jahre  1521  geschehen;  man  darf  daran  nicht  vorübergehen:
der  Umdichtung  liegt  die  Tatsache  zugrunde,  daß  man  bereits
ein  unbekanntes  Gefühl  bekommen  hatte  von  der  „Mission“  des
Mannes.

Damals,  1521,  mußte  es  sich  weisen,  ob  sein  Werk  nur  an  seine
Person  geknüpft  war,  ob  man  durch  einen  Achtspruch  des  Reichstages
  mit  beiden  fertig  wurde,  oder  ob  es  auch  ohne  ihn  fortleben
würde.  Es  hat  die  Feuerprobe  bestanden,  das  Wormser  Edikt  ist
niemals  ausgeführt  worden.

Gleich  nach  der  Abreise  aus  Deutschland  ist  Karl  V.  in  seinen
ersten  großen  Krieg  mit  Franz  I.  von  Frankreich  verwickelt  worden,
zunächst  um  den  Besitz  von  Burgund  und  Mailand.  An  diesen
Kämpfen  nahmen  außerdem  noch  England,  dann  italienische  Mächte,
wie  Venedig,  der  Papst,  teil,  nicht  immer  alle  zusammen  und  nicht
immer  auf  derselben  Seite;  kaum  jemals  ist  politische  Treue  kurzlebiger
  gewesen  als  damals.  Die  Politik  hat  auch  Einfluß  genommen
  auf  die  Entwickelung  der  Dinge  in  Deutschland.  Karl  war  viel
zu  sehr  in  der  alten  katholischen  Richtung  auferzogen  worden,  um
nicht  die  Angriffe  Luthers  und  seiner  Anhänger  gegen  das  römische
Lehrgebäude,  gegen  die  römische  Disziplin  zu  verwerfen,  überdies.
war  ihm  jeder  frondierende  Geist,  jede  selbständige  Regung  seiner
Untertanen  unbequem.  Er  fühlte  aber  bald  heraus,  wie  bedeutsam
diese  neue  Bewegung  für  die  Macht  des  Papsttums  geworden  war,
und  wie  er  durch  Unterdrückung  oder  Unterstützung  des  „reinen
Evangeliums“  den  Papst  erfreuen  oder  demütigen  konnte.  Und
so  wird  seine  Haltung  gegen  den  Protestantismus  immer  mehr  ein
Widerspiel  gegen  die  politische  Stellung  der  Päpste  im  großen  europäischen
  Staatengefüge.  Auf  dem  Reichstage  von  1526  zu  Speyer,
als  Karl  V.  und  Clemens  VII.  erbitterte  Gegner  sind,  wird  erklärt,
jeder  Stand  möge  sich  halten,  wie  er  es  vor  seinem  Gewissen  rechtfertigen
  könne:  eine  offenbare  Duldung  der  neuen  Lehre.  Drei
Jahre  später,  1529,  wiederum  in  Speyer,  ist  die  Sachlage  eine
andere,  Kaiser  und  Papst  haben  Frieden  gemacht,  nun  wird  das
Wormser  Edikt  wieder  hergestellt  und  seine  Befolgung  verlangt,  doch
sollte  die  neue  Lehre  überall  dort  geduldet  sein,  wo  und  soweit  sie
bestand,  ebenso  die  katholische.  Aber  letzteres  wollten  die  Anhänger
Luthers  nicht  zugeben,  vor  allem  nicht,  daß  auf  ihrem  Gebiete  die
Messe  gelesen  werde.  Sie  protestieren  dagegen,  daher  ihr  Name:
Protestanten.  Auf  dem  großen  Reichstage  von  1530  zu  Augsburg

wird  die  Frage  aufs  neue  aufgerollt.  Nun  haben  die  Protestanten
½ß
        <pb n="28" />
        20  Martin  Luther

ein  Lehrgebäude  fertiggestellt,  die  Augsburger  Konfession:  ihre
Lehre  wird  verdammt.  Karl  V.  hat  aber  nicht  die  Macht,  den  Siegeszug
  derselben  aufzuhalten,  er  hat  große  Schwierigkeiten  mit  den
Ständen  Spaniens,  ungerne  muß  er  seine  Pläne  auf  Burgund  zurückstellen;
  die  der  neuen  Lehre  anhängenden  Fürsten  und  Städte
haben  sich  zu  einem  Bunde,  dem  Schmalkaldischen,  vereint,  überdies
  werden  die  habsburgischen  Länder  von  einer  furchtbaren  Türkengefahr
  bedroht,  es  erscheint  als  zweckmäßig,  durch  Ferdinand,
1532  zu  Nürnberg,  einen  vorläufigen  Frieden  schließen  zu  lassen,
der  den  Protestanten  für  kurze  Zeit  Duldung  zusicherte  und  zugleich
eine  Forderung  derselben  annahm,  die  der  römischen  Kurie  äußerst
unwillkommen  war:  die  Berufung  eines  freien  deutschen  Konzils
zur  Schlichtung  des  Streites.  Es  ist  zu  beachten,  daß  nicht  mehr
ein  allgemeines  Konzil,  sondern  ein  deutsches  über  diese  deutsche
Frage  entscheiden  sollte  —  eine  Forderung,  die  der  universellen
Stellung  Roms  (katholisch  soviel  wie  allgemein)  grundsätzlich  widersprach.
  Dazu  kommt  es  nicht,  es  bleibt  bei  der  stillschweigenden  Duldung,
  die  im  Frankfurter  Anstand  von  1544  wiederholt  wird.  Jetzt
hat  aber  Karl  V.  endgültig  zu  Crépy  Frieden  mit  Frankreich  gemacht,
  die  Türkengefahr  ist  geschwunden,  unter  die  deutschen  Protestanten
  ist  Zwietracht  und  Gegensatz  gekommen,  einen  der  bedeutendsten
  ihrer  Führer  hat  Karl  für  sich  gewonnen,  den  ehrgeizigen
Moritz  von  Sachsen.  So  meint  nun  der  Kaiser  die  Parteiung  in
Deutschland,  die  seinen  unumschränkten  Herrscherwünschen  Schranken
  auferlegt,  niederwerfen  zu  können,  zugleich  damit  seine  Pflicht
als  Katholik  zu  tun,  auch  eine  Sühne  zu  leisten  für  sein  Vorgehen
gegen  Rom  —  man  denke  an  die  Erstürmung  und  Plünderung  der
cwigen  Stadt  durch  ein  kaiserliches  Heer  1527.  Bevor  aber  noch
der  Kaiser  losschlug  und  den  Kampf  eröffnete,  der  ihm  zunächst  den
Sieg,  endlich  aber  im  Augsburger  Religionsfrieden  eine  Niederlage
gebracht  hat,  ist  Luther  gestorben.  Man  wird  aus  diesem  kurzen
üÜberblick  ersehen  haben,  wie  fruchtlos  jedes  Bemühen  blieb,  den
entfachten  Brand  zu  löschen,  und  wie  die  Anhänger  der  neuen  Lehre
von  Duldung  zur  Anerkennung  schritten;  man  wird  auch  erkennen,
wie  Karl  V.  diese  Frage  oft  vom  politischen  Standpunkte  betrachtet
hat  und  betrachten  mußte.  Dazu  hat  ihn  die  ungeschickte  Politik
des  Papstes  Clemens  VII.  und  die  Haltung  der  deutschen  Fürsten
gedrängt.  Ersterer,  anstatt  in  so  gefährdetem  Augenblicke  mit  der
kaiserlichen  Macht  sich  zu  verbinden,  trieb  französische  Politik;  die
anderen  haben  nicht  eingesehen,  daß  die  Abwehr  der  Türken  nicht
        <pb n="29" />
        Der  Protestautismus  und  der  Fürstenstand  21
nur  im  Interesse  der  Habsburger,  sondern  in  dem  ganz  Deutschlands
  lag.  Steht  aber  das  oberste  Haupt  des  Reiches  dem  Gären  und
Drängen  kühl  gegenüber,  so  finden  wir  im  deutschen  Fürstenstand
bald  die  entschlossensten  Anhänger  Luthers,  aus  Gründen,  die  leicht
zu  ersehen  sind.  Die  Frage,  welche  Macht  die  vornehmste  ist,  die
geistliche  oder  die  weltliche,  war  im  Mittelalter  zugunsten  der  ersteren
  entschieden  worden.  Luther  hat  laut  und  vernehmlich  das  Gegenteil
  ausgesprochen  und  dieser  Ansicht  zum  Siege  verholfen.  Wie
er  schon  1520  geschrieben  hatte,  es  dürfe  kein  Bischof  über  dem
Kaiser  stehen,  so  hat  er  auch  später  geredet  und  gelehrt;  die  ganze
Fülle  der  weltlichen  Macht,  die  der  Kirche  innewohnte,  wollte  er
den  weltlichen  Fürsten  zurückgeben  und  die  Geistlichen  nur  auf  ihr
geistliches  Amt  beschränken.  Wir  erinnern  uns,  daß  in  seiner  „Besserung
  des  christlichen  Standes“  auch  Universitätsbildung  und  Bettelei
  zu  den  geistlichen  Punkten  gehört  hatten,  alles  das:  Unterricht,
Wohltätigkeit,  Armenpflege  wurde  nun  säkularisiert  und  —  nicht
immer  zum  Vorteil  der  Sache  —  der  weltlichen  Gewalt  übergeben.
Noch  weiter  ging  Luther;  als  er  daran  dachte,  seine  neuen  Kirchenordnungen
  einzurichten,  hätte  er  gerne  die  bischöfliche  Ordnung  beibehalten,
  wie  das  dann  später  beispielsweise  in  England  geschehen  ist;
da  sich  ihm  die  Bischöfe  aber  versagten  und  er  auch  diesen  Zusammenhang
  mit  dem  Papismus  ein  wenig  fürchten  mochte,  ergriff
er  den  Ausweg,  die  Fürsten  selbst  als  „Notbischöse“  zu  Oberen  des
geistlichen  Lebens  in  ihren  Staaten  zu  machen,  ein  Ausweg,  der
von  ihnen  gerne  angenommen  wurde,  da  er  ihre  Macht  ungeheuer
erhöhte.  Hatte  bis  dahin  der  Fürst  in  seinem  Lande  die  Gewalt
mit  den  Dienern  Roms  teilen  müssen,  so  wird  er  jetzt  unumschränkter
Herr  über  Körper  und  Seele  seiner  Untertanen  und  noch  mehr,  die
reichen  Besitztümer  der  römischen  Geistlichkeit  werden  seine  Beute,
denn  geistliche  Fürsten,  reiche  Klöster,  fürstlich  ausgestattete  Domkapitel
  haben  keinen  Platz  in  der  neuen  lutherischen  Hierarchie,  die
nur  Vertreter  eines  rein  geistlichen  Amtes  kennt;  die  Einkünfte  der
Bischöfe,  Domherren,  der  Stifter,  sie  werden  Landesgut,  nach  damaligen
  Begriffen  das  Eigentum  des  Fürsten.  Und  die  großen  Abgaben,
  die  bisher  aus  den  katholischen  Ländern  nach  Rom  geflossen
waren,  sie  hörten  auf,  auch  sie  blieben  im  Lande  und  vermehrten  seinen
  Wohlstand.  Fürwahr,  so  verlockend  war  dieser  Zuwachs  an
Reichtum  und  Macht  für  den  Fürstenstand,  daß  man  sich  nicht  zu
wundern  braucht,  wenn  so  viele  seiner  Vertreter  der  neuen  Lehre  sich
zuneigten.
        <pb n="30" />
        2  Martin  Luther.

n  —  —  —  ———.  —  —  —

Es  muß  gesagt  werden,  und  das  gilt  auch  für  die  anderen  Stände,
daß  viele  Persönlichkeiten  im  Reiche  gewiß  nur  aus  religiösen  Grün—
den  dem  „reinen  Evangelium“  nachgefolgt  sind,  daß  aber  zum  großen
  Teile  es  recht  weltliche  Erwägungen  und  Empfindungen  waren,
die  zum  Abfall  von  Rom  geführt  haben.  Der  gläubige  Katholik,
der  es  damals  mit  seinem  Glauben  ernst  nahm,  hatte  einen  starken
Zoll  seiner  Kirche  zu  leisten:  an  Andachtsübungen,  Fasten,  guten
Werken  aller  Art;  um  wie  vieles  einfacher  gestalteten  sich  die  Anforderungen
  des  neuen  Glaubens,  der  nichts  mehr  von  der  Messe,
der  Beichte,  dem  Fasten,  dem  Wallfahren  wußte.  Und  manche,  die
etwa  früher  ihrer  Bequemlichkeit  hatten  Zügel  schießen  lassen,  fanden
  sich  doch  jetzt  mehr  mit  ihrem  Gewissen  eins,  wenn  sie  in  gesetzlicher
  Form  bequem  sein  durften.  Wer  aber  das  Bedürfnis  spürte,
mit  der  Gottheit  Zwiesprache  zu  halten,  dem  mochte  der  deutsche
Gottesdienst,  den  Luther  einführte,  die  deutsche  Bibel,  die  er  einbürgerte,
  ebenfalls  mehr  behagen  als  die  lateinische  Liturgie  der  katholischen
  Kirche.  Die  Heilige  Schrift  wurde  nun  ein  Erbauungsbuch
  des  Deutschen,  und  wenn  auch  in  der  Flut  der  theologischen
Fragen,  die  aufgewühlt  wurde,  viel  Edles  und  Frommes  unterging,
so  hat  damals  und  später  mancher  Christ  aus  dem  heiligen  Buche
Erbauung  und  Erquickung  geschöpft.  Und  in  der  Predigt,  die  jetzt
ganz  anders  gepflegt  und  gehegt  wurde,  in  dem  Kirchenliede  (1521.
entstand:  Eine  feste  Burg  ist  unser  Gott),  das  Luther  in  herzerhebender,
  poetischer  Weise  ausbildete,  fanden  er  und  seine  Nachfolger
gleichfalls  ein  Mittel,  auf  die  Menschenherzen  einzuwirken,  das  der
römischen  Kirche  verloren  gegangen  war.  Das  gemütvolle  Einwirken
  des  Geistlichen  auf  die  Weltlichen  wurde  außerordentlich  gesteigert
  —  eine  große  Lehre,  die  vor  allem  dann  der  Jesuitenorden
beherzigt  hat.  Man  darf  den  Einfluß  nicht  übersehen,  den  damals
die  Gottesgelahrtheit,  das  Bibelstudium,  mit  einem  Male  auf  das
öffentliche  Leben  nahm;  bisher  das  Eigentum  einer  exklusiven  Gesellschaft
  gewesen,  steigt  jetzt  die  hehre  Theologie  auf  den  Markt
hinab,  sie  gesellt  sich  dem  Bürger  auf  die  Bierbank,  sie  begleitet
ihn  in  die  Kemenate,  die  Hohen  und  Geistreichen  finden  ein  neues
Kampfspiel  in  den  Disputationen,  in  den  Religionsgesprächen,  die
in  den  nächsten  Jahrzehnten  immer  wieder  die  gelehrte  Welt  erfüllen;
  die  menschliche  Kritik  bekommt  einen  gewaltigen  neuen  Stoff
zum  Verarbeiten;  das,  im  Vereine  mit  der  Erneuerung  der  antiken
  Welt,  mit  den  neuen  Gedanken  des  Humanismus,  mußte  eine
so  ungeheuere  Fülle  von  Ideen,  Anschauungen,  Empfindungen  zei-
        <pb n="31" />
        Der  Protestantismus  und  die  auderen  Stände  23

tigen,  daß  man  es  begreifen  kann,  wenn  Ulrich  von  Hutten  1  mit
Begeisterung  ausgerufen  hat:  „Es  ist  eine  Lust  zu  leben!“

Der  niedere  Adel  hat  sich  ebenfalls  mit  Energie  der  Bewegung
angeschlossen,  er  spürte  das  Revolutionäre  derselben  und  erhoffte  in
anderen  Lebensbedingungen  auch  ein  neues  Feld  für  seine  Tätigkeit
zu  finden;  er  wird  aber  enttäuscht.  Sickingen  und  Hutten  verstarben
  rasch  nacheinander  und  Luther  selbst,  der  immer  in  seiner  Wirksamkeit
  nur  das  Konservative  empfindet,  das  Anknüpfen  an  das
alte  apostolische  Leben,  an  die  Reinheit  des  alten  Evangeliums,  der
immer  wieder  von  der  Gehorsamspflicht  gegen  die  Obrigkeit  redet,
war  der  erste,  der  jede  revolutionäre  Erhebung  dämpfte.  Er  kann
es  aber  nicht  verhindern,  daß  in  den  Städten  doch  vielfach  Bewegung
  um  sich  greift;  lutherisch  gewordene  Geschlechter  verbinden
sich  gegen  katholisch  gebliebene  mit  dem  Volke,  oft  erzwingen  die
Zünfte  und  die  außerhalb  stehenden  Handwerker  Reformen  in  der
Zusammensetzung  des  Rates,  es  geht  ein  demokratischer  Zug  durch
die  deutschen  Städte,  der  nun  seinerseits  der  neuen  Lehre  neue  Anhänger
  zuführt.

Endlich  der  Bauernstand.  Jahrzehntelang  war  ein  Umsturz  des
als  unerträglich  befundenen  Bestehenden  vorbereitet  worden;  im
stillen  hatten  sich  in  Schwaben  und  in  Franken,  wo  der  Bauer  durch
die  hier  besonders  zahlreichen  kleinen  Edlen  am  meisten  zu  leiden
hatte,  Zusammenschlüsse  von  Unzufriedenen  gebildet,  der  „Bundschuh“,
  der  „Arme  Konrad“,  die  nur  eine  günstige  Gelegenheit  zum
Losbruch  erwarteten.  Auch  diese  ließen  sich  durch  das  Revolutionäre
in  Luthers  Auftreten,  namentlich  durch  den  aufreizenden  Ton  in
seinen  Predigten  und  Schriften  verleiten,  1525  loszubrechen;  auch
sie  sahen  sich  enttäuscht,  denn  der  Reformator  wollte  mit  ihnen
nichts  zu  tun  haben;  in  drei  Schriften,  in  der  „Ermahnung  zum
Frieden“,  „Wider  die  mörderischen  Rotten  der  Bauern“  und  im
„Sendbrief  von  dem  harten  Büchlein  wider  die  Bauern“  trat  er
gegen  sie  auft  Die  soziale  Revolution,  die  damals  Deutschland  ergriffen
  hatte  —  ihr  Programm  sind  die  zwölf  Artikel  der  Bauern  —
und  die  mit  der  ganzen  Roheit  der  Zeit  mit  Mord  und  Brand  auftrat,
  mißlang;  den  Rittern  und  Städtern  erlagen  die  schlecht  ausgerüsteten
  und  schlecht  beratenen  Bauernscharen;  in  wenige  Monate
zusammengedrängt  sind  Anfang  und  Ende  dieser  Tragödie,  deren
blutige  Folgen  nun  geradezu  vernichtend  auf  den  Bauernstand  zurückfielen.
  Jede  Revolution,  die  mißlingt,  verschlimmert  das  Los
derer,  die  sie  unternommen  haben,  und  wenn  bedeutende  Gelehrte
        <pb n="32" />
        24  Martin  Luther

ÔÚe  Ô  —  —

gefolgert  haben,  daß  die  Lage  der  deutschen  Bauern  infolge  der
Reformation  eine  viel  schlechtere  und  sittlich  verkommenere  geworden
  sei,  als  vorher,  so  haben  sie  wohl  richtig  beobachtet,  sich  aber
über  den  Grund  der  Erscheinung  getäuscht;  nicht  deshalb  wird  die
Lage  des  Bauernstandes  schlechter  in  Deutschland,  weil  er  der  Reformation
  sich  angeschlossen  hat,  sondern  weil  die  Reformation  sich
ihm  in  gefährlicher  Stunde  versagt  hat,  ihr  Schicksal  nicht  dem  seinen
verknüpfen  und  mit  ihm  nicht  untergehen  wollte.

Was  die  Geistlichkeit  anbelangt,  so  empfand  sie  vor  allem  ebenfalls
  den  revolutionären  und  demokratischen  Zug  der  Reformation;
sie  bekam  das  Recht  zu  heiraten,  sie  bekam  auch  das  Recht,  menschenwürdig
  zu  leben,  denn  die  lutherische  Kirchenverfassung  sah
streng  darauf,  daß  die  Gemeinde  für  den  Unterhalt  ihres  Pfarrers
sorgte,  und  wenn  er  auch  dadurch  nicht  immer  gedieh  und  des  öfteren
in  starke  Abhängigkeit  zu  seiner  Gemeinde  geriet,  so  war  das  doch
etwas  anderes  als  das  frühere  Hungern  und  Darben  der  niederen
katholischen  Klerisei.  Freilich  blieb  das  oft  nur  Theorie  und  sah  in
Wirklichkeit  recht  anders  aus.  Aber  auch  die  hohe  Geistlichkeit  fand
so  viele  Vorteile  in  der  neuen  Lehre,  daß  auch  sie  sich,  undankbar
genug,  ihr  zahlreich  anschloß;  viele  zogen  es  vor,  ihr  weltliches
Treiben,  den  Verkehr  mit  Frauen,  die  Unabhängigkeit  von  Rom,  die
selbständige  Stellung  eines  säkularisierten  Fürsten  auf  gesetzlichem
Wege  festzuhalten,  um  das  Opfer  des  einen  Schrittes,  des  Abfalles
von  Rom,  der  freilich  nichts  Geringeres  war  als  ein  Akt  der  Felonie,
  der  Bruch  eines  heiligen  Eides.  Doch  das  sittlich  Verwerfsliche
  dessen  empfanden  jene  aufgeregten  Kreise  wohl  weniger.

So  ist  es  gekommen  und  so  ist  es  zu  begreifen,  wenn  in  Nordund
  Ostdeutschland,  wenn  im  Herzen  des  Reiches  Fürsten  und  Städte,
Ritter,  Bürger  und  Bauern  in  einer  unerhörten  Weise  vom  alten
Glauben  abfielen  und  der  neuen  Lehre  huldigten,  wenn  im  Laufe
des  sechzehnten  Jahrhunderts  Sachsen  und  Preußen,  Brandenburg
und  der  größte  Teil  der  welfischen  Lande,  die  österrreichischen  Erblande
  und  Ungarn,  das  Württembergische  und  die  Schweiz  die  Reformation
  annahmen;  wenn  der  neue  Glaube  Skandinavien  und
England  eroberte,  in  Frankreich  eindrang  und  selbst  bis  nach  Spanien
  und  Italien  seine  Schatten  warf;  wenn  es  bald  protestautische
  Erzbischöfe  und  Bischöfe  gab,  die  ihr  geistliches  Amt  unter
weltlicher  Flagge  ruhig  weiter  behielten;  wenn  in  Bayern  nur  mühsam
  der  alte  Glaube  geschützt  wurde,  wenn  auch  am  Rhein  in  die
Pfaffengasse  des  Heiligen  Römischen  Reiches  das  Luthertum  ein-
        <pb n="33" />
        Luther  auf  der  Wartburg  25
brach,  wenn  die  drei  weltlichen  Kurfürsten  —  Böhmen  zählte  da—
mals  nicht  mit  —  Pfalz,  Sachsen  und  Brandenburg  protestantisch
wurden  und  es  nur  mit  Mühe  zu  zweien  Malen  verhindert  wurde,
daß  auch  von  den  geistlichen  Kurfürsten  Mainz,  Köln  und  Trier  der
mittlere  von  Rom  abfiel.  Es  kam  die  Zeit,  wo  fast  sieben  Achtel
des  Reiches  den  neuen  Glauben  angenommen  hatten  und  auf  den
Reichstagen  auf  der  Kurfürstenbank  Stimmengleichheit  herrschte,  auf
der  Bank  der  weltlichen  Fürsten  und  in  der  Gruppe  der  Städte  die
Protestanten  nahezu  die  Mehrheit  hatten.  Eine  völlige  Berdrängung
des  Katholizismus  aus  Deutschland  schien  unvermeidlich.

Wir  sind  weit  vorangeeilt;  es  gilt  den  Schritt  zurückzulenken
und  zu  sehen,  wie  Luthers  Lebensgang  verlaufen  ist  von  dem  Tage
an,  da  er  seinen  Bart  wachsen  ließ,  weltliche  Tracht  anlegte,  um
als  Junker  Georg  auf  der  Wartburg  in  stiller  Sicherheit  zu  hausen
  und  die  Wendung  der  Zeit  in  einem  kritischen  Momente  abzuwarten,
  da  sich  der  Kaiser  und  scheinbar  auch  das  Reich  von  ihm
abgewandt  hatten.  Nicht  ganz  elf  Monate  dauerte  sein  Aufenthalt
in  den  grünen  Wäldern  Thüringens;  in  emsiger  literarischer  Beschäftigung
  verbrachte  er  die  Zeit,  die  „Kirchenpostille“  wurde  damals
  verfaßt,  vor  allem  übersetzte  er  das  Neue  Testament  aus  dem
Urtexte  ins  Deutsche,  zwölf  Jahre  später  wurde  auch  das  Alte  Testament
  fertig.  Schwere  Mühe  hatte  sich  Luther  mit  diesem  Buche
gegeben  und  damit  ein  Werk  geschaffen,  das  als  Merkzeichen  in  der
Entwickelung  der  deutschen  Sprache  dasteht.  Mit  heißem  Bemühen
hat  Luther  versucht,  die  Sprache  des  Volkes  zu  erkennen,  um  sinnund
  wortgetreu,  dabei  volksverständlich  zu  übersetzen;  er  hat  selbst
gesagt,  daß  er  den  Leuten  auf  der  Gasse  und  bei  der  Arbeit  „aufs
Maul  geschaut“  habe,  um  den  richtigen  Ausdruck  zu  finden;  das
Oberdeutsche  siegt  mit  diesem  Buche  über  das  Niederdeutsche,  es
wird  zur  Schriftsprache.  Was  durch  Ehcke  von  Repgowe  1230  im
Sachsenspiegel  vorbereitet,  durch  Johann  von  Neumarkt  ein  Jahrhundert
  später  in  der  Kaiserlichen  Kanzlei  Karls  IV.  zu  Prag  fortgesetzt
  worden  war:  das  mundartliche  Kompromiß,  der  Übergang
zur  Schriftsprache,  das  hat  nun  Luther  ins  Volk  getragen  und  vervollständigt.


Neben  dieser  Tätigkeit,  die  er  inmitten  starker  Anfechtung  seines
heißen  Blutes  vollbrachte,  das  ihm  mancherlei  Visionen  vorgaukelte
  —  der  Teufel  hat  im  damaligen  Leben  eine  große  Rolle  gespielt
  —,  hat  er  die  Zeichen  der  Zeit  nicht  verkannt  und  besonders
an  dem  Treiben  seiner  Anhänger  nicht  immer  Gefallen  gefunden.
        <pb n="34" />
        26  Martin#  Luther

Denn  allein,  ohne  Aussicht  geblieben,  sind  die  radikalsten  seiner
Schüler,  vor  allem  Karlstadt,  tonangebend  geworden  und  haben
gründlich  aufgeräumt  mit  den  Einrichtungen  der  katholischen  Kirche.
Die  Messe  ward  abgeschafft,  das  Zölibat,  desgleichen  das  Mönchswesen.
  Es  wurde  geradezu  als  Prüfstein  für  die  rechte  Gesinnung
gefordert,  an  den  katholischen  Fasttagen  Fleisch  zu  essen,  gefordert,
daß  die  Geistlichen  sich  Weiber  nahmen;  ein  heftiger  Sturm  begann
gegen  den  Schmuck  der  Kirchen.  Noch  mehr,  sonderbare  Schwärmer,
die  aus  Böhmen  von  Hussiten  und  böhmischen  Brüdern  allerlei
Projekte  herüberbrachten,  schlossen  sich  der  Bewegung  an,  sie  vergiftend,
  wie  ja  überhaupt  die  lutherische  Lehre,  indem  sie  sich  veränderte,
  neben  der  Weiterbildung  durch  Zwingli  und  Calvin  nicht
freigeblieben  ist  von  Verzerrung  und  Verhunzung:  man  denke  an  die
Wiedertäufer  von  Münster  und  ihr  himmlisches,  aber  eigentlich  sehr
irdisches  Reich!  Nachdem  Luther  schon  von  der  Wartburg  aus  gegen
die  „Zwickauer“,  Stübner,  Storch,  Cellarius  und  andere  aufgetreten
war,  entschloß  er  sich  im  März  1522,  sein  Asyl  zu  verlassen,  um
persönlich  nach  dem  Rechten  zu  schauen.  Es  hatte  sich  gezeigt,  daß
das  Wormser  Edikt  auf  dem  Papiere  bleiben,  daß  Luthers  gütiger
Landesherr,  Kurfürst  Friedrich  der  Weise  von  Sachsen,  ihn  nach
wie  vor  beschützen  würde  und  so  wagte  er  sich  —  obwohl  es  mit  Rücksicht
  auf  Acht  und  Bann  nicht  ohne  Gefahr  war  —  wieder  in  den
Sturm  der  Welt  hinein.  In  acht  Predigten  gegen  die  Zwickauer
Propheten  entwickelte  er  in  Wittenberg  sein  Reformprogramm.
Damit  beginnt  der  zweite  Abschnitt  seines  Lebens.  Während  er
im  ersten  langsam  tastend  vorgeschritten  war,  in  der  Überzeugung,
innerhalb  der  römischen  Kirche  die  ihm  nötig  erscheinenden  Reformen
  im  Glauben  und  Leben  durchführen  zu  können,  zog  er  jetzt,
da  der  Bruch  von  Rom  unheilbar  geworden,  die  äußerste  Konsequenz
aus  seiner  Überzeugung  und  vergrößerte  —  zuerst  eigentlich  mehr
dem  Drängen  seiner  Freunde  folgend  —  den  Kreis  seiner  Reformen.
Es  ist  nebensächlich,  daß  er  in  Wittenberg  zuerst  noch  für  die  Privatbeichte
  eingetreten  ist  und  sein  Ordensgewand  wieder  anlegte,  immer
weiter  wurde  er  durch  seine  eigenen  Anschauungen  und  die  der  Anhänger
  fortgerissen,  von  Jahr  zu  Jahr  wurde  er  radikaler:  1524
trat  er  förmlich  aus  seinem  Orden  aus,  1525  heiratete  er  die  frühere
  Nonne  Katharina  Bora,  noch  früher  war  er  gegen  die  Messe  als
Greuel  losgezogen,  hatte  sich  damit  in  unversöhnbaren  Gegensatz  zu
den  katholischen  Reformfreunden  gesetzt.  Viele,  die  sein  Auftreten
zuerst  begrüßt  hatten,  treunten  sich  jetzt  von  ihm,  wie  Erasmus  von
        <pb n="35" />
        Entwicklung  der  protestantischen  Lehre  27

Rotterdam,  der  gegen  ihn  die  Schrift  „De  libro“  arbitrio"  losließ,  die
Luther  mit  der  Gegenschrift  „De  servo  arbitrio“  beantwortete  und
in  der  er  den  freien  Willen  des  Menschen  als  gänzlich  geknechtet
von  der  Sünde  hinstellte.  Es  begann  der  breite  Fluß  der  Weiterausbildung
  der  lutherischen  Lehre,  der  lange  Jahrzehnte,  ja  Jahrhunderte
  nicht  geregelt  blieb  und  der  nun  auf  seinem  Laufe  die  mannigfachsten
  Hindernisse  fand,  die  geradezu  zu  Abzweigungen  Veranlassung
  gaben.  Ziemlich  gleichzeitig  mit  Luther  war  in  der  Schweiz
Ulrich  Zwingli  als  Reformator  aufgetreten;  Jahre  später  hat  Calvin
  in  Genf  das  Werk  fortgesetzt  und  der  Einfluß  der  Schweizer  Lehre
hat  sich  auch  bald  in  Deutschland  fühlbar  gemacht.  Der  Unterschied
wurzelte  vor  allem  in  der  Auffassung  des  Altarsakraments;  während
  Luther  in  seinem  ihm  bis  zum  Lebensende  treu  gebliebenen
Mystizismus  daran  festhielt,  Christus  habe  bei  der  Einsetzung  die
Worte  gesprochen  „das  ist  mein  Leib“,  fassen  die  Schweizer  diese
Worte  echt  rationalistisch  dahin  auf,  als  sei  nur  gemeint  gewesen,
„das  bedeutet  meinen  Leib“;  für  sie  wurde  der  Genuß  von  Brot
und  Wein  nur  zu  einem  Symbol,  zu  einer  Erinnerungsfeier.  Auch
sonst  gab  es  noch  Gegensätze,  wie  z.  B.  Calvin  die  lutherische  Auffassung
  von  der  Unfreiheit  des  menschlichen  Willens  konsequent  durchgedacht
  hat  bis  zur  gänzlichen  Verneinung  desselben,  zur  Lehre  der
Vorausbestimmung  des  Menschen.  Diese  theologischen  Unterschiede
greifen  ins  staatliche  Leben  ein,  die  Schweizer  können  sich  schwer
mit  Luthers  späterer  Ansicht,  man  dürfe  der  Obrigkeit  nicht  widerstehen,
  befreunden  und  sind  bald  die  Seele  des  bewaffneten  Widerstandes
  gegen  den  Kaiser  im  Reiche.  Immer  schärfer  wird  der  ##  Gegensatz
  zwischen  Lutheranern  und  Calvinisten;  die  letzteren  sind,  wie
das  bei  revolutionären  Parteien  stets  der  Fall  ist,  als  die  späteren,
die  radikaleren,  und  beide  hassen  einander  bald  mehr  als  die  Katholiken;
  ja  von  dem  Augsburger  Frieden  von  1555  werden  über  Betreiben
  der  Lutheraner  ausdrücklich  die  Calvinisten  ausgeschlossen.
Die  Versuche  eines  Ausgleiches  zwischen  der  alten  und  neuen  Lehre
gingen  dabei  weiter;  in  Religionsgesprächen,  in  Verhandlungen
(z.  B.  1535  zwischen  Luther  und  dem  päpstlichen  Legaten  Vergerius
in  Wittenberg),  in  Appellationen  an  ein  allgemeines,  rein  deutsches
Konzil,  an  den  Reichstag  wiederholten  sich  diese  Versuche,  die  in
letzter  Linie  doch  immer  nur  auf  die  Unterwerfung  der  einen  Partei
unter  die  andere  hinzielten  und  darum  nie  gelingen  konnten.  Denn
längst  hatte  die  lutherische  Lehre  den  Beweis  erbracht,  daß  sie  lebensfähig
  war,  daß  sie  nicht  dem  Zufall  des  Augenblickes,  sondern  dem
        <pb n="36" />
        28  Martin  Luther

Drange  der  Zeit  ihre  Entstehung  verdankte.  Zu  Lebzeiten  Luthers
unterliegt  sie  noch  sieter  Veränderung,  an  der  besonders  sein  jüngerer
  Genosse  Melanchthon  starken  Anteil  genommen  hat.  In  den
Jahren  1527—152)9  wird  die  neue  Kirchenordnung  in  Sachsen  durchgeführt,
  1529  der  Katechismus  veröffentlicht,  1539  ein  Konsistorium
  eingerichtet.  Luther  bleibt  der  Mittelpunkt  des  Kampfes,  von
Wittenberg  aus  rät  und  hilft,  predigt  und  schreibt  er  unermüdlich.
Er  streitet  mit  Rom,  mit  den  katholischen  Ständen  Deutschlands,
mit  den  Schweizern,  mit  seinen  eigenen  Anhängern.

An  der  Südostecke  der  Stadt  Wittenberg,  auf  den  grünen  Elbanger
hinausblickend,  stand  das  „schwarze  Kloster“,  in  dem  Luther  mit
seiner  Käthe  haushielt.  Sie  war  eine  tüchtige  Hausfrau,  die  den  großen
  Haushalt  trefflich  führte.  Denn  nicht  nur  zahlreiche  Kinder  galt
es  zu  besorgen,  eine  stattliche  Anzahl  von  Schülern,  Freunden,
Bedürftigen  mußte  stets  beherbergt  und  gespeist  werden.  Luthers
Einkünfte  waren  nicht  gering;  sein  damals  schon  als  hoch  angesehener
  Professorengehalt  von  100  Gulden  wurde  von  seinem  gnädigen
Landesherrn  verdreifacht,  andere  Einnahmen  kamen  hinzu,  er  wurde
aus  deutschen  Landen  in  freigebigster  Weise  beschenkt;  man  kann  sich
schwer  vorstellen,  was  für  eine  bedeutsame  Stellung  Luther  eingenommen
  hat:  von  seinen  Gegnern  bitter  gehaßt,  von  seinen  Anhängern  leidenschaftlich
  geliebt.  In  dem  häuslichen  Kreise  hat  er  seine  „Tisch--reden“
  gehalten,  die  gesammelt  und  nicht  lange  nach  seinem  Tode
herausgegeben  worden  sind.  Aber  nicht  eingesponnen  in  häusliches
Glück  und  Verkehr  mit  gleichgesinnten  Freunden  hat  Luther  seinen
Lebensabend  verbracht;  er  war  ein  Mann  des  Kampfes,  der  sich
den  Lasten,  die  sein  Auftreten  ihm  gebracht,  keineswegs  entzog.
Daß  er  in  Schrift,  Lied,  Predigt,  Gespräch  immer  wieder  mit  dem
deutschen  Volke  in  Verkehr  trat,  hat  nicht  zu  mindest  dazu  beigetragen,
  seine  Lehre  zu  festigen.  Diesen  großen  Anforderungen  ist
schließlich  selbst  sein  eisenharter  Körper  nicht  gewachsen  geblieben.
Seit  1527  ist  Luther  leidend;  immer  mehr  häufen  sich  seine  Beschwerden,
  die  ihm  die  zunehmende  Korpulenz,  endlich  ein  überaus
schmerzhaftes  Steinleiden  zufügen.  Er  wird  immer  gereizter,  heftiger,
  galliger.  Der  ganze  Hang  der  Zeit  geht  zum  Groben,  Unflätigen,
  Gewalttätigen,  es  sind  damals  lauter  grobe  Klötze  und  grobe
Keile,  die  aufeinander  passen;  immer  schärfer,  ja  obszöner  wird
Luther  in  seiner  Ausdrucksweise  in  den  späteren  Streitschriften:
„Von  den  Conciliis  und  Kirchen“,  „Wider  Hausworst“  (Herzog
Heinrich  zu  Braunschweig),  „Wider  das  Papsttum  zu  Rom  vom
        <pb n="37" />
        ——  Luthers  Leben  und  Ende  29

Teufel  gestift“".  Es  war  ein  großes  Werk,  das  er  aus  unscheinbaren
Anfängen  vollbracht  hatte,  aber  er  sah  es  angegriffen,  zerrissen,  uneins,
  und  was  er  einst  gewünscht,  veredelnd,  reformierend  auf  das
ganze  Menschentum  einwirken  zu  können,  das  war  ihm  nicht  gelungen;
  er  selbst  muß  in  seinem  Alter  über  den  Mangel  an  sittlicher
Zucht,  über  die  Zunahme  der  Verrohung  klagen;  statt  seinen  Mitlebenden
  den  Frieden  zu  bringen,  hatte  er  die  Ursachen  der  Zwietracht,
  der  Unzufriedenheit  vermehrt,  denn  alles  war  im  Werden,
im  Gären,  als  er  starb.  Ein  Streit,  den  er  schlichten  wollte,  hatte
ihn  im  Winter  1545  nach  Eisleben  geführt  und  hier,  wo  er  geboren
worden  war,  schied  er  am  18.  Februar  1546  aus  dem  Leben.  Nicht
freiwillig,  wie  es  böswillige,  auch  von  katholischer  Seite  längst  widerlegte
  Gerüchte  haben  wollten,  sondern  bezwungen  von  seiner  Krankheit,
  aufgerieben  durch  ein  hartes  Leben  voll  Kampf  und  Mühen.

In  der  Protestationskirche  in  Speyer  ist  ihm  neuerlich  ein  Standbild
  aufgerichtet  worden;  im  Arm  die  Bibel,  die  andere  Hand  zur
Faust  geballt,  das  Auge  himmelwärts  gerichtet,  jeder  Zoll  ein  Streiter,
  steht  der  Mann  da,  den  die  Zeit  sich  geschaffen,  um  anzubahnen,
was  sie  gebraucht.

II.
Die  IJuggrr.

Die  Zeit  des  beginnenden  16.  Jahrhunderts,  in  die  man  aus  gewichtigen
  Gründen  den  Anfang  der  Neuzeit  in  der  Geschichte  verlegt,
hat  auch  in  den  Geldverhältnissen  einen  starken  Umschwung  herbeigeführt,
  zum  ersten  Male  sind  in  einzelnen  Familien  große  Vermögen
  angehäuft  worden,  die  eine  ganz  andere  Verwertung  des  Geldes
ermöglichten;  diese  für  die  Entwickelung  der  Zeit  wichtigen  Veränderungen
  sollen  an  der  Hand  der  Geschichte  einer  dieser  Familien  hier
verfolgt  werden.

Es  ist  wohlbekannt,  daß  ursprünglich  der  ganze  Warenverkehr
der  Menschheit  auf  dem  Tausche  beruhte;  jeder  gab,  was  er  hatte,
dem  Nachbar  und  nahm  von  ihm,  was  dieser  geben  konnte:  Korn
wurde  gegen  Gespinst  umgetauscht,  Wein  gegen  Vieh.  Bald  aber
empfand  man  die  Notwendigkeit,  einen  bestimmten  Maßstab  zu  haben,
  an  dem  man  messen  konnte,  wie  sich  das  Korn  zur  Leinwand
verhielt,  wie  viele  Fuder  Wein  man  für  ein  Rind  bekommen  konnte,
und  als  solchen  Maßstab  verwendete  man  die  verschiedensten  Ma-
        <pb n="38" />
        30  Die  Fugger

terialien  (Zeuggeld),  wie  Leinwand,  Tierhäute,  Marderschnauzen,
Lederstücke,  endlich  die  Edelmetalle  Gold,  Silber,  zuweilen  auch  andere
  Metalle,  wie  Kupfer,  Eisen.  Es  dauerte  nur  ein  paar  Jahrhunderte,
  bis  man  dahinter  kam,  daß  diese  Metalle  viel  besser  als  Zahlmittel
  sich  eigneten  als  die  schwerfälligen  Waren,  man  ging  über
von  der  Naturalwirtschaft  zur  Geldwirtschaft.  Bestimmenden  Anlaß
gab  dazu  die  Anhäufung  von  Menschen  in  den  Städten,  vor  allem
an  den  fest  werdenden  Residenzen  der  Fürsten.  Das  Umherziehen
derselben  hatte  sich  mit  der  Naturalwirtschaft  vertragen;  als  sie  dauernde
  und  bestimmte  Sitze  sich  schufen  und  den  ganzen  Kreis  der
Hosschranzen  und  Beamten  mit  sich  brachten,  mußte  für  die  Verpflegung
  und  den  Unterhalt  derselben  anders  gesorgt  werden.  Vorbildlich
  dafür  ist  der  päpstliche  Hof  geworden  mit  seinem  besonders
umfangreichen  Beamten=  und  Hofapparate.  Der  Übergang  erfolgte
ganz  allmählich;  niemals  kann  man  für  ähnliche  soziale  Umwälzungen
  ein  bestimmtes  Jahr  angeben:  aus  Bequemlichkeitsgründen
  tut  man  es  doch  und  nimmt  für  diesen  wichtigen  Moment  das
Jahr  1300  an;  damals  wurden  als  erste  Silbermünzen  die  „Groschen“
  geprägt;  ebenso  kann  für  den  nächsten  wichtigen  Fortschritt
in  der  Volkswirtschaft  das  Jahr  1500  als  Grenze  angesetzt  werden.
Um  diese  Zeit  ist  unsere  heutige  Geldwirtschaft  geboren  worden  mit
ihren  mannigfachen  Erscheinungen  und  Ausdrücken;  das  Geld  ist
nicht  mehr  nur  Mittel,  es  ist  Selbstzweck  geworden,  und  der  wichtigste
  Faktor  dieser  neuen  Wirtschaft  ist  entstanden:  der  Kredit.
Unendlich  mannigfach  sind  um  diese  Zeit  die  Geldarten.  Anfangs
gab  es  nur  Privatgeld,  von  Einzelpersonen  ausgegeben,  von  anderen
  auf  Treu  und  Glauben  nach  Belieben  genommen.  Daß  ursprünglich
  der  Wert  des  Geldes  nur  nach  dem  Gewicht  bemessen  war,
dafür  sprechen  die  Geldbenennungen  Mark,  Pfund,  Livre;  noch  lange
später  werden  besonders  kleine  Teilmünzen  gewogen,  so  z.  B.  das
Schock  meißnischer  Groschen,  Über  den  Ursprung  des  Wortes  Taler
wird  behauptet,  daß  er  von  der  ersten  Münzstätte  desselben,  vom
böhmischen  Joachims,,  thal“,  herrühre.  Gulden  kommt  klärlich  von
Gold,  aus  dem  sie  zuerst  allein  geprägt  worden  sind.  An  Stelle  dieses
Privatgeldes  trat  das  von  der  Staatsgewalt  ausgegebene  Geld,  das
dann  einen  bestimmten  aufgeprägten  Wert  besaß  und  als  Zahlungsmittel
  genommen  werden  mußte.  Nun  hatte  jeder  selbständige
Teil  des  großen  deutschen  Reiches  das  Recht,  Münzen  zu  prägen
und  auszugeben,  jeder  Kurfürst,  Herzog,  Graf,  Bischof,  Abt,  jede
Reichsstadt.  Erwägt  man,  daß  der  damalige  Reichstag,  die  in  ver-
        <pb n="39" />
        Das  deutsche  Geldwesen  31

schiedenen  Städten  des  Reiches  nach  willkürlicher  Berufung  des
Kaisers  tagende  Versammlung  der  deutschen  Stände,  etwa  um  die
Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  an  200  Mitglieder  zählte,  nebst
ihnen  es  aber  noch  eine  ganze  Reihe  von  münzberechtigten  Herren
gab,  so  ist  leicht  zu  ersehen,  welche  Unmenge  von  Geldarten  das
Deutsche  Reich  überschwemmen  mußte.  Verschieden  gewichtet  und
verschieden  legiert  waren  die  Münzen;  eine  sehr  beliebte  Maßregel
war,  altes  Geld  einzuziehen  und  neues  leichteres,  weniger  feinhaltiges
  dafür  auszugeben,  den  Unterschied  als  Münzgewinn  einzustecken.
  Manchmal  drängte  der  Mangel  an  Edelmetallen  geradezu
zur  Verschlechterung  der  Münze.  Eine  besonders  schlechte  Geldsorte
des  siebzehnten  Jahrhunderts  erhielt  den  bedeutungsvollen  Beinamen:
  Schinderlinge.  Auch  die  Untertanen  arbeiteten  an  der  Entwertung
  des  Geldes,  indem  sie  an  den  Münzen  den  Rand  beschnitten
(Kipper)  oder  von  der  Oberfläche  Edelmetall  abfeilten  (Wipper).
Die  weniger  genau  ausgeführte  Prägung,  die  ungleiche  Gestalt  —  es
gab  auch  viereckige  Münzen  —  machte  derlei  Manipulationen  möglich.
  Man  wird  leicht  einsehen  können,  zu  was  für  Mißbräuchen
und  Betrügereien  da  Gelegenheit  geboten  war  und  wird  es  begreiflich
  finden,  daß  manche  Fürsten  und  Städte  sich  gegen  solch  schlechtes,
  geringes,  „verrufenes“  Geld  mit  allen  möglichen  Mitteln  schützten.
  Besserung  auf  diesem  Gebiete  trat  erst  einigermaßen  ein,  als
durch  den  Reichsabschied  von  1551  den  Reichskreisen  die  Münzpolizei,
  damit  ein  gewisses  Aufsichtsrecht  über  die  Münzgebarung
der  Kreismitglieder  eingeräumt  wurde.  1566  wurde  dann  auf  dem
Augsburger  Reichstage  als  gesetzlicher  Münzfuß  der  Neun-Reichstalerfuß
  festgesetzt,  d.  h.  aus  einer  Kölnischen  Mark  fein  Silber  sollten
  neun  Taler  ausgemünzt  werden.  Von  den  alten  Groschen  gingen
24  bis  30  auf  einen  Taler,  seit  dem  Dreißigjährigen  Kriege  nur
mehr  24,  sie  waren  gleich  90  Kreuzern.  Die  Kölnische  Mark  war
genau  ein  halbes  böhmisches  Pfund,  hatte  daher  16  Lot  und  wog
nach  heutigem  Gewichte  etwas  über  233  Gramm.  Sie  wurde  für
ganz  Deutschland  die  Gewichtseinheit  sowohl  für  Gold  wie  für  Silber.
  Dazumal  war  letzteres  der  Wertmesser,  auch  die  Goldmünzen
waren  nach  dem  Verhältnis  des  Goldes  zum  Silber  —  in  der
Regel  1:16  —  bemessen.  Neben  den  Silbertalern  gab  es  Goldgulden
  mit  sehr  starkem  Silberbeisatz,  in  Stücken  zu  4,  2,  1.,  ½  und
¼  Gulden  geprägt.  Ursprünglich  wurden  aus  der  Kölnischen  Mark
64  Goldgulden,  später  72,  geprägt.  Nach  und  nach  verschwanden  die
Goldgulden,  an  ihre  Stelle  traten  die  Dukaten;  und  als  neue  Sil-
        <pb n="40" />
        32  Die  Fugger

—  —  —  —  —  —  —  —  —

bermünze  erschien  seit  der  Mitte  des  siebzehnten  Jahrhunderts  der
Silbergulden,  eingeteilt  in  60  Kreuzer  zu  4  Pfennigen.  Ein  Gulden
war  gewöhnlich  gleich  ½8  Taler,  oder  2  Taler  gleich  3  Gulden.  Es
ist  vielfach  behauptet  worden,  daß  die  Kaufkraft  des  Geldes  in  den
Jahrhunderten  seit  1500  gewaltig  gesunken  sei  und  damalige  Ziffern,
um  mit  den  heutigen  verglichen  zu  werden,  mit  etwa  10  multipliziert
  werden  müßten;  demgegenüber  ist  aber  erwidert  worden,  daß
auch  die  Preise  sich  gewaltig  verändert  hätten  und  unsere  heutigen
Kenntnisse  noch  nicht  zu  einem  so  entschiedenen  Urteile  berechtigten:
diese  Frage  nach  dem  Verhältnis  des  damaligen  Geldes  zum  heutigen
muß  daher  vorläufig  offen  gelassen  werden.

Es  war  ein  Grundsatz  der  römischen  Kirche  gewesen,  die  ja  bis
zu  Luthers  Auftreten  tonangebend  in  der  menschlichen  Gesellschaft
blieb,  daß  Handel  mit  Geld,  Ausleihen  gegen  Prozente,  etwas  durchaus
  Unmoralisches  sei:  „pecunia  pecuniam  parere  non  potest“:
Geld  kann  nicht  Geld  erzeugen;  nur  Leibrenten  wurden  gestattet,
weil  damit  das  Kapital  aufgezehrt  wurde.  Bis  in  die  Mitte  des  fünfzehnten
  Jahrhunderts  und  noch  weiter  hat  die  Kirche  an  diesem
Grundsatze  festgehalten;  selbst  als  die  Fugger  schon  große  Geldgeschäfte
  machten,  mußten  sie  gegen  dieses  Vorurteil  ankämpfen;  sie
haben  sich  eigene  Theologen  bestellt,  die  in  öffentlichen  Disputationen
  dagegen  Verwahrung  einzulegen  hatten  und  die  dafür  eintreten
  mußten,  daß  ein  mäßiger  Zins,  etwa  fünf  vom  Hundert,  erlaubt
  sei.  Aber  erst  als  die  Kirche  selbst  Geld  brauchte  für  ihre  geistlichen
  und  weltlichen  Zwecke,  für  Kriege,  Bauten,  verschwenderisches
Leben,  da  drückte  sie  ein  Auge,  bald  alle  zwei  zu.  Ihre  Erbschaft  traten
  die  Anhänger  Luthers  an,  die  das  alte  Vorurteil  weiter  verteidigten;
  Luther  selbst  sagt  in  seiner  Schrift  von  des  christlichen  Standes
  Besserung:  „das  größte  Unglück  deutscher  Nation  ist  gewißlich
der  Zinskauf  sollte  er  noch  hundert  Jahre  bestehen,  so  wäre
es  nicht  möglich,  daß  Deutschland  einen  Pfennig  behielte.  Ich
weiß  die  Rechnung  (ich  verstehe  das  Kaufmannsgewerbe)  nicht,  aber
das  verstehe  ich  nicht,  wie  man  mit  hundert  Gulden  mag  des  Jahres
  erwerben  zwanzig.“  Doch  das  hat  jetzt  nichts  mehr  genützt,  es
war  notwendig  geworden,  mit  Geld  zu  handeln  und  zu  wirtschaften.

Wir  bemerken  bei  einer  Betrachtung  der  Weltereignisse  vor  und
nach  1500,  daß  es  eine  bewegte,  kriegerische  Zeit  ist.  Im  Jahre  1492
war  es,  daß  zum  ersten  Male  französische  Truppen  nach  Italien
sich  wandten,  um  dieses  anscheinend  herrenlose  und  doch  so  kostbare
  Land  sich  anzueignen.  Nicht  nur  Frankreich  und  die  italienischen
        <pb n="41" />
        Ausgaben  und  Einnahmen  der  Fürsten  33

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Fürsten  wurden  dahinein  verwickelt;  durch  die  Verbindung  mit  Spanien,
  durch  die  Lehenshoheit  des  Reichs  über  Mailand  wurden  die
Habsburger,  damit  das  Reich  in  den  Streit  gezogen  und  auch  Eng—
land,  angestiftet  durch  die  Eitelkeit  König  Heinrichs  VIII.,  mischte  sich
in  Dinge,  die  es  gar  nichts  angingen.  Um  die  Mitte  des  fünfzehnten
Jahrhunderts  hatten  die  Osmanen  mit  der  Eroberung  von  Kon—
stantinopel  ihr  europäisches  Reich  fest  begründet,  ein  Volk,  das  nun
durch  Jahrhunderte,  immer  vordringend,  der  Fluch  seiner  Nach—
barn  werden  sollte.  Andernteils  bildete  sich  in  Osteuropa  gleichsam
als  Gegengewicht  gegen  das  Türkenreich  ein  Staat,  der  erst  viel  spä—
ter  von  gewaltigem  Einfluß  werden  sollte,  das  Großfürstentum
Rußland;  im  Norden  begannen  die  skandinavischen  Völker  in  das
politische  Leben  Europas  einzudringen.  Wir  finden  demnach  in  dem
Jahrhundert  1450—1550  bedeutende  kriegerische  Unternehmungen.

Nun  ist  der  Satz,  daß  man  zum  Kriege  dreierlei  brauche:  Geld,

Geld  und  wieder  Geld,  keineswegs  eine  Erfindung  Montecuccolis
im  siebzehnten  Jahrhundert  gewesen,  es  war  eine  alte  Erfahrung.

Immer  neue  Geldsummen  mußten  in  diesem  Jahrhundert  der  Kriege
aufgebracht  werden.  Neben  diesen  Kriegen  gab  es  aber  noch  andere
Ursachen,  weshalb  die  Fürsten  damals  viel  Geld  gebraucht  haben:

der  zunehmende  Luxus,  die  wachsenden  Bedürfnisse,  die  Baulust  und
Bautätigkeit,  die  allmähliche  Umwandlung  des  Lehensstaats  in  einen
Beamtenstaat.  Eine  Verwaltung  durch  Beamte  kostete  naturgemäß
mehr,  als  durch  Lehensleute.  Noch  etwas  Bedeutsames  kam  hinzu,
der  Krieg  selbst  veränderte  sich  ganz  seit  der  Erfindung  des  Pulvers,
  seit  dem  Aufhören  der  Lehensheere.  An  Stelle  der  Ritter  und
ihrer  Knappen  traten  Mietsoldaten.  Wie  sollten  diese  geworben  und
gezahlt  werden?  Wohl  hatte  meist  der  Krieg  den  Krieg  zu  ernähren,
auf  Plünderung  eroberter  Plätze  wurden  die  Söldner  angewiesen,
aber  das  langte  und  glückte  doch  nicht  immer,  woher  dann  den  Sold
für  sie  nehmen?  Die  Fürsten  besaßen  nicht  viel,  eine  regelmäßige
Steuergesetzgebung  gab  es  nicht,  es  waren  geringe  Abgaben,  die  dem
Fürsten  zufielen:  Zölle  bei  der  Einfuhr  und  Durchfuhr  von  Waren,
Einnahmen  aus  den  fürstlichen  Regalen,  aus  den  Bergwerken,  dem
Münzrechte,  aus  dem  privaten  Besitze;  dafür  mußte  der  Fürst  für
alle  Ausgaben  seines  Landes  aufkommen.  Das  Deutsche  Reich  hatte
kaum  nennenswerte  allgemeine  Einnahmen,  auch  die  Römermonate
(ein  Römermonat,  ursprünglich  die  Leistung  des  Reichs  zur  Romfahrt
  des  Königs  behufs  Krönung  zum  Kaiser,  dann  als  Kriegssteuer
beibehalten,  wird  um  diese  Zeit  mit  128  000  Gulden  festgesetzt)  waren

ANUnG#  123:  Weber,  von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2  Aufl.  r-
        <pb n="42" />
        34  Die  Fugger

—□.—.  —  —

eine  mehr  oder  minder  freiwillige  Abgabe,  die  der  Reichstag  dem
Kaiser  in  verschiedener  Höhe  bewilligen  konnte  und  die  dann  nach
einer  bestimmten  Skala  von  den  einzelnen  Gliedern  des  Reichs  gezahlt
  oder  auch  nicht  gezahlt  wurde.  Wir  sehen  da  einen  großen  Gegensatz
  zwischen  Deutschland  und  anderen  Staaten;  in  England,
Frankreich,  Spanien  konnte  der  Monarch  über  regelmäßige  Einnahmen
  verfügen,  im  Römischen  Reiche  Deutscher  Nation  nicht,  ein  gewaltiger
  Grund  für  die  Schwäche  der  deutschen  Politik.  Immer
wieder  mußte  der  Kaiser  zu  Unternehmungen,  die  des  Reiches  Schutz
oder  seine  Vergrößerung  beabsichtigten,  aus  seinen  eigenen  Hausmitteln
  beitragen.  Die  Fürsten  hatten  demnach  wenig  bares  Geld,

sie  hatten  aber  auch  wenig  Kredit.  Ein  geistvoller  Historiler  hat
bemerkt,  daß  zum  Kredit,  wie  zum  Kriege,  auch  drei  Dinge  gehören:

zahlen  is  nnen,  zahlen  wollen,  zahlen  müssen.  über  die  ersten
zwei  Punkte  ist  nichts  zu  sagen.  Aber  auch  das  zahlen  müssen  ist
eine  wesentliche  Vorbedingung,  und  wer  wollte  nun  die  Fürsten  zur
Zahlung  zwingen?  Wohl  aber  war  letzteres  möglich  bei  den  eigentlichen
  Geldpotenzen  jener  Zeiten,  bei  den  Städten.  Die  deutschen
Reichsstädte,  über  fünfzig  an  Zahl,  sehr  verschieden  an  Größe,  sind
die  wichtigsten  Faktoren  im  Wirtschaftsleben  des  deutschen  Volkes  geworden:
  eine  ganze  Reihe  von  Familien  ist  in  ihnen  erstanden,
die  mit  eisernem  Fleiß  und  geschäftlichem  Geiste  sich  dem  Handel  und
Geldwesen  zuwandten  und  es  zu  großem  Ansehen  und  großem  Reichtum
  gebracht  haben.  Das  zahlen  können  war  bei  ihnen  der  Fall  und
auch  das  zahlen  wollen,  da  ja  ein  Kaufmann  nur  bei  Rechtlichkeit
auf  die  Dauer  bestehen  und  groß  werden  kann,  aber  auch  das  zahlen
müssen  war  vorhanden,  denn  nach  damaligem  Rechte  haftete  jeder
einzelne  Bürger  für  die  Anleihen  seiner  Stadt.  Ursprünglich  richtete
der  Handel  seine  Aufgaben  vor  allem  nach  der  Levante,  dann  nach
Italien,  nach  Polen,  Rußland,  Skandinavien;  es  waren  zuerst
Städte,  die  in  der  Nähe  des  Meeres  lagen,  wie  etwa  Lübeck,  oder  an
großen  Flußläufen,  wie  Köln,  die  zu  größerem  Handel  kamen.  Ursprünglich
  ermöglichten  fast  nur  die  Wasserstraßen  den  Verkehr;
mit  der  Anlage  von  besseren  Straßen  erst  wurde  es  leicht,  auf  dem
Lande  Waren  zu  versenden  und  da  konnten  auch  die  Städte  im  Binnenlande
  daran  teilnehmen.  Es  ist  bekannt,  wie  im  Lauf  des  dreizehnten
  Jahrhunderts  sich  eine  Anzahl  deutscher  Städte  zu  Handelszwecken
  aneinanderschloß,  die  Hanse  genannt,  die  von  der  Küste
der  Nord=  und  Ostsee  bis  tief  ins  deutsche  Land  hineinreichte  und
lange  Zeit  ausschließlich  Meere  und  Straßen  beherrschte.  Von  den
        <pb n="43" />
        Eutwicklung  des  Handels  35

tes  Handelsemporium  des  Mittelalters  anzusehen  ist  und  den  Han—
del  mit  der  Levante  fast  ganz  monopolisiert  hatte.  Im  fünfzehn—
ten  Jahrhunderte  werden  die  alten  Handelswege  zerstört,  den  Weg
in  die  Levante  verlegen  die  Osmanen,  im  Norden  sind  es  die  skandinavischen
  Völker,  die  sich  bemühen,  selbständig  zu  werden;  es  beginnt
jener  Gegensatz  zwischen  Skandinavien  und  Deutschland  sich  zu  rühren,
  der  zuletzt  zu  dem  großen  Kampfe  um  die  Ostsee  während  des
Dreißigjährigen  Krieges  geführt  hat.  Zugleich  regt  sich  die  Konkurrenz
  der  Niederländer  und  Engländer,  die  bald  lähmend  auf  den
deutschen  Handel  einwirken,  die  Macht  der  Hanse  zerstören  sollte.
Ein  gütiges  Geschick  hat  gegeben,  daß  gleichzeitig  neue  Verkehrsgebiete
  gewonnen  wurden  durch  die  Entdeckung  Amerikas.  Eine
ganze  Fülle  von  Artikeln,  die  man  bisher  gar  nicht  gekannt  oder
nicht  genügend  besessen  hatte,  konnte  jetzt  aus  der  Neuen  Welt  herübergeschafft
  werden.  Mit  diesen  anderen  Verhältnissen  ändert  sich
auch  die  Bedeutung  der  einzelnen  Städte.  Venedig  verliert,  Genna,
sein  großer  Rivale,  gewinnt;  Augsburg,  Nürnberg,  später  Frankfurt
  am  Main  treten  hervor;  die  Städte  treiben  nicht  mehr  bloß
eigenen  Handel,  sie  vermitteln  ihn,  der  Kommissionshandel,  die
Spedition,  entstehen.  Von  anderen  nichtdeutschen  Städten  sind  Antwerpen,
  Lyon,  Lissabon  als  besonders  aufschwungreich  zu  nennen.
Der  ewige  Antrieb  im  Menschen  zu  Spiel  und  Wette  wendet  sich
diesem  Gebiete  zu;  während  sonst  der  biedere  Deutsche  sich  begnügte
zu  wetten,  ob  das  kommende  Kind  ein  Knabe  oder  ein  Mägdlein
sein  würde,  wurde  jetzt  mit  hohen  Einsätzen  gewettet,  ob  das  in
Lissabon  oder  Genua  zu  erwartende  Pfefferschiff  eine  große  oder
eine  kleine  Ladung  bergen  würde;  von  der  Quantität,  die  da  auf
den  Markt  geworfen  wurde,  hing  ja  die  Höhe  des  Preises  dieses
kostbaren  Gewürzes  ab.  Man  hat,  nebenbei  gesagt,  Gewürze  damals
  in  Deutschland  sehr  geliebt,  da  die  gewürzten  Speisen  einen
„schönen“  Durst  zur  Folge  hatten.  Aus  der  Verbindung  des  ruhigen
  Handels  mit  der  tollen  Spiellust  der  Menschen  ist  dann  das
Börsenspiel  entstanden.

Gründlich  änderte  sich  im  gleichen  Verlaufe  der  Zeit  das  Geldwesen.
  Früher  begleiteten  bewährte  Vertrauensmänner  der  Handelsherren
  die  großen  Warenzüge,  die  etwa  von  Deutschland  nach
Italien  zogen,  ihnen  war  das  bare  Geld  anvertraut  für  ihre  Käufe,
sie  brachten  den  gemachten  Erlös  sorgsam  zurück  —  bei  der  Unsicherheit
  der  Zeiten  und  Straßen  ein  verantwortungsvolles  Amt.

3*
        <pb n="44" />
        36  Die  Fugger

Dazu  kam,  daß  das  Geld  unnütz  hin  und  her  reiste,  da  ja  gleichzeitig
  Käufe  und  Verkäufe  in  Deutschland  und  Italien  gemacht  wurden.
  Dieser  Gefahr  und  Unbequemlichkeit  machte  der  Wechselbrief
ein  Ende:  ein  harmloses  Stück  Papier,  leicht  verborgen,  das  auch
dem  wegelagernden  Ritter,  wenn  es  in  seine  Hände  fiel,  nichts
nützte,  das  eine  Art  von  Clearingverkehr  damals  ermöglichte.  Bald
bediente  man  sich  allgemein  der  Wechsel.  Die  ganze  Technik  dieses
neuen  Geldwesens  ist  in  Italien  entstanden  und  hat  sich  hier  ausgebildet,
  zuerst  in  Florenz.  Es  ist  bekannt,  daß  von  hier  der  Ausdruck
  Florenus  mit  seiner  Abkürzung  fl.  für  Gulden  abstammt;
ebenso  kommt  Groschen  „grosso“  aus  dem  Italienischen.  Auch  viele
andere  Ausdrücke  zeigen,  daß  Italien  das  Geburtsland  des  modernen
  Geldverkehres  ist,  wie  Giro,  Inkasso,  Konto,  Saldo,  Bilanz  usw.
Vornehmlich  die  Oberitaliener  haben  sich  neben  den  Vertretern
der  Kurie  als  besonders  geschickt  darin  gezeigt,  die  Chigi,  Rucellai,
Strozzi,  Ricasoli,  Medici  sind  mit  Geld  handelnde  Familien  gewesen.
  Wer  in  diesen  Dingen  Erfahrung  haben  wollte,  mußte  in
Italien  eine  Lehrzeit  durchmachen.  Von  der  Bank,  auf  der  der
Geldmakler  ursprünglich  in  den  primitivsten  Anfängen  dieses  Gewerbes
  auf  dem  Markt  saß,  auf  welcher  er  das  Geld  bei  Einnahme
und  Ausgabe  aufzählte,  ist  der  Name  für  das  Gewerbe  entstanden,
  Bank,  Bankier.  Unter  den  germanischen  Völkerschaften  zeigte
der  Holländer  die  meiste  Eignung  für  das  Geldwesen,  und  Hand
in  Hand  mit  dem  rasch  zunehmenden  Handel  dieses  Landes  entwickelten
  sich  nun  hier  die  großen  Märkte,  die  ursprünglich  alle
Vierteljahre  abgehalten  wurden,  oft  aber  das  ganze  Jahr  über
dauerten,  und  dann  entscheidend  gewesen  sind  für  den  Geldverkehr;
hier  entstanden  die  Börsen.  „Burse“  hieß  der  Ort,  an  dem  zuerst
in  Brügge  derartige  Geschäfte  abgeschlossen  worden  sind,  davon
kam  dann  der  ins  allgemeine  übertragene  Name  „Börse“.  Brügge,
zuerst  da  tonangebend,  verlor  bald  seine  Stellung,  die  an  Antwerpen
  überging.  Als  Zinsfuß  für  die  Geldgeschäfte  waren  zuerst  3  0%
vierteljährlich,  also  12  %  jährlich  üblich.  Später  begnügte  man
sich  auch  mit  einem  geringeren  Zinsfuße,  wenn  die  Sicherheit  entsprechend
  war;  als  der  erste  Spekulationsrausch  vorüber  war,  verschmähte
  man  es,  auf  gefährliche  Art  rasch  reich  werden  zu  wollen
  und  begnügte  sich  mit  sicheren  5  %.  Die  unsicheren  Fürsten,  die
nicht  zahlen  mußten,  hatten  naturgemäß  andere  Prozente  zu  zahlen:
  20  ja  selbst  50  %  sind  da  nichts  Seltenes.  Bei  den  Städten
stand  es  wesentlich  besser.
        <pb n="45" />
        Das  Banlwesen

—  37

Einer  Tatsache  mag  da  noch  Erwähnung  getan  werden,  um  zu
zeigen,  wie  rasch  und  wie  modern  sich  in  jenem  Jahrhunderte  die
Geldtechnik  ausgebildet  hat:  1555  wird  in  Frankreich  eine  ungemein
  wichtige  Maßregel  vorgenommen.  Der  König  Heinrich  II.  erklärt,
  er  könne  seine  Schulden  nicht  zahlen;  wenn  man  ihm  aber
weitere  Summen  vorstrecken  wollte,  dann  würde  er  nicht  nur  regelmäßig
  die  versprochenen  Zinsen  leisten,  sondern  auch  alljährlich
  einen  Teil  des  Kapitals  zurückzahlen.  Wir  begegnen  hier  dem
Grundsatze  der  Amortisation,  die  heutzutage  bei  Hypothekendarlehen
  und  ähnlichen  Geschäften  gang  und  gäbe  ist.  Der  Gedanke
schlägt  ein,  und  an  diesem  neuen  Unternehmen  beteiligen  sich  nun
nicht  nur  Kaufleute,  sondern  die  ganze  vermögliche  Welt,  Adel  und
Bürgerstand,  es  ist  eine  Subskription  auf  eine  Anleihe.  1594  bildet
  sich  in  Holland  eine  Gesellschaft  zum  Handel  mit  Indien,  die
Gesellschaft  „de  Verre“,  die  nichts  anderes  ist  als  eine  moderne
Aktiengesellschaft.  Und  ähnliches  finden  wir  schon  früher;  wie  es
heutzutage  oft  geschieht,  daß  ein  großes  Unternehmen  in  eine  Aktiengesellschaft
  umgewandelt  wird,  deren  Aktien  aber  Eigentum  der  besitzenden
  Familie  bleiben,  so  stand  es  damals  mit  den  Bankiershäusern
  der  Fugger,  Welser,  Hochstetter  u.  a.,  auch  hier  waren  meist
alle  Familienglieder  Teilnehmer  des  Geschäfts.  Von  diesen  Familien
  war  die  der  Fugger  zweifellos  die  reichste  und  bedeutendste
und  darum  soll  von  ihr  auf  diesen  Blättern  einiges  erzählt  werden.

Die  Fugger  sind  um  das  Jahr  1367  wahrscheinlich  aus  dem
Dorfe  Graben  bei  Schwabmünchen  nach  Augsburg  gekommen,  es
waren  zwei  Brüder,  Haus  und  Ulrich,  Leineweber  von  Beruf;  sie
webten  die  Leinwand  und  färbten  sie.  Es  waren  fleißige  Leute  von
großem  Geschäftsgeiste;  in  kurzer  Zeit  konnten  sie  in  ihrer  neuen
Heimat  eine  Rolle  spielen.  In  zweiter  Ehe  nahm  Hans  Fugger
eine  angesehene  Augsburgerin  zur  Frau;  als  er  1408  starb,  folgte
ihm  sein  Sohn  Andreas,  der  bereits  den  Beinamen  der  „Reiche“
erhielt.  Ein  jüngerer  Sohn  des  Hauses,  Jakob  I.,  ist  der  Stammvater
  der  Fugger  „von  der  Lilie“  geworden,  während  sein  Neffe
gleichen  Namens,  ein  Sohn  jenes  Andreas,  im  Jahre  1462,  einen
anderen  Wappenbrief  „vom  Reh“  erhielt.  Anders  als  durch  Heiraten
  konnte  man  damals  in  den  Städten  nicht  unter  die  voruehnehmen,
  oder  wie  man  sagte:  ratsverwandten  Geschlechter  komman;
  die  Fugger,  die  vielleicht  auch  schmucke  Leute  gewesen  sind,
wußten  diesen  Weg  zu  benutzen.  Man  kennt  das  Jahr,  in  dem
Jakob  I.  zuerst  durch  ein  größeres  Geldgeschäft  eingegriffen  hat
        <pb n="46" />
        38  D  ie  Fugger

in  den  Weltmarkt:  1441.  Zweiunddreißig  Jahre  später  machte  das
Haus  Fugger  das  erste  große  Geschäft  mit  den  Habsburgern,  1473;
sie  sind  von  da  ab  die  Bankiers  dieses  erlauchten  Geschlechtes  geblieben,
  durch  welches  sie  auch  in  Verbindung  mit  der  römischen
Kurie  getreten  sind.  Ulrich,  Jakobs  Sohn,  war  es,  der  von  der
Leinwand  zum  Handel  mit  Geld  überging  und  der  entgegen  dem
damaligen  Vorurteile  Geld  auf  Zins  auslieh.  Seinem  unternehmenden
  Geiste  kam  es  zustatten,  daß  zwei  solche  wichtige  Faktoren,
wie  die  Habsburger  und  die  Päpste,  sich  selbst  von  der  herrschenden
Ansicht  lossagen  mußten  und  derlei  Geldspender  dringend  brauchten.
Bei  den  Habsburgern  war  es  der  stets  geldbedürftige  Erzherzog
Sigismund  von  Tirol,  der  mit  den  Fuggern  zuerst  in  Verbindung
trat  und  ihnen  Anteil  an  der  Ausbente  seiner  Bergwerke  einräumte.
Die  Zahlungen  erfolgten  teils  in  bar,  teils  in  Naturalien.  In  den
Jahren  1487—94  beliefen  sich  diese  gezahlten  Summen  auf  mehr
als  600  000  Gulden.  Es  gehörte  nicht  geringer  Wagemut  dazu,
solche  Summen  den  Habsburgern  zu  borgen,  die  Fugger  hatten
diesen  Mut,  sie  ketteten  damit  ihr  Schicksal  an  das  dieser  Fürsten
und  sind  mit  ihnen  emporgekommen.

Auch  die  Kurie  ist  mit  der  Arbeitsweise  und  der  Kapitalkraft  der
Fugger  sehr  zufrieden  gewesen;  auch  sie  kargte  nicht  mit  Ehrenbezeichnungen,
  Pfalzgrafen  des  Laterans  wurden  sie,  und  etwas
wie  persönlichen  Stolz  empfand  Papst  Leo  X.,  als  er  erzählen
konnte,  er  habe  einst  den  Vertreter  des  Hauses  in  Rom  befragt,
binnen  welcher  Zeit  er  ihm  300  000  Dukaten  verschaffen  könne,
worauf  jener  sich  bereit  erklärt  habe,  dies  binnen  einer  Stunde  zu
tun.  Es  zeigt  diese  Geschichte,  einen  wie  großen  Kredit  bald  nach
1500  die  Fugger  hatten.  Nebenbei  gesagt,  hat  sie  den  Vorzug,
wahr  zu  sein,  während  jene  andere,  viel  bekanntere,  durch  ein  berühmtes
  Gemälde  Pilotys  verherrlichte  Episode,  nach  welcher  Fugger
  den  Kaiser  Karl  V.  bei  einem  Feuer  von  kaiserlichen  Schuld--scheinen
  empfangen  habe,  in  den  Kreis  jener  Anekdoten  gehört,  die
nicht  wahr  sind,  aber  doch  einen  Beitrag  zur  Charakteristik  der
mithandelnden  Personen  geben.  Denn  es  ist  oft  wichtiger,  zu  wissen,
wessen  Menschen  für  fähig  gehalten  werden,  als  wessen  sie  wirklich
sähig  gewesen  sind.  Der  Bedeutendste  aus  dieser  Generation  war
Jakob  II.  Fugger,  ein  jüngerer  Bruder  jenes  Ulrich,  geboren  1459;
er  war  ursprünglich  für  den  geistlichen  Stand  bestimmt  gewesen,  ist
aber  seiner  Lust  und  Begabung  folgend  zum  Kaufmannsstande  übergegangen
  und  hat  seine  Lehrzeit  in  Venedig  durchgemacht;  er  kehrte
        <pb n="47" />
        Der  Reichtum  der  Fugger  39

dann  in  die  Heimat  zurück,  führte  die  schöne  Sibylle  Arzt  als
Ehefrau  heim  und  wurde  bald  die  Seele  aller  großen  Unternehmungen
  des  Hauses;  1494  gründete  er  mit  seinem  Bruder  Georg  eine
Handelsgesellschaft  für  den  Vertrieb  von  Spezereien,  Seide,  Wolle
in  Italien,  Tirol  und  Deutschland.  Diese  Fugger  handelten  mit
Wolle,  fertigen  Tuchen,  Leinwand,  Seide,  Sammet,  Leder,  Nüssen,
Apfelsinen,  Safran,  Bernstein,  Edel=  und  Halbedelmetallen;  sie  verfrachteten
  die  Gemälde  Albrecht  Dürers;  sie  vermittelten  Bestellungen
  auf  zu  verfertigende  Sachen  von  Ort  zu  Ort.  Charakteristisch
  für  sie  ist  auch  der  Umstand  geworden,  wie  sich  die  Familie
untereinander  zusammenschloß,  die  Geschäfte  unter  sich  verteilte.
Da  besorgte  z.  B.  der  eine  die  Straße  nach  Mailand,  der  andere
die  nach  Nürnberg,  ein  dritter  die  nach  Antwerpen,  während  der
Alteste  die  Oberleitung  in  Händen  behielt.  Bis  nach  England  gingen
  ihre  Sendungen.  Frühzeitig  hatten  sie,  wie  schon  erwähnt,
einen  Vertreter  in  Rom,  der  an  der  Kurie  die  Geschäfte  vermittelte.
Etwa  im  Jahre  1472  schrieb  der,  es  müsse  Geld  in  einer  Sache
nach  Rom  geschickt  werden:  „am  sichersten  aber  werdet  Ihr  mit  der
Sendung  gehen,  wenn  Ihr  das  Geld  meinem  Bruder  oder  einem
meiner  Angehörigen  anvertraut  und  dafür  nur  einen  einzigen  kleinen
  Schein  an  mich  empfangt.“

Gleichzeitig  betrieb  Jakob  II.  Bankgeschäfte  und  monopolisierte
dic  Bergwerke;  1505  vereinigte  er  sich  mit  den  Welser  und  Hochstetter
  zu  einer  Handelsgesellschaft  nach  Ostindien.  Er  war  ein
Mann,  der  zu  sagen  pflegte:  „Ich  will  gewinnen,  so  lang  ich  kann.“
Dabei  ein  Mann  von  stählernen  Nerven,  von  dem  man  berichtet,
er  habe  seine  Sorgen  mit  dem  Hemde  ausziehen  und  in  einem  tiefen
ruhigen  Schlafe  Erquickung  für  seine  ermüdeten  Sinne  finden  könneu.
  1511  wies  die  Bilanz  der  „Gebrüder  Fugger“  ein  Vermögen
von  211.000  Dukaten  aus,  fünfundzwanzig  Jahre  später  drei  Millionen,
  noch  ein  Jahrzehnt  später  fünf  Millionen.  Es  ist  das  für  die
damaligen  Verhältnisse  ein  ungeheures  Vermögen,  das  nur  etwa  mit
dem  der  heutigen  Rotschilds  verglichen  werden  kann.  Der  Gewohnheit
  der  Zeit  entsprechend,  haben  sie  großen  Grundbesitz  erworben.

Wie  es  sich  für  die  Bankiers  der  Habsburger  und  der  Päßpste
ziemt,  sind  sie  treue  Söhne  der  katholischen  Kirche  geblieben;  wir
wissen  aus  früheren  Zeilen,  wie  Luther  sie  beurteilt  hat;  andere  wie
die  Welser  sind  zur  neuen  Lehre  übergetreten,  trotz  der  Feindschaft
derselben  gegen  Zinsgewinn,  die  freilich  dann  auch  mit  dem  Gebote
der  Zeit  sich  abfinden  mußte.  In  großartiger  Weise  benützten  die
        <pb n="48" />
        40  *  Die  Fugger

Fugger  die  politischen  Verhältnisse.  Wir  wissen,  daß  sie  zur  Kaiserwahl
  Karl  V.  die  Summe  von  543  000  Dukaten  vorgestreckt  haben;
die  Wahl  Ferdinands  zum  römischen  Könige  kostete  nur  300000.
Wir  wissen  auch,  daß  die  Fugger  noch  mit  anderen  Monarchen  in
Verbindung  getreten  sind,  so  mit  Ludwig  II.  von  Böhmen  und  Ungarn,
  dem  letzten  Jagellonen  auf  diesen  Thronen.  Als  dieser  1526
sich  eines  Türkeneinfalles  erwehren  mußte,  erbat  er  sich  neuerdings
die  Hilfe  der  Fugger,  um  ein  Heer  zusammenzubringen;  damals
mußten  die  Herren  etwas  ihre  Tasche  zuknöpfen,  das  Anlehen  fiel
mager  aus,  dementsprechend  die  Zahl  des  Heeres  gering  und  man
kann  sich  des  Gedankens  nicht  erwehren,  vielleicht  hätte  die  Schlacht
bei  Mohacs,  die  Ludwig  das  Leben  kostete  und  Böhmen  und  Ungarn
an  Österreich  brachte,  einen  anderen  Gang  genommen,  wenn  die
Fugger  tiefer  in  den  Säckel  gegriffen  hätten!  Freilich  haben  bei
dem  Ausgang  der  Schlacht  noch  ganz  andere  Faktoren  mitgespielt,
als  die  geringe  Zahl  und  die  schlechte  Ausrüstung  des  Heeres.  Wie
dann  später  Karl  V.  große  Pläne  für  Deutschland  hegte  und  die
Protestanten  Mitte  der  vierziger  Jahre  zermalmen  wollte,  waren
es  die  Fugger,  die  das  Geld  zu  diesem  Kriege  hergaben,  und  als
den  Kaiser  sein  Schicksal  erreichte,  und  er  vor  Moritz  von  Sachsen,
krank  und  elend,  aus  Tirol  nach  Kärnten  flüchten  mußte,  da  war  es
wiederum  dasselbe  Haus,  das  mit  400000  Dukaten  dem  Kaiser
zu  Hilfe  kam  und  ihm  dadurch  aus  der  bittersten  Not  half.  Bei  diesen
  Geschäften  haben  die  Fugger  viel  verdient,  hauptsächlich  dadurch,
daß  sie  für  diese  Anlehen  überaus  wichtige  Handelsvorrechte  erhielten,
  so  das  Monopol  des  Bergbaues.

Was  an  Gold  und  Silber,  an  Kupfer  und  Blei  in  den  österreichischen
  Landen  gefunden  wurde,  das  beuteten  sie  aus.  Schwaz  und  Hall
in  Tirol  —  an  letzterem  Orte  errichteten  sie  1538  die  erste  Münze  —,
Villach  in  Kärnten,  Rauris  und  Gastein  im  Salzburgischen,  Neusohl
  in  Ungarn,  die  böhmischen  reichen  Bergwerke,  sie  gehörten  sozusagen
  den  Fuggern,  und  mit  diesem  ungeheuren  Besitze  an  Edelmetallen
  konnten  sie  den  ganzen  Weltmarkt  in  Schach  halten.  Doch
noblesse  oblige,  immer  mehr  wurden  sie  von  den  Habsburgern  in
Anspruch  genommen,  immer  größere  Summen  mußten  sie  zusetzen,
so  daß  sie  sehr  stattliche  direkte  Verluste  aus  ihrem  Verkehre  mit  den
Habsburgern  herausrechnen  konnten,  man  sagt  acht  Millionen.  Besonders
  schlimm  wurde  es  für  sie,  als  Philipp  II.  von  Spanien,  der
ihnen  drei  Millionen  schuldete,  1557  seine  Zahlungen  einstellte.
Damals  drohte  auch  ihnen  der  Zusammenbruch,  dem  die  Welser  in
        <pb n="49" />
        Jalob  II.  41

—  —  —„  —

Augsburg,  die  Hochstetter  in  Nürnberg,  die  Roth  in  Ulm  endlich  zum
Opfer  gefallen  sind;  aber  die  Fugger  haben  auch  diese  Krise  überstanden;
  sie-mußten  nur  für  einige  Zeit  in  ihren  Geschäften  sich  einschränken.


Jakob  II.  war  1525  gestorben;  das  Erbe  seines  Namens  übernahm
  sein  Neffe  Anton,  der  wohl  etwas  vorsichtiger  und  zurückhaltender
  als  sein  waghalsiger  Oheim,  doch  sonst  die  Geschäfte  nach
dessen  Traditionen  fortführte.  Es  waren  beides  aber  Männer,  die
durchaus  nicht  in  ihrem  Ziffernwerk  erstickten,  die  Großes  und
Schönes  gefördert  haben,  wie  geborene  Fürsten.  Jakob  ist  es  zu
verdanken,  daß  die  italienische  Renaissancebankunst  Eingang  nach
Deutschland  fand;  in  der  Sankt  Anna-Grabkapelle  in  Augsburg,
die  zur  Ruhestätte  der  Familie  bestimmt  war,  ließ  er  in  diesem
Stile  herrliche  Grabdenkmale  errichten;  das  Fuggerhaus  eben  daselbst
  zeigte  hinter  der  einfachen  Fassade  des  Bürgerhauses  eine  unerhörte
  Pracht  in  den  Innenräumen,  hochberühmt  waren  die  kostbaren
  Badestuben.  Er  zeigte  aber  auch  Fürsorge  für  arme  Bürger
in  einem  Ausmaße,  das  das  Verständnis  für  soziale  Forderungen
in  jener  Zeit  weit  übertraf:  er  schaffte  in  einem  eigenen,  nicht  unbeträchtlich
  großen  Stadtteile  in  Augsburg  kleine  Wohnungen  für
Unbemittelte.  Noch  jetzt  mag  man  durch  die  engen  Gassen  dieses
Viertels  wandern  und  die  niederen  blumengeschmückten  Häuser  sich
betrachten;  jene  Stiftung  ist  zu  altem  Zwecke  bis  auf  den  heutigen
Tag  erhalten  geblieben.  Das  Quartier  hat  den  Namen  der  „Fuggerei“
  erhalten.  Mit  demselben  Namen  war  bisher  das  protestantische
Volk  gewöhnt  gewesen,  die  Geld=  und,  wie  man  meinte,  Wuchergeschäfte
  des  wenig  beliebten  katholischen  Bankhauses  zu  bezeichnen
—  nun  erhielt  dies  Wort  einen  ganz  anderen  Klang.  Der  Neffe
stand  in  Dingen  der  Wohltätigkeit  und  Kunst  dem  Oheim  nicht
nach,  wenn  er  auch  etwas  wortkarg  und  sparsamer  mit  Geld  und
Reden  durch  die  Welt  gegangen  ist  nach  dem  Wahlspruche:  „Schweigsamkeit
  stehet  wohl  an.“  Reiche  Stiftungen  und  die  Gründung  einer
bedeutenden  Bibliothek  verschafften  ihm  den  Beinamen:  „Hort  der
Armen  und  Gelehrten“.

Achtzehn  Jahre  nach  jenem  gefährlichen  Zeitpunkte,  an  dem  das
Haus  Fugger  ins  Schwanken  geraten  war,  stand  Herr  Marcus  an
der  Spitze  des  Hauses,  einer  der  ersten  großen  Pferdekenner  und
Pferdezüchter  des  Jahrhunderts,  der  darüber  auch  ein  dickes  Buch
geschrieben  hat.  Und  dessen  Reichtum  beschrieb  nun  ein  Ritter,
der  damals  (1575)  mit  seinem  Lehensherrn,  Heinrich  von  Lieg-
        <pb n="50" />
        42  Die  Fugger

nitz,  saufend,  randalierend  und  pumpend  die  Welt  durchzog,  Hans
von  Schweinichen,  in  folgender  köstlicher  Weise:  „Es  lud  Herr
Marx  Fugger  J.  F.  G.  (Ihre  Fürstlichen  Gnaden  —  den  Herzog  von
Liegnitz)  einst  zu  Gaste.  Ein  dergleichen  Banket  ist  mir  bald  nicht
vorkommen,  daß  auch  der  Römische  Kaiser  nicht  besser  tractiren  mögen
  und  war  dabei  überschwengliche  Pracht.  Es  war  in  einem  Saale
das  Mal  zugericht,  da  war  mehr  von  Gold  als  Farben  gesehen  worden.
  Der  Boden  war  von  Marmelstein  und  so  glatt,  als  wenn
man  auf  einem  Eise  gieng.  Es  war  ein  Credenztisch  aufgeschlagen
durch  den  ganzen  Saal,  der  war  mit  lauter  vergoldten  Credenzen
(Schalen)  besetzt  und  merklichen  schönen  Venedigschen  Gläsern,  welches
  wie  man  saget,  weit  über  eine  Tonne  Goldes  würdig  sein
sollte  .  .  Nun  gab  der  Herr  Fugger  J.  F.  G.  ein  Willkommen,
welches  von  dem  schönsten  Venedischen  Glas  ein  Schiff  war,  künstlichen
  gemacht.  Wie  ich  es  nun  vom  Schänktisch  nehme  und  über
den  Saal  gehe,  hatte  ich  neue  Schuhe  an  und  gleite,  falle  mitten  im
Saal  auf  den  Rücken,  gieße  mir  den  Wein  auf  den  Hals  und  weil  ich
ein  neu  roth  dammasten  Kleid  anhatte.  ward  es  mir  gar  zu  Schaden.
Das  schöne  Schiff  aber  gieng  auch  in  viel  Stücke.  Ob  nun  wohl  unter
der  Hand  und  männiglich  ein  groß  Gelächter  war,  so  ward  ich  doch
hernach  bericht,  daß  der  Herr  Fugger  gesagt,  er  wolle  dasselbige
Schiff  mit  100  Gulden  gelöset  haben.  Es  war  aber  ohn  mein  Schuld,
denn  ich  weder  gessen  noch  getrunken  hatte.  Da  ich  aber  hernach
einen  Rausch  bekam,  stund  ich  fester  und  fiel  danach  kein  Mal,  auch
im  Tanze  nicht.  Ich  hielt  davor,  daß  Gott  die  Pracht  nicht  haben
wollt  mit  mir;  denn  ich  ein  neu  Kleid  angezogen  und  deuchte  mich,
ich  wär  der  Anerstattlichste  gewesen.  Es  führeten  J  J.  F.  G.  der  Herr
Fugger  spazieren  im  Haus  herum,  welches  ein  gewaltiges  großes
Haus  ist,  daß  der  Römische  Kaiser  auf  dem  Reichstage  mit  dem  ganzen
  Hofe  Raum  darin  gehabt.  Da  hat  der  Herr  Fugger  J.  F.  G.
in  ein  Türmlein  geführet,  darin  hat  er  J.  F.  G.  von  Ketten,  Kleinodien
  und  Edelgesteinen  auch  von  seltsamer  Münz  und  Stücke  Goldes,
  als  Köpfe  groß,  einen  Schatz  gewiesen,  daß  er  selber  saget,  es
wär  über  eine  Million  Gulden  wert.  Hernach  schloß  er  einen  Kasten
auf,  der  lag  bis  oben  aus  mit  lauter  Dukaten  und  Kronen.  Die  gab
er  auf  200  000  Gulden  an,  welche  er  dem  König  von  Spanien
durch  Wechsel  geliehen.  Drauf  führt  er  J.  F.  G.  auf  dasselbige
Türmlein,  welches  von  der  Spitze  an  bis  in  die  Hälfte  nunter  mit
lauter  guten  Thalern  gedecket  war.  Saget,  es  wär  ungefährlichen
27000  Thaler  anlangend.  Damit  bewies  er  J.  F.  G.  große  Ehr
        <pb n="51" />
        Schweinichens  Bericht  43

—  —  ———

und  beineben  auch  sein  Macht  und  Vermögen.  Man  saget,  daß  der
Herr  Fugger  so  viel  hätte,  daß  er  ein  Kaisertum  bezahlen  möchte.
Verehret  mir  auf  den  Fall  einen  schönen  Groschen,  der  ungefähr
9  Gran  schwer  war,  wegen  des  Falls.  J.  F.  G.  versahen  sich  auch
eines  stattlichen  Geschenkes,  aber  damals  bekamen  J.  F.  G.  nichts,
als  einen  guten  Rausch.  Es  waren  J.  F.  G.  hernach  etliche  Mal
zu  Gaste  allda,  und  waren  allezeit  wohl  tractiret,  wie  ich  denn  ingleichen
  vom  Herrn  Fugger  eingeladen  ward  .  .  Versaget  (verlobet)
  die  Zeit  eben  einem  Grafen  sein  Tochter  und  saget  ihr  mit  zu
geben,  neben  dem  Schmuck,  200  000  Thaler  in  Jahr  und  Tag.  Das
mochte  ein  Brautschatz  sein!

Wann  denn  in  der  Herbergen  (in  der  der  Herzog  mit  seinem
Gefolge  einquartiert  war)  täglichen  viel  aufgieng,  daß  auch  J.  F.
G.  über  1300  Thaler  dem  Wirt  schuldig  waren;  ungeacht  daß  ich
ihm  allbereit  250  Thaler  gegeben  hatte,  wollte  er  auch  nunmehr
endlichen  Geld  haben  und  war  bei  J.  F.  G.  wenig  vorhanden.  Schickten
  J.  F.  G.  mich  zum  Herrn  Fugger  und  ließen  ihn  um  4000
Thaler  zu  leihen  bitten.  Er  schlug  aber  Solches  J.  F.  G.  aus  vielen
erzälten  Ursachen,  sonderlichen  aber  wegen  Leihung  dem  König  von
Spanien  einer  großen  Summa  gänzlichen  ab  und  entschuldiget  sich
ganz  höflichen.  Des  andern  Tages  aber  schickte  er  seinen  Hofmeister
zu  mir,  ihn  bei  meinem  Herrn  anzusagen.  Da  ließ  er  J.  F.  G.
200  Kronen  und  ein  schönen  Becher  von  80  Thaler  verehren,  neben
einem  Roß  mit  einer  schwarzen  Sammetdecken  bedecket,  auch  praesentiren,
  welches  alles  J.  F.  G.  zu  Freundschaft  und  großem  Dank
annahmen.“!1)

III.
Wallenstein.

Neun  Jahre  nach  Luthers  Tode  ward  in  Deutschland  der  Versuch
gemacht,  die  streitenden  Parteien  in  einem  Ausgleiche  zu  vereinen.
Siegreich  hatte  zuerst  Kaiser  Karl  (1547)  die  protestantischen  Fürsten
  niedergeworfen,  den  Kurfürsten  von  Sachsen  und  den  Landgrafen
  von  Hessen  gefangen  gesetzt;  das  war  nur  möglich  gewesen
durch  die  Spaltung,  die  in  den  Reihen  der  Protestanten  selbst  eingerissen
  war.  Aus  ehrgeizigen  Motiven  hatte  sich  der  Herzog  Moritz
von  Sachsen  von  ihnen  getrennt  und  sich  dem  Kaiser  angeschlossen.
Dafür  war  ihm  an  Stelle  seines  gefangenen  Vetters  der  sächsische

.Y  —  ——  —

1)  Denkwürdigkeiten  von  Hans  lvon  Schweinichen.  Heranusg.  von  Hermann
  Oesterley.  Breslau,  18/8.  S.  77—7v.
        <pb n="52" />
        44  Wallenstein  I

Kurhut  übertragen  worden.  Nun  hielt  es  Moritz  für  angezeigt,  von
der  kaiserlichen  Partei  wieder  abzufallen  und  sich  mit  seinen  Glaubensgenossen
  auszusöhnen.  Vor  ihm  mußte  Karl  V.  krank  und  elend
in  die  Alpen  flüchten.  Die  Lage  der  deutschen  Protestanten  wurde
eine  derart  günstige,  daß  die  Habsburger  wohl  oder  übel  mit  ihnen
verhandeln  mußten.  Der  Kaiser  selbst  ist  seiner  ursprünglichen  Haltung
  treu  geblieben:  nur  in  politischer  Zwangslage  hat  er  den  Protestantismus
  manchmal  gefördert,  in  seinem  Herzen  war  er  ihm
stets  abgeneigt  geblieben,  nie  wollte  er  ihn  als  Machtfaktor  im
Reiche  anerkennen.  Als  jetzt  die  Notwendigkeit  an  ihn  herantrat,  mit
den  Protestanten  wie  mit  einer  gleichberechtigten  Partei  zu  verkehren,
  da  wich  Karl  V.  diesem  ihm  unleidlichen  Umstande  dadurch
aus,  daß  er  die  Friedensverhandlungen  seinem  Bruder  Ferdinand
übertrug.  Ja  er  ging  noch  weiter.  Da  auf  die  ersten  Abmachungen
in  Passau  (1552)  endgültige  Beschlüsse  in  Augsburg  (1555)  folgen
sollten,  da  hat  er  seine  Krone  niedergelegt  und  sich  in  sein  geliebtes
Spanien  zurückgezogen.  In  der  Einsamkeit  der  Berge  Estremaduras,
  im  Kloster  San  Yuste,  hat  er  die  letzten  Lebensjahre  zugebracht
und  hier  1558  seine  Augen  geschlossen,  einer  der  größten  Politiker,
die  das  Haus  Habsburg  jemals  gesehen.  Er  hat  zuerst  eine  ungeheure
  Hausmacht  mit  der  deutschen  Kaiserkrone  vereinigt,  wegen
der  Größe  dieses  Besitzes  dann  seine  Hausmacht  wieder  teilen  müssen.

Das  Erbe  im  Reiche  trat  Ferdinand  I.  an.  Im  Frieden  von
Augsburg  versuchte  er  den  konfessionellen  Hader  beizulegen.  Dieser
Religionsfrieden  (1555)  stellte  vor  allem  den  Grundsatz  auf,  daß  in
jedem  Reichsgebiete  der  Fürst  den  Glauben  seiner  Untertanen  zu
bestimmen  habe.  Mit  den  knappen  Worten:  cuins  regio,  illius  religio,
  ist  dieser  Satz  formuliert  worden.  Damit  bekamen  dic  katholischen
  Fürsten  das  Recht,  das  neue  Evangelium  aus  ihren  Gebieten
  auszumerzen,  ein  Recht,  von  dem  in  den  folgenden  Jahrzehnten
  z.  B.  die  Habsburger  in  Innerösterreich  Gebrauch  gemacht
haben.  Dasselbe  Recht  bekamen  auch  die  evangelischen  Fürsten,  sie
sind  aber  in  der  nächsten  Zeit  viel  weniger  in  Gelegenheit  gekommen,
  es  auszuüben,  so  daß  die  Chroniken  der  Zeit  voll  sind  von
Erzählungen  über  die  Bedrängnisse  der  Protestanten  und  damit  in
der  nun  beginnenden  Gegenreformation  der  Katholizismus  leicht
den  Beigeschmack  unerhörter  Intoleranz  bekommen  hat.  Ausnahmen
  von  jenem  allgemeinen  Grundsatze  wurden  für  die  geistlichen
Gebiete  gemacht;  damit  sollte  ein  Kompromiß  zwischen  den  streitenden
  Parteien  geschaffen  werden,  das  beiden  gleich  unlieb  war
        <pb n="53" />
        Der  Augsburger  Religionsfriede  45

und  von  beiden  nicht  förmlich  anerkannt  worden  ist.  Um  nämlich
die  geistlichen  Gebiete  vor  einer  Besitzergreifung  durch  die  Protestanten
  zu  schützen,  wurde  bestimmt,  daß  jeder  geistliche  Fürst,  der
seinen  Glauben  änderte,  damit  sein  geistliches  Besitztum  verlieren
sollte.  Was  tatsächlich  in  der  Praxis  dann  vorgekommen  ist,  sollte
theoretisch  verhindert  werden:  daß  es  protestantische  Bischöfe  und
Erzbischöfe  geben  könnte.  Für  diese  Ausnahmsmaßregel,  die  natürlich
  der  Propaganda  der  Protestanten  einen  gewaltigen  Riegel
vorschob,  sollten  letztere  dadurch  entschädigt  werden,  daß  die  katholischen
  geistlichen  Fürsten  angewiesen  wurden,  innerhalb  ihres  Territoriums
  auch  Andersgläubige  zu  dulden.  Ferner  waren  Bestimmungen
  in  den  Religionsfrieden  aufgenommen  worden,  die  von
vorneherein  bereits  den  Keim  der  Unmöglichkeit  in  sich  trugen:
es  wurde  festgestellt,  daß  keine  neuen  konfessionellen  Veränderungen
  innerhalb  des  Reiches  vor  sich  gehen  sollten,  damit  sollte  die
Weiterausdehnung  der  protestantischen  Partei  verhindert  werden;
es  war  aber  klar,  daß  sich  die  Protestanten  daran  nicht  binden  würden:
  jene  Bestimmung  betreffs  der  geistlichen  Gebiete  rechnete  eben
schon  damit.  Außerdem  waren  bloß  die  Anhänger  der  Augsburger
Konfession  in  diesen  Frieden  ausgenommen,  während  die  Anhänger  der
Schweizer  (Zwingli,  Kalvin)  außerhalb  des  Gesetzes  stehen  blieben,  etwas
  was  sich  ebenfalls  als  untunlich  herausstellte,  da  die  reformierte
Konfession,  wie  sie  genannt  worden  ist,  gerade  in  der  nächsten  Zeit  große
Fortschritte  in  Deutschland  gemacht  hat.  Das  Fürstenhaus  der  Pfalz
ist  ihr  Führer  geworden  und  hat  geradezu  eine  politische  Partei
im  Reiche  geschaffen,  die  in  bittere  Fehde  vornehmlich  mit  den  Sachsen,
  die  streng  an  Luthers  Lehre  sich  hielten,  geraten  ist.  Dieser  konfessionelle
  Gegensatz  wurde  zu  einem  politischen  verschärft:  die  Sachsen
  hielten  zum  Kaiser,  die  Pfälzer  waren  seine  gefährlichsten  Gegner.
  Schon  aus  diesem  Zwiespalte  der  Evangelischen  heraus  wurden
günstigere  Bedingungen  für  die  Katholiken  geschaffen,  die  nun  tatsächlich
  ihrerseits  mit  der  Wiedereroberung  der  verloren  gegangenen
Gebiete  begannen:  der  Reformation  tritt  die  Gegenreformation  entgegen.
  Haß  und  Zank  sind  die  Folgen  dieser  Dinge  gewesen,  die  weitmaschigen
  Bestimmungen  des  Augsburger  Religionsfriedens,  die
gerade  in  den  wichtigsten  Ausnahmen  von  den  Gegnern  nicht  anerkannt
  worden  sind,  haben  da  mitgewirkt  an  der  öffentlichen  Unsicherheit;
  erbitterte  verwandtschaftliche  Kämpfe  innerhalb  der  deutschen
  Fürstenfamilien  —  so  innerhalb  der  Wettiner  in  Sachsen  und
Thüringen,  innerhalb  der  Wittelsbacher  in  Bayern  und  Pfalz  —
        <pb n="54" />
        46  Wallenstein

——  —  –  .  —  —  —  —  —  —

haben  diese  Gegensätze  noch  weiter  verschärft.  Die  Lehre  von  dem
Widerstande  gegen  die  Obrigkeit,  die  die  Kalviner  vor  allem  im
Reiche  verteidigen  und  verteidigen  müssen,  weil  sie  eben  von  der
Obrigkeit  nicht  anerkannt  werden,  bringt  naturgemäß  diese  Fürsten
dazu,  sich  an  das  Ausland  gegen  den  Kaiser  und  die  Mitfürsten
anzulehnen.  Damit  werden  bald  Frankreich  und  England  wichtige
Faktoren,  gegen  die  sich  die  Habsburger  auf  die  spanischen  Verwandten
  stützen  müssen.  Nach  dem  Tode  Karl  V.  war  ja  das  Haus
Habsburg  in  eine  deutsche  und  eine  spanische  Linie  zerfallen.
Ganz  Europa  wird  dazumal  durch  Glaubensstreitigkeiten  erfüllt,
die  freilich  oftmals  als  Vorwand  für  den  politischen  Egoismus  der
einzelnen  Fürsten  dienen  müssen.  In  England  will  Maria  Stuart
die  englische  Krone  wieder  für  den  Katholizismus  retten,  nach  ihren
Hinrichtung  versucht  Philipp  II.  von  Spanien  dieses  Werk  durchzuführen,
  seine  „unüberwindliche  Armada“  zerschellt  an  den  englischen
  Küsten.  In  den  Niederlanden  soll  ein  glaubensstarkes  Volk
dem  Protestantismus  entrissen  werden,  ein  heldenmütiger  langjähriger
  Kampf  muß  geführt  werden,  um  das  abzuwehren.  In
Frankreich  kämpfen  die  Hugenotten  um  ihre  Religionsfreiheit,  die
ihnen  schließlich  Heinrich  IV.  im  Edikte  von  Nantes  (1598)  zuerkennen
  muß.  Dagegen  gelingt  es,  wie  schon  angedeutet,  die  österreichischen
  Erbländer  der  römischen  Kirche  wieder  zu  unterwerfen.
Dasselbe  möchten  die  Habsburger  gerne  auch  in  den  1526  wenigstens
  zum  Teile  gewonnenen  neuen  Ländern,  Böhmen  und  Ungarn,
  erzielen;  sie  stoßen  aber  da  auf  den  heftigsten  Widerstand.
Die  Ungarn,  größtenteils  vom  habsburgischen  Szepter  unabhängig,
  teils  unter  einheimischen  Familien  stehend,  teils  unter  der
Knechtschaft  des  Halbmondes  seufzend,  bewahren  sich  ihre  Religionsfreiheit,
  während  die  protestantischen  Böhmen  den  inneren  Zwist
im  Haus  Habsburg  benützen  und  sich  im  Majestätsbriefe  von  1609
günstige,  aber  ebenfalls  unklare  Ausnahmebestimmungen  zu  erringen
  wissen.  Es  ging  ein  Zug  von  Zwietracht  durch  die  Welt,
der  nach  einer  Lösung  durch  die  Waffen  rief;  schon  Anfang  des  17.
Jahrhunderts  schien  die  gewalttätige  Politik  Heinrichs  IV.  von  Frankreich
  einen  allgemeinen  Krieg  hervorrufen  zu  sollen,  da  hat  sein
vorzeitiges  Ende  unter  Mörderhand  noch  ein  paar  Jahre  der  Ruhe
geschaffen.  In  OÖsterreich  und  im  Reiche  ist  gleich  darauf  (von  seinen
Vorgängern  und  der  Entwickelung  der  habsburgischen  Familie  wird
noch  an  anderem  Orte  die  Rede  sein)  ein  ausgleichs=  und  friedenfreundlicher
  Fürst  zur  Regierung  gekommen:  Matthias,  den  wir

—  —  ——
        <pb n="55" />
        —  Die  Gegenreformation  47

als  Wiener  bezeichnen  dürfen.  Mit  leichterer  Lebensauffassung,  etwas
  kosmopolitisch  angehaucht,  war  er  mehr  auf  fröhliches  Genießen
  des  Daseins  gerichtet,  ohne  sich  über  den  Ernst  des  Lebens
besondere  Skrupel  zu  machen.  Sein  Vertrauensmann  war  der  Bischof
  von  Wiener-Neustadt,  Khlesl,  ein  kluger  Diplomat,  der  der
sanfteren  Tonart  seines  Herrn  auch  in  religiösen  Dingen  gern  entgegenkam,
  gerade  dadurch  sich  aber  die  Feindschaft  der  anderen  Habsburger
  zuzog.  Es  war  ein  böser  Augenblick  im  Leben  Kaiser  Matthias',
  als  er  erfahren  mußte,  daß  seine  Neffen  eigenmächtig  den
Bischof  hätten  festnehmen  und  in  Gewahrsam  setzen  lassen.  Und
charakteristisch  für  die  Ohnmacht  des  Kaisers  war  es,  daß  er  diesen
Gewaltstreich  sich  gefallen  lassen  mußte.  Matthias  war  kinderlos,
ebenso  waren  es  seine  zahlreichen  Brüder  geblieben,  die  Erbfolge
in  den  österreichischen  Ländern  und  damit  wohl  auch  die  voraussichtliche
  Nachfolge  im  Reiche,  gebührte  nun  seinem  ältesten  Neffen,
Ferdinand  von  Steiermark,  demselben,  der  mit  Energie  die  Wiedereroberung
  seiner  Länder  für  den  Katholizismus  durchgeführt  hatte.
Es  war  vorauszusehen,  daß  er,  einmal  zur  Regierung  gekommen,
in  den  anderen  Ländern,  auch  im  Reiche,  die  Protestanten  energisch
bekämpfen,  ein  Kaiser  der  Gegenreformation  werden  würde.  Es
wäre  ganz  verständlich  gewesen,  wenn  die  Protestanten  sich  gegen
diese  Nachfolge  mit  äußerster  Kraft  gewehrt  hätten,  und  man  muß
sich  wundern,  daß  einzig  und  allein  die  Stände  Böhmens  dazu
den  Mut  fanden.  Dafür  gingen  diese  Herren  recht  tüchtig  ins  Zeug;
sie  hatten  zwar  Ferdinand  bereits  als  König  „angenommen“,  machten
  aber  nun  Versuche,  ihn  wieder  los  zu  werden.  Sie  knüpften  zuerst
  ihrer  konfessionellen  Richtung  entsprechend,  mit  dem  benachbarten
  Kurfürsten  von  Sachsen  an,  der  war  aber  nicht  der  Mann
dazu,  mit  den  Habsburgern  sich  in  Gegensatz  zu  setzen;  so  wandten
sie  sich  an  die  andere  protestantische  Partei  in  Deutschland,  an  die
pfälzisch-kalvinische,  und  da  fanden  sie  einen  jungen  ehrgeizigen  Fürsten,
  Friedrich  V.  von  der  Pfalz,  der  sich  bereit  zeigte,  das  abenteuerliche
  Unternehmen  zu  beginnen.  Er  schien  ein  besonders  glücklicher
Kandidat  zu  sein,  da  er  mit  der  Tochter  König  Jakobs  I.  von  England
  vermählt  war  und  dadurch  wichtige  internationale  Beziehungen
  zur  Verfügung  haben  mußte.  Bevor  noch  diese  Dinge  ins  reine
gekommen  waren,  brach  der  Zwist  in  Böhmen  los.

Unter  Berufung  auf  den  Majestätsbrief  hatten  die  böhmischen--Protestanten
  Kirchenbauten  unternommen,  die  man  von  seiten  der
Wiener  Regierung  nicht  als  rechtmäßig  anerkennen  wollte.  Die
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        48  Wallenstein

—  ——  —  —  “——:-""“""'

eine  der  Kirchen  wurde  kurzweg  niedergerissen,  die  andere  sollte  gesperrt
  werden.  Dagegen  erhoben  sich  die  böhmischen  Stände  und
um  ihrer  Gesinnung  einen  drastischen  Ausdruck  zu  geben,  besörderten
  sie  am  23.  Mai  1618  zwei  kaiserliche  Statthalter  und  den
Protokollführer  der  Ratsversammlung  aus  einem  Fenster  der  Natsstube
  in  den  tiefen  Graben,  der  das  Hradschiner  Schloß  umgibt.
Gleichzeitig  rüsteten  sie  ihre  Truppen  und  leisteten  energischen
Widerstand,  als  man  von  Wien  aus  mit  bewaffneter  Hand  Ordnung
schaffen  wollte.  Der  Bürgerkrieg  war  bereits  ausgebrochen,  als
Matthias  seine  Augen  schloß  (20.  März  1619).  Ferdinand  wurde  in
den  Erblanden  als  Herrscher  anerkannt  und  sehr  zur  Überraschung
der  Böhmen  auch  im  Reiche  zum  Kaiser  gekrönt.  Man  hatte  in  Prag
zumindest  nicht  auf  eine  solche  rasche  Wahl  gerechnet  und  mußte
es  erleben,  daß  ziemlich  gleichzeitig  mit  der  Berufung  Friedrichs  V.
zum  König  von  Böhmen  Ferdinand  Kaiser  wurde.  Das  war  ein
Mißgeschick,  das  nicht  mehr  zu  ändern  war,  aber  eine  düstere  Vorbedeutung
  für  das  Königtum  des  Pfälzers  blieb.  Gerade  in  der
Gleichzeitigkeit  dieser  Wahlen  liegt  das  Entscheidende:  man  darf
behaupten,  daß  eine  derselben,  wenn  sie  früher  geschehen  oder  früher
bekannt  geworden  wäre,  auf  die  andere  Einfluß  geübt  hätte.
Mit  Energie  nahm  Ferdinand  II.  den  Kampf  gegen  die  rebellischen
  Böhmen  auf;  ebenso  entschieden  war  sein  Freund  und  Vetter
Maximilian,  der  Herzog  von  Bayern,  zur  Unterstützung  bereit.
Von  seiner  Persönlichkeit  und  seiner  Politik  wird  nachstehend
mehr  die  Rede  sein.  Auch  die  spanische  Linie  der  Habsburger  war
bereit,  mit  den  deutschen  Verwandten  gemeinsame  Sache  zu  machen.
Dagegen  blieb  Friedrich,  der  neue  König  von  Böhmen,  ohne  wesentliche
  Hilfe,  nur  kleine  deutsche  Fürsten  schlossen  sich  ihm  an,
wie  der  Hohenzoller  Georg  von  Jägerndorf,  wie  Christian  von
Braunschweig,  der  Administrator  des  Stiftes  Halberstadt,  wie  Graf
Erust  von  Mansfeld.  Die  großen  protestantischen  Herren,  die  Brandenburger,
  die  Sachsen,  blieben  abseits  stehen,  vorsichtig  abwartend,
wie  sich  das  Duell  zwischen  den  beiden  Königen  von  Böhmen,  dem
angenommenen  und  dem  erwählten,  gestalten  würde.  Auch  England
  versagte  seine  Hilfe;  König  Jakob  war  eine  kleinliche,  knauserige
  Natur,  überdies  hatte  er  Pläne,  die  es  ihm  wünschenswert
erscheinen  ließen,  die  katholischen  Mächte,  besonders  Spanien,  sich
nicht  zu  Feinden  zu  machen.  Nur  der  Fürst  von  Siebenbürgen,
Gabriel  Béthlen,  brachte  dem  Pfälzer  zeitweise  Hilfe,  die  aber,
berechnet  und  eigennützig,  nur  sehr  bedingt  von  Nutzen  war.  In
        <pb n="57" />
        Der  böhmische  Aufstand  49

Böhmen  selbst  gelang  es  dem  jungen  Paare,  Friedrich  und  Elisabeth,
  nicht  festen  Fuß  zu  fsassen;  der  Sprache  des  Landes  unkundig,
in  steten  Geldverlegenheiten,  dabei  Kalviner,  während  die  Böhmen
Lutherauer  waren,  hatten  sie  eine  überaus  schwierige  Stellung.
Und  als  es  zur  Entscheidung  kam  in  der  Schlacht  am  Weißen  Berge,
8.  November  1620,  da  versagte  die  pfälzisch-böhmische  Armee  völlig.
Nachdem  das  pfälzische  Königtum  in  Böhmen  kaum  ein  Jahr  gedauert
  hatte,  ging  es  zu  Ende,  ein  Winterkönigtum  hat  man  es  genannt.
  Mit  Ausnahme  weniger  Städte,  die  längeren  Widerstand
leisteten,  wie  Pilsen  oder  das  oberlausitzische  Bautzen,  fiel  das  ganze
Land  rasch  in  die  Hände  der  Kaiserlichen.  Friedrichs  Stammland
ging  verloren,  die  Habsburger  und  Maximilian  von  Bayern  teilten
  sich  darein  und  auch  seinen  Anhängern  ging  es  schlecht;  der
Landgraf  von  Jägerndorf  verlor  seinen  Besitz,  wurde  gleich  dem
Pfälzer  in  Acht  getan,  sein  Land  erhielt  der  Fürst  von  Liechtenstein.
  Der  größte  Umschwung  der  Dinge  erfolgte  aber  in  Böhmen,
eine  gründliche  katholische  Reaktion  griff  um  sich.  Die  lutherischen
Lehren  wurden  ausgerottet,  mit  Gewalt  die  Anhänger  durch  Einquartierungen,
  Drangsalierungen  aller  Art  zum  Katholizismus  bekehrt,
  die  lutherischen  Bücher  verbrannt,  mit  Feuer  und  Schwert
wurde  rekatholisiert;  die  Güter  der  Anhänger  Friedrichs  wurden
konfisziert  und  die  kaiserlichen  Generäle  damit  belohnt.  Damals
erwarben  die  Bouquoy  und  die  Liechtenstein  reichen  Besitz  in  Böhmen.
  Die  Rechte  der  Stände  wurden  gewaltig  beschnitten,  in  der
„verneuerten  Landesordnung“  von  1627  kam  das  deutlich  zum
Ausdrucke;  die  Regierung  wurde  in  der  Landtagsstube  allmächtig,
ein  Zustand,  der  bis  zum  Jahre  1848  angedauert  hat.  Hand  in
Hand  ging  damit  eine  nationale  Umkehr  zugunsten  des  Deutschen;
nicht  als  ob  die  Wiener  Regierung  eine  deutsche  gewesen  wäre,  aber
da  lutherisch  und  tschechisch  gleichbedeutend  gewesen  war,  so  mußte
das  Tschechentum  unter  der  Niederlage  des  Protestantismus  leiden.

Nach  der  Schlacht  am  Weißen  Berge  erhielt  ein  kaiserlicher  Oberst
den  Auftrag,  die  nordböhmischen  Städte  wie  Saaz,  Brüx,  Dux  vom
neuen  Glanben  zu  reinigen.  Mit  Erfolg  entledigte  er  sich  dieser  Aufgabe.
  Dieser  Oberst  war  Albrecht  von  Waldstein.

Er  gehörte  dem  alten  Geschlechte  der  Markwarditze  an;  von  einer
Burg  Waldstein  bei  Turnau  führte  seine  Familie  den  Namen.  Sie
hatte  sich  in  verschiedene  Linien  geteilt,  die  eine  davon  war  die
Arnauer  Linie,  die  nicht  sonderlich  mit  Glücksgütern  gesegnet  war.
Ein  Herr  Wilhelm  von  Waldstein  dieser  Linie  vermählte  sich  mit

AdNuch  123:  Weber,  von  Luther  zu  Bismarck.  1.  2.  Ausl.  4
        <pb n="58" />
        50  Wallenstein

Margarete  von  Smiricky,  die  ihm  das  Gut  Hermannitz  bei  Königinhof
  mitbrachte.  Diesem  Paare  wurde  1583,  hundert  Jahre  nach
Martin  Luther,  ein  dritter  Sohn  geboren,  der  die  Namen  Albrecht
Eusebius  Wenzel  erhielt.  Frühzeitig  starben  Vater  und  Mutter;
der  junge  Albrecht  ward  von  einem  Oheim,  Slawata  von  Koschumberg,
  erzogen,  der,  wie  der  größte  Teil  der  Familie,  der  Lehre  der
böhmischen  Brüder  anhing.  Er  ließ  den  Knaben  zuerst  im  Städtchen
  Chrast  bei  Chrudim  erziehen,  schickte  ihn  1597—99  auf  die
lutherische  Akademie  Goldberg  in  Schlesien,  einer  nicht  sehr  bedeutenden
  Schule,  dann  1599—1600  auf  die  gleichfalls  lutherische
Hochschule  Altdorf  bei  Nürnberg.  Daß  Albrecht  schon  damals,  wie
behauptet  worden,  Katholik  gewesen  sei,  scheint  durch  den  religiösen
  Charakter  dieser  Schulen  widerlegt.  In  Altdorf  führte  er
das  wilde  unbändige  Leben  der  Studenten  seiner  Zeit;  im  Saufen
und  Raufen  suchten  sie  ihr  Höchstes,  auch  die  Professoren  taten  da
gerne  mit;  durch  Studieren  ward  nicht  viel  Zeit  verloren.  Locker
saß  der  Degen  der  jungen  Herren  in  der  Scheide;  rasch  zogen  sie
vom  Leder;  bei  einem  solchen  nächtlichen  Straßenkampfe  wurde  ein
Nürnberger  Patrizierkind  getötet,  dessen  Blut  schrie  um  Rache,
Albrecht  mußte  von  der  Universität  scheiden.  Nun  unternahm  er  in
angemessener  Begleitung  die  für  die  damaligen  jungen  Edelleute
  gebräuchliche  Reise  nach  Deutschland  und  Italien.  In  Bologna
  und  Padua  hat  er  auch  etwas  Jurisprudenz  getrieben;  als  er
heimkehrte,  soll  er  zunächst  in  den  Dienst  des  Markgrafen  von
Burgau,  dem  Sohne  Erzherzog  Ferdinands  von  Tirol  und  der
schönen  Philippine  Welser,  als  Edelknabe  getreten  sein.  Es  wird
dabei  erzählt,  daß  er  eines  Tages  auf  dem  Fenster  der  Burg  in
Innsbruck  eingeschlafen  und  im  Schlaf  heruntergefallen  sei,  ohne
daß  ihm  etwas  geschehen;  aus  Dank  für  den  Schutz  der  Jungfrau
Maria,  den  sie  ihm  offenbar  bei  dieser  Lebensrettung  habe  angedeihen
  lassen,  sei  er  katholisch  geworden.  Diese  unverbürgte  Nachricht
  eines  Biographen  wird  wohl  auch  in  das  Gebiet  jener  Anekdoten
  zu  weisen  sein,  die  nachträglich  schon  in  der  Jugendzeit  großer
Männer  merkwürdige  Taten  und  ungewöhnliche  Ereignisse  aufspüren
  wollen.  Sicher  ist  dieser  Aufenthalt  am  Hofe  des  Burgauers
überhaupt  nicht,  dagegen  wissen  wir  aus  zuverlässiger  Quelle,  daß
er  bald  nach  der  Heimkehr  aus  Italien  sich  dem  Kriegshandwerk
zuwandte,  in  Ungarn  kämpfte  und  endlich  in  die  Dienste  der  böhmischen
  Stände  trat;  wir  finden  ihn  am  Türkenkriege  beteiligt,
der  1606  durch  den  Frieden  von  Szitva-Török  beendet  wurde.  Bis
        <pb n="59" />
        Wallensteins  Aufkommen  51

dahin  stand  er  in  enger  Verbindung  mit  protestantischen  Adligen,
wie  mit  Karl  von  Zierotin,  der  zwei  Jahre  vorher  Albrechts
Schwester  Katharina  geheiratet  hatte;  dafür,  daß  er  noch  immer
Protestank  war,  spricht  auch,  daß  die  böhmischen  Stände  kaum
einem  andern  als  einem  Lutheraner  ein  Regiment  anvertraut  haben
  dürften.  Nach  dem  Friedensschluß  wendet  er  sich  nach  Mähren;
ein  anderer  Oheim,  der  Katholik  Johann  von  Kian,  scheint  seinen
Einfluß  geltend  gemacht  zu  haben,  Waldstein  tritt  in  Verbindung
mit  den  Olmützer  Jefuiten,  von  denen  besonders  P.  Veit  Pachta,
ein  sehr  kluger  und  gewandter  Mann,  später  Rektor  des  Kollegs
in  Brünn,  stark  auf  ihn  eingewirkt  hat.  Auch  das  Beispiel  seines
Freundes,  Karl  von  Liechtenstein,  der  einige  Jahre  vorher  zum  Katholizismus
  übergetreten  war,  mag  vorbildlich  gewesen  sein.  Dazu
dürfte  die  Erwägung  gekommen  sein,  daß  die  Zukunft  eines  jungen,
nicht  sonderlich  wohlhabenden  Edelmannes  bei  den  jüngeren  Habsburgern
  liege  und  daß  hier  ein  Lutheraner  wenig  Aussicht  habe,  Karriere
  zu  machen.  Kurz,  Anfang  1607  schreibt  sein  Schwager  Zierotin
von  ihm:  „il  va  à  la  messe“;  mehr  wissen  wir  von  seinem  Übertritte
  nicht.  Bald  merken  wir  aber  die  Folgen  desselben.  Durch  Vermittelung
  P.  Pachtas  heiratet  er  1609  eine  ältere  Witwe,  Ludmila
Nekesch  von  Landeck,  die  über  reichen  Besitz  in  Mähren  verfügt.  Ganz
anders  kann  Albrecht  von  Waldstein  nun  als  begüterter  Mann  auftreten;
  er  löst  seine  Beziehungen  zu  Böhmen  und  tritt  als  Feldoberst
in  den  Dienst  der  mährischen  Stände;  seine  Güter  verwaltet  er  in
katholischem  Sinne.  Er  wirtschaftet  nicht  immer  gut,  wir  wissen,
daß  er  genötigt  war,  Meierhöfe  zu  verkaufen,  um  für  seine  Ausgaben
  aufzukommen,  sein  Ehrgeiz  treibt  ihn  dazu,  eine  Rolle  in
der  Welt  zu  spielen,  und  das  kostet  Geld.  Er  kann  sich  auch  nicht  von
den  Lastern  der  Zeit  freihalten,  besonders  nicht  vom  schweren  Trinken;
  er  hat  selbst  zugestanden,  daß  die  Gicht,  die  ihn  bald  stark  zu
plagen  anfing,  vom  vielen  Saufen  käme.

Fünf  Jahre  lang  dauerte  seine  Ehe  mit  Ludmilaj  er  scheint  die
alternde  Frau  in  Ehren  gehalten  zu  haben,  auch  nach  ihrem  Tode  hat
er  ihr  ein  treues  Andenken  bewahrt  und  die  Leiche  einige  Jahre
später  nach  Gitschin  überführen  lassen.  Jetzt,  1614,  konnte  er  allein
über  das  beträchtliche  Vermögen  verfügen  und  sich  mit  seinen  Mitteln
  den  künftigen  Lebensweg  anbahnen.  Noch  immer  dachte  er
an  den  Hofdienst,  aber  nicht  bei  Matthias,  sondern  bei  dem  voraussichtlichen
  Nachfolger,  Erzherzog  Ferdinand.  Er  trat  mit  diesem  in
Verbindung,  und  als  Ferdinand  in  den  nächsten  Jahren  in  einen

+#
        <pb n="60" />
        52  Wallenstein

—  —  .  —  —

Krieg  mit  Venedig  verwickelt  wurde,  da  rüstete  Albrecht  auf  eigene
Kosten  ein  paar  hundert  Reiter  aus,  um  sie  ihm  zuzuführen.  Auch
bei  der  Belagerung  von  Gradisca,  1616,  war  er  beteiligt,  ohne  aber
hier,  ebenso  wie  in  dem  früheren  Türkenkriege,  sich  besonders  hervorzutun.
  Jedenfalls  hat  Erzherzog  Ferdinand  diesen  Eifer  des
mährischen  Adligen  mit  Dank  bemerkt  und  es  dürften  im  ungezwungenen
  Lagerleben  engere  Beziehungen  zwischen  dem  Erzherzog
  und  Waldstein  angeknüpft  worden  sein.

Als  die  Wirren  in  Böhmen  ausbrachen,  bemühten  sich  die  böhmischen
  Stände  angelegentlich,  auch  Mähren  für  sich  zu  gewinnen.
Trotz  der  Abmahnung  einsichtigerer  Männer,  wie  Zierotin,  erklärten
sich  die  mährischen  Stände  bereit,  den  Böhmen  zu  helfen  und  erteilten
  ihrem  Obersten  Waldstein  den  Befehl,  sein  Regiment  nach  Böhmen
  zu  bringen.  Der  Oberst  gehorchte  aber  nicht;  ohne  Rücksicht  auf
seinen  den  Ständen  geleisteten  Treueid  beschloß  er,  sein  Regiment
Ferdinand  zuzuführen.  Nicht  das  ganze  folgte  ihm;  seinen  Oberstleutnant,
  der  Widerstand  leistete,  schoß  er  eigenhändig  nieder,  und
mit  dem  treu  gebliebenen  Teile  und  der  Kriegskasse  der  Stände  erschien
  er  in  Wien.  Starken  Eindruck  mußte  diese  Tat  allenthalben
hervorrufen;  in  Wien  belohnte  man  den  treuen  Mann,  indem  man
ihn  zum  Obersten  über  zwei  Regimenter  zu  Pferd  ernannte;  desto
schärfer  urteilten  seine  Standesgenossen  über  ihn.  Graf  Thurn,
einer  der  Führer  im  böhmischen  Aufstande,  schrieb  von  ihm:  „Gott
hat  die  hoffärtige  Bestie  in  einen  Fehl  fallen  lassen,  desgleichen
von  einem  Kavalier  nicht  bald  erhört  worden  ist“.

An  den  folgenden  Kämpfen,  die  in  der  Schlacht  am  Weißen  Berge
gipfeln,  hat  Waldstein,  von  einem  schweren  Gichtanfall  heimgesucht,
nicht  teilgenommen;  erst,  nachdem  der  Krieg  so  gut  wie  beendet  war,
trat  er  in  Aktion;  wie  wir  gehört  haben,  durch  seinen  Zug  nach
Nordböhmen.

Eine  Bemerkung  über  den  Namen  dieses  Mannes.  Er  lantete
ursprünglich  Waldstein;  diese  Häufung  der  Konsonanten  „ldst“  war
aber  den  nichtdeutschen  Nationen  nicht  bequem;  die  Romanen  schleiften
  sie  ab  in  Valstein,  die  Tschechen  in  Val  tejn,  daraus  ist  dann
Wallenstein  entstanden;  der  General  unterschrieb  sich  verschiedentlich
  mit  beiden  Formen,  wie  man  in  jener  Zeit  überhaupt  für  Orthographie
  keinen  Sinn  gehabt  hat.  Wohl  ist  demnach  der  richtige  Namc
„Waldstein“,  aber  Schiller  hat  die  andere  Form  zu  ewigem  Ruhme
erhoben,  sic  ist  uns  für  diesen  Mann  aus  dem  großen  Geschlechte
geläufig  geworden;  sie  ist  etwas  für  ihn  Individuelles,  Eigenartiges
        <pb n="61" />
        Sein  Horostop  53

und  deshalb  dürfen  wir  sie  wählen.  Es  hat  viele  bedeutende  „Waldstein“
  gegeben,  aber  nur  einen  „Wallenstein“!

Um  diese  Zeit,  als  er  in  die  Weltgeschichte  eintrat,  erscheint  er  uns
als  ein  großer,  schlanker,  eleganter  Mann,  mit  einem  gelblichen,
schmalen,  scharfgezeichneten  Antlitz,  dessen  scharfe  Augen  mit  unruhigem,
  mißtrauischem  Blick  jedem  in  die  innerste  Seele  zu  schauen
drohten;  der  Sitte  der  Zeit  gemäß  trug  er  einen  Knebelbart.  Er
umgab  sich  schon  damals  gerne  mit  einem  kleinen  Hofstaate,  liebte
es  Pracht  zu  entfalten  und  langsam  mit  Würde  einherzuschreiten,
wozu  ihn  freilich  in  späteren  Jahren  auch  das  Podagra  zwang.  Er
ist  dann  später  immer  zurückhaltender,  argwöhnischer  geworden;
stolz  und  unnahbar  mied  er  den  Verkehr  der  Welt;  seine  Nerven
verlangten  nach  größter  Ruhe,  geringfügige  Dinge,  wie  das  Krähen
cines  Hahnes,  empfand  er  als  grausame  Störung.  Desto  lebhafter
war  sein  Innenleben,  in  kühnen  Träumen  beschäftigte  er  sich  mit
der  Zukunft.  Dazu  bot  ihm  die  Modewissenschaft  seiner  Tage  Gelegenheit:
  die  Astrologie;  frühzeitig  schon  gab  er  acht  auf  der  Sterne
Lauf,  und  liebte  es  aus  ihnen  auf  die  Zukunft  zu  schließen,  seine
kühnen  ehrgeizigen  Gedanken  von  ihnen  gutheißen  zu  lassen.  Auch
wissenschaftlich  gebildete  Astronomen  wiesen  es  nicht  von  sich,  diese
Mode  zu  unterstützen,  denn  die  Saläre  der  Gelehrten  waren  klein
und  sie  lebten  oft  nur  von  dem  „närrischen  Töchterlein“  der  großen
Wissenschaft.  Sie  konnten  aber  diese  Torheit,  die  aus  dem  Stande
der  großen  Planeten  zu  einer  bestimmten  Stunde,  am  besten  bei
der  Stunde  der  Geburt,  das  Schicksal  und  den  Charakter  des  Menschen
  ergründen  wollte,  zu  höherer  Stufe  heben,  wenn  sie  auch  etwas
Kenntnis  und  Beobachtung  der  Menschen  dazu  nahmen.  So  hat  uns
der  gelehrte  Kepler  ein  interessantes  Horoskop  aus  dem  Jahre  1608
über  Wallenstein  hinterlassen,  aus  einer  Zeit,  in  der  also  von  Berühmtheit
  des  Mannes  noch  keine  Rede  sein  konnte.  Da  in  der
Geburtsstunde  Wallensteins  Saturn  und  Jupiter  Regenten  waren,
so  urteilte  der  Astrolog:  „Saturn  macht  müßige  melancholische  Gedanken,
  Verachtung  menschlicher  Gebote,  Sitten  und  Religion,  macht
alles  argwöhnisch  und  verdächtig,  was  Gott  und  die  Menschen  handeln,
  als  wenn  es  lauter  Betrug  wäre.  So  wird  er  auch  unbarmherzig,
  ohne  brüderliche  und  eheliche  Liebe,  geizig,  betrügerisch,  ungleich,
  im  Verkehr  meist  still,  schweigend  und  streitbar  sein.  Mit  reifem
  Alter  wird  seine  ungewöhnliche  Natur  zu  hohen  Sachen  fähig
werden.  Großer  Ehrendurst  und  Streben  nach  zeitlichen  Dignitäten
und  Macht  wird  ihn  auszeichnen.“
        <pb n="62" />
        54  Wallenstein

Wie  mußten  solche  Vorhersagungen  den  aufs  Große  gerichteten
skrupellosen  Sinn  des  Mannes  aufstacheln  zu  hohen  Wünschen!

Zu  dem  Zusammenbruche,  der  nach  der  Schlacht  am  Weißen  Berge
über  Böhmen  kam,  hat  Wallenstein  trefflich  für  sich  zu  sorgen  verstanden;
  die  konfiszierten  Güter  wurden  meist  um  einen  Spottpreis
verschleudert,  er  hat  da  möglichst  viel  an  sich  gerissen,  schlecht  oder
gar  nicht  gezahlt.  Sehr  wenig  ehrenhaft  hat  er  sich  auch  seinen  Verwandten
  gegenüber  benommen,  besonders  die  Smirickyschen  Erben
schnöde  um  ihr  Erbteil  gebracht.  Hypotheken,  die  auf  erworbenen
Gütern  lasteten,  zu  zahlen,  fiel  ihm  gar  nicht  ein.  Überdies  ist  er
an  einer  sehr  einträglichen  Geldspekulation  damals  beteiligt  gewesen.
  Ein  häufiges  Mittel  der  Fürsten,  sich  Geld  zu  verschaffen,  war
die  Münzverschlechterung,  wir  wissen  es  bereits.  Eine  solche  Manipulation
  wurde  auch  dazumal  in  Böhmen  vorgenommen;  ein  Konsortium
  von  Aristokraten  und  Geldmännern  hatte  sie  durchzuführen.
  Es  bekam  die  Mark  reinen  Silbers  vom  Staate  um  32  Gulden
  verkauft  und  erhielt  das  Recht,  daraus  79  Gulden  zu  prägen,
eine  Erlaubnis,  die  die  Herren  noch  namhaft  überschritten  haben.
Da  die  Kosten  der  Prägung  sich  bei  einer  Mark  auf  fünf  Gulden
beliefen  und  sie  schon  im  ersten  Jahre  vierzig  Millionen  Gulden
prägten,  erhellt  daraus,  was  für  ein  gutes  Geschäft  das  für  jene
Unternehmer  gewesen  ist.  Schließlich  mußte  die  Regierung  diese
Münze  übernehmen  und  sie  auf  ½⅛  des  ursprünglichen  Wertes
herabzusetzen,  um  ihrem  tatsächlichen  Werte  nahezukommen.  Sehr
förderlich  war  es  für  Wallenstein,  daß  sein  Freund  Liechtenstein
Statthalter  von  Böhmen  geworden  war;  neben  ihm  bekleidete  er
den  Posten  eines  Oberkommandierenden  des  Landes.  Da  konnte  es
ihm  nicht  schwer  sein,  überall  seine  Wünsche  durchzusetzen  und  für
alles  ungestraft  zu  bleiben.  Er  hat  jetzt  und  später  für  nahezu  sieben
Millionen  Gulden  Güter  gekauft,  viele  davon  freilich  wieder  verkauft;
  er  hat  seine  Käufe  mit  Vorliebe  so  gewählt,  um  einen  großen
abgerundeten  Besitz  zu  erhalten;  abgelegewe  Güter  hat  er  abgestoßen.
Nicht  weniger  als  acht  Städte  umfaßte  dieser  Güterkomplex:  Aicha,
Friedland,  Gitschin,  Leipa,  Münchengrätz,  Reichenberg,  Turnau,
Weißwasser.  Von  Friedland,  der  nördlichst  gelegenen  Besitzung,
nahm  er  den  Namen,  als  sein  Besitz  1623  zum  Reichsfürstentum  erhoben
  wurde;  damit  kam  er  Liechtenstein  gleich,  der  ja  Fürst  von
Jägerndorf  geworden  war.  Eine  gewaltige  Staffel  hatte  Wallenstein
  erreicht,  aber  nun  wuchs  sein  Ehrgeiz:  zu  einem  mächtigen
Reichsfürsten  wollte  er  sich  erheben  lassen  und  allgemein  anerkannt
        <pb n="63" />
        Herzog  von  Friedland  55

sollten  sein  Titel  und  seine  Würde  sein.  Er  hat  auch  in  den  nächsten
Jahren  sich  sehr  um  passende  Vermehrung  seines  Besitzes  bemüht;
er  hat  sich  die  schlesischen  Fürstentümer  Sagan  und  Großglogau  verschreiben
  und  sich  1628  mit  Mecklenburg  belehnen  lassen,  dessen
Herzöge  wegen  ihrer  Bundesgenossenschaft  mit  Dänemark  in  die
Reichsacht  erklärt  worden  waren,  er  soll  an  die  Erwerbung  der  Lausitz
  gedacht  haben,  und  hat  auch  nach  Italien  seine  Blicke  gerichtet,
um  dort  festen  Fuß  zu  fassen.

Als  Landesherr  seines  Herzogtums  Friedland  tat  er  alles,  um
seinen  Untertanen  wissen  zu  lassen,  daß  ihr  Fürst  und  Lehensherr
nicht  etwa  Ferdinand,  sondern  Albrecht  heiße.  Reichsunmittelbar,
so  selbständig  als  möglich,  wollte  er  bleiben.  Er  hat  die  Münzhoheit
  ausgeübt,  ein  oberstes  Gericht  eingesetzt,  Hofkanzlei  und  Hofkammer
  eingerichtet,  Gerhard  von  Taxis  zu  seinem  Landeshauptmann
  ernannt,  er  hat  verfügt,  daß  in  seinem  Gebiete  nur  deutsch
geamtet  werde,  „auch  müßt  ihr  zu  der  Kanzlei  einen  deutschen  Sekretarius
  haben,  dieweil  ich  nicht  will,  daß  bei  der  Kanzlei  was  böhmisch
sollte  traktiert  werden“.  Gitschin  betrachtete  er  als  Hauptstadt  seines
Reiches;  durch  schöne  Bauten  hat  er  die  Stadt  ausgezeichnet,  er
wollte  sie  zum  Bistum  und  zur  Universität  machen;  in  der  benachbarten
  Kartause  Walditz  sollte  die  Begräbnisstätte  seines  Geschlechts
sein.  Unermüdlich  sorgte  er  für  die  Bewirtschaftung  seiner  Domänen,
  für  das  Wohl  der  Untertanen;  aus  seinen  Kornkammern,
seinen  Tuchmacherhäusern,  seinen  Waffenfabriken  hat  er  später  seine
Soldaten  versorgt,  damit  einen  doppelten  Zweck  erfüllend,  die  Armee
zu  sichern  und  seine  Produkte  anzubringen.  Daneben  konnte  er  auch
schroff  gegen  seine  Landeskinder  vorgehen  —  beispielsweise  so  gegen
die  Reichenberger  Brauzunft  —,  wenn  er  das  in  seinem  Interesse
gelegen  hielt.  In  gleicher  Weise  hat  er  sich  in  den  wenigen  Jahren,
da  er  Mecklen  burg  zu  verwalten  hatte,  als  Administrator  bewährt.

Auch  in  Prag  hat  er  dafür  gesorgt,  daß  Prachtbauten  mit  seinem
Namen  verknüpft  wurden;  auf  dem  Territorium  einer  kleinen  Stadt
ließ  er  dort  einen  herrlichen  Palast  erbauen  und  einen  großen  Park
aufführen.  Eine  köstliche  Terrasse,  mit  Bildern  vom  trojanischen
Kriege  im  Kostüme  des  17.  Jahrhunderts  geschmückt,  diente  ihm
als  Sommerspeisesaal  und  für  seine  großen  Festlichkeiten  ließ  er  einen
durch  zwei  Stockwerke  reichenden  Prachtsaal  errichten,  der  einem  Kaiser
  hätte  taugen  mögen.  Noch  jetzt  bewundert  der  Fremde,  der  in
Prag  weilt,  den  Palast  des  Friedländers,  in  dem  dieser  mit  einem
Gefolge  von  900  Personen  und  mit  etwa  tausend  Pferden  hauste.
        <pb n="64" />
        56  Wallenstein

Der  erste  Teil  des  großen  Krieges  war  beendet;  der  Pfälzer  hatte
flüchtigen  Fußes  den  deutschen  Boden  verlassen  und  ein  Asyl  in  England
  gefunden;  der  Siebenbürger  Fürst  hatte  längst  seinen  Frieden
gemacht;  der  Jägerndorfer  war  gleichfalls  heimatlos;  dem  Mansfelder,
  verfolgt  und  unstet,  war  bestimmt  wie  ein  Held  in  Sarajewo
stehend  zu  sterben;  dem  Halberstädter  blieb  nur  mehr  das  Bild  der
heißgeliebten,  schönen  Königin  Elisabeth  von  Böhmen.  Frankreich
hatte  noch  nicht  die  Pläne  Heinrichs  IV.  wieder  ausgenommen;  eben
erst  kam  dort  der  Mann  zur  Macht,  der  dies  einige  Jahre  später  tun
sollte,  Richelieu.  Da  griff  ein  ehrgeiziger  Fürst  des  Nordens,  Christian
  IV.  von  Dänemark,  ein,  um  die  Gelegenheit  zu  benützen,  an
der  Ostsee  festen  Fuß  zu  fassen  und  damit  den  schwedischen  Rivalen
für  alle  Zeiten  zu  überflügeln.  Längst  schon  hatte  es  der  Kaiser
bitter  empfunden,  daß  er  auf  kein  eigentliches  kaiserliches  Heer  sich
stützen  konnte,  daß  das  Heer  der  katholischen  Fürstenpartei,  der
Liga,  ein  bayerisches  Heer  genannt  werden  konnte  und  in  Deutschland
  allmächtig  war.  Sollte  Bayern  jetzt  ganz  allein  die  Verteidigung
  Deutschlands  gegen  Dänemark  überlassen  bleiben?  Aber  woher
  ein  Heer  nehmen  und  es  zahlen,  bei  den  schlechten  Finanzen
Österreichs?  Da  trat  Wallenstein  in  die  Bresche  und  damit  beginnt
seine  welthistorische  Stellung.

Der  Krieg  war  dazumal  ein  Handwerk.  Gewöhnlich  wurde  ein
Heer,  sagen  wir  in  des  Kaisers  Namen,  so  zusammengebracht,  daß
ein  paar  Oberste  Patente  erhielten,  in  verschiedenen  Gegenden  des
Reiches  werben  zu  dürfen.  An  bestimmten  Tagen  wurden  die  Werbetische
  aufgestellt  und  jeder,  der  wollte,  wurde  in  Handschlag  genommen
  und  bekam  ein  Handgeld.  In  Fähnlein  oder  Rotten  zu  300
Mann  zu  Fuß  und  100  Mann  zu  Pferd  wurden  die  Leute  eingeteilt;
jeder  kam  in  beliebiger  Tracht  und  brachte  seine  eigenen  Waffen  mit.
Dann  bestellte  der  Oberst  seinen  Leutnant,  die  Hauptleute  und  deren
Stellvertreter,  zeigte  die  Musterrolle  vor  und  die  Sache  war  fertig.
Es  war  des  Kaisers  Armee,  der  nach  den  Musterrollen  den  Sold  zu
zahlen  hatte;  lief  ein  Soldat  davon,  starb  er,  so  wurde  doch  für  ihn
weiter  gezahlt,  das  war  der  Vorteil  des  Obersten  oder  des  Hauptmanns.
  Solche  nur  in  den  Musterrollen  vorkommende  Söldner
wurden  Passevolanten  oder  Blinde  genaunt;  eine  bestimmte  Anzahl
solcher  Blinder  war  gewohnheitsmäßig  gestattet,  bei  der  Musterung
antworteten  für  sie  tageweise  dafür  gemietete  Leute  oder  sie  wurden
als  krank  gemeldet.  Bei  Erstürmung  einer  Stadt  hatte  jeder  Offizier
  und  Gemeine  seinen  Anteil  an  der  Beute.  Eine  solche  Armee
        <pb n="65" />
        *5  Das  deutsche  Soldatenwesen  57

war  schwer  zusammenzuhalten,  besonders  wenn  einmal  der  Sold
ausblieb,  was  wohl  öfters  vorkam;  es  war  ein  überaus  kostbares
Material  für  den  Kriegsherrn,  da  jeder  Tote  seine  Kraft  minderte
und  dabei  seinen  Säckel  belastete;  so  hütete  man  die  Menschenleben
sorgsam  und  wagte  ungern  eine  größere  Schlacht;  lieber  berannte
man  einen  Platz,  da  sich  der  Sturm  gewöhnlich  selbst  bezahlt
machte.  Dann  das  Soldatenmaterial!  Von  theoretisch  ausgebildeten
  Offizieren  und  Gemeinen,  von  richtigem  Drill,  von  Abrichtung
war  keine  Rede.  Leute,  die  sonst  nichts  andres  werden,  die  dem
sicheren  Galgen  nur  so  lange  entgehen  konnten,  drängten  sich  herbei,
  nahmen  das  Handgeld,  schworen  Treue,  um  vielleicht  in  der
nächsten  Nacht  davonzulaufen  und  wo  anders  aufs  neue  dasselbe
zu  versuchen.  Eine  Kriegsmoral,  die  ethische  Empfindung  der  Treue,
kannte  man  nicht.  Alle  Nationen  und  Koufessionen  dienten  durcheinander,
  Kroaten,  Wallonen,  Schweizer,  Deutsche;  Katholiken,  Lutheraner,
  Calviner;  sie  dienten  heut  dem  und  morgen  jenem.  Ihr
Sprüchlein  lautete:

Gewissen  hin,  Gewissen  her,

Ich  acht  vielmehr  die  zeitlich'"  Ehr',

Dien'  nicht  um  Glauben,  dien'  um  Geld,
Gott  geb',  wie  es  geh'  in  jener  Weltl

Besonders  beliebt  waren  von  alters  her  die  Schweizer  „Reisläufer“;
Jahr  um  Jahr  sandte  die  Schweiz  ihre  überschüssigen  Männer,
die  in  der  Heimat  kein  Fortkommen  finden  konnten,  als  Söldlinge
in  die  Fremde.  Ein  gewaltiger  Troß  folgte  dem  eigentlichen  Heere;
fast  jeder  Mann  nahm  sein  Weib  mit  —  es  mußte  ihm  nicht  angetraut
  sein  —  zum  Kochen  und  Waschen  und  zur  Pflege;  sein  Bub
mußte  auch  dabei  sein,  ihm  die  Waffe  zu  tragen,  allerhand  Dienste
für  ihn  zu  verrichten,  wenn's  not  tat  auch  zu  stehlen.  Dann  noch
das  Gefolge  der  Krämer,  Marketender,  Spieler,  Dirnen  —  ein
vielgestaltiges,  schwer  zu  bewegendes,  noch  schwerer  zu  behandelndes
  Ganze  war  solch  ein  Heer.  Nun  kam  Wallenstein  und  organisierte
  es  in  eigener  Regie  —  man  gestatte  den  Ausdruck.  Er  selbst
trieb  es  zusammen,  bezahlte,  unterhielt  es,  sorgte  für  dasselbe,
versah  es  mit  Korn,  Tuch,  Waffen,  Wein.  Er  hielt  auf  strenge  Zucht
im  Lager,  auf  unbedingten  Gehorsam  der  Offiziere,  sorgte  für  Nahrung
  und  Unterhalt,  für  eine  größere  Gemeinsamkeit  der  Tracht,
er  ist  der  Organisator,  der  Stifter  der  modernen  Ammee  geworden.
Er  wußte  große  Mengen  zusammenzuhalten:  sein  erstes  Heer  zählte
samt  dem  Trosse  etwa  hunderttausend  Mann,  für  jene  Zeit  eine
        <pb n="66" />
        58  Wallenstein

—  ——  —  —  —  —

Riesenanzahl.  Bald  sprach's  sich  herum,  wie  gut  man  es  beim
Wallensteiner  habe,  nicht  als  kaiserliches  Heer,  sondern  als  Soldaten
Wallensteins  fühlten  sich  die  Leute.

Mit  dieser  Armee  ist  nun  Wallenstein  1625  aufgebrochen;  hat
zuerst  den  Mansfelder  vor  sich  hingescheucht,  später  Mecklenburg  erobert,
  Stralsund  belagert.  Große  Pläne  faßte  er  für  seinen  Herrn
und  Kaiser;  eine  Schiffsmacht  sollte  für  diesen  gegründet  werden,
den  Titel  eines  „Generals  der  ganzen  kaiserlichen  Schiffsarmada  zu
Meer,  wie  auch  des  ozeanischen  und  baltischen  Meeres  General“
ließ  er  sich  verleihen.

Auch  die  Liga  war  glücklich  in  ihren  Kämpfen  sie  besiegte  den  Dänenkönig
  entscheidend,  er  mußte  auf  seine  ehrgeizigen  Pläne  verzichten
  und  war  froh,  den  Frieden  von  Lübeck  schließen  zu  können.
Wallensteins  Unternehmen  auf  Stralsund  gelang  allerdings  nicht;
diese  Stadt  wurde  von  Gustav  Adolf  von  Schweden  genügend  unterstützt,
  um  Widerstand  leisten  zu  können.  Immerhin  war  die  Macht
des  Kaisers  und  der  katholischen  Partei  1629  groß  genug,  um  einen
wichtigen  Schritt  wagen  zu  lassen.  Die  Union  der  protestantischen
Fürsten  und  Städte  war  zersprengt,  man  dachte  nun  in  Wien  daran,
den  Augsburger  Religionsfrieden  wirklich  durchzuführen,  jene  Bestimmung,
  die  den  Protestanten  damals  eine  weitere  Ausbreitung
verboten  hatte,  zur  Wahrheit  zu  machen.  Es  wurde  das  Restitutionsedikt
  verlautbart,  das  die  Rückgabe  der  seit  1555  dem  katholischen
  Besitze  entfremdeten  Güter  forderte.  Das  war  der  schwerste
Schlag,  der  damals  gegen  den  neuen  Glauben  geführt  werden
konnte;  selbst  am  kaiserlichen  Hofe  wurden  Stimmen  laut,  die  vor
der  Tragweite  dieses  Schrittes  warnten;  Wallenstein  hatte  gleichfalls
davon  abgeraten;  es  hätte  aber  dem  Kaiser  eine  Pflichtverletzung
gedeucht,  wenn  er  diese  unzweifelhaft  günstige  Konjunktur  für  die
katholische  Religion  nicht  ausgenützt  hätte.  Um  das  zu  verstehen,
muß  man  des  Kaisers  Charakter  betrachten.

Man  hält  gerne  Ferdinand  II.  für  einen  blindwütigen  Fanatiker.
Er  war  das  nicht;  er  war  ein  leutseliger,  gutmütiger,  schwacher
Mann,  der  in  Finanzsachen  nicht  hauszuhalten  verstand  und  seine
Günstlinge  mit  Gold  und  Gütern  überhäufte,  der  infolge  von  Charakteranlage
  und  Erziehung  sehr  einseitig  gewesen  ist.  Er  hielt  es
für  seine  allererste  Pflicht,  den  katholischen  Glauben  zu  fördern  und
ihm  jeden  Atemzug  seines  Lebens,  jede  Minute  seiner  Regierung
zu  weihen.  Er  ist  tiefgläubig  gewesen;  ging  jeden  Tag  zur  Messe,
hörte  am  Sonntag  mehrere  Predigten,  machte  Prozessionen,  Wall-
        <pb n="67" />
        Ferdinand  II.  59

sahrten,  Bußübungen  getreulichst  mit;  widmete  jeden  Tagi  über  eine
Stunde  der  Gewissenserforschung,  war  ganz  dem  Einflusse  geistlicher
  Männer  unterworfen,  wie  des  Jesuiten  P.  Lamormain,  bei
denen  er  in  den  zahlreichen  Fällen,  wo  er  über  seine  Gedanken,  seine
Handlungen  Skrupel  hatte,  sich  Rat  und  Erleuchtung  holte.  Einem
solchen  Manne  mußte  nun  jede  Rücksichtnahme  auf  weltliche  Dinge,
auf  Forderungen  der  hohen  Politik,  wie  es  seine  Vorgänger  Karl  V.
und  Ferdinand  I.  so  oft  getan  hatten,  als  durchaus  verwerflich  und
untunlich  erscheinen.  Und  was  da  doch  während  seiner  Regierung
geschehen  ist,  das  war  gewiß  auf  direkte  Einflußnahme  der  vorerwähnten
  Ratgeber  zurückzuführen,  nicht  auf  seinen  freien  Willen.
Bezeichnend  ist  sein  Ausspruch  gewesen,  lieber  wollte  er  betteln
gehen,  als  dulden,  daß  der  katholischen  Religion  Eintrag  geschehe.
Aus  dieser  Überzeugung  heraus  hatte  er  die  Gegenreformation  in
der  Steiermark  mit  grausamer  Energie  durchgeführt  und  aus  dieser
  Uberzeugung  heraus  erließ  er  jetzt  das  Restitutionsedikt.

Man  wird  diese  Entschlossenheit  und  Einseitigkeit  seines  Charakters
  ganz  gut  verstehen  können,  ohne  sie  vom  politischen  Standpunkte
  billigen  zu  müssen.  Das  „ius  reformandi“,  wie  es  die  deutschen
  protestantischen  Fürsten  zuerst  so  oft,  die  katholischen  erst  viel
später  und  seltener  ausgeübt  haben,  jetzt  noch  im  Reiche  energisch
durchzuführen,  war  durchaus  unangebracht,  ja  unmöglich.  Dazu
war  die  Kraft  der  einzelnen  Fürsten  zu  sehr  gewachsen,  die  Macht
des  Kaisers  schon  zu  gering  geworden.  Plötzlich  sahen  sich  da  die
deutschen  Fürsten  einem  Kaiser  gegenüber,  der  wirklich  tat,  als  ob
er  der  Herr  wäre,  sie  aber  nur  seine  Vasallen.  So  wie  die  Verfassung
  des  Heiligen  Römischen  Reiches  Deutscher  Nation  hätte  sein
sollen,  wie  sie  aber  in  Wirklichkeit  nie  gewesen  war,  so  wollte  Ferdinand
  vorgehen.  Dem  Pfälzer,  dem  Jägerndorfer,  den  Mecklenburgern
  hatte  er  ihre  Länder  genommen,  sie  nach  eigenem  Gutdünken
  weiter  verliehen,  nun  forderte  er  eine  neue  Umwälzung
des  Besitzes  in  Deutschland.  Wohin  kam  dann  die  „Libertät“  des
Reiches,  die  Macht  des  einzelnen  Fürsten?  Besonders  gefährlich
wurde  die  Haltung  des  Kaisers  dadurch,  daß  er  sich  auf  ein  mächtiges
Hcer  stützen  konnte,  geführt  von  einem  skrupellosen  Manne  wie
Wallenstein,  dem  man  damals  das  Schlimmste  im  Dienste  des  Kaisers
  zutraute.  Hatte  dieser  Mann  doch  schon  mit  rücksichtsloser  Energie
  in  Freundes=  und  Feindesland,  ohne  sich  um  katholisch  und
protestantisch  zu  kümmern,  gehaust  und  gebrandschatzt.  In  Wagenladungen
  schier  kamen  die  Proteste  und  Notschreie  der  durch  die
        <pb n="68" />
        660  Wallenstein
Wallensteinischen  Requisitionen  betroffenen  Fürsten  und  Städte  an
des  Kaisers  Hof.  Daß  die  Protestanten  in  Deutschland  gegen  den
Kaiser  nun  stärker  denn  je  auftreten  mußten,  war  begreiflich,  aber
auch  die  Katholiken  begannen  sich  sehr  unbehaglich  zu  fühlen.  Sie
fürchteten,  einen  mächtigen  Kaiser  zu  bekommen,  der  vielleicht  auch
einmal  gegen  ihre  Souveränitätsrechte  vorgehen  könnte,  sie  fürchteten
  noch  mehr  die  Kraft  und  die  Ungebühr  seines  Feldherrn.
Und  so  geht  jetzt  der  Kampf  gegen  Wallenstein  ebensosehr  von  den
katholischen  wie  von  den  protestantischen  Fürsten  aus.  Das  wird
auch  durch  persönliche  Umstände  erklärt.  Von  den  vornehmsten  protestantischen
  Führern  war  der  Pfälzer  unschädlich  geworden,  der
Sachse,  Johann  Georg  I.,  ein  wenig  gefährlicher  Fürst,  der  höchstens
  rein  eigennützige  Vorteile  erreichen  wollte  (das  ist  ihm  bald
durch  die  Erwerbung  der  Lausitzen  gelungen),  der  Brandenburger,
Georg  Wilhelm,  ein  haltloser  unentschlossener  Mann,  der  überdies
ganz  unter  dem  Einflusse  seines  katholischen  und  dem  Kaiser  geneigten
  Ministers  von  Schwarzenberg  stand.  Weitaus  überragte
alle  diese  Männer  der  Herzog,  jetzt  Kurfürst  von  Bayern,  Maximilian,
  er  ist  die  Seele  des  Regensburger  Konvents  gewesen,  der
vom  Kaiser  geradezu  als  Preis  für  eine  weitere  Unterstützung  der
kaiserlichen  Sache  die  Entlassung  Wallensteins  verlangte.  Und  Ferdinand,
  an  dessen  Hofe  sich  bereits  gewichtige  Stimmen  gegen  den
anspruchsvoll  und  übermütig  sich  gebärdenden  General  geltend  gemacht
  hatten,  hat  wohl  keine  Ahnung  gehabt  von  dem  verhäugnisvollen
  Fehler,  den  er  jetzt  tun  sollte.  Nur  von  der  Erwägung  ausgehend,
  daß  er  damit  die  Unterstützung  der  Fürsten  bei  der  Durchführung
  des  Restitutionsediktes  gewänne,  hat  er  in  die  Entlassung
Wallensteins  gewilligt.

Wie  groß  der  Haß  in  den  fürstlichen  Kreisen  damals  schon  gegen
diesen  Mann  gewesen  ist,  zeigt  ein  Schreiben  der  Abtissin  des  Klosters
Buchau  am  Federsee  in  Schwaben,  also  einer  Katholikin,  an  den
erzherzoglichen  Statthalter  in  Tirol,  in  welchem  sie  direkt  die  Ermordung
  Wallensteins  als  etwas  Christliches  und  Nützliches  verlangt.


Es  war  ein  unglücklicher  Augenblick,  in  dem  Wallenstein  als
simpler  Herzog  von  Friedland  in  den  Ruhestand  trat;  wenige  Wochen
  vorher  war  König  Gustav  Adolf  von  Schweden  mit  einem
kampfbereiten  Heere  an  der  deutschen  Küste  gelandet,  um  zu  versuchen,
  was  bem  dänischen  Rivalen  mißlungen  war.  In  jahrelangen
  Kämpfen  mit  Polen,  wo  ebenfalls  die  Wasas  herrschten,  hatte
        <pb n="69" />
        m—  Seine  Entlassung.  —  Gustav  Adolf  **  61

Schweden  seine  Armee  gestählt;  kriegskundige  Generale  waren  em—
porgekommen  und  tüchtig  und  ehrgeizig  war  ihr  König.  Mit  Polen
  war  durch  französische  Vermittelung  ein  Stillstand  zustande  ge—
kommen;  nachdem  es  bereits  geglückt  war,  durch  die  Eroberung
polnischer  Provinzen  an  der  Ostsee  festen  Fuß  zu  fassen,  sollte  dieser
Versuch  jetzt  an  der  deutschen  Küste  wiederholt  und  der  schwedische
  Ring  an  der  Ostsee  geschlossen,  das  dominium  maris  baltici
für  Schweden  gewonnen  werden,  zugleich  aber,  um  dasselbe  halten
und  schützen  zu  können,  ein  Stück  deutsches  Land  als  Hinterland  und
Stützpunkt  für  die  schwedische  Seemacht.  Besonders  an  der  Nordsee
  sollten  auch  Häsen  erobert  werden,  um  der  dänischen  Einschnürung
  zu  entgehen.  Man  vergesse  nicht,  daß  ja  damals  Norwegen  und
Südschweden,  die  Provinz  Schonen,  noch  dänisch  waren.  Die.  Verträge,
  die  Gustav  Adolf  alsbald  nach  seiner  Ankunft  in  Deutschland
  mit  einzelnen  deutschen  Fürsten,  z.  B.  mit  den  Welfen  abschloß,
  deuten  klar  darauf  hin,  daß  es  ihm  auch  um  Ländererwerb
zu  tun  war.  Daß  die  Unterstützung  der  protestantischen  Religion
gleichfalls  in  seiner  Politik  eine  Rolle  gespielt  hat,  das  ist  sicher,
aber  es  war  gewiß  nicht  die  alleinige.

Die  deutschen  Fürsten  haben  ihn  wenig  begeistert  aufgenommen;
man  wird  das  von  der  brandenburgischen  und  sächsischen  Politik
begreiflich  finden;  aber  auch  die  kleineren  Fürsten,  die  am  meisten
zu  leiden  gehabt  hätten  unter  einer  katholischen  Reaktion,  zeigten
sich  ablehnend  und  unfreundlich;  sie  trauten  offenbar  dem  fremden
Gasté  nicht  und  hatten  keine  Lust,  für  eine  schwedische  Militärmonarchie
  auf  deutschem  Boden  einzutreten.  Ohne  die  erhoffte  Hilfe
der  Deutschen  muß  Gustad  Adolf  seine  Stellung  behaupten;  bald
findet  er  Unterstützung  durch  französisches  Geld  und  französischen
Einfluß.  Richelien  hat  gegen  die  spanische  Macht  in  Italien  und  in
der  Schweiz  1628  losgeschlagen  und  wird  nun  die  Politik  Heinrichs
  IV.  auch  in  Deutschland  fortsetzen.

Der  Schwedenkönig  kann  Pommern,  Mecklenburg  erobern;  er
dringt  in  das  Herz  Deutschlands  vor,  erhält  vom  Brandenburger
als  festen  Platz  Spandau  eingeräumt;  angesichts  des  schwedischen
Heeres  kann  sich  Georg  Wilhelm  dieser  Forderung  nicht  entziehen.
Sachsen  sträubt  sich  noch;  erst  durch  die  Erstürmung  Magdeburgs
durch  Tilly  und  dessen  brandschatzenden  Zug  in  die  sächsischen
Lande  wird  es  dazu  gebracht,  sich  Gustad  Adolf  anzuschließen.  Am
17.  September  1631  schlägt  dieser  das  katholische  Heer  unter  Tilly
bis  zur  Vernichtung  bei  Breitenfeld,  in  der  Nähe  von  Leipzig.
        <pb n="70" />
        62  *  Wallen  stein  ———

Von  da  wendet  er  sich  durch  Thüringen,  die  Wetterau  an  den  Rhein
und  nimmt  dort  Winterquartiere.  Nun  erfolgt  der  Umschwung
der  Verhältnisse,  der  Wallenstein  wieder  an  die  Bildfläche  bringt.

Mit  den  lebhaftesten  Ausdrücken  des  Wohlwollens  und  der  Gnade
hatte  der  Kaiser  ihn  ziehen  lassen;  ihm  auch  für  Mecklenburg,  das
ihm  die  Fürsten  nicht  gegönnt,  Entschädigung  in  Aussicht  gestellt.
Anscheinend  ruhig,  im  Innersten  aber  tief  gekränkt  und  grollend,
hatte  der  General  seinen  Abschied  entgegengenommen.  Er  mochte
wohl  im  Herzen  fühlen,  daß  seine  Rolle  noch  nicht  ausgespielt  war.
Auf  das  vorsichtigste  hatte  er  seine  Lebensbahn  geebnet:  in  einer
zweiten  Ehe  mit  der  Gräfin  Isabella  Harrach  Anschluß  an  eine
bedeutende  Familie  gesunden,  deren  Haupt  eben  in  Wien  viel  galt.
Enge  Freundschaft  verband  ihn  mit  dem  Fürsten  von  Eggenberg,
der  gleichfalls  in  hoher  Gunst  bei  Kaiser  Ferdinand  stand.  Auch
mit  den  Jesuiten  hatte  er  sich  wohl  verhalten,  ihnen  reiche  Schenkungen
  zuteil  werden  lassen,  sie  auf  seinen  Gütern  bevorzugt.  Er
war  sich  wohl  bewußt,  bedeutend  zu  des  Kaisers  machtvoller  Stellung
  im  Jahre  1629  beigetragen  zu  haben;  viel  Geld  hatte  er
ihm  vorgestreckt,  sehr  billig  die  Armee  unterhalten.  Und  trotzdem
war  er  in  dem  Augenblicke  entlassen  worden,  wo  der  Kaiser  dadurch
andere  Vorteile  zu  erwerben  gedachte.  Er  mußte  sich  sagen,  daß
von  diesem  Monarchen  wenig  zu  hoffen  sei,  daß  man  auf  dessen
Treue  nicht  bauen  dürfe,  daß  es  gut  sein  werde,  sich  ein  künftiges
Mal  größere  Sicherheit  und  besseren  Rückhalt  zu  verschaffen.  Er
hat  jetzt  und  später  seiner  geringen  Meinung  über  den  Kaiser  wiederholt
  Ausdruck  verliehen:  der  Kaiser  achte  mehr  auf  der  Pfaffen
Geschwätz,  als  auf  die  Konservation  seiner  kaiserlichen  Reputation;
der  Kaiser  sei  zwar  ein  frommer  Herr,  er  lasse  sich  aber  von  jedwedem
  Pfaffen  und  Bärenhäuter  anführen  und  verleiten!

Des  Kaisers  Dienst  hatte  er  verlassen;  als  einfacher  Reichsfürst
kehrte  er  zurück  in  seine  Residenzen  Gitschin  oder  Prag.  Wie  ein
Reichsfürst  hat  er  sich  dann  benommen,  nicht  wie  ein  Diener  des
Kaisers,  als  im  Anschlusse  an  den  Sieg  bei  Breitenfeld  die  Sachsen
unter  Arnim  in  Böhmen  einrückten  und  Prag  einnahmen.  Er  ist
mit  ihnen  in  Verkehr  getreten;  man  weiß,  daß  Gustav  Adolf  an
ihn  geschrieben  hat;  auch  die  böhmischen  Exulanten,  die  seit  der
Katastrophe  Friedrichs  von  der  Pfalz  ihre  Heimat  hatten  verlassen
müssen  und  die  von  Heimkehr,  von  Rache  an  dem  Habsburger,  von
einem  nationalen  Königreich  Böhmen  träumten,  richteten  ihre  Blicke
auf  ihn.  Sie  hatten  noch  genug  Freunde,  die  im  Lande  zurückge-
        <pb n="71" />
        Das  zweite  Generalat  63

—

blieben  waren.  Es  wäre  aber  müßig,  zu  glauben,  daß  damals  schon
Wallenstein  irgendeine  engere  Anknüpfung  mit  des  Kaisers  Feinden
gesucht  hätte.  Am  sympathischsten  war  ihm  jedenfalls  Sachsen;  mit
dessen  General  Arnim  hatte  er  schon  früher  verkehrt;  auch  die  politische
  Haltung  Johann  Georgs  war  ihm  genehm.  Dieser  hatte,
bevor  er  sich  an  Schweden  hatte  anschließen  müssen,  daran  gedacht,
eine  dritte  Partei,  eine  Friedenspartei,  in  Deutschland  zu  gründen.
Und  das  war  im  Grunde  auch  das,  was  der  Friedländer  sich
wünschte:  vermittelnd  auftreten  zu  können,  die  Nichtdeutschen  aus
Deutschland  herauszudrängen  und  dabei  sich  eine  große  Stellung
zu  schaffen.  Auf  welchem  Lande,  auf  welcher  Würde  diese  basieren
sollte,  das  weiß  man  nicht  und  wird  es  nie  wissen,  denn  nie  hat
der  Friedländer  andere  in  seiner  Seele  lesen  lassen.  Gerechten  Argwohn
  hegte  er  gegen  Gustav  Adolf,  in  dem  er  einen  gefährlichen
Rivalen  merkte  und  mit  dem  er  nichts  zu  tun  haben  wollte:  „es
können  nicht  zwei  Hahnen  auf  einem  Miste  sein“,  meinte  er  einst.

Nach  dem  Zusammenbruche  des  ligistischen  Heeres  bei  Breitenseld,
  nach  dem  Siegeszuge  des  Schweden  durch  Deutschland,  nach
der  Einnahme  Böhmens  durch  die  Sachsen,  war  aber  die  kaiserliche
  und  katholische  Sache  in  arge  Bedrängnis  geraten.  Binnen
zwei  Jahren  war  alles  anders  geworden,  die  deutschen  Protestanten
standen  unter  schwedischer  und  französischer  Hilfe  mächtig  da,  die
Katholiken  hatten  ihr  Heer  verloren,  von  dem  Restitutionsedikt
durfte  im  Augenblicke  keine  Rede  sein:  der  einzige  Mann,  der  retten
konnte,  dadurch  daß  er  wieder  ein  Heer  hervorzauberte  und  es  anführte,
  war  Wallenstein.  Ihn  zurückzurufen  rieten  in  Wien  Jesuiten
  und  Spanier,  rieten  die  deutschen  Ratgeber  des  Kaisers;  auch
Maximilian  von  Bayern  konnte  sich  diesem  Zwange  nicht  entziehen.
Ebenso  gefügig  wie  Ferdinand  Wallenstein  entlassen  hatte,  holte
er  ihn  zurück.  Nur  daß  Wallenstein  jetzt  sehr  spröde  tat  und  zuerst
nichts  davon  wissen  wollte,  seine  Abgeschiedenheit  wieder  aufzugeben.
  Man  wird  dieses  Zaudern  richtig  verstehen  müssen:  er  wollte
Sicherheit  und  Rückhalt  haben,  er  wollte  sich  nicht  noch  einmal  der
Gefahr  aussetzen,  beiseite  geschoben  zu  werden.  So  war  er  zuerst  sehr
zurückhaltend,  erklärte  sich  über  vieles  Drängen  höchstens  dazu  bereit,
  das  Heer  zu  werben,  und  als  der  Zauber  seines  Namens  wieder
wirkte  und  binnen  kurzem  Tausende  und  Tausende  unter  seine  Fahnen
  strömten,  da  kostete  es  die  höchste  Anstrengung,  um  ihn  dazu
zu  bringen,  das  Heer  auch  zu  befehligen.  Wiederholten  persönlichen
  Bemühungen  seines  Freundes  Eggenberg  gelang  es  endlich.
        <pb n="72" />
        64  ·  Wallenstein
In  dem  Vertrage  von  Göllersdorf  —  April  1632  —  sind  die  Be—
dingungen  festgelegt  worden,  unter  denen  Wallenstein  das  Oberkommando
  des  Heeres  wieder  übernahm.  Sie  gaben  ihm  unbeschränkte
  Gewalt  über  das  Heer,  mit  dem  Rechte  der  Ernennung
der  Offiziere  bis  zum  General  hinauf,  das  unbedingte  Straf=  und
Gnadenrecht,  das  Recht  Kontributionen  nach  Gutdünken  zu  verhängen,
  mit  den  Feinden  nach  Belieben  Verhandlungen  anzuknüpfen.
  Große  Bezahlung  ward  für  den  Generalissimus  ausbedungen
und  Entschädigung  durch  einen  Landbesitz.  Über  sein  Heer  durfte
er  unumschränkt  verfügen,  es  sollte  nicht  geschwächt  werden  dürfen,
kein  zweites  Kaiserliches  Heer  sollte  in  Deutschland  an  seine
Seite  treten.  Nicht  mehr  der  Kaiser  war  Herr  des  Heeres,  sondern
der  General,  nicht  mehr  der  Kaiser  hatte  über  Krieg  und  Frieden
zu  entscheiden,  sondern  Wallenstein;  selbst  in  der  Behandlung  der
religiösen  Fragen  waren  ihm  Sonderrechte  zugestanden  worden.  Ein
Zeitgenosse,  der  Herzog  von  Lauenburg,  urteilt:  „ich  getröste  mich,
daß  der  General  itzo  so  viel  ist,  als  der  Kaiser  selber.“  Wir  besitzen
freilich  nur  den  Entwurf  dieses  Vertrags,  kein  Original;  wir  wissen
nicht,  ob  letzteres  je  bestanden  hat,  oder  ob  cs  später  vom  Wiener
Hofe  vertilgt  worden  ist,  wir  wissen  nicht,  ob  es  den  Namenszug
Wallensteins  getragen  hat,  ob  es  beschworen  worden  ist;  aber  die
Verhältnisse  und  die  folgenden  Handlungen  machen  den  Inhalt
das  Entwurfs  glaubwürdig,  wie  auch  Berichte  fremder  Gesandten
seine  Richtigkeit  bestätigen.  Das  war  ein  Vertrag,  den  die  kaiserliche
  Diplomatie  in  der  höchsten  Not  eingehen  konnte,  der  aber
unmöglich  durchzuführen  war,  sollte  die  Autorität  des  Kaisers  nicht
angetastet  werden,  sollte  die  Macht  des  Generalissimus  nicht  übergewaltig
  emporwachsen.  Es  gab  da  nur  zweierlei:  entweder  der  Herzog
  von  Friedland  beschied  sich  und  gehorsamte  ohne  Rücksicht  auf
die  ihm  zugestandene  Machtvollkommenheit  den  Anordnungen  des
Kaisers,  oder  letzterer  mußte  so  bald  als  möglich  den  Vertrag  illusorisch
  machen,  indem  er  den  General  zur  Unterwürfigkeit  zwang
oder  ihn  sonst  unschädlich  machte.  Wallenstein  hat  das  erstere  nicht
getan;  er  wollte  die  gewonnene  Macht  nicht  aus  der  Hand  geben,
sondern  sie  gegen  jeden,  im  Notfall  auch  gegen  den  Kaiser  selbst
durchsetzen;  so  blieb  nichts  anderes  zu  erwarten,  als  der  Konflikt
mit  dem  Wiener  Hofe.

Zunächst  freilich  in  den  Flitterwochen  der  neuen  Verbindung  deckten
  sich  die  Interessen  der  beiden  Machthaber.  Wallenstein  mußte
sich  erst  wieder  in  Respekt  bei  seinen  Gegnern  setzen;  solange  Gustav
        <pb n="73" />
        **  Nürnberg  und  Lützen  65

Adolf  auf  deutschem  Boden  weilte,  war  überhaupt  für  seine  kühneu
  Pläne  nichts  zu  hoffen.  So  schlug  er  energisch  auf  den  Feind
los;  die  Sachsen  wurden  aus  Böhmen  hinausgetrieben,  Prag  leicht
erobert.  Währenddem  war  der  Schwede  vom  Rhein  nach  Bayern
zurückgekommen,  hatte  den  sich  ihm  entgegenstellenden  Tilly  am
Lech  völlig  geschlagen;  der  ligistische  Feldherr  war  an  den  Folgen
einer  in  dieser  Schlacht  erhaltenen  Wunde  gestorben.  Darauf  nahm
Gustav  Adolf  München  ein  und  belagerte  den  bayrischen  Kurfürsten
in  Ingolstadt.  Wallenstein  erlebte  den  Triumph,  daß  Maximilian
selbst  ihn  zur  Hilfe  ins  Land  rief.  Er  folgte  dem  Rufe.  Gustav
Adolf  gab  die  Belagerung  auf  und  stellte  sich  dem  Gegner;  in  der
Nähe  von  Nürnberg,  bei  Fürth,  bezogen  die  beiden  befestigte  Lager.
Wer  auf  der  „alten  Veste“  bei  Fürth  steht,  übersieht  die  reizende
Gegend,  in  der  in  heißen  Sommerwochen  damals  gekämpft  wurde.
Zur  offenen  Feldschlacht  ließ  sich  Wallenstein  nicht  zwingen;  Angriffe
  auf  sein  wohlverschanztes  Lager  mißrieten,  so  mußte  Gustav
Adolf  aus  Mangel  an  Lebensmitteln  endlich  abziehen.  Mit  Recht
konnte  der  kaiserliche  General  ihm  höhnisch  nachsagen,  der  König
habe  sich  bei  dieser  Impresa  gewaltig  die  Hörner  abgestoßen.  Nach
dem  Abzuge  der  Schweden  rückte  Wallenstein  gegen  das  wehrlose
Sachsen  los,  dessen  Armee  nach  Schlesien  abgezogen  war.  Er  brandschatzte
  die  sächsischen  Lande  auf  das  furchtbarste;  klar  mußte  ihrem
Fürsten  es  gemacht  werden,  was  für  ein  rachsüchtiger,  gefährlicher
Feind  der  Friedländer  sei  und  wie  es  das  klügste  wäre,  mit  ihm
sich  zu  vertragen.  Aber  anstatt  Friedensanträge  zu  stellen,  riefen
Johann  Georg  und  sein  Arnim  den  Schwedenkönig  zu  Hilfe.  Dieser
eilte  flugs  herbei  und  auf  der  blutgetränkten  Ebene,  die  Leipzig
umgibt,  bei  Lützen,  kam  es  zur  Schlacht  (16.  November  1632).  Sie
blieb  unentschieden;  zwar  behaupteten  die  Schweden  das  Schlachtfeld
  während  der  Nacht,  aber  sie  erlitten  den  größten  Verlust,  den
sie  erleiden  konnten:  ihr  König  fiel.  Damit  war  Wallensteins  gefährlichster
  Gegner  aus  der  Welt  geschafft.  Freilich,  wenn  man  gehofft
hatte,  daß  Schweden  überhaupt  jetzt  aus  dem  Kriege  ausscheiden
werde,  sah  man  sich  arg  enttäuscht.  In  zielbewußter  Weise  wird  die
schwedische  Politik  durch  den  Kanzler  Oxenstjerna  weitergeführt,  tüchtige
  Generäle  treten  des  Königs  militärische  Erbschaft  an.  Ein  deutscher
  Fürst,  zugleich  schwedischer  General,  hofft  durch  schwedische  und
französische  Hilfe  —  welch  letztere  sich  immer  aufdringlicher  bemerkbar
  macht  —  in  Deutschland  ein  großes  Fürstentum  zu  gründen:
Herzog  Bernhard  von  Sachsen-Weimar.
ANMne#  133:  Weber,  von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2.  Aufl.  5
        <pb n="74" />
        66  Woallenstein

Die  Kriegsereignisse  des  nächsten  Jahres  sind  rasch  erzählt.  Wallenstein
  geht  zuerst  nach  Böhmen  zurück;  hält  strengstes  Strafgericht
über  seine  Offiziere,  die  angeblich  bei  Lützen  ihre  Schuldigkeit  nicht
getan  hatten,  und  ergänzt  sein  Heer.  Dann  bleibt  er  lange  untätig
stehen;  währenddem  breiten  die  Schweden  und  Bernhard  ihre  Herrschaft
  aus;  die  Stifte  Bamberg  und  Würzburg  werden  von  letzterem
  besetzt,  im  November  1633  wird  Regensburg  eingenommen:
das  Donautal  liegt  vor  ihm  offen;  der  Vormarsch  nach  Österreich,
gegen  Wien  zu,  wird  möglich.  Kurz  vorher  war  Wallenstein  plötzlich
  losgebrochen,  nach  Schlesien  hinein;  bei  Steinau  hatte  er  Sachsen
  und  Schweden  überfallen  und  ihnen  schwere  Verluste  beigebracht.
Jetzt  wird  er  dringend  nach  der  Donau  gerufen,  um  den  Vormarsch
Bernhards  zu  hemmen.  Er  folgt  anscheinend  dem  Befehle,  rückt
mitten  im  Winter  bis  an  das  Fichtelgebirge  und  den  Böhmerwald,
  macht  da  plötzlich  halt,  angeblich  vor  der  Strenge  des  schneereichen
  Winters,  der  weiteres  Vorrücken  untunlich  erscheinen  läßt,
geht  dann  sogar  bis  Pilsen  zurück,  wohin  er  auch  seine  Truppen
konzentriert,  deren  äußerste  Posten  in  Prag  und  Eger  liegen.  In
Wien  hatte  man  Grund,  über  das  Verhalten  des  Generals  in  diesem
  Kriegsjahre  sehr  ungehalten  zu  sein.  Statt  wie  man  erwartet
hatte,  die  durch  den  Tod  des  Schwedenkönigs  geschaffene  günstige
Lage  auszunützzen,  hatte  er  untätig  kostbare  Monate  verstreichen
lassen.  Nichts  war  gegen  Bernhard  von  Weimar  unternommen,  nicht
einmal  der  Sachse  war  zum  Frieden  gezwungen  worden;  statt  daß
das  Feindesland  sein  Heer  ernährte,  mußten  österreichische  Provinzen
  die  ungeheuren  Kosten  dafür  aufbringen.  Nach  monatelanger
Untätigkeit  war  endlich  der  Schlag  von  Steinau  geführt  worden;
aber  auch  das  blieb  ein  Schlag  ins  Wasser;  es  schien,  als  ob  Wallenstein
  nur  im  Sinne  hätte,  sein  eigenes  Herzogtum  Friedland  zu
schützen.  Dann  kam  der  Vormarsch  gegen  Bernhard,  abermals  konnte
man  eine  große  Waffentat  erwarten,  neuerlich  sah  man  sich  enttäuscht;
  plötzlich  zog  er  sich  zurück,  statt  zum  mindesten  eine  den
Weimarer  bedrohende  Stellung  einzunehmen.  Selbst  Wallensteins
Freund,  Eggenberg,  urteilt  damals:  „diese  Resolution  des  Friedländers,
  daß  er  gleichsam  in  Angesicht  des  Feindes  zurückgezogen,
könne  kein  Mensch  gutheißen.  Des  Herzogs  Rückzug  ..  sei  das
schädlichste,  gefährlichste  und  unbedachtsamste  Werk,  was  der  Herzog
  jemals  getan  habe.“  Da  hatten  auch  die  Gegner  Wallensteins
am  Wiener  Hofe  leichtes  Spiel;  sie  verlangten,  daß  ein  Gegengewicht
  gegen  seine  militärische  Allmacht  geschaffen  werde:  es  wurde

–  —  —  —„  —
        <pb n="75" />
        Seine  Haltung  im  Jahre  1633  67

——  —  —

beschlossen,  aus  Italien  ein  zweites  Heer  unter  dem  Kardinal-Infanten
  von  Spanien,  Ferdinand,  dem  Bruder  König  Philipps  IV.,
nach  Deutschland  zu  schicken.  Zur  Stärkung  desselben  und  zur  Schwächung
  des  eigenen  sollte  Wallenstein  einen  Teil  seiner  Truppen  unter
  General  Gallas,  sechstausend  Reiter,  abgeben.  Das  war  eine
offenbare  Verletzung  des  Göllersdorfer  Vertrags.  Überdies  hatte
Wallenstein  seinen  Vollmachten  entsprechend  mit  den  Sachsen  Verhandlungen
  angeknüpft,  was  gleichfalls  in  Wien  ihm  zu  Lasten  geschrieben
  worden  war.  Gestützt  auf  Vermutungen,  Verdächtigungen,
  beeinflußt  durch  die  sonderbare  militärische  Haltung  des  Generals,
  wurde  in  Wien  die  Behauptung  aufgestellt,  Wallenstein  sinne
Verrat  am  Kaiser  und  in  steigender  Erregung  ward  beschlossen,  sich
dagegen  zu  schützen,  seine  Untergeneräle  der  kaiserlichen  Sache  zu  sichern
  und  ihn  seines  Kommandos  zu  entkleiden,  ja  sich  seiner  für  alle
Fälle  zu  bemächtigen.  Bei  dieser  Stufenleiter  des  Verhaltens  des
Wiener  Hofs  und  seiner  Anschauungen  über  den  Friedländer  kann  es
nicht  überraschen,  wenn  man  endlich  dort  auf  der  letzten  Stufe
anlangt:  dem  Befehle,  ihn  lebendig  oder  tot  zu  ergreifen.

Es  ist  zweifellos,  daß  der  Herzog  bald  nach  der  Schlacht  bei  Lützen
wirklich  mit  den  Gegnern  des  Kaisers  in  Verbindung  getreten  ist,  mit
den  Sachsen,  den  Schweden,  den  böhmischen  Emigranten.  Das  war
wie  gesagt  sein  Recht  gewesen.  Allerdings  hatte  man  im  Göllersdorfer
  Vertrage  von  kaiserlicher  Seite  doch  nur  an  Verhandlungen
denken  können,  die  im  Sinne  kaiserlicher  Politik  geführt  würden;
und  es  ist  doch  sehr  die  Frage,  ob  Wallenstein  jetzt  1633  noch  viel
Rücksicht  auf  den  Kaiser  genommen  hat.  Er  treibt  seine  eigene  Politik.
  Sie  läßt  sich  wohl  am  besten  durch  die  Worte  charakterisieren,
die  er  damals  zu  dem  Vertreter  der  Böhmen,  zu  Oberst  Bubna,
sprach:  „Sind  wir  nicht  Erzlappen,  daß  wir  einander  die  Köpfe  zerschmeißen
  um  anderer  willen,  da  wir  uns  doch.  ..  Frieden  machen
könnten?“  Kein  Zweifel,  er  will  Frieden  im  Reiche  haben;  er  sieht
nichts  Gutes  voraus  für  Deutschland  und  Österreich  von  einem  verlängerten
  Kriege,  in  den  sich  das  Ausland,  Schweden,  Frankreich,
aber  auch  Spanien  immer  mehr  einmischen  konnte.  Ebensowenig
als  Wallenstein  jemals  Tscheche  gewesen  ist,  war  er  aber  darin  etwa
nationaler  Deutscher  und  prinzipieller  Fremdenhasser;  nur  aus
staatlichen,  politischen  Gründen  wollte  er  den  Ausgleich  innerhalb
des  Reiches  ohne  das  Ausland  geschaffen  wissen.  Er  hat,  wie  die  folgenden
  schrecklichen  Kriegsjahre  gelehrt  haben,  mit  seinem  Friedenswunsche
  unbedingt  recht  gehabt.  Er  hatte  auch  recht  in  der  Empfin-57
        <pb n="76" />
        68  Wallenstein

dung,  daß  man  zwischen  den  Religionsparteien  einen  Ausgleich
treffen  müsse,  daß  von  einem  Siege  des  Katholizismus,  wie  er  etwa
in  der  Durchführung  des  Restitutionsediktes  gelegen  wäre,  keine  Rede
sein  könne.  Und  eben  deshalb  hatte  er  auch  recht,  anzunehmen,  der
Kaiser  werde  nicht  gutwillig  in  einen  der  katholischen  Religion  abträglichen
  Frieden  willigen.

Es  scheint  fast  vermessen,  jetzt,  nahezu  dreihundert  Jahre  später,
dem  Friedländer  nachrechnen  zu  wollen,  was  er  damals  gewollt,
und  es  ist  bekannt,  daß  darüber  die  Ansichten  weit  auseinander
gehen:  die  einen  meinen,  des  Friedländers  schwärzester  Verrat  habe
das  Vorgehen  des  Wiener  Hofes  vollauf  gerechtfertigt,  die  anderen
sagen,  nur  durch  des  letzteren  schnöden  Undank  sei  der  General  den
Feinden  in  die  Arme  getrieben  worden.  Darf  der  ruhige  Beobachter
  nicht  dennoch  der  Vermutung  Raum  geben,  daß  es  die  Verhältnisse
  waren,  die  verschiedenen  Standpunkte,  von  denen  Wallenstein
und  Ferdinand  II.  die  Welt  und  die  Menschen  betrachteten,  die  Unmöglichkeit,
  auf  Grund  des  Göllersdorfer  Vertrages  zu  einer  ehrlichen
  Abkunft  zu  kommen,  daß  es  endlich  der  Ehrgeiz  Wallensteins
und  die  Treulosigkeit  der  Zeit  gewesen  sind,  die  zusammen  den  großen
Konflikt  herbeiführen  mußten?  Wallenstein  will  den  Frieden,  er
will  für  sich  eine  hohe  gewaltige  Stellung,  er  will  sie  gleichfalls  in
Frieden  unter  allgemeiner  Anerkennung  genießen.  Den  Frieden  und
die  Machtstellung  ünd  ihre  Anerkennung  muß  er  mit  allen  Mitteln
durchsetzen,  sie  Freund  und  Feind  nötigenfalls  mit  Gewalt  abtrotzen.
Er  wähnt  sich  seiner  Offiziere,  seiner  Armee  unbedingt  sicher;  gestützt
  auf  dieselben  gedenkt  er  seine  Bedingungen  vorzuschreiben.  Er
kümmert  sich  zunächst  um  Wien  nicht;  er  glaubt  des  Kaisers  Regierung
  machtlos.  Er  verhandelt  mit  den  Gegnern.  Die  Sachsen  sind
leicht  gefunden;  sie  wünschen  im  Grunde  genommen  auch  nur  einen
günstigen  Frieden.  Schwerer  ist  es  mit  den  Böhmen,  die  möchten
die  Wiederkehr  der  Verhältnisse  vor  der  Schlacht  am  Weißen  Berge;
das  ist  für  Wallenstein  unmöglich,  denn  gerade  durch  den  Umschwung
der  Dinge  nach  1620  ist  er  emporgekommen.  Die  Böhmen  wollen
ein  nationales  Reich  bilden,  sie  bieten  offenbar  dem  Wallensteiner
selbst  die  Krone  an;  der  antwortet  darauf:  „Was  die  Krone  beträfe,
das  wäre  ein  groß-  Schelmenstück!“  Es  wäre  mehr,  es  wäre  eine
politische  Dummheit,  denn  niemals  würden  die  Habsburger  sich  das
gefallen  lassen,  das  würde  nicht  Frieden,  sondern  ewigen  Krieg  mit
sich  führen.  Da  lag  es  doch  viel  näher,  seine  nordböhmischen  Besitzungen
  mit  schlesischem  Gebiete,  mit  lausitzischem,  zu  ergänzen;
        <pb n="77" />
        Wallensteins  Verrat?  69

genug  Gelegenheit  zum  Landerwerb  gab  es  im  Reiche,  genug  an—
scheinend  herrenloses  Gut.  Sehr  gleichgültig  ließen  vermutlich  Wal—
lenstein  die  böhmischen  nationalen  Träume.  Am  schwersten  war  die
Verhandlung  mit  den  Schweden.  Denn  die  wollte  er  ja  aus  dem
Reiche  „schmeißen“,  die  mußten  unschädlich  gemacht,  getäuscht,  übertölpelt
  werden.  Sehr  schwierig  waren  daher  die  Praktiken,  die  Wallenstein
  1633  geführt  hat.  Und  aus  diesen  Schwierigkeiten,  aus  dem
Bestreben  des  Generals,  die  Trumpfkarten  allein  in  der  Hand  zu
halten,  ist  die  Sprunghaftigkeit  seiner  Politik  zu  erklären:  das  Stillestehen,
  der  plötzliche  Angriff  auf  die  Feinde,  der  Vormarsch  in  die
böhmischen  Grenzwälder,  der  Rückzug  auf  Pilsen.  Jetzt,  Anfang
1634,  mußte  er  merken,  daß  er  die  Kraft  des  Wiener  Hofes  sehr  unterschätzt,
  die  Macht  und  die  Bereitwilligkeit  seiner  dortigen  Freunde
sehr  überschätzt  habe,  daß  man  seinen  früher  einmal  ausgesprochenen
Wunsch  nicht  berücksichtigen  werde:  „Dächte  ich  so  viel  an  meiner
Seele  Seligkeit  als  an  des  Kaisers  Dienst,  so  käme  ich  gewiß  in  kein
Fegefeuer,  viel  weniger  in  die  Hölle.  Will  man  mich  in  Kaisers
Dienst  mit  Gusto  erhalten,  lasse  man  mich  machen,  nach  dem  ich
in  meinem  Gewissen  befindt,  daß  dem  Kaiser  zu  Nutz  ist.“  Kein
Gewährenlassen,  sondern  offene  Feindseligkeit  hatte  er  zu  gewärtigen.
  Und  auch  bei  den  Feinden  hatte  er  nichts  erreicht,  sie  im  Gegenteile
  durch  seine  widerspruchsvolle  Haltung  kopfschen  gemacht.  Für
sie  hatten  seine  Anträge  nur  Wert,  wenn  sie  ganz  aufrichtig  gemeint
waren,  wenn  Wallenstein  mit  seinem  ganzen  Heere  zu  ihnen  überging.
  Aber  von  ihm  sich  an  der  Nase  herumführen  lassen,  wollten
sie  begreiflicherweise  nicht.  Wallenstein  hatte  sich  seine  Stellung  so
gedacht,  daß  er  die  Verhältnisse  meistern  könnte,  und  nun  meisterten
die  Verhältnisse  ihn.  Doch  glaubte  er  Anfang  1634  noch  nichts  verloren;
  auf  die  Treue  seiner  Armec  baute  er  unbedingt;  durch  besondere
  Reverse  wollte  er  die  Offiziere  noch  mehr  an  sich  ketten,  die
alles,  Stellung,  Vermögen,  Ruhm,  Ansehen  ihm  verdankten.  Was
der  Kaiser  ihm  nicht  hielt,  was  er  dem  Kaiser  nicht  hielt,  was  nicht
im  Geiste  der  Zeit  lag:  die  Treue,  die  erwartete  er  von  seinen  Soldaten,
  aber  auch  er  ward  da  enttäuscht.  Schon  lange  arbeiteten,  ohne
sein  Vorwissen,  geheime  Einflüsse  unter  seinen  Offizieren.  Und  Piccolomini
  (es  gibt,  nebenbei  gesagt,  nur  einen  Octavio,  keinen  Sohn
Max),  Gallas,  Collalto,  sie  alle  vertrauten  mehr  dem  Sterne  des
Kaisers  als  dem  ihres  Feldherrn.  Es  mögen  persönliche  Motive
hinzugekommen  sein,  das  harte,  scharfe  Benehmen  Wallensteins,
die  Gewalttätigkeit,  mit  der  er  nach  Lützen  seine  Offiziere  bestraft,
        <pb n="78" />
        70  Wallenstein

seine  Unnahbarkeit,  die  keine  Freundschaft  aufkeimen  ließ;  vielleicht
haben  bei  einzelnen  der  Italiener  auch  religiöse  Bedenken  mitgewirkt;
  am  wenigsten  hat  sie  jedenfalls  das  Gefühl  der  Treue  gegen
den  Kaiser  beeinflußt,  sondern  nur  der  reinste  Eigennutz,  der  hohen
Lohn  beim  Abfall  von  Wallenstein  erwartete  und  dann  auch  bekam.
Nun  war  dieser  ein  höchst  gefährlicher  Gegner,  der  viel  vermochte,
dessen  Üübergang  zum  Feinde  auch  mit  geringer  Macht  bedenklich
ward,  so  wurde  sein  Tod  in  der  Armee  selbst  früher  beschlossen  als
in  Wien.  Noch  ehe  der  Befehl  aus  Wien  kam,  sich  des  Friedländers
um  jeden  Preis  zu  bemächtigen,  war  er  eine  Leiche.  Im  Februar
1634  brach  das  Luftschloß  Wallensteins  zusammen;  die  Prager  Garnison
  fiel  von  ihm  ab,  aus  Pilsen  entwichen  seine  früheren  Freunde,
andere,  die  er  rief,  kamen  nicht,  Piccolomini,  Gallas  kündeten  ihm
den  Dienst.  Schleunig  brach  er  gegen  Eger  auf,  wo  er  sich  in  Sicherheit
  wähnte,  wo  er  den  Schweden  nahe  war,  die  er  jetzt  herbeirufen
mußte;  und  in  Eger  traf  ihn  in  der  Nacht  vom  25.  auf  den  26.  Februar
  1634  der  Mordstahl.  Drei  Ausländer,  Gordon,  Leslie,  Butler,
  die  beiden  ersteren  Protestanten,  sind  an  dem  Komplotte  beteiligt,
  das  der  Hauptmann  Deveroux  wenige  Stunden  später  durch
die  Ermordung  Wallensteins  krönte.

Seinem  Andenken  wurde  der  Prozeß  gemacht;  nun  der  Löwe  tot
war,  kamen  die  Hunde  aus  allen  Winkeln  gekrochen;  sonnenklar
ward  der  Verrat  bewiesen,  den  man  beweisen  wollte;  seine  Güter
und  die  seiner  Anhänger  wurden  zum  größten  Teile  konfisziert,
Piccolomini  erhielt  Nachod,  Gallas  Friedland,  Aldringen  Teplitz;
ein  viel  kleineres,  immerhin  aber  noch  stattliches  Anwesen  war  es,
das  seiner  Frau  und  Tochter  blieb  (Elisabeth,  damals  9  Jahre  alt)
und  das  später  mit  der  Hand  dieser  Tochter  an  den  Grafen  Kaunitz
kam.  Und  die  Leiche  Wallensteins  mußte  wandern,  bis  sie  spät  in
Münchengrätz  Ruhe  fand.

Was  der  Friedländer  in  seiner  ehrgeizigen  Seele  geträumt,  wer
könnte  das  heute  künden.  Welche  Krone  ihm  genügend  glänzend
gedünkt?  Ob  er  in  tiefverschwiegenen  Momenten,  in  denen  die
Phantasie  über  Klugheit  und  Politik  hinweg  in  unermeßliche  Fernen
streift,  an  die  Kaiserkrone,  die  böhmische  Königskrone,  einen  Kurhut
  gedacht  oder  mit  dem  Herzogshute  sich  begnügen  wollte?  Wir
haben  einen  Mann  vor  uns,  der  mit  glänzenden  Gaben  des  Verstandes,
  mit  ungewöhnlichen  organisatorischen  Fähigkeiten  ausgestattet,
  aber  skrupellos  und  rücksichtslos  ist,  der  weit  hinausgreifen
will  über  den  Platz,  den  ihm  Abstammung  und  Rang  gegeben  haben.
        <pb n="79" />
        Die  Katastrophe  von  Eger.  —  Das  alte  Bayern  71

—  —

Seine  kühnen  Berechnungen  erweisen  sich  als  trügerisch,  vergebens
verlangt  er  von  der  Mitwelt  Eigenschaften,  die  sie  nicht  hat  und  die
auch  er  nicht  kennt.  „Die  Sterne  lügen  nicht“,  läßt  ihn  Schiller  sagen;
  er  selbst  hat  die  Sterne  zu  Lügnern  gemacht,  da  er  ihnen  Gedanken
  angedichtet,  die  nur  er  allein  gehegt.  Mit  ihm  ging  das  Große
unter,  das  er  den  deutschen  Landen  schenken  wollte,  die  Hoffnung  auf
Frieden:  noch  vierzehn  Jahre  tobte  der  männermordende  Krieg  auf
deutscher  Erde,  zu  furchtbarem  Unheil  unserem  Vaterlande!

IV.
Mazimilian  von  Bapern.

Wir  haben  gesehen,  wie  gewaltig  die  protestantische  Propaganda
in  Deutschland  gewirkt  hat,  wie  mühsam  erst  die  Katholiken  wieder
verlorenes  Gebiet  zurückerobern  konnten;  wir  haben  gesehen,  wie
der  religiöse  Gegensatz  zur  Entscheidung  durch  die  Waffen  hin  gedrängt
  hat  und  in  diesem  Kriege  durch  die  Genialität  eines  Mannes,
Wallensteins,  die  kaiserliche  Autorität  beinahe  einen  vollständigen
Sieg  gefeiert  hätte.  Wir  wenden  unseren  Blick  nun  nach  einem  Fürstentum
  hin,  das  es  verstanden  hat,  die  Reformation  sich  ferne
zu  halten,  das  als  leidenschaftlicher  Rivale  der  Habsburger  in  der
deutschen  Politik  uns  entgegentritt,  dem  es  aber  doch  nicht  bestimmt
gewesen  ist,  die  Erbschaft  der  Habsburger  anzutreten:  Bayern.

Ein  altes  deutsches  Stammesherzogtum,  gerät  es  in  die  Hand  der
Welfen,  die  damit  eine  Zeitlang  die  Aussicht  haben,  sich  im  Norden
und  Süden  des  Reiches  festzusetzen.  In  den  Kämpfen  Friedrich  Barbarossas
  versagen  sie  aber  und  Bayern  wird  ihnen  weggenommen:
am  16.  September  1180  der  Pfalzgraf  Otto  von  Wittelsbach  mit  dem
Herzogtume  belehnt.  Das  war  ein  uraltes  bayrisches  Geschlecht,  das
sich  zuerst  Grafen  von  Schleyern,  später  aber  nach  der  Burg  Wittelsbach
  bei  Aichach  genannt  hat;  1115  kommt  letzterer  Name  zuerst  urkundlich
  vor.  Das  damalige  Bayern  hatte  sich  nach  dem  Süden  über
tirolisches,  vornehmlich  aber  weit  in  den  Osten  hinein  über  österreichisches
  Gebiet  erstreckt.  Diesen  Umfang  gelang  es  nicht  zu  behaupten,
  namentlich  die  österreichischen  Teile  gingen  verloren.  Im
Jahre  1255  trat  die  erste  Teilung  in  der  Wittelsbacher  Familie  ein,
in  die  Pfalz  und  das  eigentliche  Bayern.  Das  Unglück  des  Geschlechtes
  wollte  es,  daß  diese  beiden  Linien  fast  stets  in  schärfstem  Gegensatze
  zueinander  standen.  Während  zuerst  beide  an  den  Kaiserwahlen
teilnahmen,  wurde  dem  Bayern  die  Wahlstimme  später  genommen
        <pb n="80" />
        Bayern  nicht  bei  dem  Aussterben  der  Babenberger,  Hand  auf  das
erledigte  Osterreich  zu  legen,  und  bei  einer  bald  darauf  stattfindenden
Königswahl  unterliegt  gleichfalls  der  Wittelsbacher:  Rudolf  von
Habsburg  wird  1273  gewählt  und  weiß  neun  Jahre  später  Österreich
  seinem  Geschlechte  zu  verschaffen.  Begreiflicherweise,  daß  er
die  feindlichen  Wittelsbacher  schädigt,  wo  er  kann  und  ihnen  eben  die
Wahlstimme  nimmt.  Und  als  1305  den  Wittelsbachern  die  Möglichkeit
  winkt,  Ungarn  zu  gewinnen,  da  liegt  schon  österreichisches
Gebiet  feindlich  dazwischen,  die  Bayern  müssen  auf  große  Aussichten
  verzichten.  So  ist  die  Feindschaft  der  beiden  Familien,  Habsburg
  und  Wittelsbach,  entstanden,  eine  Feindschaft,  die  sich  immer
wieder  äußern  sollte.  Bei  fast  allen  Königswahlen  der  nächsten
Zeiten,  die  strittig  waren,  sind  die  beiden  Geschlechter  bittere  Feinde
gewesen,  besonders  als  in  zwiespältiger  Wahl  Ludwig  der  Bayer
und  Friedrich  der  Schöne  von  Österreich  gewählt  wurden.  In  zwei
bedeutenden  Gefechten  zu  Gammelsdorf  (1313)  und  zu  Mühldorf
(1322)  hat  Ludwig  über  die  Österreicher  den  Sieg  davongetragen,
er  blieb  schließlich  der  alleinige  römisch-deutsche  Kaiser.

Es  gelingt  Ludwig,  die  zerstreuten  bayrischen  Besitztümer  in  seiner
Hand  zu  vereinigen,  er  weiß  damit  auch  Brandenburg  und  Tirol  zu
verbinden;  letzteres  wird  freilich  im  entscheidenden  Augenblicke  ihm
von  den  Habsburgern  entrissen.  Er  kämpft  gegen  die  Übermacht
der  Kurie,  verteidigt  Reichsrechte  gegen  diese  und  gegen  Frankreich,
er  hat  besonders  das  Städtewesen  gefördert  und  seinen  Namen  in
der  bayrischen  Gesetzgebung  verewigt.

Neue  Teilungen  erfolgen  nach  seinem  Tode  (1347).  Abgesehen
von  der  Spaltung  in  Pfalz  und  Bayern,  zerfällt  die  letztere  Linie
in  die  Herzogtümer  München,  Ingolstadt,  Landshut  und  Straubing.
  Die  Ingolstädter  und  die  Straubinger  Linien  sterben  bald
aus,  ihr  Nachlaß  gibt  den  übrigen  neue  Gelegenheit  zu  Zank  und
Hader.  Endlich  werden  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  die  bayrischen
  Linien  unter  Albrecht  dem  Weisen  geeint,  nur  kleine  Teile
wie  Sulzbach,  Neuburg  gehen  an  die  Pfälzer  Linie  als  „junge
Pfalz“  verloren.  Ein  Primogeniturstatut  von  1506  sorgt  dafür,
daß  nicht  neue  Teilungen  hier  einträten.

Da  setzt  die  Reformation  ein,  die  auch  in  Bayern  Anhänger  zu
gewinnen  weiß  unter  hoch  und  nieder.  Gleich  nach  dem  Wormser
Edikt  werden  in  Bayern  die  ersten  Strafmandate  gegen  die  neue
Lehre  erlassen,  wir  hören  von  zwei  Hinrichtungen  aus  religiösen
        <pb n="81" />
        *-1#  Das  Haus  Wittelsbach  133
Ursachen,  die  in  Bayern  die  einzigen  geblieben  sind.  Der  Kanzler  Herzog
  Wilhelms,  Leonhard  von  Eck,  hat  mit  geschickter  Hand  Strenge
und  Milde  zu  paaren  gewußt.  In  überaus  kluger  Weise  verstand
die  bayrische  Regierung  sich  ihre  Treue  gegen  die  römische  Kirche
von  dieser  bezahlen  zu  lassen.  Sie  erhielt  das  Recht  zu  Klostervisitationen,
  ein  Fünftel  der  bischöflichen  Einkünfte  wurde  ihr  gegeben,
die  Pfründenvergebung  in  den  „päpstlichen  Monaten“  ihr  gleichsalls
  eingeräumt,  das  Strafrecht  den  Bischöfen  genommen.  Von
den  Greueln  des  Bauernkrieges  ist  Bayern  verschont  geblieben.
Die  gemeinsame  Gefahr  hat  da  einen  Augenblick  lang  die  feindlichen
  Geschlechter  der  Habsburger  und  Wittelsbacher  verföhnt.
Zwar  versucht  Herzog  Wilhelm  noch  1530  gegen  Ferdinand  von
Österreich  als  Kandidat  für  den  deutschen  Königsthron  aufzutreten,
als  er  aber  unterliegt,  kommt  es  zu  einer  Aussöhnung:  der  junge
Herzog  Albrecht  von  Bayern  wird  mit  der  Tochter  Ferdinand  I.,
Anna,  verheiratet  und  bekommt  für  den  Fall  des  Aussterbens  der
Habsburger  in  männlicher  und  weiblicher  Linie  gewisse  Erbrechte
zugesprochen.

Noch  in  das  letzte  Regierungsjahr  (1549)  Wilhelms  IV.  fiel  das
Eindringen  der  Jesuiten  nach  Bayern.  Die  Wirksamkeit  dieses  Ordens
  für  den  Kampf  gegen  die  Reformation  ist  eine  viel  zu  bedeutsame
  gewesen,  als  daß  ihrer  nicht  hier  besonders  gedacht  werden  sollte.

Als  der  spanische  Ritter  Don  Inigo  Lopez  de  Recalde  y  Loyola
in  Fieberphantasien  schwerverwundet  auf  seinem  Schmerzenslager
stöhnte  und  in  ekstatischen  Träumen,  die  er  dann  wachend  weiterspann,
  ihm  der  Gedanke  kam,  eine  Armee  von  Gottesstreitern  zum
ausschließlichen  Dienste  des  Papsttums  zu  schaffen,  da  konnte  er
noch  nichts  wissen  von  dem  Auftreten  des  Mönches  in  Wittenberg.
Die  Angriffe,  die  Luther  bald  gegen  den  Papst  in  Rom  zusschleudern
begann,  mußten  diese  Pläne,  sobald  sie  nur  einmal  greifliche  Form
angenommen  hatten,  unbedingt  fördern.  Mit  gleichgesinnten  Genossen
  gründete  Loyola  dann  die  Gesellschaft  Jesu  (bestätigt  1540),
die  zuerst  von  den  Päpsten  etwas  mißtrauisch  angesehen  wurde,  bald
aber  ihr  vornehmlichstes  Kampfmittel  geworden  ist.  Der  Jesuiten
Ziel  war  ein  zweifaches:  die  Heiden  außerhalb  Europas  zu  bekehren,
  ihr  Heiliger  wurde  Franz  Taver,  und  die  Ketzer  in  Europa  zu
überwinden.  Sie  knüpften  zu  diesem  Zwecke  an  Gedanken  an,  die
schon  vor  ihnen  Luther  verstanden  und  durchgeführt  hatte.  Um  Einfluß
  auf  das  religiöse  Leben  der  Menschen  zu  gewinnen,  mußte
man  mit  ihnen  in  ihrer  Muttersprache  reden,  aus  vornehmer  Ab-
        <pb n="82" />
        74  Maximilian  von  n  Bayern

—  —  —  —  —  —  —  —  —  —  ––  ——

sonderung  heraus  in  ihre  Mitte  treten,  mit  ihnen  disputieren,  sie
von  der  Kanzel  aus,  im  Beichtstuhle,  die  Jugend  vornehmlich  in
der  Schule  schon  gewinnen.  Gelehrte  und  fromme  Männer  müßten
  das  tun:  wer  veredeln  und  bessern  will,  muß  selbst  besser  und
edler  sein,  als  die  anderen.  Wie  Luther  seine  Lehren  leicht  faßlich
dargestellt  hatte,  so  taten  es  auch  die  Jesuiten  in  ihrem  kleinen
Katechismus,  dessen  Verfasser  der  holländische  Jesuit  Canisius  gewesen
  ist.  Es  gelang  ihnen,  sich,  man  darf  fast  sagen,  herrenloser
oder  gänzlich  heruntergekommener  Schulen  zu  bemächtigen,  wie  der
Wiener  Hochschule;  sie  machten  in  Prag  einen  gänzlich  brachliegenden
  Boden  urbar,  sie  errichteten  ein  neues  Kolleg  in  Köln,  1549
kamen  sie  nach  Ingolstadt,  wo  ihnen  die  1472  errichtete  Universität
  eingeräumt  wurde.

Da  schrieb  Canisius  an  einen  Kölner  Ordensgenossen:  „Wir  haben
  ein  Nest  gefunden,  das  groß  genug  ist,  Dich  und  noch  mehr  Vögel
aufzunehmen.  Der  Käfig  ist  fertig,  jetzt  brauchen  nur  die  Küchlein
von  allen  Seiten  hereinzufliegen,  die  wir  zum  Dienste  aufpflegen
und  zu  einem  Federvolk  machen  können,  das  Deutschland  zu  nützen
vermag.“  Nun  an  den  Küchlein  hat  es  nicht  gefehlt!

Unter  der  Regierung  Albrecht  V.  (1550—79)  ist  in  kirchlicher  Hinsicht
  zuerst  ein  konzilianter  Zug  zu  bemerken;  ebenso  wie  sein  Schwiegervater
  Ferdinand  ist  er  mehr  versöhnlich  gestimmt  gewesen,  man
hat  diese  Richtung  mit  dem  Worte  „Kompromißkatholizismus“  bezeichnet;
  bald  schlägt  aber  die  Stimmung  um.  Auch  in  Bayern,
wie  etwa  in  Österreich,  haben  die  Stände  mit  dem  Kampfe  um  die
Religionsfreiheit  den  Kampf  um  die  ständischen  Vorrechte  den  Fürsten
  gegenüber  verbunden.  Ebenso  richtig  ist  es,  zu  sagen,  daß  es
sich  den  Fürsten  bei  den  Glaubenskämpfen  zugleich  darum  gehandelt
hat,  die  Selbständigkeit  der  Untertanen  einzuschränken,  sie  wollen
die  Herren  werden  und  bleiben  und  ebenso  wie  sie  auf  die  religiösen
Gefühle  der  Untertanen  Einfluß  nehmen,  so  wollen  sie  pekuniär
von  ihnen  unabhängig  werden,  sich  nicht  durch  Rücksicht  auf  sie  in
ihren  Regierungshandlungen  binden  lassen.  Religiöse  und  weltliche
Momente  sind  da  unzertrennlich  miteinander  verbunden.  Eine  Zeitlang
  will  die  bayrische  Regierung  der  neuen  Lehre  entgegenkommen,
sie  beantragt,  ihr  den  „Laienkelch“  einzuräumen;  bald  aber  fürchtet
Albrecht  eine  allgemeine  Adelsverschwörung  gegen  sein  absolutes
Regiment  und  das  veranlaßt  ihn,  nun  auch  in  religiösen  Dingen
schärfere  Maßregeln  zu  ergreifen.  Unterstützt  wird  dieser  Umschwung
durch  die  großartige  Sammlung,  die  sich  im  Katholizismus  dadurch.
        <pb n="83" />
        Albrecht  V.;  Wilhelm  V.  75

vollzieht,  daß  endlich  das  lange  gewünschte  und  schon  lange  eröffnete
Konzil  in  Trient  seine  Aufgabe  beendet  und  das  dogmatische  Lehrgebäude
  der  katholischen  Kirche  aufs  neue  festigt.  In  dem  tridentinischen
  Glaubensbekenntnisse  wird  ein  Schlachtruf  für  die  katholische
Welt  gefunden,  der  einigend  und  reinigend  auf  sie  einwirkt.  Im
Jahre  1569  wird  der  Eid  auf  dieses  Glaubensbekenntnis  für  Bayern
  vorgeschrieben,  ein  Religionstribunal  soll  über  die  Rechtgläubigkeit
  wachen,  ein  Büchermandat  sorgt  für  die  Unschädlichkeit  der  erlaubten
  Bücher,  eine  Schulordnung  unterstellt  die  Schule  der  weltlichen
  Oberaufssicht.  Begreiflich,  daß  alle  diese  Maßnahmen,  die  mit
Zustimmung  der  Kurie  geschehen,  die  Macht  des  bayrischen  Fürstentums
  außerordentlich  stärken  mußten.  Der  alte  Groll  gegen  die
Landesbischöfe  Freising,  Passau,  Regensburg,  Eichstätt,  Augsburg,
von  den  nördlichen  Würzburg  und  Bamberg  nicht  zu  reden,  die  sich
in  alter  Zeit  vom  Landesherrn  unabhängig  gemacht  hatten,  wurde
wesentlich  durch  diese  Stärkung  des  Herzogtums  gemildert.

Albrechts  Regierung  ist  auch  sonst  für  Bayern  von  Bedeutung  gewesen;
  er  war  ein  kunstfroher  und  kunstverständiger  Fürst,  der  in
schönen  Bauten  seinen  Namen  verewigt  hat,  der  für  Sammlungen,
  die  später  München  zu  großer  Berühmtheit  verholfen  haben,  den
Grund  gelegt  hat,  so  zur  umfangreichen  Hof=  und  Staatsbibliothek,
für  die  er  beispielsweise  die  griechischen  Handschriften  eines  Johann
Jakob  Fugger  angekauft  hat.  Unter  seinem  Sohne  Wilhelm  V.  wird
sein  Regiment  fortgesetzt,  dieser  verbindet  Sinn  und  Liebe  für  die
bildenden  Künste  mit  strengster  Kirchlichkeit;  seine  Unfähigkeit  mit
seinen  Mitteln  auszukommen,  brachte  ihn  aber  dem  Staatsbankerott
nahe  und  veranlaßte  ihn  schon  1594,  seinen  Sohn  Maximilian  als
Mitregenten  anzunehmen,  vier  Jahre  später  dann  zu  dessen  Gunsten
auf  die  Regierung  zu  verzichten.  Damit  beginnt  die  langandauernde
Herrschaft  dieses  Mannes  (1598—1651),  die  nicht  nur  für  Bayern,
sondern  auch  für  Gesamtdeutschland  von  größter  Bedeutung  geworden
  ist.

Es  ist  bereits  erzählt  worden,  daß  der  Gegensatz  zwischen  den
Konfessionen  in  Deutschland  sich  seit  dem  trügerischen  Religionsfrieden
  von  Augsburg  immer  mehr  gesteigert  hatte;  die  deutschen
Protestanten  hatten  sich  in  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts
derart  daran  gewöhnt,  ungestört  ihre  Macht  zu  vermehren,  daß  sie
nichts  davon  wissen  wollten,  jetzt  darin  beschränkt  zu  sein  und  es
geradezu  als  ein  bitteres  Unrecht  empfanden,  als  die  Katholiken
ihrerseits  zu  erobern  anfingen,  d.  h.  zurückgewinnen  wollten,  was
        <pb n="84" />
        76  Maximilian  von  Bayern

lie  verloren  hatten.  Die  pfälzische  Aktionspartei  sah  ihr  Hauptziel
darin,  das  zu  verhindern;  zum  Schutz  ihrer  bedrohten  Interessen
wollte  sie  die  Gleichgesinnten  zusammenfassen.  Gegen  solche  Pläne
mußten  auch  die  Katholiken  sich  schützen  und  wiederholt  wurden
Versuche  gemacht,  eine  katholische  Allianz  zusammenzubringen,
Versuche,  die  immer  wieder  mangels  eines  geschickten  Führers  scheiterten.
  Auch  an  den  jungen  Herzog  Maximilian  traten  solche  Forderungen
  heran,  er  widmete  sich  aber  in  den  ersten  Jahren  seiner
Regierung  nur  den  dringenden  Aufgaben,  die  seiner  im  Innern  Baherns
  harrten,  und  trieb  eine  höchst  zurückhaltende  Politik.  Da  riß
ihn  die  Donauwörther  Angelegenheit  aus  seiner  Zurückhaltung  heraus.
  Die  freie  Reichsstadt  Donauwörth  war  ein  wichtiger  Posten  an
der  Donau,  sie  beherrschte  den  Ubergang  über  den  Strom,  dort,  wosich
die  Wörnitz  in  denselben  ergießt,  sie  lag  an  der  Grenze  des  bayrischschwäbischen
  Gebietes,  war  daher  ein  bequemes  Ausfallstor  für  die
bayrische  Macht.  Lange  hatten  die  bayrischen  Herzöge  bereits  nach
dieser  Reichsstadt  ausgelugt,  es  ist  begreiflich,  daß  sich  jetzt  Maximilian
  die  Gelegenheit,  sich  derselben  zu  bemächtigen,  nicht  entgehen
  ließ.  Streitigkeiten  zwischen  der  protestantischen  Mehrheit  und
der  katholischen  Minderheit  waren  hier  anfangs  des  17.  Jahrhunderts
  entstanden,  bei  denen  die  Protestanten  die  ganze  Unduldsamkeit
  jener  Zeit  gezeigt  haben.  Die  Gegensätze  zwischen  den  Konfessionen
  waren  noch  zu  groß,  als  daß  sie  ein  ruhiges  Nebeneinander
gestattet  hätten.  Auch  die  Katholiken  sind  natürlich  nicht  von  Schuld
freizusprechen,  da  sie  durch  öffentliche  Ausübung  ihres  Kults  über
den  bisherigen  Gebrauch  hinaus  die  Gemüter  ihrer  Gegner  erregt
hatten.  Es  kam  zu  ärgerlichen  Kämpfen,  die  die  Katholiken  an
Leib  und  Leben  gefährdeten,  es  kam  zu  Klagen  beim  Reichshofrate,
der  die  Interessen  derselben  wahrnahm  und  auf  Abstellung  ihrer
Beschwerden  bedacht  war.  Da  der  Rat  der  Stadt  keine  Ordnung
schaffen  wollte  oder  konnte,  so  erhielt  schließlich  der  Herzog  Maximilian
  den  Auftrag,  die  Ruhe  in  Donauwörth  wiederherzustellen.
Gerne  kam  er  demselben  nach,  besetzte  die  Stadt,  machte  der  Herrlichkeit
  des  Rates  ein  Ende,  und  bekam  zwei  Jahre  darauf  die
Stadt  vom  Kaiser  verpfändet.  Der  Pfandbesitz  sollte  solange  währen,
  bis  die  Stadt  dem  Herzoge  seine  Kosten  würde  ersetzen  können.
Das  hieß  soviel,  als  sie  auf  ewige  Zeiten  ihm  ausliefern,  denn  unerschwinglich
  war  eine  solche  Zahlung  für  die  arme  Stadt.  Damit
war  eine  freie  Reichsstadt  zu  einer  abhängigen  Landstadt  geworden
und  der  bayrische  Besitz  um  einen  wichtigen  Platz  vergrößert,  die
        <pb n="85" />
        Donauwörth;  Union  und  Liga  77

——  —  —  —  —  —  —  .

Lage  i  im  Reiche  wieder  zugunsten  der  Katholiken  verschoben  worden.
  Wie  oft  bei  großen  Ereignissen  kleine  Anlässe  den  letzten  Anstoß
  geben,  so  hat  diese  Donauwörther  Affäre  dazu  beigetragen,
den  glimmenden  Funken  im  Reiche  zum  großen  Brande  anzufachen.
Die  nächsten  zwei  Reichstage  von  1608  und  1613  wurden  durch  die
Protestanten  gesprengt;  diese  anerkannten  nicht  mehr  das  Recht  der
Reichstage,  entscheidend  einzugreifen  in  deutsche  Verhältnisse;  nicht
mehr  sollte  die  Mehrheit  obsiegen,  die  noch  immer  katholisch  war,
sondern  paritätisch  sollten  beide  Konfessionen  behandelt  werden.  Und
nun  haben  sich  die  verschiedenen  Parteigänger  zu  Bündnissen  vereint:
  zuerst  die  Protestanten  zur  „Union“,  dann  die  Katholiken  zur
„Liga“.  In  letzterer  war  es  der  Bayer,  der  die  führende  Rolle
spielte,  zunächst  die  bayrischen  Bistümer  vereinte,  dann  auch  die
geistlichen  Kurfürsten  am  Rheine  heranzog,  und  an  die  Spitze  des
neuen  Bundes  trat.  Dabei  versäumte  er  nicht,  argwöhnisch  auf  die-Habsburger
  hinüberzusehen;  in  dem  Augenblicke,  da  Ssterreich  diesem
  Bunde  beitrat  —  und  einer  katholischen  Macht  da  den  Zutritt
zu  versagen,  das  ging  nicht  an  —  hat  er  geschickt  gegen  sie  zu  operieren
  verstanden,  so  daß  er  doch  der  allein  gebietende  Herr  der  Ligo
blieb.  Freilich  ist  ihm  dabei  ein  wichtiger  Umstand  sehr  zustatten
gekommen:  daß  er  infolge  seiner  weisen  Finanzwirtschaft  in  der
Lage  war,  ein  Heer  aufzustellen  und  zusammenzuhalten,  während
solches  den  österreichischen  Finanzkünstlern  etwas  Unmögliches  war.
Beim  Ausbruche  des  Krieges  in  Deutschland  und  noch  lange  nachher
  ist  es  das  Heer  der  Liga  gewesen,  das  den  Kampf  für  den  Katholizismus
  allein  führte  und  gleich  am  Anfange  desselben,  in  der  Schlacht
am  Weißen  Berge,  das  böhmische  Königtum  des  Winterkönigs  zertrümmerte.
  Erst  Wallenstein  hat  Maximilians  Pläne  empfindlich
gestört,  kein  Wunder,  wenn  ihm  der  Herzog  feindlich  gesinnt  war.
Bald  darf  man  aber  Maximilian  nicht  mehr  Herzog,  sondern
Kurfürst  nennen,  denn  nicht  uneigennützig  nur  für  den  Dienst  der
Kirche  und  des  Reiches  hatte  er  gewirkt.  Wie  es  ihm  zukam,  als  tüchtigem
  Regenten,  hat  er  auch  für  seine  Erhöhung,  für  die  Größe  seines
Landes  gearbeitet.  Als  Ferdinand  II.  nach  seiner  Wahl  zum  Kaiser
nach  München  kam,  um  sich  der  Mithilfe  des  Bayern  zu  versichern,
da  sind  die  ersten  Abmachungen  zwischen  beiden  getroffen  worden,
die  schließlich  im  großen  und  ganzen  später  durchgeführt  worden
sind.  Das  Ziel  des  Bayern  war,  in  den  Besitz  der  Kurstimme  zu
kommen,  die  der  bayrischen  Linic  einst  widerrechtlich  (wie  sie  mit
nicht  geringer  Berechtigung  behaupten  konnte)  genommen  worden
        <pb n="86" />
        78  Maximilian  von  Bayern

*  —  —  —  —  —  -  —

war;  er  heischte  aber  nicht  nur  einen  Zuwachs  an  Macht,  er  wollte
auch  die  Grenzen  seines  Landes  hinausschieben,  das  damals  auf  den
ungefähren  Umfang  des  heutigen  Nieder=  und  Oberbayerus  beschränkt
gewesen  war;  dazu  bot  sich  nun  gleichfalls  der  Besitz  der  vielgehaßten
  Pfälzer  Linie  dar.  Dabei  fiel  einmal  das  Interesse  des  Kaisers
mit  dem  Bayerns  zusammen,  die  gefährliche  ständige  Opposition
der  Pfälzer  Herren  konnte  jetzt  gründlich  niedergeworfen  werden.
Die  Oberpfalz  wurde  dem  Bayern  sofort  gegeben,  die  Kur  ihm  zugesagt,
  auf  anderes  wurden  ihm  Aussichten  eröffnet,  ja  ihm  sogar
auf  Kosten  der  Habsburger  ein  Pfandbesitz  in  Oberösterreich  eingeräumt.
  Nicht  auf  einmal  sind  diese  Dinge  durchgeführt  worden,  erst
allmählich  und  gewiß  nicht  mit  freudigem  Herzen  hat  der  Kaiser
der  Vergrößerung  Bayerns  zugestimmt;  der  Schluß  war,  daß  Maximilian
  Kurfürst  wurde  und  die  Oberpfalz  mit  Cham  bekam,  die  er
nun  sofort  mit  äußerster  Energie  wieder  katholisch  machte.

Wir  wissen  bereits,  daß  Maximilian  mitgearbeitet  hat  an  dem
Sturze  Wallensteins,  in  dem  er  mit  Recht  seinen  gefährlichsten  Gegner
  sah;  es  ist  äußerst  wichtig,  festzustellen,  daß,  wenn  katholische
Interessen  in  seiner  Politik  mit  rein  bayrischen  in  Gegensatz  geraten
sind,  schließlich  die  letzteren  obgesiegt  haben.  Trotz  seiner  Frömmigkeit,
  trotz  seines  Streitens  für  den  katholischen  Glauben  —  wir  werden
  davon  noch  Beispiele  hören  —  ist  er  doch  in  erster  Linie  bahrischer
  Politiker  gewesen  und  das  macht  seine  Größe  aus,  das  unterscheidet
  ihn  vor  allem  von  Kaiser  Ferdinand  II.,  mit  dem  er  zusammen
  in  Ingolstadt  erzogen  worden  war.  Dieses  persönliche  Verhältnis
  zwischen  beiden  Fürsten  —  sie  waren  ja  zudem  Vettern  —
mag  auch  etwas  mildernd  eingewirkt  haben  auf  den  Gegensatz  habsburgischer
  und  bayrischer  Politik.  Es  ist  aber  nicht  zu  verkennen,  daß
die  letztere  weitaus  die  stärkere  gewesen  ist;  viel  mag  bei  der  Haltung
  Maximilians  dem  Kaiser  gegenüber  auch  mitgewirkt  haben,
daß  er  diesen  Mann  genügend  gekannt  und  stets  wußte,  wessen  er
sich  von  ihm  zu  versehen  hatte.

Man  teilt  gewöhnlich  die  Geschichte  des  Dreißigjährigen  Krieges
in  vier  Abschnitte  ein,  den  böhmisch-pfälzischen,  den  dänischen  usw.:
es  wäre  richtiger,  sie  in  zwei  große  Teile  zu  trennen;  als  Trennungsjahr
  würde  das  Jahr  1630  in  Betracht  kommen.  In  der  ersten
Periode  ist  die  katholische  Sache  im  Aufsteigen  begriffen  und  das
Ausland  vermag  nicht  Einfluß  auf  die  deutschen  Dinge  zu  gewinnen:
in  der  zweiten  ist  die  religiöse  Frage  bereits  gelöst;  es  wird  klar,  daß  es
weder  zu  einem  vollständigen  Siege,  noch  zu  einer  entschiedenen
        <pb n="87" />
        Maximilian  und  der  30jährige  Krieg  79

—.  —  —  –  —

Niederlage  einer  Konfession  kommen  kann,  sondern  daß  ein  Kom—
promiß  die  Fehde  zwischen  Protestanten  und  Katholiken  beenden
wird;  der  Friede  von  Prag  (1635)  hat  bald  dafür  die  Wege  gewiesen,
indem  er  das  Inslebentreten  des  Restitutionsediktes  auf  Jahrzehnte
  hinaus  verschob,  damit  dasselbe  eigentlich  aus  der  Welt
schaffte  und  ein  Normaljahr  als  Grenzjahr  für  die  einzelnen  Konfessionen
  festsetzte.  Zugleich  begann  aber  jetzt,  geführt  durch  Schweden
  und  Frankreich,  das  Ausland  jene  gefährliche  Rolle  in  den
deutschen  Dingen  zu  spielen,  die  Wallenstein  richtig  vorausgesehen
hat  und  so  gerne  vermieden  hätte.  Und  da  ist  es  entscheidend  geworden,
  daß  der  einzige  deutsche  Reichsfürst,  der  vermöge  seiner  Talente
und  vermöge  seiner  kriegerischen  und  finanziellen  Leistungen  imstande
  gewesen  wäre,  führend  und  ändernd  einzugreifen,  das  Ausland
ebenfalls  nicht  entbehren  konnte:  Maximilian  von  Bayern.  Nur  durch
die  Unterstützung  desselben  konnte  er  seine  Politik  weiterführen,
konnte  er  Bayerns  Machtsphäre  vergrößern.  Er  hat  immer  zugleich
  gegen  den  Protestantismus  und  gegen  die  katholischen  Habsburger
  kämpfen  müssen.  Man  wird  bei  der  Rolle,  die  jetzt  und
später  Bayern  in  deutscher  Geschichte  gespielt  hat,  nie  auf  diesen
Doppelkampf  vergessen  dürfen,  der  ihm  durch  seine  Stellung  aufgedrängt
  war.  Daß  sich  Bayern  gegen  die  Habsburger  unabhängig
gehalten  hat,  daß  es  die  steten  Versuche  ÖOsterreichs,  sich  dieses  Landes
zu  bemächtigen,  doch  immer  wieder  abgewehrt  hat,  das  hat  es  nur
durch  den  steten  Anschluß  an  das  Ausland,  vor  allem  an  Frankreich,
erreicht.  Schon  vor  dem  Sturze  Wallensteins  ist  Bayern  von  Frankreich
  gesucht  worden,  man  hat  hier  in  Paris  bald  die  Wichtigkeit
  dieses  Bundesgenossen  erkannt  und  immer  wieder  finden  wir
Maximilian  in  Verbindung  mit  der  französischen  Politik,  um  sich
in  allen  seinen  Ansprüchen  gegen  die  Feinde  in  beiden  Lagern
Deutschlands  zu  behaupten.  Dabei  wird  man  doch  urteilen  müssen,
daß  Maximilian  sich,  soweit  es  möglich  war,  auch  als  guter  Deutscher
  gefühlt  hat,  daß  er  noch  durchaus  jenem  à  la  mode-Wesen  späterer
  deutscher  Fürsten  abgekehrt  war,  deren  höchstes  Ziel  in  der  Nachahmung
  französischen  Wesens  gelegen  war;  er  hat  vor  allem,  und
das  schien  ja  damals  die  größere  Gefahr  zu  sein  vor  einer  Hispanisierung
  Deutschlands  sich  gefürchtet,  vor  einem  Uberhandnehmen
des  spanischen  Einflusses,  der  im  Wege  der  Habsburger  Familie
zu  liegen  schien.

Als  dann  der  Krieg  endlos  zu  werden  drohte,  als  es  klar  wurde,
daß  die  Ausländer  nur  auf  ihren  eigensten  Vorteil  hinarbeiteten,
        <pb n="88" />
        80  Maximilian  von  Bayern  *

da  hat  Maximilian  zu  wiederholten  Malen  sich  für  den  Frieden
tüchtig  eingesetzt  und  hat  seine  politischen  Hilfsquellen  benützt,  um
Frankreich  und  den  Kaiser  zum  Frieden  zu  drängen.  Nur  langsam
konnte  dieser  Frieden  eintreten,  zu  schwer  war  der  Kampf  gewesen,
  zu  sehr  waren  die  verschiedensten  Interessen  dabei  verschlungen.
  In  jahrelangem  Ringen  begegneten  sich,  nicht  nur  die  Feldherren,
  auch  die  Diplomaten  und  mit  der  ganzen  Weitschweifigkeit
jener  Zeit  haben  sie  sich  in  Etikettestreitigkeiten  erschöpft,  teils
um  Zeit  zu  gewinnen,  teils  aus  Lust  an  der  Sache.  Man  hat
damals  geglaubt,  der  Macht  und  Bedentung  des  eigenen  Souberäns,
  ja  der  eigenen  Person,  etwas  zu  vergeben,  wenn  man  nicht
Vorrang  und  alles,  was  sich  damit  in  Verbindung  bringen  ließ,  mit
äußerster  Zähigkeit  verteidigt  hätte.

Endlich  waren  die  letzten  Hindernisse  aus  dem  Wege  geräumt;
Bayern  hatte  wiederum  sehr  vermerklich  seinen  Einfluß  zugunsten
des  Friedens  fühlbar  gemacht,  indem  es  für  die  französischen  Ansprüche
  auf  Elsaß  eintrat.  In  Münster  und  Osnabrück  konnte  der
Frieden  abgeschlossen  werden,  der  den  Schweden,  wie  noch  zu  erzählen
  sein  wird,  deutschen  Boden  auslieferte,  den  größten  Teil  des
Elsasses  aber  an  Frankreich  gab,  und  zwar  in  gewollt  unklaren  Bestimmungen,
  die  den  beiden  Vertragabschließenden,  Frankreich  und
dem  Kaiser,  die  Möglichkeit  ließen,  diese  Bedingungen  bei  günstiger
Gelegenheit  zu  verändern.  Bayern  blieb  Kurfürstentum,  die  Oberpfalz
blieb  gleichfalls  bayrisch,  dagegen  wurde  der  Sohn  des  Winterkönigs
  in  den  Rest  der  Pfälzer  Besitzungen  zurückgeführt,  und  für
ihn  eine  neue,  die  achte,  Kur  geschaffen.  Als  wichtigste  Errungenschaft
  aber  des  Westfälischen  Friedens,  und  hier  wird  man  auch
wieder  das  Resultat  der  Tätigkeit  des  Bayern  zu  spüren  haben,  wird
den  deutschen  Fürsten  ausdrücklich  das  Recht  gegeben,  mit  dem  Auslande
  sich  in  Bündnisse  einzulassen.  Sie  werden  dadurch  als  dem
Kaiser  gleichberechtigt  anerkannt  und  damit  im  großen  Deutschland
  politisch  gleichberechtigte  Teilstaaten  errichtet.  Der  konfessionelle
  Gegensatz  wird  ausgeglichen,  als  Normaljahr  das  Jahr  1624
angesetzt,  da  hinein  aber  gleich  eine  Ausnahme  gerissen,  da  die  Oberpfalz,
  die  erst  nach  1624  rekatholisiert  worden  war,  trotzdem  katholisch
  blieb.  Die  Gleichberechtigung  der  Kalvinisten  mit  den  Lutheranern
  wurde  anerkannt.  Es  dauerte  freilich  noch  einige  Jahre,  bis
allen  Bestimmungen  des  Westfälischen  Friedens  Genüge  getan  war
und  wirklich  Ruhe  in  Deutschland  wiederkehrte.

Beobachten  wir  noch  Maximilian  bei  seiner  Tätigkeit  im  Inneren
        <pb n="89" />
        Der  westfälische  Frieden.  —  Bayerns  Entwicklung  81

—  –  —  —  —  —¡—  —  —

seines  Landes.  Er  hatte  große  Schäden  zu  heilen,  vor  allem  die
finanzielle  Mißwirtschaft  des  Vaters  zu  verbessern.  Er  tat  dies,  indem
  er  sich  in  der  Hofhaltung  der  allergrößten  Sparsamkeit  beflif,
im  übrigen  aber  die  Leistungen  seiner  Untertanen  möglichst  anspannte.
  Strenge  sah  er  darauf,  daß  die  Untertanen  sich  den  auferlegten
  Auflagen  nicht  entzogen,  er  verfocht  den  Gedanken,  daß  es
die  Pflicht  der  Untertanen  sei,  für  den  Staatshaushalt  zu  sorgen,
er  wollte  da  keine  Ausnahmen  gelten  lassen  und  hat  auch  die  privilegierten
  Stände,  Adel  und  Geistlichkeit,  immer  wieder  zu  Steuern
herangezogen.  Seine  Stellung  zur  Kurie  ließ  ihn  bei  seinen  Bemühungen,
  auch  vom  Klerus  Geld  zu  erhalten,  Unterstützung  finden,
  allen  Klagen  der  Geistlichkeit,  vor  allem  der  Bischöfe,  über  Eingriffe
  des  Landesherren  in  ihre  Rechte,  setzte  er  entschiedenen  Widerstand
  entgegen,  und  ohne  Echo  verhallten  dieselben  in  Rom  und  in
Deutschland.  Die  eigenen  Landstände  hat  er  nur  zweimal  während
seiner  langen  Regierung  zusammentreten  lassen;  da  er  mit  seinen
Finanzen  in  Ordnung  war,  hat  er  sie  nicht  gebraucht.  Es  war  ihm
vor  allem  darum  zu  tun,  eine  tüchtige  Beamtenschaft  zu  erziehen,
die  er  dann  ordentlich  und  regelmäßig  bezahlte,  für  deren  leibliches
Wohl  er  emsig  besorgt  war:  sie  erhielten  Pensionen,  sie  erhielten
Urlaub,  Maximilian  ist  in  vielen  Dingen  seiner  Zeit  weit  vorausgeeilt.
  Er  reorganisierte  auch  die  Wehrkraft  des  Landes,  indem
er  eine  Art  von  Landwehr,  die  „Landfahnen“,  schuf.  Sie  mußten
regelmäßig  zusammenkommen  und  sich  vornehmlich  im  Schießen
üben;  die  Erlaubnis  zu  heiraten,  das  Bürgerrecht,  wurde  oft  mit
dieser  Tätigkeit  verknüpft,  besondere  Prämien  wurden  für  die  Schußfertigkeit
  gegeben,  wie  etwa  das  Recht,  in  den  kurfürstlichen  Tiergärten
  sich  ein  Stück  Wild  zu  erlegen.  Das  bayrische  Landrecht  hat
der  Herzog  im  Codex  Maximilianeus  von  1616  zusammenfassen  und
neu  kodifizieren  lassen;  polizeiliche  Maßnahmen  gegen  arbeitsscheues
Gesindel  werden  ergriffen;  ja  beim  Auftreten  der  Pest  von  1634
werden  Vorschriften  empfohlen:  wie  Absperrung  der  Grenzen,  Isolierung
  der  Kranken,  Verbrennung  ihrer  Kleider,  Reinlichkeit,  kräftige
  Ernährung,  die  an  ganz  moderne  Erlässe  gemahnen.

Soweit  es  der  Krieg  zuließ,  der  immer  wieder  feindliche  oder
freundliche  Heere  —  und  zwischen  beiden  war  kein  großer  Unterschied
  —  innerhalb  der  bayrischen  Grenzen  hausen  und  brandschatzen
sah,  hat  Maximilian  auch  für  den  Aufschwung  der  Gewerbe  und  der
Wirtschaft  gewirkt.  Kommerzkollegien  wurden  errichtet,  die  besonders
  zu  sorgen  hatten  für  die  Entfaltung  des  bayrischen  Handels;  der

ANuG  123:  Weber,  von  Luther  zu  Bizmarck.  I.  3.  Aufl.  6
        <pb n="90" />
        82  Maximilian  von  Bayern

nahme  begriffen  war,  wurde  wieder  aufgeholfen;  auch  der  Lederindustrie,
  der  Anpflanzung  von  Maulbeerbäumen,  der  Erzeugung
von  Glas,  dem  Bergwesen  wurde  größte  Aufmerksamkeit  geschenkt,
vornehmlich  die  Salzgewinnung  ausgebeutet.  Die  geistigen  Interessen
  hat  Maximilian  nicht  vernachlässigt,  die  Kunst  hat  in  ihm
einen  warmen  Förderer  gefunden;  was  sein  Großvater  und  Vater
begonnen,  setzte  er  fort,  so  die  Sammlungen,  die  Hofbibliothek,  er  hat
die  neue  Residenz  bauen,  den  neuen  Hofgarten  anlegen  lassen.  Sein
frommer  Sinn  hat  die  Entwickelung  der  Schulen  immer  mehr  mit
den  geistlichen  Orden  in  Verbindung  gebracht,  nicht  weniger  als  sechs
Jesuitenkollegien  hat  er  gegründet,  und  auch  sonst  ist  er  in  der  Fürsorge
  für  Ordensgeistliche,  wie  die  Kapuziner,  Karmeliter,  Paulaner,
  von  Frauenorden  für  die  „englischen  Fräulein“  weit  gegangen.

Auf  das  eifrigste  hat  er  den  Katholizismus  gefördert,  die  protestantischen
  Adeligen  zur  Auswanderung  gezwungen,  streng  durch
Überwachung  aller  Art  den  Gebrauch  verbotener  Bücher  hintangehalten.
  Von  den  Bürgern  wurde  vor  Aufnahme  in  das  Bürgerrecht
  die  Ablegung  des  tridentinischen  Glaubensbekenntnisses  gefordert.
  Neue  Feiertage  wurden  eingeführt,  das  Fastengebot  wurde
verschärft  und  auf  dessen  Beobachtung  scharf  gesehen,  es  waren
der  regelmäßigen  Fasttage  zwei  in  der  Woche.  Die  Beamten  mußten
  täglich  die  Kirche  besuchen,  sich  an  allen  Prozessionen  beteiligen,
  unter  schwerer  Ahndung  zu  Beichte  und  Kommunion  gehen,
beim  Gebetläuten  mußte  jeder  niederknien.

Strenge  war  Maximilian  von  seinen  jesuitischen  Lehrmeistern  in
Ingolstadt  erzogen  worden;  wenn  man  aber  den  Jesuiten  nachsagt,
daß  es  ihr  vornehmstes  Ziel  sei,  die  eigene  Meinung  zu  ertöten  und
den  Geist  des  Zöglings  völlig  zu  unterwerfen,  so  ist  ihnen  dies  bei
Maximilian  gewiß  nicht  gelungen,  denn  immer  bewahrte  er  sich
sein  unabhängiges  Denken,  die  Freiheit  des  Entschlusses.  Allerdings
wird  trotz  mancher  selbständigen  Regung  und  bei  allem  Festhalten
an  den  Rechten  des  Staates  gegenüber  der  Kirche  letztere  doch  mit  der
Wirksamkeit  dieses  Mannes  höchlich  zufrieden  sein  dürfen.

Von  kleinem,  zartem  Körperbau,  hat  er  seinem  Körper  die  höchsten
  Anforderungen  abgerungen;  von  4  Uhr  des  Morgens  bis  zum
späten  Abende  hat  er  nur  dem  Wohle  seines  Landes  gelebt  und  in
schwerster  Zeit  Wunder  an  Arbeitstätigkeit  verrichtet.  Ein  Spruch,
den  er  sich  geprägt  hat,  gibt  den  Kern  seines  Wesens  am  besten
        <pb n="91" />
        Ergebnis  der  Regierung  Maximilians  83

–——————....-  —

wieder:  „Der  Fürst  muß  einer  Kerze  gleichen,  die  sich  selbst  ber—
zehrt,  indem  sie  anderen  leuchtet“.

Was  diesem  süddeutschen  katholischen  Lande  unter  der  Leitung
eines  bedentenden  Mannes  in  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts
  gelungen  ist:  sich  zu  einem  festgefügten,  gut  verwalteten  Territorialstaate
  zu  konsolidieren,  den  Habsburgern  bestimmend  ntgegenzutreten,
  das  vollzog  sich  in  der  zweiten  Hälfte  jenes  Jahrhunderts
  in  einem  norddeutschen  protestantischen  Lande,  in  Brandenburg.
  Auch  hier  ist  es  das  eigenste  Verdienst  seines  Herrschers  gewesen,
  durch  Benützung  günstiger  Zeitumstände,  in  starker  Anspannung
  nicht  gewöhnlicher  Herrschertalente,  dies  Ziel  zu  erreichen;
von  diesem  Wirken  und  Werden  ist  nun  zu  berichten.

V.
Der  Große  Rurfürst.

Der  Krieg  war  zu  Ende,  was  war  mittlerweile  aus  Deutschland
  geworden?  ein  rauchender  Trümmerhaufen.  Das  Recht  und
die  Sicherheit  hatten  aufgehört  hier  zu  wohnen.  Jede  Art  von  regelmäßigem
  Geschäftsbetrieb  mußte  stocken,  da  der  Kaufherr,  der  Handwerker,
  der  Bauer  die  Früchte  seines  Fleißes  rechtlos  den  nächsten
besten  Beutemachern  überlassen  sah.  Eine  Zeitlang  hatte  der  Bauer,
mit  der  Flinte  in  der  Hand,  den  Boden  bestellt;  als  er  erfahren
mußte,  wic  der  Ertrag  seines  Schweißes  in  ein  paar  Stunden  von
der  Soldateska  niedergetreten,  geraubt,  verwüstet  wurde,  da  lohnte
ihm  die  Arbeit  nicht  mehr,  lieber  griff  er  selbst  zur  Muskete,  um
mitzurauben,  dabei  lebte  sich's  besser.  Denn  nicht  nur  durch  den
unabwendbaren  Drang  des  Krieges,  für  den  Unterhalt  der  Truppen,
wurden  Lebensmittel  vernichtet  und  verwendet;  was  eine  Schar
Soldaten  selbst  nicht  brauchte  und  nicht  mitnehmen  konnte,  das
wurde  zerstört,  schlechthin  aus  Freude  am  Zerstören,  aus  Mißgunst,
  daß  es  nicht  andere  fänden.  Und  was  die  durch  Kampf  und
erbeuteten  Wein  aufgepeitschten  Sinne  an  Frauen  und  Jungfrauen
verübt,  das  läßt  sich  nicht  schildern.  Die  Bestie  im  Menschen  war
losgelassen  und  herrschte  schrankenlos;  die  Kugel  des  Feindes  konnte
morgen  treffen,  da  galt  es  noch,  das  Heute  zu  genießen.  Liegt  das
Land  verödet,  verwüstet,  sind  die  Dörfer  verlassen,  so  herrscht  auf
der  Landstraße  eine  Unsicherheit,  die  Handel  und  Wandel  unmöglich
  macht;  und  auch  die  Städte  müssen  in  Wehr  und  Waffen  stehen,
sich  durch  hohe  Geldzahlungen  vor  ärgeren  Drangsalen  sichern;

67

—  —  —  ———.  .
        <pb n="92" />
        84  Der  Große  Kurfürst  —

der  Handwerker  muß  viel  öfter  die  Partisane,  die  Büchse  führen,
als  die  Axt  und  die  Ahle;  und  trotzdem  fallen  auch  viele  Städte
der  ärgsten  Verwüstung,  ja  selbst  der  Zerstörung  anheim,  wie  beispielsweise
  das  arme  Magdeburg  zu  zweien  Malen.  Keinen  Schutz
gewährten  die  festen  Schlösser  der  Herren;  vor  den  immer  mehr
verbesserten  Kartaunen,  Feldschlangen,  Mörsern  hielten  sie  nicht
stand,  und  eine  so  berannte  und  eroberte  Burg  lohnte  doch  oft  an
Kostbarkeiten,  Geräten,  Waffen  und  Wein  den  Sturm.

Bildung  und  Sitte  konnten  in  dieser  Zeit  nicht  gedeihen;  von
einem  Unterricht,  besonders  der  niederen  Schulen,  war  nicht  die
Rede;  die  Jugend  wuchs  heran,  wie  sie  wollte;  ein  kühnes  herrliches
  Leben  schien  ihr  das  Soldatenleben,  die  Soldaten  waren  die
Herren  in  Deutschland;  wie  sie  sich  räusperten  und  wie  sie  spuckten,
das  wurde  ihnen  emsig  abgeguckt:  das  Schwert  und  das  Gold,  sie
wurden  Regenten;  Treue,  Anhänglichkeit,  Rechtschaffenheit,  Zucht
und  Ehrbarkeit  waren  Märlein  aus  verklungenen  Tagen.

Und  als  die  Kirchenglocken  dann  durch  Deutschland  erschallten
und  den  abgeschlossenen  Frieden  verkündeten,  da  fanden  sie  ein  neues
Geschlecht,  das  groß  geworden  war  in  unbändiger  Freiheit,  in
Roheit,  Kampf  und  Zügellosigkeit,  das  sich  nicht  gleich  in  die  Friedenszeit,
  in  die  obrigkeitliche  Führung,  in  die  Achtung  vor  den  Gesetzen
  schicken  konnte.  Fertigkeiten  waren  verloren  gegangen,  die  erst
mühsam  wieder  gewonnen  wurden;  die  Hand,  die  das  Schwert  geschwungen,
  hatte  verlernt  den  Pflug  zu  führen;  es  fehlte  vor  allem
an  Menschen.  Da  war  es  kein  Wunder,  wenn  jetzt  die  Landesherren
mit  allen  Mitteln  eingreifen  mußten,  um  abzuhelfen;  der  Eintritt
  mannbarer  Leute  in  die  Klöster  wurde  verboten;  Doppel=  und
dreifache  Ehen  mit  Vorwissen  der  Kirche  geduldet.  Aber  Jahrzehnte
  mußten  vergehen,  bis  wieder  überall  in  Deutschland  die  Fluren
  prangten,  das  nötige  Material  wieder  vorhanden  war,  Obstbäume
  Früchte  trugen,  die  Handelskarawanen  ruhselig  ihre  Straßen
  zogen,  die  Dorfschulmeister,  die  zuerst  meist  abgedankte  Soldaten
  waren,  etwas  kenntnisreicher  geworden  waren,  das  Handwerk
  wieder  seinen  goldenen  Boden  fand,  die  Kunst  das  Leben  zu
verschönern  begann  und  die  Dichtkunst  es  der  Mühe  wert  hielt,
neuc  Verse  zu  schmieden.

Unbarmherzig  war  auch  in  diesen  Stürmen  an  der  Autorität
des  Kaisertums  in  Deutschland  gerüttelt  worden.  Ferdinand  II.
war  nur  der  Kaiser  einer  Partei  gewesen,  nur  an  die  Erhöhung
der  katholischen  Kirche,  nicht  an  das  Wohl  des  Reiches  dachte  er.

—
        <pb n="93" />
        Die  Folgen  des  30jährigen  Krieges  85

Erst  im  letzten  Jahrzehnte  des  Krieges  trat  sein  Sohn,  Ferdinand
III.,  wiederum  als  Schützer  und  Mehrer  des  Reichs  gegen  die  auswärtigen
  Feinde  auf;  kaiserliche  Heere  sind  es  ja,  die  gegen  die
Schweden  und  Franzosen  kämpfen,  aber  viel  zu  schwach  ist  des  Kaisers
  Majestät  dazu,  die  deutschen  Fürsten  selbst  müssen  ihr  Schicksal
  in  die  Hand  nehmen  und  mit  den  Fremden  verhandeln.  So  sehr
die  religiösen  Unterschiede  sich  unter  dem  Kriegslärm  abschwächen,
so  sehr  wachsen  die  staatlichen,  territorialen  heran.  Krieg  und  Politik
  erzeugen  die  stehenden  Heere,  das  dazu  nötige  Geld  nehmen
die  Fürsten  von  ihren  Untertanen.  Gleich  nach  dem  Friedensschlusse
setzte  der  Reichstag  von  1653  fest,  die  Fürsten  hätten  das  Recht,
zu  „Defensionszwecken“  Abgaben  von  ihren  Untertanen  einzuheben.
Das  bedeutete  eine  gewaltige  Stärkung  der  Fürstengewalt.  Während
  niemand  die  Fürsten  zwingen  konnte,  dem  Reiche  Steuern  zu
zahlen,  trieben  sie  jetzt  solche  zu  eigenen  Gunsten  ein;  betreffs  der
Höhc  und  der  Verwendung  derselben  waren  sie  gleichfalls  so  gut  wie
unumschränkt.  Besonders  beliebt  wurden  die  Abgaben  auf  Lebensmittel,
  die  Akzise.  Immer  selbständiger  wurden  die  Fürsten  dem
Kaiser  gegenüber,  immer  selbstherrlicher  traten  sie  ihren  Ständen
entgegen,  die  absolute  Fürstengewalt  nach  oben  und  unten  hin  ward
damals  in  Deutschland  begründet.  Unter  diesen  Fürsten  ist  es  vor
allem  der  Hohenzoller  Friedrich  Wilhelm  gewesen,  der  durch  tüchtige
  Verwaltung,  geschickte  Politik  und  ein  starkes  Heer  die  Größe
seines  Geschlechts  begonnen  hat.

Verhältnismäßig  spät  ist  das  Geschlecht  der  Hohenzollern  in  der
deutschen  Geschichte  nachweisbar.  Gefällige  Genealogen  haben  es
früher  und  später  in  schwindelnde  Fernen  alter  Zeiten  hinaufgeführt;
in  früheren  Jahrhunderten  war  es  leicht  eine  Brücke  zu  schlagen
zu  Julius  Cäsar  oder  gar  zu  einem  Propheten  des  Alten  Testaments:
  mit  Sicherheit  können  wir  im  11.  Jahrhunderte  zum  ersten
Male  einen  Grasen  nachweisen,  der  seinen  Namen  nach  der  schwäbischen
  Burg  zum  „Hohen  Zollern“  trägt.  Die  Familie  blüht  rasch
heran,  Gott  Hymen  mischt  sich  hinein,  um  ihren  Besitz  zu  vergrößern,
  schwäbisches  Land  wird  mit  reichen  fränkischen  Besitzungen.
verbunden,  aus  denen  später  die  Fürstentümer  Ansbach,  Bayreuth
und  Kulmbach  entstanden  sind.  Im  Jahre  1227  trennen  sich  die
beiden  Linien,  die  schwäbische  und  fränkische;  die  erstere,  die  katholisch
  geblieben  ist,  hat  1849  ihr  Land  der  anderen  freiwillig  übertragen.
  Sie  ist  erst  in  neuer  Zeit  wieder  mehr  hervorgetreten,  als
ein  Glied  derselben  ausersehen  ward,  die  Königskrone  von  Spa-
        <pb n="94" />
        86  Der  Große  Kurfürst

—  —  —  —  —  —

nien  zu  tragen  und  damit  den  Krieg  von  1870  heraufbeschworen  hat,
ein  anderes  tatsächlich  die  Krone  von  Rumänien  erhielt,  die  es
heute  noch  in  Ehren  trägt.  Viel  reicherer  Glanz  aber  erhöhte  die
fränkische  Linie,  die  in  Luthers  Zeiten  zur  neuen  Lehre,  dann  Anfang
  des  siebzehnten  Jahrhunderts  zum  Kalvinismus  übergetreten
ist:  durch  tüchtige  Männer  erwarb  sie  frühzeitig  Amt  und  Ansehen;
Burggrafen  von  Nürnberg  sind  sic  geworden,  haben  aber  bald  die
alte  Burg  selbst  der  Reichsstadt  verkauft  und  sich  auf  die  Regierung
  ihrer  fränkischen  Besitzungen  beschränkt.  Anfang  des  fünfzehnten
  Jahrhunderts  sind  sie  zu  der  Mark  Brandenburg  in  Beziehung
  getreten.  Zur  Abwehr  gegen  den  slawischen  Feind  waren
eine  Reihe  von  Grenzländern  geschaffen  worden,  die  die  Verteidigung
  des  weiter  westwärts  gelegenen  Landes  zu  besorgen  hatten:
Marken.  So  die  Altmark,  Neumark,  Uckermark,  die  mit  anliegenden
  Landesteilen  vereinigt,  die  Mark  Brandenburg  gebildet  haben.
Sie  ist  zuerst  von  sächsischen  Grafen  verwaltet  worden,  kam  später
in  den  Besitz  der  Wittelsbacher  und  Luxemburger  ;  sie  tritt  in  Verbindung
  mit  Böhmen.  Frühzeitig  machen  sich  in  Brandenburg  unbotmäßiger
  Adel  und  frei  emporstrebende  Städte  —  vor  allem  die
Schwesterstädte  Berlin  und  Cölln  an  der  Spree  —  bemerkbar.  Kaiser
Sigismund  ist  nicht  mehr  imstande,  das  weite  Gebiet  seiner  Erblande
  zugleich  mit  dem  Kaisertume  zu  beherrschen;  besonders  das  in
völliger  Auflösung  und  Gärung  befindliche  brandenburgische  Gebiet
  verursacht  ihm  Sorge;  so  löst  er  es  ab  und  übergibt  es  1415
dem  Burggrafen  Friedrich  von  Zollern  zur  eigenen  Verwaltung,
belehnt  ihn  zwei  Jahre  später,  1417,  feierlich  mit  dem  Kurhute.
Von  diesen  Tagen  bleiben  Land  und  Familie  unzertrennbar  miteinander
  verbunden  und  begründen  die  Größe  des  Geschlechts.  Es
ist  ein  Geschlecht,  dem  der  Himmel  eine  Reihe  tüchtiger  sorgsamer
Regenten  geschenkt  hat,  die  es  verstanden,  Ordnung  im  Innern  zu
halten  und  nach  außen  hin  den  Besitz  in  glücklicher  Art  zu  mehren,
die  es  aber  auch  verstanden  haben,  aus  der  Reihe  der  Untertanen
taugliche  Kräfte  auszulesen,  mögen  diese  nun  mehr  als  Handlanger
ihren  Herren  gedient  haben,  mögen  sie  oft  die  Gestalt  des  eigenen
Fürsten  um  Haupteslänge  überragt  haben;  nicht  nur  die  Treue  des
Volkes  gegen  den  Herrn  war  das  Glück  der  Zollern,  auch  die  Treuc
der  Fürsten  gegen  ihre  Untertanen  hat  sie  ausgezeichnet.

Mit  schwerer  Mühe  haben  sie  nun  zunächst  in  der  Mark  Brandenburg
  Ordnung  gemacht;  die  Unbotmäßigkeit  der  adligen  Herren,  wie
der  Quitzows,  gebrochen,  das  Freiheitsgelüst  der  Städte  gebändigt;
        <pb n="95" />
        Aufkommen  der  Hohenzollern  87

es  ist  das  nicht  auf  einmal  geschehen  und  nicht  ohne  spätere  Nachwehen
  geblieben,  aber  die  Fürsten  haben  ihre  Autorität  durchgesetzt.
Es  war  das  erste  Reichsland,  das  indirekte  Steuern  eingeführt  bekommen
  hat;  damit  sichere  Einnahmen  für  die  Verteidigung  und
Verwaltung  des  Landes.  Bier  und  Korn  waren  die  ersten  Produkte,
die  dieser  Besteuerung,  der  Akzise,  unterworfen  gewesen  sind.

Fast  ohne  Ausnahme  sind  die  Zollern  treue  Vasallen  der  deutschen
Kaiser  und  Anhänger  der  Habsburger  gewesen,  was  ihnen  eine  ganze
Reihe  von  Vorteilen  und  Aussichten  eröffnet  hat.  Anfang  des  sechszehnten
  Jahrhunderts  wurde  einer  der  fränkischen  Hohenzollern  —
die  fränkischen  Fürstentümer  waren  schon  früher  von  der  Mark
Brandenburg  abgetrennt  worden  —  zum  Hochmeister  des  deutschen
Ritterordens  gewählt;  seitdem  blieb  diese  Würde  bei  der  Familie.  Er
beherrschte  Ostpreußen  mit  Königsberg,  Thorn,  während  Westpreußen
  mit  Danzig  polnisches  Eigentum  war.  Früh  hatte  der  Ritterorden
  nach  heftiger  aber  unglücklicher  Gegenwehr  sein  Land  von  Polen
  zu  Lehen  nehmen  müssen.  Mit  breiter  Macht  schiebt  sich  dazumal
das  Land  Polen  von  den  Ufern  des  Schwarzen  Meeres  bis  zur  Ostsee
hinauf,  Nachbar  der  Türken,  der  Russen,  sie  beide  von  dem  übrigen
Europa  abtrennend  mit  den  Hauptorten  Krakau,  Warschau  und
Danzig.  Da  war  es  nun  von  weittragendster  Bedeutung,  daß  Albrecht
  von  Hohenzollern,  der  Hoch=  und  Deutschmeister,  1525  sein
geistliches  Gewand  abtat  und  im  Einvernehmen  mit  der  polnischen
Lehensmacht  das  Fürstentum  in  ein  weltliches  und  erbliches  umwandelte.
  Der  Zusammenhang  mit  der  übrigen  Familie  blieb  bestehen,
indem  ihr  1568  die  Mitbelehnung  mit  dem  Herzoge  von  Preußen
zugestanden  wurde.  Ebenso  hat  es  die  hohenzollernsche  Familie  verstanden
  in  Schlesien  einzudringen:  1524  wurde  das  Fürstentum  Jägerndorf
  von  einem  jüngeren  Sohne  erworben,  1537  mit  den  Herzogen
  von  Brieg,  Liegnitz  und  Wohlan,  aus  dem  Stamme  der  Piasten,
  ein  gegenseitiger  Erbvertrag  abgeschlossen.

Derlei  Verträge,  durch  die  der  überlebende  Teil  die  Gebiete  des  anderen
  erben  sollte,  waren  damals  häufig;  es  waren,  wenn  man  einen
modernen  kaufmännischen  Ausdruck  anwenden  will,  Rückversicherungen,
  untereinander  abgeschlossen,  gegen  möglichste  Eingriffe  des
Lehensherrn,  also  gewöhnlich  des  deutschen  Kaisers,  im  Falle  von
Schlesien  aber  der  Krone  Böhmen.  Natürlich  daß  zur  Rechtsgültigkeit
  solcher  Verträge  eigentlich  die  Zustimmung  des  Lehensherren
gehört  hätte;  aber  die  Eigentumsverhältnisse  verwischten  sich  immer
mehr;  so  wie  nicht  nur  der  Lehensträger  und  seine  direkte  Nachkom-
        <pb n="96" />
        88  Der  Große  Kurfürst  —m

menschaft,  sondern  die  ganze  Familie  in  ihren  weitesten  Verzweigungen
  für  erbberechtigt  angesehen  wurde,  so  bildete  sich  immer  mehr  das
Herkommen  aus,  daß  aussterbende  Geschlechter  selbst  für  die  Zukunft
  ihres  Besitzes  sorgten  und  der  Begriff  eines  erledigten  Reichslehens
  wenigstens  bei  den  großen  Herrschaften  etwas  Unerhörtes
wurde.  Darum  erregte  Ferdinands  II.  Eingreifen  in  diese  Verhältnisse
  betreffs  Jägerndorfs,  der  Oberpfalz,  Mecklenburgs  die  Gemüter
  der  damals  lebenden  Fürsten  so  ungeheuer;  darum  sind  auch
lehensherrliche  Bestätigungen  solcher  Erbverträge  als  nicht  besonders
  wichtig  angesehen  worden  und  es  war  dann  immer  eintretendenfalls
  eine  Frage  der  Macht  und  der  Umstände,  ob  sie  Geltung  haben
  sollten  oder  nicht.  Man  hat  mit  Eifer  die  Geschichte  des  Erbvertrags
  von  1537  zwischen  Brandenburg  und  Schlesien  verfolgt,  wie
er  bald  bestätigt  wird,  wie  diese  Bestätigung  bald  ausdrücklich  ihm
entzogen  wird,  man  hat  mit  Tiefsinn  die  Frage  erörtert,  ob  in  diesem
besonderen  Falle,  gestützt  auf  frühere  Gnadenakte  der  böhmischen  Könige,
  die  Piastenherzoge  das  Recht  gehabt  hätten,  souverän  über  ihre
Staaten  zu  verfügen  oder  nicht:  alles  das  nur,  weil  es  einmal  später
Friedrich  dem  Großen  gepaßt  hat,  diese  Ansprüche  hervorzukehren
und  weil  er  die  Macht  gehabt  hat,  sie  durchzusetzen.  Still  muß  sich  da
das  Recht  vor  der  Macht  beugen,  es  hat  nur  die  Genugtuung,  bändereiche
  Exkurse  über  diese  Fragen  zu  gebären.  Und  wenn  Friedrich  der
Große  tausendmal  mehr  im  Unrechte  gewesen  wäre,  als  er  es  war,
er  hätte  doch  Schlesien  erobert!

Ein  gleicher  Erbvertrag  wird  mit  den  nördlichen  Nachbarn  von
Brandenburg,  den  Herzogen  von  Pommern,  abgeschlossen.  Es  war
das  ein  äußerst  wichtiger,  mit  allen  Mitteln  anzustrebender  Besitz,  da
Pommern  Brandenburg  vom  Meere  abschnitt  und  überdies  das
Ende  aller  Flußläufe  von  Bedeutung  beherrschte,  die  aus  der  Mark
der  Ostsee  zueilten.

Vorübergehend,  1566,  kam  die  hohenzollernsche  Familie  auch  in
den  Besitz  des  wertvollen  Bistums  Magdeburg  letztere  Stadt,  die
ihre  Reichsunmittelbarkeit  zu  erkämpfen  nicht  imstande  war,  bildete
  damals  einen  überaus  wichtigen  Stapelplatz  an  der  Elbe,  da  sie
nicht  nur  diesen  Fluß  sperrte,  sondern  auch  der  Mittelpunkt  wichtiger

  und  bedeutsamer  Straßenläufe  war,  so  der  Straßen  aus  Westdeutschland
  nach  Polen  und  Rußland.  Magdeburg  ging  bald  wieder
an  die  sächsischen  Herzöge  verloren.

Sehr  bedeutsam  wurde  eine  Verbindung  der  Hohenzollern  mit
den  Herzogen  von  Kleve.  1609  starb  dieses  Herzogshaus  aus,  das
        <pb n="97" />
        Vergrößerung  des  hohenzollernschen  Vesitzes  89

—  —  ——  ————  1.  —

über  schönen  Landbesitz  am  Rheine  verfügte:  über  Kleve,  Mark,
Jülich,  Berg,  Ravensberg  und  Ravenstein  mit  dem  Hauptorte
Düsseldorf.  Aber  nicht  allein  die  Zollern  konnten  da  Erbrechte  vertreten:
  auch  Pfalz-Neuburg,  auch  Sachsen,  auch  die  Habsburger
konnten  sich  auf  Verwandtschaft  und  Verträge  berufen.  Wirkungsvoll
  blieben  nur  die  Ansprüche  der  Pfälzer;  ein  erbitterter  Zank  erhob
  sich  zwischen  den  Hohenzollern  und  den  Neuburgern,  der  in
offenen  Krieg  ausartete;  die  Zeiten,  die  aber  gewaltigere  Zündmassen
  zu  verzehren  hatten,  ließen  solche  lokale  Brände  nicht  um
sich  greisen,  es  kam  zu  verschiedentlichen  Ausgleichen,  die  endlich
zur  Teilung  führten,  demnach  Kleve,  Mark  und  Ravensberg  zu
Brandenburg  kamen,  während  der  übrige  —  reichere  —  Teil  an
Pfalz-Neuburg  fiel.

Was  im  sechzehnten  Jahrhundert  vorbereitet  worden  war,  das
erfüllte  sich  im  nächsten:  1618  übernahm  der  Kurfürst  von  Brandenburg
  die  Regierung  im  Herzogtume  Preußen  für  den  schwachsinnigen
  Regenten  und  nach  dessen  Tode  wurde  der  Kurfürst  als  Herzog
  anerkannt,  damit  die  Vereinigung  dieser  beiden  Länder  vollzogen.
Im  Jahre  1637  starb  der  letzte  Herzog  von  Pommern,  Bogislaw,
und  eröffnete  damit  eine  neue  Aussicht  auf  wichtigen  Landerwerb.

Der  Fürst,  dem  damals  diese  Glückfälle  in  den  Schoß  fielen,  gehört
  nicht  zum  Durchschnitte  hohenzollernscher  Regenten,  er  bildet
  eine  Ausnahme  des  tüchtigen  Geschlechts.  Es  ist  Georg  Wilhelm,
von  dem  wir  bereits  erzählen  mußten,  wie  schwankend  und  unstet
er  in  seiner  Politik  gewesen,  wie  er  unter  dem  Einflusse  seines  katholischen
  Ministers,  Adam  von  Schwarzenberg  —  gleichfalls  einem
fränkischen  Geschlechte  entstammt  —  sich  dem  Kaiser  besonders  ergeben
  gezeigt  und  nur  unwillig  mit  dem  Schwedenkönige  sich  einließ.
  Er  ist  dann  dem  Prager  Frieden  beigetreten,  ohne  dafür  ein
Entgelt  zu  erhalten,  wie  der  Sachse,  und  die  neuerliche  feindliche
Stellungnahme  gegen  Schweden  hat  ihm  den  Haß  dieses  Staates
zugezogen,  der  sich  in  unerbittlicher  Drangsalierung  des  Landes
äußerte.  Auf  das  schwerste  ist  die  Mark  dazumal  heimgesucht  worden
  von  der  Kriegsfurie,  sie  fiel  fast  ganz  in  Feindeshand;  in  die
äußersten  Gebiete,  nach  Ostpreußen,  mußte  sich  Georg  Wilhelm  zurückziehen;
  die  Not  der  Zeit  wurde  dort  sowohl  wie  in  Kleve,  im  rheinischen
  Land,  von  den  Ständen  benützt,  um  sich  eine  möglichst  unabhängige
  Stellung  zu  sichern;  was  in  der  Mark  und  in  Franken.
noch  übrig  geblieben  war,  schien  mehr  schwarzenbergisch  zu  sein
als  hohenzollerisch.  In  tiefster  Ohnmacht  ist  Georg  Wilhelm  1640
        <pb n="98" />
        90  Der  Große  Kurfürst

—  —  —  "

nisse,  das  neue  Regiment,  an  seiner  eigenen  Person  erfahren  konnte.
Aber  sein  Sohn  erfuhr  es,  daß  man  der  Herrschaft  des  Vaters  schuld
gab  an  dem  entsetzlichen  Zustand  Preußens;  dem  verstorbenen  Adam
von  Schwarzenberg  wurde  der  Prozeß  gemacht,  Ehren  und  Vermögen
  der  Familie  genommen;  der  Sohn  Johann  Adolf  verließ
Brandenburg,  trat  in  kaiserliche  Dienste  und  ist  hier,  vom  Glück  begünstigt,
  der  Schöpfer  des  ungeheuren  Besitzes  und  des  großen  Einflusses
  geworden,  dessen  sich  dieses  Geschlecht  noch  heute  in  Österreich
erfreut.  Der  neue  Herr  in  Brandenburg  hieß  Friedrich  Wilhelm  I.,
er  ist  in  der  Geschichte  unter  dem  Namen  des  „Großen  Kurfürsten“
  bekannt.

Er  ist  am  16.  Februar  1620  in  Berlin  geboren  worden,  seine
Mutter  war  eine  pfälzische  Prinzessin.  Friedrich  Wilhelms  Jugend
war  von  großen  auswärtigen  Ereignissen  umwogt  und  reich  an  Eindrücken,
  die  maßgebend  geworden  sind  für  seine  spätere  Entwickelung.
  Sieben  Jahre  alt,  kam  er  mit  seinem  Erzieher,  Johann
Friedrich  von  Calcum,  genannt  Leuchtmar,  nach  Küstrin,  später  zu
einjährigem  Aufenthalte  nach  Wolgast  an  den  Hof  seiner  Tante,
Marie  Eleonore,  der  Gattin  Gustav  Adolfs.  Von  weittragendster
Bedeutung  für  ihn  blieb  es,  daß  er  1634  nach  den  Niederlanden
geschickt  wurde,  an  den  Hof  seiner  oranischen  Verwandten.  Seitdem
dieser  Familie  in  Wilhelm  dem  Schweigsamen  ein  hochbedeutender
Fürst  erstanden  war,  der  den  Freiheitskampf  seines  Vaterlandes
gegen  Spanien  durchgeführt  und  damit  im  Westen  Europas  ein  wichtiges
  protestantisches  Zentrum  geschaffen  hatte,  durchwehte  das  Haus
Oranien  ein  weltpolitischer  Geist,  über  die  gewöhnliche  Kirchturmpolitik
  jener  Tage  weit  hinausreichend;  gestählt  in  jahrzehntelangem
  heißen  Kampfe,  in  Not  und  Entbehrung  groß  geworden,  in  starkem
  Glauben  Trost  findend  gehörte  es  an  Bildung,  Einfluß,  Charakterfügung
  zu  den  ersten  Familien  der  Zeit.  Vier  Jahre  verbrachte
Friedrich  Wilhelm  dort  im  Verkehr  mit  tüchtigen  Staatsmännern,
die  Entwickelung  eines  freien,  mächtigen  Handel  treibenden  Landes
aufmerksam  verfolgend.  Die  Ordnung,  die  Toleranz,  der  weite  Blick,
die  unfehlbar  mit  einem  über  die  ganze  Welt  reichenden  Verkehr
verbunden  sind,  machten  den  größten  Eindruck  auf  den  jungen  Kurprinzen;
  die  Bedeutung  des  Weltmeeres  wurde  ihm  klar.  Viel  hat
er  gelernt  für  sein  späteres  Leben;  wenn  er  seine  Beamten  zu  streuger
  Pflichterfüllung  antreibt,  wenn  er  in  religiösen  Dingen  von
        <pb n="99" />
        größter  Duldsamkeit  bleibt,  wenn  er  selbst  die  schwache  Fessel  des
polnischen  Lehensverbands  um  jeden  Preis  abschütteln,  wenn  er
eine  Kolonialpolitik  für  Kurbrandenburg  schaffen  will  und  seine  Zukunft
  auf  dem  Meere  sieht,  leidenschaftlich  nach  den  pommerschen
Häfen  strebt,  so  sehen  wir  in  allem  die  holländischen  Lehrjahre  sich
offenbaren.  Der  freie  Geist  der  Niederlande  paßte  aber  nicht  ganz
zu  den  beschränkten  Ansichten  Georg  Wilhelms;  er  fand,  sein  Sohn
könnte  dort  politische  Eindrücke  erhalten,  die  übel  zur  kaiserlichen
Politik  des  Kurfürsten  taugen  würden,  und  so  nahm  er  ihn  1638  zu
sich  nach  Königsberg.  Friedrich  Wilhelm  kam  eben  zurecht,  um  zu
sehen,  wic  der  Versuch  des  Vaters,  sich  des  erledigten  Pommerns  zu
bemächtigen,  kläglich  scheiterte.  In  stiller  Verschlossenheit  hat  er
die  nächsten  zwei  Jahre  verbracht,  klug  schweigend  zu  dem,  was
er  nicht  ändern  konnte.  Der  1.  Dezember  1640  rief  ihn  zur  Regierung;
  auch  jetzt  hat  er  nicht  übereilt  in  die  Dinge  eingegriffen,  bevor
ihm  dazu  Nötigung  ward,  starb  im  März  1641  Schwarzenberg  und
Friedrich  Wilhelm  war  Alleinherrscher.  Sofort  nun  wurde  der  Umschwung
  in  der  brandenburgischen  Politik  fühlbar.  Daß  dieses  Land,
wenn  möglich,  im  damaligen  Sturme  Neutralität  gewahrt  hätte,
wäre  für  Friedrich  Wilhelm  verständlich  gewesen,  daß  es  sich  aber  um
nichts  und  wieder  nichts  dem  Kaiser,  der  katholischen  Partei  angeschlossen
  hatte  und  dadurch  in  einen  verheerenden  Krieg  mit  den
Schweden  sich  einlassen  mußte,  dafür  fehlte  ihm  das  Verständnis.
Seine  Ausbreitungspläne  gedachte  er  wohl  auch  ohne  den  Kaiser
durchzuführen;  im  Gegenteile,  er  wußte  genau,  daß  Schweden  zu
seiner  „Assekuration  und  Satisfaktion“  ebenfalls  auf  Pommern
die  Augen  geworfen  hatte;  auf  freundschaftlichem  Wege  mußte  darum
diese  Klippe  umschifft,  für  Schweden  eine  andere  Vergrößerung  ausgesucht
  werden;  der  Kaiser  würde  niemalen  seine  Waffen  dafür  eintreten
  lassen,  daß  Brandenburg  eine  gewaltige  Gebietsvermehrung
durch  Pommern  erhielte,  das  konnte  nur  im  Einverständnisse  mit
des  Kaisers  Feinden  geschehen.  Und  war  es  nicht  möglich,  ganz  Pommern
  zu  erhalten,  so  mußte  ebenfalls  im  Einverständnisse  mit  den
Schweden  und  mit  Frankreich  für  Brandenburg  dafür  eine  Entschädigung
  ausfindig  gemacht  werden:  dafür  schien  dem  neuen  Kurfürsten
das  kostbare  Magdeburg  geeignet.  So  richtete  die  brandenburgische
Politik  in  den  nächsten  sieben  Jahren,  die  noch  bis  zum  Abschlusse
des  Westfälischen  Friedens  verliefen,  ihr  Augenmerk  auf  die  Erwerbung
  von  Pommern  und  Magdeburg.  Noch  1641  schloß  Friedrich
  Wilhelm  seinen  Frieden  mit  den  Schweden,  erlangte  die  Beleh-Die

  Jugend  Friedrich  Wilhelms  91
        <pb n="100" />
        92  Der  Große  Kurfürst

nung  Preußens  durch  die  Krone  Polens,  fuhr  mit  eiserner  Faust  in
die  klevische  Unordnung  hinein,  bahnte  politische  Beziehungen  zu
den  Niederlanden  und  zu  Frankreich  an.  Er  hob  mit  einem  Schlage
Brandenburg-Preußen  aus  einem  deutschen  Kleinstaate  zu  einem
europäischen  Mittelstaate  empor;  darin  liegt  seine  Bedeutung  für
sein  Land.

Man  hat  gerne  in  begreiflicher  Bewunderung  der  politischen
Staatskunst  des  Großen  Kurfürsten  alles  Lob  auf  ihn  gehäuft,  das
einem  heutigen  deutschen  Fürsten  taugen  würde,  und  hat  sich  gefallen,
  ihn  zu  einem  nationalen  Heros  zu  stempeln:  man  hat  da
moderne  Begriffe  auf  frühere  Zeiten  angewendet,  Begriffe,  die  damals
  keine  Geltung  hatten.  Abgesehen  von  den  Theorien  wissenskundiger
  Gelehrter  und  den  Träumen  hoffnungsreicher  Phantasten
hat  es  in  der  Wirklichkeit  keine  nationalen  Berührungspunkte  im
damaligen  deutschen  Staatsleben  gegeben;  um  es  kurz  und  drastisch
auszudrücken:  es  gab  einen  kurfürstlich  Brandenburgischen,  einen
bischöflich  Bambergschen,  einen  reichsstädtisch  Straßburgschen  Patriotismus,
  aber  keinen  allgemeinen  deutschen,  und  Friedrich  Wilhelm
  nachsagen,  er  sei  ein  Deutscher  gewesen,  im  heutigen  Sinne  des
Wortes,  heißt  seine  Zeit  gründlich  verkennen.

Mit  der  äußersten  Zähigkeit  hatte  der  Brandenburger  im  Westfälischen
  Frieden  um  Pommern  gekämpft,  da  er  von  keiner  Seite
Unterstützung  fand,  aber  nachgeben  müssen;  nur  ein  kleines  Stüch
Hinterpommern,  den  östlichen,  weniger  bedeutsamen,  keinerlei  wichtige
  Flußläufe  beherrschenden  und  keinen  guten  Hafen  umfassenden
Teil  bekam  er;  das  schöne  Vorpommern  mit  Rügen,  den  Inseln
Usedom  und  Wollin,  mit  Stettin,  mit  der  Odermündung  fiel  an  die
Schweden.  Zugleich  erhielten  sie  Wismar  und  an  der  Nordsee  die
Bistümer  Bremen  und  Verden,  allerdings  ohne  die  betreffenden
Städte.  Dafür  erzwang  sich  aber  Friedrich  Wilhelm  in  unnachgiebiger
  Festigkeit  reiche  Entschädigung  durch  die  Einverleibung  der  Stifte
Minden,  Kamin  und  Halberstadt  und  durch  die  Aussicht  auf  die
Erwerbung  von  Magdeburg.  Nach  dem  Tode  des  damaligen  sächsischen
  Administrators  sollte  es  an  Brandenburg  kommen,  ein  Fall,
der  1680  wirklich  eintrat.

Von  großer  Bedeutung  war  es,  daß  Schweden  und  Frankreich
Garanten  dieses  Friedensschlusses  wurden  und  dadurch  für  alle  Zeiten
  das  Recht  bekamen,  sich  in  die  deutschen  Verhältnisse  einzumischen;
  sie  konnten  bei  den  Reichstagen  Gesandtschaften  unterhalten,
  Schweden  wurde  selbst  (für  Pommern)  Reichsstand.
        <pb n="101" />
        Pommern  und  Ostpreußen  93

Von  den  großen  Fürstengeschlechtern  Deutschlands  hatten  nur
Sachsen  und  Brandenburg  bedeutendere  Gebietsvergrößerung  erreicht,
  ersteres  die  im  Frieden  von  Prag  (1635)  erhaltenen  beiden
Lausitzen  behauptet;  es  frug  sich,  welcher  Staat  mit  mehr  Glück  da
fortfahren  werde;  es  ist  das  Verdienst  Friedrich  Wilhelms  gewesen,
schon  im  nächsten  Jahrzehnt  einen  weiteren  Schritt  vorwärts  zu  tun,
indem  es  ihm  gelang,  eine  Provinz  von  allen  Lehensfesseln  zu  befreien
  und  sie  völlig  frei  und  souverän  zu  beherrschen:  Preußen.  Die
vielverschlungene  Politik,  durch  welche  er  dies  erreichte,  ist  rasch  geschildert.


Der  alte  Gegensatz  zwischen  Polen  und  Schweden,  die  Rivalität
an  der  Ostsee,  gesteigert  durch  verwandtschaftliche  Reibungen  in  derselben
  Familie,  denen  die  Könige  von  Schweden  und  Polen  angehörten,
  konnte  nicht  anders  als  durch  die  Entscheidung  der  Waffen  ausgeglichen
  werden.  Nachdem  Gustav  Adolfs  seltsame  Tochter  Christine
  ihre  Krone  niedergelegt  hatte,  kam  ein  pfälzisches  Fürstengeschlecht
  auf  den  schwedischen  Thron,  das  in  drei  überaus  kriegerischen
Fürsten:  Karl  X.,  Karl  XI.,  Karl  XII.  geherrscht  hat.  Karl  X.  begann
  den  Krieg  mit  Polen.  In  diesem  hätte  der  Kurfürst  von  Brandenburg
  als  Herzog  von  Preußen,  also  als  Lehensmann  Polens,
für  letzteres  die  Waffen  führen  sollen,  er  hat  es  anfänglich  getan,  um
im  entscheidenden  Augenblicke  abzufallen  und  mit  dem  Schwedenkönige
  sich  zu  verbinden.  Polnisch-Preußen  wird  von  Schweden  erobert,
  Friedrich  Wilhelm  macht  mit  diesem  gemeinsame  Sache,  um
sich  Ostpreußen  unter  schwedischer  Oberhoheit  zu  erhalten.  Zum
ersten  Male  treten  die  brandenburg-preußischen  Truppen  in  den
Vordergrund;  in  der  dreitägigen  Schlacht  bei  Warschau,  1656,  gewinnen
  sie  Lorbeeren  und  machen  ihren  Fürsten  zu  einem  begehrenswerten
  Bundesgenossen.  In  einem  weiteren  Vertrage  räumt  Karl  X.
von  Schweden  dem  Kurfürsten  seinen  ostpreußischen  Besitz,  vermehrt
um  Ermeland,  ohne  jede  Lehensbeschränkung  ein.  Schweden  kann  sich
in  seiner  gewaltigen  Stellung  nicht  behaupten,  es  ist  zu  klein,  um
Weltmacht  zu  sein.  Polen  erholt  sich  von  seiner  Demütigung  und  in
dem  Augenblicke,  wo  es  aufs  neue  gegen  Schweden  sich  wendet,  bricht
Friedrich  Wilhelm  seine  Bundesgenossenschaft  mit  Schweden  und
verbindet  sich  mit  Polen  um  den  Preis,  Preußen  ebenso  souverän
vom  früheren,  rechtmäßigen  Besitzer,  Polen,  zu  erhalten,  wie  der
schwedische  Usurpator  es  ihm  eingeräumt  hatte;  der  Plan  gelingt,
Schweden  wird  geschlagen,  und  seit  1660  ist  Friedrich  Wilhelm  souveräner
  Herr  in  Preußen.  Die  preußischen  Herren  verlieren  damit
        <pb n="102" />
        94  Der  Große  Kurfürst

ihre  Verbindung  mit  Polen,  das  ihren  Sonderplänen  oft  Rückhalt
gegeben  hat,  und  in  jeder  Hinsicht  kann  der  Kurfürst  im  fernen  Osten
jetzt  den  Herrn  herauskehren.

Das  nächste  Jahrzehnt  ist  ein  ruhiges  geblieben,  in  welchem  der
Kurfürst  sich  den  inneren  Aufgaben  seiner  Regierung  widmen  konnte.
Anders  wurde  es,  als  Ludwig  XIV.  dann  seine  großen  Ziele  zu  verfolgen
  begann:  die  Herstellung  der  natürlichen  Grenzen  mittels  Beraubung
  seiner  Nachbarn,  Spanien,  Niederlande,  Deutschland,  wenn
möglich  auch  mitten  im  Frieden,  durch  Inanspruchnahme  alter
längst  abgetrennter  Gebiete.  Drei  Kriege  und  zahlreiche  sog.  „Reunionen“
  haben  seinen  Zwecken  gedient;  die  wichtigste  Beute,  die  er
da  machte,  war  wohl  Straßburg.  In  diese  Kriege  ist  Friedrich  Wilhelm
  aus  drei  Ursachen  verwickelt  worden,  einmal  durch  die  festgehaltene
  Verbindung  mit  dem  Hause  Oranien  und  den  Holländern;
zweitens  durch  seine  Stellung  als  Reichsfürst  und  seinen  Wunsch
aus  mehrfachen  Ursachen  die  Gunst  des  Kaisers  zu  behaupten,  endlich
  durch  das  Bündnis  Frankreichs  mit  Schweden.  Diese  Verbindung,
  aus  dem  Dreißigjährigen  Kriege  stammend,  wird  durch  reiche
französische  Geldspenden  festgehalten;  in  dem  sog.  zweiten  Raubkriege
  wird  Schweden  dazu  veranlaßt,  vom  Norden  her  ins  Reich
einzufallen,  um  dessen  Macht  zu  teilen.  Nun  mußte  ein  Krieg  mit
Schweden  der  brandenburgischen  Politik  besonders  genehm  sein,
konnte  sie  doch  daran  denken,  dadurch  Vorpommern  zu  erobern.  Das
Schicksal  schien  günstig  zu  sein;  im  Heldentage  von  Fehrbellin  (1675)
werden  die  Schweden  vollständig  geworfen,  die  Brandenburger  drängen
  auf  schwedisches  Gebiet  los  und  bald  liegt  Vorpommern  unterworfen
  zu  ihren  Füßen.  Bald  mußte  aber  Friedrich  Wilhelm  merken,
daß  Kaiser  und  Reich  keine  Lust  hatten,  einen  Teilfürsten  noch  mächtiger
  werden  zu  lassen;  da  Ludwig  XIV.  sich  energisch  bei  den  Friedensverhandlungen
  für  Schweden  einsetzt,  wird  der  Kurfürst  genötigt,
  alle  Eroberungen  wieder  herzugeben  und  auf  Vorpommern  zu
verzichten.  Schwer  hat  er  diese  Niederlage  seiner  Politik  empfunden;
schon  Jahre  vorher  hatte  er  einmal  grollend  des  Kaisers  Partei  verlassen
  und  einen  Sondervertrag  mit  Frankreich  abgeschlossen,  nun
tut  er  es  wieder;  ja  er  tut  noch  mehr,  er  schließt  sich  im  Frieden  von
St.  Germain  en  Laye,  1679,  ganz  dem  französischen  Könige  an,  in
der  Hoffnung,  vielleicht  durch  die  Verbindung  mit  ihm  von  Schweden
  zu  gewinnen,  was  ihm  als  Gegner  nicht  gelungen  war,  in  der
Hoffnung  zugleich,  vom  Kaiser  jetzt  besser  behandelt  zu  werden  als
bisher.  Im  Jahre  1675  waren  die  Piasten  in  Schlesien  ausgestor-
        <pb n="103" />
        Seine  auswärtige  Politik  95

—  .  —...—  —  —

ben;  der  Kurfürst  legte  seinen  Erbvertrag  vor  und  forderte  die  ihm
daraus  zustehenden  Teile  von  Schlesien  als  Erbe:  der  Kaiser  lehnte
diese  Forderung  bestimmt  und  hochmütig  ab.

Ein  Gegensatz  zwischen  den  Habsburgern  und  Hohenzollern  kommt
immer  schärfer  zum  Vorschein  und  beherrscht  von  nun  ab  mit  geringen
  Unterbrechungen  die  deutsche  Geschichte,  er  ist  erst  in  der  Mitte
des  neunzehnten  Jahrhunderts  entschieden  worden.  Brandenburg-Preußen
  wird  ein  mächtig  vorwärtsstrebendes  Fürstentum  unter
tüchtigen  Regenten,  mit  guten  Beamten  und  glänzenden  Soldaten;
es  spürt  eine  gewaltige  Kraft  in  seinen  Adern  und  will  diese  Kraft
nützen,  es  will  heraus  aus  den  engen  Grenzen  des  Vasallentums,  es
will  selbständig,  frei  werden  in  der  europäischen  Welt.  In  Wien,  am
Kaiserhofe,  hat  man  kein  Verständnis  für  die  Kraft  und  die  Sehnsucht
  des  jungen  Staates,  man  will  ihn  niederhalten,  man  will  niemals,
  auch  später  nicht,  im  Könige  von  Preußen  den  Kurfürsten
von  Brandenburg  vergessen  und  arbeitet  mit  allen  Mitteln  an  der
Unterdrückung  der  ehrgeizigen  Macht.  Nicht  immer  schien  es  natürlich
  klug  zu  sein,  diese  Abwehr  und  Feindschaft  offen  kundzutun,  sie
wird  beschönigt,  verschleiert,  um  dann  um  so  beleidigender,  aufreizender
  zu  wirken,  wenn  sie  entdeckt  wird.

Die  politische  Verbindung  Brandenburgs  mit  Frankreich  dauert
bis  in  das  Jahr  1686;  ersteres  sieht  aus  diesem  unnatürlichen
Bündnis  keine  Früchte  reifen;  es  erreicht  nichts  in  Pommern,  nichts
in  Schlesien,  es  erreicht  nur,  daß  die  Kraft  des  Reichs  gelähmt  ist
und  dasselbe  widerstandslos  in  einem  Waffenstillstande,  1684,  die
Übergriffe  Ludwigs  XIV.  gegen  deutschen  Besitz,  Straßburg  inbegriffen,
  auf  zwanzig  Jahre  gutheißen  muß.  Auch  der  französische  König
hat  kein  Verständnis  für  den  Ehrgeiz  und  die  Kraft  des  preußischen
Staates,  die  in  Friedrich  Wilhelm  damals  verkörpert  sind.  Er  glaubt
genug  getan  zu  haben,  wenn  er  durch  schöne  Worte  und  durch  ein
Jahrgeld  den  Mann  an  seinen  Thron  geknüpft  hat;  er  glaubt  ihn
damit  gefesselt,  Deutschland  unschädlich  gemacht,  er  glaubt  nichts
weiter  dafür  zahlen  zu  müssen.  Vollends  unverständlich  wäre  ihm
der  Gedanke  geblieben,  vielleicht  aus  Rücksicht  auf  ihn  seiner  religiösen
  Politik  Schranken  aufzuerlegen.  Ludwig  XIV.  hat  die  Protestauten
  in  seinem  Staate  als  politische  Feinde  ausrotten  zu  müssen  geglaubt;
  das  Edikt,  das  ihnen  1598  Duldung  gebracht  hatte,  wird
1685  zurückgenommen  sie  sind  vogelfrei  und  wollen  sie  ihren  Glauben
  erhalten,  müssen  sie  ihr  Vaterland  verlassen.  Darauf  antwortet
Friedrich  Wilhelm  mit  dem  Potsdamer  Edikt,  das  den  vertriebenen
        <pb n="104" />
        96  Der  Große  Kurfürst

..  —  ——  –—  —  —  —  –  .

Hugenotten  in  Preußen  ein  neues  Vaterland  anbietet.  Zu  Tausenden
  machen  sie  davon  Gebrauch:  ein  Stamm  braver  in  Not  und  Gefahr
  erprobter  Männer  und  Frauen,  treu,  redlich,  arbeitsam  und
geschickt,  wird  damit  für  Brandenburg  erworben.  Es  war  ein  großer
Gewinn  für  Preußen,  dieses  tüchtige,  leichter  fließende  Blut,  das
sich  dann  trefflich  mit  dem  trägeren  deutschen  mischte,  diese  fleißigen
Hände,  die  französische  Art  und  französischen  Geschmack  nach  Deutschland
  verpflanzten,  dieser  ehrenhafte  Sinn,  der  die  Treue,  die  er  seinem
  Herrgott  bewahrte,  auch  dem  neuen  Vaterlande  schenkte.  Friedrich
  Wilhelms  Haß  gegen  Unduldsamkeit,  die  kluge  Voraussicht,  für
die  spärlich  bevölkerten  heimischen  Staaten  ausgezeichnete  Kolonisten
  zu  gewinnen,  der  lang  aufgespeicherte  Grimm  gegen  das  unselige
  und  fruchtlose  Bündnis  mit  Frankreich  haben  diese  Absage  an
Ludwig  XIV.  zuwege  gebracht.  Ohne  die  mindeste  Rücksicht  auf  die
Bestimmung  des  Westfälischen  Friedens,  daß  Bündnisse  mit  dem
Auslande  dem  Reiche  nicht  abträglich  sein  dürften,  hatte  der  Große
Kurfürst  sein  Bündnis  mit  Frankreich  geschlossen,  das  in  der  Tat
höchst  schädlich  für  die  Kraft  des  Reiches  war;  gewiß,  er  hat  freudigen
  Herzens  dasselbe  gebrochen  und  die  Verbindung  mit  den  Welschen
  gelöst;  aber  er  hätte  es  sicher  noch  länger  fortdauern  lassen,
wenn  er  sich  eines  Gewinnes  daraus  für  versichert  gehalten  hätte.
Nun  schrie  aber  der  Zorn  der  deutschen  Fürsten  zum  Himmel,  überall
rührte  und  regte  es  sich  in  Feindschaft  gegen  Frankreich,  ein  gewaltiger
  Krieg  stand  bevor,  da  konnte  noch  einmal  ein  Tag  von  Fehrbellin
  kommen,  gegen  Frankreichs  Verbündeten  Schweden,  und  Potz
Wetter  und  Blitz!  dann  würde  der  brandenburgische  Adler  nicht  mehr
loslassen,  was  er  in  seine  Krallen  bekommen  hatte!  Denn  gebessert
und  verändert  war  jetzt  seine  Stellung  zum  Kaiser.

Es  war  ein  Meisterstreich  frivoler  Staatskunst,  der  eben  damals
dem  kaiserlichen  Gesandten  Baron  Fridag  im  Einverständnisse  mit
dem  preußischen  Thronerben  Friedrich  und  dessen  Freunde,  dem  Fürsten
  von  Anhalt,  gelungen  war.  Zäh  hatte  Friedrich  Wilhelm  an
seinen  schlesischen  Ansprüchen  festgehalten;  abgesehen  von  der  Erbschaft
  von  Brieg,  Liegnitz  und  Wohlau  hatte  man  ja  noch  eine  andere
  alte  Rechnung  mit  dem  Kaiser  auszugleichen:  Jägerndorf  war
den  Hohenzollern  genommen  und  nicht  zurückgegeben  worden,  das
war  gleichfalls  eine  ungeschlossene  Wunde.  Zäh  und  unerschütterlich
  verteidigte  der  Kurfürst  seine  Ansprüche,  nur  wenn  sie  anerkannt
  wurden,  wollte  er  von  Frankreich  ablassen,  ein  neues  Bündnis
  mit  dem  Kaiser  schließen;  zäh  und  unerschütterlich  versagte  sich
        <pb n="105" />
        Brandenburg,  Frankreich  und  Osterreich  97

der  Wiener  Hof  den  brandenburgischen  Forderungen.  Da  verfielen
die  oben  genannten  Herren  auf  einen  Auswegj;  anscheinend  gab  der
Kaiser  nach  und  bewilligte  eine  kleine  Gebietsabtretung  in  Schlesien:
  der  wenig  bedeutende  Kreis  Schwiebus  wurde  dazu  ausersehen.
Zugleich  verpflichtete  sich  aber  der  Kurprinz,  diesen  Kreis  sofort
nach  seinem  Regierungsantritte  wieder  dem  Kaiser  zurückzugeben;
dafür  bekam  der  schuldenreiche  Prinz  eine  hübsche  Abfertigung  in
Gold,  bekam  billige,  weitausstehende  Aussichten  einer  Vergrößerung
  durch  Ostfriesland,  und  wurde  der  immerwährenden  kaiserlichen
  Huld  versichert,  die  er  später  für  seine  ehrgeizigen  Pläne  —
er  sehnte  sich  nach  einer  Königskrone  —  gut  brauchen  konnte,  ebenso
für  die  Unterstützung  gegen  das  Testament  des  Vaters,  das  zugunsten
  der  nachgeborenen  Brüder  aus  der  zweiten  Ehe  das  Erbe  des
Kurprinzen  schmälern  sollte.  Im  tiefsten  Geheim  vor  dem  Vater
wurde  dieser  niederträchtige  Revers  vom  Prinzen  ausgestellt,  der
alte  Herr  genasführt  und  durch  Abtretung  von  Schwiebus  aufs
höchste  erfreut.  Nun  gab  es  kein  Hindernis  mehr,  der  Kurfürst  warf
sich  dem  Kaiser  in  die  Arme,  der  Streit  schien  ausgelöscht,  die
Freundschaft  auf  ewig  besiegelt.  Und  doch  war  es  nur  ein  artiges
Taschenspielerkunststück  oder,  wenn  man  will,  ein  unartiges  Gaunerstück.
  Der  alte  Kurfürst  hat  nichts  davon  erfahren,  der  Himmel
ersparte  ihm  diesen  Schmerz,  es  hätte  ihn  sonst  wohl  jählings  der
Schlag  gerührt;  aber  der  junge  Kurfürst,  der  Sohn,  mußte  einstmals
bitter  für  seine  Verstellung  büßen  und  die  Wunde  am  preußischen
Staatskörper  wurde  durch  diesen  Scheinvertrag  vergiftet.

Für  den  Augenblick  war  alles  eitel  Freude;  der  Geist  des  kommenden
  achtzehnten  Jahrhunderts  mit  seinem  apréès  nous  le  déluge
hatte  den  Kaiser,  den  Kurprinzen,  die  Diplomaten  erfaßt;  Friedrich
Wilhelm  war  wiedergewonnen,  der  große  Krieg  gegen  Ludwig  XIV.
konnte  beginnen.  Eben  als  er  ausbrach,  schloß  der  Kurfürst  für  immer
  seine  Augen.

Wir  lernten  den  Politiker  kennen,  sehen  wir  uns  den  Regenten,
den  Monarchen  an.  Wie  wir  bereits  wissen,  hat  er  mit  starker  Hand
Ordnung  geschafft  in  den  alten  und  neuen  Provinzen;  starrköpfig
wehrten  sich  die  Stände  von  Kleve,  die  Herren  und  Bürger  von
Preußen  gegen  die  Betonung  der  absoluten  Herrscherrechte;  rücksichtslos
  griff  er  ein  und  als  man  in  Preußen  die  neuen  Verhältnisse,
  die  völlige  Loslösung  von  den  Polen  nicht  anerkennen  wollte,
da  wurde  der  Schöppenmeister  von  Königsberg,  Hieronymus  Rohte,
festgenommen,  zum  Tode  verurteilt  und  zu  lebenslänglicher  Ge-ANuG

  1293:  Weber,  von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2.  Aufl.  7
        <pb n="106" />
        98  Der  Große  Kurfürst  J

fangenschaft  begnadigt;  und  als  zehn  Jahre  später  die  Stände  wie—
der  meuterten,  da  wurde  ihr  Rädelsführer,  Christian  Ludwig  von
Kalkstein,  herausgegriffen  und  hingerichtet;  beide  Male  ist  es  nicht
abgegangen,  ohne  das  Recht  zu  beugen;  ohne  Zaudern  hat  es  der
Kurfürst  getan,  um  seine  Macht  zu  erhalten.  Die  Stände  ordneten
sich  unter;  die  kurfürstlichen  Beamten  hielten  Zucht;  der  schon  1604
eingesetzte  Geheime  Rat  wurde  unter  Friedrich  Wilhelm  1651  neu
belebt,  rastlos  arbeitete  dieser  an  der  Erschließung  neuer  Hilfsquellen,
  an  der  Uberwachung  der  ganzen  Verwaltung;  zwei  Tage  vor  seinem
  Tode,  schon  schwer  leidend,  hat  der  Große  Kurfürst  noch  an  dessen
  Beratungen  teilgenommen.  Straßen  wurden  angelegt,  um  den
Verkehr  zu  fördern,  eine  neue  Straßen-  und  Brückenordnung  erlassen,
  die  brandenburgische  Post  mustergültig  eingerichtet,  in  den  Jahren
  1662—68  der  Friedrich-Wilhelm-Kanal  erbaut,  zur  Verbindung
der  Elbe  mit  der  Oder.  Die  Industrie  wird  gefördert  und  das  Handwerk
  unterstützt,  besonders  als  es  dann  gelang,  geschickte  Arbeiter  in
den  Hugenotten  zu  gewinnen;  noch  heute  erinnern  zahlreiche  Namen
in  Berlin,  in  Magdeburg  an  diese  Einwanderung.  Für  das  flache
Land  werden  geübte  Landwirte  aus  Holstein  als  Lehrmeister  nach
Preußen  übersiedelt.  Frühzeitig  trug  sich  Friedrich  Wilhelm  mit
großen  Gedanken  von  überseeischen  Kolonien  und  einer  brandenburgischen
  Marine,  langsam  werden  sie  verwirklicht;  1647  wird  der  Plan
einer  ostindischen  Handelsgesellschaft  entworfen  mit  einer  Niederlassung
  in  Guinea,  die  nur  kurze  Zeit  blühte;  1682  dann  eine  afrikanische
  Handelskompanie  gegründet,  die  sich  bis  Anfang  des  nächsten
Jahrhunderts  erhalten  hat.  Eine  kleine  Flotte  wird  geschaffen,  die
sogar  1681  einen  Kaperkrieg  gegen  Spanien  beginnt;  30  Schiffe  werden
  mit  Kaperbriefen  ausgerüstet,  sie  sollen  der  spanischen  Marine
weidlichen  Schaden  zugefügt  haben.  Alles  das  blieben  aber  nur  Eintagsdinge;
  sobald  sich  diese  Kolonien,  diese  Marine  überhaupt  bemerkbar
  machten,  wurden  sie  von  England,  von  Holland  unterdrückt,
die  keine  Rivalen  auf  dem  Mrere  aufkommen  ließen,  und  Friedrich
Wilhelms  Nachfolger  hatte  andere  Pläne,  andere  Sorgen.  Es  verdient
  aber  festgehalten  zu  werden  zum  ewigen  Gedächtnis,  wic  weitumspannend
  die  Gedanken  dieses  Mannes  gewesen  sind.  Zwei  Jahr#
hunderte  mußten  vergehen,  bevor  die  brandenburgische  Flagge  wieder
  die  fernen  Meere  grüßen  durfte.

Auch  für  das  geistige  Leben  ist  Friedrich  Wilhelm  voll  Sorge  gewesen;
  unter  seiner  Regierung  schrieb  Samuel  Pufendorf  seine  Geschichtswerke,
  die  zuerst  von  allen  einer  kritischen  Untersuchung  Rech-
        <pb n="107" />
        Junerer  Ausschwung  Brandenburgs  99
nung  getragen  haben  und  damit  die  Vorläufer  der  modernen  Ge—
schichtswissenschaft  geworden  sind.  Die  Universitäten  zu  Frankfurt
a.  O.  und  Königsberg  wurden  ausgestaltet,  am  Rhein  eine  neue
Hochschule  in  Duisburg  errichtet,  in  Berlin  die  große  Bibliothek  begründet.


Die  Verwaltung  der  königlichen  Domänen  wurde  neu  geordnet,
die  Erträgnisse  derselben  durch  bessere  Bewirtschaftung  und  durch
große  Sparsamkceit  gehoben  und  als  erster  der  Hohenzollernfürsten
hat  Friedrich  Wilhelm  die  spärlichen,  aber  weise  zusammengehaltenen
  Geldmittel  des  Landes  dazu  verwendet,  um  eine  tüchtige  Armee
ins  Feld  zu  stellen.  Schon  1656  konnte  er  über  26  000  Mann  verfügen;
  treffliche  Generale  wie  Sparr,  Derfflinger,  Schöning,  Friedrich
  von  Homburg,  Johann  Georg  von  Anhalt  halfen  ihm  sie  zu  erziehen
  und  zu  führen,  er  selbst  war  ein  kriegerischer  Fürst,  der  gerne
an  der  Spitze  seiner  Regimenter  weilte,  der  gerne  eine  felddienstmäßige
  Tracht  trug.  Man  darf  den  Großen  Kurfürsten  den  Schöpfer
des  preußischen  Heeres  nennen;  bei  Warschau  sind  diese  Truppen
zum  ersten  Male  glanzvoll  hervorgetvreten;  unter  ihm  wird  der  Übergang
  vom  Söldnerwesen  zum  stehenden  Heere  durchgeführt.  Was
er  bei  seinem  Regierungsantritte  vorgefunden  hatte,  war  eine  kleine
disziplinlose  Horde  von  wenig  über  zweitausend  Mann,  mit  ungebildeten
  Offizieren,  ganz  von  ihrem  Obersten  abhängig,  nur  darauf
bedacht,  sich  zu  bereichern.

Der  Gedanke  einer  Landesverteidigung  durch  Milizen  war  wohl
vorhanden,  aus  dem  alten  Lehensystem  hatte  er  sich  entwickelt,  aber,
wo  sie  konnten,  entzogen  sich  die  Landlente  der  notwendigen  Leistung;
der  eine  sandte  wohl  als  gestellten  Soldaten  einen  Taubstummen,
der  andere  zur  Reiterei  einen  Klepper,  der  nicht  mehr  vorwärts  konnte.
In  langsamer,  mühsamer  Arbeit  hat  der  Kurfürst  da  Besserung  gebracht,
  1656  neue  Kriegsartikel  mit  einem  neuen  Kriegseid  eingeführt,
den  die  Soldaten  nunmehr  nur  ihm  allein,  nicht  wie  etwa  früher  auch
noch  dem  Kaiser  zu  leisten  hatten.  Die  Kriegsartikel,  in  denen  beispielsweise
  auch  für  die  moralische  Erziehung  der  Truppen  durch  Anhaltung
  zum  Gottesdienste  (kein  Soldat  solle  bei  Strafe  des  Halseisens
  den  Gottesdienst  versäumen,  der  Feldkaplan  sich  aber  nicht
etwa  trunken  dazu  einstellen)  gesorgt  wurde,  drohten  den  Gemeinen
  wie  den  Offizieren  mit  grimmen  Strafen  bei  allerlei  Vergehen
  —  aber  barbarische  Züchtigungen  wie  Nasen=  und  Ohrenabschueiden,
  die  noch  lange  in  der  kaiserlichen  und  in  der  französischen
Armee  üblich  waren,  vermißt  man  hier  bereits.  Die  Unabhängigkeit

7°
        <pb n="108" />
        100  Der  Große  Kurfürst

—  —  —  ·  —  —  —

der  Obersten  wird  allmählich  durch  den  Kurfürsten  abgestellt,  e  er  r  geht
zuerst  daran,  ihnen  die  bisher  ausgeübte  Jurisdiktionsgewalt  und
das  Ernennungsrecht  zu  nehmen.  Dazu  gehörte  freilich,  daß  der
Fürst  pekuniär  unabhängig  von  seinen  Obersten  wurde  und  für  die
regelmäßige  Zahlung  des  Soldes  und  der  Werbeauslagen  einstehen
konnte  —  das  ermöglichten  ihm  die  fremden  Subsidien;  nur  durch
Hilfe  der  Zahlungen  des  Königs  Ludwig  XIV.  konnte  Friedrich  Wilhelm
  seine  Armee  so  ausbilden,  wie  er  es  getan.  Er  hob  den  sittlichen
Zustand  der  Truppen  außerordentlich;  die  ganze  Roheit,  Zügellosigkeit,
  Unbildung  des  Dreißigjährigen  Krieges  trieb  er  ihnen  allmählich
aus,  fesselte  den  Offiziersstand  an  das  Land,  machte  den  Soldatenstand
zu  einem  geachteten  und  patriotischen.  Und  wenn  es  auch  an  überschreitung
  der  Vorschriften,  an  Gewalttätigkeit  aller  Art,  an  Drangsalierung
  des  Bürgers  und  Bauers  im  Frieden  nicht  gefehlt  hat,  so
konnte  doch  1686  der  kaiserliche  Gesandte  Baron  Fridag  sich  äußern:
„auserlesene  und  wackere,  auch  besser  mundierte  Bölker  sollten  sich
nicht  leicht  finden,  auch  dergestalt,  daß  kein  Mann  zu  tadeln  oder  auszuschließen
  sei.“  Für  die  Ausbildung  der  Offiziere  sorgten  Kadettenanstalten,
  deren  erste,  eine  „Akademie  ritterlicher  übungen“,  1655
in  Kolberg  errichtet  worden  ist.  Auch  für  die  Versorgung  und  Verpflegung
  der  Gemeinen  war  der  Kurfürst  bemüht;  zwischen  dem  Geheimen
  Rate,  der  obersten  Behörde,  und  den  Kriegskommissären
wurde  ein  General-Kriegskommissär  eingeschoben  mit  zahlreichem
Stabe,  ein  sehr  wichtiger  und  verantwortungsvoller  Posten,  dessen
bedeutendster  Inhaber,  Herr  von  Platen,  auch  die  Handelspolitik,
vor  allem  den  Getreidehandel  zu  überwachen  hatte:  ein  Zeichen,
wie  sehr  damals  in  Brandenburg  das  Wohl  und  Wehe  des  Staats
durch  militärische  Verhältnisse  bedingt  wurde.  Die  Pflege  der  Verwundeten
  wurde  nicht  vernachlässigt,  1675  in  Spandau  ein  Invalidenhaus
  errichtet.  Auf  die  technische  Ausbildung  der  Armee  war
Friedrich  Wilhelm  ebenfalls  bedacht:  Jäger  und  Dragoner  hat  er
da  ausgebildet,  die  ersteren  aus  den  kurfürstlichen  Forstbeamten  bestehend,
  die  letzteren  als  übergang  zwischen  Infanterie  und  Kavallerie,
  mit  deutlichem  Hinstreben  zur  letzteren  Waffe,  wie  überhaupt
der  Kurfürst  seine  Reiter  mehr  geliebt  hat  als  seine  Fußtruppen,  ohne
dabei  aber  etwa  letztere,  oder  die  Artillerie  und  den  Festungsdienst
zu  vernachlässigen.  Der  Bau  der  Festungen  wurde  durch  holländische
Ingenieure  besorgt.  Der  Kurfürst  war  ein  Mann  der  Offensive  seinem
  ganzen  Temperamente  nach,  dies  tritt  in  der  Kriegführung,
auch  in  seiner  Vorliebe  für  die  leichte  Kavallerie  hervor.  Außeror-
        <pb n="109" />
        Heereseinrichtung  und  Verwaltung  6  101

—  —  —

dentlich  war  der  Einfluß,  den  er  auf  seine  Soldaten  ausübte;  unermüdlich
  teilte  er  mit  ihnen  Gefahren  und  Mühsale  und  hob  damit
den  gemeinen  Mann  zu  sich  empor.  Als  Muster  für  alle  Staaten  konnten
  nach  äußerem  Aussehen  und  innerem  Werte  die  30  000  Mann
preußischer  Truppen  dastehen,  die  er  seinem  Nachfolger  hinterließ.

Sorglich  ist  der  Kurfürst  bemüht  gewesen,  durch  die  Heereseinrichtung,
  dann  durch  die  gemeinsame  Verwaltung  ein  Band  zuschlingen
  um  die  weit  auseinanderliegenden,  so  unähnlichen  Provinzen
seines  Landes,  die  vom  äußersten  Osten  Deutschlands  zum  äußersten
Westen  reichten  und  lange  noch  ohne  Zusammenhang  geblieben  sind.
Gerade  diese  weite  Spannung  über  deutsches  Land  ist  dann  providentiell
  geworden  für  die  Aufgabe,  die  Preußen  in  Deutschland  erfüllen
sollte.

Es  wäre  unrecht,  unter  Friedrich  Wilhelms  Mitarbeitern  den  Namen
  eines  Mannes  nicht  zu  nennen,  der  besonders  in  der  ersten
Hälfte  seiner  Regierung  tatkräftig  für  die  spätere  große  Mission  des
Landes  vorgearbeitet  hat:  Graf  Georg  Friedrich  von  Waldeck,  der
erste  wohl,  der  in  Brandenburg  energisch  den  Gedanken  einer  Fürstenunion
  unter  preußischer  Führung  vertrat,  damit  aber  weit  seiner
Zeit  vorangeeilt  ist.  Mit  der  späteren  Politik  seines  Kurfürsten,  besonders
  in  bezug  auf  Frankreich,  hat  er  sich  dann  nicht  befreunden
können.

Lange  Zeit  ist  ein  Projekt  beraten  worden,  demzufolge  der  Kurfürst
  seine  Cousine,  die  Königin  Christine,  Tochter  Gustav  Adolfs,
hätte  heiraten  sollen;  es  ist  nicht  zustande  gekommen  und  seiner  Neigung
  folgend,  ehelichte  Friedrich  Wilhelm  1646  Louise  Henriette  von
Oranien,  die  Enkelin  des  großen  Oraniers,  eine  liebenswürdige,
feine,  geistig  hochstehende  Frau,  mit  der  er  in  glücklichster  Ehe  bis
1667  lebte.  Aus  dieser  Ehe  stammten  zwei  Söhne,  Karl  Emil,  der
neunzehnjährig  starb,  und  der  spätere  Kurfürst-König  Friedrich.
Friedrich  Wilhelm  heiratete  dann  in  zweiter  Ehe,  1668,  Dorothee
von  Holstein,  eine  weitaus  derbere,  lebensfreudigere  Natur,  als  es
die  feinsinnige  Holländerin  gewesen  war:  aber  auch  mit  dieser  verband
  ihn  herzliche  Liebe.  Sie  schenkte  ihm  eine  Reihe  von  Kindern,
darunter  drei  Söhne,  und  blieb  sehr  besorgt  um  das  Schicksal  und  die
Ausstattung  derselben.  Daß  sich  diese  und  auch  die  Stiefmutter  mit
dem  Thronerben  sehr  schlecht  vertrugen,  daß  sogar  unsinnige  Gerüchte
  über  einen  Vergiftungsversuch  an  dem  Kurprinzen  ihren
Weg  am  Hofe  machen  konnten,  war  ein  trüber  Schatten,  der  auf  den
Lebensabend  Friedrich  Wilhelms  fiel;  die  Abneigung,  die  der  junge
        <pb n="110" />
        102  Kaiser  Leopold  J.

Thronerbe  seinen  Halbbrüdern  zeigte,  veranlaßte  wohl  den  Vater,
sehr  gegen  seine  sonstigen  Ansichten  über  die  Zusammenfassung  der
Hausmacht,  in  einem  Testamente  die  jungen  Söhne  mit  eigenem
Landbesitze  zu  bedenken.

Am  9.  Mai  1688,  schwer  leidend  an  Gicht  und  Wassersucht,  schied
Friedrich  Wilhelm  aus  dem  Leben.  Breitschultrig,  untersetzt,  knorrig
  und  fest  ist  er  durchs  Leben  gegangen,  unter  den  buschigen  Brauen
starrten  ein  Paar  scharfe,  kluge  Augen  in  die  Welt,  unter  ihnen  saß
eine  schiefe  Adlernase,  ein  festes  Kinn  deutete  auf  Energie.  Sein
Wille  war  Gesetz;  rücksichtslos  hat  er  sich  seinen  Weg  gebahnt;  für
alles  Große  hat  er  Sinn  und  Empfindung  gehabt;  über  alles  ging
ihm  sein  Vaterland,  sein  Volk;  das  wollte  er  tüchtig  und  mächtig
haben  und  nur  Pflicht  der  Dankbarkeit,  Anerkennung  dieses  gewaltigen,
  starken  Mannes  ist  es  gewesen,  wenn  ihn  sein  Volk  den  „Großen
  Kurfürsten“  genannt  hat.

VI.
Raiser  Tevpold  I.

Nahezu  48  Jahre  hat  in  Brandenburg-Preußen  der  Große  Kurfürst
  regiert,  sein  jüngerer  Zeitgenosse  Leopold  herrscht  über  die  österreichischen
  Erblande  ebensolange,  über  das  römisch-deutsche  Reich  47
Jahre;  im  selben  Jahre  wurde  er  geboren,  als  eben  Friedrich  Wilhelm
  zur  Regierung  kam.  Während  in  dieser  Zeit  Brandenburg  aufstieg
  an  Umfang  und  Bedeutung  im  Deutschen  Reich,  ging  es  mit
dem  habsburgischen  Einfluß  abwärts;  wie  für  Brandenburg,  so  ist
es  auch  für  Osterreich  die  entscheidendste  Zeit  gewesen,  entscheidend
für  den  künftigen  Beruf  dieser  Staaten.  So  wenig  man  auch  Leopold
  I.  einen  Deutschen  wird  nennen  können,  so  sehr  wichtig  ist  es  doch
für  die  deutsche  Geschichte,  zu  lernen,  wie  unter  ihm  endgültig  das
Kaisertum  der  Habsburger  sich  von  den  deutschen  Interessen  abkehrt
und  damit  einer  anderen  Familie  den  Weg  zur  Größe  in  Deutschland
ebnet  —  den  Hohenzollern.  Darum  darf  wohl  hier  des  weiteren  über
Leopold  gesprochen,  dabei  ein  Rückblick  auf  die  Entwickelung  der
Habsburger  gegeben  werden.

Alter  als  die  Hohenzollern  sind  die  Habsburger;  in  der  jetzigen
Schweiz  steht  ihre  Stammburg,  ihren  eigentlichen  Stammbesitz  begründeten
  sie  in  Schwaben;  als  die  ersteren  noch  kleine  unbedeutende
Grafen  waren,  wurde  ein  Graf  von  Habsburg  zu  hohen  Ehren  be-
        <pb n="111" />
        —  Entwicklung  des  Hauses  Habsburg  103

Erufen.  Rudolf  wurde  zum  römischen  Könige  gewählt,  er  war  einer
der  klügsten,  schlauesten  Herrscher,  die  jemals  auf  dem  deutschen
Throne  gesessen  sind;  er  verstand  es  nach  Jahren  der  Unsicherheit,
seine  Macht  ordnend  wirken  zu  lassen  und  sie  willkommen  zu  machen;
er  verstand  es,  die  Mark  Österreich,  die  damals  herrenlos  wurde,
seinem  eigenen  Geschlechte  zu  verschaffen,  diesen  Besitz  zu  verteidigen
  und  zu  vergrößern.  Seine  nächsten  Nachfolger  auf  dem  Kaiserthrone
  aus  seiner  Familie,  Albrecht,  Friedrich  waren  nicht  geeignet,
die  große  Politik  des  Ahns  fortzusetzen,  andere  Geschlechter,  Nassauer,
  Wittelsbacher,  Luxemburger,  folgten  den  Habsburgern.  Aber
Österreich  wußten  diese  zu  behaupten,  Kärnten,  Krain,  Steiermark,
Tirol,  reichen  Besitz  am  Rheine,  in  Schwaben,  die  sog.  österreichischen
  Vorlande,  deren  Hauptort  Freiburg  im  Breisgau  wurde,  zu  gewinnen.
  Auf  Grund  dieses  immer  größer  werdenden  Landbesitzes
konnten  sie  wieder  als  Kandidaten  für  die  Kaiserkrone  auftreten,  und
als  Sigismund  von  Luxemburg  1437  starb,  wurde  im  nächsten
Jahre  Albrecht  von  Habsburg  zum  römischen  Könige  gewählt;  seither
  haben  die  Habsburger  mit  einer  kurzen  Ausnahme  (1740—45)
die  Kaiserkrone  bis  zum  Untergange  des  römisch-deutschen  Reiches
getragen.  Auf  diesen  Albrecht  II.  folgte  sein  Neffe  Friedrich  zu  einer
der  längsten,  aber  unrühmlichsten  Kaiserregierungen,  1439—93.  Wenig
  geeignet  war  dieser  schwache  Fürst,  das  Reich  zusammenzuhalten;
  aber  er  hatte  Glück  in  seiner  Hausmacht;  er  vereinigte  einen
großen  Teil  der  österreichischen  Erbländer,  die  in  verschiedenen  Linien
  auseinandergefallen  waren,  in  seiner  Hand,  und  wußte  rechtzeitig
  das  burgundische  Reich  an  Österreich  zu  fesseln,  durch  die  Heirat
  Maximilians,  seines  Sohnes,  mit  der  Erbin  desselben,  Maria.
Und  noch  weiter  reichten  dann  diese  Familienverbindungen,  als  der
Sohn  aus  dieser  Ehe,  Philipp  der  Schöne,  mit  Johanna  von  Spanien
  vermählt  wurde  und  eine  Reihe  unerwarteter  Todesfälle  dieses
Paar  zu  Erben  der  ganzen  spanischen  Monarchie  machte.

Mit  diesen  zwei  Heiraten  war  fremdes  Blut,  burgundisches  und
spanisches,  in  das  deutsche  der  Habsburger  geraten,  das  fremde  Blut
erwies  sich  als  stärker:  schon  Philipps  ältester  Sohn,  den  wir  als
Kaiser  Karl  V.  kennen  gelernt  haben,  ist  ein  Ausländer  gewesen,  der
sich  in  Deutschland  nie  wohl  gefühlt  hat;  in  dessen  Sohne  Philipp  II.
lebt  die  spanische  Linie  der  Habsburger  weiter.  Aber  auch  die  deutsche
Linie  wird  immer  weiter  durch  fremden  Einschlag  beeinflußt.  Ihr
Begründer  ist  Karls  jüngerer  Bruder  Ferdinand  geworden.

Ferdinand  l.  ist  ein  kluger  Monarch  gewesen;  obwohl  überzeugter
        <pb n="112" />
        104  Kaiser  Leopold  1

——  —  —  ——

Katholil,  hat  er  doch  den  Protestanten  nachgegeben,  wo  er  es  s  für
nötig  hielt,  er  hat  nie  über  die  Grenzen  des  Möglichen  gegriffen.
Frühzeitig  trat  ihm  sein  Bruder  die  Regierung  über  die  österreichischen
  Lande  ab,  in  überraschender  Weise  brachte  ihm  das  Geschick  Vergrößerung
  derselben.  Zwar  die  Hoffnung,  Württemberg  zu  erhalten,
die  ihm  kurze  Jahre  gewinkt,  erfüllte  sich  nicht.  Dieses  Land,  das  eine
ausgezeichnete  Verbindung  zwischen  den  tiroler,  schwäbischen  und  elsassischen
  Ländern  der  Habsburger  abgegeben  haben  würde,  konnte
nicht  behauptet  werden,  dafür  aber  fiel  nach  dem  Tode  des  Jagellonen
Ludwig  II.  Böhmen  und  Mähren  an  dessen  Schwager,  eben  Ferdinand
  l.  Böhmen  wurde  mit  leichter  Mühe  gewonnen,  dazu  gehörten
noch  Mähren,  Schlesien,  die  beiden  Lausitzen.  Dagegen  gelang  die  Eroberung
  von  Ungarn  nicht  und  in  heißen,  jahrhundertelangen  Kämpfen
  mußten  die  deutschen  Erblande  der  Habsburger  ihre  Kraft  einsetzen
  für  die  Gewinnung  dieses  Landes.  Ein  großer  Teil  Ungarns
war  von  den  Osmanen  eingenommen  worden;  dieser  Gegensatz,  der
sich  hier  zwischen  den  Türken  und  Habsburgern  entfaltete,  hat  dann
einen  neuen  Grund  geschaffen  für  die  Angriffe  der  Türken  auf  den
Westen.

Unter  Ferdinands  I.  drei  Söhnen  trat  eine  Teilung  der  habsburgischen
  Hausmacht  ein,  der  älteste,  Kaiser  Maximilian  II.,  behielt  Nieder=
  und  Oberösterreich  samt  Böhmen  und  Ungarn,  der  zweite,  Ferdinand,
  vermählt  mit  der  Augsburger  Bürgerstochter  Philippine
Welser,  schuf  sich  in  Tirol  seine  Herrschaft,  während  der  dritte,  Karl,
Innerösterreich  (Steiermark,  Kärnten,  Krain)  zugewiesen  bekam.

Maximilian  II.  ist  eine  interessante  Erscheinung,  er  zeigt,  wie  sehr
damals  die  Welt  durch  den  Protestantismus  beeinflußt  war,  so  daß
selbst  er,  ein  Habsburger,  seiner  Werbung  unterlag,  und  man  von  ihm
erwartete,  er  werde  von  dem  alten  Glauben  abfallen.  Doch  im  letzten
Augenblicke  besann  er  sich;  er  fand  auch  bei  den  protestantischen  Fürsten
  nicht  die  Unterstützung,  die  er  gebraucht  hätte;  die  große  Zeit  sah
da  ein  kleines  Geschlecht,  das  in  persönlichem  Zank  und  theologischem
Kleinkram  aufging  und  die  großen  Interessen  der  neuen  Lehre  vernachlässigte.
  Maximilian  hat  jedenfalls  auch  mit  Rücksicht  auf  die
spanische  Erbschaft  den  neuen  Glauben  nicht  angenommen.  Die  Verbindung
  der  deutschen  mit  der  spanischen  Linie  der  Habsburger  war
aufrechterhalten  worden;  der  Kaiser  selbst  hatte  seine  Base  Maria,
  die  Tochter  Karls  V.,  geehelicht.  Nun  schien  es  eine  Zeitlang,  als
sollte  das  spanische  Königshaus  aussterben;  durch  zehn  Jahre  hindurch
  waren  die  Söhne  Maximilians  anscheinend  die  nächsten  Erben
        <pb n="113" />
        Maximilian  II.;  Prinzenerziehung  105
und  um  sie  darauf  vorzubereiten,  wurden  die  beiden  ältesten  in  Spanien
  erzogen.

Diese  Erziehung  ist  eine  so  eigenartige,  den  nichtdeutschen  Charakter
der  damaligen  Habsburger  erklärende  gewesen,  daß  es  wohl  lohnt,
etwas  länger  bei  diesem  Kapitel  zu  verweilen;  auch  ist  die  Gestalt  des
ältesten  Sohnes  Maximilians  II.,  der  später  Kaiser  Rudolf  II.  wurde,
so  seltsam  und  psychologisch  merkwürdig,  daß  auch  seiner  Person  mehr
Aufmerksamkeit  geschenkt  werden  soll.

Er  war  mit  seinem  jüngeren  Bruder  Ernst  im  Winter  1563  nach
Spanien  geschickt  worden;  im  Mai  1564  kamen  sie  an  ihrem  Bestimmungsorte
  Aranjuez  an.  Den  Hofmeister,  dem  ihre  Erziehung  übertragen
  wurde,  hatten  sie  sich  selbst  mitgebracht,  es  war  Doktor  Johann
  Tonner  von  Trübach.  Als  Grundlage  des  Wissens  eines  Prinzen
  wurde  damals  die  lateinische  Sprache  betrachtet;  nicht  mit  den
Anfängen  der  Volksschule  begann  man,  sondern  mit  der  lateinischen
Stilistik.  Die  klassischen  Autoren  waren  das  Mädchen  für  alles.
Sollte  Kriegsgeschichte  gelehrt  werden,  so  nahm  man  Cäsar  und
Vegetius  zur  Hand;  galt  es,  den  Prinzen  in  die  Rechtswissenschaft
einzuführen,  so  konnte  dies  nur  mittels  des  Corpus  juris  geschehen;
in  die  Staatsverwaltung  weihte  Aristoteles  ein;  sollte  der  künftige
Herrscher  für  Ansprachen  —  im  Reichstage,  zu  Gesandtschaften  —
vorbereitet  werden,  so  lernte  er  diese  Redekunst  aus  Sallust.  Auch  die
Prinzessinnen  entgingen  damals  dem  Schicksale  nicht,  in  frühester
Jugend  mit  der  lateinischen  Sprache  geplagt  zu  werden.  Viel  weniger
  wichtig  erschien  die  Muttersprache,  erst  später  lernten  die  Prinzen,
  sich  in  derselben  halbwegs  ausdrücken.  Daß  die  Fürstensöhne  an
dieser  klassischen  Dressur  keinen  Gefallen  finden  konnten  und  gegen
lateinische  Grammatiken  eine  gewisse  Antipathie  ins  Leben  herübernahmen,
  das  ist  vielleicht  begreiflich.  Als  in  späteren  Jahren  ein
Schulrektor  dem  Erzherzog  Ernst  eine  lateinische  Grammatik  widmete,
  erhielt  er  dafür  eine  Gratifikation  von  einem  Taler!

Wir  besitzen  die  Aufgabenhefte  der  beiden  Erzherzoge  1);  sie  gewähren
  einen  Einblick  in  die  Art,  wie  diese  herangedrillt  worden  sind;
Erziehung  kann  man  das  nicht  nennen.  Tonner  beginnt  den  Unterricht
  mit  Terenz,  dann  kommt  Cicero  an  die  Reihe;  schwer  geht  es
mit  dem  Lateinisch-Reden.  Die  Prinzen  müssen  oft  nach  Hause  berichten;
  sie  tun  es  in  vorgeschriebenem  Tone.  Rudolf  schreibt  einmal
an  den  Vater:  „Du  hast  erfahren,  daß  ich  aus  eigenem  Antriebe

1)  in  der  Wiener  k.  k.  Hofbibliothek  aufbewabrt.
        <pb n="114" />
        106  Kaiser  Leopold  J.

—.—.-  —.  .

meine  Pflicht  nicht  tue,  ja  mich  nicht  einmal  dann  brav  aufführe,
wenn  man  mich  wohlwollend  zurechtweist.  Ich  muß  bekennen,  daß
ich  ein  Mensch  bin,  der  wenig  wert  ist.“  Man  wird  diesem  Selbstbekenntnis
  eines  etwa  vierzehnjährigen  Burschen,  Rudolf  war  1552
geboren,  ebensowenig  wahre  Empfindung  zubilligen  dürfen,  als  man
dem  jüngeren,  Ernst,  Glauben  schenken  darf,  wenn  er  allerhöchst
eigenhändig  versichert,  daß  ihm  die  Lesung  Ciceros  „de  ofkicis“
vieles  Vergnügen  bereite.  Auf  die  genannten  Autoren  folgen  dann
Sallust,  Cäsar,  Livius,  Horaz;  letzterer  wird  ins  Spanische  übersetzt,
griechische  Autoren,  wie  Aristoteles,  ins  Lateinische.  Eigenartig  mutet
  uns  ein  Aufsatz  Erzherzog  Rudolfs  an  über  die  Laster  des  Heliogabal,
  der  eine  liebevolle  Vertiefung  in  dieses  heikle  Thema  zeigt.
Ihre  Zeit  ist  freilich  nicht  ganz  mit  Studien  ausgefüllt;  zur  besonderen
  Belehrung  dürfen  sie  einmal  einem  Autodafé,  einer  Ketzerverbrennung,
  beiwohnen,  die  von  7  Uhr  morgens  bis  3  Uhr  nachmittags
währt.  Sie  soll  auf  Erzherzog  Rudolf  einen  starken  Eindruck  gemacht
haben;  man  wird  nicht  fehlgehen,  wenn  man  seine  spätere  Schen  vor
energischen  Maßregeln  in  Glaubenssachen  mit  den  Eindrücken  in
Verbindung  bringt,  die  seine  jugendliche  Seele  damals  in  Spanien
empfangen  hat.

Ihre  Tante,  Schwester  König  Philipps  II.,  Donna  Juana,  die
sich  besonders  um  ihre  Erziehung  annahm,  hat  auch  gesorgt,  daß  die
Prinzen  in  allen  höfischen  Künsten  erzogen  wurden,  sie  mußten  tanzen,
  fechten,  reiten;  sie  trieben  Jagd,  Musik,  auch  in  die  Kunst  des
Flirtens  scheinen  sie  eingeführt  worden  zu  sein:  Rudolf  berichtet,  er
habe  sich  diejenige  Hofdame  ausgesucht,  die  am  wenigsten  geschminkt
gewesen  sei.  Als  wirkliche  Ausbeute  dieser  sonderbaren  Erziehung
nahm  der  junge  Erzherzog  bedeutende  Sprachkenntnisse  ins  Leben
mit;  neben  Latein  und  Deutsch  beherrschte  er  die  spanische  und  italienische
  Sprache  völlig,  er  hat  sich  auch  etwas  Tschechisch  angeeignet.
Sonst  ist  er  ganz  in  die  spanische  Sitte  des  Hofes  eingeschnürt  worden,
  die  von  Philipp  II.  großgezogen  worden  ist  und  von  den  deutschen
  Habsburgern  gern  nachgeahmt  wurde.  Steife  Würde  mußte  die
Vertraulichkeit  verscheuchen,  jede  Stunde  des  Tages  hatte  ihre  Vorschrift,
  jeder  Aktus  sein  Zeremoniell;  eine  künstliche  Welt  wird  geschaffen,
  streng  abgegrenzt  von  der  wirklichen,  in  die  die  Fürsten  nur
selten  hineinblickten  und  die  sie  darum  nicht  verstanden.  Besonders
Rudolf  scheint  ein  für  Etiquette  sehr  empfängliches  Gemüt  gehabt  zu
haben,  einen  weichen  Charakter,  der  in  gewollter  Einfamkeit  sich  zu
Sonderbarkeiten  verhärtet  hat;  als  ein  lustiger,  lebensfroher  Bur-
        <pb n="115" />
        NRudolf  II.  107

––  —  —  —  —  —  —  —  —„  —  —  —  ———-sche

  war  er  nach  Spanien  gezogen,  ernst,  zurückhaltend,  scheu  kehrte
er  von  dort  zurück.

Frühzeitig  riß  der  Tod  seinen  Vater  aus  dem  Leben,  nach  zwölfjähriger
  Regierung  starb  Maximilian  II.  1576;  er  nahm  den  Ruf
eines  liebenswürdigen  Menschen,  eines  guten  Hausvaters,  eines
wohlmeinenden  Regenten  mit  ins  Grab.  Rudolf,  der  1571  aus  Spanien
  heimgekehrt  war,  in  den  nächsten  Jahren  die  Kronen  von  Böhmen
  und  Ungarn,  auch  die  römische  Königskrone  aufgesetzt  erhalten
hatte,  folgte  als  Kaiser  nach.  Damit  beginnt  ein  trauriges,  verfehltes
  Kaiserleben,  dem  aber  die  Größe  gemangelt  hat,  die  Karl  V.,  der
Großonkel,  immer  besessen  hatte.  Mit  besten  Absichten,  mit  Verstand,
  mit  Einsicht  paarte  sich  eine  seltene  Entschlußlosigkeit,  die  nur
manchmal  in  das  gerade  Gegenteil  umschlug,  in  jähe  hitzige  despotische
  Herrscherlaune.  Es  ist  ein  ungusgeglichenes,  launisches  Temperament
  gewesen,  das  Rudolf  rastlos  hin  und  her  trieb;  er  hatte
nicht  das  Glück,  Menschen  zu  finden,  die  groß  und  stark  ihn  geleitet
hätten.  Vor  der  mittelmäßigen  Redlichkeit  zog  er  sich  zurück,  um
dann  ein  Spielball  der  niedrigen  Instinkte  untergeordneter  Leute  zu
werden.  Er  konnte  sich  nicht  entschließen,  zu  heiraten;  viele  Jahre
hat  er  um  seine  spanische  Cousine  werben  lassen,  ohne  zum  endgültigen
  Abschlusse  kommen  zu  können,  bis  der  Prinzessin  endlich  die
Geduld  riß  und  sie  einen  jüngeren  Bruder  des  Kaisers,  Albrecht,  ehelichte.
  Sein  Mißtrauen,  das  ureigentlich  den  Grundzug  seines  Charakters
  ausmachte,  Mißtrauen  gegen  sich  selbst  und  gegen  andere,  erfüllte
  ihn  besonders  gegen  seine  zahlreichen  Verwandten,  seine  Brüder,
  Vettern,  Neffen.  Um  ihnen  zu  entrinnen,  hat  er  frühzeitig,
1582,.  seine  Residenz  von  Wien  nach  Prag  verlegt  und  hier  auf  dem
herrlichen  Hradschin,  der  stolz  die  Prager  Städte  mit  ihren  Kirchen
und  dem  Moldaustrom  überthront,  hielt  er  nun  einen  Hof,  an  dem
zuerst  die  Musen  zu  Hause  waren  und  Glanz  und  Ruhm  verbreiteten.
  Man  wird  das  Kunstverständnis  und  die  Kunsttätigkeit  Kaiser
Rudolfs  nicht  hoch  genug  anschlagen  können.  In  vielseitigster  Weise
äußerten  sie  sich.  Rudolf  schnitzte  und  malte  selbst,  doch  das  ist  jedenfalls
  das  Nebensächliche  gewesen,  die  Hauptsache  war,  daß  er  Künstler
an  seinen  Hof  zog  und  sie  beschäftigte,  daß  er  sammelte.  Von  Malern
sind  zu  erwähnen:  Bartolomäus  Spranger  und  Georg  Hufnagel  aus
Antwerpen,  Hans  von  Aachen,  Johann  Breughel;  dann  der  Kupferstecher
  Aegydius  Sadeler  aus  Antwerpen,  der  Bildhauer  Adrian  de
Vries;  Modelleure,  Gemmenschneider,  Edelsteinschleifer  trifft  man
dort  an,  ebenso  Erzgießer,  Brokatisten,  die  Glasindustrie  wird  un-
        <pb n="116" />
        108  Kaiser  Leopold  J.

–  –  —..  —  —  —  –  —  —  —

terstützt.  Neben  köstlichen  Gemälden  von  Leonardo  da  Vinci,  T  Tizian,
Coreggio,  Dürer  finden  wir  herrlich  geschnittene  Steine,  Tischplatten
  aus  Jaspis,  Waffen,  Globen.  Die  Musik  liebte  Rudolf  über
alles,  hielt  sich  eine  große  Hauskapelle,  in  der  Männer  wie  Monte,
Regnard,  Haßler,  Pinelli  wirkten.  Der  berühmte  silberne  Bibelkodex
des  Ulfilas,  der  jetzt,  ein  Raub  der  Schweden  im  Dreißigjährigen
Kriege,  in  Upsala  zu  finden  ist,  kam  nach  Prag.  Für  die  Wissenschaft
hatte  er  Sinn,  allerdings  mehr  in  ihren  damals  beliebten  Spielarten,
  die  geheime  Kräfte  mit  unmöglichen  Leistungen  ins  Dasein
rufen  wollten:  Alchimie  und  Astrologie,  dabei  kamen  aber  auch  die
exakten  Wissenschaften  Mathematik,  Chemie,  Astronomie  nicht  zu
kurz;  Tycho  de  Brahe,  Jessenius,  Bostius  kamen  zum  Wort,  Kepler
stand  lange  in  Rudolfs  Diensten  und  verfaßte  die  berühmten  Tabulae
Rudolphinae.  Am  liebsten  befaßte  sich  aber  der  Kaiser  mit  geheimnisvollen
  Dingen,  der  Spiritist  Hieronymus  Scoto,  der  Goldmacher
Sendivog  fanden  reichen  Lohn  bei  ihm.  In  seinen  Gärten  zog  er
kostbare  ausländische  Pflanzen,  hielt  er  exotische  Bögel;  in  den  Stallungen
  standen  auserlesene  Pferde.  Weniger  Sinn  hatte  er  für  die
Baukunst,  obwohl  er  auch  da  nicht  untätig  geblieben  ist  und  beispielsweise
  im  Prager  Dome  seinen  Vorfahren  ein  schönes  Grabdenkmal
errichten  ließ.  In  den  ersten  Jahren  seiner  Regierung  liebte  er  gläuzende
  Feste,  Jagden;  das  hörte  allmählich  ganz  auf.  Im  Jahre  1581
verfiel  er  in  eine  schwere  Magenkrankheit,  von  der  er  sich  nie  mehr
ganz  erholt  hat,  eine  Gemütsdepression  machte  sich  seitdem  bemerkbar,
  die  erblich  gewesen  zu  sein  scheint  und  immer  mehr  in  Melancholie
  überging.  Man  gedenkt  der  spanischen  Prinzessin  Johanna,
die  durch  ihre  Ehe  mit  Philipp  dem  Schönen  die  spanische  Krone  an
die  Habsburger  gebracht  hat  und  die  Mutter  der  Kaiser  Karl  V.  und
Ferdinand  I.  geworden  ist.  Auch  sie  verfiel  nach  dem  Tode  ihres  Gatten
  in  Trübsinn,  in  dem  sie  ein  langes  trauriges  Leben  dahingebracht
hat;  und  mehr  wie  ein  Tropfen  dieses  schweren  Blutes  scheint  in  Rudolfs
  Adern  geronnen  zu  sein.  Immer  mehr  zieht  er  sich  von  der  Außenwelt
  zurück,  beschäftigt  sich  mit  toten  Dingen  und  mit  Tieren,
nicht  mehr  mit  Menschen.  Er  baut  sich  ein  Laboratorium,  eine
Sternwarte,  in  denen  er  viele  Stunden  des  Tages  verbringt;  1598
überfällt  ihn  neuerlich  schwere  Krankheit,  aus  der  er  noch  trüber  und
menschenscheuer  genest.  Er  will  nichts  mehr  wissen  von  seinen  Räten,
  seinen  Ministern;  wochenlang  müssen  sie  auf  einen  Bescheid
harren,  allmächtig  werden  seine  Sekvretäre,  Kammerdiener,  seine
Lakaien,  Männer  wie  Rumpf,  Lang,  Ratsky,  Barvitius.  Auf  Würde
        <pb n="117" />
        Rudolf  II.  1  109

und  Grandezza,  wie  er  sie  in  Spanien  gelernt,  hat  er  zeitlebens  gehalten,
  nur  war  es  jetzt  ein  sehr  kleiner  Hof,  der  darauf  achten  mußte.
Einsam  irrt  der  Kaiser  Tag  und  Nacht  durch  die  Gänge  des  Schlosses,
argwöhnisch  und  mißtrauisch;  sein  heißes  Blut  hat  sich  in  zahllosen
  Liebesabenteuern  ausgetobt;  sein  blondes  Haar  ergraut  frühzeitig,
  seine  hellblauen  Augen  werden  matt  und  trübe,  die  kleine
Gestalt  schrumpft  zusammen.  Nur  manchmal  braust  die  ganze  Majestät,
  das  ganze  leidenschaftliche  Temperament  des  kranken  Mannes
auf,  wenn  er  sich  hintergangen,  wenn  er  sich  beleidigt  wähnt.  Zwei
Todesurteile,  die  Justizmorde  zu  nennen  sind,  fallen  in  die  letzten
Regierungsjahre,  an  Georg  Popel  Lobkowitz  und  dem  Marschall
Rußwurmz  letzterer  muß  mit  dem  Tode  büßen,  „weil  er  des  Kaisers
  Frauenzimmer  visitiert  und  allerhand  Ungebühr  daselbst  begangen
  habe“.  Von  allem  wollte  Rudolf  wissen,  aber  nur  durch
die  unreinen  Kanäle  des  Vorzimmertratsches  erfuhr  er  davon;  zu
nichts  konnte  er  sich  entschließen;  daß  er  schließlich  im  Zanke  mit
seinen  Brüdern  und  Neffen  auf  seine  böhmische  Krone  verzichten
mußte,  erfüllte  ihn  mit  solchem  Ingrimm,  daß  er  mit  den  Zähnen
die  Feder  zerriß,  mit  der  er  die  Abdankungsurkunde  unterschrieben
hatte.

Das  Leben  wurde  ihm  immer  unerträglicher,  er  suchte  ihm  ein
Ende  zu  machen,  seine  Unruhe  durch  Trinken  zu  betäuben,  er  wird
immer  unzurechnungsfähiger,  Ausbrüche  sinnloser  Wut  machten  den
Verkehr  mit  ihm  unmöglich;  es  wurde  undenkbar,  daß  ein  solcher
Kranker  auch  nur  nominell  weiter  regieren  durfte;  seine  Berwandten
hatten  seine  Rechte  schon  genug  beschnitten,  nun  rüsteten  sich  auch
noch  die  Kurfürsten,  ihn  abzusetzen;  da  erlöste  der  milde  Tod,  Anfang
  1612,  den  Sechzigjährigen  von  seinen  Qualen  und  endete  ein
tragisches  Schicksal.

Da  er  sowie  sein  Bruder  und  Nachfolger,  Matthias,  kinderlos
bleiben,  so  folgt  die  steirische  Linie;  die  ältere  Tiroler  war  nicht  erbberechtigt
  infolge  der  Mesalliance  mit  Philippine  Welser.

Kaiser  Ferdinand  II.  —  wir  kennen  ihn  bereits  —  war  ein  Urenkel
  Ferdinands  I.  und  der  slawischen  Anna;  seine  Großmutter  war
die  spanische  Maria;  sein  Vater  Karl  war  mit  der  bayerischen  Prinzessin
  Maria  vermählt  gewesen,  die  eine  Nichte  Ferdinands  und
Annas,  also  seine  leibliche  Base  war.  Und  Ferdinand  II.  heiratete
in  erster  Ehe  seine  bayerische  Verwandte,  Maria  Anna,  die  schon
väterlicherseits  mit  ihrem  Manne  verwandt  war,  von  der  Mutter
und  den  Großeltern  her  französisches,  italienisches  und  däuisches
        <pb n="118" />
        110  Kaiser  Leopold  J.

Blut  in  ihren  Adern  führte.  Aus  dieser  Ehe  stammt  Ferdinand  III.
Es  ist  noch  zu  erwähnen,  daß  Ferdinand  II.  nach  dem  Tode  Maria
Annas  eine  zweite  Ehe  geschlossen  hat  mit  einer  Italienerin  aus  dem
Hause  der  Gonzaga.  Ferdinand  III.,  dreimal  vermählt,  hatte  zur
Mutter  seiner  Söhne  Ferdinand  und  Leopold  eine  spanische  Cousine,
Maria,  nach  deren  Tode  er  zunächst  eine  lirolische  Verwandte  und
zuletzt  wieder  eine  Gonzaga,  eine  Großnichte  der  Gemahlin  Ferdinands
  II.,  heiratete.

Es  erhellt  aus  dieser  kurzen  Übersicht  zweierlei:  einmal  daß  Ehen
unter  nahen  Verwandten  auch  in  der  deutschen  Linie  der  Habsburger
  etwas  sehr  häufig  Vorkommendes  waren,  und  zweitens  daß  diese
Linie  nur  deshalb  eine  deutsche  genannt  werden  kann,  weil  sie  über
deutsche  Länder  regierte,  man  aber  lange  zurück  suchen  muß,  bis  man
deutsches  Blut  in  ihren  Adern  findet.  Und  auch  die  Erziehung  hat
da  nicht  nachgeholfen,  wir  wissen  bereits,  wie  sehr  der  spanische  Einfluß
  auf  die  Politik  und  das  ganze  Leben  der  Habsburger  eingewirkt
hat,  wie  selbst  ein  deutsch,  ja  protestantisch  fühlender  Mann,  wie
Maximilian  II.,  seine  Söhne  nach  Spanien  geschickt  hat.  Immer
mehr  wird  auch  das  rein  katholische  Element  in  der  Erziehung  betont,
  das  naturgemäß  wenig  national  gefärbt  ist,  besonders  seit  es
von  den  Jesuiten  bestimmt  wird,  deren  ganzer  Ideenkreis,  ihr  Zweck,
ihre  Entwickelung  international  waren,  die  sich  zudem  in  jener  Zeit
angesichts  des  protestantischen  Geistes,  der  Deutschland  durchzog,
mehr  auf  die  glaubensstarken  romanischen  Völker,  vornehmlich  Spanier
  und  Italiener,  stützen  mußten.  Ganz  besonders  mußte  dieser
fremde  Zug  der  Habsburger  dann  hervortreten,  wenn  das  Schicksal
ihnen  einst  spanisches  und  italienisches  Gebiet  zur  Regierung  anvertraute,
  und  das  hat  sich  unter  Kaiser  Leopold  ereignet.

Ein  paar  Worte  zuvor  über  seinen  Vater.  In  einem  traurigen
Momente  des  Verfalls  hatte  Ferdinand  III.  die  Regierung  übernommen
  —  der  große  Krieg  stand  auf  seinem  Höhepunkte.  Er  war  ein
kluger,  gemäßigter  Herr,  der  einsah,  daß  die  Frömmigkeit  und  Verschwendungssucht
  seines  Vaters  dem  Lande  nicht  zum  Besten  gereicht
hatte;  er  war  wohl  auch  ein  eifriger  Katholik,  aber  weit  entfernt  von
der  Einseitigkeit  Ferdinands  II.;  er  hatte  das  Bewußtsein,  daß  ein
guter  Regent  auch  noch  für  anderes  sorgen  müsse,  als  für  das  Seelenheil
  der  Untertanen;  außerdem  war  er  sparsam  und  zurückhaltend
mit  den  Beweisen  seines  Wohlwollens.  Ferdinand  III.  sah  ein,  daß
er  nichts  Besseres  für  seine  Völker  wirken  könne,  als  ihnen  den  Frieden
  zurückgeben;  seine  Gesandten  beim  Friedenskongresse,  Graf  Trant-
        <pb n="119" />
        *  Habsburger  Ehen.  —  Leopolds  Jugend  111
mannsdorf  und  Dr.  Vollmar,  haben  sich  redlich  bemüht,  einen  guten
Ausgleich  herbeizuführen,  mußten  aber  schließlich  angesichts  der  Lauheit
  des  Reiches  schöne  österreichische  Gebiete  dahingeben.  Und  nach
dem  Friedensschlusse  war  der  Kaiser  emsig  besorgt,  die  Wunden,  die
der  Krieg  seinen  Ländern  geschlagen  hatte,  zu  heilen;  zu  einer  großen
Tat,  zu  einer  bedeutenderen  Politik  war  keine  Zeit.  Für  die  Nachfolge
  sorgte  er  frühzcitig,  ließ  seinen  ältesten  Sohn  gleichen  Namens
zum  römischen  Könige  wählen;  1654  starb  dieser  und  nun  trat  der
zweite  Sohn,  Leopold,  in  den  Vordergrund,  geboren  1640.  Er  war
für  den  geistlichen  Stand  bestimmt  gewesen,  erzogen  durch  den  Grafen,
  späteren  Fürsten  Johann  Ferdinand  Portia  und  die  Jesuiten
Müller  und  Nidhard.  Jetzt  nach  dem  Tode  des  Bruders  mußte  er
für  seinen  neuen  Beruf  vorbereitet  werden;  schon  1655  huldigten
ihm  die  niederösterreichischen  Stände  als  künftigem  Herrn,  ein  Jahr
später  wurde  er  zum  Könige  von  Böhmen  und  Ungarn  gewählt;  nur
das  Reich  zeigte  sich  spröde;  ein  Handel  um  die  Stimmen  der  Kurfürsten
  begann:  diese  Königswahlen  in  Deutschland  waren  ein  recht
schmähliches  Geschäft  geworden;  um  Geld  ließen  sich  die  Wahlherren
  gerne  ihre  Stimmen  abkaufen.  Darüberhin  starb  1657  Kaiser
Ferdinand  III.

Nun  galt  es,  die  Kaiserwahl  vorzunehmen;  an  verschiedene  Kandidaten
  dachte  man,  an  den  Bruder  des  Verstorbenen,  Erzherzog
Leopold  Wilhelm,  an  den  Kurfürsten  von  Brandenburg,  ja  es  ist
allen  Ernstes  darüber  verhandelt  worden,  ob  man  nicht  den  französischen
  König  zum  deutschen  Kaiser  machen  könnte.  über  diese  Verhandlung
  besteht  kein  Zweifel;  etwas  anderes  ist  es,  ob  es  Ludwig
  XIV.  und  seinem  Minister,  Mazarin,  damit  Ernst  gewesen  ist,
und  da  liegt  die  Vermutung  näher,  daß  es  sich  bei  ihnen  nur  um
einen  Vorwand  gehandelt  hat,  um  leichter  ihren  wirklichen  Kandidaten,
  den  Kurfürsten  Ferdinand  Maria  von  Bayern,  durchzudrücken.
Dem  kühnen  Vorkämpfer  des  Katholizismus  während  des  Dreißigjährigen
  Krieges,  Maximilian,  dem  ersten  bayerischen  Kurfürsten,
war  1651  sein  Sohn,  Ferdinand  Maria,  gefolgt,  dem  Vater  durchaus
unähnlich,  mehr  für  das  Schöne  im  menschlichen  Leben  begabt  als
für  das  Große,  stark  beeinflußt  durch  seine  geistvolle  und  intrigante
Gemahlin,  Adelheid  von  Savoyen,  die  es  zu  ihrer  Lebensaufgabe
machte,  Ludwig  XIV.  zu  huldigen,  und  die  zur  Vorkämpferin  des
französischen  Einflusses  in  Bayern  geworden  ist.  Zwar  zur  Übernahme
  der  Kaiserkrone  fühlte  sich  Ferdinand  Maria  nicht  als  der
richtige  Mann,  seinem  ehrlichen  Sinne  widerstrebte  es  auch,  da  als
        <pb n="120" />
        112  Kaiser  Leopold  J.

——  —  —  —.  6—

——  —  —  —

Rivale  der  Habsburger  aufzutreten,  aber  im  Widerstreite  des  Frauenkampfes,
  der  am  Münchener  Hof  begann,  zwischen  der  Mutter  des
Kurfürsten,  die  eine  Österreicherin  war,  und  der  Gattin,  siegte  zumeist
  die  letztere,  und  Bayern  wird  ganz  einer  deutschen  Politik  entfremdet;
  noch  mehr  sind  dann,  meist  durch  persönlichen  Ehrgeiz  dazu
aufgestachelt,  der  Sohn  und  Enkel  in  französische  Bande  gefallen:
Max  Emanuel  1679—1726  und  Karl  Albert  1726—1745;  in  einer
überaus  kritischen  Zeit  versagt  sich  Bayern  völlig  den  deutschen  Verhältnissen
  und  wird  zur  Satrapie  Frankreichs.  Wie  sehr  der  Einfluß
dieses  Staates  in  Deutschland  überhandgenommen  hatte,  zeigte  sich,
als  gelegentlich  der  Kaiserwahl  Leopolds,  und  nachher,  Mazarin  eine
Reihe  von  weltlichen  und  geistlichen  Ständen:  Mainz,  Köln,  Trier,
Münster,  Basel,  Straßburg,  Pfalz-Neuburg,  Hessen-Kassel,  Hessen-Darmstadt,
  Braunschweig,  Waldeck,  Württemberg,  Kurbrandenburg,
Ansbach  und  Baireuth  zu  einem  rheinischen  Bunde  unter  französischer
  Führung  vereinen  konnte,  ein  Bund,  der  zwar  keine  weiteren
Erfolge  aufzuweisen  hatte,  der  nicht  einmal  die  Wahl  Leopolds  hintertreiben
  konnte  und  nach  dem  Tode  seines  Schöpfers  sich  sang=  und
klanglos  auflöste,  der  aber  doch  die  immer  deutlicher  werdende  Auflösung
  des  Deutschen  Reiches  vorherkündete.

Nach  vielen  Verhandlungen,  Bezahlungen,  Versprechungen  wurde
endlich  1658  Leopold  zum  Kaiser  gewählt.  Man  hat  den  Charakter
dieses  Fürsten  lange  Zeit  unterschätzt,  als  wäre  er  ein  geistiger
Schwächling  gewesen,  stets  von  anderen  abhängig,  einer  eigenen
Idee  unfähig.  Das  ist  ganz  unrichtig;  er  besaß  schöne  Geistesgaben,
die  sich  langsam  entwickelten,  aber  durchaus  nicht  brach  gelegen  sind.
Er  war  nur  sehr  schüchtern  und  im  Anfange  seiner  Regierung  unselbständig
  und  zurückhaltend;  man  muß  dabei  bedenken,  in  welcher  Jugend
  er  das  Zepter  zu  führen  begann;  eine  kraftvolle  Natur  freilich
wie  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm,  der  ja  ebenso  jung  zur  Herrschaft
kam,  ist  er  nicht  gewesen.  Sehr  oft  waren  sein  Urteil  richtiger  und
sein  Blick  schärfer,  als  die  seiner  Minister,  und  da  hat  er  leicht,  mißtrauisch
  gegen  sich  selbst,  der  schlechteren  Ansicht  der  Fremden  nachgegeben,
  statt  der  eigenen  zu  folgen.  Mit  den  Jahren  besserte  sich
das,  er  hat  später  gerne  den  absoluten  Herrscher  hervorgekehrt.  Er
war  nicht  groß,  hager,  von  sehr  blasser  Gesichtsfarbe  mit  stark  ausgeprägter
  Unterlippe.  Sein  Blick  war  düster,  wenig  lebensfroh.  Er
liebte  es,  mit  Grandezza  Hof  zu  halten,  er  liebte  Pracht  und  Verschwendung
  und  sah  sehr  auf  die  Aufrechthaltung  der  strengsten  Etikette.
  Mit  Vorliebe  trug  er  die  schwarze  spanische  Tracht,  dazu  rote
        <pb n="121" />
        Leopolds  Charakter  113

–..  —.  —

Strümpfe,  auf  dem  schwarzen  Hute  eine  rote  Feder.  Gern  z  zog  er
Ausländer  in  seine  Nähe  und  ahmte  die  Lebensweise  des  spanischen
Hofes  nach;  er  lebte  überaus  regelmäßig,  widmete  den  größten  Teil
des  Tages  den  Geschäften;  er  sagte  gerne  von  sich,  er  sei  sein  eigener
Minister;  besonders  während  der  letzten  Zeit  seiner  Regierung  war
er  es  auch.  Alles  wollte  Leopold  kennen  lernen,  alles  wissen,  alles
erfahren:  es  war  ihm  ein  Vergnügen,  bogenlange  Akten  durchzulesen
  und  sie  mit  Randbemerkungen  zu  versehen.  Pflichteifrig  und
fleißig  ist  er  sohin  bis  zum  Übermaß  gewesen,  hat  dadurch  sich  aber
einer  Vielgeschäftigkeit  hingegeben,  die  ihn  von  wichtigen  Dingen  abgehalten
  hat  und  ihn  die  Geschäfte  liegen  ließ,  er  verstand  es  nicht,
Wichtiges  von  Unwichtigem  zu  trennen.  In  seiner  Jugend  war  erein
leidenschaftlicher  Jäger  und  hat  viel  Geld  für  seine  Jagden  ausgegeben,
  später  wurde  er  bequemer  und  mehr  häuslichen  Vergnügungen
  zugewandt.  Er  war  sehr  musikalisch,  komponierte  nicht  ohne
Geschick  und  hat  darin  eine  reiche  Tätigkeit  entfaltet;  wieviel  davon
freilich  sein  geistiges  Eigentum  gewesen  ist,  läßt  sich  heutzutage  nicht
mehr  feststellen.  Dabei  liebte  er  auch  manuelle  Fertigkeiten,  drechselte
  mit  Vorliebe  Holzbecher;  Bücher,  Münzen,  Antiken  ließ  er
sammeln,  für  die  historische  Wissenschaft  hatte  er  Sinn,  allerdings
reichte  sein  Hofhistoriograph,  der  Jesuit  Wagner,  nicht  an  Pufendorf
heran.  Die  Universitäten  in  Innsbruck,  Olmütz  und  Breslau  wurden
  unter  ihm  gegründet,  ebenso  eine  gelehrte  Gesellschaft  in  Halle,
die  heute  noch  seinen  Namen  trägt  und  unter  den  naturwissenschaftlichen
  Akademien  einen  Rang  einnimmt.  Des  Abends  pflegte  er  das
Kartenspiel;  genau  hat  er  in  sein  Tagebuch  dann  die  Ereignisse  des
Tages,  die  Ausgaben,  auch  Spielgewinn  und  Spielverlust  aufgezeichnet.
  Leopold  war  ein  frommer  Sohn  der  katholischen  Kirche,  beobachtete
  peinlich  ihre  Vorschriften,  aber  ließ  die  Politik  nicht  von  der  Religion
  beeinflussen.  Fremde  Sprachen  sprach  und  schrieb  er  mit  Vorliebe,
  spanisch  und  italienisch  vor  allem,  weniger  französisch,  aber
auch  im  Deutschen  konnte  er  sich  gewandt  ausdrücken,  was  damals
durchaus  nicht  selbstverständlich  gewesen  ist.  Besonders  gerne  griff
er  zur  Feder,  um  in  einem  barbarischen  aus  deutsch,  lateinisch,  spanisch,
  italienisch  gemischten  Idiome,  mit  einer  skrupellosen  Orthographie
  in  einer  jeder  Beschreibung  spottenden  Handschrift  Tag  für
Tag  bogenlange  Briefe  über  alles  und  noch  etwas  mehr  zu  schreiben.
Seine  Briefe  sind  wahre  Worträtsel,  auch  die  Zeitgenossen,  seine  Räte
und  Minister  standen  oft  verständnislos  vor  den  Hieroglyphen,  sie
sind  aber  von  großem  Werte,  weil  er  da  —  so  zum  Beispiel  in  dem
ANuch  128:  Weber,  von  Luther  zu  Bismarck.  I.  3.  Aufl.  8
        <pb n="122" />
        114  Kaiser  Leopold  1.

–—..
—.=Briefwechsel

  mit  seinem  Freunde,  dem  Grafen  Pötting,  österreichischem
  Gesandten  in  Madrid  —  seinem  Herzen  freien  Lauf  läßt  und
offen  von  der  Leber  weg  spricht.  Wir  lernen  daraus  seine  Urteilsfähigkeit,
  seinen  richtigen  politischen  Blick  kennen,  seine  Vielgeschäftigkeit,
  seine  abgrundtiese  Gutmütigkeit,  seine  eigenartige  Indolenz
den  Ereignissen  gegenüber.  Wer  ihn  darum  bittet,  erhält  Empfehlungen,
  Geleitschreiben  mit,  er  kann  niemand  etwas  abschlagen;
bleiben  sie  wirkungslos,  so  ist  er  darob  nicht  beleidigt  und  tröstet  sich
mit  dem  Gedanken,  es  sei  vielleicht  so  besser  gewesen!

Leopold  hat  nicht  das  Glück  gehabt,  große  Männer,  bedeutende
Minister  auf  seinem  Lebenswege  zu  finden,  dagegen  besaß  er  tüchtige
Feldherren:  Männer  wie  Montecucculi,  Guido  Starhemberg,  Prinz
Eugen  von  Savoyen,  Markgraf  Ludwig  von  Baden,  Herzog  Karl
von  Lothringen  überstrahlten  die  militärischen  Talente  Österreichs
aus  Vergangenheit  und  Zukunft.  Sie  fanden  auch  ein  reiches  Feld
für  ihre  Tätigkeit;  Leopold  führte  Krieg  gegen  die  Schweden  1657
bis  1660,  gegen  die  Türken  1661—1664,  1682—1699;  gegen  Ludwig
  XIV.  1672—1678,  1688—1697,  1702—1705,  mitten  im  wütenden
  spanischen  Erbfolgekrieg  starb  er.  Man  staunt,  wie  es  den  österreichischen
  Erbländern  bei  ihren  geringen  Einnahmen,  bei  ihrer  wenig
  geeigneten  Verwaltung  möglich  gewesen  ist,  für  so  viele  Kriegsjahre,
  42  unter  47  Regierungsjahren,  aufzukommen.  Besonders  da
die  Finanzverwaltung  eine  nichts  weniger  als  glückliche  war,  beispielsweise
  Graf  Ludwig  Sinzendorf  in  seiner  20  jährigen  Verwaltung
  sich  der  gröbsten  Unterschleife  schuldig  gemacht  hatte.  Es  charakterisiert
  die  Gutmütigkeit  und  Sorglosigkeit  des  Kaisers,  daß  er
diesen  Mann  nur  leicht  gestraft  und  dessen  Sohn  sofort  wieder  in  den
Staatsdienst  ausgenommen  hat.  Er  hat  manche  trübe  Erfahrung
mit  seinen  Dienern  machen  müssen.  Sein  erster  Minister,  die  Fürsten
  Lobkowitz  und  Auersperg  standen  im  französischen  Solde,  beide
mußte  er  in  Ungnade  entlassen,  obwohl  sie  die  späteren  Politiker  an
Verstand  überragt  haben.  Nichts  konnte  aber  Leopold  hindern,  immer
  wieder  die  österreichische  Aristokratie  heranzuziehen  und  weit
über  seine  Verhältnisse  hinaus  mit  Geld  und  Gütern  zu  überhäufen:
alles  Unheil  konnte  ihn  nicht  zur  Menschenkenntnis  erziehen,  Unter
ihm  bildet  sich  eine  österreichische  Eigentümlichkeit  aus,  die  starke  Bevorzugung
  und  der  starke  Einfluß  der  Aristokratie;  dadurch  wird
abermals  ein  lebhaftes  Zuströmen  fremder  nicht  deutscher  Elemente
bedingt.  Zu  den  höchsten  Stellen  in  Amt  und  Armee  mußte  man
geboren  werden,  nur  selten  gelang  es  einem  Emporkömmling,  diese
        <pb n="123" />
        Leopolds  Diener;  seine  Gemahlinnen  115

feste  Phalanx  zu  durchbrechen;  mühevoll  war  sein  Weg,  n  nie  e  wurde  er
für  voll  angesehen.  Zweifellos  haben  sich  dann  in  österreichischen
Diensten  Aristokraten  mit  hoher  Ehre  ausgezeichnet;  dank  ihrer  Ge—
burt  konnten  sie  schon  in  jungen  Jahren,  in  vollster  Manneskraft,
ihr  Bestes  und  Tüchtigstes  leisten,  sie  wurden  auf  ihrem  Lebenswege
nicht  durch  eine  lange  Reihe  Vorstufen  aufgehalten;  aber  sie  sind  doch
vielfach  besseren  Männern  im  Wege  gestanden;  fast  ausnahmslos
findet  man  unter  den  Ministern,  den  Gesandten,  den  Generälen  Vertreter
  der  hohen  Aristokratie,  die  auch,  ohne  viel  gelernt  und  gearbeitet
  zu  haben,  die  höchsten  Posten  einnahmen  und  dort  leisteten,
was  sie  eben  leisten  konnten;  und  das  war  oft  nicht  viel.  Niemals
ist  beispielsweise  unter  Kaiser  Leopold  der  Klügste  der  Diplomaten,
über  den  Österreich  in  langen  Jahrhunderten  verfügen  konnte,  der
Freiherr  von  Lisola,  zu  Macht  und  Einfluß  gekommen;  obwohl  selbst
adlig,  gehörte  er  doch  nicht  den  großen  österreichischen  Adelsfamilien
  an.

Leopold  ist  dreimal  verheiratet  gewesen.  Seine  erste  Gemahlin
war  eine  spanische  Prinzessin,  seine  Cousine,  Margarete  Theresia;
das  war  eine  politische  Heirat,  da  sie  Erbansprüche  auf  Spanien  mitbrachte.
  Es  dauerte  lange,  bis  die  Ehe  geschlossen  werden  konnte,
immer  wieder  wußte  der  spanische  Hof  die  Abreise  der  Infantin  zu
verzögern,  bis  alle  seine  Wünsche  nach  Gold  und  Ehrenzeichen  erfüllt
waren;  dann  verhinderten  ungünstige  Winde  die  Seereise;  viele  Monate
  mußte  Leopold  warten,  bis  endlich  der  Himmel  seinen  Wunsch
erfüllte  und  ihm  die  sehnsüchtig  erwartete  Braut  in  die  Arme  legte.
Es  war  eine  glückliche  Ehe,  nur  dadurch  getrübt,  daß  fast  alle  Kinder
  aus  derselben  frühe  starben,  eine  einzige  Prinzessin,  Marie  Antonia,
  wuchs  heran.  Ein  großer  Schmerz  für  den  Kaiser  war  es,  als
sein  geliebtes  Margaretl  nach  sechseinhalbjähriger  Ehe  die  Augen  für
immer  schloß.  Rührend  sind  seine  Briefe,  in  denen  er  die  Tote  beweinte.
  Trotzdem  schritt  er  schon  nach  sieben  Monaten  zu  einer  zweiten
Ehe.  Seine  Base  Claudia  Felicitas  von  Tirol,  eine  schöne  glänzende
Frau  war  es,  die  er  heimführte;  auch  diesmal  hatte  kluge  Erwägung
die  Wahl  des  Kaisers  geleitet,  denn  die  Prinzessin  war  die  Erbin  von
Tirol,  damit  kam  das  Land,  das  einst  nach  Ferdinand  I.  vom  Hauptstamme
  abgetrennt  worden  war,  wieder  an  Österreich  zurück.  Auch
die  zweite  Ehe  dauerte  nicht  lange,  kaum  drei  Jahre;  und  wieder  nur
wenige  Monate  nach  dem  Tode  der  zweiten  Frau,  heiratete  Leopold
zum  dritten  Male:  er  war  moralischen  Sinnes,  stets  ein  musterhafter
  Gatte  und  hatte  überdies  noch  keinen  Leibeserben.  Diesmal

8*
        <pb n="124" />
        116  Kaiser  Leopold  J.

wählte  er  aus  deutschem  Fürstenhause  Eleonore  von  Pfalz-Neuburg,
sie  wurde  die  Mutter  der  Erzherzöge  Joseph  und  Karl,  die  später
beide  auf  den  deutschen  Kaiserthron  berufen  worden  sind.

Zwei  wichtige  Ereignisse  in  der  österreichischen  Geschichte  sind  unlösbar
  mit  der  Regierung  Kaiser  Leopolds  verknüpft:  die  Eroberung
Ungarns  und  die  Eroberung  eines  Teiles  der  spanischen  Monarchie;
daneben  ist  er  in  die  großen  Kriege  Ludwigs  XIV.  hineingezogen  worden.
  Jene  beiden  Ereignisse  haben  aber  mehr  als  alles  andere  dazu
beigetragen,  den  Donaustaat  Deutschland  zu  entfremden  und  ihm
andere  Aufgaben  aufzugeben.  Als  Leopold  zur  Regierung  kam,  stand
der  größte  Teil  von  Ungarn  und  von  Siebenbürgen  in  den  Händen
der  Türken  oder  unter  der  Herrschaft  einheimischer  Fürsten.  Seit
langen  Jahren  zum  ersten  Male  war  es  1664  bei  St.  Gotthard,  daß
die  kaiserlichen  Regimenter  einen  glänzenden  Sieg  über  die  Ungläubigen
  erfochten,  der  ihnen  den  Weg  ins  Ungarland  hinein  bahnte.
Mit  Energie  wurde  die  neue  Lage  ausgenützt,  besonders  Fürst  Wenzel
  Lobkowitz  ist  ein  Anhänger  scharfer  Maßregeln  gewesen,  er  zeigte
damit,  daß  er  den  ungarischen  Volkscharakter  richtig  abschätzte.  Als
anfangs  der  siebziger  Jahre  ein  neuer  Verschwörungsherd  sich  in  Ungarn
  bildete  unter  Teilnahme  alter  Geschlechter  wie  Tököly,  Frangipan,
  Nadasdy,  Zriny,  Tattenbach,  da  fuhr  strafend  und  wetternd
die  kaiserliche  Macht  hinein;  vieren  der  genannten  Männer  wurden
die  Köpfe  zu  den  Füßen  gelegt,  Tököly  entkam  in  die  Türkei.  Wie  ein
erobertes  Land,  was  es  in  der  Tat  war,  wurde  Ungarn  in  den  nächsten
  Jahren  behandelt,  ihm  aber  doch  1679  die  Komitatsverfassung
und  die  eigene  Verwaltung  zurückgegeben.  Gegen  diese  Fortschritte
der  Kaiserlichen  machte  sich  dann  Anfang  der  achtziger  Jahre  eine
Reaktion  von  seiten  der  Türken  geltend.  Noch  einmal  zogen  sie  unter
dem  Großwesir  Kara  Mustapha  in  ungeheueren  Scharen  durch  Ungarn
  vor  Wien,  1683,  um  diese  Stadt,  ebenso  wie  sie  es  1529  getan
hatten,  zu  berennen.  Noch  einmal  maß  sich  europäische  Kultur  mit
asiatischer  Barbarei  im  Herzen  von  Europa  selbst  und  noch  einmal
leistete  die  tapfere  Wiener  Stadt  erfolgreichen  Widerstand.  Rascher
und  universeller  als  sonst  kam  die  Hilfe  von  der  Christenheit;  der
Kulturgedanke  war  mächtig  genug  in  Europa  geworden,  das  Solidaritätsgefühl
  der  Christenheit  gegenüber  dem  Islam  gewachsen,  so
daß  Ludwig  XIV.  nicht  mehr  wagte,  was  noch  Franz  I.  vor  hundertundfünfzig
  Jahren  getan  hatte,  die  Türken  offen  zu  unterstützen.  Im
Gegenteil,  er  mußte  es  zulassen,  daß  der  französische  Adel  selbst  unter
die  kaiserlichen  Fahnen  strömte.  Alle  Gegner  der  Türken  wurden
        <pb n="125" />
        Ungarn  und  die  Türkenkriege  117

–.  ————  —  —  —

mobilisiert;  nicht  nur  das  Deutsche  Reich  schickte  ein  Heer,  auch  das
Königreich  Polen  unter  dem  Wahlfürsten  Johann  Sobieski  trat  noch
einmal  als  europäische  Großmacht  auf  und  sandte  seinen  König  selbst,
um  an  den  Abhängen  des  Wiener  Waldes  die  polnischen  Grenzen  vor
den  Osmanen  zu  verteidigen.  Elendiglich  endete  die  Belagerung  der
Türken,  zurückgejagt  wurden  sie  über  die  Leitha  und  nun,  was  sonst
nie  geschehen  war,  folgte  ein  kaiserliches  Heer,  um  den  Sieg  auszunützen.
  Unsterblich  bleibt  da  der  Ruhm  des  Markgrafen  von  Baden,  des
„Türkenlouis“  und  vor  allem  dann  Prinz  Eugens.  Ofen  wird  1686
erobert,  1691  werden  die  Türken  bei  Szlankemen,  1697  bei  Zentha  bis
zur  Vernichtung  geschlagen  und  im  Frieden  von  Karlowitz  ganz  Ungarn,
  mit  Ausnahme  des  Temeser  Banats,  ebenso  Siebenbürgen  für
Österreich  behauptet.  Während  des  Krieges  erfolgte  auf  dem  Reichstage
  von  Preßburg  1687/88  die  völlige  Aussöhnung  mit  den  Ungarn;
  sie  verzichteten  auf  den  bewaffneten  Widerstand,  den  sie  bisher
  als  ihr  gutes  Recht  behauptet  hatten,  nahmen  Erzherzog  Joseph
als  König  an  und  unterwarfen  sich  dem  Hause  Habsburg.  Noch  einmal
  zu  Beginn  des  achtzehnten  Jahrhunderts  loderte  der  Aufstand
in  Ungarn  auf  unter  Franz  Rakoczy,  aber  dieser  Bewegung  war  der
Boden  abgegraben  worden  durch  die  mit  Milde  gepaarte  Strenge
der  Regierung  Leopolds.  Da  auch  die  hohe  Pforte  diesen  Aufstand
nicht  mit  ganzer  Kraft  unterstützte,  wurde  er  leicht  unterdrückt  und
den  selbständigen  Regungen  der  Ungarn  in  den  letzten  Lebenstagen
Kaiser  Josephs  I.  durch  den  Frieden  von  Szathmar  ein  Ende  gemacht.
Erst  später  schlug  die  Pforte  los,  mußte  aber  dann  im  Passarovitzer
Frieden  von  1718  auch  das  Banat  und  selbst  Teile  von  Serbien  mit
Belgrad  abtreten.  Wie  sehr  sich  die  Ungarn  bald  unter  der  leichten
österreichischen  Regierung  wohlfühlten,  zeigt  am  besten,  daß  sie  später
  dem  Beschlusse  der  Unteilbarkeit  der  gesamten  Monarchie,  der
pragmatischen  Sanktion  von  1713,  freudig  zugestimmt  haben.

Man  kann  sie  bereits  unter  Leopold  für  unterworfen  ansehen;
während  Böhmen  seinen  Kampf  um  die  Selbständigkeit  1618—1620
mit  dem  Verluste  seiner  Privilegien  bezahlen  mußte,  war  Ungarn,
das  sich  viel  länger  gewehrt,  das  sich  viel  unbotmäßiger  benommen
hatte,  leicht  davongekommen;  es  behielt  eine  Sonderstellung,  die  ihm
alle  Vorteile  der  Verbindung  mit  den  österreichischen  Ländern  sicherte,
  ohne  es  irgendwie  zu  belasten,  denn  an  Geld  und  an  Soldaten
haben  die  Ungarn  wenig  geleistet.  Österreich  hatte  es  mit  seinem
Herzblute  erobert  und  verteidigt,  ohne  kaum  Vorteile  davon  zu  haben.
  Immer  wieder  wurden  in  jenen  Jahrzehnten  des  siebzehnten
        <pb n="126" />
        118  Kaiser  Leopold  I.  6  1
Jahrhunderts  die  Hilfsquellen  der  anderen  Provinzen  für  den  Kampf
in  Ungarn  verwendet,  die  meisten  Regimenter,  die  besten  Generale
hingesandt;  es  war  Herzenssache  für  Leopold,  diesen  Krieg  siegreich
zu  beenden,  während  der  Kricg  am  Rhein  stiefmütterlich  behandelt
wurde  und  die  Habsburger  immer  meinten,  dort  solle  ihre  Stellung
von  anderen,  vom  Reich,  von  den  Gegnern  Frankreichs  verteidigt
werden.  Und  doch  waren  es  wichtige  Interessen,  die  in  Frage
standen.

Wir  wissen  bereits,  daß  die  Großmannssucht  des  französischen  Königs,
  der  Wunsch  nach  den  natürlichen  Grenzen  Frankreichs  große
Kämpfe  entfacht  hatte.  In  zwei  Kriege  wird  der  Kaiser  als  Oberhaupt
  des  Reiches,  als  Herr  der  Vorlande  verwickelt.  Sie  enden  mit
den  Friedensschlüssen  von  Nymwegen  und  Rijswyck.  Zwei  Namen,
die  recht  charakteristisch  klingen  „nimm  weg“  und  „reiß  weg“;  beide
Male  sind  kostbare  Landstriche  an  Frankreich  verlorengegangen.  Im
ersten  Frieden  erhielt  Ludwig,  abgesehen  von  wichtigen  niederländischen
  Plätzen,  die  Freigrafschaft  —  Franche  Comté  —  und  Freiburg,
den  Hauptort  im  Breisgau,  zugleich  ein  bedeutender  militärischer
Platz,  am  Einlaufe  der  Dreisam  in  den  Rhein.  In  den  folgenden
Friedensjahren  ist  dann  Ludwig  am  gewalttätigsten  vorgegangen,
durch  die  überrumpelung  von  Straßburg,  die  Einnahme  von  Luxemburg,
  die  Besetzung  von  Trier.  Er  hielt  damals  das  Reich  für  völlig
ungefährlich  und  zwang  es  zu  einem  Waffenstillstande.  Er  hatte  aber
den  Gegensatz,  der  allenthalben  gegen  ihn  vorhanden  war,  stark
unterschätzt;  er  verlor,  wie  wir  wissen,  die  brandenburgische  Allianz,
er  hat  besonders  1688  einen  Gegner  gegen  sich  erstehen  sehen,  den  er
gleichfalls  in  törichter  Weise  mißachtet  hat:  Wilhelm  von  Oranien,
der  Urenkel  jenes  ersten  großen  Oraniers,  besteigt  den  englischen
Thron  und  mobilisiert  nun  alle  englischen  und  holländischen  Kräfte
gegen  Frankreich.  Als  jetzt  Ludwig  unter  fadenscheinigstem  Vorwande
  bis  nach  der  Pfalz  seine  Raubzüge  ausdehnt,  bricht  ein  gewaltiger
  Krieg  los.  Wohl  werden  die  pfälzischen  Lande  greulich  verheert,
aber  Ludwig  unterliegt  doch  der  Koalition,  die  sich  gegen  ihn  gebildet
hat;  1697  muß  er  den  größten  Teil  der  Reunionen  zurückgeben  und
behält  nur  das  Elsaß  mit  Straßburg;  dafür  bekommt  der  Kaiser
Freiburg  und  Philippsburg  wieder.  Man  hat  damals  dem  Kaiser
vorgeworfen,  daß  er  Straßburg  selbst  ausgeliefert,  indem  er  nicht
rechtzeitig  Frieden  schloß,  und  daß  er  lieber  seine  Stadt  Freiburg
zurücknahm,  als  daß  er  durch  ihr  Opfer  den  Rückfall  von  Straßburg
erkauft  hätte.  Man  wird  diese  Beschuldigung  ablehnen  dürfen;  sie
        <pb n="127" />
        Käimpfe  gegen  Frankreich  119

jedoch  zugleich  als  Symptom  auffassen  können  für  die  veränderte
Stellung  der  Habsburger  zum  Reiche;  sie  waren  es  müde  geworden,
stets  die  Zeche  der  Friedensschlüsse  zu  zahlen,  wie  es  Leopold  eben
wieder  in  Nymwegen  durch  Freiburgs  Abtretung  hatte  tun  müssen,
sie  haben  einmal  mit  Erfolg  das  Gegenteil  versucht.

Schwer  empfand  man  diese  Haltung  des  Kaisers  im  Reiche,  namentlich
  als  dann  in  einer  besonderen  Klausel  des  Friedens  mit  Frankreich
  bestimmt  wurde,  daß  in  den  von  Frankreich  zurückgegebenen
deutschen  Landesteilen  die  katholische  Religion,  die  von  Ludwig  XIV.
dort  zwangsweise  zur  Herrschaft  gebracht  worden  war,  ungestört  weiter
  bestehen  sollte;  die  sogenannte  Rijswycker  Klausel,  die  plötzlich
den  protestantischen  deutschen  Fürsten  es  wieder  klar  vor  Augen
führte,  welch  eine  Welt  sie  von  dem  katholischen  Leopold  trennte!
Während  das  Reich  und  die  Seemächte  fast  allein  den  kaiserlichen
Krieg  gegen  Frankreich  geführt  hatten,  war  dem  Kaiser  die  Eroberung
  von  Ungarn  geglückt  und  jetzt  erntete  er  noch  unverdiente  Vorteile
  im  Friedensschlusse,  war  das  billig?  Schwer  empfand  man  den
Verlust  Straßburgs,  wegen  der  überaus  wichtigen  Stellung  dieser
Stadt  am  Rhein;  gestützt  auf  Straßburg,  auf  zwei  weitere  Forts,
die  Ludwig  XIV  am  Oberlauf  des  Flusses  anlegte,  Fort  St.  Louis
und  Hüningen,  konnte  Frankreich  jederzeit  ungehindert  seine  Truppen
  über  den  Strom  werfen;  die  benachbarten  Länder  Pfalz,  Trier,
Köln,  sie  waren  offen  gegen  Frankreich,  der  Rhein  schützte  sie  nicht
mehr.  War  das  der  deutsche  Kaiser,  der  Hüter  und  Mehrer  des  Reiches
  sein  sollte?

Im  engsten  Zusammenhange  mit  dieser  alten  Feindschaft  zwischen
den  Häusern  Habsburg  und  Bourbon  stand  jetzt  der  Streit  um  die
spanische  Erbschaft.  1665  war  König  Philipp  IV.  von  Spanien  gestorben;
  er  hatte  ein  kleines  Söhnchen  hinterlassen,  Karl,  das  die
Arzte  als  nicht  lebensfähig  bezeichnet  haben.  Das  Kind  hat  den  Ausspruch
  der  Mediziner  Lügen  gestraft,  indem  es  noch  volle  fünfunddreißig
  Jahre  am  Leben  blieb  und  als  König  Karl  II.  in  Spanien,
Amerika,  Italien  und  den  Niederlanden  regierte.  Freilich  nur  dem
Namen  nach,  ein  grämliches  Leben  führend,  ohne  Freuden  und  ohne
Glück,  von  anderen  beherrscht,  noch  mehr  von  seinem  kranken  Körper,
von  seinem  ungesunden  Geiste  unterjocht,  was  in  schrecklichen  Visionen,
  die  leicht  von  der  Umgebung  auszunützen  waren,  seine  Kußerung
  fand.  Nach  zweimaliger  Verheiratung  des  Königs  war  es  bald
klar,  daß  er  auf  keine  Nachkommenschaft  zu  hoffen  hatte;  damit  waren
  die  spanischen  Habsburger  dem  Aussterben  bestimmt,  wer  sollte
        <pb n="128" />
        120  Kaiser  Leopold  I.

nun  die  kostbare  Erbschaft  antreten?  Diese  Frage  hat  die  europäische
  Diplomatie  während  der  ganzen  Lebenszeit  des  letzten  Königs
von  Spanien  aus  dem  Geschlechte  Philipps  des  Schönen  und  Johannas
  der  Wahnsinnigen  beschäftigt.

Als  nächste  Berechtigte  stellten  sich  die  Häupter  der  beiden  Familien
  Bourbon  und  Habsburg  dar;  zahlreiche  Heiraten  hatten  die
Verwandtschaft  des  spanischen  Königshauses  mit  der  ersteren  vermittelt,
  mit  der  letzteren  verstärkt.  Während  seiner  ganzen  Regierung
  hat  Ludwig  XIV.  auf  diese  Erbschaft  hingearbeitet  und  auch  Leopolds
  Minister  haben  mehr  oder  minder  geschickt  mit  dieser  Eventualität
  gerechnet.  Der  europäischen  Diplomatie,  soweit  sie  damals  in
Betracht  kam,  also  vor  allem  der  englischen  und  holländischen,  war
es  gefährlich  geschienen,  das  gesamte  ungeheuere  Reich  einem  einzigen
  Potentaten  zuzuweisen;  sowohl  der  deutsche  Kaiser  und  Erbherr
  von  Österreich,  Ungarn  und  Böhmen,  als  auch  der  König  von
Frankreich  wären  durch  den  Heimfall  von  Spanien,  Amerika,  Italien
  und  der  Niederlande  zu  mächtig  geworden;  Frankreichs  Stellung
  zur  See  wäre  dadurch  besonders  gestärkt  worden;  die  Hollän—
der  vor  allem  wären  Gefahr  gelaufen,  ins  Meer  geworfen  zu  werden.
So  wurden  die  verschiedensten  Teilungspläne  am  grünen  Tische  vorgenommen
  1668,  1698,  1699,  ohne  Rücksicht  darauf,  was  die  zunächstbeteiligten
  Spanier  dazu  sagen  würden.  Einen  Augenblick  lang
schien  noch  ein  anderer  Ausweg  gefunden  zu  sein.  Wir  erinnern  uns
der  einzigen  überlebenden  Tochter  Kaiser  Leopolds  aus  seiner  Ehe
mit  der  spanischen  Margarete;  diese  Prinzessin,  Marie  Antonie,  hatte
sich  mit  dem  Kurfürsten  Max  Emanuel  von  Bayern  vermählt  und
war  bei  der  Geburt  eines  Söhnchens,  Ferdinand  Joseph,  im  Wochenbett
  gestorben.  Auf  diesen  jungen  Prinzen  richteten  nun  die  Diplomaten
  ihre  Blicke,  ihn  wählten  die  Spanier  zu  ihrem  künftigen
Könige;  abgesehen  von  kleinen  Abfindungen  an  Osterreich  und
Frankreich  sollte  er  das  ungeteilte  Reich  beherrschen.  Sein  ehrgeiziger
  Vater,  der  Bayernfürst,  frohlockte  über  die  Aussichten,  die  ihm
die  Rangerhöhung  des  Knaben  eröffnen  würde;  er  sungierte  bereits
als  spanischer  Statthalter  in  den  Niederlanden,  fühlte  sich  am  ausgelassenen
  Hofe  von  Brüssel  sehr  wohl  und  gedachte  auf  irgendeine
Weise  eine  Königskrone  zu  ergattern.  Da  starb  der  junge  Kurprinz,
erst  zwölfjährig,  an  den  Blattern,  und  der  ganzen  Liebe  Müh'  war
umsonst  gewesen.  Aufs  neue  beginnt  der  Wettlauf  der  Gesandten  am
Bette  des  sterbenden  Königs  von  Spanien;  da  man  in  Wien  und
Paris  nicht  allzu  begehrlich  erscheinen  wollte,  so  wurde  die  Erbschaft
        <pb n="129" />
        Die  spanische  Erbfolgefrage  121

nicht  für  die  regierenden  Häupter  und  ihre  voraussichtlichen  Nachfolger
  gefordert,  sondern  für  die  Nicht-Thronfolger;  Kaiser  Leopold
wollte  seinem  zweiten  Sohne  Karl,  Ludwig  XIV.  seinem  zweiten  Enkel,
  dem  Herzoge  von  Anjou,  die  Erbschaft  verschaffen.  Auf  die  Intrigen
  in  Madrid,  die  jetzt  zu  spielen  begannen,  kann  hier  nicht  eingegangen
  werden:  den  Sieg  erfochten  die  Franzosen;  als  Karl  II.
Ende  1700  endlich  sein  kümmerliches  Leben  beendete,  fand  sich  ein
Testament  vor,  das  den  französischen  Prinzen  zum  Erben  einsetzte.
Ohne  Rücksicht  auf  die  vorhergegangenen  Renunziationen,  Teilungstraktate
  nahm  Ludwig  XIV.  die  Erbschaft  für  seinen  Enkel  an,  schon
Anfang  1701  huldigte  Spanien  diesem  als  König  Philipp  V.
Langsam  wurde  der  Widerstand  gegen  diesen  Staatsstreich  organisiert,
  mühsam  die  Frage  des  Reichskriegs  in  Fluß  gebracht;
durch  günstige  Verträge,  über  deren  Inhalt  noch  ein  Wort  zu  reden
sein  wird,  waren  die  maßgebenden  deutschen  Fürstenfamilien  der
Welfen,  Hohenzollern,  Wettiner  gebunden,  die  kaiserliche  Politik  zu
unterstützen,  obwohl  sie  kaum  ein  Interesse  daran  hatten,  die  Macht
der  Habsburger  zu  mehren.  Die  Seemächte,  von  denen  England
noch  besonders  gereizt  wurde  durch  die  törichte  Unterstützung,  die  damals
  Ludwig  den  entthronten  Stuarts  angedeihen  ließ,  rüsteten
ebenfalls,  um  Frankreichs  Macht  in  engeren  Grenzen  zu  halten.
Portugal  wurde  später  noch  gewonnen  und  so  beginnt  1702  der
große  Krieg  gegen  Ludwig  XIV.  und  Philipp  V.  Glänzende  Siege
haben  im  Verlaufe  desselben  die  Verbündeten  errungen  bei  Turin,
Höchstädt,  Ramillies,  Oudenaarden,  Malplaquet,  Villa-Viciosa,
und  als  Kaiser  Leopold  1705  seine  Augen  schloß,  da  konnte  er  noch
die  Hoffnung  hegen,  es  würde  möglich  sein  für  Erzherzog  Karl,
Karl  III.  von  Spanien,  wie  er  sich  nannte,  die  ganze  spanische  Monarchie
  zu  erobern;  und  doch  hatte  sich  damals  durch  den  Verlauf
des  Krieges  bereits  gezeigt,  was  dem  Anjon  zu  entreißen  sein  würde
und  was  nicht:  in  Spanien  hatte  er  festen  Fust  gefaßt  und  wußte
immer  seine  Hauptstadt  wiederzugewinnen,  mit  dem  Hauptlande
würden  wohl  auch  die  überseeischen  Kolonien  gehen;  dagegen  blieben
  ihm  die  europäischen  Nebenländer,  Niederlande  und  Italien,
verloren.  Energisch  wurde  der  Krieg  auch  durch  Leopolds  Nachfolger,
  Kaiser  Joseph  I.,  fortgeführt.  Friedensverhandlungen  setzten
voll  ein;  sie  führten  zu  keinem  Resultate.  Da  kam  von  England  her,
durch  innere  Verhältnisse  veranlaßt,  der  Umschwung.  Und  während
da  geheime  Verhandlungen  geführt  wurden,  starb  Joseph  plötzlich  im
besten  Mannesalter  an  den  Blattern  (1711);  er  war  ohne  männliche
        <pb n="130" />
        122  Kaiser  Leopold  I.

—  ——  —  —  —

Nachkommen;  sein  Bruder  Karl  ist  sein  Erbe  in  Österreich,  im
Reich,  aus  dem  König  Karl  III.  wird  ein  Kaiser  Karl  VI.  Beide
Würden  scheinen  nicht  vereinbar,  da  war  die  Gefahr  einer  Vereinigung
  so  ungeheurer  Machtmittel  in  einer  Hand  wieder  vorhanden.
Die  Folge  ist  dann  der  Ausgleich,  der  Friede,  auf  Grund  jener  eben
angedeuteten  Teilung,  geschehen  zu  Utrecht  Anno  1713;  vom  Kaiser,
  der  allein  gelassen,  den  Krieg  noch  fortsetzte,  bestätigt  zu  Rastatt
  1714.  An  Österreich  kamen  die  belgischen  Niederlande,  Mailand,
Neapel,  die  Insel  Sardinien.  Letztere  wurde  dann  einige  Jahre
später  gegen  die  Insel  Sizilien  ausgetauscht.  Für  das  Reich  wird
der  letzte  Friede  von  Rijswyck  bestätigt.  Damit  ist  der  Kampf  um
das  spanische  Erbe  beendet.

In  Deutschland  waren  unmittelbar  vor  dem  Kriege  wichtige  Veränderungen
  vor  sich  gegangen,  deren  wir  hier  noch  gedenken  müssen.
Eine  Reihe  von  Geschlechtern  war  da  zu  besonderer  Bedeutung  gelangt,
  hatte  sich  aus  der  Menge  der  deutschen  Fürsten  hervorgehoben:
  abgesehen  von  den  Habsburgern  die  Wittelsbacher,  Welfen,
Wettiner  und  Hohenzollern;  ihr  Schicksal  müssen  wir  kurz  betrachten.
  Bayern  hatte  sich,  wie  eben  angedeutet  worden  ist,  ganz  der
französischen  Sache  angeschlossen  und  einen  anderen  Kurstaat,  in
dem  gleichfalls  ein  Wittelsbacher  regierte,  Köln,  mitgerissen;  Max
Emanuel  hatte  sich  davon  eine  bedeutende  militärische  und  politische
Stellung  versprochen;  er  war  ein  ehrgeiziger,  lebenslustiger  Herr,
der  gerne  eine  Königskrone  getragen  hätte.  Das  Schicksal  entschied
aber  gegen  ihn;  statt  neues  Land  zu  gewinnen,  fiel  zeitweise  sein  Kurfürstentum
  ganz  in  österreichische  Hände,  er  wurde  vom  Kaiser  geächtet.
  Vergebens  versuchte  er  dann  beim  Friedensschlusse  eine  Landvergrößerung
  und  Rangerhöhung  zu  erreichen,  etwa  Limburg  oder
Luxemburg  oder  die  Insel  Sardinien  mit  der  Königskrone;  er  mußte
auf  beides  verzichten  und  zufrieden  sein,  daß  ihm  die  Freundschaft
Luhwigs  XIV.  und  die  Unlust  der  Fürsten,  Osterreich  durch  bayrisches
Gebiet  stark  vergrößert  zu  sehen,  sein  Land  und  seine  Würde  wieder
zurückgab.  Die  Zeiten  waren  doch  vorüber,  da  ein  Kaiser  ungescheut
seine  Vasallen  in  die  Reichsacht  erklären  und  über  ihr  Land  verfügen
konnte.  Die  Wittelsbacher  waren  leer  ausgegangen;  besser  sollte  es
den  anderen  Geschlechtern  ergehen.

Die  Welfen  hatten  ihren  Besitz  konzentriert;  eine  große  Linie  war
aus  drei  kleinen  zusammengeschweißt  worden,  und  dieses  Fürstenhaus
  erreichte  trotz  heftigen  Widerstandes  der  Mitfürsten  1692  die
Erhebung  in  den  Kurfürstenstand.  Da  die  böhmische  Kurstimme,  ab-
        <pb n="131" />
        Wittelsbacher,  Welfen,  Wettiner,  Hohenzollern  123
gesehen  von  den  Kaiserwahlen,  in  den  letzten  Jahrhunderten  „geruht“
  hatte,  wurde  dadurch  die  bisherige  katholische  Mehrheit  im
Kurfürstenkollegium  verändert;  den  Katholiken  Mainz,  Köln,  Trier,
Bayern  standen  jetzt  die  Protestanten  Pfalz,  Sachsen,  Brandenburg,
Hannover  gegenüber.  Um  den  Katholiken  wieder  die  Mehrheit  zu  sichern,
  wurde  gleichzeitig  die  „Readmission“,  die  Wiederbelebung  der
böhmischen  Stimme  auch  in  anderen  Reichsangelegenheiten  beantragt.
  Nach  langen  Kämpfen  gelang  es,  beides  im  Reichstage  durchzusetzen.
  Daß  es  möglich  war,  so  einschneidende  Veränderungen
durchzuführen,  zeigt  zur  Genüge,  wie  wenig  Bedeutung  damals  dem
Reichstage  geblieben  war.  Dem  neuen  Kurfürstentum  Hannover
winkte  bald  eine  noch  größere  Standeserhöhung;  da  die  katholischen
Stuarts  aus  England  verbannt  blieben,  wurde  Georg  Ludwig,  Kurfürst
  von  Hannover,  der  nächstberechtigte  protestantische  Anwärter
auf  den  englischen  Thron  und  in  der  Tat  bestieg  er  ihn  dann  als
König  Georg  I.  1714.

Ebenso  wurden  die  sächsischen  Fürsten  mit  dem  Auslande  verknüpft;
  Friedrich  August  I.,  von  dem  wir  noch  mehr  hören  werden,
setzte  durch  viel  Geld  und  Intrigen  aller  Art,  nicht  zuletzt  durch
seinen  Übertritt  zur  katholischen  Religion,  1697,  seine  Wahl  zum
Könige  von  Polen  durch,  als  welcher  er  August  II.  heißt.

Angesichts  dieses  Ehrgeizes,  der  die  Fürstengeschlechter  Deutschlands
  durchzog,  konnte  Kurfürst  Friedrich  IIII.  von  Brandenburg
nicht  rasten.  Er  hatte  sich  bald  nach  seiner  Thronbesteigung  die  tiefe
Demütigung  gefallen  lassen  müssen,  Schwiebus  auf  Grund  seines
heimlichen  1686  geleisteten  Reverses  wieder  zurückgeben  zu  müssen.
Wenig  nühtzte  ihm  die  dabei  gewährleistete  Aussicht  auf  Ostfriesland,
wenig  nützte  ihm,  daß  seine  Unterhändler  bei  der  „Retradition“
von  Schwiebus  ausdrücklich  erklärten,  damit  lebten  die  brandenburgischen
  Ansprüche  auf  Schlesien  wieder  auf;  es  war  eine  Demütigung
und  eine  Niederlage  gewesen.  Dafür  hoffte  er  sich  durch  eine  Titelerhöhung
  schadlos  zu  halten.  Seiner  Prachtliebe  entsprach  der
Wunsch,  einen  königlichen  Hof  zu  führen.  Lange  dauerten  die  Verhandlungen
  darüber;  sogar  der  Papst  griff  ein,  um  vielleicht  damit
auch  einen  Religionswechsel  des  Brandenburgers  zu  erreichen;  sehr
unwillig  war  er,  als  er  sich  dann  in  dieser  Hoffnung  getäuscht  sah.
Verschiedene  Titel  wurden  vorgeschlagen,  König  der  Vandalen  usw.,
bis  endlich  der  Vertrag  mit  dem  Kaiser  fertig  wurde,  in  welchem  dieser
  zugab,  daß  sich  der  Kurfürst  nach  dem  Lande,  das  er  völlig  souverän
  besaß,  König  in  Preußen  nannte,  dafür  aber  —  ebenso  wie
        <pb n="132" />
        124  Kaiser  Leopold  I.

versprach.  Sogar  ins  Ausland,  aus  dem  Reich  heraus,  durften  die
Brandenburger  geschickt  werden,  sie  haben  dann  1704  bei  Turin
durch  ihre  Tapferkeit  die  Schlacht  entschieden.  Am  18.  Januar  1701
hatte  sich  Friedrich  in  Königsberg  die  preußische  Königskrone  aufsetzen
  lassen.

So  gab  es  im  zweiten  Jahrzehnt  des  achtzehnten  Jahrhunderts
einen  König  Friedrich  I.  von  Preußen,  einen  König  August  II.  von
Polen,  einen  König  Georg  I.  von  England:  lauter  deutsche  Fürsten.
Nur  die  Wittelsbacher  waren  durch  ihre  Verbindung  mit  Frankreich
leer  ausgegangen;  erst  hundert  Jahre  später  sollte  ihnen  diese  Politik
  die  erwünschten  Früchte  bringen.

Es  hatten  die  Welfen  sich  mit  England  verbunden,  die  Wettiner
mit  Polen,  die  Wittelsbacher  mit  Frankreich;  die  Habsburger  hatten
Ungarn,  Italien,  die  französischen  Niederlande  erworben,  sie  trugen
sich  noch  viele  Jahre  mit  ernsten  Absichten  auf  Spanien.  Alle  diese
Geschlechter  hatten  sich  mit  dem  Auslande  verheiratet,  einzig  und
allein  die  Hohenzollern  waren  auf  deutschem  Boden  geblieben,  sie  haben
  hier  die  stählende  Kraft  gefunden,  die  sie  für  eine  große  Stellung
in  Deutschland  brauchten.

Zwei  Jahrhunderte  deutscher  Geschichte  sind  an  uns  vorübergezogen;
  der  unbewußte  Versuch  Martin  Luthers,  auf  religiöser  Grundlage
  ein  machtvolles  Deutsches  Reich  zu  gründen,  war  gescheitert  am
dem  Widerstreben  der  Habsburger,  sich  auf  diese  neue  Basis  zu  stellen,
  an  dem  Widerstande  der  deutschen  Fürsten  gegen  eine  starke  Zentralgewalt,
  an  dem  anfangs  leisen,  dann  stärker  werdenden  Bestreben
  des  Auslandes,  die  Parteiungen  im  Reich  zu  mehren.  Immer
weiter  gehen  diese  drei  Richtungen  der  deutschen  Geschichte.

Die  Habsburger  werden  mehr  und  mehr  aus  Deutschland  hinaus
vom  Westen  nach  dem  Osten  gedrängt;  sie  bleiben  katholisch  und  begründen
  eine  umfangreiche  Hausmacht,  die  aber,  aus  den  verschiedensten
  Ländern  und  Völkern  bestehend,  dadurch  allein  schon  den
Keim  der  Schwäche  in  sich  trägt.  Monarchen  voller  Pflichttreue,  aber
ohne  große  geistige  Bedeutung,  besonders  in  Geldsachen  unerfahren
und  unglücklich,  haben  sie  die  Mission  Österreichs  in  Deutschland  nicht
erkannt,  oder  als  etwas  Selbstverständliches  unterschätzt.  Die  deutschen
  Fürsten  wahren  dem  schwach  und  schwächer  werdenden  Kaisertume
  gegenüber  ihre  Hausmacht  und  ihr  Hausrecht;  sie  werden  selb-
        <pb n="133" />
        Ergebnisse  I  125

ständig,  machen  große  Politik,  organisieren  ihre  eigenen  Heere,  treiben
  eigene  Finanzwirtschaft  und  lösen  ihre  Staaten  aus  alter  Verbindung
  mit  dem  großen  Organismus  des  Reiches  los.  Das  Ausland,
  Frankreich,  England,  Holland,  Dänemark,  Schweden  hat  sich
in  deutsche  Verhältnisse  einzumischen  verstanden  und  hier  festen  Fuß
gefaßt.  Fast  ausschließlich  waren  es  der  Westen  und  Teile  des  Nordens
  von  Europa,  die  da  eingegriffen  haben;  der  Osten  tritt  erst  in
der  Zeit,  mit  der  dieser  Band  abschließt,  mehr  in  den  Vordergrund,
in  einer  Macht,  die  dann  in  den  kommenden  Jahrhunderten  gewaltigen
  Einfluß  nehmen  wird  auf  die  Geschicke  Europas:  Rußland.

Deutschland  zerfällt  in  einzelne  Staaten;  die  Begriffe  deutsch,
österreichisch  decken  sich  nicht  mehr.  Osterreich  wird  zum  Ausland  und
ein  anderer  deutscher  Staat  soll  seine  Erbschaft  antreten.  Noch  ist  es
ungewiß,  welcher?  aber  schon  deutet  sich  die  einstige  Größe  Preuhens
  an.

———
        <pb n="134" />
        Personenregister.

schweig,  Administrator
von  Halberstadt  48,  56
Albrecht  I.,  Kaiser  103  Christine,  Königin  von
Albrecht  II.,  Kaiser  103  Schweden  93,  101
Albrecht,  Erzherzog  107  Clandia  Felicitas,  Kaise-Albrecht,
  Erzbischof  von  rin  110,  115

Mainz  9,  10  Clemens  VI,  Papst  10
Albrecht  V.,  Herzog  von  Clemens  VII,  Papst  19,  20

Bayern  72—75
Aldringen,  Graf  Johann  69,  70

70  Correggio  108
Cotta,  Ursula  5

Adelheid,  Kurfürstin  von
Bayern  111,  112

Anna,  Kaiserin  109

Anna,  Herzogin  von  Crotus,  Rubianus  13
Bayern  73  Cues,  Nikolaus  von  4
Argm  gohen  n  Georg  von  Desllen,  Hans  Georg,

Arzt,  Sybille  39  Freiherr  99
Artpeng,  Fürst  Johann  Deveroux,  Walter,  Haupt-Weickardt
  114  mann  70

Dorothee,  Kurfürstin  von
Brandenburg  101

Bernhard  von  Chiemsee  3  Dürer,  Albrecht  39,  108
Bernhard,  Herzog  von  Eck,  Dr.  Johann  10,  11
Sachsen-Weimar  65,  66  Eck,  Leonhard  von  73
Bethlén,  Fürst  Gabriel  Eggenberg,  Fürst  Johann
48,  56  Ullrich  62,  63  »
Bodenstein,  Andreas,  ge=  Eleonore  Gonzaga  d.  N.,

Barvitius  108

nannt  Karlstadt  11,  26

Bostius  108

ommern  89
Bonifaz  VIII.,  Papst  8
Bora,  Katharina  26,  28
Bouquoy,

tura  Longueval  49
Brahe,  Tycho  de  108
Breughel,  Jan  107
Bubna,  Oberst  Johann  67
Butler,  Walter,  Oberst  70

Kaiserin  110

El  Go  d.  J.,
Bogislav,  Herzog  von  gonore  Gonzaga  d.

Kaiserin  110

Eleonore  von  Pfalz-Neuburg,

  Kaiserin  116

Elisabeth,  Königin  von
raf  Bonaven-  sabehh,  "6

#  Erasmus  von  Rotterdam

Böhmen  47,  49,  56

13,  26

#  Ernst,  Erzherzog  106,  106

Ernst,  Graf  von  Mansfeld
  48,  66,  58

Ferdinand
110,  11

Ferdinand  IV.,  König  110,
111

III,  Kaiser  86,

Ferdinand  von  Tirol,  Erz-Collalto,

  Graf  Rainbold

herzog  50,  104
Ferdinand,  Kardinal-Infant
  von  Spanien  67
Ferdinand  Maria,  Kurfürst
  von  Bayern  111
Ferdinand,  Kurprinz  von
Bayern  120
Frangipan,  Graf  Franz
Christoph  116
Franz  I.,  König  von
Frankreich  19,  116
Franz,  Herzog  zu  Lauenburg
  64
Franz  Taver,  Hl.  73
Fridag,  Freiherr  Franz
Heinrich  96,  100
Friedrich  der  Schöne  von
Osterreich  72,  103

Friedrich  Barbarossa,  Kaiser

  71
Friedrich  III.,  Kaiser  103
Friedrich  I.,  Kurfürst  von
Brandenburg  86
Friedrich  Wilhelm,  Kurfürst
  von  Brandenburg
85,  90—102,  111,  112
Friedrich  I.,  König  von
Preußen  96,  97,  101,
102,  123,  124
Friedrich  II.,  König  von
Preußen  88
Friedrich  der  Weise,  Kurfürst
  von  Sachsen  3,  26
Friedrich  August,  Kurfürst
von  Sachsen,  König  von

Eugen,  Prinz  von  Sa-Calcum,

  Johann  Friedrich  vonen  114.  117  Polen  123,  124
von  80  ECyche'von  Repgowe  25  Friedrich  V.,  Kurfürs  v.
Calvin,  Johann  13,  26,  d.  Pfalz,  König  von
27,  45  Ferdinand  I.,  Kaiser  19,  Böhmen  47—40,  56,
Canisius,  P.  Peter  74  20,  40,  44,  69,  73,  7419,  60,  62
Tellarius,  M.  20  103,  104,  108,  109,  115  Friedrich,  Prinz  von  Homitt
  Familie  36  Ferdinand  II.,  Kaiser  47burg  99
Christian  IV.,  König  von  48,  51,  52,  58—  60,  Fugger,  Familie  10,  14,

Dänemark  56

—  62—64,  67—70,  77,  29,  37,  38,  40
Christian  von  Braun-78,

  80,  84,  88,  109,  1101  Fugger,  Andreas  37
        <pb n="135" />
        —-Fugger,

  Anton  41

Ingger,  Georg  39

Jugger,  Hans  37

Fugger,  Jakob  1  37

Fugger,  Jakob  II  37—39,
4

Fugger,  Johann  Jakob  75

Fugger,  Marcus  41,  42

Jessenius,  Dr.  Johann  108

Personenregister

Innocenz  XII.,  Papst  123
Joachim  I.,  Kurfürst  von
Brandenburg  9
Johann  Friedrich,  Kurfürst
  von  Sachsen  43
Johann  Georgl.  Kurfürst
v.  Sachsen  47,  60,  63,  65

Fugger,  Ulrich  d.  A.  37  Johann  Georg,  Fürst  von
Fugger,  Ulrich  d.  J.  38

Gallas,  Graf  Matthias
67,  69,  70

Georg  I.,  König  von  England
  123,  124

Georg  der  Bärtige,  Herzog
von  Sachsen  11

Georg  Friedrich,  Markgraf

  von  Jägerndorf  48,

490,  56,  59

Georg  Friedrich,  Graf  von

Waldeck  101

Georg  Wilhelm,  Kurfürst
von  Brandenburg  60,
61,  89,  91

1

l
i

Gordon  Johann,  Oberstleutnant

  76
Greifenklau,  Richard  von,

Erzbischof  von  Trier  11
Gustav  Adolf,  König  von

Schweden  58,  60—66

Hans  von  Lachen  107

Harrach,  Isabella  Gräfin
s.  Waldstein

Haßler,  Hans  Leo  108

Heinrich  II.,  König  von
Frankreich  37

einrich  IV.,  König  von
Heinrich  bong  #n  Karl,  Markgraf  von  Bur-Frankreich

  46,  56,  61
Heinrich  VIII.,  König  von
England  33
Heinrich,  Herzog
Braunschweig  28
Heinrich,  Herzog  von  Liegnitz
  42
Hochseter  Familie  37
Hufnagel,  Georg  107
Hus,  Johann  11,  12
Hutten,  Ulrich  von  13,  23

Jakob  I.,  König  von  England

  47,  48

¾l
"

—

1.
l

Karl  X.,  König  von  Schwe-Karl
  XI.,

von  Karl  Albrecht,  Kurfürst

Anhalt  96,  99
Johann  Sigismund,  Kurfürst

  v.  Brandenburg  89
Johanna,  Königin  von

Spanien  103,  108,  120
Joseph  I.,  Kaiser  117,  121
Isabella,  Infantin  107
Inana,  Infantin  106
Julius  II.,  Papst  6,  7

Kalkstein,  Graf  Christian
Ludwig  98

Kara  Mustafa,  Großwesir
116

Karl  IV.,  Kaiser  25

Karl  V,  Kaiser  14,17—20,
38,  40,  43,  44,  59

Karl  VI,  Kaiser  103,  104,
107,  108,  121,  122

Karl  II.,  König  von  Spanien
  119—121

den  93

König  von
Schweden  93

Karl  XII.,  König  von
Schweden  93

Karl  von  Steiermark,  Erzherzog
  104,  109

gau  50
Karl,  Herzog  von  Lothringen
  114

von  Bayern  12

Karl  Emil,  Kurprinz  101

Karl  Ludwig,  Kurfürst  v.
d.  Pfalz  80

Kaunitz,  Graf  Leopold
Wilhelm  170

Kepler,  Johann  53,  108

Khlesl,  Melchior,  Bischof
4  =

127

—  —  ———...-Lamormain,

  P.  59

Lang,  Piilipp  108

Leo  X.,  Papst  7,  38

Leopold  I,  Kaiser  95,  97,
102,  110—122

Leopold  Wilhelm,  Erzherzog
  111

Leslie,  Graf  Walter  70

Liechtenstein,  Fürst  Karl

49,  61,  54

Lisola,  Freiherr  Franz
Paul  115

Lobkowitz,  Popel  von  109

Lobkowitz,  Fürst  Wenzel
114,  116

Louise  Henriette  von  Oranien
  101

Loyola,  Jüigo  de  73

Ludwig  II.,  König  von

Böhmen  40,  104

Ludwig  der  Bayer,  Kaiser
72

Ludwig,  Markgraf  von
Baden  114,  117

Ludwig  XIV.,  König  von
Frankreich  94—97,  100,
111,  114,  116,  118—122

Luther,  Hans  4,  5

Luther,  Martin  1,  3—8,
10—23,  25—29,  32,
39,  43,  45,  50,  73,  74,
124

Margaretha  Theresia,  Kaiserin
  115,  120

Maria  d.  N.,  Kaiserin  104,
109

Maria  d.  J.,  Kaiserin  110

Maria,  Erzherzogin  von
Steiermark  109

Maria  Anna,  Keiserin
109,  110

Maria  Anna,  Kurfürstin
von  Bayern  112

Maria  Antonia,  Kurfürstin
  von  Bayern  115,
120

Maria  Eleonora,  Königin
von  Schweden  90

Maria  Stuart  46

Matthias,  Kaiser  46—48,
51,  109
        <pb n="136" />
        128  Personenregister

Maximilian  I.,  Kaiser  103  Rakocsh,  Franz  117
Maximilian  II.,  Kaiser  Ratsky  108
104,  105,  107,  110  Riegnard,  Jakob  108
Maximilian,  Kurfürst  von  Kican,  Johann  von  51
Bayern  48,  49,  56,  60,  Ricasoli,  Familie  36
63,  65,  71,  75—82  Richelien,  Kardinal  56,  61
Max  Emanuel,  Kurfürst  Roth,  Hieronymus  97
von  Bayern  111,  112,  Ruccellai,  Familie  36

120,  122  Rudolf  von  Habsburg,
Mazarin,  Kardinal  111,  Kaiser  72,  102,  105
112  NRudolf  II.,  Kaiser  105
Medici,  Familie  36  —109
Melanchthon  12,  28  Rumpf,  Wolfgang  Sigis-Miltitz,
  Karl  von  11  mund  108

Monte,  Philippus  de  108  Rußwurm,  Hermann  von
Montecucculi,  Graf  Rai=  109
mund  38,  114  s
Moritz,  Kurfürst  von  Sadeler,  Aegydius  107
Sachsen  20,  40,  43,  44  Schiller,  Friedrich  von
Müller,  P.  111  ——  71
Schöning.  Hans  Adam  99
Nadasdy,  Graf  Franz  116  Scharing.  pan  Graf
Nekesch,  Ludmilla  von  31  Adam  60.  30.  90,  91

Neumarkt,  Johann  von  25  Schwar
Q  „  zenberg,  Graf  Jo-Nidhard,
  P.  111  167%  Adolf  99

Otto,  Graf  von  Wittels-  S  hweinichen,  Hans  von

bach  71  Scoto-Hieronymus  108
Oxenstjerna,  Axel  65  Sendioog  108
Lachta,  P.  Veit  61  Sickingen,  Franz  v.  13,  23
Philipp  der  Schöne,  Erz=  Sigismund,  Kaiser  86,  103
herzog  103,  108,  120  Sigmund  von  Tirol,  Erz-Philipp
  II.,  König  von  herzog  38
Spanien  40,  46,  103,  Sinzendorf,  Graf  Ludwig
106  114
Philipp  IV.,  König  von

#  Slavata,  Heinrich  von  50
Spanien  119  Smifkicky,  Margarethe  von

Philipp  V.,  König  von  50
Spanien  121  Sobiesli,

Philivp,  Landgraf  von
besen  43  S

Piccolomini,  Gras  Octavio
69,  70

Piloty,  Karl  von  38

Vinelli.  Giovanni  Battista
10

Platen,  Klaus  Ernst  100

Pötting,  Graf  Franz  Eusebius
  114

Fohann,  König
von  Polen  117
parr,  Freiherr
Christoph  99
Spaur,  Katharine  von,
Abtissin  von  Buchau  60
Spranger,  Bartholomäus
Starhemberg,  Graf  Guido

Staupitz,  Johann  P.  6,  11

Portia,  Fürst  Johann  Storch,  Nikolaus  26
Ferdinand  111  Spnozzi,  Familie  36

Pufendorf,  Samuel  98,113  Stübner,  Marcus  26

Otto

Tattenbach,  Graf  Hans
Erasmus  116

Tauler,  Johann  6

Taxis,  Gerhard  von  56

Tetzel,  Johann  P.  8—11

Thurn,  Graf  Heinrich
Mathias  52

Tilly,  Graf  Johann  Tserklaes
  61,  65

Tizian  108

Tököly,  Graf  Emerich  116

Tonner,  Dr.  Johann  105

Trautmannsdorf,  Graf

Max  110

Ulfilas,  Bischof  108

Valla,  Laurentius  13
Vergerius,  Peter  Paul,
Bischof  27

Vinci,  Leonardo  de  108
Vio,  Thomas  de  (Cajetanus,),
  Kardinal  8,  11
Vollmar,  Dr.  Isak  111
Vries,  Adrian  de  107

Wagner,  Franz  P.  113
Wealdstein,  Gräfin  Elisabeth
  70

Waldstein,  Isabella  Gräfin
62,  70

Waldstein,  Katharina  v.  51
Waldstein,  Graf  Wilhelm

4

Wallenstein,  Herzog  von

Friedland  43,  49—60,

62—71.  77—179

Welser,  Familie  37

Welser,  Philippine  50,
104,  109

Wilhelm  IV.,  Herzog  von
Bayern  73

Wilhelm  V.,  Herzog  von
Bayern  73,  76

Wilhelm  I.  von  Oranien
90.  101

Wilhelm  III.  von  Oranien
118

Ziegler,  WMargarethe  4
Zierotin,  Karl  von  51,  52
riny,  Graf  Peter  116
Zwingli,  Ulrich  13,  26,

27,  45

l
        <pb n="137" />
        Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin

DIE  KULTUR  DER  GEGENWAÄAERT

IHRE  ENTWICKLUNG  UND  IHRE  ZIELE
HERAUSGEGEBEN  VON  PROEESSOR  PAUL  HINNEBERG

Teil  II.  Abt.  5,  1:

Staat  und  Gesellschaft  der  neueren  Zeit

(bis  zur  Französischen  Revolution)
VI  u.  340  S.]  Lex.-S.  1908.  Geh.  M.  9.—,  in  Leinwand  geb.  M.  11.—

Inhalt:  F  von  Bezold:  Reformationszeilalter.  —  E.  Gothein:  Zeitalter
der  Gegenreformation.  —  R.  Koser:  Höôhezeit  des  Absolutismus.

„Gedankenreich  und  inhaltsvoll,  daneben  höchst  anzichend  geschrieben,  isl  Bezolds
Essay  als  eine  wertvollc  Eintührung  in  die  ldecnwell  sowie  in  die  stantlichen  und  gesellschaltlichen
  Zuslände  des  Reformationszeilallers  zu  begrüßen  und  zu  emplellen.  Wohl  die  beske
zusammentassende  Darstellung  der  Gesamtgeschichle  Europos  in  dieser  Periode  auf  so  Kurzem
Raume,  unter  Hinweglassung  alles  überllessisen  Delsils  und  scharfer  Zeichnung  der  großen
Züge  der  Entwicklung.  Nichl  nur,  daß  der  Verfasser  vollkommen  seinen  Sioff  beherrscht,
er  weiß  ihm  auch  neue  Cesichlspunkte  abzugewinnen.“  (Deuische  Llteralurzeitung.)

„Es  ist  ein  bedeulsames  Werk,  das  uns  vorliegl,  das  Werk  dreier  Männer,  die,  jeder
auf  seinem  Gebietc,  anerkannt  Hervorragendes  geleistel  haben  und  nun  die  gesicherten
Ergebnisse  langjähriger  eigener  und  fremder  Forschungen  in  abgeklärter,  gediegener  Form
zusammenfassen  und  einem  geschichtlich  inleressierten  Publikum  darblelen.  Die  erei  Telle
des  Werkes  slellen  wohlgesonderte,  in  sich  abgegrenzie  Gebiele  dar,  die  allemal  wenigstens
ein  Jahrhundert  umfassen  und  sich  über  alle  wesenllichen  Betalgungen  des  geschichtflich
bedingten  Menschen  erstrecken.  Aber  die  Bearbeiter  hallen  sich  Kkeincswegs  an  außerliche
und  willkürlich  geseizte  Grenzen,  sondern  indem  sie  ausgeprägle  Richtungen  und  wellhisiorisch
  wichlige  Abwandlungen  darlegen.  spinnen  sie  die  Fäden  dieses  reichen  Gewebes
nach  vorwäris  und  rückwärls,  und  es  erwächst  ein,  soweil  es  unter  solchen  Umsländen
möglich  ist,  einheitliches  Werk.“  (Miellungen  aus  der  hislorischen  Lileratur.)

Ouellensammlung
zur  deutschen  Geschichte

Herausgegeben  von  E.  Brandenburg  und  G.  Seellger
In  zweiter  Auflage  erschienen:

Die  deutschen  Parteiprogramme.  Von  Felix  Salomon

I.  Heft:  Von  1845—1871.  IVIII  u.  112  S.]  gr.  8.  1912.  Steif  geh.  M.  1.80
II.  Heft:  Von  1871—1912.  IVI  u.  136  S.]  gr.  8.  1912.  Steif  geh.  M.  1.80

„Als  politischer  Niederschlag  der  heute  mileinander  ringenden  Wellanschauungen
bilden  diese  Kundgebungen  den  Hintergrund  der  innerpolilischen  Kämpfe  der  jüngsten
Vergangenhell.  Sie  lchren  uns,  daß  die  polilischen  Meinungen  auf  tieleren  Urundanschauungen
  Dasiert  sind,  und  können  So,  wie  der  Uerausgeber  im  Vorwort  sagt,  zu  sachlicher
Wrdigung  politischer  Gegner  anleiten,  .  den  Biück  für  die  Bedin  (neit,  die  Mannigfalllgkelt,
  dle  in  der  Natur  der  Dinge  liegende  Oegensälzilchkeil  der  pollllschen  Beddffnisse
und  Interessen  in  unserem  Valerlande  schärken.  polilische  Voreingenommenheit  und
Unduldsamkeit  bekämpfen  durch  Anleilung  zu  politischer  Bildung“.“  (bie  Gegenwart.)

ANnO  123:  Weber,  von  Lufher  zu  Bismarck.  I.  2.  Aufl.
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
