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        <title>Deutsche Geschichte für Schule und Haus nach den Forderungen der Gegenwart für das Königreich Bayern.</title>
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            <forname>Johann</forname>
            <surname>Friedrich</surname>
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            <idno>weigand_geschichte_bayern_1899</idno>
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        B. Weigand und A. Tecklenburg's 
entsche Geschichte 
für 
  
  
iulle und Haus 
nach 
Forderungen der Gegenwart 
für das 
Koenigreich Zapern 
bearbeitet von 
Dr. Joh. Friedrich, 
Tehrer, in Würzbura. 
  
   
4r# 
lr —#— 
IT STA- 
-s---?dannochs. 
Verlag von Carl Meyer 
(Gustup Prior). 
1899.
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        — — — 
r 
13. 
14. 
15. 
16. 
17. 
18. 
19. 
20. 
21. 
23. 
24. 
25. 
26. 
27. 
28. 
29. 
30. 
51. 
32. 
34. O 
35. 7 
36. 
uAltdeulscher Gottesdienst 
. Der Heerbann und das Gefolge 
. Der Freiheitskampf gegen die Römer 
. Wiedliche Einwirkung Roms auf die alten Deutschen 
Das Donauland unter der Römerherrschaft 
. Völkerbündnisse und Vöikerwanderung 
Die Baernrnr 
1. mhe#stverzeichnis nach Zuoerschnitten. 
— — 
I. Die Zeit des Heidentums. 
. Cand und Leute 
Das altdeutsche Gehöft. . 
Die alldeutsche Hofgenofsenschaft 
.. Seldmark und Markgenofsenschaft 
Der Gau und die Volksgerichte 
II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christentum. 
Ausbreitung und äußere Ordnung der christlichen Kircher 
König Chlodwig gründet das Frankenreich . 
Die Bayern werden Ehriken . .. 
Bonifalius ...... 
Bistümer und Klöster .... 
Itcsilmtetiund Domfchulcn 
Verbesserungenmiser audwntschast 
Die Dorfkirche 
Karl der Große 
Karl erweitert das Frankenreich 
Bayern kommt zum Krankenreiche 
Die Gauverfassung . 
III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
Entwickelung und Art der behensherrschaft 
Die Herrendienste und Königsrechte . 
Das Lehensheer 
Wie das alte deutsche Reich entstand 
Bayern unter den Luitpoldingern 
Messen und Märkte. 
Die ältesten deutschen Städte 
Das Geld 
B. Heinrich J. 
Die Ritter ... . 
die Kreuzzüge nnd ihre Folgen ...-. 
* 
—. 
— 
Segn — 
— — — — 
13 
14 
10 
17 
18 
19 
19 
21. 
22 
23 
271 
26 
27 
28 
28 
29 
zi 
31 
32 
2 
35 
37
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        VIII 
Seite 
37. Die fahrenden Leute Jd 
38. Die Kurfürsten 49 
39. Der alte deutsche Reichsoata 38989 
40. Friedrich Barbarofssa 40 
41Heksmchdek1snwe. .............i«. 
IV. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 
42. Ofto I. von Wittelsbach .. H 
43. Wie das alte deutsche Reich verfiel ....-·i-4- 
44. Die freien Städte . .. U 
45. Die Simonie Ib 
46. Die ersten Stadtschulen. .,........ . 47 
47. Die Herrengerichte 47 
48.Aie5el)deu.....................-.....48 
49. Die Hansa 49 
50...-oldm11md Landsknechte P#tn 
51. Kaiser Ludwig der Boohher 50 
V. Die Zeit der Reformation. 
52. Die Feuerwaffen im Kriege 6 3J3J83 
53. Der erste Hohenzoller in Brandenburg 6 .. ., . 604 
54. Lateinschulen und Universittnn: 55 
55. Dic Buchdruckerkust:t:t:t::: : 55 
56. Die Entdeckung Amerikas 2„é6 
57. Der ewige Landfriede und das Reichsiamniergericht 57 
58. Der gemeine Pfennig .. ... ......5-.-5 
59. Die alte deutsche Rieichspoft 559 
60. Das Mimogeniturgeset in Bayer 599 
61. Hecr= und Steuerwesen in Bayen ½½½½60 
62. Der Firchenstreil . 6d1. 
63. Die Kirchentrenng 1i400p3c3 
64. Die Kirchenschnrltn . . . . . . . 64 
65. Die Bauernkriege 6064 
66. Wie sich Brandenburg und Preußen eint. 1111½06 
VI. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges. 
67. Ursachen des Krieges und die ersten Kämoffeie 6232 
68. Der Krieg in Norddeutschland 9 
69. Gustav Adolfs Zug durch m-m 66659 
70. Der Krieg in Bayerrnn 56609 
71. Die herrenlosen Söldnerscharen ................«71 
72.«LerwektsaltscheNiede.........-.-........."71 
3. Aberglaube und Hexenprozesse 6 12 
74. Kurfürft Marimilian I. von Bayern ........ 73 
VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 
75. Der große Kurfürft von Brandenbbreeg 135 
76. Die Großgüter und der kleinbauerliche Besis 6 
77. Die Haupt- und Landstädte.. 77 
78. Landsiraßen und Landesposten J388 
79. Kurfürst Mar Emanuel von Baen 758 
80. Preußen wird Königreich 8060 
81. König Friedrich Wilhelm 1. von Preußen . 80 
82. Die Anfänge der weltlichen Volksschule.. 871 
83. König Friedrich der Große von Preußen. 2
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        Seite 
84. Die Anfänge der Bauernbefreiung.. 344 
85. Kurfürst Mar III. der Gute von Baeen 835 
86. Die Pfalz wird wieder mit Bayern vereinigtte 85 
VIII. Die Zeit der Fremdherrschaft. 
87. Das Ende des allen deutschen Reichhss 87 
88. Bayern wird ein Konigreich 838 
89. König Friedrich Wilhelm III. von * 88 
90. Preußens Wiedergeburt . . ............d'9 
91. Gottes Strafgericht in Rußland .twr 959591 
IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
92. Die Erhebung des deutschen Volkes 33 
93. Die Schlacht bei Leipzig und die Siege in Frankreich 94 
94. Schlacht bei Watersoo und Ende des Krieges .... ...9:·) 
95. Der Deutsche Bund 56 
96. Krirdenswerke des ersten bayerischen Königs 566 
97. Die allgemeine Wehrpflicht ... ..!—)7 
98. Die Seminare D 8 
99. Die Misiooonr i113 
100. Die Geldwirtschaft W 
10.k.HieOmnpsnmIchine......................US 
102. Droi bayerische Erfinder 6 111D0 
103. Die Essenbahn und der Telegtabh 101000-2 
104. Die Ablösungern . 103 
105. Verteilung und Verkoppelung 11v100004 
106. König Ludwig I. von Baden 11004 
107. König Wilhelm J. von Preußen. 11006 
108. Der Krieg gegen Dänemark .....-..... ....107 
100. Konig Maximilian II. von Bayern 1000000008 
110. Der deutsche Krieg- .................. ....1W 
111. Der Norddeutsche Bund I1IM10 
112. Anlaß und Vorbereitung zum Kriege gegen dtantreich 1I1I 
113. Anfang des Krieges gegen Frankreich 112 
114. Die Schlachten um Metz... 12412 
115. Der Tag von Sedan 6 . 1s413 
116. Ende des Krieges gegen Frankreich .. ...........114 
117. Die Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreics 1I5 
118. Bismarck. Moltke, Roon .1I' 
119. König Ludwig II. von Bayern 111114019 
120. Kaiser Friedrich III. 120 
X. Die Gegenwart. 
121. Das neue deuische Reiheeensnn .122 
122. Kaiser Wilshelm II. Y 123 
123. Das Heer und die Marine . 1444 
124. Reichspost und Reichstrlegrabb. ... 1425 
125. Unsere Gerichte. ..... ....-·.........126 
126. Das Königreich Bayern .. .. 127 
127. i Prinzregent von Bayern 128 
128. Das Haus und die Famileeelllllll . . .. 128 
129. Die Gemeinndeee 129 
130. Das Bezirksamtt... 13331 
131. Der Kreis l3 
132. Unsere Gebühren und Steunn .,....,..... 132
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        I. Inhaltsverzeichnis nach 
Nummer 
I. Das Land. 
Deutschland zur Uurzeit 1 
Umfang des Donaulandes . . .. L 
Bayern wird kultiviert . ..-.-12 
Urbarmachung durch Siedelungen und Rodungen I7 
Die Grenzen des alten deutschen Reiches . 28 
Bildung und Anwachsen der Städte, Wüstwerden kleiner 10 
Ortschaften ........ Hi 
Kolonisation Preußens durcht die Deutschherren ... 36 
Kolonisation Mecklenburgs und Pommerns durch Heinrich 
den Löwen 43 
Verwüstung des Landes durch die Fehden 
Zustand des Landes nach dem 30jfährigen 
II. Das 
Das altdeutsche His 
Die Bistümer und Kloser 
Die Burg- .. ... 
Das Haus der Gegenwart ...... 
48 
v 
Kriege 792 
Haus. 
— 
# — 
——— 
III. Die Familie. 
Altdeutsches Familienleben 
Klosterleben der alten Zeit. 
Christliches Familionleben der Neubetehrten 
Mitterleben .. 
Mittelalterliches Städteleben. 
Das Leben in den verderbten Klöstern. 
Unufer Famillenleben. .... 
1V. Die Vieh= und Feldwirtschaft. 
Feldmark und Markgenossenschaft. 
Die Verbesserungen durch die Romer 
Viehzucht und Getreidebau der Bauern 
Einführung des Roggens . 
10 
Längsschnitten. 
Ahĩchnitt 
— 
— 
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* 
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        Al. 
Nummer Abschnitt 
Die Verbesserungen durch die Klöster I7 1. 2. 
Die Einführung des Buchweizens 36 2. 
Dis Einführung der Karkoffel und des Tabals 56 J. 
Verbe sserung darch die Großgüter 1ff6# 1 
V#eben von Tabaf, Kartoffeln und Hopfen in Bayern 85 1 
Verkeilung und Verkoppellung. 105 
V. Der Bauernstand. 
Der Frieling der alten Zeeeit: «. 3. 
Der Lehensinann ober Meier.. 25 3. 
Die Abgaben der Meiers leule . 26 1 
Der Bauer in der Fehdezet 18 2 
Die Bauernkriegge 6035. 
Der Freibauer des Mittelaltrrs 199060 2. 
Die Anfänge der Bauernbefreing 77 
Vollendung der Bauernbefreinng in Preußen 909090) 3. 
Der landwirtschaftliche Verein in Bayern . . . . . .. 96 1. 
Die Ablofungen . 104 
Der freie Bauer der Gegenwart 109 1. 
VI. Die Adeligen. 
Der Edeling der alten Zeit. ........ 1 
Der Edeling als Herzog des Heerbannes 7 2. 
Der Edeling als Fürst des Gefolges 7 
Herzog, Gau= und Zentgrafen der Bahen 12 3. 
Der Lehensher 25 1. 2. 
Der RNitter 13335 1 
Die Ordensritter J3336 3 
Die Kurfürsen 1J3J38 
Die selbständigen Fürstern 72 2. 
Der Adel in den Städten 44429 1. 
Der Adel in den kirchlichen Amtten 155 1 
Die Raubritter 1 
Dse Hansa im Kampfe # gegen die Nitter . 49 
Die Feuerwassen in ihrer Bedentung für die Ritter 52 3. 
Die Adeligen als Großarundbesiger . . . 76 J. 
Die Reichsfürsren 12s 1. 
VII. Das Gewerbe. 
Das Hauswerk der alten Zeit .......... 3 J. 
Das Hauswerk in den Klösten. 17 1. 2. 
Das Handwerk in den ältesten Städten 31 I. 
Die Zünfte und Gilden in den freien Städten 44 1. 
Beselllgung des Zunftwesens in Baheen 3996 J. 
Die Industrie der Gegenwant 101 1. 2. 
Die Gewerbefreiheit der Gegenwar! 121 2. 
VIII. Der Handel und Verkehr. 
Der römische Kaufmann in Deutschlaoadd 9 
Die Messen und Märkke ..... 0 
Las Giiied 32 
Die Kreuzzügggee 6 2. 
Die fahrenden Leute 6 .. 37 
Die Hansa . .. ... 43959
        <pb n="8" />
        XII 
Nummer Abschnir#t 
Die Buchdruckerkuf 55 3. 4. 
Die Entdeckung Amerikas.. 56 
Die alte deutsche Reichspost . 59 
Landstraßen und Landesposten 38 
Die Geldwirtschft 1900 
Erfindung der Lithographt 102 . 
Erfindung der Stenographie .. 1002 2. 
Die Eisenbahn und der Telegraph ... ....103 
Donau-Main-Kanal und erste Eisenbahn in Bayern 1006 2. 
Ausbau des Eisenbahn= und Telegraphennetzes in Bavern 109 I. 
Reichspost und Reichstelegraoaß))ne 14224 
IX. Dörfer und Städte. 
Die Römerstädie.. . . . . . . 
10 
Die Bischofsstädmttt. 17 r 
Die Kirchdörfer.. 1339920 1. 
Die Burgstäddt ... . 2633 3. 
Die Freistädte.... 441444 1. 2. 
Die Burgdorfer 6 11 .. 468 2. 
Die Fürstenstädte . .. . 7 
Die Verwaltung unjerer Städte und Dörfer 127½ 
X. Die Schulen. 
Dic Kloster- und Domschuklkenu 135 
Die entarteten Klosterschulen 155 2. 
Die ersten Stadtschnlen 106 
Die Lateinschulen und die Üniversitäten 54 
Die Rirchenschulen. 6464 
Die Anfänge der weltlichen. Voltsschule 8232 
Brauns Schulordnung in Bapenln 85 1 
Akademie der Wissenschaften *? « 
Ie»etitiiik1æ....................fis 
Akademische Freihit 130336 4. 
Praparandenschulen in Bayern 1449 . 
Unjere Schulen. . 1#n 1 
Xl. Der Gottesdienst und die christliche Kirche. 
Altdeukscher Goltesdient .......... 6 
Ausbreitung und äußere Ordnung d der christlichen Kirche 13 
Cblodwigs Verdienst um die christliche Kirche. 14 
Die Bavern werden Christen l5 2. 
Bonifatius Verdienst um die christliche Kirche I16 
Bistümer und Klöster 147 
Die Dorfkirche 20 
Die Sachsen werden Ehristen .22 
Verdienste der Ordensritter um die christliche girche. 336 3. 
Heinrichs des Löwen Verdienste um die christliche Kirche 41 3. 
Die Simonie. ...... ... 5 3. 
Kirchenstreit und Knrchentreunung. ...,....... 
Die Mission . . .. M 
ünfere Kirchengemeinden 11131N 3.
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        XNIII 
Nummer Absfschnitt 
XII. Das Gerichtswesen. 
je Volksgerichte . 5 
—— in lateinischer Sprache 144 3. 
Die Konigs-- und Grafengerichht 224 
Der alte deutsche Reichztag ....... .«.....-1J 
Die Herrengerichtt . 47 
Die Fehden 7 18 
Gesetzwerke. Ludwigs des Bayern 51 3. 
Das Reichstammergericht ... ..-.....37 *7 
Das Gesetzbuch Marimilians I1. von Bayern 14 2. 
Kand. und amtsgerichte EI 2. 
Gesetzwerke Friedrichs des Großen. von Preußen 33 6. 
Gesetzbücher des Kurfürsten Mar III. von Bahen 85 * 
Strafgesetzbuch Königs Mar I. von Bahen 96 2. 
Hennung der Kechtspflegee von der Verwaltung 14479 1. 
Die Reichsgesetze ..·. ............1;-’l 3. 
Unfere Gerichtee 125 
Wie die bavertschen Gesetze gemacht werder 1226 3. 
XIII. Die Beamten. 
Die Anfänge des Beamtenstandes 45 6 
1 
,. l 2. 
Tie Gaugrafen .. 33233 3. 
E 
Der Gerichtsvogt des Gutsherrnn. 41427 
Erste Anwälte in Bahen 51 3. 
157 2. 
Advokaten und Gerichtsbeamieeeeeeee 81 2. 
» -- · 125 
Die Lehrer der Univerfitäten und Lateinschulen.. . . 54 
Die Pfarrer der Kirchengemeinden . 64036 
Die Küster (-4 
Die Volksschultehrer' .. 32 98 
Die 2 Distriktsschulinspektoren 130 1. 
Die Kreisschulinspettoren 13s 1. 
Die Seminar= und Präparandenlehrer 5668 
*!k-- D8 
Die Steuerbramen . 2. 
e 
Die Poftbeamten.. 349 78 124 
Die Shausseraufseher .... ....78 
zitecsnenlmhw Armuth-In- und *-“ 103 
Minister und Reichskanzler .. .....1·-«1 1. 
Der Bezirksamimann 130 1. 
Regierungsräte und Regierungspräsident 13341 1. 
Der Gerichtsarzt 55555506 2. 
Der Bezirksarrnt 13330 1. 
XIV. Das Heerwesen. 
Der Heerbann und das Gefolge ............ 
Das Lehenshess 27 
Die Landsknecht 5P50 
Barerisches Heerwesen im Mittelalter .. 61 1. 
Die herrenlosen Soldnerschaaren
        <pb n="10" />
        XIV 
Nüummer Abschnitr 
Neuorganisation des bayerischen Heerwesens durch Kurfürsten 
Marimillan I. 14 2. 
Preußisches Hcerwesen unter dem großen Kurfürsten 55 1. 
Die „langen Kerle“ Wilhelms I. von Preußen 81 1. 
Anfänge der allgemeinen Wehrpflichtt 9pPpP0 1. 
Die allgemeine Wehrpflicht. ...... ... 37 
Heer und Marine in der Gegenwart. . . . .. . .. . 123 
XV. Kampfesweisen. 
Altdeutsche Kampfesweieeeeee 7 3. 
Kampfesweise der Lehensherer 227 2. 
Zweikampf im Turnier . 35 3. 
Kampfesweise der Lands kknechte . 650 2. 
Die Feuerwaffen im Krige 52 
Der Kampf in Schützenketttn 2. 
Gegenwartige Belagerung einer Festung ...-.... 116 1. 2. 3. 
Bild einer Schlacht der Gegenwantt lII4 2. 
XVI. Das Stenerwesen. 
Die Zehnten an die Romer 10 4. 
Die Zehnten, Herrendienste und Konigsrechte . 260 
Notfteuern unter Kaiser Ludwig dem Baher 51 3. 
Der gemeine Pfennig 6 J38 
Mittelalterliches Steuerwesen in Bayern. 61 2. 
Indirekte und direkte Steuern unter dem großen Kurfürsten 75 3. 
Un sere Steuern 4 * ' 6 * " * % 6 6"% · „ " " * * " · 132 
XVII. Wie dae alte deutsche Reich entstand und versiel. 
Die Markgenossenschaten::: 4 
Die Gaugenossenschafien )))Irr7 5 r 
Die Volkerschan 7 1. 
Dir Volkerbundnisse 11 1. 
Das Frankenreich zu Chlodwigs Zeit 148 1. 3. 
Karl der Große erweitert das Frankenreiics. 22 23 
Die Gauverfaffung... 2244 
Die Lehensherrschaft ... ..........2) 
Wie das alte deutsche Reich entstand 28 
Das heilige römische Reich deutscher Nation 34 5. 
Die Kurfürften 388 
Erweiterung des deutschen Reiches bis zur Nordsee, Ostsee..3 3. 
und Meichsel ... 11 3. 
Selbständigkeit der Stamm-Herz ogtümer . 11333 
Der westfälische Kriede .. ........7«) 2. 
Das Ende des allen deutschen Reiches 847 
XVIII. Wie das neue deutsche Reich entstand. 
Der erste Hohenzoller in Brandenbunnggg 33 
Wio sich Brandenburg und Preußen einten . . . . 66 
Der große Kurfürst von Brandenburg... 75 
Preußen wird ein Königreich.. 80 
Der Dentsche Bund 3855 
Konig Wilhelm I. von Preußen 11107 J. 
Der Krieg gegen Diänemereer 108 
Der deutsche Kriggg 112410
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        XV 
Nummer Aeoschnitt 
Der Norddeutsche Bund 111 
Die Wiederaufrichlung des beutshen snrifemeices 11(7 
Das neue deutsche Reich . - ......1,21 
mDieEntmickekungVayernå 
Die Bayern in Ratia und Noritn 12 2. 3. 
Bayern ein Glied des Frankenreichs l. 3. 
Bayern eine fränkische Prorinz 23 3. 
Selbständigkeit des bayerischen Herzogtums 29 3. 
Die Rheinpfalz wird Wittelsbachiss 42 3. 
Teilung Bayerns in Altbhanern und Rheinpfalz. .. . . . 51. 4. 
Bayern wird ein Kurfürstentt 414A439 3. 
Die Pfalz wird wieder mit Bahern vereinigt. 86 
Bayern tritt dem Rheinbunde b5bi 88 
Bayern wird ein Königreich 888 
Bayern tritt dem deutschen Bunde bdble 93 
Bayern ein Glied des neuen drutschen Neiches 119 2.
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        III. Tafel der bedeutendsten Regenten Baperns. 
Jahr: 
554—788 
788—911 
911—948 
948—1070 
  
Nome: 
1. Das Geschlecht der Agilolfinger. 
Erster Herzog: Garibald I. 
Letzter Herzog: Thassilo II. 
II. Bayern unter den Karolingern. 
Karl der Große. 
Ludwig der Deutsche. 
III. Das Volksherzogtum der Luitpoldinger. 
Witpold der Schyre. 
Arnulf 1. 
IV. Bayern unter den Beamtenherzögen. 
Die Beamtenherzöge entstammten verschiedenen Ge- 
schlechtern: sie wurden vom ieweiligen deutschen 
Kaiser eingesetzt. 
1070—1180 l V. Bayern unter den Welfen. 
1180 bis heute 
1180 
1314—47 
1506 
1623 
1700 
1745—77 
1777 
1806 
(1799) 18068—1825 
1825—48 
1848—64. 
1864—86 
1880 bis heute 
  
Heinrich der Stolze. 
Heinrich der Löwe. 
VI. Bayern unter den Wittelsbachern. 
Otto I. von Wittelsbach; 
Kaiser Ludwig der Bayer; 
Primogeniturgesetz unter Abrecht IV., dem Weisen. 
Bayern ein Kurfürsteutum. 
Kurt ürft Maximilian 1. 
Kurfürst Max Emanuel. 
Kurfürst Mar III., der Gute. 
Die Pfalz wird mit Bayern vereinigt. 
  
  
  
  
  
  
  
Bayern ein Königreich. 
König Maximilian I. 
König Ludwig I. 
König Maximilian II. 
König Ludwig II. 
König Otto k. — Prinzregent Luitpold.
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        J. Die Zeit des Heidentums. 
»Es-« 
— —. — — — 
1. Land und Leute. 
1. Vor etwa zweitausend Jahren sah es in unserer Heimat ganz 
anders aus als jetzt. Dichter Urwald bedeckte vielfach das Land. 
Breite, ungeregelte Ströme durchschnitten den Wald und bildeten in 
den Niederungen große Sümpfe. Dort entstanden oft Inseln, Werder 
enannt, auf denen sich die Leute gerne aubauten, weil es da besonders 
icher war. Nach dem Werder erhielten solche Ansiedelungen ihren 
Namen. Bodenwerder an der Weser, Marienwerder an der Weichsel 
und andere Orte erinnern noch heute daran. Die Luft war rauh und 
feucht und wehrte gar oft den warmen Sonnenstrahlen den Zugang. 
Wilde Tiere hausten neben den noch jetzt lebenden in den finstern 
Wäldern: der Ur, das Elentier, der Wolf und der Bär hatten da 
ihre Stätte. In den Eichengründen wühlte das Wildschwein in Herden, 
und auf den Triften, die dem Sonnenlichte offen standen, weideten 
wilde Pferde, Rinderherden, Ziegen und Schafe im hohen Grase. 
2. In diesem Lande wohnten unsere Vorfahren. Sie waren groß 
von Gestalt, stark und schön. Ihre Hautfarbe war weiß und rein:; 
das weißgelbe, fahle Haar floß den freien Männern und Frauen ge- 
wöhnlich in reicher Fülle um den Nacken. Aus den großen, blauen 
Augen leuchtete Mut und Freiheitsstolz. Die Kleider waren von 
Flachs, Schafwolle und Tierfellen, die das eigene Land lieferte, gemacht. 
Ein langer, leinener oder wollener Leibrock, darüber im Winter ein 
Pelz, waren die einzigen Kleidungsstücke der Männer. Die Frau ging 
ebenso einfach gekleidet. Ein liunen Hemd, das sie im Hause trug, 
siel bis auf die Knöchel herab, ließ aber Arme, Hals und Nacken 
frei; sobald sie jedoch ausging, legte sie einen weiten Mantel an, der 
über der Brust mit einer Spange befestigt wurde. 
3. Das Volk schied sich in vier Stände: Adelige, Freie, Hörige 
nnd Unfreie. Der Kern der Bevölkerung war der Stand der Freien. 
1
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        2 I. Die Zeit des Heidentums. 
  
Im Laufe der Zeit hatten aber einzelne reichbegüterte Geschlechter, 
die ihren Ursprung von den Göttern herleiteten, ein größeres Ansehen 
erlangt und erhoben sich über die Freien. Sie bildeten den Stand 
des Adels oder der Edelinge. Die Hörigen oder Liten hatten keinen 
eigenen Grund und Boden, sondern erhielten ihn gegen bestimmte 
Abgaben von den Freien. Unterworfene Völker gerieten gewöhnlich 
in Hörigkeit. Die unfreien Knechte oder Schalke waren ganz in die 
Gewalt des Herrn gegeben. Kriegsgefangene und landfremde Leute 
kamen in Knechtschaft: sie dienten meiftens auf dem Herrenhofe als 
Gesinde. · 
4. Der Freie überließ die Pflege des Viehes und die Bestellung 
des Ackers gewöhnlich den Unfreien, während er selbst nur als Ver- 
walter dabei thätig war. In voller Rüstung, das kurze Schwert um 
die Lenden, den langen Speer in der Rechten und den Linden= oder 
Weidenschild am linken Arme, zog er am liebsten in den Wald hinaus, 
um im Kampfe mit wilden Tieren seine Kraft zu erproben oder auch 
im Streite mit unliebsamen Nachbarn Kriegsgefangene zu machen 
und Ackerlose zu gewinnen. Wurde dem Besiegten die Wahl ge- 
lassen, so zog er lieber wieder zu neuem Kampfe in die Fremde, als 
daß er in der Heimat für andere arbeitete. Nur drei Gewerbe gab 
es, die auch dem freien Mann zur Ehre gereichten: die Waffenschmiede- 
kunst, die Töpferei und Wollenweberei. 
5. Den gemeinsamen Namen „Deutsche“ kannten unsere Vorfahren 
nicht. Auch ihre Sprache wurde noch nicht als die deutsche bezeichnet; 
sie hatte in den verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes beson- 
dere Mundarten. Ein starker Unterschied herrschte in dieser Beziehung 
zwischen Osten und Westen, und im Westen wieder zwischen dem süd- 
lichen Gebirgs= und dem nördlichen Flachlande. Aus den Mundarten 
des Südens entstand das ÖOber= oder Hochdeutsche, aus denen 
des Nordens das Nieder= oder Plattdeutsche. Auch die Schriftzeichen 
oder Buchstaben waren unsern Vorfahren fremd; sie verstanden daher 
weder die Kunst des Schreibens und des Buchdrucks, noch die des 
Lesens. Nur Einzelnen im Volke, besonders den Priestern, waren die 
Runen bekannt; das waren geheimnisvolle Zeichen, welche auf buchene 
Stäbe eingeritzt und zum Weissagen, Losen und Zaubern benutzt 
wurden. Runen waren die Anfänge unserer Schriftzeichen; von den 
Buchenstäben, in die sie geritzt wurden, sind unsere Worte Buchstabe 
und Buch hergekommen. 
2. Jas altdeutsche Gehöft. 
1. In alten Zeiten baute sich jeder Hausvater sein Haus mit 
eigenen Leuten oder mit Hilfe der Nachbarn aus gewaltigen Baum- 
stämmen. Das Haus hatte in verschiedenen Gegenden verschiedene 
Bauart. Das schöne Ansehen und die bequeme Eimichtung unserer 
Häuser fehlten ihm. Die Wände bestanden aus Fachwerk. Die Fächer
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        1. Die Zeit des Heideutums. 3 
  
  
waren mit Holz ausgeflochten und dann mit Lehm überkleidet. Der 
Giebel war hellfarbig und bunt getüncht; er bildete den einzigen Schmuck 
des Hauses. Schilf oder Stroh deckten es, und im Winter verdichtete 
eine Lage Dünger dieses Dach. Fenster und Schornsteine waren noch 
nicht vorhanden; kleine Windlöcher, die mit Läden versehen oder mit 
Tüchern verhängt wurden, dienten als solche. Neben dem ohulee 
lagen gewöhnlich Vorratsspeicher, Viehställe und ein Keller zur An 
nahme der Winterfrüchte. Ein Backofen und ein Verschlag zum Brauen 
des Bieres durfte neben dem Hause nicht fehlen. Den ganzen Hof- 
raum umgab ein Holzzaun, Gatter genannt, oder ein Wall mit einem 
Thore. Bei dem Hause waren Grasplatz und Garten vorhanden. Im 
Garten wuchsen Kohl, Rettig und Rüben, wilde Apfel und Birnen 
und weiße Herzkirschen. 
2. In der Mitte des Hauses war ein großer Raum, die Diele; 
sie diente als Versammlungsraum bei Festen und Beratungen. An 
den Seiten derselben waren für die Frauen besondere Gelasse ein- 
gerichtet. Im Hintergrund der Diele war der Herd; er nahm eine 
wichtige Stellung ein. In seiner Nähe befanden sich der Herrensitz 
und die Ehrensitze für vornehme Gäste. Dorthin wurde der Fremde 
zuerst geführt und ihm über dem Herdkessel Friede gelobt; dort wurde 
aber auch Unfriede dem Ubelthäter verkündigt. 
3. Die altdeutsche Hofgenossenschaft. 
1. Die Hochzeit war unserer Väter schönstes Fest. Waren die 
Gäste alle auf der Diele versammelt, so schlossen Zeugen und Ver- 
wandte um das Brautpaar einen Kreis. Der Alteste fragte dann Braut 
und Bräutigam, ob sie fortan als Mann und Weib miteinander leben 
wollten. War die Frage bejaht, so kamen die schon verheirateten Frauen 
und brachten das herabwallende Haar der Braut unter eine Haube. 
Ein Jüngling, der bislang mit einem bloßen Schwerte neben der Braut 
gestanden hatte, gab dieses dem Bräutigam, damit er hinfort ihr Schutz- 
und Schirmherr sei. Hierauf steckte der Bräutigam seiner Braut einen 
Ring an die linke Hand und zog ihr Schuhe an die Füße. Nun 
folgten Hochzeitsschmaus und fröhliche Spiele. Den Männern gefiel 
das Würfelspiel am besten; sie spielten mit solcher Begierde um Gewinn 
und Verlust, daß, wenn Haus und Hof verloren waren, der Mann auf 
den letzten Wurf wohl gar seine Freiheit setzte. Wer verlor, ging 
freiwillig in die Knechtschaft und folgte geduldig seinem Herrn. Die 
Jünglinge tanzten zwischen bloßen Schwertern und Lanzenspitzen und 
sprangen über fünf bis sechs nebeneinander gestellte Rofsse hinweg. 
Die Jungfrauen sangen, und Sänger spielten dazu auf der Harfe. 
Die Kinder ahmten auf dem Hofe und vorn auf der Diele die Spiele 
der Erwachsenen nach. War die Hochzeit vorüber, so wurde alles, was 
Eltern, Verwandte und Geschwister zur Aussteuer gegeben hatten, auf 
einen Wagen gepackt, die Braut oben darauf gesetzt und zur Behausung 
des Bräutigams gebracht. · 
- 
  
1
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        4 1. Die Zeit des Heidentums. 
— — 
  
2. Das neugeborene Kind wurde dem Vater auf den Schoß ge- 
legt, damit er es als das seine anerkenne; dann wurde es in frische. 
Wasser getancht und ihm ein Name gegeben, und zwar einer von 
denen, die wir jetzt als Vornamen bezeichnen; denn Familiennamen 
hatte man damals noch nicht. Die Namen waren sinnvoll und wurden 
nicht ohne Vorbedacht gewählt. So wurde z. B. ein Knabe Eberhard 
oder Bernhard getauft, weil man wünschte, daß er einst hart, das 
soll heißen kühn, wie ein Eber oder Bär kämpfen möge, und ein 
Mägdlein nannte man Gertrud, in der Hoffnung, sie möge einst dem 
Jünglinge oder Manne den Ger zum Kampfe reichen. Die Erziehung 
der kleinen Kinder war Sache der Mutter. Sie erzählte ihnen von 
den Göttern und Helden, sang ihnen uralte Lieder vor und hielt sie 
zu sittsamem Wesen an. Die erwachsene Tochter nahm unter der Mutter 
Leitung teil an den Geschäften der Haushaltung, während der Sohn 
vom Vater im Rennen und Jagen, Schwimmen und Schlagen, sowie 
in den Rechten und Pflichten seines Standes unterwiesen wurde. 
3. Die Frau hatte unfreie Mägde zur Seite, die ihr bei der 
Hausarbeit helfen mußten. Eine derselben mußte die Handmühle drehen; 
eine andere mußte das Brot backen, eine dritte das Butterfaß ziehen, 
andere beim Bier= und Metbereiten helfen. Wieder andere hatten mit 
der Spindel zu spinnen, am Webstuhle zu weben, oder Kleider zu fer- 
tigen. Speise und Trank waren einfach; sie bestanden aus den Er- 
zeugnissen des Ackerbaus und der Viehwirtschaft. Brot bereitete man 
aus Hafer= und Gerstenmehl. Wildbret und Fische lieferten Wald und 
Fluß. Diese, sowie Schweine= und Pferdefleisch, Eier, Milch, Butter 
und Käse waren tägliche Nahrungomittel. Das hauptsächlichste Gewürz 
war das Salz; es wurde gewonnen, indem man die Sole über glühende 
Eichenholzkohle goß. Die beliebtesten Getränke waren der süße Met 
*i 
und das aus Hopfen und Gerste hergestellte, herb schmeckende Bier. 
4. Feldmark und Markgenossenschaft. 
1. Die Häufer lagen in alter Zeit entweder einzeln oder dorfartig 
zusammen. Einzelhöfe hatten ihren ganzen Grund und Boden um das 
Haus liegen. Lagen die Höfe aber dorfartig zusammen, so bildeten die 
Bewohner eine Markgenossenschaft, uud der Grundbesitz des Einzelnen 
lag durch die ganze Feldmark zerstreut. Jede Markgenossenschaft 
hatte ihr Feldland nach der Güte des Bodens und der Anzahl der 
Genossen in Gewannen und Streifen geteilt, und jeder Genosse hatte 
in jeder Gewanne einen Streifen als Eigentum. Ein Stein zeigte an, 
wo dieses aufhörte; er hieß Gewannstein. In jeder Gewanne wurde 
die gleiche Frucht gebaut, war also Flurzwang vorhanden, und der 
Anteil jedes Hofes daran war so groß, daß er in einem Tage oder 
Morgen bestellt werden konnte. Daher stammen die noch jetzt gebräuch= 
lichen Bezeichnungen „Tagewerk“ und „Morgen" für eine Ackerfläche. 
Der Grundbesitz des Einzelnen hieß Allod. Alles Land, das zu einem Hofe
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        1. Die Zeit des Heidentums. 5 
  
—— 
gehörte, wurde Hufe genannt. Der Ackerbau beschränkte sich auf die 
Frühjahrsbestellung; der Segen und die Arbeit des Herbstes waren 
Uunbekannt, da veredelte Obstsorten, Weinbau und Hackfrüchte den Alten 
fremd waren. Die Bestellung geschah durch Pflügen, Eggen und 
Säen. Die Verbesserung des Bodens durch Dünger war nur wenig 
bekannt, weil das Vieh die meiste Zeit des Jahres draußen auf der 
Weide ging und froße unbebaute Flächen zum Raubbau lockten. 
Der Acker wurde deshalb auch nur zwei Jahre hintereinander mit 
Getreide bestellt und dann mehrere Jahre in der Brache gelassen. 
Oft wurde erst nach langen Jahren die alte Flur wieder urbar 
gemacht, so daß inzwischen Buschwerk und kleine Baumstämmchen 
darauf emporwuchsen. Diese Wechselwirtschaft brachte das nötige Holz 
zur Feuerung, zu Bauten, Flechtwerk und Zaunanlagen. Das Ab- 
brennen der Baumstümpfe und Waldreste hob die Fruchtbarkeit des 
Bodens. An landwirtschaftlichen Geräten waren Pflug, Egge, Hacke 
und Spaten, der zweiräderige Karren und der vierräderige Wagen 
vorhanden. 
2. Außer dem bebanten Lande, das jedem eigen war, besaß die 
Markgenossenschaft noch Weide= und Waldland, das alle gemeinsam 
benutzten und Allmende genannt wurde. Uber die Benutzung der 
Allmende gab es genaue Vorschriften. Die Markgenossen hielten 
jährlich ein= oder zweimal das Hub= und Haingericht ab, um die vor- 
handenen Vorschriften aufs neue einzuschärfen und Frevlern die ver- 
diente Strafe zu erteilen. Die Gerichtsstätte hieß Thie; dieser Name 
ist in manchem Dorfe bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. 
Der Wald bestand hauptsächlich aus Eichen und Buchen, deren Früchte 
den Schweinen zur Mast dienten; Fichten und Föhren sind erst später 
in größerer Menge angepflanzt worden. 
5. Ver Gau und die Volksgerichte. 
1. Die Markgenossen schlossen sich schon frühe zu Gaugenossen 
jriammen. Das Gaugebiet lag innerhalb natürlicher Grenzen, wie 
sie Berg und Thal, Wald und Fluß bildeten, und erhielt von diesen 
auch gewöhnlich seinen Namen. Viele von diesen Namen sind heute 
noch bekannt und gebräuchlich. Diesen natürlichen Grenzen entsprechend 
waren die Gaue von verschiedener Größe. Jeder Gau hatte seine ge- 
meinsame Opfer= und Gerichtsstätte. Die Gerichtsstätte wurde auch 
Mahlfstatt genanut; sie lag gewöhnlich inmitten des Gaues an hervor- 
ragender Stelle. Auf der Mahlstatt stand ein breitlanbiger Linden- 
baum, der mit einem Gehege umgeben war. Innerhalb des Geheges 
standen die Richter; außerhalb befand sich das zuhörende Volk und 
folgte den Verhandlungen. Aus der Zahl der Edelinge des Gaues 
wurde einer als oberster Nichter gewählt. Jeder mündige, freie Mann 
war verpflichtet, im Schmucke der Waffen auf der Mahlstatt zu er- 
scheinen, sobald die Ladung an ihn erging. Geschriebene Gesetze und
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        6 I. Die Zeit des Heidentums. 
  
gelehrte Richter gab es nicht; es wurde nach Gewohnheit und Her- 
kommen geurteilt. " 
2. Der Angeklagte konnte sich von der Beschuldigung durch einen 
Eid reinigen; dabei mußten ihn seine Verwandten, Nachbarn oder 
Genossen als Eideshelfer unterstützen, indem sie gleichfalls mit einem 
Eide seine Unschuld beteuerten. Bei todeswürdigen Verbrechen 
wandte das Gericht auch das Gottesurteil als Beweismittel an; dann 
mußten Kläger und Beklagter losen oder miteinander kämpfen; wer 
segte 7 ein Glückslos zog, hatte damit seine Unschuld erwiesen und 
wal frei. 
3. Verbrecher, Heerflüchtige, Unfreie und Kriegsgefangene erlitten 
den Opfertod. Landesverräter und Diebe wurden gehängt, Feige und 
Wollüstlinge in Sumpf und Moor geworfen, Spione und Zauberer 
mit Feuer verbrannt, und Mördern wurde der Rücken gebrochen. Ein 
Totschläger konnte sich jedoch von der Todesftrafe lösen, wenn er an die 
Verwandten des Erschlagenen als Entschädigung das Wergeld, d. h. 
Manngeld zahlte und diese bereit waren, dasfelbe anzunehmen. Das 
Wergeld richtete sich nach dem Stande des Getöteten. Neben den 
Strafen an Leib und Leben gab es Ehrenstrafen; sie bestanden im 
Kürzen des Gewandes oder des Haares. Wer dauernd das Recht 
beugte, dem wurde gewöhnlich von der Gemeinde das Haus ange- 
zündet. Gefängnisse und Freiheitsstrafen gab es noch nicht, doch 
konnte ein Verbrecher geächtet werden, d. h. er wurde aus der Ge- 
nossenschaft gestoßen und mußte im Waldesdickicht als friedloser 
Waldgänger sein Leben fristen. 
4. Wer vor Gericht nicht klagen wollte, konnte zur Vergeltung 
eines Frevels auch den Weg der offenen Fehde einschlagen; denn 
sie war ein erlaubtes Vergeltungsrecht des Verletzten. Die Ver- 
wandten eines Erschlagenen wählten gewöhnlich die Fehde; sie übten 
Blutrache. « 
·-·-—--«s»-- 
1. Unsere Vorfahren dachten sich Naturerscheinungen als persön- 
liche Wesen und erwiesen ihnen göttliche Verehrung. Groß war die 
Zahl ihrer Götter. Die vornehmsten darunter waren Zin, Wodan, 
Donar, Freia und Ostara. — Wodan galt als Vater der Götter. 
Ihn dachten sie sich als einen großen, schönen Mann mit wallendem 
Barte und nur einem Auge, dem das andere aus dem Meeresspiegel 
entgegenstrahlte. Um seine Schultern trug er einen weiten, blauen 
Mantel mit goldenen Sternen. Auf den Schultern saßen zwei Raben, 
die ihm alle Geheimnisse, die fie beobachtet, ins Ohr raunten. Ein 
breiter Wolkenhut beschattete seine Stirn. Auf Sturmesflügeln trug 
ihn sein windschnelles, weißes Roß durch die Luft dahin. Er verlieh 
den tapfersten Helden den Sieg und ließ fie, wenn sic in der Schlacht 
gefallen, durch seine Töchter, die Walküren, nach Walhalla bringen. 
Dort wurden die Helden mit Lied und Gesang empfangen. Mit
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        I. Die Zeit des Heidentums. 7 
  
  
Wodan duchwogen sie die Jagdgründe des Himmels, mit ihm setzten 
ste sich zu Tische, schmausten von dem Eber, der stets wieder heil 
und ganz ward, und tranken Met aus großen Hörnern. Dem Wodan 
war der Mittwoch geweiht, der früher Wodanstag hieß. Zur Zeit der 
Wintersonnenwende hielt Wodan seinen Umzug mit dem wütenden 
Hcere; dann war das große Julfest, das zwölf Nächte dauerte. Noch 
heute weiß die Sage vom wilden Jäger, Helljäger oder Wode zu er- 
zählen. Das ist Wodan. An die Stelle des Julfestes ist unfer Weih- 
nachtsfest getreten. 
2. Wodans gewaltigster Sohn hieß Donar. Von ihm hat der 
Donnerstag seinen Namen. Donars Bart war feuerrot, seine Waffe 
ein gewaltiger Hammer, den kunstgeschickte Zwerge geschmiedet hatten. 
Blies er in den Bart, so sprühten Blitze heraus, schlug er mit dem 
Hammer gegen den Schild der ungefügen Riesen, so grollte Donner 
durch die Luft, der Regen rauschte hernieder und machte das Land 
fruchtbar. Zu Ehren Donars loderten in der Sommerzeit auf den 
Bergen Holzstöße von Eichen, Erlen und Bocksdorn; Ziegenböcke oder 
bekränzte Ochsen wurden durch die Fluren nach dem Opfersteine ge- 
führt, dort geschlachtet und beim Opfermahle verzehrt. Mit dem 
Blute wurde die geschmückte Donarseiche besprengt. Hölzerne Hämmer 
und rothaarige Eichhörnchen wurden in das Feuer geworfen und 
glimmende Scheite herausgezogen, um durch sie die Häuser vor Ge- 
witterschaden zu schützen. Donars Schwester war die liebliche Früh- 
lingsgöttin Ostara, deren Fest in dieselbe Zeit fiel, in welcher wir das 
OÖsterfest feiern. Der Name des Osterfestes und die Osterfeuer erinnern 
noch jetzt an diese Göttin. 
3. Zin oder Saxnot wurde als Kriegsgott verehrt. Sein Tag 
war der Dienstag oder Ziustag. Die Krieger ritzten die Rune als 
sein Zeichen in das Schwert; ihm zu Ehren stimmten sie Kriegsgesänge 
an, und ihm galten die Schwerttänze der Jünglinge. 
4. Neben Ostara wurden auch Freia und Hela als Göttinnen 
verehrt. Von der Freia hat der Freitag seinen Namen erhalten. Wo 
Freia hinkam, verbreitete sie Frieden und Fruchtbarkeit. Die Erde 
schmückte sich mit frischem Grün, und Halme entsprossen dem Acker. 
Weil sic hold und freundlich war, nannten die Menschen sie auch Frau 
Hulda oder Holle. Sie spann am Rocken, belohnte die fleißigen und 
bestrafte die faulen Spinnerinnen und machte die Betten, daß die 
Schneeflocken in der Luft umherflogen. Auf einem mit Katzen be- 
spannten Wagen fuhr sie einher, und wollten die Bräute zur Hochzeit 
gutes Wetter haben, so versäumten sie nicht, die Lieblinge der Göttin 
gut zu füttern. — Schrecklich aber war Hel oder Hella, die Göttin 
der Unterwelt und des Todes. Ihr Reich war das, was wir noch 
jetzt unter dem Namen Hölle kennen. 
5. Des Nachts, zur Zeit des Voll= und Neumondes, fand die Ver- 
ehrung der Götter statt. Dann kam die ganze Gemeinde am Opfer- 
platze zusammen. In heiligen Hainen, auf Bergesspitzen oder an 
ranschenden Quellen standen die Opfersteine oder Altäre. Die Um- 
  
—
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        8 I. Die Zeit des Heidentums. 
  
gebung des Altars war eingehegt und durch Wächter geschützt, die zu- 
gleich die weißen Pferde hüteten, welche als Opfer bestimmt waren. 
Auch Kriegsgefangene wurden hier den Göttern dargebracht und ihre 
Köpfe, gleich denen der Opfertiere, an die Bäume um den Altar ge- 
nagelt. War die Gemeinde versammelt, so wurde das Feuer auf dem 
Altare angezündet, vom Priester das Opfertier geschlachtet, ein Teil 
des Fleisches verbrannt und das andere verzehrt. Die ganze Nacht 
wurde dann im Dienste der Götter und beim Schmause zugebracht. 
In der Nähe des Altars ließ sich darum auch der alte, müde Kämpfer 
am liebsten zur Ruhe betten. Ein Scheiterhaufen verzehrte seine 
sterbliche Hülle, eine Urne nahm die Asche auf, ein Erdhügel deckte sie 
und wurde zum Hünengrabe, das Jahrhunderte hindurch Kunde von 
dem verstorbenen Helden gab. 
– 
7. Der Heerbann und das Grfolge. 
1. Die stete Kriegsgefahr und der Andrang mächtiger Nachbarn 
zwangen unsere Väter, sich immer enger aneinander zu schließen. 
Auf diese Weise entstanden aus benachbarten und ftammesverwandten 
Gaugenofsenschaften allmählich größere Bündnisse, die man als Völker- 
schaften bezeichnete. Jede Völkerschaft bildete in Kriegszeiten ein ein- 
heitliches Heer. Unfreie und Hörige, Schwächlinge und solche Freie, 
die durch schmähliche Handlungen ehrlos geworden waren, gehörten 
nicht zum Heere. Die Gesamtheit der Krieger bildete den Heerbann. 
Jeder trug die Kleider und Waffen, die er auch sonst zu tragen 
pflegte. 
2. Drohte dem Volke Gefahr, oder sollte ein Zug in Feindes 
Land unternommen werden, so wurde zu den Waffen gerufen. Ein 
Bote trug den Heerpfeil als Zeichen des Aufgebots von Hof zu 
Hof. Die Gaugenossen sammelten sich auf ihrer Mahlstatt und 
trafen dann mit den Kriegern der andern Gaue an einer bestimmten. 
Stelle zusammen. Hier wurde aus der Reihe der angesehensten 
Edelinge der Führer erwählt und als Herzog auf den Schild erhoben. 
Bedeutete der Zug eine förmliche Auswanderung, so begleiteten auch 
Weiber und Kinder das Heer. 
3. Ging es zur Schlacht, so stellte jeder Gau eine auserlefene 
Schar von Fußgängern und Reitern in das Vordertreffen. Plotzlich 
ertönt Schildgesang und Kriegsgeschrei. Die Reiter stürmen vor, mit 
ihnen die auserlesenen Fußgänger, die sich an die Mähnen der Pferde 
hängen. Das Hauptheer rückt in ungestümem Angriffe nach. 
Nervige Arme werfen die Speere oder schwingen die scharfgeschliffenen 
Streitärte, Messer und Keulen. Die noch behörnte Schädelhaut eines 
Auerochsen dient dem Kämpfer als Helm und läßt ihn noch schrecklicher 
erscheinen. So dringt er in des Feindes Reihen. Mann kämpft gegen 
Mann. Hinter der Schlachtreihe, in der Wagenburg, harren die 
Frauen und Kinder, feuern die Kämpfenden durch laute Zurufe an,
        <pb n="21" />
        I. Die Zeit des Heidentums. 9 
  
treiben die Fliehenden zurück in die Schlacht und pflegen die Ver- 
wundeten. Ist der Sieg errungen, so teilen die Sieger Beute und 
Gefangene und zichen zu Zius Altar, ihm die schuldigen Opfer zu 
bringen. » « 
4. Außer dem Heerbanne gab es noch eine freiwillige Waffen- 
freundschaft, die man das Gefolge nannte. Kriegslustige Jünglinge 
sammelten sich um einen bewährten, hochgeachteten Anführer und 
schwuren, vereint mit ihm zu leben und zu sterben. Dem Anführer 
war es ein hoher Ruhm, durch Zahl und Tapferkeit seiner Genossen 
glänzen zu können. Wenn der eigene Volkoftamm in Frieden saß, so 
zogen die Waffenfreunde zu den Völkerschaften, die sich im Kriege be- 
fanden; denn träge Ruhe war ihnen verhaßt. 
· * 7 1 *7 
8. Der Freiheitskampf gegen die Römer. 
9 u. Chr. 
1. Zur Zeit Jesu Christi sandte der römische Kaiser Augustus 
seine Heere aus, um die deutschen Völkerschaften zu Knechten zu machen. 
Die Römer siedelten sich in der Gegend des Rheins und der Donau 
an und sicherten das eroberte Land durch feste Plätze. Von hier aus 
drangen sie daun weiter vor, überschritten die Weser und erreichten 
schließlich die Elbe. Sie naunten unser Volk Germanen. Durch List 
gelang es dem römischen Feldherrn, mehrere deutsche Gefolgschaften zu 
Bundesgenossen zu machen und germanische Jünglinge zum Kriegs- 
dienste zu gewinnen. Der Kaiser Augustus sandte den Varus als 
Statthalter ins Land. Varus richtete im Cheruskerlande ein stehen- 
des Lager ein. Dorthin sollten die freien Germanen kommen, Abgaben 
entrichten und sich von römischen Richtern nach römischem Rechte in 
lateinischer Sprache richten lassen. 
2. Der tapfere Armin, ein Fürst der Cherusker, fand Mittel und 
Wege zur Freiheit. Gleich andern germanischen Edelingen hatte er 
im rômischen Dienste die Kriegskunst erlernt und römisches Bürger- 
recht und römische Ritterwürde erhalten. Sein glühendster Wunsch 
war die Befreiung des Vaterlandes. In der Stille stiftete Armin 
einen Bund mit den benachbarten Stämmen. Varus wurde mit seinem 
Heere in das unwegsame Waldgebirge am linken Weserufer gelockt. 
Heftiger Regen machte den Boden schlüpfrig. Ein wilder Sturm 
wirbelte trockene Baumäste zwischen die römischen Truppen. Da 
brachen auf einmal germanische Heerhaufen von allen Seiten aus dem 
Waldesdickichte hervor. Die römischen Legionen konnten nicht wider- 
stehen. Varus sah den Untergang vor Augen und stürzte sich in sein 
Schwert, um die Schmach nicht zu überleben. Das ganze stattliche 
Heer ging elend zu Grunde. Die Leichen der Erschlagenen blieben 
unbestattet liegen — den Vögeln und Wölfen zum Fraße. Wer von 
den Römern nicht umkam, wurde gefangen genommen. Viele Kriegs- 
gefangene wurden den Göttern geopfert; andere fristeten Jahre lang
        <pb n="22" />
        10 I. Die Zeit des Heidentums. 
  
  
als Knechte auf germanischen Gehöften ihr Leben. In Rom aber 
ergriff Furcht und Schrecken die Gemüter, und der Kaiser Augustus 
rief klagend aus: „Varus, Varus, gieb mir meine Legionen wieder!“ 
9. Friedliche Einwirkung Roms 
auf die alten Deutschen. 
Was über die Deutschen das Schwert nicht vermocht hatte, 
das errang die Uberlegenheit römischer Bildung. Am Rheine und an 
der obern Donan erwuchs eine den Deutschen bie dahin fremde Kultur. 
Zunächst entstand eine Neihe von Städten: am Rhein Basel, Straß- 
burg, Speier, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Bonn, Köln und 
andere, an der Mosel Trier, und im Gebiete der Donau Augsburg, 
Salzburg und Wien. Von Baden-Baden bis nach Nachen hinab war 
fast jede warme und heilkräftige Quelle bekannt, benutzt und meist schon 
überbaut. Eisenbergwerke wurden ausgebeutet und Reben an den 
sonnigen Ufern der Mosel und des Rheins gepflanzt. Die edeln Obst- 
bäume, feinen und seltenen Gartenfrüchte, den vollkommnern Ackerban 
und die Einführung des Weizens verdanken wir den Römern. Der 
römische Kaufmann gelangte sogar auf wenig gebahnten und doch 
wohlbekannten Handelswegen bis zur Nord= und Östsee; mit ihm sind 
auch die ersten Juden zu uns gekommen. Im Innern Deutschlands 
handelte er Pferde und Rinder, Pelzwerk und Felle, Daunen, Wolle, 
ja von den Friesen selbst Wollengewebe ein: Rauchfleisch, Honig, 
Rüben und Rettige von riesiger Größe wurden nach Rom versandt. 
Spargel vom Rhein, Fische aus deutschen Flüssen und seltenes Ge- 
flügel zierten als Leckerbissen die Tafel des römischen Schwelgers. 
Die Ostseeküste lieferte den wertvollen Bernstein. Mit deutschem Gold- 
haare schmückten sich römische Frauen. — Die Deutschen bekamen da- 
gegen von Rom den viel begehrten Gold= und Silberschmuck, feinere 
Kleidung, südliche Weine und schöne Waffen. Römisches Geld wurde 
bei diesem Handel das mehr und mehr gangbare Tauschmittel. 
10. Das Donauland unter der Bömerherrschaft. 
1. Das Land zwischen den Alpen und der Donau wurde in den 
ältesten Zeiten von keltischen Volksstämmen bewohnt. Geschichtliche 
Nachrichten über dieselben besitzen wir jedoch nicht. An die Stelle der 
Kelten traten später die Germanen, jene verdrängend oder unterjochend. 
Auch über diese Ansiedler wissen wir nichts genaues. In den Höhlen 
des Jura wurden Knochen und Waffen entdeckt, von welchen wir nur 
Rückschlüsse auf jene Stämme machen können. Auch die in vielen ober- 
bayerischen Seen, z. B. im Ammer-, Chiem-, Schlier= und Würmsee, 
aufgefundenen Pfahlbauten erzählen uns manches von jenen Bewohnern
        <pb n="23" />
        I. Die Zeit des Heidentums. 11 
  
  
des Bayernlandes. Sie waren sehr groß; sie trieben Jagd, Fischfang 
Viehzucht und Getreidebau; sie standen mit Italien in regem Tausch- 
handel; ihre Toten beerdigten oder verbrannten sie. 
2. Die germanischen Bewohner des oberen Donaulandes genossen 
nicht lange die Freiheit. Um das Jahr 15 v. Chr. fandte der römische 
Kaiser Augustus seine Stiefsöhne Drusus und Tiberius in das 
Donauland, um dieses zu erobern. Drusus kam von Süden, Tiberius 
von Westen in das Land, und nach harten Kämpfen wurde daosselbe 
unter den Namen Rätia und Noricum zum römischen Reiche geschlagen. 
3. Die Römer waren nun darauf bedacht, das neu eroberte Land 
zu kultivieren. Sie bauten viele Straßen und Brücken; errichteten feste 
Plätze und Zollstätten, aus welchen nachher Städte entstanden, wie Augs- 
burg, Regensburg, Passau, Salzburg. Um die römischen Provinzen 
vor den Einfällen der anderen germanischen Stämme zu schützen, ließ 
der Kaiser Hadrian den schon von Drusus begonnenen Grenzwall oder 
Pfahlgraben (limes) vollenden. Dieses gewaltige Bauwerk war mit 
Kastellen und Standlagern, mit Schanzen und Wachttürmen versehen; 
es erstreckte sich von der Donau bei Kehlheim über Gunzenhausen bis 
an den Main und Rhein. Später nannte, das Volk diesen Grenzwall 
Teufelsmauer. Noch jetzt finden sich Uberreste davon. Rätia und 
Noricum wurden von römischen Beamten verwaltet. Die Bewohner 
hatten nicht nur Zehnten von Baumfrüchten, Getreide und Vieh zu 
entrichten, sondern sie mußten auch zu den vielen Kriegen der Römer 
Hilfstruppen stellen. 
1I. Völkerbündnisse und Pölkerwanderung. 
200—500. 
1. Wie sich einst die Mark= und Gaugenossen zu Völkerschaften 
einten, so gingen diese ums Jahr 200 wieder in größern Völker- 
bündnissen auf. In diesen Verbänden bildeten sich nach und nach 
besondere Stammeseigentümlichkeiten aus, die in späterer Zeit die 
Bildung besonderer Staaten begünftigten. Auf diese Weise entftanden 
die Stammesherzogtümer der Franken, Burgunden, Alemannen, 
Sachsen, zu denen später noch Bayern und Lothringen kamen. 
2. Ums Jahr 300 kamen vom fernen Asien große Völkerscharen, 
die wie ein ungehenrer Strom unsern Erdteil überfluteten. Unter 
ihnen waren die Hunnen befonders gefürchtet; sie waren ein wildes, 
häßliches Reitervolk, das auf windschnellen Rossen mordend und 
sengend das Land überfiel und die Leute aus ihren Wohnsitzen ver- 
drängte. Dadurch entstand eine große Bewegung unter den europäischen 
Völkern und ein Rücken von einem Wohnsitze zum andern. Das war 
die Völkerwanderung, welche fast zweihundert Jahre gedauert und 
dem großen römischen Weltreiche ein Ende bereitet hat. Viel Unheil 
haben die fremden Völker über unser Vaterland gebracht. Die Städte 
und alle Kultur der Römer vernichteten sie wieder; aber auch Segen
        <pb n="24" />
        E I. Die Zeit des Heidentums. 
  
der noch heute währt, war in ihrem Gefolge; denn der Roggen, unsere 
wichtigste Körnerfrucht, wächst erst seit jener Zeit auf unsern Feldern, 
und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Völker deutschen 
Stammes ist erst durch die gemeinsame Not zu größerer Stärke erwachr. 
12. Die Bayern. 
1. Während der Völkerwanderung hatten die Hunnen unter ihrem 
gewaltigen König Attila im Donaugebiete neben den römischen Pro- 
vinzen ein großes Reich gegründet. Dieses Reich bestand aber nur 
kurze Zeit, und mit ihm schwand auch die Römerherrschaft aus den 
oberen Donauländern. Die Germanen drangen von Norden her immer 
weiter vor und überschwemmten die römischen Provinzen. Die römischen 
Heerführer vermochten kaum noch einige feste Plätze zu halten; nach 
und nach zogen sie sich ganz zurück. Die Anlagen der Römer wurden 
zerstört und die Städte verwüstet; Not und Elend, Hunger und Seuchen 
herrschten allenthalben. In dieser traurigen Zeit wirkte der hl. Severin 
als Wohlthäter in jenen Gegenden. 
2. Um das Jahr 500 ergriff ein kräftiger Volksstamm von den 
ehemals römischen Landstrichen dauernd Besitz. Da derselbe von Böhmen 
(Bain, Baias) her kam, so erhielter den Namen Baiuwarii (Bayern). 
Die Bayern zogen die Donau herauf und ließen sich zuerst in Noricum 
und im östlichen Rätien nieder. Sie fanden das Land fast herrenlos 
vor; die vielen Kriege und Krankheiten hatten es entvölkert. Die 
wenigen Bewohner, die noch da waren, wurden kributpflichtig gemacht. 
Das übrige Land kam zur Verteilung unter die Stammesgenossen, 
und bald zog der Pflug wieder seine Furchen durch das verwilderte 
Land. Zugvieh und Herden fanden wieder reichlich Nahrung; das 
Getreide gedieh; die Bienc trug den Honig ein; Bäche, Flüsse und 
Seen lieferten zahlreiche Fische, die Wälder viele jagdbaren Tiere zur 
Nahrung, und die Erde gab Eisen, Gold, Silber und. Salz ans ihrem 
Schoße. · 
3. Das Oberhaupt der Bayern war der Herzog. Als erster wird 
uns Garibald aus dem Geschlechte der Agilolfinger genannt; er resi- 
dierte in Regensburg. Dorthin wurde auch die Volksversammlung 
berufen, aber nur der Freie durfte daran teilnehmen. Im Frieden 
war der Herzog oberster Richter und im Kriege oberster Auführer. 
Das Land zerfiel in Gauc, an deren Spitze Grafen standen, und die 
Gaue in Hundertschaften und Gemeinden; diese wurden von Zentgrafen 
beaufsichtigt.
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        II. Die Zeit des Kampfes zwischen 
Heidentum und Christentum. 
„Unser Glanbe ist der Sieg, 
der die Welt überwunden hat.“" 
— — 
13. Ansbreitung und äußere Ordnung 
der christlichen Rirche. 
1. Mit dem Wachsen des römischen Weltreichs wurde auch die 
Ausbreitung des Christentums gefördert. Von den germanischen Volks- 
stämmen waren die Burgunder die ersten, die sich taufen ließen; ihnen 
folgten bald die Franken und die von diesen besiegten Alemannen. 
2. Die äußere Ordnung der christlichen Kirche wird nun all- 
mählich derjenigen des römischen Weltreiches in vielen Stücken ähnlich, 
so zwar, daß über alle Christen der Papst als Oberhaupt und Stell- 
vertreter Christi auf Erden gilt. Unter ihm stehen die Kardinäle, 
die sich als Räte des Papstes gewöhnlich am päpstlichen Hofe befinden. 
Die christlichen Länder werden in große Gebiete oder Sprengel ein- 
geteilt, an deren Spitze als oberster Auffeher der Erzbischof steht. 
Den Erzbischöfen unterstehen die Bischöfe als Aufseher über kleinere 
Gebiete, während die einfachen Priester oder Pfarrherren Hirten der 
einzelnen Gemeinden sind. Alle kirchlichen Angelegenheiten. find in 
einheitlicher Weise geordnet, und alle Glieder der Kirche sind durch 
ein festes Band umschlungen. 
3. Die Kirche hielt strenge Zucht unter ihren Gliedern. Wer 
die Taufe einmal angenommen hatte, der sollte sich auch der christlichen 
Ordnung fügen oder Strafe seiden, wenn er dies versäumte. Die 
schwerste Kirchenstrafe war der Bann: er wurde nur vom Bischofe und 
dem Popste verhängt; dann hieß es wohl: „Im Namen sämtlicher 
des Reiches Bischöfe verbanne ich dich aus unsrer heiligen Kirche 
Mutterschoß und übergebe dich dem ewigen Fluche. Verflucht seist dn 
zu Haus und auf dem Felde, auf offnem Heerweg, auf geheimem 
Pfade, im Walde, auf dem Gebirge und auf der See. im Tempel
        <pb n="26" />
        14 II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Ehristentum. 
  
  
  
  
selbst und vor dem Hochaltar! Und wie ich dieser Kerze brennend 
Licht auslösche und tilge mit des Mundes Hauch, so aus dem Buche 
des Lebens und der Gnade follst du vertilget sein und ausgelöscht!“ 
In späterer Zeit ging dem Sünder die Nachricht schriftlich zu; das 
Schriftstück hieß Bannbulle. Ward der Bann über eine ganze Ge- 
meinde oder ein ganzes Land verhängt, so hieß er Interdikt. 
......— —— — 
14. König Chlodwig gründet dos Frankenreich. 
500. 
1. Während der Völkerwanderung waren die Franken nicht aus 
ihren ursprünglichen Wohnsitzen am Niedenheine gewandert. sondern 
hatten sich von da aus erobernd in den Teil Galliens, der nördlich 
von den Ardennen liegt, vorgelchoben. Sie waren in mehrere Stämme 
geteilt. deren jeder seinen eigenen König oder Herzog hatte. Im 
Jahre 482 wurde Chlodwig König einer dieser Stämme. Dieser 
Chlodwig ist der Gründer des großen Frankenreichs, das deutiche und 
welsche Länder umschloß. Chlodwig gebot von Paris aus. Zunächst 
schloß er mit den übrigen Frankenfursten, die großtenteils seine Ver- 
wandte waren, Bündnisse, um die Gallier, Westgoten und Alemannen 
zu unterwerfen. Sobald diese Völker aber bezwungen waren, schaffte 
er auch die Freunde aus dem Wege. Auf diese Weise war er gegen 
das Ende seiner Regierung König aller Franken, Beherrscher der 
meisten Bewohner des noch übrigen Galliens und Herr über die 
Alcmannen geworden. Seine Nachkommen fügten zu dieser Herrschaft 
noch das Land der Thüringer und Burgunder, so daß auf deutschem 
Boden westlich der Elbe nur noch die Sachsen in ihrer alten Gemeinde- 
freiheit hausten. 
2. Chlodwig war mit Chlotilde, einer christlichen Königstochter 
ans dem Burgunderlande, verheiratet. Auf Chlotildes Bitte ließ 
Chlodwig sein erstgeborenes Kind taufen: es starb aber bald danach. 
Als auch das zweite Kind nach der Taufe schwer krank wurde, schob 
der König die Schuld auf die Taufe und den Christengott und machte 
seiner Gemahlin bittere Vorwürfe. Da wandte sich Chlotilde im Ge- 
bete an den Herrn. Das Kind wurde gesund. Dennoch wollte Chlodwig 
selbst kein Chrift werden. Da geschah es, daß er in den Krieg gegen 
die Alemannen zog. In der Schlacht bei Zülpich kam er in hartes 
Gedränge; da hob er beide Arme empor und betete: „Gott der 
Christen, Gott am Kreuze, Gott, den mein Gemahl verehrt, so du 
bist ein Gott der Schlachten, der im Schrecken niederfährt, hilf mir 
dieses Volk bezwingen, gib den Sieg in meine Hand, daß der 
Franken Macht erkennen muß des Rheins, des Neckars Strand! Sieh, 
so will ich an dich glauben, Kirchen und Kapellen baun und die 
edeln Franken lehren, keinem Gott als dir vertraun.“ Gott half; 
Chlodwig siegte, und als der Krieg zu Ende war, ließ er sich mit
        <pb n="27" />
        II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christentum. 15 
  
  
3000 edlen Franken taufen und bereitete dem Christentume eine Stätte 
in seinem Lande. # 
3. Die Nachkommen Chlodwigs brachten auch die Bayern in ein 
Abhängigkeitsverhältnis zum Frankenreiche. Dieses Verhältnis war 
bald mehr, bald weniger drückend. Der bayerische Herzog mußte sich 
nun nach seiner Wahl jedesmal vom fränkischen Könige bestätigen 
lassen. Gegen den fränkischen Hausmeier Pippin, der für den König 
regierte, erhoben sich aber die Bayern unter ihrem Herzog Oatilo 
(Odilo); doch sie wurden am Lech geschlagen und ür Land 52 Tage 
lang gebrandschatzt. Der Verlust ihrer Unabhängigkeit war aber für 
die Bayern in Wirklichkeit von Vorteil; durch ihre engere Verbindung 
mit den Franken erhoben sie sich auf eine höhere Stufe der Gesittung. 
Unter dem fränkischen Könige Dagobert wurden zum erstenmale die 
bayerischen Gesetze in lateinischer Sprache aufgeschrieben. 
– 
  
15. Die Bayern werden Christen. 
1. Als die Bayern in das ehemals römische Rätia und Noricum 
einwanderten, waren sie noch Heiden. Gleich den übrigen Germanen 
beteten sie zu Wodan, Donar und Ziu; letzteren nannten sie Erch. 
Auch glaubten sie an Riesen und Zwerge, an Elfen und Waldgeister. 
Daneben galten ihnen Bäume, Quelsen, Hügel und Schluchten für 
geheiligte Orte; ja, sie beteten auch Bilder in Tempeln an. Ihre 
Götter verehrten sie in heiligen Hainen. Sie feierten den Gottes- 
dienst, indem sie sich gleich den Alemannen um ein Gefäß mit zwanzig 
Eimern Bier versammelten, um Wodans Minne zu trinken. Als 
Opfer brachten sie Pferde dar. 
2. Die Bayern fanden in ihren neuen Wohnsitzen das Christen- 
tum schon vor. Die hl. Afra hatte in Augsburg, der hl. Valentin 
in Tirol und der hl. Marimus in Salzburg gewirkt. Es dauerte 
jedoch lange Zeit, bis die Bayern das Christentum annahmen und, 
statt zu ihren Göttern, zum wahren Gotte beteten. Erst gegen Ende 
des siebenten Jahrhunderts kam die neue Lehre allgemein zur Geltung. 
3. Der eigentliche Apostel der Bayern ist der hl. Ruprecht von 
Worms. Um das Jahr 696 kam er nach Regensburg, wo er den 
damaligen Herzog bekehrte und taufte. Wohl zehn Jahre lang zog 
Ruprecht als friedlicher Gottesmann durch das Land, verkündete überall 
die christliche Wahrheit und erwarb sich die Liebe des Volkes. Er liegt 
in der von ihm gegründeten Peterskirche zu Salzburg begraben. Ein 
anderer Glaubensbote war der hl. Emmeram, der drei Jahre lang 
das Evangelium predigte und schließlich von Lantbert, dem Sohne des 
Herzogs, auf einen falschen Verdacht hin, ermordet wurde. Einige 
Jahre später trat der hl. Corbinian auf, der die Bekehrung der 
Bayern vollendete. · 
4. Durch den hl. Bonifatius wurde Bayern in mehrere Bis- 
tümer geteilt; das bedeutendste Bistum war Salzburg. Die Bischöfe
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        16 II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christentum. 
  
hielten Kirchenversammlungen ab, auf denen vor Raufhändeln, Fluchen, 
Trunkenheit und Todschlag gewarnt und zu Beten, Fasten, Almosen- 
geben und frommem Lebenswandel ermahnt wurde. Auch viele Klöster 
sind damals gegründet worden, so z. B.: St. Peter zu Salzburg, St. 
Emmeram zu Regensburg, St. Marien zu Freising, Tegernsee u. a. m. 
5. Die Geistlichen genossen eine bevorzugte Stellung. Die Bischöfe 
waren oft Ratgeber der Herzöge. Für die Verletzung eines Priesters 
mußte zwei bis dreifaches Wergeld bezahlt werden. Auf Kirchendiebstahl 
stand besonders schwere Strafe. Alle Gotteshäuser genossen das Asyl- 
recht, d. h. sie gewährten den Flüchtlingen Schutz. Wer an Sonntagen 
Handarbeit verrichtete, erhielt 50 Schläge auf den Rücken; wer am 
Sonntage reiste, wurde um 12 Schillinge gestraft. 
16. Bonifatius. 
745. 
1. Zu des Königs Chlodwig Zeiten kamen viele Sendboten aus 
Irland und England, wo das Christentum schon früher heimisch ge- 
worden war, nach Deutschland, um ihren Stammesverwandten die 
christliche Lehre zu verkünden. Das gesegnetste Werkzeug zur Be- 
kehrung der Deutschen war aber der Engländer Winfried. Er wandte 
sich zuerst zu den Friesen. Mit neuem Eifer hingen diese ihren alten 
Göttern an und erflehten deren Schutz gegen die Franken, die ihre 
Unabhängigkeit bedrohten. Alle Anstrengungen der bisherigen Friesen= 
missionare schienen vergeblich gewesen zu sein. Winfried ging zum 
Papfte, holte sich Rat für sein schweres Werk und langte im Jahre 718 
am nördlichen Fuße der Alpen an. Nachdem er in verschiedenen Gauen 
umhergezogen, ließ er sich bei den Thüringern nieder und begann sein 
Werk mit gutem Erfolge. Der Papst weihte ihn zum Bischofe. 
2. Dann wandte sich Bonifatius zu den Hessen. Diese hatten bei 
dem Dorfe Geismar in der Nähe von Fritzlar eine heilige Eiche von 
wunderbarer Größe. Diesem alten Baume des Aberglaubens legte 
Bonifatius vor versammeltem Volke die Art an die Wurzel; seine 
Genossen halfen ihm zuschlagen, und ein Sturmwind stürzte den. 
Baum, daß er in vier Stücke zerfplitterte. An demselben Orte und 
mit demselben Holze baute Bonifatius ein christliches Bethaus. Die 
Hessen erkannten die Ohnmacht ihrer Götzen und bekehrten sich. 
Bonifatius und seine Schüler haben viele Kirchen und Klöster ge- 
gründet; das Kloster Fulda ist das berühmteste und wichtigste dar- 
unter geworden. Alle Bekehrten fügte er der Ordnung der röômischen 
Kirche ein, so daß auch die deutsche Christenheit fortan ein Glied der 
katholischen, d. h. allgemeinen Kirche wurde. Um dieser gesegneten. 
Thätigkeit willen machte ihn der Papst zum Erzbischof von Mainz, 
und Bonifatius erhielt nunmehr seinen ständigen Wohnsitz in dieser 
Stadt.
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        11. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Ehristentum. 17 
3. Als Bonifatius hochbetagt war, erwachte in ihm noch einmal 
seine Jugendliebe zum Friesenvolke; mit 52 Personen, Diakonen. 
Mönchen und Dienern fuhr er den N hein hinab. Predigend und 
taufend gelangte er ins Friesenland. Auf einen bestimmten Tag hatte 
er die Neugelauften zur Einfegnung bestellt. Aber statt ihrer kam 
eine Schar heidnischer Friesen mit wildem Geschrei und drang gewalt- 
sam in den Lagerplatz. Die Diener des Bonifatius griffen zu den Waffen, 
er aber wehrte ihnen: „Lasset ab vom Streite; vergeltet nicht Böses mit 
Bösem! Vertrauet dem Herrn; er wird unfere Seele erretten!“ Einer nach 
dem andern, zuletzt Bonifatius, traten sie aus dem Gezelte und boten 
sich dem Todesstreiche dar. Betend, das Evangelienbuch in der Hand, 
stärb Bonifatius am 5. Juni 755 den Märtyrertod. Sein Leichnam 
ward in Fulda beigesetzt. Auf einem erhabenen Platze vor dem Schlosse 
steht, in Erz gegossen, das Bild des gewaltigen Gottesmannes in 
faltenreichem Gewande und predigt dem lebenden Geschlechte: „Gottes 
Wort bleibet in Ewigkeit!“ 
17. Zistümer und Klöster. 
1. Die Bekehrung einer ganzen Gegend und deren Eingliederung 
in die Ordnung der Kirche wurde in den meisten Fällen von den 
Bistümern und Klöstern aus vollzogen. — Den Mittelpunkt des 
Bischofssfitzes bildete die Bischofskirche; sie führte gewöhnlich den Namen 
Dom oder Münster, war anfangs aus Holz, später aus kunstvoll ge- 
hauenen Steinen errichtet. In Nebengebäuden wohnten leibeigene Dienst- 
leute, welche als Bauhandwerker thätig waren, für Kleidung und Speise 
sorgten, die Felder bebauten und das Vieh zu pflegen hatten. Mild- 
thätigkeit und Gastfreundschaft wurden gern geübt. Der ganze Bischofssitz 
war mit einer Mauer zu Schutz und Trutz gegen feindlichen Andrang 
gesichert. Die meisten Bischofssitze haben sich zu Städten erweitert. 
2 . Von den Bischofssitzen aus wurden Klöster gegründet; das 
waren Niederlassungen, die äußerlich mit einem Bischofssitze viel Ahn- 
lichkeit hatten. Geistliche und Laien, die Ackerbau, Handwerk und die 
Kunst, mit Steinen zu bauen, verstanden, zogen an die fürs Kloster 
bestimmte Stätte. Gewöhnlich suchten sie den wilden Wald oder die 
feuchte Flußniederung auf. Dann fielen die riesigen Waldbäume; 
Kalkösen wurden angelegt, Ziegelsteine gebrannt oder Bruchsteine 
den nahen Bergen entnommen, und oft standen schon nach Jahresfrist 
hohe Manuern und Gebäude, wo vorher wilder Wald gewesen war. 
Inmitten des Klosterraumes lag die Kirche; unmittelbar daran schlossen 
sich, um einen großen, rechteckigen Platz, die Wohnungen der Kloster- 
leute. Ein Säulengang umschloß den Platz. Hier gingen die Mönche 
in ernstem Gespräche auf und ab, wenn Dienstpflicht und Arbeit beendigt 
waren. Die Schule des Klosters, Häuser für Gäste und Kranke lagen 
dicht neben dem Hauptgebäude. Im weitern Umreise erhoben sich 
Arbeits= und Wirtschaftsgebäude: Mühle, Bäckerei, Brauerei, ein Werk- 
2
        <pb n="30" />
        18 II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Chrifstentum. 
  
  
  
  
haus für Schuster, Sattler, Drechsler und Schmiede, wie auch Stallungen. 
Große Gärten für Gemüse, Obst und Heilkräuter erstreckten sich neben 
den einzelnen Gebäudegruppen; denn jedes Kloster sollte alle Einrich- 
tungen, welche zur Beschaffung und Bereitung der Lebensbedürfnisse 
erforderlich sind, selbst enthalten, gerade wie die Bischofssitze. Im Kloster 
lebten Geistliche und Laien, Freie und Hörige nebeneinander. Der Vor- 
steher des Klosters war der Abt; die übrigen Geistlichen hießen Mönche: 
sie nannten sich unter einander Brüder. Die Klosterschwestern oder 
Nonnen wohnten in besondern Klöstern; ihre Vorsteherin hieß Ab- 
tisin. Wer Mönch oder Nonne werden wollte, mußte vorher geloben, 
der Ordensregel gemäß leben zu wollen; drei Tugenden mußten be- 
sondere beobachtet werden: Gehorsam, Keuschheit und Armut. « 
3. Kam der Sonntag, so ertönte heller Glockenklang, der sonst 
nie im Lande vernommen war, langsam und feierlich, mahnend, 
drohend und klagend durch die Luft über das Schattendach des Waldes 
und rief die Gläubigen zum Dienste des Herrn. Hehrer Chorgesang 
ertönte in den weiten Klosterhallen und lockte auch die Draußen= 
stehenden, dem Rufe zu folgen. Mit Staunen sahen die Deutschen 
das fremde Leben und Treiben in ihren Gauen. Mancher kam und 
hörte zuerst mit Neugier, dann mit Andacht die Erzählung vom Vater 
des Himmels und seinem Sohne, dem gekrenzigten Heilande, und 
wurde ein Christ. Viele Getaufte stellten ihr ganzes Leben in den 
Dienst des Herrn, wurden Monche und Nonnen und führten ein Kloster- 
leben wie die andern. Sie wurden mit allem Fleiße unterwiesen, 
damit sie selbst einmal Missionare unter ihrem eigenen Volke werden 
könnten. Die Umwohnenden erkannten bald, welchen Segen die neue 
Lehre und Lebensweise brachte, und rückten ihre Wohnungen dem Kloster 
näher, so daß manches Kloster sich zu einem Dorfe und später wohl 
gar zu einer Stadt erweiterte. 6 
18. Die Kloster- und Domschulen. 
1. Das Christentum hat auch die ersten Schuken in unser Land 
gebracht. Sie befanden sich innerhalb des Klosterhofes oder Bischofs- 
sitzes in einem besondern Gehäude. Anfangs besuchten nur solche 
Jünglinge die Schule, die für den geistlichen Stand bestimmt waren; 
später aber schickten auch Edelleute ihre Söhne dahin, damit sie desto 
geschickter für ihren Stand würden: denn seit die Deutschen Christen 
geworden, war auch die Gelehrsamkeit bei ihnen im Werte gestiegen; 
Lesen und Schreiben wurden als achtbare Künste geschätzt. In einer 
sonst noch rohen Zeit waren die Kloster= und Domschulen die einzigen 
Stätten, wo Künste und Wissenschaften gepflegt wurden. 6 
2. Gelehrte Mönche waren die Lehrer in diesen Schulen: die 
Schüler empfingen neben Unterricht auch Kost und Wohnung, so daß 
sie ein Leben gleich den Mönchen führten. Die Lehrweise der Kloster- 
schulen war gar verschieden von derjenigen, die jetzt gebränchlich ist.
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        — · 
II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christentum. 19 
Lehrer und Schüler sprachen nicht deutsch, sondern lateinisch. Gedruckte 
Bücher, Stahl= und Bileifedern, Papier, Schiefer= und Wandtafeln 
gab es noch nicht; die Schüler erhielten Holz= oder Wachstäfelchen, 
wohl gar Birkenrinde, um sich darauf mit einem Rohre oder 
Gäufekiele in der Schreibkunst zu üben, während die Mönche ihre 
Schriften auf Pergamente setzten. Die Buchstaben waren unsern 
Druckbuchstaben ähnlich, oft reich verziert und verschnörkelt, wie man 
solches jetzt noch in alten Handschriften sehen kann. Wer fleißig und 
strebjam war, der konnte es in den Klosterschulen zu großer Weisheit 
und Kunstfertigkeit bringen und hohe Amter in Kirche und Staat 
erlungen. Gelehrte Männer, die Ratgeber bei Kaiser und Fürsten 
waren, Bischöfe und selbst Päpste sind aus solchen Schulen hervor- 
gegangen. 
– — — 
19. Verbesserungen in der Landwirtschaft. 
Die gelichteten Stellen des Waldes, die nicht als Bauplatz und 
Hofraum dienten, wurden durch die Klosterleute in Garten- und 
Ackerland verwandelt. Die meisten Blumen, veredelten Obstforten, 
Gewürz= und Gemüfepflanzen in unsern Gärten sind durch jene Mönche 
bei uns eingeführt worden. Auch der Weizen ist durch sie zu uns ge- 
kommen und mit ihm die blaue Korunblume, die ihre Heimat auf der 
Insel Sizilien hat. Die Mönche pflegten auch die Haustiere besfser, 
indem sie die Weidewirtschaft in Stallwirtschaft verwandelten. Dadurch 
gewannen sie Dünger und konnten durch Düngung und bessere Be- 
arbeitung die Ertragsfähigkeit des Bodens erhöhen. Die Klöster sind 
daher für das Emporblühen eines neuen Lebens in unserm Lande von 
der größten Bedeutung gewesen; ihre Güter waren Musterwirtschaften. 
Von den großen Anstrengungen, welche bei der Urbarmachung des 
Landes nötig waren, zeugen noch heute die vielen Ortsnamen mit 
„rode“, „rott“, „reut" die in jener Zeit entstanden sind; auf den 
schwindenden Wald weisen die Namen mit „schwenden“, auf die An- 
lage von Acker und Wiese die Namen mit „feld“, „wang"“ und „au“ 
20. Die Vorfkirche. 
I. Auf ähnliche Weise wie die Klöster sind auch die meisten 
ältesten Dorfkirchen entstanden. Vom nächsten Bistume oder Kloster 
aus kam ein Mönch, um auch hier dem Christentume eine Stätte zu 
bereiten. Gar oft war es die eigene Heimat, die der Missionar auf- 
suchte. Hier waren ihm Sitten und Gebräuche bekannt, und er wußte 
daher am beften, den Weg zu den Herzen zu finden. Sein erfter 
Gang galt dem Edelinge oder Gaugrafen, der ihn in gewohnter Gast- 
freundschaft empfing. Des Edelings Haus mußte dem Herrn zuerst 
gewonnen werden. Hier setzte sich der Missionar des Abends an das 
Herdfeuer und erzählte seine Heilandsgeschichten, wenn die andern 
2“
        <pb n="32" />
        20 II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christentum. 
  
von ihren Göttern und Helden sprachen, oder er stimmte seine 
frommen Weisen an, wenn sie ihre Heldenlieder fangen. Kam dann 
der Tag der Volksversammlung, so zog er im Schutze seines Gast- 
freundes nach der Mahlstatt und brachte vor versammeltem Volke, wie 
einst Paulus zu Athen, seine Sache vor. Dann ging dumpfes 
Murmeln durch die Reihen, aber der Edeling verließ seinen Gastfreund 
nicht, sondern erzählte, wie sich derselbe in seinem Hause als Ehren- 
mann gehalten habe, und daß es keine Schande sei, den Gott zu ehren, 
dem auch tapfere Helden dienten. Nun teilten sich die Meinungen: 
schließlich mußte das Los entscheiden. 
2. War die Predigt des Evangeliums erlaubt, so konnte der 
Missionar ungehindert in der Gegend sein Werk betreiben. An der- 
selben Stelle, wo vordem der Götzenaltar gestanden hatte, erhob sich 
ein hölzernes Kirchlein. Der Mönch half selber mit bauen und kam 
nur noch des Abends in der Heiden Mitte. Der Gesang von den 
Göttern verstummte nach und nach, weil ihn der Missionar heidnisch 
schalt, und nur die alten Heldengesänge dauerten fort. 
3. Das Leben in der jungen Christengemeinde war in vielen 
Stücken anders als die heidnische Weise. Die alte Wildheit wich 
christlicher Sitte und Milde, und nur die Tapferkeit und Treue, die 
Freigebigkeit und Dankbarkeit, die Keuschheit und Familienkiebe blieben 
und wuchsen kräftiger und herrlicher aus dem Christentume hervor. 
Bald waren es nur noch wenige, in den entlegensten Heiden und 
tiefsten Waldgründen, die Christum nicht angehören und Heiden bleiben 
wollten. Kapellen und Kreuze, Muttergottes= und Heiligenbilder traten 
den Christen auf Wegen und Stegen entgegen und erinnerten an die 
Nähe Gottes. Die nächtlichen Götzenfeste verschwanden, christliche 
Feiertage und sonntäglicher Gottesdienst traten an ihre Stelle. Die 
Kindlein wurden in zartem Alter zur Taufe gebracht und erhielten 
Namen, die dem neuen Glauben und Hoffen entsprachen. So wurde 
z. B. jetzt ein Knabe Gottfried genannt, weil man wünschte, daß er 
einst zum Frieden in Gott kommen möge, und ein Mädchen in der- 
selben Hoffnung Elisabeth, was Ruhe in Gott bedeutet. Die Braut- 
leute wurden von dem Priester vor Gottes Altar gesegnet, und die 
Toten unter priesterlichem Geleite und Gebete neben der Kirche be- 
tattet. 
n 4. Die Bekehrten bauten sich gern um die Kirche an und setzten 
den Namen ihres Ortes oft mit „Kirche“ oder „Kapelle" zusammen, 
z. B. Kirchdorf, Waldkappel u. s. w. Auch ließen sie sich gerne bereit 
seinden ihrem Priester allerhand kleine Gaben, als Eier, Hühner, 
Gänse, Fleisch, Wurst, Brot und anderes zu liefern. Häufig wurde 
der Kirche ein ganzer oder halber Hof überlassen, von deffen Ertrag 
der Priester leben und seine Wirtschaft erhalten konnte. — Damit 
aber die Gemeinde in lebendiger Verbindung mit der übrigen Christen- 
heit bliebe, erstattete der Priester seinem Kloster und Bischofe ab und 
zu Bericht und bat in zweifelhaften Fällen um Rat. Der Bischof 
besuchte dagegen zu Zeiten Priester und Gemeinde mit größerm Ge-
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        II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christeuntum. 21 
— 1—. 1–– – — . · — — 
folge in feierlichem Festgewande und ehrte sie, indem er des Priesters 
Wirken anerkannte und der ganzen Gemeinde den Segen erteilte. 
Dieser Tag wurde zum Feiertage, dessen sich die Gemeinde gern er- 
innerte, und den sie stets mit Freuden kommen sah. 
21. Karl der Große. 
800. 
I. Im Jahre 768 wurde Karl der Große König des Franken- 
reichs. Karl war ein schlichter Mann und ging einfach einher wie die 
+A 
übrigen seines Volkes. Er trug ein leinen Wams und ebensolche 
Beinkleider, einen Rock von einheimischem Tuche, mit einem seidenen 
Streifen befetzt, Schuhe, die mit verschiedenfarbigen Bändern an den 
Füßen befestigt waren, und bisweilen einen kurzen weißen oder grünen 
Mantel. An seiner Seite hing ein großes Schwert mit goldenem 
Wehrgehänge. Nur an Reichstagen und hohen Festen erschien er in 
voller Majestät; dann schmückte eine goldene, von Diamanten strahlende 
Krone sein Haupt, und ein langer Mantel, der mit goldenen Bienen 
wie übersät war, umwallte seine Glieder. Sonst haßte er ausländische 
Kleidung. Mit Unwillen bemerkte er, wie seine Edeln sich in feine, 
seidene Gewänder kleideten. Er war ein echt deutscher Mann, maß 
sieben seiner eigenen Fußlängen, und seine Gestalt war voll hoher 
Würde. Seine Augen leuchteten dem Freunde und Hilfeflehenden 
freundlich, dem Feinde aber furchtbar. Er war der beste Fechter und 
Schwimmer unter seinen Franken. 
2. Karl war unermüdlich thätig. Sein Schlaf war kurz; oft 
stand er des Nachts vom Lager auf, nahm Tafel und Griffel, um sich 
in der Schreibkunst zu üben, oder er betete. Auch stellte er sich ans 
Fenster und betrachtete ehrfurchtsvoll den gestirnten Himmel. Bei 
Tische hatte er den Brauch eingeführt, aus guten Büchern vorlesen 
zu lassen. Karl war ein Freund der deutschen Sprache und Art; er 
ließ deshalb auch die alten Volks= und Heldensagen, die bis dahin 
nur mündlich überliefert worden, sammeln und aufschreiben. Zweimal 
des Tages besuchte er die Kirche. Er hatte tiefe Ehrfurcht vor dem 
Worte Gottes, ließ es oftmals auf Pergament abschreiben und las 
fleißig darin. Gern unterhielt er sich mit gelehrten Männern über 
die Vorzeit, über die Bücher der heiligen Schrift und über göttliche 
Dinge. Mit großem Eifer suchte er der christlichen Kirche in seinem 
Reiche aufzuhelfen, und seine Hofschule sollte ein Muster für alle 
andern Schulen im Lande sein; er achtete es auch nicht unter sseiner 
Würde, einmal selbst Schulauffeher zu sein. Die von ihm erbaute 
Kirche zu Aachen schmückte er mit kaiserlicher Pracht; hier feierte er 
am liebsten die hohen Feste. Damit diese begangen würden, wie sichs 
gebührte, berief er berühmte Lehrer des Kirchengesunges und andere 
Gelehrte aus Italien und England zur Unterweisung der Franken. 
Auch ließ er Orgeln in den Kirchen aufstellen. Auf seinen Gütern
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        22 II. Die Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christentum. 
–— 
  
  
ließ sich Karl die Rechnungen vorlegen, in denen alles bis auf die 
Anzahl der Eier eingetragen sein mußte. Dann überzählte er Ein- 
nahme und Auzsgabe, rechnete seinen Verwaltern nach und machte 
Bauanschläge, als wäre er nichts als ein Landmann. Seine Zeit- 
genossen nannten ihn den Großen. « 
3. Den Gipfel menschlicher oße erstieg Karl der Große im 
Jahre 800. Als er am Weihnachtsfeste in der Peterskirche zu Rom 
betend vor dem Altare kniete, setzte ihm der Papst die Krone auf, die 
einst Kaiser Augustus getragen hatte, und begrüßte ihn als römischen 
Kaiser und Herrn aller Christenheit. Alles Volk aber rief; „Leben und 
Sieg dem von Gott gekrönten, frommen, großen und friedebringenden 
Kasfer von Rom!"“ Karl nannte sich von nun an Kaiser von Gottes 
Gnaden und achtete sich für einen Schirmherrn der Kirche. 
22. Karl erweitert das Frankenreich. 
1. Karl der Große hatte die Absicht, alle Völker Westeuropas zu 
einem christlichen Reiche zu vereinigen. Daher begann er bald nach 
seinem Regierungsantritte den Krieg gegen das alte, mächtige Sachsen- 
volk und führte ihn mehr als dreißig Jahre fort. Im Jahre 777 
hielt er im westlichen Sachsenlande, zu Paderborn, eine große Reichs- 
versammlung, bei der viele sächsische Edelinge dem Könige huldigten 
und sich taufen ließen. 
2. Kaum hatte Karl dem Sachsenlande den Rücken gekehrt, 
so waren auch Huldigung und Taufe vergessen. Die Sachsen teilten 
sich nach ihren Wohnsitzen in Westfalen, Engern und Östfalen. Unter 
Führung des Herzogs Widukind sammelten sich die Westfalen, zer- 
störten Kirchen und Burgen und ermordeten fränkische Priester und 
Krieger. Karl eilte herbei, schlug die Westfalen und verfolgte den 
fliehenden Widukind bis über die Weser, unterwarf die Ostfalen aufs 
neue und blieb zwei Jahre in ihrem Lande. In dieser Zeit gab er 
dem Lande die fränkische Gauverfassung. Die alten sächsischen Volks- 
rechte wurden darin nicht geachtet; fränkische Priester zerstörten nun 
die Heiligtümer des Sachsenvolkes und untergruben den Glauben seiner 
Väter. Da erwachte der Groll von neuem, und als das unterworfene 
Volk in den fränkischen Heerbann eingereiht wurde und mit gegen die 
Wenden ziehen sollte, empörte es sich, überfiel ein fränkisches Heer am Süntel 
und vernichtete es samt den Anführern. Karl nahm blutige Rache: 
4500 gefangene Sachsen ließ er bei Verden an der Aller enthaupten. 
3. Hatte Karl es bislang nur mit einzelnen Stämmen zu thun 
gehabt, so erhob sich nach dem Verdener Blutgerichte das ganze 
Sachsenvolk zum gemeinsamen Kampfe für Vaterland, Religion und 
Freiheit. Wie einst Armin die germanischen Stämme gesammelt, so 
entflammte jetzt Herzog Widukind die sächsischen zum Kampfe. Nur 
mit Mühe vermochte Karl dem Andrange der Verzweifelnden zu wider- 
stehen. Die erste Schlacht bei Detmold blieb unentschieden. In einer
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        n. Die zeit des Kampfes zwischen Heibentum und Christentum. 23 
  
  
  
zweiten dreitägigen Schlacht bei Osnabrück wurde das Sachsenheer ge- 
schlagen. Widukind entwich ins Land der Dänen, weil er einsah, daß 
fernerer Widerstand vergeblich sei. Zwei Jahre später ließ er sich 
taufen, und die größte Zahl seiner Volksgenofsen folgte ihm. Mit 
dem Rücktritte Widnkinds blieb Westfalen ruhig, aber in Engern und 
Ostfalen dauerte der Kampf noch fast zwanzig Jahre fort. Das Ver- 
langen nach der alten Freiheit und dem alten Götterglauben trieb 
noch öfters zu neuen Aufständen: deshalb entschloß sich der Kaiser, 
aus den Gegenden an der Unterelbe, die er am schwersten erreichen 
konnte, das Vott wegzuführen. An 10000 Sachsen wurden nun im 
fränkischen Lande angesiedelt, und fränkische Ansiedler mußten sich im 
Sachsenlande niederlassen. Damit war der Widerstand der Sachsen 
gebrochen, und der Friede danernd gesichert. Um das Christentum 
dem Herzen näher zu bringen, errichtete Karl auch im Sachsenlande 
Bistümer und Klöster. Das erste Bistum gründete er zu Osnabrück. 
Dann folgten Münster, Paderborn, Minden, Bremen, Berden, Halber- 
stadt und später Hildesheim. 
4. Während Karl der Große mit den Sachsen Krieg führte, er- 
hob er auch noch gegen andere Nachbarvölker das Schwert. Der 
Langobarden- König Desiderius wurde von ihm besiegt und in ein 
Kloster geschickt, während Karl sich zum Könige der Langobarden 
krönen ließ. Im Jahre 778 zog er über die Pyrenäen, drängte die 
mohamedanischen Araber bis zum Ebro zurück und fügte das Land 
unter dem Namen „spanische Mark“ zu seinem Reiche. Bei der Rück- 
kehr aus Spanien wurde die Nachhut des Heeres im Pyrenäenthal 
Roncesvalles von den wilden Basken überfallen und vernichtet. Bei 
diesem Kampfe erlitt auch Roland, von dem die Sage viel zu er- 
zählen weiß, den Heldentod. Karl zwang auch die an der Havel 
wohnenden Slaven zur Anerkennung seiner Macht, richtete Marken 
ein und legte Grenzfesten an. Damit war der erste Schritt zur Be- 
gründung des Deutschtums zwischen Elbe und Oder gethan. Endlich 
unternahm Karl noch einen Feldzug gegen die Dänen und erwarb 
das heutige Holstein. Die Eider galt von da ab als Grenze zwischen 
Deutschen und Dänen; die Dänen warfen zur Sicherung der Grenze 
einen Wall auf, den sie das Danewerk nannten. 
23. Bayern kommt zum Frankenreiche. 
788. 
I. Schon als Jüngling hatte der Bayernherzog Thassilo II. dem 
Frankenkönige Pippin und dessen Söhnen den Eid der Treue schwören 
müssen und mit ihm viele bayerische Adelige. Sechs Jahre hielt der 
junge Thassilo dieses Gelöbnis. Als er und sein Heer aber einst 
wieder mit Pippin in den Krieg ziehen sollte, verließ Thassilo plötz- 
lich das königliche Feldlager und eilte in die Heimat. Pippin gelang 
es nie mehr, die Bayern zur Botmäßigkeit zu bringen. In den
        <pb n="36" />
        24 II. Die Jeit des Kampfes zwischen Heidentum und Ehristentum. 
achtzehn Jahren der Selbständigkeit vergrößerte Thassilo sein Land 
durch mehrere Alpengaue. «· «" 
2. Als Karl der Große die Sachsen unterworfen hatte, waren 
die Bayern noch der einzige deutsche Volksstamm, der außerhalb des 
fränkischen Reiches stand. Ihn seinem großen Weltreiche einzuver- 
leiben, war nun Karls stete Sorge. Auf Zureden des Papstes er- 
kannte Thassilo seine früheren Schwüre an und unterwarf sich Karl. 
Aber nur einige Jahre dauerte das gute Verhältnis zwischen König 
und Herzog. Als sich Thassilo abermals ungehorsam zeigte, zog Karl 
mit einem Heere nach Bayern. Doch kam es nicht zur Schlacht, 
denn viele Unzufriedene verließen Thassilo. Auf dem Lechfelde unter- 
warf er sich zum drittenmale und erhielt nun sein Herzogtum als Lehen. 
Im Eide der Treue, den er leisten mußte, hieß es: „sollte der Herzog 
so kühn oder hartnäckig sein, so leichtfinnig, frech, aufgeblasen, über- 
mütig oder rebellisch, daß er einen Befehl des Königs mißachtet“ so 
soll er seines Herzogtums verlustig gehen. 
3. Thassilo konnte diese Schmach nicht verschmerzen. Er knüpfte 
Bündnisse mit Karls Feinden. Als Karl hiervon Kunde erhielt, wurde 
Thassilo auf der Reichsversammlung zu Ingelheim (788) abgesetzt und 
samt seiner Familie in ein Kloster geschickt. Nun wurde Bayern als 
eine fränkische Provinz von Gaugrafen verwaltet. 
24. Die Gauverfassung. 
1. Das ganze Frankreich war zur bessern Verwaltung in Gaue 
geteilt. An der Spitze jedes Gaues stand ein Graf; er hatte auf 
Ordnung zu halten, war oberster Richter, bot den Heerbann auf und 
führte ihn gegen den Feind. Diese Stelle wurde in der Regel einem 
im Gaue begüterten, angesehenen Manne verliehen. Damit aber die 
Grafen, fern vom wachenden Auge des Herrschers, ihre Gewalt nicht 
mißbrauchten, setzte Karl über mehrere Gaue Sendgrafen, immer einen 
weltlichen und einen geistlichen, die umherziehen und nachforschen 
mußten, ob alles mit Recht und Ordnung zugehe. An der Mahlstatt 
des Gaues versammelten die Sendgrafen das Volk, hielten Gericht an 
Stelle des Gaugrafen, stellten Umfrage an und nahmen Beschwerden 
entgegen. Diese Einteilung und Verwaltung wurde von den Franken-- 
königen auch auf alle neu eroberten Länder übertragen. Die alte 
Herzogswürde konnte daneben nicht bestehen; sie wurde deshalb ge- 
wöhnlich beseitigt. Karl der Große reiste auch selbst im Reiche um- 
her, Gericht zu halten und nach dem Rechten zu sehen. Auf diesen 
Reisen kehrte er in seinen Burgen ein. Zu diesen Burgen, die man 
auch Königspfalzen nannte, gehörten große Landgüter und hörige 
Leute; beides verwaltete ein Burg= oder Pfalzgraf, der dem Könige 
Rechenschaft über seine Verwaltung ablegen mußte. Die größte Ge- 
walt hatten die Grafen, die an der Grenze oder Mark des Landes 
wohnten; sie hießen Markgrafen und konnten ohne vorherige Ge-
        <pb n="37" />
        u. Die Zeit des Kampfes zwischen Hesdentum und Chriftentum. 25 
— 
nehmigung des Königs das Schwert gegen unruhige Nachbarn an des 
geiches Grenze ziehen. ..-·-.-« 
Reiches lenenen in Reiche war jetzt der Kaiser oder König, 
ihm allein stand Gewalt über Eigen und Lehen, Tod und Leben zu. 
Was früher die Volksversammlung geübt hatte, war auf seine Person 
übergegangen. In den einzelen Gauen hielten die Grafen über ge- 
wöhnliche Dinge Gericht. Das Gericht hieß „Ding". Der Graf be- 
rief die Dingpflichtigen zum „echten Ding“ auf einer Mahlstatt seines 
Gaues; sieben Schöffen standen ihm dabei zur Seite; das waren an- 
gesehene Männer des Gaues, welche vom Grafen erwählt waren, das 
Urteil finden zu helfen. Minder wichtige Angelegenheiten erledigte der 
Graf mit den Schöffen und den streitenden Parreien allein im „ge- 
botenen Ding“; dazu wurde die Gemeinde nicht geladen. — Zum 
Beweise der Unschuld wurden die Kreuzprobe, die Probe des siedenden 
Wassers, des glühenden Eisens und der Wassertauche angewandt. Beie 
der Kreuzprobe stellten sich die Gegner mit kreuzweife emporgestreckten 
Armen vor ein Kreuz; wer die Arme zuerst sinken ließ, galt als 
schuldig. Wer Arm oder Hand unoverletzt aus dem siedenden Wasser 
zog, wer glühendes Eisen tragen oder barfuß einen glühenden Rost 
überschreiten konnte, ohne sich zu verbrennen, galt als schuldlos, ebenfo 
derjenige, der lebendig aus dem Wasser kam, in welches er eine Zeit- 
lang getaucht war.
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        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
„Die Köulge herrschen. 
und die Obrigkeiten haben Gewalt.“ 
— 
— 
25. Entwickelung und Art der Lehensherrschaft. 
1. König Chlodwig und seine Nachfolger hatten von den eroberten 
Ländern derart Besitz genommen, daß sie zwar den Bewohnern ihren 
erb= und eigentümlichen Grundbesitz ließen, aber die Allmende, die 
Güter der Edelinge und aller Gefangenen nahmen. Mit einem Teile 
dieses Landes bedachte der König seine Krieger, die ihm zur Er- 
oberung gefolgt waren. Jeder Krieger erhielt sein Ackerlos als freies 
Eigentum oder Allod. Die verbleibenden Teile wurden zu großen 
Domänen, d. h. Krongüter, gemacht. Von diesen Gütern gab der 
König seinen Getreuen und Hoöchstgestellten solche, dic er selbst nicht 
verwalten konnte, derarl, daß sie sein eigen blieben und jenen nur 
zur Nutznießung geliehen waren; man nannte sie darum Lehen. Der 
Belehnte oder Lehensmann behielt das Lehen gewöhnlich auf Lebeus- 
zeit, wenn er es nicht durch Treulosigkeit verwirkte; er zahlte keine 
Abgaben, war aber dem Lehensherrn zur Heeresfolge in jedem Streite 
verpflichtet. Der Kaiser war danach oberster Lehensherr. Er gab 
Teile des Reichsgebietes den Hohen des Landes: den Herzögen, 
Bischöfen und Grafen, zu Lehen, und diese konnten alles, was einen 
dauernden Ertrag gewährte: Grund und Boden, Zehnten, Zölle, Kirchen, 
Klöster und Amter weiter verleihen. 
2. Trotz dieser Veränderung war jeder freie Mann und Grund- 
besitzer zum Kriegsdieuste verpflichtet, wenn dieser eine Volkssache 
betraf. Der Kriegsdienst wurde immer mehr zu Pferd geleistet und 
war darum für die minderbegüterten Freien sehr drückend. Manche 
hielten es deshalb mit der Zeit für vorteilhafter, ihr freies Eigentum 
einem mächtigen Nachbarn als Grundherrn zu übergeben und es 
vergrößert als Lehen zurückzuempfangen. Das Lehensverhältnis, in 
welches der Bauer dadurch zum Grundherrn trat, führte in der Folge 
zu einer Minderung seiner persönlichen Freiheit, weil der Herr mit 
der Zeit auch persönlich freie Hintersassen seinen Hörigen gleichstellte.
        <pb n="39" />
        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 27 
  
So schwand die Zahl der Freien, und zuletzt war vom Kaiser bis 
zum Bauern herab eine fortgesetzte Kette von Lehens= und Grund- 
herren auf der einen und Lehensmännern und Grundholden auf der 
andern Seite. 
3. In der Bewirtschaftung des Hofes trat durch die Belehnung 
keine Anderung ein; denn die Höfe wurden nach wie vor einzeln be- 
wirtschaftet; der Bewirtschafter war aber nicht mehr überall freier 
Bauer und Eigentümer, sondern vielfach nur Aufseher oder Verwalter. 
Gewöhnlich wurde er mit dem lateinischen Namen „Meier“ benannt; 
daraus sind später die Familiennamen Meyer, Kirchmeier, Kloster- 
meier, Burgmeier, Niedermeier, Schäfermeier u. a. entstanden. Mit 
der Zunahme der Bevölkerung und in den fortwährenden Kriegs- 
unruhen erlitten die Meier durch ihre Lehensherren oft harte Be- 
drückung, und manche Meier sanken zu Hörigkeit und Unfreiheit, ja 
sogar Leibeigenschaft herab, hatten also nicht mehr das Recht, durch 
Rückgabe des Gutes an den Herrn ihr Leiheverhältmis wieder zu lösen. 
Rechtlos standen sie dann ihrem Grund= oder Lehensherrn gegenüber, 
und er konnte sie abmeiern, d. h. von Haus und Hof verjagen. Wohl- 
wollende Landesherren gaben darum später Gesetze und Verordnungen, 
die bei der Bemeierung und Abmeierung, bei Klagen und Prozessen 
zwischen Meier und Lehensherrn beachtet werden sollten. Das waren 
die Meierordnungen. 
— —— — 
26. Die Herrendienste und Königsrechte. 
1. Mit dem Christentume und der Lehensherrschaft haben auch 
die ersten Stenern bei uns Eingang gefunden; denn die Kirche und 
ihre Priester mußten von der Gemeinde erhalten werden, und der 
Grundherr verlangte seinen Anteil an dem Ertrage der Güter. Geld 
war nur wenig oder gar nicht vorhanden; alle Abgaben und Ver- 
pflichtungen mußten in Natur geleistet werden. Die Priester und 
Grundherren erhielten bestimmte Teile, z. B. den Zehnten aller Feld- 
früchte, und was sie sonst au Eiern, Butter, Fleisch u. s. w. im 
Haushalte nötig hatten. Außerdem mußte der Bauer perfönliche 
Dienste, Hand= und Spanndienste, in Haus und Hof, Feld und Wald 
des Grundherrn leisten; diese hatten den Namen Herrendienste Dafür 
hatte der Priester das geistliche Amt zu verwalten und der Grund- 
herr den Kriegsdienst zu versehen, so daß Rechte und Pflichten gleich- 
mäßig verteilt waren. · 
2. Der Kriegsdienst wurde bald als vornehmste Steuer betrachtet und 
auch wohl Blutsteuer genannt. Die Grundherren erlangten nach und 
nach das Recht, diese Steuern allein leisten zu dürfen und führten die 
Wehrlosigkeit der Bauern herbei. Den Bauern wurde dagegen die 
Pflicht auferlegt, alle andern Steuern aufzubringen, so daß Rechte und 
Pflichten nach beiden Seiten ungleiche Verteitung fanden. 
3. Wie das Wild im Walde und der Fisch im Wasser, so galten 
die im Schoße der Erde verborgenen Schätze als herrenlos; sie ge-
        <pb n="40" />
        28 III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
  
hörten nicht dem Grundeigentümer, sondern nach dem Volksglauben den 
Erdgeistern, denen sie mit Gewalt oder List abgenommen werden mußten. 
Der König hatte das Recht, diese Erdschötze mit dem Banne zu be- 
legen; ihre Gewinnung und Ausbeutung wirde als Königsrecht 
betrachtet. Alle Bergwerke und Salzquellen gehörten darum dem 
Könige. 
–. 
27. Das TLehensheer. 
1. Erließ der Kaiser jetzt ein Aufgebot, so erging dieses nur an 
die Fürsten, reichsunmittelbaren Grundherren und Reichsstädte. Der 
Fürst bot seinen Lehensträger auf, und diese ihre Hintersassen. Am 
bestimmten Orte sammelte der Fürst die Reiterscharen seiner Lehens- 
träger und führte sie unter seinem eigenen Banner dem Herzoge oder 
Kaiser zu. Der Kaiser ordnete das Heer nach Stämmen. Jedem 
Stamme vorau ritt der Herzog oder Fürst auf schnanbendem Rosse; 
er war gepanzert und mit einem wallenden Helmbusche versehen; ihm 
folgten gleichfalls hoch zu Roß, mit Lanze, Schild und Schwert be- 
waffnet, seine Mannen. Ein ungeheurer Troß begleitete das Heer, 
um den Mundvorrat, mit dem sich jeder für die ersten Wochen zu 
versehen hatte, sowie das Kriegsgerät zur Belagerung und zum Auf- 
schlagen des Lagers mitzuführen. Wasser, Gras, Heu, Holz und 
andere Naturalien mußten die Landesbewohner den durchziehenden 
Truppen unentgeltlich liefern. 
2. Anders war auch der Kampf geworden. Nach Willkür ftog 
der Ritter durch die Reihen der Kämpfenden und suchte sich einen 
Gegner zum Zweikampfe; seine Knappen folgten ihm, der Ritter gebot 
unumschränkt über seine Knappen und Knechte; die Stärke, Kühnheit 
und Tapferkeit des Einzelnen bestimmten den Ausgang. Zwischeu- 
durch sah man auch einige Haufen zu Fuß mit Spieß und Schwert, 
Pfeil und Armbrust kämpfen; aber sie hatten unter dem unzureichen- 
den Schutze ihrer halbgeschlossenen Sturmhauben und mit ihrem 
kurzen Schwerte dem Ritter gegenüber einen schweren Stand; denn 
mit Pfeil und Armbrust war gegen dessen Eisenpanzer nichts mehr 
auszurichten. 
—— 
28. Wie das alte deutsche Reich entstand. 
843. 
1. Nur mit Gewalt hatten die Frankenkönige die verschiedenen 
Völkerstämme und Völkerschaften ihres Reichs unter einer Herrschaft 
vereinigt, und nur Gewalt konnte sie zusammenhalten. Franken und 
Burgunden, Thüringer und Alemannen, Sachsen und Bayern, ja die 
Völker Italiens und Nordspaniens, die Bewohner des heutigen Frank- 
reichs und die Helvetier in den Alpen, sie alle gehorchten dem Macht- 
spruche Karls des Großen. So lange er lebte und für Recht und
        <pb n="41" />
        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 29 
  
Ordnung sorgte, ging es dem Volke wohl. Als aber Karl der Große 
gestorben war, stürzte das große, stolze Frankenreich in Trümmer. 
Die Völker westlich des Rheins empörten sich, wählten ihren cigenen 
König und behielten den alten Frankennamen bei, der noch heute in 
Frankreich und Franzosen wiederklingt. In gleicher Weise betrachteten 
sich die Stämme öftlich des Rheine als ein besonderes Volk und 
nannten sich Deutsche. Wir führen diesen Namen seit iener Zeit als 
Ehrennamen. Der Bruch zwischen beiden Teilen des Frankenreichs 
wurde in einem Vertrage zu Verdun öffentlich anerkannt. 
2. Das alte deutsche Reich reichte von der Elbe bis zum Rheine, 
von den Alpen bis zur Nordsee, und Ludwig, mit dem Beinamen der 
Deutsche, war sein erster König. Durch einen Vertrag kam Elsaß- 
Lothringen zu Deutschland, gab aber Ursache zu manchen Seitigkeiten 
zwischen Deutschen und Franzosen. 
3. Wie einst im großen Frankenreiche, so ftrebren auch im 
deutschen Reiche die einzelnen Stämme danach, ihre alte Selbständig- 
keit wieder zu erlangen und die Kaisergewalt zu entfernen. Nament- 
lich trachteten die Nachkommen der alten Stammesherzöge danach, 
die Herzogswürde in ihrem Stamme wieder herzustellen. Dies gelang 
um so leichter, als ränberische Nachbarn in jener Zeit unser Vater- 
land zum Tummelplatz ihrer Raubzüge machten, und der König ge- 
zwungen war, in den einzelnen Herzogtümern Männer zu ernennen, 
die dem Eindringen der Feinde selbständig wehren konnten. Darum 
stellte Ludwig der Deutsche schon im neunten Jahre seiner Regierung 
das alte Volksherzogkum Sachsen wieder her. Auch Bayern, Schwaben, 
Lothringen und Thüringen wurden bald darauf unter eigenen Herzögen 
wieder selbständiger. Von Süden kamen damals die Ungarn auf 
ihren schnellen Pferden#von Norden die Normannen auf leichten 
Kähnen, und von Östen drangen die Slaven tief ins Land, raubten 
und senglen, fingen und mordeten, was vorkam, und ehe die Deutschen 
sich zur Gegenwehr gerüstet, hatten die Feinde längst das Weite ge- 
sucht.) In dieser Zeit starb der letzte Nachkomme Karls des Großen 
in Deutschland als ein schwaches Kind. — Karl den Großen und seine 
Nachkommen neunt man die Karolinger. 
29. Bayern unter den Luitpoldingern. 
1. Bei der Teilung des Weltreiches, das Karl der Große hinter- 
ließ, kam Bayern als der Kern des deutschen Reiches unter die Herr- 
schaft Ludwigs des Deutschen. Vor allen andern Stämmen war es 
ausgezeichnet; denn es besaß eine eigene Hauptstadt (Megensburg) und 
den tüchtigsten Heerbann, der sich im Kriege mit Slaven, Avaren und 
Ungarn oft erprobt hatte. Die folgenden Karolinger vermochten das 
Land nicht ordentlich zu schützen. Unter dem letzten Nachkommen Karls 
des Großen, Ludwig dem Kinde, sah es in Bayern sehr trüb aus, die 
Ungarn brachen ein, raubten, sengten und mordeten. Im Jahre 900 
*
        <pb n="42" />
        30 III. Die Feit der Lehensherrschaft. 
  
verwüsteten sie in einem Tage einen Landstrich von zehn Meilen im 
Umkreis mit Feuer und Schwert. 
2. In diesen Zeiten der Not ergriff ein tüchtiger Graf die Nügel 
der Regierung. Es war Lnitpold der Schyre, "er Stammvater unseres 
jetzt noch blühenden Königshauses- Schon König Arnulf hatte ihm 
mehrere Gaue übertragen, und bald libertraf Luitpold alle andern 
baycrischen Grafen nicht nur an Mächt und Anjehen, sondern auch an 
Klughelt und Geschick. Als die Ungarn zum zweitenmale kamen, 
eilte er den Räubern nach und besiegte sie glünzend. Zum Schute 
der Gzrenzen errichtete Luitpold eine starke Feste, die Ennaburg. Zm 
Jahre 907 fielen die Ungarn wieder im Bayern ein und gingen aus 
einer mörderischen Schlacht als Sieger hervor. Die Blüte des bayerischen 
Stammes blieb auf dem Schlachtfelde. Mit dem lansene Martgrafen 
Luitpold welen auch mehrere bayerische Bischöfe. Das unglückliche. 
schutzlose Land hatte nun unter den Ränbereien der Feinde ichwer zu 
leiden. 
3. Luitpolds lapferer Sohn Arnuls war der nächste Herzog. Er 
führte den Titel: Durch Fügung der göttlichen Vorsehung Herzog 
der Bayern und der angrenzenden Gebiete“. Arnulf war darauf 
bedacht, die steten Einfälle der Ungarn zu beseitigen. Gr übte sein 
Hcer auf die Kampfesweise derselben ein und legte Befestigungen 
an. Im Jahre 913 erschienen die Ungarn wieder in Bayern. Aber 
dieemal schlug sie Armuf am Iun so aufs Haupt, daß sie um Frieden 
baten und Bayern auf längere Zeit verschonten. 
30. Messen und Mlärkte. 
Durch die große Volksmenge, welche regelmäßig an den Sonn- 
und Festlagen bei den Kirchen zusammenkam, wurden die Kauf- 
leute angelockt, daselbst ihre Waren feilzubieten. Die Friesen durch- 
zogen als Wallenweber mit ihrem Fries die deutschen Lande und 
wußten meistens den Raum hinter dem Altar der Kirche als Waren- 
lager zu gewinnen. Sobald der Gottesdienst vorüber war, offneten 
die Händler in der Nähe der Kirche ihre Läden und boten die Waren 
zum Verkaufe aus. So entstanden die Messen der Kaufleute. wie sie 
hente noch in Braunschweig, Frankfurt a. M. und Leipzig bestehen; 
sie erhielten den Namen „Messe“ von dem kirchlichen Hochamte, dem 
sie gewöhnlich folgten. Diese Kaufgelegenheit war Käufern und Ner- 
käufern angenehm. Sie wurde deshalb auch an andern Orten nhach- 
geahmt, jedoch nicht immer mit dem Gontesdienste in Verbindung 
gebracht; sie erhielt den Namen Markt. Der Kaiser oder Landeêherr 
gab bestimmte Tage im Jahre oder in der Woche zur Abhallung des 
Marktes frei. Die von Karl dem Großen zu militärischen Zwecken an- 
gelegten Konigsstraßen gereichten dem Handel auf Messen und Märkten 
zum großen Vorteile Mit der Zunahme der Herrendienste verlor der 
Bauer die Zeit, sich noch um andere Dinge als Ackerbau und Vieh-
        <pb n="43" />
        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 31 
  
  
—n— 
zucht zu kümmern. Das Handwerk, das ehedem auf dem Dorfe und 
den Einzelhöfen geübt worden war, zog mehr und mehr in die Markt- 
orte. Dorthin ging nun der Bauer an den Markttagen und zur 
Meßzeit, um seinen Bedarf an Kleidungsstücken und Geräten, die er 
nicht Felist verfertigen konnte, zu holen. Dadurch wurden die Messen 
und Märkte von Jahr zu Jahr größer. 
31. Bie ältesten deutschen Städte. 
I1. Aus den alten Römerstädten an Rhein und Donau, aus den 
Königspfalzen, den größern Herrenhöfen, Kloster= und Bischofsorten 
sind die ältesten deutschen Städte hervorgewachsen. Zu ihnen ge- 
sellten sich die größern Marktorte. Markt, Handel und Handwerk 
bildeten die Eigentümlichkeiten der neuen Städte. Es entwickelte sich 
daselbst ein besonderer Kaufmanns= und Handwerkerstand als freier 
Bürgerstand. Das Geld erlangte eine erhöhte Bedeutung im Verkehre. 
Die Zahl der Eigennamen mehrte sich seit jener Zeit bedeutend; denn 
die Schuster, Schuhmacher, Schneider, Müller, Bäcker, Böttcher, Kauf- 
mann, Krämer u. s. w. tragen ihre Namen, sei es als Ehren= oder 
Spottnamen seit jener Zeit. — Markt und Gericht machten einen 
befestigten Ort zur Stadt. Nur der Kaiser konnte Stadtrecht ver- 
leihen und den Ort damit vom benachbarten Grafengerichte freimachen. 
2 . Siedelten sich die Deutschen zuerst auch nur ungern in der 
Stadt an, so lockten doch bald allerlei Vorrechte und Freiheiten 
manchen Hörigen und Unfreien zum Einzuge. Wer Jahr und Tag, 
d. h. 1 Jahr, 3 Monate und 6 Tage in der Stadt gewesen war, 
konnte von seinem Herru nicht mehr zurückgefordert werden. Die 
Stadtluft hatte ihn von der Herrschaft des Herrn freigemacht. Heim- 
lich oder mit Erlaubnis, nach Zahlung einer Lösesumme, zogen die 
handwerktreibenden Unfreien in die Städte, weil sie da ihr Gewerbe 
nach Belieben treiben konnten. Oft wurden die Unfreien auch scharen- 
weise, oder, wie man damals sagte, im trop freigelassen; dann siedelten 
sie sich gemeinsam an einem Orte an, und dieser Ort erhielt den Namen 
trob oder torp, woraus später „Dorf“ geworden ist. So wurden 
mauche Herrenhtfe leer und kleine Ortschaften wüste, während sich die 
Städte bevölkerten. An den Endungen „dorf“ oder „torf“, die viele 
Ortsnamen haben, z. B. Mühldorf, Wunstorf, kann man diesen Vor- 
gang heute noch erkennen. 
32. Das Geld. 
I. An den Grenzen, wo sie mit den Römern und Galliern zu- 
sammentrafen, lernten die Deutschen im Verkehre auch Metallgeld 
kennen und eigneten es sich an, so daß aus dem ursprünglichen Tausch- 
handel nach und nach ein Handeln um Geldeswert wurde. Besonders 
gern hatten die Deutschen die römischen Silbermünzen, die Denare,
        <pb n="44" />
        32 III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
—— 
  
  
diese wurden daher später vom Kaiser zu Rechnungsmünzen bestimmt 
und auch in Deutschland geprägt. Um das Beschneiden zu verhüten, 
war der Denar durch Einschnütk gerändert und trug auf einer Seite 
das Bild des Kaisers. Der Denar erhielt vom deutschen Volke ver- 
schiedene Namen, gewöhnlich wurde er als Pfeunig bezeichuet. Das 
Recht, Münzen zu prägen, stand ursprünglich nur dem Kaiser zuz es 
wurde in den kaiserlichen Pfalzen ausgeübt, wobei der Graf die Auf- 
sicht führte. 
2. Der Silberpfennig war die einzige deutsche Münze. Die 
Entdeckung der reichen Silberbergwerke zu Goslar am Harz, zur Zeit 
Ottos I., hat das deutsche Münzwesen sehr gefördert; es entstanden 
viele neue Münzstätten. Goldmünzen sind erst viel später ge- 
prägt; sie erhielten den Namen Gulden. Von Böhmen aus kamen 
nach Deutschland Silbergeldftücke, die viel dicker als die bisher ge- 
bräuchlichen Pfennige waren; man nannte sie grossi oder Groschen, 
das bedeutet Dicke. Seitdem wurde der Pfennig nur noch als Scheide- 
münze gebraucht. In der Stadt Joachimsthal in Böhmen wurden 
zuerst die großen Geldftücke geprägt, die den Namen Joachimsthaler 
oder kurzweg Thaler erhalten haben. 
3. Mit der Lehensherrschaft ging das Münzrecht vom Kaifer auch 
auf die Fürsten und Grafen, Bischöfe und Städte über, und die Zahl 
der Münzstätten wurde nun immer größer, die Form und der Wert 
der Münzen verschiedener, so daß es mit der Zeit schwer hielt, sich 
zwischen all den verschiedenen Geldsorten durchzufinden. Auch das 
Reisen wurde dadurch sehr erschwert; denn der Reisende mußte wechseln, 
so oft er in Gebiete kam, die anderes Geld hatten. Es gab darum 
in jeder Stadt und an Orten, wo viele Fremde zusammenkamen, Wechsler, 
die aus dem Umtausche des Geldes ein Geschäft machten; man nannte 
sie Handwechsler. Wer oft wechseln mußte, der hatte viel Schaden, 
weil er sich von dem vollen Werte jedesmal etwas abziehen lassen mußte. 
  
33. Heinrich l. 
r 
1. Als im Jahre 911 der letzte Karolinger, Ludwig das Kind, 
gestorben war, kam der Frankenherzog Konrad zur Regierung. Er re- 
gierte nur wenige Jahre und lenkte die Augen der Großen auf Heinrich, 
den mächtigen Herzog von Sachsen und Thüringen, der mit großer 
Gewalt in seinen Landen regierte. Die Feinde hatten bereits Heinrichs 
starken Arm gefühlt, und im Rate der Fürsten galt seine Stimme 
vor andern. Eberhard von Franken, der Bruder des verstorbenen 
Königs, überbrachte ihm mit andern Großen des Reichs die Nachricht 
von der auf ihn gefallenen Wahl; sie trafen ihn, der Sage nach, 
als er in den Wäldern des Harzes mit Vogelfang beschäftigt 
war. Heinrich nahm die Wahl an und gelobte, dem Volke ein 
tüchtiger Herrscher zu sein. — Die Franken hatten damit den bisher
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        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 33 
geübten Brauch der Erbfolge verlassen und Heinrich zum Könige 
gewählt. Von da ab wurde Deutschland als Wahlreich betrachtet 
und der König stets durch die Wahl der Reichsfürsten auf den Thron 
erhoben. · » , 
2. Als Heinrich im fechsten Jahre regierte, erschienen die Ungarn 
wieder in Thüringen und Sachsen. Brennende Dörfer, geplünderte 
Kirchen und ausgeraubte Klöster bezeichneten ihren Weg. Wieder 
flüchteten sich die aufgeschreckten Bewohner in das Dickicht der Wälder, 
auf die Spitzen der Berge und in verborgene Höhlen. Sorgfältig 
vermied König Heinrich jede Schlacht und schloß sich mit seinen Ge- 
treuen in die feste Burg Werla, unweit Goslar, ein: denn die 
Ungarn konnten nur im Reiterkampfe erfolgreich angegriffen werden. 
Do geschah es, daß ein vornehmer Ungar in Heinrichs Gefangenschaft 
geriet. Um ihn auszulösen, boten die Ungarn viel Gold und Silber; 
doch Heinrich wollte den Gefangenen nur freigeben, wenn sie sich ver- 
pflichteten, neun Jahre lang Thüringen und Sachsen zu meiden. Als 
der König dann noch versprach, alljährlich einen Tribut zu zahlen, 
willigten die Ungarn ein und verließen das deutsche Land. 
3. Zum Schutze gegen die Ungarn erveiterte und befestigte 
Heinrich in den neun Jahren des Waffenstillstandes viele Städte des 
Sachsenlandes durch Mauerwerk. So entstanden die Städte Quedlin- 
burg, Merseburg, Meißen und vielleicht auch Erfurt. Diese Städte 
sollten bei einem Ungareinfalle Burgen, d. h. Zufluchtsörter, befestigte 
Anlagen für die Umwohner sein, und die Bewohner wurden deshalb 
Bürger genannt: Städte im heutigen Sinne des Wortes sind sie 
erst allmählich geworden. Da die Leute sich weigerten, in die Stadt 
zu ziehen, so wurde je der neunte Mann durchs Los bestimmt, sich in 
der Stadt anzubauen und für die übrigen acht Wohnung bereit zu 
halten, wenn der Gegend Gefahr drohte. Dafür mußten die Land- 
bewohner den Städtern das Land bestellen und den dritten Teil der 
Ernte hinter der Stadtmauer aufspeichern. — Zugleich bildete Heinrich. 
ein Reiterheer und erprobte es in einem Kriege gegen die Wenden. 
4. Als die Ungarn zum neuntenmale kamen, den fälligen Tribut 
zu fordern, mußten sie mit leerem Säckel abziehen. Bald erschienen 
sie in zahllosen Haufen und durchschwärmten das Thüringerland und 
die angrenzenden sächsischen Gebiete. Aber König Heinrich war bereit. 
Heerbann und Reiterheer waren aufgeboten und erwarteten den gün- 
stigsten Zeitpunkt zum Angriffe. Heinrich lagerte an der Unstrut. Als 
er des Feindes Nähe erfuhr, stellte er sein Herr in Schlachtordnung auf 
und ermahnte es, mit Gottvertrauen tapfer auf den Feind zu gehen. Da 
schwoll jedem das Herz; mit Lust sahen sie, wie der König bald vorn, 
bald in der Mitte, bald in den letzten Reihen sein Roß tummelte, 
und wie das Hauptbanner des Reichs, die Fahne des Erzengels 
Michael, den die Ungarn für den deutschen Siegesgott hielten, überall 
vor ihm wehte. Zuerst schickte Heinrich tausend Mann thüringisches 
Fußvolk mit nur wenigen Reitern vor, um die Ungarn heranzulocken; 
sobald diese aber die gewappneten deutschen Reiterscharen sahen, 
3
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        344 III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
  
wandten sie sich zu solch eiliger Flucht, daß man nur wenige von 
ihnen fangen konnte. Ihr Lager erstürmte der König und befreite 
dort alle Gefangenen. So lange Heinrich lebte, betrat kein Ungar den 
deutschen Boden wieder. — Heinrich und seine Nachfolger nennt man 
die sächsischen Kaiser. 
34. Otto I. 
962. 
1. König Heinrich war gestorben. In der Säulenhalle, welche 
die Kaiserpfalz zu Aachen mit dem Münster verband, stand der 
Marmorstuhl Karls des Großen, der Erzthron des Reichs; hier ver- 
sammelten sich am 8. August 936 die Großen aus allen deutschen 
Landen, erhoben Otto, den Sohn Heinrichs, auf den Thron und 
gelobten ihm unter Handschlag Treue und Beistand. Nach dieser 
Huldigung begab sich Otto, von den Herzögen, Grafen und Herren 
begleitet, in feierlichem Zuge zum Münster. Die obern Gänge 
desselben füllte eine dichte Volksmenge; im untern Raume er- 
wartete der Erzbischof von Mainz mil andern Erzbischöfen, Bischöfen 
und Priestern den jungen König. Als dieser an der Pforte erschien, 
schritt der Erzbischof ihm entgegen, den Krummstab in der Rechten, 
und führte ihn an der Linken bis in die Mitte des Münsters, wo 
Kaiser Karls Grabstein liegt und Otto von allen Seiten erblickt 
werden konnte. Hier wandte er sich um und rief: „Sehet, ich führe 
euch Otto zu, den Gott zu eurem Könige erwählt, König Heinrich 
bestimmt hat, und alle Fürsten erhoben haben! Gefällt euch solche 
Wahl, so erhebt cure Rechte zum Himmel!“ Alle erhoben die Hände, 
und donnernd hallte es in der Runde: „Heil und Segen dem neuen 
Herrscher!“ » 
zDaranfschrittderErzbifchofmit-Otto,.zumA-·l"tarej,1po 
die Zeichen der königlichen Würde bereit lagen. Zuerst nahm 
er Schwert und Wehrgehänge und sprach zum Könige: „Nimm hin 
dies Schwert und triff damit alle Feinde des Herrn; denn darum 
hat dir Gott die Gewalt verliehen, daß die gauze Christenheit sichern 
Frieden habe!“ Dann ergriff er Mantel und Spangen, legte sie ihm 
an und sprach: „Die Säume dieses Gewandes, die bis zur Erde 
herabwallen, sollen dich mahnen, bis an das Ende auszuharren im 
Eifer für den Glauben und in der Sorge für den Frieden“. Als 
er ihm Zepter und Stab überreichte, sprach er: „An diesem Zeichen 
lerne, daß du vöäterlich züchtigen sollst, die dir untergeben sind! 
Dann fuhr er fort: „Strecke deine Hand aus voll Barmherzigkeit 
gegen die Diener Gottes, gegen Witwen und Waisen, und nimmer 
versiege auf deinem Haupte das Ol des Erbarmens, auf daß du hier 
und dort die unvergängliche Krone empfangest". Bei den letzten 
Worten salbte er ihn mit dem heiligen Ole und setzte ihm die goldene 
Krone aufs Haupt. Dann stieg Otto zum Throne empor, der
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        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 35 
zwischen zwei Marmorsäulen errichtet war; von hier aus überblickte 
er das versammelte Volk. Nachdem die Messe beendigt war, stieg er 
vom Throne herab und kehrte zur Pfalz zurück. « 
3. In der Pfalz war inzwischen an marmorner Tafel das 
Krönungsmahl bereitet. Mit den Bischöfen und Herren setzte sich der 
neue Herrscher zu Tische, und es verrichteten die Herzöge der deutschen 
Länder die Erzämter. Der Lothringerherzog Giselbert, in dessen Ge- 
biet Aachen lag, leistete die Dienste des Kämmerers und ordnete die 
ganze Feier; der Frankenherzog Eberhard sorgte als Truchseß für 
die Tafel; der Schwabenherzog Hermann stand als oberster Mund- 
schent den Schenken vor, und Arnulf von Bayern nahm auf die 
Ritter und ihre Pferde als Marschall Bedacht; er bezeichnete die 
Stellen, wo man lagern und die Zelte aufschlagen konnte; denn die 
alte Kaiserstadt reichte nicht aus für alle die Herren, die in Nachen 
eingeritten waren. Nach der Feier belohnte Otto einen jeglichen 
mit Gunst und großen Geschenken, und alle kehrten froh in die Heimat 
urück. 
4. Die Deutschen hatten Ursache, sich der getroffenen Wahl zu 
freuen; denn, was der Vater begonnen, setzte der Sohn fort. Die 
Slaven. die ihre Raubzüge wieder aufnehmen wollten, wurden 
nicht nur besiegt, sondern es wurde auch der Anfang zur Aus- 
breitung des Christentums bei ihnen gemacht. Zu dem Zwecke 
legte Otto in ihren Landen die Bistümer Meißen, Merseburg, 
Havelberg und Brandenburg an und ordnete sie unter das Erz- 
bistum Magdeburg. Otto war auch siegreich gegen die Dänen und 
errichtete zu ihrer Bekehrung das Bistum Schleswig. Als die Ungarn 
im Jahre 955 noch einmal nach Deutschland kamen, schlug Otto sie 
auf dem Lechfelde in Bayern derart, daß ihnen alle Lust verging, 
je wieder zu kommen. ··" 
5. Otto hatte sich den gewaltigen Kaiser Karl zum Vorbilde ge- 
nommen. Wie jener schlug er alle Feinde, wollte aber auch gleich 
ihm die römische Kaiserkrone tragen und Herr der ganzen Christenheit 
heißen. Er hat deshalb manchen Kampf bestehen müssen und mehrere 
Heerfahrten über die Alpen nach Italien und Rom unternommen, ehe 
er sein Ziel erreichte. Bei der Romfahrt, die er 962 unternahm, 
wurde endlich sein Wunsch erfüllt: der Papst schmückte ihn mit der 
Krone der alten römischen Kaiser. Deutschland erhielt bei dieser 
Krönung den Namen „heiliges römisches Reich deutscher Nation“. 
Sestdem galt es in Deutschland für Recht, daß jeder deutsche König 
nach Rom ziehe und sich vom Papste die Kaiserkrone hole; nur wer 
dieses gethan hatte, durfte den Kaisertitel führen. 
—. —— — 
35. Die Ritter. 
I1I. Die uufreien Lehensmänner, die ihren Heerdienst zu Roß 
leisteten und sich in der Umgebung eines großen Herrn befanden, 
3*
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        36 III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
  
  
stiegen nach und nach im Ansehen über die Freien und erhielten, 
gleich den Adeligen, den Ehrennamen Ritter, d. h. Reiter. Die 
Ritter bildeten einen besondern Stand und schlossen sich von den ge- 
wöhnlichen Freien ab; nur der konute in den Ritterstand eintreten, 
der gewisse Bedingungen erfüllt hatte. Er mußte einem freien Ge- 
schlechte angehören, rikterliche Ehre kennen und ihrer wert sein. 
2. Schon in früher Jugend wurde der adelige Knabe für den 
Ritterstand erzogen und vorbereitet. Bis zum siebenten Lebensjahre 
wuchs er im Elternhause unter dem Einflusse und der Pflege der Frauen 
auf. Dann kam er gewöhnlich an den Hof des Lehensherrn, wo er bis 
zum vollendeten vierzehnten Jahre Pagendienste verrichtete, d. h. bei 
Tische diente, Botschaft trug und dergl. Schon jetzt wurde er unter- 
wiesen, daß Gott lieben und Frauen ehren die ersten Pflichten des 
künftigen Ritters seien. Zugleich lernte er Pferde tummeln, die Arm- 
brust spannen und das Schwert handhaben; er rang, klomm, lief und 
sprang bis zur völligen körperlichen Ausbildung; auch Singen und 
Saitenspiel, manchmal sogar fremde Sprachen wurden gelehrt. Vom 
fünfzehnten Jahre an folgte er seinem Herrn als Knappe in den 
Kampf, trug ihm die schwere Rüstung und Bewaffnung nach und 
führte das Roß vor. Treue gegen den Herru war die erste Pflicht 
des Knappen. Oft nahm er, im zweiten Gliede stehend, auch am 
Kampfe teil. Rettete er in der Schlacht seinen Herrn, so trug er 
den größten Ruhm davon, den ein adeliger Jüngling sich erwerben 
konnte. 
3. Mit dem einundzwanzigsten Jahre gelangte der Knappe 
durch den Ritterschlag zur Ritterwürde. Der Ritterschlag wurde 
unter großen Feierlichkeiten erteilt. Der junge Ritter kniete nieder 
und erhielt mit der flachen Degenklinge drei Schläge auf Hals oder 
Schulter, wobei die Worte üblich waren: „Im Namen Gottes, 
des heiligen Michael und Georg schlage ich dich zum Ritter!“ Im 
vollen Schmucke der Waffen, mit Helm und Schild, Schwert und 
Lanze schwang er sich dann aufs Roß und sprengte davon. Dem 
Ritterschlage folgte gewöhnlich ein Turnier zur Lust und Freude aller 
Teilnehmer. Die Turniere waren ritterliche Kampfspiele, bei denen 
die Gegner zu Roß miteinander kämpften. Wer die meisten Gegner 
aus dem Sattel gehoben hatte, dem erkannten die Kampfrichter einen 
Helm, ein Schwert, eine goldene Kette, eine gestickte Feldbinde oder 
irgend ein anderes Kleinod zu. 
4. Um vor gefährlichen Nachbarn sicher zu sein und sich auch 
äußerlich vom übrigen Volke abzuschließen, verlegten die Ritter ihre 
Wohnungen mit der Zeit auf die nächste Höhe, oder, wo diese fehlte, 
in eine sumpfige Gegend. Diese Wohnung, meistens aus festen Steinen 
erbaut, führte den Namen Burg oder Stein. Arme Ritter hatten 
kleine, enge und unwohnliche Burgen, bei reichen Rittern war sie dagegen 
weit und geräumig. Ein Graben, über den eine Zugbrücke führte, 
umschloß fie; an gefährlichen Stellen war sie außerdem durch Mauern 
geschützt. Im Innern lag der Burghof, von den Ställen der Pferde,
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        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 37 
  
Hunde und den Wohnungen des Gesindes umgeben. Bei größern 
Burgen war der Hof so geräumig, daß selbst Ritterspiele darin ge- 
halken werden konnten. Uber den Hof hinweg ging man in den Ahnen- 
saal; er war das Hauptgemach der Burg und der gewöhnliche Aufent- 
halt der Männer. Hier hingen Waffen, Siegeszeichen und später auch 
Ahnenbilder der Ritter. Eine Treppe höher lagen die Kemnaten, das 
waren die Zimmer für die Frauen und Kinder und die Orte zu 
traulicher Zusammenkunft im Kreise der eigenen Familie. Uber alle 
Gebäude hinaus ragte der Turm oder Bergfried. Der Saal, die 
Rüstkammer mit den Waffen, die Kapelle und das Verließ waren die 
Hauptteile einer größern Burg. Das Verließ war ein dunkler, unter- 
irdischer Raum für Gefangene. Bei Tag und Nacht achteten Wächter 
am Thorwege hinter der Zugbrücke und auf dem Bergfriede auf alles, 
was in Sicht kam. Der Ritter war stolz auf seine Burg und ver- 
band ihren Namen mit dem seinigen, indem er sie Brunstein, Gerold- 
stein, Rudelsburg u. s. w. nannte und zwischen beide das Wörtchen 
„von"“ einschob. Dieser Gebrauch ist bei den Adeligen bis auf den 
heutigen Tag geblieben. 
36. Die Kreuzsüge und ihre Folgen. 
1096. 
I. Schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung trieb der 
Glaube viele fromme Gemüter zu Wallfahrten nach dem Grabe Christi. 
Als das heilige Land in die Hände der Araber fiel, konnten die christ- 
lichen Pilger noch ungekränkt dorthin wallen; denn die Araber hatten 
selbst Ehrfurcht vor den heiligen Stätten und fanden ihren Vorteil 
bei den Wallfahrten der Christen. Im elften Jahrhunderte be- 
mächtigten sich aber die Türken des heiligen Landes; seitdem wurden 
die Pilger unmenschlich behandelt und manche von ihnen ermordet, 
so daß in der Christenheit der Gedanke erwachte, das heilige Grab zu 
befreien. Daher hielt Papst Urban II. eine große Kirchenversammlung 
und forderte die Christen in begeisternder Rede zur Fahrt ins heilige Land 
auf. „Gott will es!“ antworteten die Versammelten und ließen sich 
ein Kreuz von rotem Tuche als Zeichen der Teilnahme an die Schulter 
heften. Davon erhielten diese Züge den Namen Kreuzzüge. Die 
Kreuzfahrer zogen unter der Führung tapferer Fürsten, drangen in 
das heilige Land und eroberten nach unendlichen Beschwerden die 
Stadt JFerusalem. Später sind noch mehr, im ganzen sieben, Kreuz- 
züge unternommen worden; zu einer dauernden Eroberung des Landes 
führten sie jedoch nicht. 
2.. Das heilige Land glich damals einer europäischen Niederlaffung; 
es siedelte über, wer sein Glück zu machen hoffte. So entstand ein 
reger Verkehr zwischen dem reichen, kunstfertigen Morgenlande und 
dem ihm noch weit nachstehenden Abendlande. Das Morgenland 
lieferte köstliche Gewebe, seidene Stoffe, feine Waffen, edle # Jewürze
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        38 III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
  
  
— 
und dergleichen. Durch die Kreuzfahrer kam auch der Buchweizen zu 
uns, und die Deutschen lernten durch sie die Bereitung der Arzneien 
besser kennen. Die Kreuzzüge haben uns auch Pauke und Trommel, 
Guitarre und Laute als Musikinstrumente ins Land gebracht. 
3. Zum Schutze des heiligen Grabes und zur Ausbreitung des 
Christentums thaten sich damals fromme Ritter zu Ritterorden zu- 
sammen. Solcher Orden waren es drei: die Johanniter, die Tempel- 
herren und die Deutschherren. Die Ordensritter vereinigten Mönch- 
tum und Rittertum in einer Person. Für Deutschland wirkte besonders 
der Deutschherrenorden sehr segensreich. Er schickte ein Heer gegen 
Osten, um die Preußen zu bekehren und zu unterwerfen. An der 
Weichsel legten die Ordensritter feste Burgen und Plätze an, aus denen 
später die Städte Thorn, Marienberg, Marienwerder u. a. entstanden 
* In den erbitterten Kriegen wurde jedoch die altpreußische Be- 
völkerung fast gänzlich aufgerieben, so daß ihr Land durch Kolonisten 
aus dem Westen Deutschlands neu besiedelt werden mußte. Nun 
wohnten Deutsche bis an die Ufer der Memel. Deutsche Sprache, 
deutsche Sitte und Art breitete sich durch sie in dem fremden Lande 
aus. Preußen blieb dreihundert Jahre lang unter der Herrschaft des 
deutschen Ritterordens und hieß Ordensland Preußen. 
37. Die fahrenden Leute. 
I. Seit uralten Zeiten wanderten die Sänger als Träger von Neuig- 
keiten und Verbreiter der alten Heldenlieder von Hof zu Hof, um am 
Herdfeuer beim Klange der Harfe von Göttern und Helden zu singen 
und zu sagen. Dann war mit den Römern allerlei fremdes Volk ans 
dem Süden und dem fernen Asien als Gaukler und Händler, Wahrsager 
und Kurpfuscher ins Land gezogen. Spater gesellten #ich Mönche und 
Schüler und noch später Zigeuner und Soldaten zu ihnen und zogen 
wie jene bettelnd und stehlend als fahrendes Volk von Ort zu Ort. 
2. Wo eine größere Menschenmenge, wie z. B. bei Kirchweihfesten 
und auf Jahrmärkten, versammelt war, da fehlten auch die Fahrenden 
nicht. Als wandernde Arzte schlugen sie ihre Buden auf und erteilten 
Rat und Hilfe dem, der sie suchte. Auf dem Kirchhofe führten sie 
Schauspiele auf; dabei mußte der Teufel tanzen, Feuer speien und 
mit dem Schweife wedeln; zum Schlusse erhielt er eine tüchtige 
Tracht Prügel. Uber den Marktplatz wurde ein Seil gespannt, und 
der Gaukler marschierte in bunter Kleidung darüber. Andere zogen 
durch die Straßen mit Fiedel und Dudelsack, sangen Lieder vom 
Wandern und Lieben und erzählten Märchen von alten Helden und 
fremden Ländern. Die Weiber schlichen unterdessen in die Häuser, 
bettelten, offenbarten thörichten Menschen die Zukunft und trieben 
geheime Künste. Mönche, Schüler und Soldaten ließen sich gewöhnlich 
längere Zeit im Haufe nieder, erzählten von ihren Fahrten und den 
Geschichten, die sie dabei gehört und erlebt hatten.
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        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. » 39 
  
  
3. Die fahrenden Leute waren die lebendigen Zeitungen jener 
Tage und deshalb gerne gesehen, wenn auch der Makel der Unehrlich- 
keit an ihnen haftete Wo sie erschienen, spendete man ihnen Speise 
und Trank, Kleider und Geld; denn sie waren böse Zungen und ver- 
kündeten weit und breit in Spottliedern und giftigen Reden die 
Schande des kargen Mannes. Viel Unheil haben sie gestiftet, und 
die Zigeuner sind bis in unsere Tage der Schrecken einzeln liegender 
Höôfe und einsamer Frauen geblieben. 
38. Die Kurfürsten. 
1. Jeder freie Mann hatte vor alters nicht nur das Recht, an 
der Kaiserwahl teilzunehmen, sondern konnte auch selbst als Kaiser 
gewählt werden; aber mit der Zeit hatte sich doch der Gebrauch aus- 
gebildet, den Kaiser nur aus hohen Fürstenhäusern zu wählen. War 
eine Kaiserwahl nötig, so berief der Erzbischof von Mainz als Erz- 
kanzler des Reichs die Fürsten zur Wahlversammlung. Der Wahlort 
war nicht fest bestimmt, sollte aber immer auf fränkischem Boden liegen; 
schließlich wurde regelmäßig zu Frankfurt am Main gewählt und zu 
Nachen die Krönung vollzogen. Am Tage der Wahl, die damals auch 
Kur hieß, mußten alle Fürsten, Grafen, Ritter, die dazu erschienen 
waren, in feierlicher Weise den Namen dessen laut ausrufen, den 
sie zum Herrn und König, zum Richter und Vogt des Reichs er- 
koren hatten. · 
2. Im Laufe der Zeit erhielten jedoch sieben Fürsten das 
Vorrecht, zuerst ihre Stimme abzugeben; fie wurden die „ersten 
an des Reiches Kur“ und erhielten den Namen Kurfürsten. Ihrer 
waren drei geistliche und vier weltliche: die Erzbischöfe von Mainz, 
Trier und Köln, der Pfalzgraf am Rhein als des Reiches Truchseß 
oder Drost, der Herzog von Sachsen als Marschall, der Markgraf 
von Brandenburg als Kämmerer und der König von Böhmen als 
Schenke. Im Jahre 1356 wurde dieser Brauch als Gewohnheitsrecht 
in einem Gesetze festgelegt, das den Namen goldene Bulle erhielt. 
Zur Zeit des dreißigjährigen Krieges trat Bayern als achtes und noch 
später Hannover als neuntes Glied in die Reihe der Kurfürstentümer. 
39. Der alte deutsche Reichstag. 
Gaualt es, des Reiches Nutz und Frommen zu beraten, eine 
Reichsheerfahrt oder Romfahrt anzuordnen, Belehnungen vorzunehmen, 
Ungetreue gegen Kaiser und Reich zur Rechenschaft zu ziehen u. a., 
so lud der Kaiser die Fürsten aus allen Teilen des Reichs zu einer 
Versammlung, welche den Namen Reichstag führte. Bei den Ver- 
handlungen nahm der Kaiser seinen Platz auf einem Throne; die
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        40 III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 
  
  
weltlichen und geistlichen Fürsten ließen sich um den Thron nieder, 
während das Volk an den Eingängen stand. Wie bei Gericht, wurde 
auch auf dem Reichstage gefragt, geantwortet und geurteilt. Lagen 
Vergehen gegen Kaiser und Reich vor, so wurde über den Missethäter 
die Reichsacht verhängt. Dann hieß es: „das urteilen wir und ächten 
dich und nehmen dich von und aus allen Rechten und setzen dich in 
alles Unrecht; wir teilen deine Hauswirtin zu einer wissenhaften 
Witwe und deine Kinder zu wahrhaftigen Waisen, deine Lehen dem 
Herrn, dein Erb und Eigen deinen Kindern, deinen Leib und dein 
Fleisch den Tieren in den Waldern, den Vögeln in den Lüften und 
den Fischen in den Wassern. Wo ein jeglicher Mann Fried und 
Geleit hat, da sollst du keins haben, und wir weisen dich in die vier 
Straßen der Welt“. 
40. Friedrich Barbarossa. 
1. Im Jahre 1152 wählten die deutschen Fürsten Friedrich von 
Hohenftaufen zum Kaiser. Er war ein stattlicher Held; wegen seines 
rötlichen Bartes nannten ihn die Italiener Barbarossa, d. h. Rotbart. 
Friedrich hatte sich die beiden Kaiser Karl und Otto zum Vorbilde 
genommen; wie fie wollte er die deutschen Stämme einen; wie sie zog 
er nach Italien, um sich dort als Herrn anerkennen zu lassen In 
Deutschland, wo die Unsicherheit sehr überhand genommen hatte, trat 
er den Raubrittern entgegen und brach ihre Burgen. Die Störer des 
Landfriedens mußten als entehrende Strafe einen Hund durch die Ge- 
markung tragen. Die Polen und Böhmen zwang er zur Anerkennung 
der deutschen Oberherrschaft. Burgund brachte er durch seine Ver- 
mählung mit Beatrir, der Erbin dieses Landes, an sich. Im Katzen- 
wicker zu Würzburg fand die glänzende Hochzeit statt. Mit den 
Italienern hatte Barbarossa die meisten Kümpfe auszufechten, die aber 
nicht immer glücklich für ihn ausfielen. Sechsmal mußte er nach 
Italien ziehen, um die dortigen Städte unter seine Herrschaft zu 
bringen. 
2. Im hohen Alter unternahm Friedrich Barbarossa noch einen 
Kreuzzug. Siegreich durchzog er Kleinafien, aber er erreichte nicht das 
heilige Land. Am Kalikadnos, einem Flusse in Kleinasien, führte sein 
Sohn den Vortrab, er selbst befand sich im Hintertreffen. Weil aber 
die Brücke über den Strom nur schmal war, stockte der Zug. Der 
Kaiser, der schnell zu seinem Sohne kommen wollte, sprengte mit dem 
Pferde in den Strom, um hindurchzuschwimmen. Der Greis hatte 
aber nicht mehr so viel jugendliche Kraft als jugendlichen Mut; die 
Wellen rissen ihn fort, und als man ihm zu Hilfe kam, war er bereits 
entseelt. Das war am 10. Juni 1190. Die Bestürzung im Heere 
war groß. Als die Trauernachricht in die Heimat kam, wollte niemand 
daran glauben; das Volk meinte: er ist niemals gestorben, er wird 
einst wiederkommen, des Reiches Herrlichkeit neu aufzurichten. — Friedrich
        <pb n="53" />
        III. Die Zeit der Lehensherrschaft. 4 
  
und seine Anverwandten auf dem deutschen Kaiserthrone nenut man 
die Stanfenkaiser. * 
3. Zur Zeit der hohenstaufischen Kaiser erhob sich das deutsche 
Reich zu großer Macht und hohem Ausehen, und der deutsche Kaiser 
galt als erster unter den christlichen Herrschern Europas. Im deutschen 
Volke erwachte infolgedessen ein starkes Gefühl der Zusammengehörig- 
keit; dieses Nationalgefühl- war die Ursache, daß an Fürstenhöfen, 
auf den Burgen der Ritter und in den Städten deutsche Sprache 
und Art, deutsche Sitte und Kunst wieder besser gepflegt und geübt 
wurden. Von Kaiser Friedrich Barbarossa wird erzählt: „Hatte er. 
Schwert und Lanze abgelegt, so griff er zur Harfe und sang dazu 
Lieder in seiner schwäbischen Mundart; dann sammelte sich rings um 
das kaiserliche Zelt das Volk, um zu lauschen"“" Kaiser Friedrich II. 
verbot den Gebrauch der lateinischen Sprache am Hofe, auf der Kanzel 
und beim Gerichte und ordnete an, daß alle Reichstagsbeschlüsse in 
der Muttersprache aufgeschrieben werden sollten. Da die hohenstaufi- 
schen Kaiser dem Schwabenlande angehörten, so kam die schwäbische 
Mundart in Gebrauch und galt als Hof= und Schriftsprache des 
gesitteten Deutschlands. Sie wurde in der Folge als mittelhoch- 
deutsche Sprache bezeichnet. Von den vielen Dichtern jener Zeit, die 
ihre Gedichte fast alle in mittelhochdeutscher Sprache abfaßten, gelten 
Wolfram von Eschenbach aus Bayern und Walther von der Vogel- 
weide aus Tyrol als die bedeutendsten. Damals wurden auch die 
einzelnen Sagen und Erzählungen, die bisher noch mündlich im Volke 
gelebt hatten, zusammengestellt, verschmolzen und geordnet, und so 
entstanden die beiden größten Epen, die das deutsche Volk besitzt, das 
Nibelungenlied und Gudrun. 
  
41. Heinrich der Köwe. 
1. Zur Zeit der Hohenstaufen regierten in Bayern Herzöge aus 
dem Geschlechte der Welfen. Da diese auch Sachsen erbten, so waren 
sie bald mächtiger als die Hohenstaufen, und es gab deswegen viel 
Krieg und Fehde zwischen diesen beiden Geschlechtern. Der Welfen- 
herzog Heinrich der Stolze unterlag und verlor sein Land Bayern. 
2 . Als Kaiser Friedrich Barbarossa zur Krönung nach Rom kam, 
überfielen ihn die Römer und wollten ihn töten. Da brauste wie ein 
Wetter sein Vetter, der welfische Herzog Heinrich von Sachsen, heran 
und hielt mit seinen Getreuen unter den Römern eine furchtbare 
Ernte. Heinrich wurde dabei selber verwundet; doch der Kaiser war 
gerettet. Voll Dank nahm er dem Herzoge den Helm vom Haupte 
und trocknete ihm das blutüberströmte Antlitz. Auf dem Reichstage 
r Regensburg (1156) erhielt Heinrich nun auch das Herzogtum 
Bayern wieder; von demselben wurde jedoch die Ostmark abgetrennt 
und zu einem selbständigen Herzogtume (Ostreich) erhoben. ·
        <pb n="54" />
        42 III. Die Zeit der Leheusherrschaft. 
  
3. Heinrich erhielt den Beinamen der Löwe, weil er in seinem 
Wappen einen Löwen trug; aber auch feine ritterliche Gesinnung, sein 
hoher Mut, seine große Stärke und seine bewährte Tapferkeit er- 
innerten an den Löwen. Heinrich war ein gut gebauter Mann von 
mittlerer Größe; Angen und Haare hatten schwarze Farbe. Seine 
stete Aufmerkfamkeit war nicht nur auf Herstellung von Ruhe und 
Ordnung in seinen beiden Herzogtümern Sachsen und Bayern ge- 
richtet, sondern auch auf Vergrößerung seines Besitzes und Stärkung 
seiner Macht. Uber die Elbe hinaus und bis an die Nordsee ver- 
breitete er seine Herrschaft und gründete Kirchen, Dörfer und Städte, 
z. B. Hannover und Braunschweig. Im Wendeulande siedelte er 
sächsische Bauern an, die mit deutschem Fleiße in der Stille vollendeten, 
was die Waffen begonnen hatten. 
4. Für Bayern ist Heinrich der Löwe deshalb von großer Be- 
deutung, weil er der eigentliche Gründer der Stadt München ist. Auf 
der Isarbrücke bei Oberföhring erhoben die Bischöfe von Freising 
einen Zoll. Da auf dieser Heerstraße der Salzausfuhr wegen ein sehr 
reger Verkehr war, so erzielten sie große Einnahmen. Heinrich war 
darüber unzufrieden. Er überfiel Föhring und zerstörte den Ort samt 
der Brücke. Weiter oben bei dem Dorfe Münichen legte er dann 
selbst Brücke, Markt und Münzstätte an. Nach und nach entwickelte 
sich München immer mehr, besonders als später die Herzöge daselbst 
ihre Residenz aufschlugen. 
5. Einst war der Kaiser wieder nach Italien gezogen; doch es 
wollte ihm ohne den mächtigen Löwen nicht gelingen. Da bat er 
Heinrich um Hilfe; aber dieser weigerte sich und ließ den Kaiser allein 
in den Kampf ziehen. Friedrich wurde geschlagen. Voll Zorn kehrte 
er nach Deutschland zurück und that Heinrich in die Reichsocht (Reichs- 
tag zu Würzburg 1180). Das Gericht entschied, Heinrich solle alle seine 
Lehensgüter verlieren und sieben Jahre das Land verlassen. Nun 
gaben ihn auch seine Freunde auf, und die Feinde fielen von allen 
Seiten in sein Land. Ihm blieben nur die Stammgüter Braunschweig 
und Lüneburg. Seitdem war Heinrichs Kraft gebrochen; kummer- 
schwer saß er auf seiner Burg und starb lebensmüde. Im Dom zu 
Braunschweig liegt er begraben.
        <pb n="55" />
        IV. 
Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 
„Das Alte stürzt; 
es ändert sich die Zeit.“ 
42. Otto l. von Wittelsbach. 
1180. 
1. Der bayerische Pfalzgraf Otto von Wittelsbach war dem Kaiser 
Friedrich Barbarofsa ein treuer Mitkämpfer auf dem ersten Römerzuge; 
er bekleidete im Heere die Stelle des Reichsbannerherrn. Als Barba- 
rossa auf dem Rückzuge von Italien mit seinem Heere in einen 
Engpaß, die Veroneser Klause, kam, da verwehrte ihm ein räuberischer 
Ritter, Namens Alberich, mit etwa 500 Genossen den Durchzug. 
Die Lage der Kaiserlichen war trostlos: rechts steile Felswände mit 
einer Burg, deren Insassen Steine und Felsstücke herabzuwälzen 
drohten und links die brausende Etsch; nirgends ein Ausweg. Als 
Preis des freien Durchzuges verlangten die Veroneser von jedem Ritter 
ein Pferd oder einen Panzer und vom Kaiser eine große Geldsumme. 
Das waren demütigende Bedingungen, auf welche Barbarofsa nicht ein- 
gehen konnte. Da sagte er in seiner Not zum Pfalzgrafen Otto: „An 
Euch ists, diese Schmach zu rächen!“ Mit 200 Söhnen des bayerischen 
Hochlandes klomm dieser nun über unwegsame Felsen, Schluchten und 
Kuppen auf die steile Höhe, welche der Feind nicht besetzt hatte, da 
sie nur den Vögeln zugänglich schien. Als die Tapferen oben an- 
gekommen waren, entfaltete Otto das Reichsbanner und stürzte sich 
mit den Seinen auf die Verräter. Diese flohen erschreckt; viele zer- 
schellten im Abgrunde; die Burg wurde mit siegender Hand genommen; 
Alberich und 12 Genossen wurden gefangen und vom Kaiser zum 
schimpflichen Tode verurteilt. Nun konnte das deutsche Heer ungehin- 
dert weiterziehen. 
2. Diesen treuen Dienst vergaß der Kaiser dem mutigen Wittels- 
bacher nicht. Als Heinrich der Wire seiner Widerspenstigkeit halber 
abgesetzt wurde, übertrug Friedrich Barbarossa auf dem Reichstage zu 
Altenburg (16. September 1180) das erledigte Herzogtum Bayern 
dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, der aus dem alten Geschlechte
        <pb n="56" />
        44 IV. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 
  
der Luitpoldinger stammte und in Bayern schon große Güter besaß. 
Damals bestand das Herzogtum aus Ober= und Rlederbayern, aus 
dem südlichen Teile des Nordgaues, dem Innviertel und einigen Land- 
schaften in Nordtyrol. Im Anfange seiner Regierung hatte Okto einen 
schweren Stand, denn mehrere mächtige Grafen wollten ihn nicht als 
Herzog anerkennen. Bald erweiterte er jedoch seine Hausmacht durch 
Erwerbung von Grafschaften. Otto berief Landtage ein, handhabte 
die Gesetze gerecht und streng und war stets ein treuer Anhänger des 
Kaisers- Auf der Heimreise vom Reichstage in Konstanz ereilte ihn 
der Tod. 
3. Obwohl Ottos Sohn Ludwig erst zehn Jahre zählte, übertrug 
ihm der Kaiser doch das Herzogtum Bayern als Lehen. Im Jahre 
1208 erhielt er es aber erst als erblichen Besitz. Herzog Ludwig, 
genannt der Kehlheimer, wußte sein Land bedeutend zu vergrößern. 
Kaiser Friedrich II. gab ihm 1214 die Pfalzgrafschaft bei Rhein zu 
Lehen. Um diese schöne Besitzung dauernd den Wittelsbachern zu 
erhalten, vermählte Ludwig seinen Sohn Otto mit Agnes, der Erb- 
kochter des Pfalzgrafen Heinrich. Seit jener Zeit steht auch die Pfalz 
unter der Herrschaft der Wittelsbacher. Ludwig erwarb sich durch 
Hebung von Ackerbau, Handel und Gewerbe große Verdienste um 
Bayern; die Städte Kehlheim, Landshut und Straubing fanden an 
ihm einen Förderer. Als er später vom Kaiser abfiel und auf die 
Seite des Papstes trat, wurde er in der Nähe von Kehlheim von 
einem Unbekannten ermordet. 
43. Wie das alte deutsche Reich verstel. 
1. Mit der Zeit wurden die großen Lehen erblich, da das Lehensgut 
stillschweigend vom Vater auf den Sohn überging. Die ehemaligen 
Lehensmänner: Kurfürsten und Herzöge, Grafen, Bischöfe, Abte und 
freie Städte, betrachteten sich nun als selbständige Herren und stellten 
sich als Reichsstünde dem Kaifer zur Seite; sie wollten in allen wich- 
tigen Angelegenheiten gefragt sein. Die kaiserliche Gewalt wurde da- 
durch immer geringer, so daß kaum noch ein deutscher Fürst Verlangen 
hatte, die Kaiserkrone zu tragen; der Thron stand sogar einmal siebzehn 
Jahre lang ganz leer. 
2. Nach dieser kaiserlosen Zeit wurde zuerst Graf Rudolf von 
Habsburg zum Kaiser gewählt, Ihm weigerte König Ottokar von 
Böhmen den Gehorfam, weil er selbst auf die Krone gehofft hatte. 
Ottokar war ein mächtiger Herr; er hatte zu seinem Böhmenlande 
noch ganz Ostreich erobert und damit ein Reich geschaffen, das weit bis 
nach Polen und Ungarn reichte. Trotzdem zog Rudolf ihm entgegen 
und schlug ihn. Ottokars Sohn machte hernach mit dem Kaiser Frieden 
und behielt darum Böhmen, aber Östreich gab Rudolf seinem eigenen 
Sohne zu Lehen und gründete damit die habsburgisch-östreichische Macht, 
die noch heute besteht. Habsburgische Fürsten haben jahrhundertelang 
den deutschen Kaiserthron inne gehabt.
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        IV. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 45 
  
  
— — 
3. Was die Fürsten an der Kaisergewalt gesündigt hatten, das 
mußten sie im eigenen Lande wieder entgelten. Die Lehen, die sie 
zu vergeben hatten, waren ebenfalls erblich geworden. Ihre großen 
Landsafsen: die Grafen, Ritter und Abte, verweigerten ihnen nun auch 
den Gehorsam. Nicht minder kämpften die Städte, in denen sich 
Reichtum und Macht entwickelte, gegen die fürstliche Gewalt. Unter 
vielen Kämpfen einigten sich schließlich die Fürsten und ihre großen 
Lehensmänner dahin, daß Adelige, Geistliche und Städte dem Fürsten 
als Landstände zur Seite stehen sollten. Auf den Landtagen, die der 
Fürst berief, traten sie ihm in allen Regierungsangelegenheiten ratend 
zur Seite. 
44. Die freien Städte. 
1. Zu den frühern, meist hörigen Bewohnern der Städte siedelten 
in Zeiten der Gefahr freie Landsassen und Grundbesitzer aus den um- 
liegenden Orten über, so daß auch in den Städten Hörige und Freie 
nebeneinander wohnten. Anfangs hielten sich die hörigen Hand- 
werker und Händler von den freien Bewohnern geschieden und wohnten 
in besondern Gassen, wie man heute noch an den Straßennamen alter 
Städte erkennen kann. Sie fingen aber auch bald an, für eigene 
Rechnung zu arbeiten, wodurch der Einzelne selbständiger wurde. 
Danach vereinigten sich alle, die ähnliches oder gleiches Handwerk 
trieben, zu Zünften und Gilden, um gemeinschaftlich ihr Gewerbe zu 
fördern und zu schützen. Das Handwerk vervollkommnete sich und 
wurde vielfach zur Kunst; der Ackerbau lieferte durch Verbesserungen 
reichere Erträge, und der Handel wurde selbständiger und ein- 
träglicher. Wohlstaud und gemächliches Leben mehrte sich daher in 
den Städten, und manche Altfreien und Adeligen vom Lande achteten 
es als Vorteil, wenn sie ihren Wohnsitz in der Stadt nehmen konnten; 
sie nannten sich dann nach den Dörfern, aus denen sie zugezogen. 
waren. An vielen Eigennamen, die mit Ortsnamen gleichlautend find, 
können wir diesen Vorgang heute noch erkennen. 
2. Die Bürger wachten ängstlich über die Selbständigkeit ihrer 
Stadt und führten jahrelange Kämpfe um ihre Freiheit. Daher mußten 
die Städte eine stets kampfbereite Bürgerschaft haben und sich durch 
besondere Einrichtungen vor feindlichem Uberfall schützen. Hohe, oft 
doppelte Mauern umgürteten die Stadt. Wehrtürme krönten die 
Mauern, und das ganze Weichbild war mit Graben und Buschwerk 
umzogen; das war die Landwehr, deren Zugänge feste Warttürme be- 
zeichneten. Aus ihnen lugten Wächter nach den Straßen und meldeten 
durch Zeichen jede Gefahr. Ein Stadthauptmann führte die bewehrte 
Bürgerschaft, die sich nach Gilden ordnete, in den Kampf. Gewappnete 
und befoldete Knechte bildeten außerdem eine Truppe, die stets zur 
Verteidigung der Stadt bereit stand. "· . «
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        46 IV. Die Zeit des Verfalls der Kaifermacht. 
  
  
  
3. Bei besondern Anlässen, die das Familien= und Gemeindeleben 
bot, ginges hochher. Kindtaufen, Verlöbnisse, Hochzeiten, selbst Begräbnisse 
arteten zu Zeiten zu großen Gelagen aus, bei denen der eine den 
andern in der Darreichung von Speisen und Getränken überbot. Es 
wurde daher nötig, daß der Rat gegen die Schwelgereien der Bürger 
mit strengen Gesetzen vorging und genau festsetzte, wieviel Schüsseln 
und Gerichte, was an Wein und Geschenken gegeben werden durfte, 
und wieviel Spielleute die Feier durch Gesang und Spiel erhöhen 
durften. Auf Anger und Wiese ergötzte sich das Volk zur Zeit des 
Frühlings, die Gilden vereinigten sich bei besondern Gelegenheiten zu 
Trunk und Schmaus, und alljährlich wiederkehrende Schützenfeste er- 
höhten die Wehrhaftigkeit der Bürgerschaft. 
— 
45. Die Simonie. 
1. Die Bistümer, Klöster und Kirchen waren durch Schenkungen, 
Vermächtnisse, Kauf, Pfändung und Belehnung nach und nach zu 
großem Reichtume gekommen. Bischöfe und Abte wurden deshalb 
zu den Großen des Reiches gerechnet und hatten Gewalt und Macht 
gleich den Fürsten. Die jüngern Söhne der Adeligen und Fürsten 
nahmen daher gern den Bischofsstuhl oder die Abtswürde in Be- 
sitz. Sie Pflegten aber nach gewohnter Weise weltlich zu leben, 
zogen in ritterlicher Rüstung in den Kampf oder zur Jagd und 
wohnten in eigenen, prachtvollen Häufern, die oft ganz entfernt vom 
Kloster oder der Bischofskirche lagen. Ihre geistlichen Pflichten ließen 
sie durch Stellvertreter oder Vikare ausüben. Mit der Zeit wurde es 
sogar üblich, die geistlichen Amter für Geld zu erwerben, und Fürsten 
und Herren scheuten sich nicht, solche Stellen für ihre Kinder zu kaufen, 
gleichviel, ob diese sich dazu eigneten oder nicht. 
2. Das kirchliche Leben hat durch die Simonie großen Schaden 
erlitten; denn die Männer, die nur um irdischen Vorteils willen ein 
geistliches Amt übernommen hatten, gaben durch unziemliches und 
schandhaftes Leben den Gläubigen Argernis und den Ungläubigen 
Anlaß, verächtlich über die Kirche und ihre Einrichtungen zu denken. 
Das verderbliche Beispiel wirkte fort. Auch in die Klöster drang das 
weltliche Treiben. Söhne und Töchter von Bürgern und Bauern 
gingen ins Kloster, um ein bequemes Leben zu haben. Die Kloster- 
schüler wurden oft zwanzig Jahre alt und konnten weder lesen noch 
schreiben. Die Hauptsache war das Singen und Lateinlernen, damit. 
l Schüler auf der Straße den Brotreigen singen und in der Kirche 
das Hochamt mitfeiern konnten. Die Priester, welche aus den Klöstern 
unter die Leute gingen, waren meist ungelehrt und vermochten nicht, 
die Gemeinden in christlicher Lehre zu unterweisen und zu einem 
gottgefälligen Leben anzuhalten. So kam es, daß bereits fünfhundert 
Jahre nach der Einführung des Christentums Unwissenheit und Aber-
        <pb n="59" />
        IV. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 47 
glaube, Gottlosigkeit und fündhaftes Leben in Deutschland derart über- 
hand genommen hatten, daß alle ernstgesinnten Christen eine Besserung 
der Kirche an Haupt und Gliedern wünschten. 
— 
46. Die ersten Stadtschulen. 
1. In dem Maße, wie die Städte wuchsen, Handel und Verkehr 
mit entfernten Ländern sich hoben, stellte sich aber auch das Bedürfnis 
heraus, durch Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen für den 
Beruf befser vorbereitet zu werden. Daher gründeten die Bürger in 
den Städten Schreib= und Rechenschulen für ihre Knaben. Diese 
Stadtschulen hatten mit den heutigen aber nur wenig Ahnlichkeit; sie 
wurden gewöhnlich an den meistbietenden Geistlichen verpachtet, der 
nmun als Rektor der alleinige Herr der Schule war. In irgend 
einem Winkel der Stadt richtete er seine Schule ein und mietete sich 
Gehilfen oder Lokaten, die zu ihm in demfselben Verhältnisse standen, 
wie der Geselle zu seinem Meister. Gefiel es dem Gesellen nicht mehr, 
oder zahlte ihm der Rektor den Lohn nicht, so zog er gleich andern 
wandernden Gesellen von dannen, um sich in einer andern Stadt eine 
ähnliche Stellung zu suchen. Gelernt wurde auch in den Stadtschulen 
nicht viel. « 
2. Unterrichtsweise und Zuchtmittel waren in diesen Schuten roh 
und graufam, und die Rute führte auch hier ein strenges Regiment. 
Ein Schüler erzählt davon: „Ich war acht Jahre alt, da tam ich 
zu einem Schulmeister, wenn der voll Weins war, zog er mich 
schlafend vom Strohsack, nahm mich bei den Füßen und zog mich 
umher, daß mir das Haupt auf der Erde nachschleppte. Danach 
nahm er eine Stange und zwang mich, daß ich hinaufklettern mußte, 
dann ließ er die Stange aus der Hand gehen und mich zu Boden 
fallen. Zuletzt nahm er mich in einen Sack und hing mich zum Fenster 
hinans, daß ich schrie. So wurde ich vierzehn Jahre alt und konnte 
doch nichts.“ Darum sagte ein Mann jener Zeit: „Ehe ich wollte, 
daß die Schulen und Klöster blieben wie bisher, wollte ich eher, daß 
kein Knabe nichts lernte und stumm wäre. Es ist meine ernste Bitte, 
daß diese Teufelsschulen entweder in den Abgrund verfinken oder 
christliche Schulen werden." 
47. Die Herrengerichte. 
1. Als die Fürsten und Herren selbständige Reichs= und Land- 
stände geworden waren, übten sie auch die Gerichtsbarkeit in ihren. 
Gebieten aus und kehrten sich wenig an das kaiserliche Obergericht. 
Schließlich kam es soweit, daß jeder Gutsherr oberster Richter über 
leine hörigen Leute war und der Magistrat der Stadt nicht bloß die 
Verwaltung, sondern auch die Gerichtsbarkeit inne hatte. Hatten die
        <pb n="60" />
        48 IV. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 
Leute gegen den Herrn selbst zu klagen, so durften sie ihre Klagen 
auch nur bei ihm anbringen und sich nicht bei einem höhern Gerichte 
über einen harten Urteilsspruch beschweren. Der Gutsherr hatte ge- 
wöhnlich einen Vogt, der für ihn die Gerichtsbarkeit versah und nach 
Herkommen und Gutdünken richtete. 
2. Die Strafen wurden in dieser Zeit vielfältiger und grausamer. 
Das Hängen an den Galgen, Enthaupten und Verbrennen, das 
Pfählen, Rädern und Vierteilen, auch das Abhauen der Hände und 
Füße, Abschneiden der Nase, Ohren und anderer Gliedmaßen wurde 
mehr als bisher gebräuchlich. Daneben entstanden zahllose Ehren- 
strafen. Als Zeichen der größten Erniedrigung galt bei freien Männern 
das Tragen eines Strickes um den bloßen Hals und das Hundetragen. 
Verleumder mußten Steine am Halse durch den Ort tragen; schwatz- 
hafte Frauen wurden in einen Teich getaucht, und zanksüchtige Weiber 
zusammen in die Beißkatze gesteckt. Landfremdes Gesindel wurde von 
en Bütteln mit Staupbesen bearbeitet, gebrandmarkt und zum Thore 
hinausgetrieben. Besonders entehrend waren Stockschläge und das 
Ausstellen am Pranger oder Schandpfahl auf öffentlichem Platze. 
Die Städte legten in Rathäusern oder in Mauertürmen Gefängnisse 
an, und nun kamen die Haft= oder Freiheitsstrafen auf. Für wider- 
spenstige Gefangene war der Fußblock oder Stock aufgestellt, in welchen 
die wagereche ausgestreckten Beine und Arme stundenlang eingespannt 
wurden. 
48. Bie Fehden. 
1. Die Gewalthaber suchten damals ihr Recht nicht bei den ordent- 
lichen Gerichten, sondern sie übten auf eigene Faust Vergeltung; dabei 
stützten sie sich auf das altdeutsche Fehderecht. Jeder Grundherr mußte 
darum stets mit einem starken Kriegsgesinde versehen sein, da ihm um 
einer geringen Ursache willen die Fehde angesagt werden konnte. Geschah 
dies, so dauerte es nicht lange, und ein feindliches Heer lag vor der 
Burg, dem Kloster oder der Stadt. Die Belagerer führten Sturmböcke 
herbei und versuchten damit die Mauern und Thore einzurennen, 
stellten Wurfmaschinen auf, mit denen sie dicke Steine in die Stadt 
schleuderten, suchten auf Sturmleitern und Holztürmen die Mauern zu 
erklimmen und warfen brennende Pechkränze in die Gebäude. Die 
Belagerten standen indes hinter den Zinnen und auf den Türmen 
und sandten wohlgezielte Pfeile und Steine in die Reihen der Feinde, 
machten listige und kühne Ausfälle und gossen siedendes Ol, Pech oder 
heißes Wasser auf die Stürmenden hernieder. 
2. Am meisten hatten die Bauern bei den Fehden zu leiden, weil 
sie außerhalb der schützenden Mauern wohnten; denn konnten die Feinde 
den Belagerten selbst nicht beikommen, so trieben sie den zugehörigen 
Bauern das Vieh von Stall und Weide, steckten die Häuser in Brand, 
zertraten Gras und Getreide oder mähten es ab und besäten den 
Acker mit Unkraut. Der Bauer wurde erschlagen oder gefangen fort-
        <pb n="61" />
        IV. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 49 
  
geführt, und niemand ersetzte ihm seinen Schaden oder kümmerte sich 
um sein Recht; ja, war die Kriegsnot vorüber, so wurden ihm nicht 
selten noch größere Abgaben auferlegt. — Durch die fortwährenden 
Fehden wurde das Leben der Ritter roh; sie gewannen Lust am 
Raufen, Rauben und nnedeln Treiben; sie scheuten sich selbst nicht, 
gleich gemeinen Dieben, Wegelagerei zu treiben. So wurde aus dem. 
ritterlichen Herrn früherer Zeit ein Raubritter. 
—– — 
1240. 
1. Außer den Bauern hatten befonders die Kaufleute unter dem 
Fehdewesen und der zunehmenden Unsicherheit zu leiden. So lange 
ihr Handelsgut in der Stadt lagerte, war es durch Mauern und 
die wehrhafte Bürgerschaft geschützt, aber wenn es auf Straßen und 
Strömen in den Verkehr gebracht wurde, überfielen gar oft raublustige 
Ritter die vorüberziehenden Wagen und Schiffe, zwangen den Eigen- 
tümer zur Zahlung hoher Zölle, oder führten ihn samt feiner Habe 
gefangen fort, um ihn nur gegen hohes Lösegeld wieder freizugeben. 
Da schlossen die großen Handelsstädte, an ihrer Spitze Lübeck und 
Hambung, einen Bund, stellten gemeinschaftlich ein Söldnerheer 
auf und rüsteten Kriegsschiffe aus, um Handel und Habe zu 
Lande und zu Wasser zu schützen. Dieser Bund wurde Hansabund 
genannt. Die Raubritter hatten nun üble Tage; ihre Burgen wurden 
belagert und zerstört, sie selbst aber an den Galgen gehängt. Nicht 
besser erging es den Seeräubern; eine Flotte lief gegen sie aus, ver- 
nichtete ihre Fahrzeuge und ersäufte deren Mannschaften. Eine Stadt 
nach der andern trat dem Bunde bei, so daß mehr als sechzig Städte 
dazu gehörten. Städte und Länder bemühten sich um die Freund- 
schaft der Hansa. Die deutschen Kaufleute zogen unter ihrem 
Schutze weithin nach England und tief nach Rußland hinein. Die 
ganze Hansa war in vier Kreise oder Bundesquartiere geteilt. Die 
Hauptorte der einzelnen Quartiere waren Lübeck, Danzig, Braun- 
schweig und Köln. Zu Lübeck wurden die Hansatage oder Bundes- 
verfammlungen abgehalten. — Die Hansa stand dreihundert Jahre 
auf der Höhe ihrer Macht Dann trat eine Stadt nach der andern 
vom Bunde zurück, weil infolge der Entdeckung Amerikas der Groß- 
handel andere Wege einse lug, und weil sicherere Zeiten kamen; nur 
die Stadte Hambuz, Bre ren und Lübeck erneuerten ihren Bund und 
haben den Namen Hansastidte bis heute bewahrt.
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        50 [I. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 
  
50. Söldner und Landsknechte. 
1. Die Ritter suchten sich nach und nach durch Geld vom Heer- 
dienste freizukaufen. Im Falle eines Krieges blieb dann dem Landes- 
herrn nichts anderes übrig, als, gleich den Städtern, für Geld eine 
Anzahl Kriegsknechte zu werben. Das Geld, welches die Knechte für 
ihren Kriegsdienst bekamen, hieß Sold; daher wurden sie Söldner. 
genannt. Aus dem Worte Sold ist unser Wort „Soldat“ entstanden. 
Das alte Reichsheer wurde nun nicht mehr aufgeboten; die Söldner= 
heere traten an seine Stelle. Je zehn Gewappnete standen unter 
einem Hauptmanne, je hundert unter einem höhern Hauptmanne und 
so fort bis zu den beiden Feldobristen, die vom Landesherrn ernannt 
wurden. Kaiser Maximilian gab später den Befehl, daß die Kriegs- 
knechte nur aus den kaiserlichen Landen genommen werden sollten: 
daher erhielten sie den Namen Landsknechte. · « 
2. Ein Landsknechtsregiment war eine bunte Truppe. Da sah 
man Sturmhauben und Federbarette, Kürasse, lederne Koller mit bunt 
und kraus aufgeschlitzten, bauschigen Armeln, Hosen mit gestreiften 
und verschiedenartig gefärbten Beinlängen, buntfarbige Strümpfe und 
geschlitzte Schunhe. Ebenso verschieden waren die Waffen: zweihändige, 
furchtbare Schlachtschwerter, Feuerrohre mit Gabeln, Spieße, Hellebarden. 
Partisanen und Lanzen bis 18 Fuß lang. Die Landsknechte haben 
manche heiße Schlacht geschlagen. In ihrer gevierten Ordnung boten 
sie jedem Angriffe Trotz. Voran ging der verlorene Haufe. Er wurde 
durch das Los gewählt. Dann drückte der helle Haufe im geschlossenen 
Vierecke nach. Er bewegte sich im wuchtigen Sturmschritte nach dem 
Takte der Trommel, welche die Landsknechte mit den Worten be- 
gleiteten: „Hüt dich, Baur, ich komm'!“ In dem ersten Gliede standen 
die am besten gerüsteten Knechte. Die hinter dem ersten Gllede 
stehenden Reihen streckten, wie jene, die langen Spieße vor. Dann 
folgten Glieder mit aufrecht getragenen Spießen und Schwertern. Im 
letzten Gliede marschierten die stärksten Leute, welche, kraftvoll vor- 
wärts dringend, dem ganzen den gehörigen Nachdruck gaben. So oft 
es zur Schlacht ging, sprach das Regiment fußfällig ein Gebet. 
— 
51. Kaiser Ludwig der Bayer. 
1314—1347. 
I. Das bayerische Herzogtum ward in der Folge mehrmals geteilt. 
Da diese Teilungen nicht immer glatt abgingen, so gab es zwischen 
den verschiedenen wittelsbachischen Linien öfter Zank und Streit. Erst 
Herzog Ludwig vereinigte wieder Ober= und Niederbayern. 
2. Im Jahre 1314 kamen die Kurfürsren zur Kaiserwahl zu- 
sammen; aber sie konnten sich nicht einigen; #er Stimmen fielen auf 
Herzog Ludwig von Bayern, zwei auf Friedrich den Schönen von ÖOstreich. 
1
        <pb n="63" />
        IV. Die Zeit des Verfalls der Kaisermacht. 51 
  
und Friedrich nicht nur Vettern, sondern auch Jugendfreunde waren, 
so wollte doch keiner nachgeben. Es entbrannte ein achtjähriger Streit 
um die Kaiserkrone, der viel Unheil über Bayern brachte. Erst im 
Jahre 1322 kam es bei Ampfing und Mühldorf am Inn zu einer 
großen Schlacht, in welcher Ludwig fiegte. Friedrich der Schöne wurde 
efangen genommen und auf die Burg Trausnitz gebracht. Doch 
Koimte sich Ludwig des Sieges nicht erfreuen, da Leopold, Friedrichs 
Beide leßen sich krönen, beide nannten sich Kaiser. Obwohl Ludwig 
Bruder, den Kampf fortsetzte und auch der Papst gegen Ludwig war. 
Da versöhnte sich Ludwig mit dem gefangenen Gegner auf der Traunsnitz; 
sie feierten gemeinsam das Abendmahl und tauschten den Friedenskuß. 
Friedrich verzichtete auf die Krone und versprach auch, seinen Bruder 
Leopold zum Frieden zu bewegen. Sollte letzteres ihm nicht gelingen, 
so beschwor er, bis zum Sonnenwendtage wieder auf die Trausnitz 
zurückzukehren. Voll guter Hoffnung reiste Friedrich in die Heimat. 
Doch der erbitterte Leopold war nicht zum Frieden geneigt. Seines 
Versprechens eingedenk, kehrte Friedrich zurück. In München empfing 
ihn Ludwig. Die einstigen Gegner schlossen nun einen innigen Freund- 
schaftsbund; gemeinsam wollten sie das Reich regieren; Glück und Un- 
glück wollten sie teilen; Brüder wollten sie sein und heißen. Nach 
Leopolds Tode ward auch endlich völliger Friede im Reiche. 
3. Kaiser Ludwig war stets für das Wohl seines Landes be- 
sorgt. Durch die vielen Feldzüge hatte aber Bayern zu leiden; des- 
halb mußten Notsteuern ausgeschrieben werden; dazu vernichteten Heu- 
schreckenschwärme 1338 die Erute, und fünf Jahre später war in 
Niederbayern eine große Hungersnot. Das waren alles Ereignisse, die 
gar oftmals Ludwigs guten Willen nicht zur That gelangen ließen. 
Die Städte und der Handel hatten an Ludwig einen besondern Freund 
und Förderer. Den damals ausbrechenden Judenverfolgungen trat er 
streng entgegen. Er erbaute auch Straßen und Brücken und ließ an 
den reißenden Flüssen Schutzbauten anbringen. Für sein Stammland 
gab er drei Gesetzwerke heraus, in welchen das Gerichtswesen besser 
geordnet und der gerichtliche Zweikampf beschränkt wurden; jede Partei 
mußte jetzt einen Fürsprech (Anwalt) haben; die Strafen waren Geld- 
und Leibesstrafen. Ludmig erbaute auch viele Kirchen und stiftete 
mehrere Klöster, z. B. Ettal. 
4. Um dem Streite in der eigenen Familie ein Ende zu machen, 
schloß Kaiser Ludwig der Bayer mit den Söhnen seines verstorbenen 
Bruders Rudolf einen Hausvertrag ab, nach welchem Bayern wieder 
geteilt wurde: Rudolfs Söhne erhielten die Pfalz und Teile der 
Oberpfalz, Ludwig behielt Oberbayern, wozu er später noch Nieder- 
bahern erbte. Um die Familienhande nicht ganz zu zerreißen, 
wurde noch die Bestimmung getroffen, daß die Kurwürde zwischen 
beiden Linien wechseln sollte; sterde eine Linie aus, so solle die 
andere sie beerben. Vom Hausvertrag zu Pavia an blieb die Pfalz 
fast 500 Jahre von Altbayern getrennt. Für den Verlust der Pfalz 
entschädigte sich Ludwig durch Erwerbung anderer Länder, wie Branden- 
1- 4
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        52 Iv. Die Zeit des Verfalls der Kaisermact. 
  
  
burg, Tirol, Friesland und Holland. Auf diese Weise wurde er auch 
der mächtigste deutsche Fürst. m 
5. Mit dem Papste geriet Ludwig wegen der italienischen Städte 
Saeit. Panst Johann selegie dechulb ihn und sein Land richt um 
mit Bann und Interdikt, sondern suchte auch die deutsche Kaiserkrone 
dem französischen Könige auszuliefern. Aber die Kurfürsten standen 
treu zu Ludwig. In einer Versammlung zu Rense (1338) erklärten 
sie, daß der von der Mehrzahl der Kurfürsten gewählte König der 
rechtmäßige sei und der Bestätigung des Papstes nicht bedürfe. Der 
Reichstag zu Frankfurt trat diesem Beschlusse bei. 6 
6. Durch die bedeutende Vermehrung seiner Hausmacht erregte 
Ludwig den Neid und die Unzufriedenheit mancher Kurfürsten. Sie 
erklärten ihn für abgesetzt und wählten statt seiner Karl IV. von 
Luremburg zum Könige. Die Reichsstädte hielten treu zu Ludwig; 
denn diesen hatte er viele Freiheiten verliehen. Ein Kampf um die 
deutsche Krone schien unausbleiblich. Da ereilte den Kaiser auf der 
Bärenjagd in der Nähe des Klosters Fürstenfeld der Tod. Vom 
Schlage gerhr sank er aus dem Sattel. Mit einem Stohgebet zur 
Mutter Gottes: „Süße Königin, Mutter Jefu, bis zu meiner Schei- 
dung!“ hauchte er seinen Geist aus. In der Liebfrauenkirche zu 
München fand er seine Ruhestätte. «
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        V. Die Zeit der Reformation. 
„Neues Leben blüht aus den Ruinen“. 
52. Die Feuerwaffen im Kriege. 
1350. 
1. Der Sage nach lernte ums Jahr 1350 zuerst und zufällig 
der Mönch Berthold Schwarz zu Freiburg im Breisgau die gewaltige 
Kraft des Pulvers kennen. Er hatte Schwefel, Salpeter und Holz- 
kohlen in einem eisernen Mörser zerstoßen und mit einem Steine zu- 
#Pdch- Da fiel von ungefähr ein Funke in die Mischung, mit 
Blitzen und Krachen wurden Stein und Mörserkeule gegen die Decke 
geschleudert. So oft Schwarz den Versuch wiederholte, zeigte sich die- 
selbe Wirkung; er und andere dachten deshalb weiter über die Sache 
nach, und bald kam man auf den Gedanken, die Pulverkraft im Kriege 
zu verwenden, Mauern, Brücken und Festungswerke damit zu zerstören 
und den Panzer des Ritters zu durchschlagen. Zuerst wurden große 
Mörser gegossen und mit Steinen und Steinkugeln geladen. Später 
goß man auch Eisenkugeln, und der Mörser wurde zu einem Rohre 
verlängert. So entstanden die Kanonen und Karthaunen, die auch 
Büchsen hießen. 
2. Die ersten Geschütze waren recht unbeholfen. Das schwere 
Rohr lag auf einem dicken Blocke, der gar nicht oder nur langsam 
zu bewegen war! Fahrbare Kanonen mit langen, dünnen Läufen 
nannte man Feldschlangen. Die faule Metze von Braunschweig wog 
180 Centner, eine Kugel 6 Centner, und zu einer Ladung gehörten 
52 Pfund Pulver. Um die scharpe Grete von Göttingen fortzu- 
bringen, waren bei gutem Wetter 14 Pferde nötig. Wunderliche 
Geschütznamen kamen vor, z. B. Purlepaus, Weckauf, Schnurrhin- 
durch u. a. Auch die Hakenbüchsen und Musketen, die man für 
die Hand des einzelnen Mannes anfertigte, waren anfänglich sehr 
schwer; sie mußten mit einer Lunte abgefeuert und beim Schießen 
auf eine Gabel gelegt werden. Von der Muskete haben die Musketiere 
noch heute ihren Namen.
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        54 V. Die Zeit der Reformation. 
3. Der Gebrauch der Feuerwaffen rief in der Kriegführung eine 
große Umwandlung hervor. Pulver und Blei verdrängten Schild und 
Lanze. Der tapferste Ritter auf seinem Rosse konnte einer Kugel nicht 
widerstehen. Es ist vorgekommen, daß ein Heer von 18000 Mann durch 
den geschickten Gebrauch einer Büchse zurückgedrängt wurde. Da 
hielt man das Fußvolk wieder größerer Beachtung wert. Die stärksten 
Mauern und Türme mußten den Kanonenkugeln weichen. Die Ritter- 
burgen boten keinen Schutz mehr; sie wurden deshalb verlassen, ver- 
fielen und stehen seitdem als Ruinen auf unsern Bergen. Auch den 
Städtern nützten die Manern allein nichts mehr sie suchten deshalb 
ihre Befestigungen sicherer und stärker zu machen, indem sie die Mauern 
und Türme mit hohen und breiten Erdwällen umgaben. Breite 
Waffergräben und kleine Vorburgen sollten die feindlichen Geschütze 
möglichst weit von der Stadt halten. 
53. Der erste Hohenzoller in Brandenburg. 
1415. 
1. Zur Zeit des Faustrechts befand sich auch die Mark Branden- 
burg in einem traurigen Zustande. Sie war zwar stets vergrößert 
worden, so daß sie sich um Havel und Spree von der Elbe bis zur 
Oder erstreckte. Das Land hatte bisher aber wenig gute Herrscher 
gehabt; es befand sich daher oft in Not und Verwirrung. Am 
schlimmsten wurde es unter dem Kaiser Sigismund. Damals konnten 
die Ritter auch hier das Fehderecht ungestraft üben; die Bürger mußten 
deshalb beständig krregsbereit sein. Sollte das Lund nicht ganz ver- 
* gehen, so mußte ihm ein starker Schirm= und Schutzherr er- 
stehen. 
2. In der Person des Burggrafen Friedrich von Nürnberg aus dem 
alten Grafeugeschlechte der Zollern erkannte Kaiser Sigismund den rechten 
Mann. Als Friedrich zum erstenmale in die Mark kam, verweigerten ihm 
mehrere Städte und die meisten Ritter die Huldigung. Allein der neue 
Landeshauptmann ließ sich nicht beirren. Mit vier Heeren rückte er vor 
die Burgen der Ranbritter, die übermütig gesagt hatten: „Und wenn es 
die ganze Nacht Burggrafen regnet, so soen sie dennoch in der Mark 
nicht aufkommen". Friedrich führte eine gewaltige Büchse, die faule 
Grete, mit sich, und wo die schweren Kugeln derselben gegen die Mauern 
prasselten, da war kein langer Widerstand möglich. Die Herren 
mußten sich vor dem Rürnberger Tand, wie sie den Burggrufen spöttisch 
genannt hatten, doch demütigen. Danach verfammelte Friedrich die 
geistlichen und weltlichen Herren, die Mannen und Städte der Mark, 
um Gericht zu halten. Den Schuldigen wurden alle ihre Lehen ge- 
nommen, und es wurde ein Landfriedensgesetz erlassen, nach dem jede 
Selbsthilfe streng untersagt war und jedermann gehalten sein sollte, 
sein Recht bei den bestellten Gerichten zu suchen.
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        V. Die Zeit der Neformation. 55 
3. Friedrich verließ die Mark und begab sich zu der vom Kaiser 
angesetzten Kirchenversammlung nach Konstanz. Hier verlieh ihm der 
Kaiser auf offenem Markte und in feierlicher Versammlung die Mark 
Brandenburg als erbliches Eigentum nebst der Kurfürsten= und Erz- 
kämmererwürde. Als Kurfürst von Brandenburg kehrte Friedrich in 
die Mark zurück. Noch fünfundzwanzig Jahre hat er mit allen Kräften 
zum Segen seines Landes, aber auch für die Einheit des deutschen Reichs 
und die Stärkung des Kaisertums gewirkt. Er war ein würdiger 
Vorfahr der deutschen Kaiser aus dem Hause Hohenzollern. 
54. Lateinschulen und Universitäten. 
Für sokche Schüler, die nicht in den geistlichen Stand ein- 
treten, aber doch eine gute Schulbildung haben wollten, war in vielen 
Klöstern eine besondere Schule errichtet, die man die äußere Kloster- 
schule nannte. Viele weltliche Fürsten und adelige Herren haben 
diese Schule besucht. Als aber gute Sitte und die Lust am Lernen 
in vielen Klöstern verloren ging, machten sich manche ganz vom Kloster 
und der Kirche los und lehrten und lernten fortan in besondern 
Schulen, wie es die Weisen des Altertums forderten. Diese neuen 
Pflanzstätten der Wissenschaft wurden Hochschulen oder Universitäten, 
ihre Lehrer Professoren und ihre Schüler Studenten genannt. Die 
erste deutsche Universität wurde in Prag errichtet; bald nachher er- 
hielten auch Leipzig, Wien und Heidelberg Univerfitäten; Wittenberg, 
Halle, Ingolstadt, Würzburg und andere Orte folgten nach. Da auch 
an den Universitäten das Lateinische als die Gelehrtensprache galt, so 
mußte jeder, der Student werden wollte, vorher eine Schule besuchen, in 
der er das Lateinische und die Anfangsgründe des Wissens erlernte. 
Das waren die Lateinschulen. Die Lateinschulen führen jetzt den 
griechischen Namen Gymnasium. Alle Männer, die als Richter, Geist- 
liche, Arzte, Bezirksamtmänner und höhere Regierungsbeamte, als 
Lehrer an Gymnasien und Universitäten ihr Amt haben, müssen sich 
auf Shmnasium und Univerfität die Vorbildung für ihr Amt er— 
werben. 
— —— —2 
55. Die Buchdruckerkunst. 
1450. 
I. Früher gab es nur geschriebene Bücher. Die Mönche be- 
schäftigten sich mit der Herftellung derselben und brachten es darin zu 
kroßer Kunstfertigkeit. Diese Bücher waren sehr teuer. Einen Fortschritt 
brachte die Formschneidekunst. In hölzerne Täfelchen wurden allerlei 
Bilder geschnitten, mit Farbe bestrichen und dann auf Pergament oder 
Papier ahgedruckt. Bald schnitt man einzelne Wörter neben das Bild, 
dann ganze Bibelstellen. Zuletzt stachen die Formschneider Tafeln voll
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        56 » V. Die Zeit der Reformation. 
  
–– — 
Buchstaben. Sollte nun ein Buch gedruckt werden, so mußten jo 
viele Holztafeln da sein, als das Buch Seiten hatte. Nach dem Ab- 
drucke hatten aber die Tafeln, die so viel Mühe und Arbeit gekoftet, 
keinen Wert mehr. 
2. Da kam ein deutscher Edelmann, Namens Gutenberg, geboren 
in Mainz, wohnhaft in Straßburg, auf den glücklichen Gedanken, die 
einzelnen Schriftzeichen in buchene Stäbchen auszuschneiden, mit Fäden 
zu Zeilen zusammenzureihen, mit Tinte und Lampenruß zu schwärzen 
und abzudrucken. Der erste Versuch gelang nicht nach Wunsch, weil 
die hölzernen Buchstaben leicht zersprangen: daher nahm er später 
bleierne, dann zinnerne. Gutenberg kehrte nach Mainz zurück und 
trat mit Johann Faust und Peter Schöffer in Verbindung. Der 
letztere gab den Rat, die Buchstaben in Formen zu gießen, statt sie 
mühsam zu schneiden; auch erfand er eine bessere Druckerschwärze aus 
Kienruß und Leindl. Nun war man imstande, ein ganzes Buch zu 
drucken; das erste war eine lateinische Bibel in drei Bänden. 
3. Die ersten gedruckten Bücher setzten alle Welt in Erstaunen. 
Man hielt das Gedruckte für Geschriebenes und konnte nicht begreifen, 
wie auf einmal so viele Blätter so ähnlich beschrieben werden konnten. 
Die Mönche waren über die nene Erfindung erbittert, da ihnen dadurch 
ihr Erwerb verkümmert wurde; sie nannten Faust, der mit seinen Bibeln 
auf Universitäten und Märkten umherzog, einen Schwarzkünstler und 
Hexenmeister. Die Ausbreitung der Buchdruckerkunft wurde durch das 
Linnen= und Baumwollenpapier, welches die Deutschen schon im vier- 
zehnten Jahrhundert herzustellen verstanden, noch wesentlich gefördert. 
4. Bücher und Schriften konnton nun in großer Zahl gedruckt 
und weit verbreitet werden; hatten sie früher oft an Ketten in den 
Bibliotheken und Klöstern gelegen, so flogen sie jetzt zuweilen als lose 
Blätter umher. Die Bücher wurden billiger, so daß auch der Armste 
sie kaufen konnte. Eine Bibel kostete bald nur noch wenige Gulden. 
Für die Schulen wurden Bücher in großer Anzahl hergeftellt, und die 
Kinder kernten schon gedruckte Schrift verstehen. Später kamen auch 
Zeitungen auf, erzählten, was in der Welt vorging, und machten die 
fahrenden Leute zu überflüssigen Gesellen. 
— — — 
56. Die Entdeckung Amrrikas. 
1492. 
1. Zur Zeit der Reformation hat der Italiener Christoph Columbus 
den Erdteil Amerika entdeckt. Die Entdeckung Amerikas ist auch für 
uns von der größten Bedeutung geworden. Die Gewächse Indiens 
wurden nach dem neuen Erdteile verpflanzt und gediehen daselbst wie 
in ihrer Heimat. Die Handelsleute holten nunmehr die kostbaren 
Schätze aus dem nähern Westen. Seitdem verödeten die Handelsstraßen, 
auf denen die Waren einst von Süden her über die Alpen zu uns ge- 
kommen waren:; die Kaufleute verforgten unser Land über Holland,
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        V. Die Zeit der Reformation. 57 
Hamburg und Bremen mit den fremdländischen Erzeugif en. Amerika 
bot aber auch Erzengnisse, die sein eigener Boden längst vor der 
Entdeckung getragen hatte. Die Seeleute fahen, wie die Ein- 
geborenen Amerikas den Tabak verwandten, und gar bald gab es auch 
in den enropäischen Häfen rauchende und Tabak kauende Matrosen. 
Obwohl das Rauchen anfangs als Unsitte verboten wurde, verbreitete 
es sich doch immer mehr. Der Tabak wurde auch in unserm Vater- 
lande angebant und ist seitdem für manche Gegenden eine wichtige 
Pflanze geworden. Auch die Kartoffel haben wir aus Amerika er- 
halten. Es vergingen allerdings viele Jahre, ehe diese Pflanze nach 
Europa und Deutschland kam, und es hat viel Mühe gekostet, ehe 
sich der Bauer dazu verstand, sie, die jetzt ein so wichtiges Nahrungs- 
mittel ist., auf seinem Acker anzubauen. Endlich ist von Amerika 
das Gold in reichem Maße nach Europa gekommen und hat die An- 
wendung des Goldgeldes gefördert. 
2. Die Entdeckung Amerikas und die bequeme Zufuhr ausländischer 
Waren haben mancherlei Veränderungen in unsere Heimat gebracht. 
Fremde Gewürze, Reis, Thee und Kaffee waren bis dahin dem deutschen 
Volke fremd, wenn sie auch in der Stadt von den Reichen gebraucht 
wurden. Nach und nach hat auch auf dem Dorfe der Kaffee die 
Morgensuppe verdrängt, und die Baumwolle Amerikas ist vielfach an 
die Stelle des deutschen Flachses getreten. Viele Deutsche ließen sich 
auch von der Menge Gold und Silber locken, die der fremde Erdteil 
bot, verließen Haus und Heimat und versuchten ihr Glück in der neuen 
Welt. Es gibt jetzt wenig Leute in deutschen Landen, die nicht 
Verwandte und Bekaunte in Amerika haben und Briefe von dort 
bekommen und dahin schreiben. 
—— — —— — 
57. Der ewige Landfriede und das 
Reichskammergericht. 
1195. 
1.. Um das Fehdewesen im ganzen Reiche zu beseitigen, stellte 
Kaiser Marximilian I. auf dem Reichstage zu Worms eine ehrbare 
Ordnung, Recht und Friede berührend, auf. Diese kaiserliche Ver- 
ordnung hieß der ewige Landfriede, weil durch ihn das Fehderecht für 
alle Zeiten aufgehoben wurde. Jede Selbsthilfe war bei Strafe der 
Reichsacht verboten. Der Kaiser errichtete zu Frankfurt am Main 
ein Gericht, vor welches alle Streitigkeiten der Großen des Reichs, 
sowie die unentschiedenen Fälle der niedern Gerichte gebracht werden 
mußten. Dieses Gericht erhielt den Namen Reichskammergericht und 
galt als das höchste Gericht des Reichs; jeder mußte sich seinem Urteils- 
spruche fügen. 
2. Seit der Einsetzung des Reichskammergerichts änderte sich 
manches in der Rechtspflege. Der Kaiser verordnete, daß die eine
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        58 » . V. Die Zeit der Reformation. 
. — 
  
Hälfte der Beisitzer im Reichskammergerichte Männer seien, welche die 
Rechtswifsenschaft studiert hätten. Bald waren aber alle Beisitzer 
Rechtsgelehrte, und zwar nicht nur am Reichskammergerichte, sondern 
auch an den übrigen Gerichten des Reichs. Damit verlor das Volk 
seinen Anteil an der Rechtsfindung. Die gelehrten Richter und 
Schöffen kannten nicht den Brauch der Alten oder verachteten ihn: 
sie setzten fremdes Recht, das sie aus den Gesetzbüchern der alten 
Römer schöpften, an dessen Stelle. Dadurch verlor der gewöhnliche 
Mann seine Rechtskenntnis, und wer einen Prozeß zu führen hatte, 
mußte einen gelehrten Advokaten zum Rechtsanwalte nehmen und 
ihm hohe Gebühren zahlen. Advokaten und Richter lebten von den 
Erträgen der Prozesse und zogen die Verhandlungen oft jahrelang 
hin. — Dennoch hat das Eindringen des römischen Rechts auch sein 
Gutes gehabt. Es wurde Brauch, alle Gesetze aufzuschreiben, vor 
Gericht alles schriftlich zu machen und jedem Dinge einen besondern 
Namen zu geben. Viele Höfe, kleine Dörfer, Fluren und Wege 
tragen seitdem erst ihre bestimmten Namen; ja die Familiennamen der 
Bürger und Bauern sind vielfach erst in jener Zeit entstanden, oder 
doch amtlich feftgelegt worden. Dabei wurden die bisher schon ge- 
bräuchlichen Beinamen in erster Linie berücksichtigt. Außerdem ent- 
wickelte sich ein geschulter Richterstand, sowie eine einheitliche Rechts- 
grundlage, die infolge der großen Zersplitterung des deutschen Reiches 
ein großes Bedürfnis war. 
3. Mit dem fremden Rechte hatte sich der Grundsatz eingeschlichen, 
jeder Angeklagte sei ein Bösewicht, dem man durch verfängliche Fragen 
oder Folterqualen die Wahrheit entlocken oder abzwingen müsse. Daher 
wurde in jener Zeit die Tortur oder Folter bei uns eingeführt. Durch 
Abschnüren und gewaltsames Ausrecken der Glieder wurden dem An- 
geklagten gräßliche Schmerzen bereitet, so daß er bekannte, was nur von 
ihm verlangt wurde. Mit Stricken wurden Hände, Füße und Beine ab- 
gebunden, Finger= und Zehennägel mit eisernen Schrauben zerquetscht. 
War der Angeklagte noch nicht geständig, so erhöhte man die Schmerzen 
durch Brennen und Zwicken mit glühenden Zangen, oder man schlug. 
ihm Holzpflöcke unter die Fingernägel, setzte ihm stechende Insekten. 
oder hungrige Mäuse an den bloßen Leib und wandte andere grau- 
same Martern an. Tausende haben damals unter den entsetiichsten 
Schmerzen auf der Volter ihr Leben gelassen. 
—# 
58. Der gemeine Pfennig. 
Das Reichskammergericht und andere Einrichtungen des Kaisers 
Maximilian kosteten Geld. Je größern Umfang der Verkehr an- 
nahm, desto weniger wollte die alte Naturalwirtschaft allein genügen. 
Landsknechte und Beamte wünschten für ihre Dienste einen Lohn, den 
sie leicht bewegen und überall verwerten könnten. Kaiser Maximilian
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        V. Die Zeit der Reformation 539 
ließ darum ein Gebot ausgehen, daß jedermann, der fünfzehn Jahre 
alt und darüber sei, von je 1000 Gulden seines Vermögens 1 Gulden 
steuern solle. Die Geistlichen sollten die Steuern erheben und die 
Leute von der Kanzel ermahnen, daß sie etwas mehr geben, als nötig 
wäre, da das Geld auch zum Kriege gegen die Ungläubigen verwendet 
werden solle. Diese Steuer hieß der gemeine Pfennig. 
59. Hie alte deutsche Reichspost. 
Die großen Heerstraßen, die einst die Römer durch unser Land 
gelegt hatten, und auch Karls des Großen Kriegsstraßen waren mit 
der Zeit verfallen und nicht wieder erneuert worden. Die zunehmenden 
Handelsverbindungen mit dem Süden und später mit Amerika machten 
aber wieder Straßen nötig, auf denen sich der Handelsverkehr be- 
wegen konnte. Die Buchdruckerkunst weckte auch den geistigen Verkehr 
der Völker, und die Ausgewanderten hatten mancherlei Nachrichten 
und andere Dinge in die alte Heimat zu schicken. So wuchs das Be- 
dürfnis nach einer geordneten Verbindung der Städte und Dörfer. 
Die fahrenden Leute hatten sich selten großes Vertrauen erworben. Da 
geschah es, daß zur Zeit des Kaisers Maximilian ein Herr von Taris 
von Wien nach Brüssel, später auch noch nach andern Städten einen 
regelmäßigen Verkehr herstellte, der den Namen Pöst erhielt und dem 
Kaiser viel Geld einbrachte. Diese Post, die später den Namen Reichs- 
post erhielt, übernahm nach und nach den Brief-, Paket= und Personen- 
verkehr auf den Landstraßen. 
60. Das Primogeniturgesetz in Bayern. 
150 . 
1. Unter den Nachfolgern Ludwig des Bayern sank das Ansehen 
und die Macht des Herzogtums Bayern immer mehr. Durch die fort- 
währenden Teilungen des Landes und die daraus entstehenden Streitig- 
keiten konnte es zu keiner Blüte kommen. 
2. Erst dem Herzoge Albrecht IV., dem Weisen, gelang es, die ver- 
schiedenen Landschaften wieder zu vereinigen, so daß das Herzogtum 
514 Quadratmeilen groß war und 800 000 Einwohner zählte. Um 
fortan jede Teilung unmöglich zu machen, erließ er im Jahre 1506. 
mit beifälliger Zustimmung der Stände das sogenannte Primo- 
genitur= oder Erstgeburtsgesetz. Dasfelbe enthält folgende Bestim- 
mungen: „I. Von nun an ist Bayern ein unteilbares Herzogtum. 
2. Nur ein Landesfürft regiert. 3. Die Regierung geht nach dem 
Rechte der Erstgeburt vom Vater auf den Sohn über. 4. Stirbt die 
Hauptlinie aus, so erbt der älteste Prinz aus der nächstältesten Seiten- 
linie. 5. Die nachgeborenen Prinzen erhalten Titel und Rang von
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        60 » 74Dre.3etiset"9?efomatiou, 
  
Grafen und vom 18. Lebensjahre ab jährlich 4000 Gulden Rente“ 
Dieses wichtige Gesetz hat noch heute Giltigkeit in Bayern. Der Herzog 
trug nun folgenden Titel: „Von Gottes Gnaden Pfalzgraf bei Rhein 
und allein regierender Herzog in Ober= und Niederbayern" Später 
führte Herzog Albrecht V. noch die Bestimmung ein, daß der Landes- 
fürst sich zur katholischen Religion bekennen müsse. 
61. Heer- und Steuerwesen in Bayern. 
I. Das Heer bestand damals aus Fußvolk und Reiterei. Letztere, 
welche vom herzoglichen Marschall befehligt wurde, setzte sich vorzugs- 
weise zusammen aus den herzoglichen Lehensleuten und jenen Adeligen, 
welche nicht in einem untergeordneten Verhältnisse zum Landesfürsten 
standen. Jene wurden vom Lehensherrn beköstigt und entschädigk, 
diese bezogen einen bestimmten Jahresgehalt. Auch die Städte und 
Märkte stellten ihre Reisigen zum Heere; jedoch bestanden die städtischen 
Aufgebote meistens aus Fußvolk. Die Bürger der Städte waren 
tapfere Truppen, und in manchen Schlachten, so z. B. bei Ampfing 
und Mühldorf, lernte der Herzog ihren Wert kennen. Die Städte 
hatten eigene Geschütze und hielten sich auch Drillmeister zur Einübung 
der Soldaten. In Kriegszeiten erhielten die städtischen Truppen eben- 
falls ihre Beköstigung vom Herzoge. Bei Verteidigung des Vaterlandes 
wurde auch die Landwehr aufgeboten, zu der seder Waffenfähige ver- 
pflichtet war. Die Richter und Pfleger musterten die Tauglichen und 
nahmen die Waffen in Augenschein; doch fanden kriegerische Ubungen. 
im Frieden mit der Landwehr nicht statt, so daß der Herzog darüber oft 
bitter Klage führte. Brach aber der Feind ins Land, so wurden durch 
Landgeschrei und Sturmläuten die Aufgebote zusammengerufen und 
Feigheit und Flucht dann strenge gestraft. Den geübtesten und tüch- 
tigsten Teil des Heeres bildeten die Söldner oder Trabanten. Die 
Söldner wurden von Rottmeistern angeworben. Sie erhielkten als 
Sold das Werbegeld, das Wehrgeld, das Beutegeld, den Sturmsold, 
Entschädigung für verlorene Waffen und Pferde und nach ihrer 
Tüchtigkeit wochentlich ein halbes oder ein ganzes Pfund Pfennige. Das 
Fußvolk war in Fähnlein eingeteilt; der Anführer eines Fähnleins 
hieß Hauptmann. Bewaffnung und Bekleidung war noch nicht gleich- 
mäßig. Die Reiter trugen noch Harnisch und Lanze, während die 
Fußgänger mit Handbüchsen, Armbrüsten, Helmbarten und Spießen 
versehen waren. Spieße und Schwerter waren außerordentlich lang. 
Erst nach und nach wurde die Ausrüstung einheitlicher. Herzog Ludwig 
der Reiche von Landshut führte die Uniformierung ein. Im Jahre 
1500 beschlossen dann die Stände, daß die Truppen eine Farbe tragen 
sollten. Diese Farbe war zuerst die rote. 
2. Das stehende Heer und die vielen Feldzüge kosteten viel Geld. 
Da die Einkünfte des Herzogs nicht ausreichten, so wurden Steuern
        <pb n="73" />
        V. Die Zeit der Reformation. 61 
  
erhoben. Diese Steuern führten verschiedene Namen. Bei der Fest- 
setzung derselben mußten die Landstände befragt werden. Das Reisgeld 
war eine Kriegsstener, die von jenen erhoben wurde, welche nicht als 
Reiter zu dienen brauchten. Eine der ersten Steuern war die Vieh- 
oder Klauensteuer. Später kam die Vermögenssteuer auf, die den 
zwanzigsten Pfennig, also 5 Prozent, betrug. Auch die Grund= oder 
Bodensteuer wurde damale eingeführt. Bei der Huldigung des Her tzogs 
mußte auch öfter eine auhergewöhnliche Steuer „von Huldigung wegen" 
entrichtet werden. Zoll und Ungeld waren die ersten indirekten Steuern, 
die von Vieh, Wein, Salz, Getreide, Tuch, Leinwand, Eisen u. a. er- 
hoben wurden. Das ungeld erregte oft den Unwillen des Volkes. Diener, 
Knechte und Mägde, sowie der Adel und die Prälaten waren steuerfrei. 
Der Kirchenstreit. 
1. Zwei große Kirchenversammlungen hatten nicht vermocht, das 
Verderben, das in die Kirche gedrungen war, zu beseitigen. Erst 
nach vielen Kämpfen gelang es, die Kirche an Haupt und Gliedern 
zu bessern; dabei ist leider die Einheit derselben verloren gegangen. 
In diesem Streite tritt ein Mann hervor, mit dessen Namen die Ge- 
schichte jener Zeit aufs engste verknüpft ist: Doktor Martin Luther. 
on wurde am 10. November 1483 zu Eisleben geboren und war eines 
Bergmanns Sohn. Seine E ltern waren arme Leute und mußten sich's 
blutsauer werden lassen. Sie hielten ihre Kinder steng und früh zur 
Arbeit. Luther erzählt selbst von seiner Jugend: „Mein Vater stäupte 
mich einmal so sehr, daß ich ihn sloh und ihm gram ward, und es 
waͤhrte lange, bis er mich wieder zu sich gewoͤhnte. Die Mutter 
stäupte mich einmal um einer geringen Nuß willen, daß das Blut 
danach floß. Aber fie meinten es doch herzlich gut“ Wie das Eltern- 
haus, so hielt auch die Schule strenge Zucht. Luther ist da einmal 
an einem Vormittage fünfzehnmal hintereinander gestrichen worden. 
Damit er weiter käme, schickten die Eltern ihn nach Mat 9deburg, später 
hach Eisenach in die Schule, wo er lich. wie die meisten Schüler der 
damaligen Zeit, das Brot vor den Thüren ersingen mußte. Mit dem 
achtzehnten Jahre zog Suther auf die Universität Erfurt, weil der 
Vater wünschte, daß er ein Rechtsgelehrter werden sollte; aber er ver- 
ließ die Universität und trat als Mönch in das Angnustinerkloster zu 
Erfurt. Nachdem er drei Jahre dort gewesen, wurde er durch den 
Kurfürsten von Sachsen zum Lehrer an der nen errichteten Universität 
Wittenberg und zum Prediger an der Schloßtirche daselbst berufen. 
2. Luther lehrte vornehmlich nach der Bibel. Dadurch kam er mit 
dem Mönche Tetzel, der in derselben Gegend Ablaßbriefe verkaufte, i 
Feindschaft, und es entstand ein Streit, der bald die ganze Gegend un 
Wittenberg erfüllte. Um allen M lenschen klar zu machen, welches seine 
Meinung in kirchlichen Dingen sei, schrieb Luther 95 Sätze und schlug 
sie nach der Sitte der damaligen Zeit am 31.Oklober 1517 an die Schloß-
        <pb n="74" />
        62 v. Die FJeit der Reformation. 
  
  
  
kirche zu Wittenberg. Diese Sätze wurden viel gelesen, abgeschrieben, 
gedruckt und in kurzer Zeit durch ganz Deutschland verbreitet. Der Papst 
schickte einen Kardinal nach Augsburg, der Luther verhören und ihn 
mahnen sollte, von seinem Thun abzulassen. Der Kardinal forderte Wider- 
ruf, Luther aber berief sich auf die Bibel. Da ward der Kardinal 
zornig und ties. „Geh, und komm' mir nicht wieder vor die Augen, 
es sei denn, daß du widerrufest". Später fandte der Papst einen 
andern Mann, der redete freundlich mit Luther und bat ihn, die Leute 
in ihrem Glauben nicht irre zu machen. Luther gelobte zu schweigen, 
wenn auch seine Gegner schwiegen. Aber dies geschah nicht; denn die 
Gemüter waren auf beiden Seiten erregt, und der Streit entbrannte 
aufs neue. Da that der Papst Luther in den Bann, indem er 41 
von seinen Sätzen für ketzerisch erklärte. Luther aber verbrannte die 
Bannbulle und sagte sich damit gänzlich vom Papste lls. 
3. Nun war er dem kaiserlichen Gerichte verfallen.- Kaifer Karl V. 
berief 1521 einen Reichstag nach Worms, auf dem auch Luthers Sache 
gerichtet werden sollte. Luther wurde durch einen kaiserlichen Herold 
eingeladen und begleitet. Gleich am Tage seiner Ankunft mußte er 
vor der Reichsversammlung erscheinen. Da saßen der Kaiser, sechs Kur- 
fürsten, vierundzwanzig Herzöge, acht Markgrafen, dreißig Bischöfe 
und Prälaten und viele andere Herren. Aller Augen warteten auf 
Luther. Als er eingetreten war, fragte ihn der Kanzler Johann von Eck, 
ob er jeue Bücher, die auf einer Bank lagen, für die seinen erkenne, 
und ob er ihren Inhalt widerrufen wolle. Die erste Frage bejahte 
er; für die zweite bat er sich Bedenkzeit aus. Am folgenden Tage 
wollte er sich in einer längern Rede verantworten, aber der Kaiser 
verlangte eine kurze und entschiedene Erklärung. Da sprach Luther: 
„Dem Papste und dem Konzile glaube ich nicht; widerrufen mag ich 
nicht; hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“. 
Er wurde hinausgeführt. Zu Tausenden drängte sich das Volk auf 
dem Wege, um ihn zu sehen. « 
4. Nun wurde die Reichsacht über Luther ausgesprochen; aber er 
erhielt einundzwanzig Tage freies Geleit zur Heimreise. Alsdann sollte 
niemand, weder Fürst, noch Stände, noch Unterthanen, den Geächteten. 
hausen, höfen, ätzen, tränken, noch ihm Anhang, Beistand oder Für- 
schub beweisen, und wo man seiner mächtig würde, sollte man ihn 
wohlbewahrt an Kaiserliche Majestät schicken. Seine Bücher sollte 
niemand kaufen, verkaufen, lesen, behalten, abschreiben oder drucken, 
sondern sie sollten von aller Menschen Gedächtnis abgethan und vertilgt 
werden. So gebot des Reiches Acht. Als aber Luther auf dem Heimwege 
in den Wäldern Thüringens dahinfuhr, sprengten plötzlich fünf verkappie 
Ritter daher, zogen ihn aus dem Wagen und schleppten ihn in das 
Gebüsch. Hier kleideten sie ihn wie einen Ritter, setzten ihn auf ein 
Pferd und brachten ihn auf die nahe Wartburg. Das war das Werk 
des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen. Indes nun niemand 
wußte, wo Luther geblieben war, saß er auf der Wartburg, übersetzte die 
Bibel in die deutsche Sprache und legte damit den Grund zu unserer
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        V. Die Zeit der Reformation. 63 
  
  
gemeinsamen neuhochdeutschen Sprache, womit er sich ein Verdienst um 
das Deutschtum erworben hat, das ihm von allen Seiten zuerkannt wird. 
63. Die Kirchentrennung. 
1525. 
1. Nach dem Reichstage zu Worms trennten sich die Gemüter in 
Glanbenssachen immer mehr. Fürsten und Städte, Ritter und Bauern 
hingen Luther an und ließen in ihren Gemeinden nach lutherischer 
Lehre predigen und das Abendmahl feiern. Mönche und Nonnen 
traten aus den Klöstern und stellten sich in den Dienst der neuen 
Lehre, und solche, die als Studenten in Wittenberg Luthers Vor- 
lesungen gehört hatten, gingen in ihre Heimat, oder dahin, wo fie 
Anstellung fanden, und richteten den Gottesdienft nach lutherischer 
Weise ein. Dadurch gingen viele Klöster ein, und die Güter, die 
dazu gehörten, wurden von den Fürsten entweder eingezogen und 
gehörten fortan zum Krongute, oder sie wurden für protestantische 
Kirchen= und Schulzwecke verwendet. Später sind dann in prote- 
stantischen Gebieken alle Klöster aufgehoben worden. Luther selbst 
trat aus dem Kloster und verheiratete sich mit der ehemaligen 
Nonne Katharina von Bora. Der Kaiser versuchte noch auf zwei 
Reichstagen, zu Speier und zu Angsburg, die neue Lehre zu dämpfen, 
aber es war vergeblich; denn wenn er auch Luthers Lehre abhold 
war, so konnte er doch die Lutheraner zu seinen Kriegen, die er mit 
den Türken führte, nicht entbehren und mußte darum manches zu- 
geben, was ihm nicht gefiel. So festigte sich die lutherische Lehre 
besonders in Norddeutschland, breitete sich immer weiter aus und führte 
dahin, daß überall lutherische Gotteshäufer entstanden und lutherische 
Gottesdienste gehalten wurden. "" , 
?-Ju-·di.efcerei-tlehrteauch-inderSchweizlsejuMann,Namen-Z 
Zwingli, gegen die damals gebräuchliche Weise der katholischen Kirche. 
Ihm folgte Calvin. Beide stimmten zwar in vielen Stücken mit 
Luther überein, unterschieden sich aber auch wieder in andern von 
ihm. Luther und Zwingli kamen in Marburg zusammen, um eine 
Einigung zu erzielen, doch vergebens. Sie gingen unverrichteter 
Sache auseinander. Zwingli und Calvin sammelten auch Anhänger 
und rissen sich von der katholischen Kirche los. Sie erhielten den 
Namen Reformierte, während die Lutheraner auch Protestanten 
genannt wurden. Luther starb am 18. Februar 1546. Sein Leib 
liegt in der Kirche zu Wittenberg vor dem Altare begraben. 
3. Diejenigen, die noch fernerhin den Papst als den Vater 
der Christenheit und Stellvertreter Jesu auf Erden ansahen, nannten 
sich katholische oder römische Kirche. Die katholische Kirche 
hatte durch den Abfall der Lutheraner und Reformierten in Deutsch- 
land an Zahl verloren, sie suchte dieselbe anderwärts wieder-
        <pb n="76" />
        64 V. Die Zeit der Reformation. 
zugewinnen und durch ein innigeres Glaubensleben zu befestigen. Auf 
einer großen Kirchenversammlung zu Trient wurden abermals die 
vorhandenen Mißbräuche zur Sprache gebracht. Es wurde beschlossen, 
dieselben abzuschaffen und nur solche Männer zu Priestern und Bischöfen 
zu wählen, die die nötigen Kenntnisse und den guten Willen hätten, 
ihrer Gemeinde mit gottgefälligem Leben vorzustehen. In den Klöstern 
sollte fortan wieder ein ernsteres und strengeres Leben geführt und die 
Zeit mehr zum Lernen und im Dienste der Laien verwandt werden. Im 
übrigen aber sollte alles, was im Laufe der Zeit entstanden und gut 
geheißen, bestehen bleiben. So hat sich deun seit jener Zeit auch in 
der katholischen Kirche die Besserung vollzogen, die von allen ernsten 
Katholiken gewünscht worden war. Der Papst wird jetzt ohne den. 
Einfluß weltlicher Machthaber vom Kardinalskollegium gewählt; er 
ernennt und bestätigt die Erzbischöfe und Bischöfe, und diese ernennen 
und beaufsichtigen wieder die Priester in ihrem Amte, so daß alles nach 
gewissenhafter Ordnung geschieht. 
64. Die Kirchenschulen. 
Seit der Kirchentrennung erinnerte sich die Kirche wieder überall 
der ernsten Pflicht, die Rinder des Volkes im chriftlichen Glauben zu. 
unterrichten und auf das kirchliche Leben vorzubereiten. Diese Be- 
lehrung übernahm auf den Dörfern zunächst der Prediger; sie wurde 
aber bald den Küstern übertragen. Diese hatten nun den Kindern des 
Kirchspiels die zehn Gebote, den Glauben, das Vaterunser, andere Stücke 
der christlichen Lehre und Gesänge einzuprägen. Anfangs wurde dieser 
Unterricht nur am Sonntagnachmittage in der Kirche, später aber auch 
an einem oder zwei Wochentagen in einem andern Raume erteilt. So 
entstanden die Kirch= oder Küsterschulen, zu deren Unterhaltung jeder 
Angehbrige des Kirchspiels ebenso beitragen mußte, wie zur Erhaltung 
der Kirche. Auf diese Weise sind die Abgaben entstanden, die die 
Außendörfer noch jetzt an die Küster des Kirchdorfes zu entrichten 
haben. Küster und Lehrer an diesen Schulen konnte jeder werden, 
der ein wenig zu lesen verstand und sonst ein ehrbarlich Leben führte. 
In den Kirchschulen wurde der kirchliche Gesang, der sich jetzt als 
Choral ausbildete, besonders gepflegt. 
65. Die Bauernkriege. 
I. In der Reformationszeit ging die alte Naturalwirtschaft all- 
mählich in die Geldwirtschaft über. Die reichen Goldfelder Amerikas 
lieferten so viel Gold und die neu erschlossenen Bergwerke so viel 
Silber, daß der Wert des Geldes sank. Es gehörten nun größere 
Summen zum Reichwerden, und die Waren kosteten mehr Geld als 
früher. Die alte Gleichheit verschwand, und großer Reichtum stellte
        <pb n="77" />
        V. Die Zeit der Reformation. (#5 
–. –.. m ÒÓ“ 
  
sich bitterer Armut gegenüber. In dieser Zeit war der Lehnsbauer 
besonders schlimm daran, da er nur wenig Rechte, aber viele Pftichten 
hatte. Die Grundherren mehrten ihm seine Abgaben und Dienste 
von Jahr zu Jahr, so daß er zuletzt kaum besser daran war als die 
unfreien Knechte zur Zeit des Heidentums. 6 
2. Darüber wurden die Bauern unwillig und empörten sich gegen 
ihre Herren. Sie schrieben in zwölf Artikeln, was ihnen zu Unrecht 
geschehen sei. Darin heißt es: Wir sind beschwert, daß etliche Herren 
sich haben zugeeignet Wiesen und Acker, die doch einer Gemeinde zu- 
gehören. Selbige werden wir wieder zu unserer Gemeinde nehmen, 
wenn sie nicht redlich erkauft sind. Wir wollen den Brauch, genannt 
der Todfall, ganz und gar abgethan haben und nimmer leiden, daß 
man Witwen und Waisen das Ihrige nehme, wie es an vielen Orten 
in mancherlei Gestalt geschieht. Wir sind beschweret, daß viele Güter 
das Pachtgeld nicht aufbringen, und die Bauern das Ihrige darauf 
einbüßen und verderben. Wir begehren, daß die Herrschaft diese 
Güter durch ehrbare Leute besichtigen lasse und nach der Billigkeit 
eine Pacht bestimme, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst 
thuc. Der Herr soll nicht mehr Dienste begehren als vereinbart 
sind, und wenn es doch geschieht, so soll er dafür geben, was sich 
gehört. Auch sind wir beschwert der Beholzung wegen; denn unsere 
Herrschaften haben sich die Hölzer alle allein zugeeignet, und wenn 
der arme Mann etwas bedarf, so muß er's ums doppelte Geld 
kanfen. Unsere Meinung ist, die Hölzer sollen wieder der ganzen 
Gemeinde anheim fallen. Auch hegt in etlichen Orten die Obrigkeit 
das Wild uns zu Trotz und Schaden, und wir müssen leiden, daß 
uns das Unsere die Tiere verfressen. Endlich find wir beschwert, daß 
man uns nicht straft nach Gestalt der Sache, sondern aus Neid und 
Parteilichkeit. Unsere Meinung ist. uns nach alter geschriebener Strafe 
zu strafen, je nachdem die Sache gehandelt ist. 
3. Diese Forderungen wurden von allen Wohlwollenden und 
rechtlich Dentenden anerkannt, aber die Bauern selbst trugen am 
meisten dazu bei, daß sie nicht erfüllt wurden. Durch gewissenlose 
Aufrührer ließen sic sich verführen und zogen wie Räuberbanden durch 
das Land. Dadurch wurden die Fürsten aufgebracht und rüsteten sich, 
der Bewegung entgegen zu treten. In mehrern Treffen wurden die 
Bauern völlig geschlagen, und die wenigen Rechte, die sic vor dem 
Kriege hatten, wurden ihnen nun auch noch genommen: sie durften 
keine Versammlungen und kein Gericht mehr halten, nicht mehr mit- 
wählen, wenn ein neuer Beamter berufen wurde, und fortan keine 
Waffen mehr tragen. Damit war den Bauern der letzte Rest der 
alten Volksfreiheit und zugleich die Möglichkeit genommen, sich aus 
eigener Kraft wieder aufzuhelfen. ·
        <pb n="78" />
        66 V. Die Zeit der Reformation. 
  
  
66. Wie sich Brandenburg und Preußen einten. 
1. Die Adeligen und Städte im Ordenslande Preußen wollten 
sich die Herrschaft der Ordensritter nicht mehr gefallen lassen, weil sie 
hart und ungerecht geworden war, machten daher einen Bund gegen 
dieselben und wählten schließlich den benachbarten König von Polen 
zu ihrem Oberherrn. Nun hatte der Orden lange und unglückliche 
Kämpfe mit dem Markgrafen Albrecht von Ansbach, der ein naher 
Verwandter des Polenkönigs war, zu bestehen. In dieser Not machten 
die Ordensritter den Kurfürsten von Brandenburg zu ihrem Groß- 
meister. In Preußen hatte die lutherische Lehre damals auch schon 
Eingang gefunden, und viele Ritter traten deshalb aus dem Orden 
und gingen zu weltlichen Beschäftigungen über. Da verwandelte der 
neue Großmeister auf Luthers Rat das Ordensland in ein weltliches 
Fürstentum, und nannte sich fortan Herzog in Preußen. — Herzog 
Albrecht hatte nur einen Sohn, deshalb schloß er mit dem Kurfürsten. 
von Brandenburg einen Vertrag, in welchem festgestellt wurde, daß 
Preußen an Brandenburg falle, wenn der Herzog oder dessen Nach- 
kommen ohne Leibeserben sterben sollten. Dieser Fall trat im Jahre 
1618 ein; seit der Zeit gehören Preußen und Brandenburg zusammen. 
2. Um dieselbe Zeit kamen auch Gebiete am Rhein, die jetzt zur 
Rheinprovinz und zu Westfalen gehören, durch Erbschaft unter branden- 
burgische Herrschaft, so daß sich damals das brandenburger Land schon 
quer durch ganz Norddeutschland zog, ohne daß jedoch dieser Besitz 
ein zusammenhängendes Ganzes bildete.
        <pb n="79" />
        VI. 
Die Zeit des dreißigjährigen Krieges. 
„Friede ernährt; 
Unfriede verzehrt.“ 
— 
67. Ursachen des Krieges und die ersten Kämpfe. 
1618. 
1. Die Feindfeligkeiten, welche infolge der Kirchentrennung zwischen 
Protestanten und Katholiken entstanden waren, dauerten lange Zeit 
fort. Argwöhnisch standen sich beide Religionsparteien gegenüber, 
kräntten und drückten einander, wo sie konnten. Da schlossen evan- 
gelische Fürsten einen Bund, um den Ubergriffen der katholischen Stände 
begegnen zu können. Aber auch die Katholiken vereinigten sich, und 
es bedurfte nur eines Funkens, um die Kriegsflamme zu entzünden. 
2. Als Kaiser Matthias regierte, wurden die verbrieften Rechte der 
Protestanten in Böhmen verletzt; eine evangelische Kirche wurde ge- 
schlossen, eine andere niedergerifsen. Die Evangelischen beklagten sich 
darüber beim Kaiser, erhielten aber eine ungnädige Antwort, in der 
sie als Aufrührer bedroht wurden. Da loderte ihr Zorn in hellen 
Flammen auf. Böhmische Edelleute sammelten sich in Prag, drangen 
bewaffnet aufs Schloß und stürzten zwei kaiserliche Räte, von denen 
man glaubte, sie hätten die ungnädige Antwort des Kaisers veranlaßt, 
nach altböhmischer Sitte zum Fenster hinaus. Jetzt begann der Krieg. 
3. In dieser Zeit starb Kaiser Matthias. Die Böhmen verwarfen 
seinen Nachfolger Ferdinand II. und erwählten an seiner Statt den 
Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zu ihrem Könige. Sie hatten eine 
schlechte Wahl getroffen. Nutzlos verbrachte Friedrich die Zeit bei 
üppigen. Festen, während der Kaiser gegen ihn rüstete. Am weißen 
Berge bei Prag wurde er gänzlich geschlagen und floh. Spottweise hieß 
er der Winterkönig, weil er nur einen Winter lang regiert hatte. Alle 
protestantischen Kirchen in Böhmen wurden geschlossen; wilde Kroaten 
57
        <pb n="80" />
        68 . Lie Zeit des dreißigfährigen Krieges. 
— –– □. — — 2 
  
trieben die Einwohner scharenweis in die Messe; 27 der vornehmsten 
Protestanten endeten unter dem Beile des Henkers; viele aus dem 
saüs ereilte dasselbe Geschick, und 30000 Famitien wanderten ins 
kend. 
4. Die größten Feldherren auf Seiten der Kaiserlichen waren 
Tilly und Wallenstein. Tilly war von früh auf Soldat und bereits 
vor dem Kriege Feldmarschall über das bayerische Heer gewesen. Er 
zeigte großen Eifer für die Wiederherstellung der katholischen Kirche 
und machte alle Gebräuche und Ubungen derselben mit. Wallenstein 
war ein böhmischer Edelmann von protestantischer Abfunft und im pro- 
testantischen Glanben erzogen; er trat erst später zur katholischen Kirche 
über und nahm Kriegsdienste beim Kaiser. Wallenstein war der reichste 
Herr im Böhmerlande und konnte es wagen, dem Kaiser ein Heer 
auf eigene Kosten auszurüsten. In kurzer Zeit hatte er 25000 Mann 
beisammen. Den Soldaten gefiel es bei ihm; denn sie durften rauben 
und plündern nach Herzenslust; die Tapfern wurden belobt und die 
Tüchtigsten zu Anführern ernannt, die Feigen und Ungehorsamen da- 
gegen sogleich gehängt. Für die Sache der Protestauten und des 
geflüchteten Winterkônigs erhoben zuerst Erust von Mansfeld und 
Christian von Braunschweig das Schwert; aber sie mußten nach mehrern 
Schlachten in Süddeutschland und Westfalen vor Tilly und Wallenstein 
weichen. 
68. Der Krieg in Norddeutschland. 
1. Bald sollte sich der Krieg auch in Norddeutschland weiter ver- 
breiten. Tilly stand schon an der Grenze Niedersachsens, und auch 
Wallenstein bedrohte die Protestanten Norddeutschlands. Da wählten 
die Fürsten und Stände Niedersachsens den König Christian von 
Dänemark, der ebenfalls luthertsch war, zu ihrem Kreisobersten und 
Feldherrn. Er war jetzt der einzige Verteidiger der protestantischen Sache; 
seine Wahl galt jedoch als eine Kriegserklärung gegen den Kaiser, 
und kaum wurde sie bekannt, als auch Tilly die Weser überschritt und 
vom Westen her in Niedersachsen eindrang, während Walleustein sich 
östlich wandte und ins Halberstädtische zog. Die Städte rüsteten sich, 
schlossen die Thore und nahmen die bedrängte Landbevölferung, wo#“ 
es anging, in ihre Mauern. Aber so tapfer sie sich auch teilweise 
verteidigten, so konnten sie doch der Ubermacht auf die Dauer nicht. 
widerstehen. Da zog Christian von Dänemark heran. Am Nord- 
rande des Harzes, bei Lutter am Barenberge, stießen beide Heere auf- 
einander; das niedersächsische wurde völlig geschlagen, kaum rettete sich 
sein Führer durch die Flucht. 7*'·'? 
2. Wallenfstein zog gen Norden und eroberte Mecklenburg und 
Pommern; nur Stralsund leistete erfolgreichen Widerstand. Da mußte 
sich Christian von Dänemark zum Frieden bequemen und versprechen, 
sich nicht weiter in die deutschen Angelegenheiten zu mischen. Jetzt
        <pb n="81" />
        VI. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges. 69 
stand der Kaiser ohne Gegner da und gab Befehl, alle geistlichen 
Güter, welche die weltlichen Fürften seit 1552 an sich genommen, der 
katholischen Kirche zurückkugeben. Die Güter vieler protestantischer 
Fürsten und Edelleute waren bedroht. Protestantische Kirchen und 
Schulen standen in Gefahr, und der Protestantismus sollte unterdrückt 
werden. 
69. Gustau Adolfs Zug durch Norddentschland. 
1630—1632. 
I. In threr höchsten Not fanden die Evangelischen einen zweiten 
Helfer in dem König Gustav Adolf von Schweden. Mit einem kleinen 
Heere von 15.000 Mann landete er 1630 an der pommerschen Küste. 
Seine Soldaten waren eine wohlgeordnete Truppe; denn er hielt 
strenge Mannszucht unter ihnen. Jedes Regiment mußte zum Morgen- 
und Abendgottesdienste antreten, und ohne Gebet wurde keine Schlacht 
begonnen. Voll Vertrauen folgten die Soldaten diesem Könige, der 
alle Mühen und Gefahren mit ihnen teilte und in der Schlacht als 
Beispiel des Mutes und der Tapferkeit galt. 
2. Gustav Adolf hatte gehofft, die protestantischen Fürsten würden 
sich ihm anschließen. Gemeinsam mit ihnen wollte er zunächst der 
bedrängten Stadt Magdeburg zu Hilfe kommen, die von kaiserlichen 
Truppen unter Tilly und Pappenheim belagert wurde. Die Kurfürsten 
von Brandenburg und Sachsen wehrten ihm aber den Durchzug und 
hielten ihn solange auf, daß er Magdeburg nicht mehr retten konnte. 
Die Kaiserlichen stürmten die ermattete Stadt; in weniger als zwölf 
Stunden lag sie in Schutt und Asche; nur eine Kirche und wenige 
Fischerhütten blieben übrig. Magdeburgs Schicksal verbreitete bei den 
Enrangelischen Schrecken und Bestürzung; sie schlossen sich jetzt dem 
Schwedentönige an, ders chon nach wenigen Monaten in der Nähe von 
Leipzig Tillys Scharen besiegte und zerstreute. 
—— — —— — 
70. Der Krieg in Bayern. 
1. Nach der Schlacht bei Leipzig stand dem König Gustav Adolf 
der Meg nach Südenischand offen. Er gog unächst zum Rhei, 
nahm Mainz und schlug hier sein Winterquarktier auf. Im folgenden 
Frühjahre brach er auf, vertrieb Tilly aus Franken und nahm die 
freie Stadt Nüruberg, deren protestantische Bewohner ihn freudig 
empfingen. Dann gings weiter nach Bayern. Die Grenze des Landes 
verteidigend, wurde Tilly beim Ubergange über den Lech von einer 
Kanonenkugel tödlich verwundet. Nach seinem Tode kamen schwere 
Tage über Bayern. Guftav Adolf zog nach der freien Stadt Augs-
        <pb n="82" />
        70 Vl. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges. 
  
— 
  
burg, wo er, wie in Nürnberg, mit Jubel empfangen wurde. Herzog 
Maximilian belagerte dagegen die freie Stadt Regensburg. Gustav 
Adolf wandte sich aber nicht dorthin, sondern zog von Augsburg zu- 
nächst nach Ingolstadt, und da er dieses nicht bezwingen konnte, weiter 
südlich nach München. Hier hatte er bessern Erfolg; München ergab 
sich freiwillig; der König zog als Sieger ein und legte der Stadt eine 
Kriegssteuer von 300 000 Gulden auf, welche die verarmten Bürger 
aber nur zur Hälfte zahlen konnten. Dazu ließ Gustav Adolf viele 
Kunstschätze von München nach Schweden bringen. 
2. In seiner Not wandte sich der Kaiser wieder an Wallenstein, den 
er vor Jahresfrist abgesetzt hatte. Innerhalb dreier Monate stellte 
Wallenstein ein Heer ins Feld. Bei Nürnberg trafen sich die feindlichen 
Heere; Kurfürst Maximilian stand unter Wallensteins Oberbefehl; eine 
Entscheidung wurde jedoch nicht herbeigeführt, obgleich Gustav Adolf den 
besten Teil seines Heeres auf dem Schlachtfelde ließ. Da führte 
Wallenstein sein Heer ins Kurfürstentum Sachsen, Gustav Adolf eilte 
ihm nach und faßte ihn bei Lützen. Es war am 6. November 1632; 
Gustav Adolf selbst fiel, aber sein Heer trug den Sieg davon. Die 
Stelle, wo er gefallen ist, bezeichnet jetzt ein Denkstein. 
3. Nach Gustav Adolfs Tode standen unserm Vaterlande noch 
große Drangsale bevor; denn der Krieg wütete noch sechzehn Jahre 
grausam und verheerend fort; die Schweden verwilderten, gleich den 
andern Truppen, und trieben es ärger als Tillys und Wallensteins 
Scharen. Endlich nahmen auch die mit den Schweden verbündeten 
Franzosen thätigen Anteil an dem Streite. So wurde aus dem 
Glaubenskriege ein Beutekrieg, dessen Kosten und Lasten der deutsche 
Bürger und Bauer zu tragen hatte. 
4. Das bayerische Heer belagerte unter Führung des Herzogs 
Maximilian zunächst noch die freie Reichsstadt Regensburg. Nach 
Gustav Adolfs Tod übernahm Prinz Bernhard von Weimar die 
Führung des schwedischen Heeres; dieser schloß mit den Franzosen, den 
fränkischen, schwäbischen, ober= und niederrheinischen Kreisen zu Heil- 
bronn ein Bündnis und gewann damit eine Obergewalt über das 
##iserliche Heer; er rückte nun nach Regensburg und eroberte die Stadt. 
Der Kaiser sandte dem Herzog zwar Wallenstein zu Hilfe, aber dieser 
kam nur bis zur Oberpfalz und zog dann wieder nach Böhmen zurück, 
wo er im folgenden Jahre zu Eger von seinen eigenen Leuten ermordet 
wurde. Nun übernahm des Kaisers Sohn den Oberbefehl über das 
katholische Heer und rückte abermals vor Regensburg. Die Stadt 
wurde erobert und kam wieder in den Besitz der Katholiken. Von 
Regensburg rückte das kaiserliche Heer die Donau hinauf, eroberte, 
Nördlingen und ging dann nach Württemberg, Pfalz, Hessen und bis 
ins Elsaß vor. Durch die Schlacht bei Nördlingen waren die Kaiser- 
lichen Sieger in Süddentschland geworden. Die Schweden zogen sich 
nach Norddeutschland zurück und die Franzosen hielten sich in der 
Rheingegend auf, wo der bayerische General Johann von Wert mit 
wechselndem Glücke gegen sie kämpfte. Gegen das Ende des Krieges
        <pb n="83" />
        VI. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges. 71 
kamen die Franzosen noch einmal bis in das Ries und schlugen die 
Kaiserlichen und Bayern in einer großen Schlacht bei Allerheim; auch 
die Schweden drangen von neuem in Böhmen ein da gab Östreich 
nach, und der Friede kam zustande. 
71. Bie herrenlosen Söldnerscharen. 
1. Sobald ein Hauptmann seine Söldner entließ, wurden diese zur 
gefürchteten Landplage. Haufenweise oder einzeln zogen sie bettelnd und 
stehlend durchs Land und übten großen Drang und Beschwerung. 
Wollten die Lente nicht freiwillig geben, so setzten ihnen die Söldner 
das Gewehr auf die Brust und drohten, sie niederzuschießen. Dank 
hatten sie wenig übrig, ja sie nahmen mit der einen Hand die Gabe 
und teilten mit der andern Maulschellen aus. 
2. Zum furchtbaren Schrecken wurden diese Banden, wenn sie 
scharenweise in eine Gegend kamen. Am schlimmsten trieben es nach 
Gustav Adolfs Tod die Schweden, von denen das Volk sagte: 
„Die Schweden sind kommen, haben alles mitgenommen, 
haben die Fenster eingeschlagen und 's Blei davongetragen, 
haben Kugeln dtaus gegossen und den Bauer erschoffen“ 
Die Bauern vergruben darum ihre Schätze in die Erde, flüchteten 
in die Städte, Wälder und unzugängliche Sümpfe, thaten sich in 
Rotten zusammen, um selbst zu rauben oder den Kampf zu wagen, 
wenn sie in der Mehrzahl waren. Die meisten von ihnen starben und 
verdarben jedoch während des Krieges und konnten ihre Schätze nicht 
wieder heben. Heute noch wird dann und wann manches von dem 
damals vergrabenen Gelde gefunden. Thhörichte Menschen wissen dann 
allerlei Erzählungen von Schatzgräberei, Zauberei u. s. w. mit solchen 
Funden zu verbinden. " » 
—»—---—-i—- 
72. Der mestfälische Friede. 
I.1. Nach langen Verhandlungen zu Osnabrück und Münster mit 
Schweden und Franzosen war es endlich gelungen, dem Kriege ein 
Ende zu machen. Als der Ruf: „Friede'“ durch die deutschen Lande 
ertönte, zuckte eine schmerzliche Freude durch die Gemüter, und mancher 
sang mit dem frommen Paul Gerhard: 
„Gottlob, nun ist erschollen 
das edle Fried= und Freudenwort, 
daß nunmehr ruhen sollen « 
. die Spiel, und Schwerter und ihr Mord."; 
Dem alten Landmann- kam der Friede vor wie die Rückkehr der 
Kinderzeit, da man noch föhliche Tage unter der Dorflinde gefeiert. 
Das junge Geschlecht, in den Kriegsjahren geboren und aufgewachsen,
        <pb n="84" />
        NN,.— 
  
72 VI. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges. 
vernahm es wie ein Märchen, daß jetzt eine Zeit nahr, in welcher die 
Saat zur Ernte reifen würde, und in welcher die Menschen nicht mehr 
nötig hätten, sich in halbverfallenen Schlupfwinkeln zu verstecken. 
2. Die Friedensbedingungen waren hart. Die schönften Grenz- 
länder wurden von Deutschland abgerissen; Frankreich erhielt Teile 
des Elsaß; Schweden verlangte fünf Millionen Thaler Kriegskosten. 
Vorpommern und die Bistümer Bremen und Verden, so daß eine 
fremde Macht die Mündungen der Oder, Elbe und Weser besetzt hielt. 
Die Reichsstände, katholische und evangelische, sollten ihre alten Rechte 
und Freiheiten behalten, ja es wurde jedem unter ihnen erlaubt, 
Festungen zu bauen, Soldaten zu werben, Kriege zu führen und 
Bündnisse zu schließen, mit wem er wolle, nur nicht gegen Kaiser und 
Reich. Damit waren die deutschen Reichsstände, etwa 360 an Zahl, 
völlig selbständige Fürsten geworden. Die Kaisermacht war jetzt voll- 
ständig gebrochen und nicht viel mehr als der Titel davon übrig geblieben. 
3. Achtzehn Millionen Einwohner, blühende. reiche Städte und 
wohlhabende Dörfer hatte Deutschland beim Beginne des Krieges ge- 
habt, jetzt hatte es nur noch acht Millionen, und das Land glich einer 
Wüste. Zehn Meilen konnte man wandern, ohne einen Menschen, ein 
Vieh oder gar einen Sperling zu sehen. In den Dörfern, die noch 
erhalten waren, lagen die Häuser voll Leichen, weil niemand dagewesen, 
der sie begraben, beklagt und beweint hatte. — Das war die Frucht 
des Unfriedens. 
73. Aberglaube und Herenprozesse. 
1. Während der langen Kriegszeit war eine allgemeine Ver- 
wilderung und Entsittlichung eingerissen. Schulen und Kirchen standen 
leer, und der Aberglaube nahm mehr denn je überhand. Viele 
glaubten, man könne sich hieb-, stich, und schußfest machen und Frei- 
tugeln gießen, die jedes Ziel sicher träfen. Die Soldaten kanften von 
fahrenden Leuten Schutzbriefe, um vor Verwundungen sicher zu sein; 
sie wandten geheime Mittel an, um vergrabene Schätze zu finden, und 
schlossen Bündnisse mit dem Teufel, um Reichtum zu erlangen. 
2. Zu den schlimmsten Verirrungen jener Tage gehörte der Glaube 
an Heren. Nach der Meinung des Volkes konnten diese durch des 
Teufels Kraft schlechtes Wetter machen, Mißwachs herbeiführen, fremden 
Kühen die Milch entziehen, durch bösen Blick Menschen und Vieh 
töten u. a. m. Auch glaubte man, sie ritten in der Walpurgisnacht 
auf Ofengabeln. Besenstielen, Katzen und Ziegenböcken durch die Luft 
zum Herensabbat nach dem Brocken oder einem andern Berge, um-- 
dort mit dem Teufel zu tanzen und andern Götzendienst zu treiben- 
Jeder wollte sich dann vor ihrer Einkehr schützen, indem er drei Kreuze 
an die Thüre seiner Wohnung machte. * 
3. Der Herenglaube ergriff auch die Fürsten und Richter des 
Volkes. Sie wandten entsetzliche Mittel an, um die Heren auszu- 
rotten. Kein Alter kein Geschlecht, kein Stand schützte vor Ver-
        <pb n="85" />
        VI. Die Zeit des dreistigjährigen Krieges. 73 
folgung; Ratsherren und Gelehrte, Kinder und Greise endeten auf 
dem Scheiterhaufen; am meisten wurde jedoch gegen die Frauen ge- 
wütet. Wer es wagte, vor Gericht eine Here zu verteidigen, galt als 
Schutzherr der Here und wurde selbst der Zauberei angeklagt. Be- 
kannte sich die Angeklagte nicht als Here oder Teufelsbraut, so wurde 
die Folter angewandt; danach kam der Henker und verbrannte die 
Here auf dem Scheiterhaufen unter großem Zulauf des Volkes. Viele 
Unschuldige haben auf diese Weise auf der Folterbank oder in den 
Flammen ihren Tod gefunden. 
74. Kurfürst Marimilian I. von Bayern. 
1623. 
1. Vor dem großen Kriege regierte Herzog Wilhelm der Fromme 
in Bayern. Er fand seine schönste Aufgabe darin, die Kunst und 
die Künstler zu unterstützen, Schulen, Gymnasien und Kirchen zu 
erbauen, den Armen und Kranken zu dienen, sie zu speisen und 
ihre Not zu lindern. Dabei geriet aber das Herzogtum in große 
Schuldeulast, obgleich der Herzog selbst höchst einfach lebte. Um dem 
abzuhelfen, legte Wilhelm 1597 die Regierung nieder und übertrug 
das Herzogtum seinem edlen und thatkräftigen Sohne Marimilian 1. 
Von der Natur mit großen Geistesgaben ausgestattet, hatte dieser sich 
durch eifriges Studium an der Ingolstädter Universität und durch viele 
Reisen im Auslande einen großen Schatz von Kenntnissen und Er- 
fahrungen exworben, so daß man zuversichtlich hoffte, er werde das 
zerrüttete Staatswesen wieder in die rechte Ordnung bringen. 
2.0 Mit Eifer ging Maximilian an die Ausführung seiner Pläne. 
Drei Aufgaben hatte er sich gestellt: Schuldentilgung, Hebung der Rechts- 
pflege und Verbesserung des Heerwesens. Um die Schulden des Landes 
i mindern, führte er die größte Sparfamkeit sowohl in seinem Hof- 
halte als auch im Staate ein. Neben den Einsparungen war sein 
Augenmerk auf die Erzielung neuer Einnahmequellen gerichtet. Er 
führte nicht nur das Salzmonopol ein, sondern erhöhte auch die Pro- 
duktion des Salzes, indem er durch seinen Baumeister Simon Reifen- 
stuhl eine Solenleitung von Reichenhall nach Traunstein bauen ließ; 
denn in Reicheuhall konnte nicht alle Sole versotten werden. Auch 
den Handel mit Weißbier machte er zu einem staatlichen Monopole. — 
Im Fahre 1616 erließ er für sein Land ein neues G efetzbuch, das 
den Titel führte: „Landrecht, Polizei= Gerichts- Malefiz= und andere 
Ordnungen Dieses Gesetz regelte das Gerichtswesen neu, verbot alle 
barbarischen Todesarten und milderte die Tortur. 150 Jahre blieb 
dieses treffliche Gesetzeswerk im Gebrauch. — Um eine genügende Zahl 
Soldaten zu erhalten, erließ Marimilian ein Konstriptionegesetz. 
Dasselbe verpflichtete den 3., 5., 10. und 30. Mann zum Wasffendienste. 
Die Landwehr wurde eingerchtet, und die Bürger mußten sich auf 
den Schießstätten. im Gebrauche der Waffen üben. Er führte gleich-
        <pb n="86" />
        74 II. Die Zeit des dreißigjährigen Krieges. 
  
  
–. 
mäßige Bekleidung und Ausrüstung beim Heere durch und war be- 
strebt, durch Anordnung einer Nationaltracht die Uniformierung der 
Landwehr zu erleichtern. Eine tüchtige Hilfe hatte Marimilian an 
seinem Feldherrn Johann Werner Tzerklas von Tilly, dem berühm- 
testen Heerführer jener Zeit Das Heer wurde in Infanterie, Kavallerie 
und Artillerie eingeteilt. Ein Infanterieregiment zählte 3000 Mann 
und zerfiel in 10 Kompaguien. Ein Regiment Kavallerie bestand aus 
1000. Mann, die in 10 Schwadronen abgeteilt waren. Bei den Reitern 
unterschied man schwere (Kürassiere) und lteichte Kavallerie. Die 
Artillerie erhielt neue Geschütze, die schwerere Kugeln weiter hinwerfen 
konnten. Ingolstadt wurde zu einer uneinnehmbaren Landesfestung 
umgebaut; auch München erhielt bessere Befestigungen. So wurde 
Bayern die erste Kriegsmacht in Deutschland, und als der dreißig- 
jährige Krieg hereinbrach, konnte Maximilian dem Kaiser über 
40 000 Mann zu Hilfe senden. 
3. Während des ganzen unheilvollen Krieges stand Marimilian 
treu zum Katholizismus und zum Hause Habsburg. Er war der 
mächtigste und angesehenste Fürst der Liga. Seine Truppen erfochten 
unter Tilly und Johann von Wert viele Siege. Der Kaiser be- 
lohnte den Herzog für seine treuen Dienste, indem er ihm im Jahre 1623 
die Kurfürstenwürde und das Amt des Erztruchsesses übertrug. Diese 
Verleihung wurde im westfälischen Frieden bestätigt. 
4. Marximilian war der einzige deutsche Fürst, der den ganzen 
dreißigjährigen Krieg mit durchmachte und überlebte. Trotz des Krieges 
fand er noch Zeit, Gelegenheit und Opfer zu Werken des Friedens. 
Er erbaute sich in München eine Residenz, verbesserte den Hofgarten, 
setzte dem Kaiser Ludwig dem Bayern ein Denkmal, unterstützte Dichter, 
Künstler und Gelehrte. Nach dem Friedensschlusse lebte er noch drei 
Jahre, während welcher Zeit er aufs eifrigste bemüht war, die Schäden 
des Krieges zu heilen und das Elend zu lindern. In Ingoflstadt, 
seinem Lieblingsaufenthalte, beschloß er sein Leben.
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        VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 
„Gott schützt edle Fürstenhäuser“. 
75. Ver grosie Kurfürst von Brandenburg. 
1640 1688. 
1. Im Jahre 1640 wurde Friedrich Wilhelm, genannt der große 
Kurfürst, Herr in Brandenburg. Dies Land war durch den dreißig- 
jährigen Krieg entvölkert, verwüstet und gänzlich verarmt. Allein der 
junge Fürst verzagte nicht. Zunächst schloß er mit den Schweden 
einen vorläufigen Friedensvertrag und stellte in seinem Lande wieder 
Ordnung her. Er zog aus der Schweiz und den Niederlanden tüchtige 
Bauern ins Land und nahm die gewerbfleißigen Hugenotten, die um 
ihres evangelischen Glaubens willen aus Frankreich vertrieben waren, 
mit Bereitwilligkeit auf. Um den Handel zu heben, baute er den 
Friedrich Wilhelms-Kanal und schuf eine kleine Flotte, die bis nach 
Afrika segelte und dort Land erwarb. Mit Recht sagte daher sein be- 
rühmter Enkel, Friedrich der Große, von ihm: „Der hat viel gethan“. 
Im Verein mit seiner Gemahlin Henriette ließ er nach holländischem 
Vorbilde eine Musterlandwirtschaft einrichten. Unter ihm wurden 
auch die ersten Kartoffeln gepflanzt und Viehzucht nach Art der 
Holländer getrieben. » , 
2. Auf das Heer verwandte Friedrich Wilhelm große Sorgfalt. 
Er führte das stehende Heer in seinem Lande ein. Seine Armee zählte 
bald 30000 Mann. Die Soldaten wurden nach Truppenteilen uni- 
formiert. Das Heer setzte sich zusammen aus Freiwilligen und An- 
geworbenen. Die Werber gebrauchten oft List und Gewalt. Ein 
Soldat erhielt 20 bis 30 Thaler Handgeld. Die Mannszucht war 
sehr streng. Doch konnte ein Soldat, wenn er sich gut führte, bis 
zu den höchsten Ehrenstellen kommen. So war der General Derfflinger 
in seiner Jugend ein Schneidergeselle. 
3. Für das stehende Heer, die Verwaltung und andere Bedürf- 
nisse des Landes brauchte der große Kurfürst viel Geld. Er legte 
deshalb eine Abgabe auf alle Gebrauchsartikel des täglichen Lebens, 
auf Mehl, Fleisch, Kaffee, Thee, Tabak, Bier, Branntwein u. s. w. 
Weil sie nicht direkt an die Stenerbeamten, sondern indirekt durch
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        76 VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 
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den Kaufmann entrichtet werden, neunt man sie indirekte Steueru. 
Der indirekten Steuer folgte in manchen Staaten bald die erste direkte 
und regelmäßige Landessteuer. Der Landesherr belegte jeden Kopf 
der Familie mit einer Abgabe, die alljährlich zu erheben war. Das 
war das Kopfgeld; danach mußten Reiche und Arme ohne Rücksicht 
auf ihr Vermögen gleich viel bezahlen. Für die Armen war diese 
Steuer hart und gab zu vielen Klagen Anlaß; deshalb wurde das 
Kopfgeld nach und nach so umgeändert, daß sich eine richtige Ver- 
mögenssteuer daraus entwickelte. 
4. Bald nach dem dreißigjährigen Kriege kam in Frankreich ein 
König zur Regierung, der alle Länder links des Rheins beherrschen 
wollte. Viele Orte der Rheingegend sind damals französisch geworden. 
Von allen deutschen Fürsten fühlte der große Kurfürst diese Schmach 
für Deutschland am schmerzlichsten; er zog deshalb an den Rhein, um 
gegen die Franzosen zu kämpfen; aber kaum war er dorthin gekommen. 
so hetzte der Franzosenkönig die Schweden in sein Land. Die Schweden 
richteten furchtbare Verwüstungen in Brandenburg an. Der Kurfürst 
rückte rasch mit 15 000 Mann heran. Am 18. Juni 1675 stießen 
die Brandenburger bei Fehrbellin auf die Hauptmacht der Schweden. 
Der Kurfürst stellte sich an die Spitze seines Heeres und besiegte 
die Schweden. Bald gelang es, dieselben völlig aus dem Lande zu 
vertreiben. 
76. Die Großgüter und der kleinbäuerliche# 
Besit. 
1. Viele Adelige hatten sich im Laufe der Zeit auf ihre Güter 
zurückgezogen. Manchen war das alte Meierwesen mit seiner Hufen- 
wirtschaft hinderlich: als nach dem drelßigjährigen Kriege das Land 
billiger geworden, suchten daher viele Gutsherren durch Abmeierung und 
Kauf die alte Erb= und Teilpacht zu beseitigen. So entstanden die 
großen Güter. Der Besitzer bewirtschaftete entweder das ganze Gut 
in einheitlicher Weise selbst, oder er gab es auf bestimmte Zeit in 
Generalpacht. Durch gute Bewirtschafeng suchten Eigentümer und 
Pächter den Ertrag des Gutes zu mehren. Diese Männer, die 
meistens eine gute Schulbildung hatten und sich noch durch be- 
sondere Studien auf ihren Beruf vorbereiteten, wußten die Natur- 
gesetze, die die Gelehrten entdeckt, viel besser auf den Ackerbau und 
die Viehzucht anzuwenden, als dies die gewöhnlichen Bauern konnten, 
und brachten daher Ackerbau und Viehzucht zu neuer Blüte. Die 
Bauern sahen die Vorteile einer guten Wirtschaft vor Augen und 
ahmten dieselbe auf ihrem Hofe nach. So wurden die Großgüter die 
Ursache zur weitern Hebung des Ackerbaues und der Viehzucht in 
unserm Lande. ·
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        VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 77 
––.. — — 
  
——□I ——— — — 
2. Im allgemeinen war es von jeher bei den Bauern Sitte, daß 
bei der Erbschaft der Hof nicht geteilt wurde, sondern als Vollhof 
auf den älteften oder jüngsten Sohn überging. Wo es später doch 
geschehen ist, da ist die Klasse der Halb-, Viertel= und Achtelmeier ent- 
standen. Als durch die Zunahme der Städte und die Schrecken des 
Krieges sich die ländliche Bevölkerung immer mehr lichtete und durch 
ausgegangene Dörfer die Hufen vielfach gröster geworden waren, da 
wurde Neuhinzukommenden gerne auf der Gemeinheit eine Baustelle 
angewiesen und ihnen gestattet, sich von den Besitzern der ganzen 
oder halben Hufen ekwas Land zu kaufen und die Gemeinheit mit zu 
benutzen. Das sind die sogenannten Kötner oder Kossäten. Manche 
von diesen find mit der Zeit wohlhabender geworden als die alten 
Vollmeier. In neuester Zeit sind noch die Anbauer und Abbauer 
dazu gekommen, die meistens kein Land, sondern nur ein Haus mit 
Garten besitzen, wozu sie den Boden von einem Eigentümer oder der 
Gemeinde erhalten haben. Die Anbauer und Abbauer helfen die 
Zahl der ländlichen Arbeiter, die jetzt nur noch aus den Häuskingen 
und dem Gefinde besteht, vermehren. 
77. Die Haupt- und Landstädte. 
1. Den Landesfürsten blieb es vorbehalten, neues Leben in die 
durch den dreißigjährigen Krieg zerstörten Städte ihres Gebietes zu 
bringen. Die ständigen Wohnsitze der Fürsten wurden die Hauptstädte 
des Landes; sie zeichneten sich durch Schönheit und Reichtum aus. 
Adelige und alle, die dem Fürsten nahe sein wollten, bauten sich hier 
an. Die Straßen wurden gepflastert, regelmäßig gereinigt und bei 
Nacht erleuchtet, öffentliche Brunnen und Baumgärten wurden angelegt 
und die Häuser nicht mehr mit Stroh, sondern mit Ziegeln oder 
Schiefer gedeckt und inwendig mit feuerfesten Schornsteinen versehen. 
Andere Städte des Landes wollten es den Residenzen gleichthun, so 
daß auch dort größere Reinlichkeit und Schönheit Eingang fanden. 
Die Mauern und Türme, im Kriege meistenteils zerschossen, wurden 
abgetragen und die Wälle dem Erdboden gleich gemacht. — Städte 
hingegen, die vorwiegend auf Ackerbau angewiesen blieben, erholten 
sich nicht wieder, wurden schließlich den Dörfern gleich geachtet und 
gewöhnlich Land= und Ackerstädte genannt. 
2 Jeder Fürst richtete in der Residenz als höchstes Gericht seines 
Landes ein Hof= oder Oberappellationsgericht ein. Unter diese stellte 
er in den größern Städten Landes= oder Justizkanzleien und in den 
kleinern Städten und Flecken Amtsgerichte, damit die Gerichtsordnung 
einen einheitlichen Gang im Lande nehme. Zu diesem Zwecke ließen 
die Fürsten Gesetzessammlungen anlegen. Seit jener Zeit sind überall 
in Deutschland geschriedene Gesetze im Gebrauch.
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        78 VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 
  
78. Landstraßen und Landesposten. 
Aus den unregelmäßigen Botengängen und Frachtfuhren der 
frühern Zeit entwickelte sich ein regelmäßiger Verkehr, so daß die 
Landesherrn Verordnungen erließen, wonach derselbe geregelt wurde. 
Der Bote trug gewöhnlich ein Schild auf der Brust, das ihn als 
solchen kennzeichnete, und war mit einem Spieße gegen Räuber be- 
waffnet; ebenso waren die Fuhrleute gegen Uberfall gerüstet. So 
lange die Straßen noch in schlechtem Zustande waren oder ganz 
fehlten, war es, besonders in den nassen Jahreszeiten, ein schlechtes 
Ding um diesen Verkehr. Die Landesherren ahmten daher bald die 
Reichspost in ihren Landen nach und übernahmen für ihre Landes- 
posten den Brief-, Paket= und Personenverkehr. Der große Kurfürst 
von Brandenburg ließ alle vierzehn Tage eine Post von Berlin nach 
Dreoden fahren und richtete von der Memel bis zum Rheine einen 
regelmäßigen Postdienst ein. Je mehr Poften entstanden, desto mehr 
Landstraßen wurden auch gebaut und in gutem Stande gehalten. Die 
Landesherren legten auch Chaufseen an, die als Mufter für die andern 
dienen sollten. 
  
79. Kurfürst Mar Gmanuel von Bayern. 
1700. 
1. Gegen das Jahr 1700 waren die Türken wieder in Ungarn 
eingebrochen, bis Wien vorgedrungen, und hatten diese Stadt mit 
einem gewaltigen Heere belagert. Zwei Monate verteidigte der 
tapfere Rüdiger von Starhemberg mit einer kleinen Zahl getreuer 
Streiter die wenig befestigte Stadt. Da rückte in der höchsten Not 
das kaiserliche Heer heran; allen voran der bayrische Kurfürst Max 
Emanuel im Bunde mit dem edlen Polenkönig Johann Sobiesky. 
Die Türken wurden in die Flucht geschlagen und Wien befreit. Aber 
damit waren die Sieger nicht zufrieden, der Feind sollte ganz aus 
Östreich vertrieben werden. Hierbei leistete Mar Emannel dem Kalser 
wiederum die treuesten Dienste. Die Türken wurden in mehreren 
Schlachten besiegt und bis Belgrad zurückgedrängt. Bei der Er- 
stürmung dieser Festung kämpfte Mar Emanuel wie ein Löwe, er 
stand in der vordersten Reihe, drang in die erste Bresche und pflanzte 
mit eigener Hand die bayrische Fahne auf die Belgrader Burg. 
Viele Türken wurden damals gefangen, eine Menge Zelte, Roß- 
schweife und Kostbarkeiten erbeutet. Die Moslemins hatten deshalb 
eine solche Augst vor Mar Emanuel und seinen Bayern, daß sie ihn 
mit Schrecken „den blauen König" nannten. Auch in den spätern 
Türkenkriegen sandte Mar Emanuel den Östreichern Tausende von 
Hilfstruppen, und in der großen Schlacht, die Prinz Eugen über die 
Türken erfocht, kämpften die bayrischen Regimenter am tapfersten.
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        VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 79 
  
–. — 
– 
2. Zu den grimmigsten Feinden Deutschlauds zählte damals auch 
der französische König Ludwig XIV., dessen Ländergier keine Grenzen 
kannte. Mitten im Frieden überfiel er Straßburg und machte das 
Elsaß französisch. Deutschland war zu ohnmächtig, um es ihm zu 
wehren. Dann wollte Ludwig die schöne Rheinpfalz zu einer Wüste 
machen. „Die Pfalz muß niedergebraunt werden,“ so hatte sein 
Minister frevemlich gesprochen, und der General Melac machte mit 
seiner Mordbrennerbande dieses Wort wahr. Was die Pfalz damals 
erduldete, läßt sich nicht beschreiben. Dörfer und Städte wurden ver- 
brannt, die Bewohner aus der Heimat verjagt und Tausende ermordet. 
Sogar die Gräber der deutschen Kaiser im Dome zu Speier wurden 
geschändet. Mar Emanuel zog als Befehlshaber des Reichsheeres gegen 
die Franzosen und verrichtete auch hier tapfere Thaten. 
3. Mar Emanuel hoffte, durch Verheiratung mit der Tochter des 
Kaisers Leopold, König von Spanien zu werden. Nun brach um dieses 
Land ein heftiger Krieg zwischen Ostreich und Frankreich aus, in dem 
sich Bayern auf Frankreichs Seite stellte. Doch das Kriegsglück war 
den Östreichern hold; sie erfochten unter Prinz Eugen in Stalien, 
Deutschland und den Niederlanden glänzende Siege. Mar Emannel 
mußte sich schleunigst aus Tirol zurückziehen, denn die Tiroler Bauern 
erhoben sich in Massen. Fast wäre der Kurfürst einem Mord- 
anschlage zum Opfer gefallen; aber der edle Graf von Arco opferte 
sich für seinen Herrn. Fünf feindliche Heere drohten in Bayern ein- 
zufallen. Nur eine schuelle That konnte retten. Rasch entschlossen, 
warf sich Marx Emanuel auf das östreichische Heer, das an der Donan 
stand, und es blieb ihm nochmals sein altes Kriegsglück treu. Doch 
im folgenden Jahre wurden die Bayern und Franzosen trotz ihrer 
Tapferkeit bei Höchstädt und Blindheim geschlagen. Der Kurfürst 
mußte ftüchten. Bayern wurde vom Feinde überschwemmt und furcht- 
bar verwüstet. Unaufhörliche Einquartierungen und hohe Kriegs- 
steuern machten das Land arm. Alle Festungen wurden von den 
OÖstreichern besetzt, neue Beamten aufgesteltt und das Kurfürsten- 
tum wie eine öftreichische Provinz behandelt. Der in München 
zurückgebliebenen Kurfürstin Maria Therefia ließ man nur das Rent- 
amt München. Doch das bayrische Volk fiel nicht von seinem 
Kurfürsten ab. Die unaufhörlichen Bedrückungen veranlaßten einen 
großen Aufstand. „Lieber bayrisch sterben, als östreichisch ver- 
derben!“ erscholl es durchs Land, und bald war ein Heer von 20000 
Mann, meistens Bauern, beisammen, deren Anführer Meindl und 
Pliganser waren. Aber wenn auch die begeisterten Bauern in einigen 
Gefechten Vorteile errangen, so konnten sie doch auf die Dauer den 
gut bewaffneten Kaiserlichen nicht widerstehen; trotz ihrer Tapferkeit 
wurden sie bis nach Sendling zurückgedrängt. Auf dem dortigen 
Friedhofe entspann sich ein letztes mörderisches Ringen, in dem alle 
Landesverteidiger fielen. Nun hausten die Sieger fürchterlich. Das 
Land war wehrlos. Der Kurfürst kam in die Reichsacht. Noch 
9 Jahre lastete der Druck der Fremdherrschaft auf Bayern. Endlich
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        80. 
— . 
VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 
im Jahre 1714, wurde Frieden geschlossen, und Max Emanuel ethielt 
sein Land zurück. Nach langer Trennung sah sich die kurfürstliche 
Familic wieder, und unter großem Jubel des Volkes zog der an- 
gestammte NFürst in München ein. · 
4. Zum Danke für die Errettung aus Feindeshand errichtete die 
Kurfürstin ein Frauenkloster in München und der Kurfürst ein Kapuziner= 
kloster in Nymphenburg. Mar Emanuel war nun eifrig darauf be- 
dacht, die Schuldenlast, welche 30 Millionen Gulden betrug, abzu- 
tragen und die Wohlfahrt des Landes zu fördern. Noch auf dem Tod- 
bette beschwor er seinen Sohn und Nachfolger, ein guter Fürst zu 
werden. 
80. Preuhen wird Königreich. 
1701. 
1. Friedrich, der Sohn des großen Kurfürsten von Brandenburg, 
wollte gern den Königstitel führen. Das konnte aber ohne die 
Zustimmung des Kaisers nicht geschehen. Der Kaiser willigte ein, 
daß Friedrich König in Preußen werde und versprach auch, er wolle 
Friedrich selbst als König ehren und bewirken, daß andere Mächte 
dasselbe thäten. Sobald der Kronvertrag abgeschlossen war, wurden 
Anstalten getroffen, die Krönungzsfeierlichkeiten in Königsberg mit 
aller Pracht zu begehen. Diese fanden statt am 1&amp;. Jannar 1701. 
Die Kurfürsten von Brandenburg führten fortan auch den Titel König 
in Preußen. Bald wurde aber ihr ganzes Land Preußen genannt, und 
die schwarz-weiße preußische Fahne galt von der Zeit ab als Wahrzeichen 
des ganzen brandenburgisch-preußischen Staates. · 
shÆuingiedrithMilhelmhwant-ensva 
1713-——1740. 
1. Friedrich I. hat dem preußischen Staate den Namen gegeben: 
sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm I. hat die Macht und 
das Anfehen hinzugefügt. Das stehende Heer hat er während seiner 
Regierungszeit verdoppelt und die Staatseinkünfte fast verdreifacht. 
Die Soldaten nannte er seine blauen Jungen; die größten hatte er 
am liebsten und nannte sie die langen Kerle. Ins Potsdamer 
Grenadierregiment wurden die allergrößten aufgenommen; es sollte 
ein Musterregiment für alle andern sein. Die Beamten überwachte 
er selbst und ließ sie durch Vorgesetzte bewachen, so daß keiner vor 
dem Könige und den Vorgesetzten sicher war. Die Geburtsvorrechte 
des Adels erkannte er nicht an; denn er meinte: „Dies ist Thorheit: 
ich bleibe doch, was ich bin“. Für das niedere Volk sorgte er wie 
ein Vater. Die ausgedienten Soldaten wurden als Beamte angestellt.
        <pb n="93" />
        VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 81 
  
2. Jedem Beamten war seine Pflicht aufs schärfste vorgeschrieben, 
und wer fie verletzte oder einem Unterthanen Unrecht that, der wurde 
ohne Gnade abgesetzt. Friedrich Wilhelm I. war ein Muster von 
Einfachheit und Mäßigkeit und seinem Volke ein Vorbild der Frömmig- 
keit. Seine Regierung hat dem Lande viel Segen gebracht und ist 
auch andern Fürsten zum Vorbilde geworden. Die strenge Zucht und 
Zuverlässigkeit der preußischen Beamten steht seit Friedrich Wilhelms I. 
Zeit überall in hohem Ansehen. 
82. Die Aufänge der weltlichen Volksschule. 
1. Seit gedruckte Bücher, Schriften und Zeitungen, aus denen 
allerlei Rützliches und Neues bequem und billig zu erfahren war, unter 
das Volk kamen, mehrte sich auch die Zahl derer, die gedruckte Schrift 
zu lefen wünschten. Daneben machte sich das Bedürfnis geltend, ge- 
schriebene Schrift zu verstehen; denn jeder, der in der Ferne Ver—- 
wandte und Bekannte hatte, mochte gern Briefe lesen und auch welche 
schreiben können. Nicht minder wuchs das Verlangen, rechnen zu 
können, seitdem bei Handelsgeschäften das bare Geld eine größere 
Rolle spielte. Die Kirchdörfer suchten deshalb Küster zu bekommen, 
die dieser Künste mächtig waren; abgedankte Unteroffiziere, verdorbene 
Studenten und zurückgekommene Handwerker, die etwas lesen, schreiben 
und rechnen konnten, wurden gerne dazu genommen: denn viel kosten 
sollte diese Sache nicht. Nach Handwerks Weise wurden diese Lehrer 
als Meister bezeichnet. — In den Dörfern, die keine Kirche hatten, 
wurde die Schule zu Ostern geschlossen. Nach Michaelis konnte der 
Unterricht wieder beginnen; aber genau wurde es damit nicht ge- 
nommen. " 
2. Das Schulhaus war meistens eine elende Hütte. Manche 
Dörfer besaßen gar kein Schulhaus; da mußte der Unterricht ab- 
wechselnd auf den Bauernhöfen erteilt werden. Noch ordnete kein 
Gesetz den Schulbesuch; jeder Schüler konnte nach Belieben kommen 
oder fortbleiben. War der Meister durch andere Arbeit verhindert, 
so setzte er den Unterricht ohne weiteres aus oder ließ seine Frau 
unterrichten. In der Schule wurde gedankenlos auswendig gelernt 
und nachgemacht, was der Lehrer vorgemacht hatte. Harte, oft rausame 
Strafen waren etwas Alltägliches und Selbstverständliches bem die 
Leute meinten, ohne Schläge sei kein Lernen möglich. 
3. In Bayern erschien im Jahre 1548 die erste Schulordnung; 
nicht nur in den Städten und Märkten, sondern auch auf dem Lande 
beftanden allenthalben Volksschulen. Der Lehrer war oft auch Meßner. 
In Preußen widmete Friedrich Wilhelm I. der Schule seine be- 
sondere Fürsorge. Er verordnete: „Wo Schulen sind, sollen die 
Eltern künftig bei nachdrücklicher Strafe gehalten sein, ihre Kinder 
gegen zwei Dreier wöchentliches Schulgeld im Winter täglich und im 
6
        <pb n="94" />
        82 VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 
  
Sommer wenigstens ein- oder zweimal die Woche in die Schule zu 
schicken. Falls die Eltern das Vermögen nicht haben, sollen die zwei 
Dreier aus der Ortskasse gezahlt werden. Die Schulgebäude werden 
von den Gemeinden errichtet und erhalten. Der König lieferte freies 
Bau= und Brennholz und machte eine Stiftung von 50000 Thalern 
zum Baue von Volksschulen; denn er sagte: „Wenn ich baue und 
verbessere das Land und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts“. 
Sein Nachfolger Friedrich der Große gab der Volksschule eine 
neue, zeitgemäße Ordnung. Die Schulpflicht sollte vom fünften bis 
um dreizehnten oder niessehnten Lebensjahre dauern. Im Sommer 
ollte nur dreimal wöchentlich, im Winter täglich von 8—11 und von 
1.—4 Uhr Schule gehalten werden; doch blieben die Nachmittage von 
Mittwoch und Sonnabend frei. Jedes Kind bezahlte Schulgeld: bis 
es zum Lesen kam 6 Pf., vachher 9 Pf., und wenn es schrieb und 
rechnete 11 Pf. Für die Armen sollten die Kirchen= und Armenkassen 
das Schulgeld und die Schulbücher bezahlen. 
83. König Frirdrich der Große von Preußen. 
1740 1786. 
1. Friedrich II., der nachmals der Große hieß, war der Sohn 
Friedrich Wilhelms I. von Preußen. Der Vater war bestrebt, aus 
seinem Sohne einen tüchtigen König zu machen und ließ ihn des- 
halb aufs strengste erziehen. Schon als kleiner Knabe mußte Friedrich 
die Uniform tragen, und in seinem zehnten Jahre, gleich einem ge- 
meinen Soldaten, mit Tasche und Flinte auf die Schloßwache ziehen. 
Der rege Geist des Kronprinzen fühlte sich aber mehr zur Musik 
und Dichtkunst hingezogen, Dingen, die der Vater gering schätzte. 
Der Vater ließ dechalb den Sohn streng überwachen und züch- 
tigte ihn einmal, als cr längst kein Knabe mehr war, mit dem 
Krückstocke. Da faßte Friedrich den Entschluß, nach England zu 
fliehen. Aber die Sache ward verraten, Friedrich wurde verhaftet und 
in die Festung Küstrin gebracht. 1 
2. Durch den Tod seines Freundes Katte, der ihm zur Flucht 
verholfen und dafür mit dem Tode bestraft worden war, sowie durch den 
Zuspruch des Gefängnisgeistlichen wurde Friedrich tief ergriffen; er legte 
ein offenes Geständnis seiner Schuld ab und bat den Vater reumütig 
um Verzeihung. — Nun wurde Friedrich wieder in die Armee auf- 
enommen. Mit Eifer betrieb er die militärischen Ubungen, und sein 
Keriment war stets in musterhafter Ordnung. Wo es nur ging, 
suchte er seinem Vater Freude zu machen, so daß derselbe bei seinem 
Tode ausrief: „O mein Gott, ich sterbe zufrieden, da ich einen solch 
würdigen Sohn und Nachfolger habe“. 
3. Friedrich war achtundzwanzig Jahre alt, als er den Thron 
bestieg. Während seiner Regierung sah. prüfte, erwog und entschied
        <pb n="95" />
        VII. Die Zeit der Fürstemmacht. 88 
er alles selbst und überließ den Ministern nur die Ausführung seiner 
Befehle, Morgens um 4 Uhr stand er schon auf und ging an den 
Schreibtisch, auf welchem die in der Nacht angekommenen Breefe 
lagen; die wichtigern las er selbst; aus den übrigen mußten die 
Regierungsräte kurze Auszüge machen. Dann höne er die Berichte 
an, gab Befehle und trank Kaffee. Nach dem Frühstücke ging er, die 
Flöte blasend, ein bis zwei Stunden im Zimmer auf und ab. So- 
bald die Flöte weggelegt war, traten die Räte mit ihren Auszügen 
wieder ein, und nun bestimmte er, was geantwortet werden solle, 
schrieb auch wohl mit eigener Hand den Bescheid in kurzen Worten 
an den Rand. Abends von 6 Uhr an wurden von berühmten 
Künstlern Konzerte ausgeführt, bei denen der König zuweilen selbft 
mitwirkte. Dann folgte die Abendmahlzeit; dabei durfte es an munterer 
Unterhaltung nicht sehlen. War der König auf Reisen, so mußten 
die Landräte und Amtleute gewöhnlich neben seinem Wagen herreiten 
und ihm von ihren Kreisen und Ortschaften erzählen, damit auch die 
Zeit, welche er auf der Landstraße zubrachte, nicht unbenutzt bliebe. 
Keinem seiner Unterthanen verweigerte er das Gehör. „Die armen 
Leute,“ fagte er, „wissen, daß ich Landesvater bin, ich muß sie hören, 
denn dazu bin ich da."“ 
4. Als die Kaiserin Maria Therefia in Östreich zur Regierung 
kam, erbot sich Friedrich II., ihr gegen alle Feinde beizustehen, wenn 
sie ihm die Teile Schlesiens abtrete, welche ihm als Erbe zuständen. 
Maria Theresiga wies sowohl Friedrichs Anerbieten als auch seine An- 
sprüche zurück. Sofort rückte der König mit einem schlagfertigen 
Heere in Schlesien ein, und der Krieg begann (1740). Bei Monlit 
siegte er und behielt das schlesische Land. Nach zwei Jahren mußte 
er zum zweitenmale, und wieder elf Jahre später zum drittenmale um 
Schlesien kämpfen. 
5. Der letzte Kampf hat sieben Jahre gedauert, 1756—1763, 
und heißt deshalb der siebenjährige Krieg. Als nämlich Maria The- 
resia Ruhe vor ihren Feinden hatte, war ihr innigster Wunsch, das 
schöne Schlesien wiederzugewinnen. Da sie es nicht wagte, allein. 
gegen Friedrich aufzutreten, so schloß sie mit Frankreich, Rußland, 
Sachsen und Schweden Bündnisse. Friedrich erhielt durch England, 
Hannover, Braunschweig und Hessen Unterstützung. Friedrichs Feinde 
waren an Zahl doppelt so stark als er. Kaum hatte der König von 
dem Bündnisse seiner Feinde gehört, so rückte er in Sachsen ein, um 
anzugreifen. Gleich beim ersten Zusammentreffen schlug er die 
östreichische Armee bei Kowositz und nahm das ganze sächsische Heer 
bei Pirna gefangen. Während der sieben Kriegsjahre sind zwanzig 
rößere Schlachten und kleinere Gefechte geliefert worden, wovon 
Friedrich und seine Bundesgenossen dreizehn gewonnen haben. Maria 
Theresia erklärte sich im ure 1763 bercit, Frieden zu schließen. 
Schlesien blieb eine Provinz Preußens. Friedrich ging als der größte 
Held seiner Zeit aus dem siebenjährigen Kriege hervar. Er hatte sein 
Land gegen eine zwölffache Ubermacht verteidlgt und keinen Fuß breit 
6“
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        84 III. Die Zeit der Rrritenmacht. 
Landes verloren. Er hatte Preußens Selbständigkeit bewiesen und 
seinen Staat zu einer europaischen Großmacht emporgehoben. — Einige 
Jahre spa#ter wurde das Preußenland auf friedlichem Wege noch um 
die Provinzen Posen und Westpreußen vermehrt. 
6. Nach diesen Kriegen verwandte Friedrich seine ganze Kraft auf 
die Gesundung der inneren Zustände seines Landes; die vielen Feld- 
züge hatten demselben blutige Wunden geschlagen. Durch weise Spar- 
samkeit füllte er almählich die Stacrekassen. Er förderte Handel und 
Verkehr, erbaute Straßen und Kanäle, ließ die Wälder aufforsten, 
gab den verurmten Bauern Tferde und Getreide und sorgte für eine 
geordnete Rechispflege. Die Richter sollten ohne alle Parteilichkeit 
richten, die Gebühren wurden ermäßigt und die grausame Folter ab- 
geschofft. Ein bleibendes Denkmal neiner Fürsorge fürs Recht hat 
sich Friedrich in dem „Allgemeinen preußischen Landrecht“ gesetzt, d. i. 
ein Geietzbuch, das er gegen das Ende seiner Regierung bearbeiten 
ließ. Es war das erfte Gesetzbuch, welches in dentscher Sprache erschien, 
und diente vielen anderen Siaaten als Vorbisd. — Weil Friedrich 
ein solch außcrordentlicher würst war, erhielt er den Beinamen „der 
Große." Noch heute erzählr sich das Volk manche ernste und heitere 
Geschichte vom „allen Fritz“ 
– ———: – 
84. Die Anfänge der Bauernbefreinug. 
1. Trotz aller Verbesserungen und Befreiungen, die das deutsche 
Volk bisher erlangt hatte, stand der Bauer noch unter dem Drucke 
seiner Jutsherrschaft und fand selten Mittel und Wege, davon los- 
zukommen. Wollte der hörige Bauer frei werden, so mußte er sich 
loskaufen. Das thaten oft junge Leute, die zum Handwerke, zur 
Schiffahrt oder zu einem andern Gewerbe übergehen wollten. Gütige 
Herren schenkten zuweilen auch treuen Dienern oder deren Kindern. 
die Freiheit; doch waren solche Välle selten. 
2. Die preußischen Könige richteten ihre Sorge stets darauf, die 
Lage des Bauernstandes zu verbessern, und die Fürsten der übrigen 
deutschen Staaten folgten früher oder später diesem Beispiele. Friedrich 
Wilhelm I. untersagte den Beamten, sich von den Bauern fahren zu 
lassen und sie durch Stockschläge zu strafen. Jeder Ubertreter sollte 
das erste Mal sechs Wochen Festungsstrafe erhalten und zum andern- 
malr gehängt werden. Friedrich II. befahl, daß die zu den könig- 
lichen (zütern gehörenden Bauernhöfe den darauf wohnenden Leuten 
erb= und eigentümlich gehören sollten. Damit wurde die veibeigen- 
schaft auf den Krongütern für immer beseitigt und der Baner auf- 
gemuntert, seinen Hof ordentlich zu bewirtschaften. Friedrich I. 
achtete auch strenge auf eine menschenwürdige Behandlung der Bauern, 
indem er verfügte: „Wenn einem bewiesen werden kann, daß er einen 
Bauer mit dem Stocke geschlagen hat. so soll er ohne einige Gnade 
auf sechs Jahre zur Festung gebracht werden, wenn er auch der
        <pb n="97" />
        VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 85 
— — ——  — — — 
  
—— — 
beste Beamte und Bezahler wäre und seine Pacht im voraus bezahlt 
hätte". Leider war es dem Könige unmöglich, auch die Bauern der 
Ritter= und Klostergüter aus ihrer Dienstbarkeit zu befreien, aber er 
wollte, daß die Dienstbarteit überall erleichtert würde. Die Abgaben 
durften darum unter keinen Umständen erhöht werden, und der Bauer 
sollte nicht mehr die ganze Woche, sondern nur drei oder vier Tage 
am Hofe dienen. 
—— e 
85. Kurfürst Mar lIII. der Gute von Bayern. 
1745—1777F. 
1. Eben zu derselben Zeit als in Preußen der weltberühmte vor- 
treffliche König Friedrich der Große regierte, hatte in Bayern Max III., 
der Gute, den Kurfürstenthron inne. Selten war ein Fürst von solchem 
Eifer für das Wohl seines Landes erfüllt, wie Max III.; deshalb gab 
ihm auch sein dantbares Volk den ehrenden Beinamen „der Gute“ 
Er verminderte durch kluge Sparsamkeit die Staatsausgaben, zog über- 
flüssige Beamtenstellen ein und setzte das stehende Heer auf 6000 Mann 
herab. Die verwüsteten Felder wurden wiener wie vorher bebaut, dazu 
Hopfen, Tabak und die Kartoßel neu eingeführt. Von den vielen 
Fabriken, die damals angelegt wurden, blühte besonders die Porzellon- 
fabrik zu Nymphenburg. Für Handel und Verkehr legte Max schöne 
Straßen an. Durch seinen tüchtigen Kanzler, den Freiherrn von 
Kreitmayr, ließ er neue Gesetzbücher ausarbeiten. In den Jahren 1771 
und 1772 trat in Bayern eine furchtbare Hungersnot auf. Da sorgte 
Max wie ein Vater für die Notleidenden; er öffnete nicht nur alle 
Kornspeicher, sondern ließ auch Getreide aus Italien kommen und es 
unentgeltlich verteilen. 
2. Kurfürst Max wußte die Bildung des Volkes zu pflegen. 
Er erkannte, daß die Schulen einen hohen Wert haben. Deshalb 
förderte er das Schulwesen. Er gab dem Benediktinermönch Heinrich 
Braun den Auftrag, eine Schulordnung für die Volksschulen zu ver- 
fassen. Den Gymnasien wies Max III. aus dem Vermögen des auf- 
gehobenen Jesuitenordens große Summen zu. Um die geschichtlichen 
und naturwissenschaftlichen Studien in Blüte zu bringen, stiftete er 
die Akademie der Wissenschaften in München, der bald viele bedeutende 
Gelehrte angehörten. 
86. Die Pfalz wird wieder mit HLayern 
vereinigt. 
177x. 
Der vielgeliebte Max III., der Gute, war der letzte Sprosse jener 
Wittelobachischen Linie, die von Kaiser Ludwig dem Bayer abstammte. 
Um jeden Streit um die Erbfolge in Beyern unmöglich zu machen,
        <pb n="98" />
        86 VII. Die Zeit der Fürstenmacht. 
  
erneuerte Max einige Jahre vor seinem Tode mit der Pfälzischen Linie 
den 1329 geschlossenen Hausvertrag. Diesem Vertrage ward noch die 
Bestimmung beigefügt, daß München die Haupt= und Residenzstadt 
der vereinigten Wittelsbacher Erblande sein solle. In Erfüllung dieses 
Vertrages siedelte nun der bisher in Mannheim residierende Kurfürst 
von der Pfalz, Karl Theodor, 1778 nach München über. Die vereinigten 
Lande hatten den Titel „Kurpfalzbayern“ und zählten etwa 2 Millionen 
Einwohner. Karl Theodor fühlte sich aber in Altbayern nicht recht 
heimisch; er faßte den Plan, Niederbayern und die Oberpfalz an 
Ostreich abzutreten. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch an dem Wider- 
stande der erbberechtigten Linie Pfalz-Zweibrücken und des Königs 
Friedrich des Großen von Preußen.
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        VIII. Die Zeit der Fremdherrschaft. 
„Der Gott, der Eifen wachsen ließ, 
Der wollte keine Knechte.“ 
· 
87. Das Ende des alten Veutschen Reiches. 
1806. 
1. Im Jahre 1789 empörte sich das französische Volk gegen 
den König und seine Regierung. Alle alten Einrichtungen wurden 
dabei beseitigt: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sollten überall 
gelten. Man wollte keine Religion mehr haben; das Jahr erhielt 
eine neue Einteilung. Der König und seine Familie wurden gefangen 
genommen, und das Königtum wurde abgeschafft. Dieses Porgeben 
trieb die benachbarten deutschen Fürsten zu einem gemeinsamen Kriege 
egen Frankreich, aber die Zwietracht lähmte ihr Vorgehen; die 
Eenzofen drangen bis an den Rhein und bedrohten die deutschen 
Försten in ihren eigenen Ländern. 
2. Während dieser Kriege hatten die Franzosen einen Kaiser 
bekommen, der den Krieg als Handwerk trieb und dieses Handwerk 
wie ein Meister verstand Das war Napoleon I. Die Zersplitterung 
Deutschlands und die Uneinigkeit der deutschen Fürsten wußte er 
trefflich zu benutzen und sich einen nach dem andern dienstbar zu 
machen. Die vielen freien Städte, Erzbischöfe, Bischöfe und Abte, 
Grafen und Barone Deutschlands wurden im Jahre 1803 ihrer 
Selbstherrlichkeit entkleidet und dem Landesfürsten wieder unterstellt. 
Bayern, Württemberg und Sachsen sind in jener Zeit Königreiche, 
Baden und Hessen Großherzogtümer und Hessen-Kassel ist ein Kur- 
fürstentum geworden. Die Fürsten am Rheine mußten sich zuerst 
unter Napoleons Willen beugen; ihre Länder wurden zu einem Bunde 
vereinigt, der Rheinbund hieß. Napoleon nannte sich Beschützer des- 
selben. Die neue franzöfische Zeiteinteilung und französische Ver- 
waltung wurden auch in den Ländern des Rheinbunds eingeführt. 
3. Der Name eines deutschen Kaisers war jetzt vollständig be- 
deutungslos geworden. Der damalige Kaiser Franz II. legte daher
        <pb n="100" />
        58 VIII. Die Zeit der Fremdherrschaft. 
  
die deutsche Kaiserkrone freiwillig nieder und entband die Kurfürsten, 
Fürsten, Stände und Beamten von allen Verpflichrungen, die sie 
gegen das Reich hatten. Das geschah im Jahre 1806. Von jetzt 
ab gab es kein Deutiches Reich mehr, und jeder deutsche Fürst war 
völlig unabhängig und selbftändig in seinem Staate. 
4. Durch die Auflösung des Deutschen Reicheo war es Napoleon 
noch leichter gemacht, nach Willkür in unserm Vaterlande zu herrschen. 
Französische Generale erhielten deutsche Krongüter als Geschenke, und 
die Steuerlast des Volkes wurde so erhöht, daß sie kaum noch zu er- 
tragen war Wie Napoleon, so verfuhren auch seine Soldaten in den 
besetzten Ländern nach Willkür. Mit Thränen in den Augen erzählten 
alte Leute noch nach Jahrzehnten, was sie damals für Schmach haben 
erdulden müssen. 
88. Layern wird ein Königreich. 
1806. 
Nach dem Tode des kinderlosen Kurfürsten Karl Theodor (1799) 
kam die Linie Pfalz-Zweibrüucken zur Regierung in Bayern. Dieselbe 
blüyt jetzt noch. Max Joseph, der erste dieser Linie, war ein Regent, 
dem das Wohl seines Landes sehr am Herzen lag. Um die Selbst- 
ständigkeit seines Landes zu retten, kämpften seine Tapfern in den 
vielen Kriegen zwischen Frankreich und Östreich meist auf Seite 
Napoleons. In den verschiedenen Frledensschlüssen erhielt Bayern 
einen ansehnlichen Länderzuwachs; es bekam mehrere Bistümer, Abteien, 
Reichsstädte und Reichsdörfer, z. B. Lindau, Angsburg, Regensburg. 
Würzburg, Bamberg, Schweinfurt u. v. a. Als Lohn für die Dienste 
welche Bayern Napoleon leistete, erhob dieser Bayern zu einem König- 
reiche. Am 1. Januar 1806 wurde Maximilian Joseph als erster 
König im Lande ausgerufen. Bayern trat dem Nheinbunde bei und 
verpflichtete sich, Napoleon mit einem Heere von 30000 Mann zu 
unterstützen. Unser Land ward nach französischem Muster eingeteilt 
und regiert. 
—— ——— — — 
89. König Friedrich Wilhelm III. 
von Preußen. 
1. Friedrich der Große war ohne Kinder gestorben: seines 
Bruders Sohn, Friedrich Wilhelm II., wurde nach ihm König; er 
regierte nur kurze Zeit und hinterließ seinem Sohne, Friedrich 
Wishelm III., die Krone. Dieser war mit Luise, der Tochter eines 
Prinzen von Mecklenburg-Strelitz, verheiraret. Am liebsten weilten 
beide in dem Dorfe Paretz bei Potsdam. Hatten die Bauern da ein 
Fest, so nahm auch das Königspaar daran teil. Waren Buden aufge- 
schlagen, und die Königin ging umher, für die Kinder Geschenke zu
        <pb n="101" />
        VIII. Die Zeit der Fremdherrichaft. 89 
  
kaufen, so lief stets ein ganzer Schwarm hinter ihr her und rief: 
„Mir auch was, mir auch was, Frau Königin!“ Friedrich Wilhelm 
und Luise hatten auch eigene Kinder; die beiden ältesten hießen 
Friedrich und Wilhelm. Friedrich wurde nach seines Vaters Tode unter 
dem Namen Friedrich Wilhelm IV. König von Preußen, während 
Wilhelm der erste Kaiser im wieder geeinten Deutschland ward. 
2. Im Jahre 1806 fing Napoleon auch Krieg mit Preußen an. Die 
Preußen hcttten noch die herrlichen Waffenthaten Friedrichs des Großen 
im Gedächtnisse und zogen deshalb mit frohem Mute in den Kampf, 
aber sie wurden bei Jena und Auerstädt geschlagen, mußten fliehen 
und verloren fast alle Festungen; denn Napxoleon hatte eine neue 
Kriegskunft eingeführt, die den Preußen bisher unbekannt geblieben 
war. Er brachte den Kampf in weit geöffneten Schützenketten in 
Anwendung. So brauchte er weniger Mannschaften und hatte nicht 
so viele Verluste. Am östlichen Ende des Reiches als Sieger ange- 
kommen, war Napoleon bereit, Friede mit Friedrich Wilhelm zu 
schließen. Zu Tilsit geschah's im Jahre 1807. Napoleon nahm alles 
Land zwischen Elbe und Rhein, machte aus diesem und aus Teilen 
von Hannover, Hessen und Braunschweig das Königreich Westfalen 
und ernannte seinen Bruder zum Könige desselben: Kassel wurde die 
Hauptstadt dieses neuen Landes. Auch die in der zweiten und dritten 
Teilung Volens erworbenen Länder wurden Preußen entrissen und von 
Napoleon dem Kurfürsten von Sachsen als Herzogtum Warschau ver- 
liehen. Preußen mußte über 140 Millionen Franks Kriegskosten be- 
zahlen und seine Festungen in den Händen französischer Soldaten lassen. 
3. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt kamen schlimme 
Jahre für die königliche Familie. Luise hatte den König begleitet 
und ihn erst am Tage vor der Schlacht verlassen. Auf der Rückreife 
nach Berlin erhielt sie die Nachricht von der Niederlage der preußi- 
schen Armee; sie mußte in aller Eile mit den Kindern fliehen. In 
Küstrin kam der König wieder mit seiner Familie zusammen und be- 
gleitete sie bis Königsberg. Auf die Nachricht, die Franzosen kämen, 
verließen sie die Stadt und flohen in einer bitterkalten Jannarnacht 
nach Memel. Die Königin lag gerade am Typhus fkrank, aber sie 
ließ sich doch in den Wagen tragen, weil sie lieber in Gottes als in 
Napoleons Hände fallen wollte. Erst im Winter 1809 kehrte die 
königliche Familie nach Verlin zurück. Mit herzlicher Freude wurde 
sie empfangen; aber die Konigin blieb krank und ftarb im Sommer des 
nächsten Jahres. Mit dem Könige und seinen Söhnen trauerte das 
ganze Volk um die Königin, die der Schmerz ums Vaterland so früh 
dahingerafft hatte. 
. — 
90. Preußens Wiedergeburt. 
1. König Friedrich Wilhelm III. beschloß gleich nach dem Tilsiter 
Frieden, das Hrerwesen nen einzurichten und befahl: „Künftig soll 
die Armee fast gänzlich aus Einländern bestehen, die Unteroffiziere und
        <pb n="102" />
        90 VIII. Die Zeit der Fremdherrschaft. 
Soldaten, die die ihnen obliegenden Pflichten nach Kräflen erfüllen und 
dudurch den Beifall und das Lob ihrer Vorgesetzten erlangen, sollen nach 
Maßgabe ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse ohne Rücksicht auf ihre Ge- 
burt zu Offizieren bis zum höchsten Grade befördert werden. Es soll 
kein Soldat künftig durch Stockschläge bestraft werden, der nicht wegen 
eines schweren und entehrenden Verbrechens oder Vergehungen zu der- 
jenigen Klasse verurteilt und herabgesetzt worden ist, bei welcher allein 
noch körperliche Züchtigung stattfindet. Ebenso fällt die Strafe des 
Gassenlaufens gänzlich weg'. Das Werben im Auslande hörte 
nun auf; Zopf, Locke und Puder wurden verbrannt, und jeder Soldat 
erhielt eine zweckmäßigere Kleidung und Bewaffnung. Ebenso wurde 
Napoleons neue Kampfesweise eingeführt. 
2. Die allgemeine Wehrpflicht, die durch Friedrich Wilhelm III. 
eingeführt wurde, hat ein hannoverscher Bauernsohn. Gerhard David 
Scharnhorst, erdacht. In seinen Knabenjahren besuchte Gerhard die 
Dorfschule, hütete wie andere Dorfkinder Kühe uno Schafe, fischte 
oder trieb sich auf dem Felde umher. Der Vater schickte ihn später 
in die Militärakademie. Hier war Gerhard so eifrig, daß er bald 
Offizier wurde. Da Scharnhorst in Hannover keine Aussicht auf Be- 
förderung hatte, so trat er im Jahre 1801 in Preußens Dienst und 
begann nach dem Frieden von Tilsit die Herausbildung der allgemeinen 
Wehrpflicht. Durch diese wurde es möglich, ein Heer aufzustellen, 
das jederzeit marsch= und schlagfertig ins Feld rücken konnte. 
3. Sollten die Bürger sich mit größerer Liebe als bisher dem 
Dienste des Vaterlandes weihen, so mußte auch ihnen größere Freiheit 
und größere Teilnahme an der Verwaltung zugestanden werden. Daher 
erschien am 19. November 1808 die Städteordnung, die das Er- 
forderliche für sämtliche Städte der preußischen Monarchie enthielt. — 
Die vollständige Befreiung des Bauernstandes war ein ebenso not- 
wendiges Bedürfnis für die Wohlfahrt unseres Volkes. Daher erließ 
König Friedrich Wilhelm III. folgenden Befehl: „Jeder Einwohner 
unserer Staaten ist zum eigentümlichen und Pfandbesitz unbeweglicher 
Grundstücke aller Art berechligt; der Edelmann also zum Besitz nicht 
bloß adeliger, sondern auch unadeliger, bürgerlicher und bäuerlicher 
Güter aller Art, und der Bürger und Bauer zum Besitz nicht bloß 
bürgerlicher, bäuerlicher und anderer unadeliger, sondern auch adeliger 
Grundstücke, ohne daß der eine oder der andere zu irgend einem 
Gütererwerbe einer besonderen Erlaubnis bedarf. Jeder Edelmann 
ist befugt, bürgerliche Gewerbe zu treiben, und jeder Bürger und 
Bauer ist berechtigt, aus dem Bauern= in den Bürger= und aus dem 
Bürger= in den Bauernstand zu treten. Mit dem Martinitag 1810 
hört alle Gutsunterthänigkeit in unsern sämtlichen Staaten auf. Nach 
dem Martinitage 1810 gibt es nur freie Leute"“ Damit war in 
Preußen der letzte Rest der alten Lehensherrschaft beseitigt; die übrigen 
Staaten folgten früher oder später nach. 
4. Um das Zustandekommen der preußischen Städteordnung und 
um die endliche Bauernbefreiung hat sich der Minister Freiherr vom
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        VIII. Die Zeit der Fremdberrschaft. 91 
Stein ein großes Verdienst erworben. Dem Freiherrn vom Stein 
wurde im Jahre 1871 in seiner Heimat auf dem Burgberge bei 
Nassau von dem deutschen Volke ein Denkmal errichtet, auf dem er 
als „Des Guten Grundstein, des Bösen Eckstein, der Deutschen Edel- 
stein" gepriesen wird. Als solcher hat er sich stets gezeigt. Napoleon 
hatte Steins Tüchtigkeit bald erkannt und befahl, daß Steins Güter 
mit Beschlag belegt und er selbst verhaftet werden solle, wo man ihn 
fände. Stein ging nach OÖstreich, und als er auch hier nicht mehr 
sicher war, nach Rußland. Als wieder Frieden im deutschen Lande 
herrschte, war Stein unausgesetzt thätig, das deutsche Volk frei und 
glücklich zu machen. So hat er, wie ein rechter Edelmann, in Krieg 
und Frieden zwischen Fürst und Volk als treuer Mittler und Nat- 
geber gestanden. 
91. Gottes Strafgericht in Rußland. 
1812. 
1. Nachdem Napoleon fast ganz Europa besiegt hatte, stellte er 
auch gegen Rußland ein Heer von mehr als einer halben Million auf. 
Darin befanden sich auch viele Deutsche, die gezwungen der französischen 
Fahne folgten. Endlose Truppenzüge wälzten sich damals durch das 
deutsche Land geradeswegs auf Moskau los. Die Russen erwarteten das 
Heer an der Grenze, wichen aber vor der Ubermacht zurück und verheerten 
das eigene Land, um den Feinden nur eine Wüste übrig zu lassen. 
In Moskau hoffte Napoleon, für seine erschopften Krieger Ruhe und 
Uberfluß zu finden und den befiegten Feind zu demütigen. Aber 
es kam anders. Moskaus Häuser und Straßen waren leer, alle 
Vorräte fortgeschafft, die Fenster der Paläste verhangen und die Ge- 
fängnisse geöffnet. Kaum war es Nacht geworden, so wogte ein 
qualmendes Feuermeer über den Häusern der Stadt. Entsetzen ergriff 
die französischen Krieger. Hier war ihres Bleibens nicht. Napoleon 
bot dem Kaiser Alerander den Frieden an, erhielt aber zur Antwort: 
„Jetzt soll der Krieg erst recht anfangen" Do blieb dem verwegenen 
Eroberer nur noch der Rückzug übrig. 
2. Es war ein schrecklicher, grauenvoller Rückzug. Der Weg führte 
durch unwirtbare Landftriche, die keine Lebensmittel und keinen Rast- 
platz boten. Ungewöhnlich früh fiel der strengste Winter ein. Menschen, 
Pferde und Wagen blieben im Schnee stecken; Hunger und Frost for- 
derten Tag für Tag zahlreiche Opfer. Haufen von Erstarrten, um- 
gestürzte Kanonen, weggeworfene Waffen und zurückgelassene, kostbare 
Beutestücke lagen an den Heerstraßen. Die nachsetzenden russischen 
Reiter gönnten den erschöpften Feinden keine Ruhe und nahmen 
anze Scharen von Nachzüglern gefangen oder machten sie nieder. 
iuu der Beresina erreichte das Elend seinen Gipfel. Napoleon ließ 
zwei Brücken über den PFluß schlagen, und die Truppen begannen 
hinüber zu rücken. Plötzlich erschienen die Russen und feuerten in die
        <pb n="104" />
        92 ##l. Die Zeit der Fremdherrschaft. 
– —.——. — — 
  
dichten Haufen. Es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung. Alles 
stieß und drängte, um sich zu retten; viele wurden zerdrückt und zer- 
treten, andere von den Rädern der Wagen und Kanonen zermalmt und 
viele in den brausenden Eisstrom gestürzt. Da brachen die Brücken, 
Tausende versanken in den Fluten, und die noch nicht hinüber waren, 
wurden gefangen genommen. Napoleon lietz die Unglücklichen allein 
und eilte auf einem Bauernschlitten von dannen, um in Paris neue 
Heere zu rüsten. 
3. Bei dem Heere in Rußland schwand nun alle Ordnung. 
Jeder dachte nur an seine Rettung. Die wenigsten Reiter hatten noch 
ferde, und über dic gefallenen Pferde stürzten die hungrigen Sol- 
daten her und verzehrten sie mit wilder Gier. Fiel ein Soldat, so 
rissen ihm die Kameraden die Kleider vom Leibe, um sich damit 
zu erwärmen. Hatten sich die Halberfrorenen ein Feuer angezündet, 
so jagten sie heranstürmende Kosaken davon, oder man fand sie später 
als Leichen um die erloschene Glut. Nur ein armseliger Rest entging 
dem Verderben. Von den 30 000 Bayern, die mit Napoleon nach 
Rußland gezogen waren, kehrten nur etwa 300 in die Heimat zurück. 
Das Volk sang damals von Napoleons Heer: 
Es irrt durch Schner und Wald umher 
Das große mächt'ge Frantenheer; 
Der Kaiser auf der Flucht, 
Soldaten ohne Zucht. 
Mit Mann und Noß und Wagen 
Hat sie der Herr geschlagen.
        <pb n="105" />
        K. 
Die Zeit des Ringens nach Einheit 
und Freiheit. 
„Einigkeit macht stark.“ 
— — 
92. Die Erhebung des deutschen Volkes. 
1813. 
1. Die Kunde von dem Schicksale Napoleons bewegte ganz Europa. 
Jetzt schien die Stunde gekommen, das verhaßte Joch der Franzosenherr- 
schaft abzuwerfen. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen schloß 
mit dem Kaiser Alerander von Rußland einen Bund, dem später auch 
der Kaiser von Östreich und der König von Schweden beitraten. Er 
erließ dann von Breslau aus einen Aufruf an sein Volk, die Waffen 
gegen Napoleon zu ergreifen. „Es ist der letzte entscheidende Kampf,“ 
sprach der König, „den wir bestehen für unser Dasein, unsere Unabhängig- 
keit, unsern Wohlstand. Keinen andern Ausweg gibt es, als einen 
ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem 
würdet ihr Wroft entgegengehen um der Ehre willen, weil ehrlos der 
Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen 
mit Zuversicht vertrauen: Gott und unser fester Wille werden unserer 
gerechten Sache den Sieg verleihen und mit ihm einen sichern ruhm- 
reichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichen Zeit.“ Begeistert 
erhob sich das Volk mit Gott für König und Vaterland. 
2. Von jenem erhebenden Tag erzählt ein Zeitgenoffe: „Es war 
nur eine Stimme, ein Gefühl, ein Zorn und eine Liebe: das Vater- 
land zu retten, Deutschland zu befreien und den französischen Uber- 
mut einzuschränken. Jünglinge, die kaum wehrhaft waren, Männer 
mit granen Hoaren und wankenden Knieen, Offiziere, die wegen 
Wunden und Verstümmlungen ehrenvoll entlassen waren, reiche Guts- 
besitzer und Beamte, Väter zahlreicher Familien und Verwalter weit- 
läufiger Geschäfte, in Hinsicht jedes Kriegsdienstes entschuldigt, wollten
        <pb n="106" />
        94 IX. Die Zeit des Ningens nach Einheit und Freiheit. 
. 
sich selbst nicht entschuldigen; ja sogar Jungfrauen drängten sich in 
Männerkleidung zu den Waffen; alle wollten sich üben, rüsten und 
für das Vaterland streiten oder sterben. Jede Stadt, jeder Flecken, 
jedes Dorf schallte von Kriegslust und Kriegsmusik und war in einen 
Ubungs= und Waffenplatz verwandelt. Alle Unterschiede von Ständen 
und Klassen, von Altern und Stufen waren vergessen und aufgehoben; 
jeder demütigte sich und war bereit zu dem Geschäfte und i’ zu 
dem er der brauchbarfte war; es war, als fühle auch der Kleinste, 
daß er ein Spiegel der Sittlichkeit, Bescheidenheit und Rechtlichkeit 
sein müsse, wenn er den Ubermut, die Unzucht und Prahlerei befiegen 
wollte, die er an den Franzosen so sehr verabscheut hatte. Was die 
Männer so unmittelbar unter den Waffen und für die Waffen thaten, 
das thaten die Frauen durch stille Gebete, brünstige Ermahnungen, 
fromme Arbeiten, menschliche Sorgen und Mühe für die Ausziehenden, 
Kranken und Verwundeten.“ 
— — —„,. 
93. Die Schlacht bei Leipzig und die Siege 
in Frankreich. 
1. Die Verbündeten standen in drei gewaltigen Heerhaufen Na- 
poleon gegenüber: Die Hauptarmee in Böhmen unter dem Befehle 
des östreichischen Feldmarschalls Schwarzenberg, die schlesische Armee 
am Riesengebirge unter dem Befehle des preußischen Feldmarschalls 
Blücher, die Nordarmee unter dem Befehle des Kronprinzen von 
Schweden mitten in der Provinz Brandenburg. Nach vielen 
blutigen und gewaltigen Schlachten, von denen besonders die an der 
Katzbach berühmt geworden ist, zogen sich die Heere der Verbün- 
deten in der Gegend von Leipzig zusammen. Napoleon hatte Dresden 
verlassen und war gegen die Mulde und Pleiße hinabgezogen. Am 
16. Oktober begann die Schlacht. Im Süden von Leipzig ward un- 
entschieden gekämpft; im Norden trieb Blücher drei französische Heeres- 
abteilungen bis in die Vorstädte von Leipzig zurück. Der 18. Oktober 
war der blutigste und entscheidendste Tag. Eine halbe Million be- 
waffneter Männer stand auf der Ebene von Leipzig im erbitterten 
Streite einander gegenüber, und mehr als 1500 Kanonen verbreiteten 
ringoumher Schrecken und Tod. Napoleons Heer wurde in die Flucht 
geschlagen. Am folgenden Tage nahmen die Verbündeten die Stadt 
eipzig mit Sturm. 
2. Napoleon konnte nun nicht mehr daran denken, sich in Deutsch- 
land zu behaupten. Mit den Trümmern seines Heeres eilte er über 
den Rhein nach Frankreich zurück. Der Rheinbund löste sich auf, die 
deutschen Fürsten, welche ihm angehört hatten, darunter auch Bayern, 
schlofsen sich den Verbündeten an und drungen mit diesen in Frank- 
reich ein. Hier gab es noch manchen hartnäckigen Kampf; aber der 
kühne Blücher drüngte unermüdlich vorwärte; bereits am 31. März
        <pb n="107" />
        LX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freihelt. 95 
  
ogen die Verbündeten als Sieger in Paris ein. Napoleon wurde des 
khrones entsetzt und nach der Insel Elba im Mittelmeere verbannt. 
Die Schmach, welche er unserm Vaterlande angethan, war getilgt. 
94. Schlacht bei Waterloo und Ende 
des Krieges. 
1. Mit einem Häuflein seiner alten Soldaten verließ Napoleon 
die Insel Elba wieder und landete am 1. März 1815 an Frankreichs 
Küste. Jubelnd wurde er aufgenommen, und die gegen ihn ausge- 
sandien Regimenter gingen unter dem Rufe: „Es lebe der Kaiser!“ 
zu ihm über, so daß er in kurzem triumphierend seinen Einzug in 
Paritz halten konnte. Der gresse Blücher mit seinen Preußen und 
der englische Feldherr Wellington mit einem aus Engländern, Hollän-- 
dern und Hannoveranern gemischten Heere drangen durch Belgien nach 
der französischen Grenze vor. Rasch rückte ihnen Napoleon entgegen, 
und das Preußenheer mußte vor dem übermächtigen Feinde das Veld 
räumen. 
2. Am 18. Juni kam es bei dem Dorfe Waterloo in der Nähe 
von Brüssel abermals zu einer großen Schlacht. Wellington, der dort 
mit seiner Armee stand, hatte Klächer gebeten, ihm zwei Heerhaufen 
zu Hilfe zu schicken, wenn Napoleon angreifen würde. „Nicht mit zwei 
Haufen,“ ließ ihm Blücher sagen, „sondern mit meinem ganzen Heere 
werde ich kommen, und wenn die Franzosen uns nicht angreifen, werden 
wir sie angreifen.“ Frischen Mutes trat er am frühen Morgen mit 
seinen Preußen den Marsch an. Heftiger Regen rauschte hernieder. Der 
Boden war so aufgeweicht, daß Fußvolk und Reiter kaum weiter kamen, 
und die Räder der Kanonen oft bis an die Achse einsanken. Da sprengte 
Blücher von Trupp zu Trupp und mahnte: „Vorwärts, Kinder, 
vorwärts:“ „Es geht nicht, Vater Blücher! es ist unmöglich," schallt 
es ihm entgegen. „Kinder, es muß gehen,“ ruft er wieder, „ich hab' 
es ja meinem Bruder Wellington versprochen. Ich had'’ es versprochen, 
hört Ihr wohl? Ihr wollt doch nicht, daß ich wortbrüchig werden 
soll!“ Und es ging mit Gottes Hilfe dem Ziele entgegen. 
3. Unterdessen stand Wellington mit seinen Kriegern schon im 
heißesten Kampfe: Sturm auf Sturm wird von ihnen abgeschlagen; 
aber allmählich erschöpft sich ihre Kraft. Schon liegen 10000 Mann 
tot oder verwundet auf dem Schlachtfelde. Da seufzt der unerschütter- 
liche Wellington: „Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen 
kämen!“ Und fiehe, sie kommen. Kanonendonner im Rücken und zur 
Rechten des Feindes verkündet ihr Anrücken. „Das ist der alte 
Blücher,“ ruft Wellington hoch erfreut; die ermatteten Krieger atmen 
auf. Unter Trommelwirbel und Trompetengeschmetter wird nun der 
Feind von drei Seiten gefaßt. Es eutstehr ein gräßliches Blutbad; 
bald tkönt aus den Reihen der Franzosen der Ruf: „Rette sich wer
        <pb n="108" />
        f 
96 IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
— — — — — 
  
— — — 
kann!“ und das Heer wirft sich in die wildeste Flucht. Mit lautem 
Jubel setzen die Preußen unter General Gneisenau dem Feinde nach 
und machen reiche Beute. Kaum entrinnt Napoleon ihren Händen: 
seinen Reisewagen, dem er entsprungen, samt Hut, Mantel und Degen, 
Orden und Kleinodien muß er zurücklassen. Als Flüchtling kommt er 
nach Paris; sein Heer ist vernichtet. 
4. Die siegreichen Heere der Verbündeten rückten ihm aber 
nach, zogen am 7. Juli 1815 zum zweitenmale in Paris ein, und 
Napoleon wurde von neuem abgesetzt. Seine kriegerische Laufbahn 
war zu Ende. Die Verbündeten schickten ihn in die Verbannung nach 
der einsamen Felseninsel St. Helena, mitten im atlantischen Ozean, 
woselbst er nach sechs Jahren starb. 
95. Der Deutsche Bund. 
1815. 
Kein Friedenswerk hätte vermocht, was Napoleon mit roher 
Hand vollbrachte: die vielen kleinen, reichsunmittelbaren Länder und 
Ländchen, geistlichen und weltlichen Herrschaften von ehedem, die der 
deutschen Einheit so hindernd im Wege standen, haben durch ihn zum 
größten Teile ihre Selbständigkeit verloren. Deutschland wurde auf 
dem Wiener Kongresse, der den Freiheitskriegen folgte, als Staaten- 
bund von 39 Staaten geordnet; Ostreich, Preußen, Bayern, Hannover, 
Sachsen und Württemberg waren die größten davon. Hannover erhielt 
den Titel Königreich, da der Kurfinstentitel setzt bedeutungslos für 
Deutschland war. Die gemeinsamen Angelegenheiten besorgte die 
Bundesversammlung oder der Bundestag zu Frankfurt am Mainj 
Östreich führte dabei den Vorsitz. Alle Bundesglieder versprachen, mit- 
einander gegen jeden Angriff zu stehen, und wenn der Bundeskrieg 
erklärt sei, keine einseitigen Verhandlungen mit dem Feinde einzugehen. 
Sie wollten sich nicht untereinander bekriegen, sondern ihre Streitig- 
keiten bei dem Bundestage schlichten lassen. Im Bundestage hatte 
Bayern 4 Stimmen. Zum Bundesheere mußte es 35000 Mann 
stellen. Die Kaiserwürde wurde vorläufig nicht wieder hergestellt. 
— 
96. Friedenswerke des ersten bayerischen 
Königs. 
1. Dem König Maximilian I. war es beschieden, das Ringen 
des bayerischen Volkes nach Einheit und Freiheit fördern zu können. 
An seinem Minister dem Grafen Marx Joseph von Montgelas fand 
er einen tüchtigen Berater. Das ganze Königreich ward damals zur 
bessern Regierung in acht Kreise geteilt, die man nach ihren Haupt- 
flüssen benannte. Die Verhältnisse der katholischen und der protestantischen
        <pb n="109" />
        IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit. und Freiheit. 97 
  
  
Kirche wurden neu geordnet, damit beide Konfessionen in Frieden, eine 
jede nach ihrer Art, bei einander leben konnten. Adel und Geistlichkeit 
wurden in ihren Vorrechten beschränkt, dagegen erhielt der Bauernstand 
durch die Aufhebung der Leibeigenschaft größere Freiheit. Eine segens- 
reiche Thätigkeit entfaltete der „Landwirtschaftliche Verein für Bayern“, 
der den Bauernstand durch lehrreiche Bücher, Vorträge und Gründung 
von Musterwirtschaften zu besserer Bodenbebauung auregte. Das ver- 
altete Zunftwesen wurde damals beseitigt und das Gewerbe erhielt eine 
freiere Gestaltung. Durch Förderung der Waldkultur, des Bergbaues 
und des Salinenwesens mehrten sich die Einkünfte des Staates. 
2. Für die Rechtspflege ward ein neues Strafgesetzbuch eingeführt. 
Jedes Gericht erhielt einen Gerichtcarzt. Auch die Schutzpockenimpfung 
ist damals für jedermann vorgeschrieben worden. Die Schulpflicht 
wurde auf sechs Jahre und das Schulgeld wochentlich auf 2 Kreuzer 
festgesezt. Auch die Sonn= und Feiertagsschulc kam zur Einführung. 
Die Gelehrtenschulen hielten eine neue Studienordnung. Die kleineren 
Universitäten, wie Altdorf und Dillingen, wurden aufgehoben und 
dafür die drei Landesuniversitäten Landshut, Erlangen und Würzburg 
reichlich unterstützt. 
3. Die größte That des Königs Maximilian bestand jedoch darin, 
daß er im Jahre l#sl#s seinem Lande eine Verfassung gab, durch 
welche Rechte und Pflichten sowohl des Königs als auch des Volkes 
sestgesett und auch dem Volke ein Anteil an der Regierung des 
Landes zugestanden wurde. « 
97. Die allgemeine Wehrpflicht. 
18 14. 
Preußen hatte mit seiner neuen Heereseinrichtung glückliche Er- 
folge gehabt. Es entstand daher der Wunsch, diese Einrichtung als 
Grundlage der Heeresverfassung für künftige Zeiten festzulegen. Das 
geschah in Preußen durch das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht vom 
3. September 1814. Dieses Gesetz bestimmte: Jeder Eingeborene ist 
zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichtet, sobald er das zwanzigste 
Jahr vollendet hat. Drei Jahre befindet sich die Mannschaft bei den 
Fahnen und wird dann in ihre Heimat entlafsen, um im Falle eines 
Krieges zum Ersatze des stehenden Heeres zu dienen. Junge Leute 
aus den gebildeten Ständen, die sich selbst kleiden und bewaffnen 
können, sollen die Erlaubnis bekommen, sich in die Jäger= und Schützen- 
korps aufnehmen zu lassen. Nach einjähriger Dienstzeit werden sie 
beurlaubt und sollen später die ersten Ansprüche auf Offizierstellen in 
der Landwehr haben. Die Landwehr dient nur im Kriege zur Unter- 
stützung des stehenden Heeres und zur Verstärkung der Garnisonen- 
Der Landsturm tritt nur bei einem feindlichen Einfall in die Pro- 
binzen zusammen. Wer im stehenden Heere länger dienen will, als
        <pb n="110" />
        98 IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
  
er verpflichtet ist, erhält eine äußere Anszeichnung und Anspruch auf 
Zivilversorgung, wenn er zum ODienste unfähig ist. — Dem Vorbilde 
Preußens folgten die übrigen deutschen Länder. 
98. Die Seminare. 
Die Freiheit und Selbständigkeit, wie sie Bürger und Bauer 
erreicht hatten, erforderten eine bessere Schulbildung und mehr Kennt- 
nisse, als in den vorhandenen Volkeschulen erlangt werden konnten. 
Es war daher nötig, daß diese verbessert wurden. Zu dem Zwecke 
mußten Schulen zur Heranbildung der Volksschullehrer ins Leben 
gerufen werden. Das sind die Seminare. Das erste bayerische Seminar 
wurde 1804 in München eröffnet. Jetzt gibt es in Deutschland 
mehr als 200 solcher Anstalten. Das Seminar ist für die Volks- 
schullehrer dasselbe, was für die Richter, Bezirksamtmänner, Arzte 
und Geistlichen die Universität bedeutet. Nur solche, die sich die nötigen 
Kenntnisse in einer Präparandenanstalt oder höhern Schule erworben 
haben, können nach vorhergegangener Prüfung in das Seminar auf- 
genommen werden. Dort werden sie in den Kenntnissen unterwiesen, 
die das Leben und der Beruf des Lehrers erfordern. 
99. Die Mission. 
1. Mitglieder des Jesuitenordens gingen schon zur Reformations- 
zeit nach Indien, Japan, China und Amerika, um das Christentum 
daselbst zu verkündigen; sie und andere Orden betreiben auch heute 
noch katholische Mission in den Heidenländern. Später sind den 
Katholiken auch die andern Religionsgemeinschaften gefolgt. In be- 
sondern Missionsanstalten werden die Missionare für ihren Beruf aus- 
gebildet. Solche Anftalten gibt es z. B. in Berlin, Hermannsburg, 
Basel, Barmen und Leipzig. Jeder, der sich stark genug fühlt, die 
Beschwerden dieses Berufes zu ertragen, kann sich zum Missionare 
ansbilden lassen. 
2. Die Kirchentrennung veranlaßte die katholische Kirche auch, 
innere Mission zu treiben, d. h. unter Christen das erloschene und 
gefährdete Glaubensleben nen beleben und erhalten zu helfen. Die 
evangelischen Kirchen sind auch darin ihrem Beispiele gefolgt, so daß 
es jetzt in der gesamten deutschen Christenheit Anstalten für innere 
Mission gibt. Für die Kinder im vorschulpftichtigen Alter sind 
Krippen und Warteschulen errichtet. Dem schulpflichtigen Alter dienen 
die Waisenhäuser und Rettungsanstalten. Die der Schule Ent- 
wachsenen finden in Jünglingsvereinen und Dienstbotenschulen Unter- 
haltung und Belehrung. Den Reisenden und Arbeitslosen thun
        <pb n="111" />
        IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 99 
  
sich die Herbergen zur Heimat und Mägdeherbergen auf. Der sittlich 
Verkommenen und Arbeitsscheuen nehmen sich die Magdalenenasyle 
und Arbeiterkolonien an, und den bereits mit Zuchthaus Bestraften 
gehen noch liebend die Vereine für entlassene Sträflinge nach. In 
großen Städten, wo auch das Elend gewöhnlich am größten zu sein 
pflegt, sind Stadtmissionare, die Notleidende und Hilfebereite aller 
Art aufsuchen und einander nahebringen. — In besonderen Anstalten 
werden christliche Jünglinge und Jungfranen zum Dienste in der 
innern Mission ausgebildet. · 
100. Die Geldwirtschaft. 
1. Nachdem das Geld einmal Eingang bei uns gefunden und sich 
als bequemes Tauschmittel bewährt hatte, wurde es immer mehr geschätzt 
und in Gebrauch genommen. Der Bauer und seine Leute beziehen 
jetzt vieles aus der Stadt: Maschinen, Samen, Futter= und Dünge- 
mittel, Kleiderstoffe und Genußmittel, die sie mit barem Gelde bezahlen 
müssen; sie machen Reisen, die bares Geld kosten, und müssen Steuern 
und Abgaben in barem Gelde entrichten. So wird die alte Natural- 
wirtschaft fast überall verdrängt und die Geldwirtschaft an ihre Stelle 
esetzt. Die Geldwirtschaft treibt den Bauer allmählich dazu, alle 
Leistungen, die er bisher in Natur verrichtete, durch Geld zu ersetzen. 
Die Naturallieferungen an Geistliche, Lehrer und andere Beamte werden 
an vielen Orten auf beiderseitigen Wunsch in Geld umgesetzt. Des- 
gleichen wollen die Dienstboten und Tagelöhner ihre Löhne lieber in 
Geld als in Naturalien empfangen. 
2. Da müssen denn auch die Bauern und sonstigen Landbewohner 
mehr als sonst zusehen, bares Geld zu bekommen. Jung= und Mast- 
vieh, Eier und Milchwaren, Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchte und 
Obst, Heu und Stroh, Holz und Torf, kurz alles, was nicht zu eigenem 
Gebrauche nötig ist, müssen sie gegen bares Geld verkaufen, und 
jeder sucht dabei seine Ware so teuer wie möglich an den Mann zu 
bringen. Die Geldwirtschaft ist noch jung; Segen und Unsegen sind 
in ihrem Gefolge, und einer spätern Zeit wird es vorbehalten sein, 
den Segen zu mehren und den Unsegen zu mindern. 
101. ie Vampfmaschinen. 
1. Viele Arbeiten, die sonst von Menschenhand verrichtet wurden, 
hat heutzutage die Dampfmaschine übernommen. Darum hat sie auch 
überall schnell Eingang gefunden. In unser Familien= und Gemeinde- 
leben hat sie große Veränderungen gebracht. Spinnrad und Webstuhl 
werden seltener, und der Flegelschlag verstummt nach und nach in den 
Banernhäusern. Die schöne blaue Flachsblüte ist in vielen Gegenden 
fast gonz verschwunden, und die geringe Flachsernte wird an manchen 
7•
        <pb n="112" />
        100 1x. 
*m" – . 
Die Zeit des Ningens nach Einheit und Freiheit. 
  
Orten gegen Garn oder Leinwand umgetauscht; die leichten, billigen 
Baumwollengewebe verdrängen vielfach das kernige, feste Linnen. Drill- 
maschinen und Dreschmaschinen verrichten in wenigen Tagen die sonst 
wochenlange Arbeit des Säens und Dreschens, und statt des Flachses 
und Getreides wird die Kartoffel und Zuckerrübe immer mehr gebaut. 
Die ländlichen Arbeiten werden damit auf einen kurzen Zeitraum zu- 
sammengeschoben, und der Tagelöhner hat in der übrigen Zeit selten 
Gelegenheit, Arbeit und Verdienst zu finden. Dadurch werden die 
Arbeiter der Stadt und Fabrik zugetrieben. « 
. 2. Uber die Bedeutung der Dampfmaschine sind oft ganz irrige 
Meinungen verbreitet. Viele meinen, sie arbeite billiger und schkechter 
als die Menschenhand und nehme den armen Leuten Arbeit und Brot 
Das ist nicht der Fall. Wenn wir Waren, die in der Fabrik gemacht 
find, oft so erstaunlich billig kaufen, so hat das seinen Grund darin, 
daß die Maschine minderwertige Stoffe, die soust den Arbeitslohn nicht 
aufbrächten, noch gewinnbringend verarbeiten kann. Die Maschine 
nimmt auch nicht die Arbeit, sondern verändert sie nur; Millionen 
Menschen finden heute beim Eisenbahnbaue, in den Maschinenwerk- 
stärten und Fabriken Beschäftigungen, die es fonst nicht gab; aber 
die Ackerbauer und Handwerker, die freien Leute mit kleinem Eigen- 
tume und die Landarbeiter werden durch die Maschine vermindert, da- 
gegen die Fabrikarbeiter, die Großstädte und Millionäre vermehrt, 
und das ist ein Schaden für unser Volk und die ganze Welt, denn 
Unzufriedenheit und Genußsucht, Gemeinheit und Verschwendung wachsen 
auf diese Weise, und Arme und Reiche werden dadurch oft zu grim- 
migen Feinden. 6 
3. Die Dampfmaschine hat große Geschäftsbetriebe hervorgerufen. 
Mehrere Kapitalisten oder Unternehmer thun sich zusammen, um 
eine Gesellschaft oder Genossenschaft zu gründen. Da solches Zusammen- 
wirken gut und vorteilhaft ist, so hat der Staat besondere Gesetze 
dafür geschaffen. Die Gesellschaften oder Genossenschaften führen 
mittelst Direktion und Aufsichtsrat ihre Geschäfte genan so wie im 
Einzelbetriebe. Damit aber bei etwaiger Uberschuldung des Unter- 
nehmens der Gläubiger jemanden hat, an den er sich halten kann, 
so bestimmen die Gesetze eine Haftpflicht, wonach jeder Teilnehmer ent- 
weder mit seinem ganzen Vermögen oder mit einem bestimmten Teile 
desselben für etwa entstehende Schulden im Unternehmen haften muß. 
102. Drei bayerische Erfinder. 
Während der Regierungszeit des Königs Maximilian lebten und 
wirkten in München drei Männer, deren Erfindungen und Ent- 
deckungen ihre Namen unsterblich gemacht haben. Es sind dies: 
Aloys Senefelder, Franz Faver Gabelsberger und Joseph Fraunhofer-. 
I. Die Not ist eine harte, aber gute Schule! Dieses Wort 
bewahrheitete sich auch in dem Leben des Erfinders der Lithographie.
        <pb n="113" />
        ILX. Die Zeit des Ningens nach Einheit und Freiheit. 101 
— —. 
  
Aloys Senefelder, der Sohn eines Schauspielers, ward am 6. No- 
vember 1771 zu Prag geboren. Da der Knabe 7 Jahre zählte, kam 
sein Vater als Hofschauspieler nach München. Der junge Aloys 
machte in der Schule glänzende Fortschritte, so daß sich die Kurfürstin 
Marie Anna des fleißigen Schülers annahm und ihm zum Besuche 
der Ingolstädter Universität jährlich 120 Gulden gab. Auch auf 
der Univerfität studierte Senefelder so eifrig, daß er von seinen 
Lehrern die Note „ausgezeichnet“ erhielt. Da starb zum Unglücke 
sein geliebter Vater, und die zahlreiche Familie blieb in bitterster Not 
zurück. Um für die Mutter und seine acht füngern Geschwister sorgen 
zu können, gab Aloys schweren Herzens seine Studien auf und suchte 
als Schauspieser und Schriftsteller etwas zu verdienen. Seine Hoff- 
nungen wurden jedoch nicht erfüllt. Für seine Schriften fand er 
keinen Verleger, und er selbst konnte den Druck nicht bezahlen. Da 
sann er auf Abhilfe. Er wollte ein neues Druckverfahren erfinden und 
selbst seine Werke drucken. Nachdem er sich in der Spiegelschrift 
geübt hatte, ritzte er solche Schriften in Kupferplatten und Zinnteller 
ein, und stellte Abdrücke her. Doch eigneten sich diese Metalle nicht. 
Run probierte er Kalschieferplatten und erzielte schärfere Abzüge. 
Nach vielen Versuchen gelang es ihm auch, eine passende Atzttüfsfigkei 
und brauchbare Druckerschwärze zusammenzustellen und damit war die 
erhöhte Spiegelschrift, der eigentliche Steindruck, erfunden. Um seine 
Erfindung ausnützen zu können, brauchte Senefelder größere Geld- 
summend diese streckte ihm der Hofmusiker Gleißner vor. Senefelder druckte 
nun Lieder und Musikstücke und fand Beifall mit seinen Abdrücken. 
Der Kurfürst Karl Theodor überwies ihm 100 Gulden, und auch die 
Akademie der Wissenschaften gewährte ihm eine bescheidene Unterstützung. 
Senefelder arbeitete unermüblich an der Vervollkommnung seiner groß- 
artigen Erfindung. Dadurch vergrößerte sich sein Geschäft immer mehr. 
Auch die bayerische Regierung erkannte bald die Vedeutung des Stein- 
druckes: deshalb ward für die Regierungsarbeiten eine große Druck- 
anstalt errichtet und Senefelder als deren Direktor mit einem guten 
Gehalte- angestellt. Nun war die Zeit der Sor cen vorüber. Sene- 
felders Name wurde in der ganzen Welt bekannt. Am 20. Februar 7834 
rief ihn der Tod aus seinem arbeitsreichen, gesegneten Leben ab. Der 
kunstsinnige König Ludwig I. ließ ihm auf dem Münchner Friedhofe 
ein Denkmal errichten. · . » 
ZAUFFMUFXMU Gabelsberger hatte eine ziemlich freudlose 
Jugend. Er ward am 9. Februar 1789 als Sohn eines Hofblas- 
instruwentenmachere in München geboren. Bald Waise geworden, 
kam er zu seinem Großvater, die Sattlerei zu erlernen. Hierzu zeigte 
er jedoch wenig Lust und Geschick. Klostergeistliche nahmen sich seiner 
an, und nun sollte er Lehrer werden. Die Not zwang ihn aber die 
Sidien wieder aufzugeben. Nachdem er bei Senefelder die Aitho- 
graphir erlernt hatte, kam er als Schreiber ins Minifterium. Da er 
zeichen so zu verkürzen, daß dat Schreiben so schnell von statten gehen
        <pb n="114" />
        102 IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
— — 
  
  
könne wie das Sprechen. Sein Vorhaben ward zuerst wenig beachtet: 
als aber der erste Landtag in München eröffnet wurde, erhielt Gabels- 
bergers Plan eine festere Gestaltung. Gabelsberger arbeitete nun un- 
ermüdlich an der Ausbildung seines Systems. Endlich hatte er ein 
Alphabet zusammengestellt, welches ihm ermöglichte. jede Rede mit- 
zuschreiben. Im Jahre 1834 veröffentlichte Gabeleberger sein Lehrbuch 
der Stenographie oder Schnellschreibkunst. Seine Erfindung verbreitete 
sich rasch. Heute muß jeder Lehrer, Schreiber, Kaufmann und Beamte 
stenographieren können. Ein Schlaganfall beendete am 4. Januar 1849 
Gabelsbergers Wirksamkeit. Wenn auch mit der Zeit andere Steno- 
graphiesysteme aufkamen, so gebührt doch der Ruhm der ersten Er- 
findung Gabelsberger. Sein System hat die weiteste Verbreitung und 
ist in den bayerischen Mittelschulen amtlich vorgeschrieben. 
3. Glück im Unglück! So kann man bei Joseph Fraunhofer sagen. 
Dieser war Lehrling bei dem M ünchner Glasschleifer und Hofspiegel= 
macher Weichselberger: da stürzte das Haus des Meisters zusammen, und 
Joseph geriet unter die Trümmer. Der Kurfürst Maximilian Joseph war 
herbeigeeilt und feuerte die Umstehenden zur Rettung d der Verschütteten 
an. Gerade zur rechten Zeit wurde Fraunhofer aus der Einklemmung 
zwischen zwei Thürpfosten befreit. Der Kurfürst fand Gefallen an dem 
aufgeweckten Glaserlehrling, der alle Fragen klug und geschickt be- 
autwortete, und schenkte ihm 18 Dukaten. Von diesem Gelde kaufte 
sich Fraunhofer Bücher zum Studium. Besonders Optik und Mathematik 
zogen ihn an. Nach Beendigung seiner Lehrzeit beschäftigte er sich 
eifrig mit dem Schleifen optischer Gläser. Damit konnte er sich aber 
seinen Lebensunterhalt nicht verdienen, und er mußte notgedrungen zu 
dem erlernten Handwerke zurückkehren. Im Jahre 1806 trat er als 
Optiker in das Jnstitut Utzschneiders. Hier erfand Frannhofer Ma- 
schinen zum genauen Schleifen und * zolieren großer optischer Gläser: 
auch bereitete er besseres Flintglas als die englischen Fabriken. Die 
aus der Anstalt hervorgegangenen Ricsenfernrohre erregten das Er- 
staunen und Entzücken aller Astronomen. In Anerkennung seiner 
Verdienste um die Wissenschaft erhob der König den ehemaligen Glaser- 
lehrling in den Adelstand. Doch nur zu bald ward Fraunhofer seinem 
Wirkungskreise entrissen. Sein schwächlicher Körper war den Über- 
anstrengungen nicht gewachsen. 39 Jahre alt erlöste ihn der Tod am 
7. Juni 1826 von einer schweren Krankheit. 
103. Die GEisenbahn und der Telegraph. 
1838. 
1. Die erste Eisenbahn mit Dampfbetrieb im deutschen Lande 
wurde im Jahre 1835 in Betrieb b gesetzt. Seit der Zeit haben sich 
die Eisenbahnen derart vermehrt, daß es heute kaum noch ein Dorf 
gibt, das nicht in nächster Nähe eine Eisenbahn hätte oder mehr als 
einige Stunden davon entfernt läge. Mit der Eisenbahn hat auch
        <pb n="115" />
        IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 103 
der Landstraßenbau gleichen Schritt gehalten, so daß unser Land 
jetzt mit Eisenbahnen und Landstraßen wie mit einem Spinngewebe 
überzogen ist und jeder Ort bequem erreicht werden kann. 
2. Weite Wegstrecken, die sonst mühsam und mit Gefahr zurück- 
gelegt wurden, werden heute schuell und bequem mit der Eisenbahn 
besohren, und das Reisen kostet weniger Geld als früher. Die Eisen- 
bahn schafft jedes brauchbare Ding schnell an seinen Ort und 
läßt es zu seinem Werte kommen. Ubergroße Teuerung oder 
gar Hungersnot, wie sonst, können darum jetzt nur schwer entstehen. 
Die Eisenbahn ist daher der Menschheit zum großen Segen geworden. 
Auch für die Einigung des deutschen Volkes war die Eisenbahn von 
Bedentung. Durch den regen Verkehr rückten sich die Bewohner 
näher, lernten sich besser kennen und wünschten immer lebhafter, wieder 
ein Volk zu sein, wie es vor alters gewesen war. 
3. Das bequeme und billige Reisen verlockt aber auch manche, 
der Heimat leichtsinnig den Rücken zu kehren und in der Fremde 
ihr Glück zu suchen. Dazu finden die Erzeugnisse fremder Länder 
leichtern Zutritt in unsere Gauen und machen unser Volk in deln 
Maße von der Fremde abhängig, als sie seine Bedürfnisse mehren und 
die Bodenbestellung verändern. So mindert z. B. die große Einfuhr 
von fremdem Getreide den Körnerbau, die Einfuhr der Baumwolle 
den Flachsbau, während andrerfeits der Rübenbau und die Fabriken 
vermehrt werden. 
4. Wie die Eisenbahnen auf dem Lande, so besorgen jetzt Dampf- 
schiffe den Verkehr auf den Flüssen und Meeren. Zu gleicher Zeit 
sind auch die Telegraphen entstanden, die mit Blitzesschnelle eine Nach- 
richt von einem Ende der Erde zum andern gelangen lassen und den 
Verkehr noch schneller und bequemer gestalten. Telephone gestatten 
selost mündliche Unterredungen zwischen Personen an verschiedenen 
Orten. 
  
–– 
104. Die Abläsungen. 
Durch die Aufhebung der Leibeigenschaft waren nicht auch die 
Rechte der Grundherren und die Pflichten der Grundholden aufgehoben, 
sondern diese mußten erft ordnungsmäßig abgelöst werden. Durch 
Gesetze, die hier früher, dort später in Kraft traten, wurde diese Ab- 
lösung in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bewirkt. 
Diese Gesetze bestimmen gewöhnlich, daß der Bauer ferner von allen 
Abgaben und Dienstleistungen an fseinen ehemaligen Grundherrn frei 
sein soll, wenn er den fünfundzwanzigfachen Betrag des jährlichen 
Werks derselben auf einmal in Geld bezahlt. Später bestimmten neue 
Gesetze, daß ein noch geringerer Betrag zu zahlen sei. Niemand 
wurde gezwungen, von dieser Wohlthat Gebrauch zu machen, aber 
jeder ergriff gern die Gelsgenheit, Lasten los zu werden, die er längst 
ungern getragen hatte. Durch Einrichtung von Kreditanstalten und
        <pb n="116" />
        104 I. Zie Feit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
——. 
  
Rentenbanken in der Provinzial= oder Landeshauptstadt suchte die 
Regierung den Bauern die Ablösung zu erleichtern. Diese Kassen 
gaben das zur Ablösung nötige Geld her und gestatteten, es allmäh- 
lich wieder zurückzuzahlen. Die jährlichen Abzahlungen werden an 
manchen Orten jetzt noch Jehntgelder genannt. Was man auf manchen 
Dörfern heute noch Herrendienste nennt, sind keine Herrendienste mehr, 
sondern Hand= und Spanndienste, die die Dorfbewohner bei der Ge- 
meindearbeit statt baren Geldes leisten. « 
105. Verteilung und Verkoppelung. 
1. Die Geldwirtschaft hat auch zu einer festern Begrenzung des 
Grundbesitzes geführt. In fetten Gegenden sind die Bewohner früher, 
in magern später zu scharfer Abgrenzung der Ortsmark geschritten. 
Manche Gemeinde wußte früher kaum, wo ihre Mark aufhörte und 
die der Nachbargemeinde anfing; die Gemeindehirten wurden darum 
öfters zu Rate gezogen, damit sie angäben, wie weit von jeder Seite 
gehüret worden war; denn innerhalb der Ortsmark waren noch die 
Allode und Allmende, und das Sondereigentum eines Hofes befand 
sich noch in der Gemenglage. « 
2. Die Gemeinheit hatte im Laufe der Zeit viel Unwillen erregt; 
jeder wollte sie nutzen, aber keiner freiwillig etwas daran thun. Des- 
gleichen gab die Gemenglage mit ihrem Flurzwange viel Veranlassung 
zu Unzufriedenheit und Streit. Diesem unangenehmen Zustande machten 
die Gesetze über Verkoppelung und Gemeinheitsteilung ein Ende. Rach 
diesen Gesetzen kann jede Gemeinde unter Beihilfe königlicher Beamten 
ihre Gemeinheit teilen und durch Tausch den Besitz der einzelnen Höfe 
in größere Flächen zufammenlegen. Das ist denn auch bereits in den 
meisten Orten geschehen und geschieht in andern noch bis zur Stunde. 
Die Gemeinheit ist durch diese Teilung klein geworden, oft nur auf 
einen einzigen Platz zusammengeschrumpft oder ganz verschwunden, 
und das Sondereigentum eines jeden Hofes ist durch die Verkoppelung, 
in große Stücke oder „Koppel“ zusammengelegt worden. Dadurch ist 
mehr Zeit für Aussaat und Ernte gewonnen, und statt der magern, 
dürftigen Viehweiden, die sonft als Gemeinheit die Dörfer umgaben, 
sehen wir jetzt fruchtbare Acker und reiche Gärten. Freilich ist den 
Häuslingen, die gar keinen Landbesitz haben, auf diese Weise die Weide- 
benutzung auf der Gemeinheit entgangen; aber eine weise Fürsorge 
wird auch sie wieder zu ihrem Rechte kommen lassen. "· 
1067Dzifjtctkgjtxttdwsigl..vou-2«3ayxxm 
1. Die J ugendjahre dieses um Bayern so hochverdienten Königs 
fielen in die Zeit der Fremdherrschaft. Von echt deutscher Gesinnung 
beseelt, empfand Ludwig den Druck der Fremdherrschaft doppelt schwer.
        <pb n="117" />
        [IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 105 
  
Als nach der siegreichen Schlacht bei Leipzig sich ganz Europa gegen 
Napoleon erhob, da betrieb Kronprinz Ludwig am eifrigsten den An- 
schluß Bayerns an die Verbündeten. Zum Andenken an den Leipziger 
Sieg stiftete er in seiner Frende eine alljährliche Armenspeisung. Nie 
ward er seinem deutschen Denken und Fühlen untreu. « 
2. Mit dem Wahlspruche: „Gerecht und beharrlich“ bestieg er 
den bayerischen Königsthron. In allen Teilen der Regierungsthätig- 
keit machte sich hald seine starke Hand bemerkbar. Den einzelnen 
Kreisen gab er größere Selbständigkeit, indem er hier durch Einführung 
der Landräte die Selbstverwaltung schuf. Um dem Volke die glorreiche 
Vergangenheit der deutschen Nation ftets vor Augen zu stellen, wurden 
die acht Kreise nach den einzelnen Volksstämmen benannt. An her- 
vorragende deutsche Männer sollte die Walhalla mit ihren Denkmälern 
erinnern, ebenso die Befreiungshalle an die Helden der Befreiungskriege. 
Außerdem gründete er eine Anzahl kandwirtschaftlicher, gewerblicher und 
polytechnischer Schulen und errichtete Kreishilfskassen zur Unterstützung 
armer Handwerker und Bauern. Durch die Erbauung des Donau- 
Main-Kanals suchte er die Schiffahrt zu fördern. Sein scharfer Blick 
erkannte auch bald die Bedeutung der Eisenbahn; die erste deutsche 
Eisenbahn verkehrte zwischen Nürnberg und Fürth. Mit Württemberg 
wurde auf seine Veranlassung ein Zollvertrag geschlossen, der sich 
später zum deutschen Zollvereine erweiterte und der Vorläufer der 
deutschen Einheit wurde. 
3. Nicht minder stark wandte Ludwig dem Schulwesen sein Inter- 
esse zu. Die Volksschulen und die Lehrerseminarien erhielten neue 
Lehrpläne und auch die Mittelschulen wurden verbessert. Die Univer- 
sität Landshut verlegte er nach München und berief berühmte Gelehrte 
an dieselbe. Auch verlieh er der Hochschule die akademische Freiheit, 
denn er sagte, er wolle der Jugend vertrauen. Durch Gründung 
von Blindeninstituten und Erziehungsanstalten zeigte sich sein menschen- 
freundlicher Sinn aufs beste. Der katholischen und der protestan- 
tischen Kirche wies er große Summen zur besseren Ausgestaltung ihrer 
gottesdienstlichen Verrichtungen zu. « 
«4z.«-.D·aächODsexkkcndstcleisteteKönigLudwigjefdochdurchdie 
Förderung der Kunst. „Ich will aus München eine Stadt machen, 
die Deutschland so zur GEhre gereichen soll, daß keiner Deutschland 
kennt, wenn er nicht auch München gefehen hat!“ Dieses Wort, das 
er einst gesprochen, machte er auch wahr. In seiner Hauptstadt ver- 
sammelte sich eine große Zahl tüchtiger Baumeister, Maler, Bildhauer, 
Erzgießer und andere Künstler, und es erstanden mehrere Kirchen und 
ein neues Schloß für ihn. Die Säle des Schlosses schmückte er mit 
Bildern aus der deutschen Sage und Geschichte. Die beiden Pinako- 
theken dienen zur Aufbewahrung von Gemälden. In der Glyptothek 
siind Büsten und Statuen aufgestellt. Die Rihmeshalle mit der 
riesigen Bavaria davor birgt die Büsten bedeutender Bayern. Der 
Obel isk ehrt das Gedächtnis der auf den Eisfeldern Rußlands 
gebllebenen bayerlschen Soldaten. In der Feldherrnhalle wurden die
        <pb n="118" />
        106 IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
ehernen Standbilder von Tilly und Wrede aufgestellt. Fast alle 
Sehenswürdigkeiten Münchens verdanken ihm ihre Entstehung. Doch 
auch andere Städte ließ er nicht leer ausgehen. Er stellte die Dome 
zu Regensburg, Bamberg und Speier wieder her. In Aschaffenburg 
erbaute er das Pompejannmm. Dem Erzbischof Julius Echter errichtete 
er in Würzburg ein ehernes Denkmal. So finden wir im ganzen 
Lande Zeugen und Spuren seiner künstlerischen Thätigkeit. 
5. Zweinndzwanzig Jahre hatte Ludwig über Bayern regiert, 
als die von Frankreich ausgehende Februarrevolution des Jahres 1848 
auch in Bayern ihre Wellen schlug. Da Ludwig mik manchen For- 
derungen des Volkes nicht ganz einverstanden war, so entsagte er der 
Regierung zu Gunsten seines Sohnes Maximilian. Ludwig lebte noch 
zwanzig Jahre. In der Walhalla fand dann sein Standbild Auf- 
nahme. 
107. König Wilhelm I. von Preußen. 
1. Was durch Einigkeit zu erreichen war, das hatten die Freiheits- 
kriege dem deutschen Volke gezeigt; die Wünsche vieler Vaterlands- 
freunde gingen deshalb darauf hinaus, wieder ein einiges deutsches 
Reich mit einem Kaiser an der Spitze zu schaffen. Dieser Einheits- 
gedanke fand aber auch viele Gegner. Dennoch arbeiteten einsichtsvolle 
Nänner in der Stille unverdrossen an der Einigung, und als im 
Jahre 1848 eine allgemeine Bewegung durch ganz Europa ging, kamen 
auch in Frankfurt am Main Männer aus allen Teilen Deutschlands zu- 
sammen, um aufs neue die Einigung Deutschlands zu bewirken. 
Friedrich Wilhelm IV. von Preußen war zum Kaiser ersehen; 
aber er konnte sich nicht entschließen, die Kaiserkrone anzunehmen, da 
nach seiner Meinung das Volk allein nicht das Recht habe, über die 
Krone zu verfügen. Dem König Wilhelm I. von Preußen war es 
vorbehalten, die Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreiches zu voll- 
ziehen und damit den längstgehegten Wunsch des deutschen Volkes zu 
erfüllen. 
2. Wilhelm I. wurde am 22. März 1797, zur Zeit der Knecht- 
schaft, geboren. Als er mit den Eltern vor Napoleon fliehen mußte, 
sprach die Mutter: „Weint meinem Andenken eine Thräne; aber be- 
gnügt euch nicht mit Thränen, sondern handelt! Werdet Männer!“" 
Wilhelm ist ein Mann geworden und hat als solcher gehandelt. 
Bereits als Jüngling hat er den Feldzug in Frankreich an der Seite 
des Vaters mitgemacht und ist mit den Siegern in Paris eingezogen. 
1829 verheiratete er sich mit der Prinzessin Augusta von Sachsen- 
Weimar; sie bekamen einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn war 
der spätere Kronprinz Friedrich Wilhelm und nachmalige Kaiser 
Friedrich 1II., die Tochter ist die jetzige Großherzogin von Baden. 
Im Jahre 1840 starb Wilhelms Vater, und Friedrich Wilhelm IV. 
wurde König. Da dieser keine Kinder hatte, so war Wilhelm der
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        IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 107 
  
nächste Thronerbe und hieß Prinz von Preußen. Einundzwanzig 
Jahre später starb sein Bruder, und Wilhelm wurde König. In der 
Schloßkirche zu Königsberg setzte er sich am 18. Oktober 1861 die 
Krone auf. Als er aus dem Gotteshause trat und dem Volke sichtbar 
wurde, brach die Menge in jubelndes Hurra aus, worauf der König sein 
Zepter dreimal gegen das Volk neigte. Im Schlosse empfing er die 
Glückwünsche und sprach: „Die Krone kommt mir von Gott; in Demut 
habe ich sie aus seinen Häuden empfangen" Bald nach der Thron= 
besteigung griff König Wilhelm das Werk der Wiedervereinigung 
Deutschlands an und hat es in drei großen Kriegen und einer Menge 
Friedensthaten vollendet. 
108. Der Krieg gegen Dänemark. 
1864. 
1. Die deutschen Herzogtümer Schleswig und Holftein standen 
seit langer Zeit unter der Regierung des Königs von Dänemark. 
Nach dem Rechte der Herzogtümer sollten beide auf ewig ungeteilt 
bleiben und nach eigenen Landesgesetzen regiert werden. Die dänischen 
Könige behandelten indes die Herzogtümer und insbesondere Schleswig 
als dänisches Eigentum und drängten den deutschen Bewohnern dänische 
Art und Sprache auf. Ganz Deutschland war darüber empört und 
sah die nationale Ehre angegriffen. Preußen und Östreich nahmen sich 
der Herzogtümer an. Mitten im Winter 1864 besetzten sie Holstein und 
trieben die Dänen bald auch aus Schleswig. 
2. Die Eroberung der Düppeler Schanzen war die herrlichste. 
Waffenthat in diesem Kriege. — Fußangeln, Eggen, die ihre Spitzen 
nach oben kehrten, Gruben und Pallisaden, an deren Kopfenden sich haar- 
scharf geschliffene Schwerter krenzten, erschwerten hier den Angreifern 
die Annäherung. Vor diesen Hindernissen war ein starker Draht- 
zaun. Auch die gegenüberliegende Insel Alsen war mit Schanz- 
werken versehen. Am 18. April morgens 10 Uhr begann der Sturm. 
Es ertönt ein schmetterndes Hornsignal! Im Augeublicke wiederholt 
es sich auf der ganzen Linie. Mit lautem Hurra und unter den 
kriegerischen Klängen der Musik brechen die Sturmkolonnen im Lauf- 
schritte auf. In wenigen Minuten sind sie am Fuße der Schanzen 
angelangt; die Schützen beginnen ihr wohlgezieltes Feuer. Ihnen folgen 
die Pioniere und Werkmannschaften mit Pulversäcken zur Sprengung 
der Pallisaden, mit Leitern, Brettern, Beilen und anderm Sturm- 
geräte, und wieder in einiger Entfernung die eigentlichen Sturm- 
kolonnen. Im ganzen sind der Stürmenden 9000 Mann. Bald 
knattern auch die Gewehre der Dänen, und ihre Kartätschen sausen 
auf die Preußen herab. Aber nichts vermag den Mut der Stürmenden 
zu erschüttern; jeder ist nur darauf bedacht, der erste auf der Schanze 
zu sein. Die von den Dänen angelegten Bodenhindernisse sind im 
Nu überdeckt; jeder Soldat hat zu diesem Zwecke einen zur Hälfte ge-
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        108 HIX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Frelheit. 
  
  
füllten Sandsack mitgenommen. Mühsamer ist es, Offuungen in die 
Reihen der Pallisaden zu machen. Aber es gelingt. Eine Schanze 
wird besonders hartnäckig verteidigt; da tritt der Pionier Wilhelm 
Klinke mit seinem Pulversacke vor und ruft: „Durch müßt ihr, Kameraden, 
und wenn es mein Leben kostet“. Er hängt den Pulversack an eine 
Pallisade, entzündet ihn und sinkt tot nieder. Allein die Pfähle sind 
auseinander gerissen, und die Stürmenden dringen ein. Zu einer 
andern Schanze trägt Major von Beeren die Fahne hinan. Schon 
steht er auf der Brustwehr, da trifft ihn die tödliche Kugel. Auf 
einer dritten Schanze pflanzt Feldwebel Probst die Fahne auf. Er. 
wird in den rechten Arm geschofsen; da ergreift er mit der Linken den 
Säbel, um das Siegeszeichen zu schützen; von einer Kugel und einem 
Bajonettstiche tödlich getroffen, sinkt auch er bei der Fahne nieder. 
Solch tapferm Mute mußte das Werk gelingen. Um 12½ Uhr waren 
alle zehn Schanzen in den Händen der Preußen. 
3. Der Kampf ist vorüber; da wird des Feindes gedacht, wie es 
Christen geziemt. Gleich dem verwundeten Kameraden wird er auf- 
gesucht und aufgehoben; das Gewehr wird zur Tragbahre, und der 
Verwundete wird ins Lazarett getragen, wo Brüder des Rauhen Haufes, 
Diakonissen und Johanniter das Werk des barmherzigen Samariters 
an ihm üben. Im Frieden zu Wien entsagte der König von Däne- 
mark allen seinen Rechten auf die Herzogtümer Schleswig, Holstein 
und Lauenburg zu Gunsten des Kaisers von Sstreich und des Königs 
von Preußen. Diese beiden regierten von jetzt ab Schleswig-Holstein 
gemeinfam. 
109. König Marimilian II. von Bayern. 
1848—1864. 
1. „Ich will Frieden haben mit meinem Volke“ — „das Wohl 
und 2|S Glück des bayerischen Volkes ist die Aufgabe meines Lebens; 
sie zu lösen, mein unermüdliches Streben“ — das find zwei göldene 
Worte aus dem Munde dieses Königs, der in sturmbewegter geit den 
Thron seiner Väter erbte. Durch kluge Nachgiebigkeit erzielte er bald 
Ruhe im Lande, und die gleich nach seinem Regierungsantritte er- 
lassenen Gesetze erwarben ihm die Liebe seines Volkes. Um allen 
Ungerechtigkeiten seitens der Beamten vorzubeugen, ward die Ver- 
waltung von der Rechtspflege getrennt. Ferner erhielt das Volf durch 
Einführung der Schwurgerichte wieder Anteil an der Rechtspflege. 
Das Gerichtsverfahren ward öffentlich und mündlich. Der Bauer 
wurde von der Gerichtsbarkeit der Standes= und Gutsherrn befreit und 
durch Abschaffung der Zehnten und Fronden noch selbständiger. Für 
den Ausfall dieser Abgaben bekamen die Grundherren eine Enti chädigung 
aus der Staatskasse. Durch diese Ablösung der Grundlasten verschwand 
der letzte Rest der Leibeigenschaft, und seitdem blüht unser freier 
Bauernstand, der freier Herr seines Bodens ist, zum Wohle des
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        IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
J1— - 
  
  
Vaterlandes. Die Industrie förderte Marimilian durch Einführung 
von Gewerbekammern, Gewerbegesetzen, Fabrikräten und Abhaltung 
von Ausstellungen. Handel und Verkehr hoben sich durch Erbauung 
neuer Eisenbahntinien, durch Herstellung von Telegraphenverbindungen 
und durch Erweiterung der Postverbindungen. 
2 . An seinem Hofe versammelte auch Marimilian die bedeutendsten 
Dichter, Künstler und Gelehrten seiner Zeit. Namentlich lagen ihm die 
Naturwissenschaften und die vaterländische Geschichtsforschung sehr am 
Herzen. Im bayerischen Nationalmuseum legte er eine Sammlung 
alles dessen an, was in Bayern von den ältesten Zeiten bis zur 
Gegenwart an künstlerischen Erzeugnissen hervorgebracht wurde. Für 
talentvolle arme Studierende gründete er das Marimilianeum in 
München. · * 
3. „Meine Gesinnung ist deutsch. Nur durch eine feste Ver- 
einigung der deutschen Stämme kann jeder Gefahr von außen be- 
gegnet werden.“ Als die Dänen Schleswig-Holstein bedrückten, da sandte 
auch Maximflian seine Truppen zu Hilfe, und bei Erstürmung der 
Düppeler Schanzen kämpften unter General von der Tann bayerische 
Freiwillige tapfer mit. Der Auslieferung Schleswig-Holsteins an 
Dänemark widersetzte er sich standhaft, und stets trat er für die Rechte 
der Elbherzogkümer ein. Als König Marimilian II. um 10. März 
1864 plötzlich starb, trauerte das ganze Bayernvolk um den dahin- 
gegangenen Friedeusfürsten. 
– — 
110. Ver Deutsche Krieg. 
1866. 
1. Zwischen Östreich und Preußen brachen Streitigkeiten aus 
über den gemeinsamen Besitz Schleswig-Holsteins. Eine Verständigung 
wollte nicht gelingen, und so kam es im Jahre 1866 zum Kriege 
zwischen beiden Staaten. Preußen hatte gegen einen dreifachen Feind 
ziu fümpfen in Norddeutschland gegen Hannover und Hessen; in Süd- 
deutschland gegen Bayern, Würktemberg, Baden und Hessen-Darm- 
stadt; im Südosten, in Böhmen, gegen Ostreich. In Böhmen war 
der schwerste Kampf zu bestehen. Das preußische Heer bestand aus 
drei gesonderten Armeen, die fast gleichzeitig in Böhmen einrückten und 
fogleich in den Tagen vom 26. bis zum 29. Juni von Sieg zu Sieg 
gingen. Am 2. Juli traf König Wilhelm in Gitschin ein und über- 
nahm den Oberbefehl. J 6 
2 Am 3. Juli kam es zur Entscheidungsschlacht bei Königgrätz. 
Die Östreicher standen hinter einem kleinen Nebenflusse der Elbe, der 
Bistritz, die hier sumpfige Ufer hat. Zunächst derselben waren die 
Vortruppen in einem großen Halbkreise aufgestellt, hinter ihnen stand 
auf den vom Bistritzthale aufsteigenden Höhen die Artillerie und hinter
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        110 IX. Die Zeit des Ningens nach Einheit und Freiheit. 
  
an den Waldrändern waren umgehauen, um der Jufanterie, die hinter 
denselben stand, als Brustwehren zu dienen. Prinz Friedrich Karl 
kam mit seinem Heere zuerst in die Schlacht; sie begann morgens um 
8 Uhr. Unter dem Schutze der preußischen Kanonen rückte die In- 
fanterie vor. Bald war der Ubergang über die Bistritz bei Sadowa 
erzwungen; aber damit waren die preußischen Truppen auch in das 
vernichtende Granatfener der Ostreicher gekommen. Der größte Helden- 
mut gehörte dazu, hier auszuharren. Schritt für Schritt ernenerte 
sich der Kampf um die Dörfer und Waldstrecken des Bistritzthales. 
von Stunde zu Stunde wuchs die Gefahr; aber die Anwesenheit des 
Königs, der die Gefahren und Anstrengungen seines Heeres teilte, 
begeisterte die Truppen immer wieder aufs neue. Der Kronprinz war 
mit seinem Heere am weitesten zurück, er konnte deshalb nicht von 
Anfang her am Kampfe teilnehmen. Der strömende Regen und der 
durchweichte Boden erschwerten das Vorrücken; dazu stieg die Straße 
von Höhe zu Höhe steiler auf. Endlich, um 2 Uhr nachmittags, traf 
der Kronprinz ein, und nahm sogleich am Kampfe teil. Die Östreicher 
erkannten nun, daß die Schlacht für sie verloren sei, und gingen 
sliehend auf die Festung Königgrätz zu. 
3. Nun verfolgten die Sieger die immer weiter zurückweichende 
östreichische Armee in der Richtung gegen Wien. In Nikolsburg, 
12 Meilen von Wien, nahm der König sein Hauptquartier und er- 
wartete das Ende der Friedensverhandlungen. Auch in Süddeutschland 
hatten die Preußen über die hessischen und bayerischen Truppen gesiegt 
und drangen bis nach Würzburg und Nürnberg vor. Der Nikols- 
burger Waffenstillstand beendete am 2. August die Feindfeligkeiten. 
I11. Ver Norddeutsche Bund. 
Die Friedensverhandlungen zwischen Preußen und Ostreich wurden 
zu Prag gepflogen. OÖstreich mußte danach ganz aus dem Deutschen 
Bunde austreten, auf jede Einmischung in deutsche Angelegenheit 
verzichten und 60 Millionen Mark Kriegskosten bezahlen. Seitdem 
ist Ostreich ein Kaiserreich für sich und Wien seine Hauptstadt; Berlin 
aber ist Deutschlands Hauptstadt geworden. Hannover, Kurhessen mit 
Nassau und Frankfurr a. M., die zu Östreich gehalten hatten, sowie 
Schleswig-Holstein wurden dem preußischen Staate einverleibt und 
galten fortan als preußische Provinzen. Im Berliner Frieden mußte 
Bayern an Preußen 30 Millionen Gulden Kriegsentschädigung ent- 
richten und mehrere Bezirke (Orb, Gersfeld) mit etwa 34000 Ein- 
wohnern abtreten. An Stelle des Deutschen Bundes trat nun der 
Norddeutsche Bund, zu dem sich zweiunndzwanzig norddeutsche Staaten 
unter Preußens Führung vereinigten. Außerdem wurde ein Schutz- 
und Trutzbündnis mit den süddeutschen Staaten abgeschlossen. Beide 
wurden durch die Mainlinie getrennt; bald sollte auch diese letzte 
Scheidewand fallen.
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        IX. Die Zeit des Ningens nach Einheit und Freiheit. 111 
  
— 
112. Aulaß und Vorbereitung zum Kriege gegen 
Frankreich. 
1870. 
1. Die Erfolge Preußens ließen den Franzosen keine Ruhe. 
Ein neuer Krieg stand vor der Thür; der Vorwand dazu war bald 
gefunden. Die Spanier hatten ihre Königin vertrieben und boten die 
Krone ihres Landes dem Prinzen Leopold von Hohenzollern, einem 
weitläufigen Verwandten des Königs Wilhelm, an. Das erregte die 
Eifersucht der Franzosen; ihr Kaiser, Napoleon III., ließ durch 
seinen Minister erklären, Frankreich dürfe es nicht dulden, daß ein 
Hohenzoller den spanischen Thron besteige. Um Deutschland nicht in 
einen Krieg zu verwickeln, verzichtete der Prinz auf die spanische 
Krone. Aber das war den Franzosen nicht genug: der französische 
Gesandte Benedetti wurde beauftragt, vom König Wilhelm die be- 
stimmte Versicherung zu verlangen, daß er nie seine Einwilligung dazu 
geben werde, wenn abermals ein hohenzollernscher Prinz zum König 
von Spanien gewählt werden sollte. Der König, der sich damals ge- 
rade in Ems aufhielt, wies den Gesandten mit seiner beleidigenden 
Forderung ab. Da sandte Franfreich die Kriegserklärung, welche am 
19. Juli dem Reichstage des Norddeutschen Bundes vorgelegt wurde. 
2. Ein Sturm der Begeisterung ging durchs ganze deutsche Land. 
Wieder leerten sich wie 1813 Schulbänke und Lehrstühle; verlassen standen 
Pflugschar und Kaufladen; vom Herrensitz und aus niederer Hütte eilte 
alles zu den Fahnen, um in demselben Heere für dasselbe Ziel zu kämpfen. 
Ein allgemeiner Bettag sammelte Volk und Heer in den Gottes- 
häusern, um die Hilfe des Höchsten zu erflehen. Mit Gottvertrauen 
und Kampfesmut scharten sich die Krieger um ihre Fahnen. Die 
feurigen Dampfrosse führten Taufende gen Westen. Aus den Wagen 
erscholl es: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die 
Wacht am Rhein". Auf allen Bahnhöfen wurden die Krieger mit 
lautem Zuruf empfangen, Männer und Frauen eilten herbei und boten 
ihnen Erfrischungen dar. In etwa vierzehn Tagen ftand fast eine 
halbe Million Krieger schlagfertig dem Feinde gegenüber, während noch 
ebensoviele zum Ersatze bereit waren. 
3. Das Heer bestand wieder aus drei Armeen. Am weitesten 
nach Norden zu, im südlichen Teile der Rheinprovinz, stand die erste 
Armee unter dem General von Steinmetz; das Centrum wurde von 
der zweiten Armee unter Führung des Prinzen Friedrich Karl ge- 
bildet, und die dritte Armee, aus Bayern, Württembergern, Badensern 
und Preußen zusammengesetzt, führte der Kronprinz von Preußen. 
Am 31. Juli ging König Wilhelm zur Armee ab, um selbst den Ober- 
befehl zu übernehmen.
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        112 IK. Die Zeit des Mingens nach Einheit und Freiheit. 
+½ E . ie · * . 
113. Anfang des Krieges gegen Frankreich. 
1. Nach einigen kleinen Vorpostengefechten begann der Krieg am 
2. August, als 30000 Franzofen mit 36 Geschützen vor den Grenzort 
Saarbrücken rückten. Die Stadt war nur mit 900 Mann und 2 Ka- 
nonen besetzt. Der Ubermacht weichend, zog sich die Besatzung nach 
mehrstündigem Kampfe zurück. Doch schon Überschritt der Kronprinz 
Friedrich Wilhelm mit seiner Armee die Grenze des Elsaß und stieß 
zwei Tage später bei Weißenburg auf den Feind. Nach vierstündigem 
Kampfe und zweimaligem Aulaufe war die Stadt genommen. Nun galt 
es, den wohlverschauzten und hartnäckig verteidigten Geisberg zu nehmen. 
Auch das gelang. Uber 800 Mann, darunter viele Zuaven und Turkos, 
fielen in die Hände der Deutschen. Das war unfer erster Sieg, ge- 
wonnen am 4. August. Schon nach zwei Tagen erfocht der Kronprinz 
einen neuen Sieg bei Wörth, glänzender und erfolgreicher als der erste. 
Mac Mahon, der französische Feldherr, zog sich zurück, und hinter ihm 
klang's spottend: 
Mac Mahon, Mac Mahon, 
Fritze kommt und hat ihn schon; 
seine großen Kugelsprinen 
konnten ihm doch all nichts nügen. 
Nach diesen Siegen begann die Belagerung von Straßburg, 
2. Zu derselben Zeit erfochten Teile der ersten und zweiten Armee# 
einen Sieg bei Spichern in der Nähe von Saarbrücken. Südwestlich 
von dieser Stadt erhebt sich der Spichernberg mit jähen Abhängen, 
schroffen Vorsprüngen und kahler Hochfläche. Dem Rande der Hoch- 
fläche entlang hatte sich der Feind in Schützengräben eingenistet, 
welche 1½ Meter tief in das Erdreich schnitten. Der Kamm der 
Höhe war mit Kanonen und Mitrailleusen dicht befetzt. Die mutigen 
Krieger erklommen, auf das Gewehr sich stützend und an jedem Busche 
und Strauche sich anklammernd, in brennender Sonnenhitze auf ver- 
schiedenen Seiten den steilen Hang. Nun erreichte der Kampf seinen 
Höhepunkt; an vielen Stellen gerieten Mann gegen Mann mit Kolben 
und Bajonett aneinander, und die Schützengräben füllten sich mit 
Toten. Unter unsäglichen Anstrengungen gelang es den Unsern auch, 
auf schmalem Bergpfade zwei Batterien in die Höhe zu schaffen. 
Erst am späten Abend war der Feind auf allen Punkten geworfen; die 
ganze französische Armee hatte Kehrt gemacht und ihren Rückzug nach 
Metz angetreten. * 
114. Die Schlacht um Metz. 
I1. Es galt jetzt, den Feind rastlos zu verfolgen. Am 14. Augufk 
traf die erste Armee nach anstrengendem Eilmarsche auf die nach Verdun 
abziehenden Franzosen bei Courcelles ostwärts von Metz. Der Feind 
wurde geschlagen und in die Festung Metz zurückgedrängk. Als der 
französische General Bazaine in der Nacht darauf den Rückzug nach
        <pb n="125" />
        IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 113 
Verdun antrat, befand sich die zweite Armee bereits auf dem Marsche 
von Pont à Mousson nach der Straße Metz-Verdun. Schon am 
Morgen des 16. August trafen ihre Spitzen bei Mars la Tour und 
Vionville, zwei Meilen westlich von Metz, auf den Feind. Mit gewal- 
tiger Kraftanstrengung wurde er gefaßt und auf Metz zurückgeworfen. 
Der gerade Rückzug nach Verdun war ihm verlegt. 
2. Bazaine wollte den Durchbruch noch einmal versuchen. Er 
hatte eine neue und sehr feste Stellung eine Meile westlich von Metz. 
auf dem sehr bergigen Gelände von Gravelotte eingenommen. Da 
er am 17. August nicht anzugreifen wagte, so benutzte König Wilhelm 
diesen Tag, die Truppen, welche noch auf dem rechten Moselufer 
standen, heranzuziehen, um dann die Franzosen nach Metz zurück- 
zuwerfen. Der überaus heiße Kampf beginnt gegen Mittag des 
18. August. Unter schweren Verlusten gehen die Deutschen gegen 
die verschanzten Höhen vor. Auf beiden Seiten wird mit großer 
Tapferkeit gekämpft. Tote häufen sich auf Tote in den Schluchten, 
an den Abhängen, in den Dorfgassen. Moltke fendet den Befehl 
ab, der Angriff solle jetzt nicht wiederholt werden; da frürzen schon 
die zertrümmerten Bataillone unserer braben Krieger den Abhang 
herab; immer wuchtiger drängen die Franzosen vor. Erst als die 
Sachsen und Garden kommen, die weiter zurücck gestanden hatten, bringen 
sie den Feind auf seinem rechten Flügel zum Weichen. Gleichzeitig 
geht auch das Centrum siegreich vor, und als dann noch die Pommern 
kommen, die bereits seit zwei Uhr morgens auf dem Marsche gewesen 
sind, da ertönt durch alle Schluchten und von allen Hügeln des 
weiten Schlachtfeldes das Signal: das Ganze vorschreiten! Ein lautes, 
allgemeines Hurra begrüßt den Klang. Es geht vorwärts, immer 
weiter hinan, hinauf, und wie die Feinde sich auch sträuben, sie müssen 
weichen, hinunter von den Höhen, weit über Gravelotte hinaus, in 
die Festungswerke von Metz hinein. Moltke kommt erhitzt aus dem 
Schlachtgetümmel zum Könige geritten und berichtet: „Majestät, der 
Sieg ist unser; der Feind ist auf allen Punkten geschlagen“. 
3. Der beste Teil des französischen Heeres war in die Festung 
gedrängt, und es war nun Aufgabe der Deutschen, Metz samt der 
feindlichen Armee einzuschließen. Diese Aufgabe erhielten die erste 
und zweite Armee, zusammen 160000 Mann, unter dem Oberbefehle 
des Prinzen Friedrich Karl. Außerdem wurde eine vierte Armee ge- 
bildet, die mit der dritten weiter nach Westen gehen sollte, wo sich 
bei Chalons ebenfalls eine neue französische Armee gebildet hatte. 
.. . —.—.. * 
115. Der Tag von Sedan. 
1. Mac Mahon hatte aus Paris den Befehl erhalten, mit seinem 
Heere Bazaine zu Hilfe zu eilen und die Belagerten in Metz zu ent- 
setzen. Er marschierte zu diesem Zwecke in einem nach Norden aus- 
weichenden Bogen auf Metz zu. Die Deutschen wurden aber durch 
8
        <pb n="126" />
        114 K. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Fretheit. 
  
Patronillen bald von diesem Unternehmen unterrichtet und schoben 
sich zwischen Metz und die französische Armee. Am 27. Angust stieß 
der deutsche Vortrab zum erstenmale mit demjenigen der französischen 
Armee zusammen; am 30. wurde der linke Flügel der französischen 
Armee geschlagen, und schon am 31. blieb den Franzosen nur noch 
die Möglichkeit, entweder auf belgisches Gebiet überzutreten und hier 
die Waffen zu strecken oder hinter der Maas bei Sedan eine Ver- 
zweiflungsschlacht zu liefern. Sie versuchten das letztere. 
2. Der Kampf begann trotz dichten Rebels schon früh am Morgen 
des 1. September; in den Dörfern mußte Haus für Haus genommen 
werden. Sehr tief eingeschnittene Schluchten mit Wäldern erschwerten 
das Vorgehen unserer Infanterie. Dennoch wurde der Feind in 
Sedan und Umgebung zusammengedrängt, und nun blieb nichts 
übrig, als die Stadt zu beschießen; 500 Geschütze umstanden sie. 
Da erschien auf den Mauern der Feftung eine weiße Flagge. König 
Wilhelm gebot, das Feuer einzustellen, und sandte einen Unter- 
händler ab, um Armee und Festung zur Ubergabe aufzufordern. Der 
Unterhändler wurde eingelassen und sogleich vor den Kaiser geführt. 
Als Napoleon den Auftrag vernommen hatte. sandte er an König 
Wilhelm einen Brief, dessen kurzer Inhalt lautete: „Da ich nicht 
inmitten meiner Armee habe sterben können, so übergebe ich Ew. 
Mafestät meinen Degen“. · 
3. Den folgenden Morgen kam Napoleon im offenen Wagen aus 
Sedan gefahren, um den König Wilhelm zu sprechen. Es folgte der 
Ubergabevertrag, mittelst dessen etwa 83000 Franzosen mit allem, was 
sie hatten, unsere Gefangenen wurden. Napoleon ging mit allen 
seinen Hofleuten, Pferden und Wagen als Gefangener nach Wilhelms- 
höhe bei Kassel. 
116. Ende des Krieges gegen Frankreich. 
1. Die Franzosen hatten Frankreich für unüberwindlich gehalten. 
Als aber ihre Heere Schlag auf Schlag erlitten, stieg die Unzufrieden- 
heit mit dem Kaiser immer höher, und als die Niederlage von Sedan 
und Napoleons Gefangennahme bekannt wurden, da war kein Halten 
mehr: am 3. September wurde in Paris die Republik erklärt. Die 
republikanische Regierung beschloß, den Krieg mit aller Kraft fort- 
zusetzen. So blieb den Deutschen nichts andres über, als noch gegen 
Paris zu ziehen. Mitte September begann die Einschließung der 
Stadt durch die dritte und vierte Armee. König Wilhelm hatte sein 
Hauptquartier in Versailles genommen. Der Blick richtete sich nun 
vorzugsweise auf die Städte Paris, Metz und Straßburg. 
2. Die Belagerung Straßburgs brachte für die Stadt eine Zeit 
furchtbarer Drangsal. Selbst das ehrwürdige Münster konnte nicht. 
ganz verschont werden. Am 27. September ergab sich der Kom- 
mandant Uhrich mit seiner Besatzung. Ganz Deutschland freute sich,
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        IX. Die zZeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 115 
  
  
daß es eins seiner besten Glieder wiedergewonnen hatte. Länger 
verzog sich die Ubergabe von Metz. Diese Festung ist eine der stärksten; 
ihre Belagerung erforderte daher die Anstrengung aller Kräfte und 
eine unermüdete Ausdauer. Die Unsern lagerten zum großen Teile 
auf dem bloßen, von anhaltenden Negengüsen aufgeweichten Boden 
und hatten bei dem Mangel an warmer Kleidung viel zu leiden. In 
der Stadt begannen Hunger und ansteckende Krankheiten zu wüten. 
Wiederholt machte Bazaine heftige Ausfälle, die zurückgeschlagen 
wurden. Nach fiebzigtägiger Belagerung übergab auch er die Festung. 
Damit fiel abermals eine Armee von 180000 Mann und viel Kriegs- 
geräte in unsere Hände. 
3. Ein Teil des Belagerungsheeres ging nach dem Norden Frank- 
reichs, während Prinz Friedrich Karl mit dem andern der Loire zuzog. 
Die Belagerten rechneten nämlich auf die Hilfe der neuen Armeen, 
welche im Süden, Westen und Norden Frankreichs eiligst gebildet 
worden waren; diese mußten von Paris fern gehalten werden. Die 
Aufgabe war schwierig; denn Paris ist die größte Festung der Welt. 
Der Einschließungsring unserer Truppen hatte eine Ausdehnung von 
zwölf Meilen. Dadurch wurde ein gefährlicher Vorpostendienft nötig. 
Neben steter Erwartung feindlicher Ausfälle mußten unsere Krieger 
drückende Entbehrungen ertragen, zu denen sich später Regen, Schnee 
und Kälte gesellten. Das vermochte aber nicht ihren freudigen 
Kampfesmut zu brechen; alle Versuche der Pariser, durchzubrechen, 
waren vergeblich. Mit dem 27. Dezember begann die Beschießung 
der Stadt, und am 28. Januar 1871 mußte die französische Regierung 
Paris übergeben. Damit war der gewaltige Kampf glücklich beendigt. 
4. In dem bald folgenden Friedensschlusse zu Frankfurt am Main 
trat Frankreich Elsaß und Deutsch-Lothringen an Deutschland ab und 
verpflichtete sich zur Zahlung von 5 Milliarden Franken (4000 Mil- 
lionen Mark) Kriegskoften. 
117. Vie Wiederaufrichtung des deutschen 
Kaiserreichs. 
18. Jannar 1871. 
I. Im Schlosse des Königs von Frankreich zu Versailles wurde 
am 18. Jannar 1871 durch eine feierliche Handlung König Wilhelm 
von Preußen als Deutscher Kaiser ausgerufen. Unter all der prahle- 
rischen Eitelkeit des Schlosses ftand ein bescheidener Altar mit zwei 
brennenden, goldenen Kronleuchtern und davor ein preußischer Geist- 
licher in schmucklosem, einfachem Anzuge. Ihm gegenüber hatten der 
König, der Kronprinz und viele fürstliche Gäste Platz genommen. 
Bismarck und Moltke standen in der Nähe deß Königs. Ein Soldaten- 
sängerchor leitete die kirchliche Feier durch Gesang mit Posannen= 
begleitung ein; dann erfolgte das Kommando: „Helm ab zum Gebetl“. 
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        <pb n="128" />
        118 IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Fretheit. 
  
und der Geistliche verlas den gerade auf diese Feier so passenden 
21. Psatm: „Du überschüttest ihn mit gutem Segen, du setzest eine 
goldene Krone auf sein Haupt Hdu setzest ihn. zum Segen 
ewiglich denn der König hofft auf den Herrn und wixd durch 
die Güte des Höchsten fest bleiben Sie gedachten dir Ubles zu 
thun und machten Anschläge, die sie nicht konnten ausführen * Mit 
einem brausenden „Nun danket alle Gott!" schloß die kirchliche Feier 
2. Dann erhob sich der König und schritt auf die Erhöhung, 
wo alle Fahnenträger standen. Der Kronprinz stellte sich zu seiner 
Rechten der Bundeskanzler zu seiner Linken, die Fürsten traten hiuter 
ihn. Mit bewegter Stimme sagte der König, daß ihm die Kaiserkrone 
von allen deutschen Fürsten, freien Reichsstädten und den Vertretern 
des Norddentschen Bundes angetragen worden sei, und daß er sie an- 
nehme. In diesem Sinne erlasse er heute folgende Bekanntmachung 
an das ganze deutsche Volk: „Wir übernehmen die kaiserliche Würde 
in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die Rechte des 
Reiches und feiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die 
Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines 
Volkes, zu verteidigen. Wir nehmen fie an, in der Hoffnung, daß 
es dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner opfer- 
mütigen Kämpfe in dauerndem Frieden zu genießen. Uns aber und 
unsern Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit 
Mehrer des Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern 
an den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler 
Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung“. 
3. Nach dieser Bekanntmachung trat der Großherzog von Baden 
vor und rief mit lauter Stimme: „Es lebe hoch König Wilhelm, der 
Deutsche Kaiser!“ Unter dem Jubelrufe der großen Versammlung 
ward manches Auge naß, und dem greisen Kaiser stürzten die hellen 
Thränen aus den Augen. Durch ganz Deutschland aber ging ein 
Jubel über die endliche Erfüllung der Sehnsucht des Volkes; die alte 
Sage von der Wiederkehr Barbarofsas war zur Thatsache geworden: 
„Als Friedrich ging er schlafen, 
als Wilhelm stand er auf 
und führt die deutschen Waffen 
zu neuem Siegeslauf“. 
4. Dem greisen Kaiser Wilhelm war es nun eine Lust, die Wohl- 
fahrt des dbeusschen Volkes unter seiner Regierung blühen und gedeihen 
zu sehen. Als Vater des Vaterlandes preisen ihn die Deutschen, und 
als ersten unter gleichen verehrten ihn die Fürsten Europas. Ein schwerer 
Schlag war es darum für Deutschland und eine traurige Botschaft für 
die ganze Welt, als am Morgen des 9. März 1888 der Telegraph 
die Kunde verbreitete: „Kaiser Wilhelm ist gestorben". Er, der noch 
auf dem Sterbebette gemeint hatte: „Ich habe keine Zeit müde zu 
sein“, war nach langem freude= und leidvollem Leben zur ewigen Ruhe 
eingegangen, nachdem er noch achtzehn Jahre die Kaiserkrone getragen 
hatte. Sein Andenken wird in Deutschland nie erlöschen.
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        IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Fretheit. 117 
  
118. BLismarch, Moltke, Noon. 
1. Zu den Männern, die als getreue Helfer und Ratgeber Kaiser 
Wilhelms I. die deutsche Einheit erringen halfen, gehören an erster 
Stelle Fürst Otto von Bismarck, Graf Helmuth von Moltke und der 
damalige Kriegsminister Albrecht von Norn. Ihre Namen werden 
darum dem deutschen Volke unvergeßlich sein. 
2. Bismarck wurde am 1. April 1815 im alten Schlosse zu Schön- 
hausen in der Provinz Sachsen geboren. Mit dem Jahre 1862 beginut 
sein bedeutfamster Lebensabschnitt; er wurde Ministerpräsident und 
erlangte damit die höchste Würde, die nächst der königlichen im 
preußischen Staate zu erlangen ist. Dieses Amt legte ihm aber so 
schwere Pflichten auf, daß König Wilhelm einst sagte: „Ich sehe weit 
genug von meinem Schlosse, um auf dem Platze davor Ihr Haupt 
fallen zu sehen". Bismarck erwiderte: „Majestät, kann ich mir 
denn einen schöneren Tod denken, als diesen oder auf dem Schlacht- 
felde?" Bei den Kämpfen der Staatsmänner, die den Kriegen von 
1864 und 1866 vorausgingen, hat sich Bismarcks Gewandtheit be- 
sonders erprobt, so daß Preußen immer als Sieger aus diesen Kämpfen 
hervorgehen konnte. Aus Dankbarkeit erhob ihn der König deshalb 
1 ##in den erblichen Grafenstand. In dem 1866 geschaffenen Nord- 
deutschen Bunde wurde Bismarck Bundeskanzler; als solcher hielt er 
es für seine nächste Aufgabe, die weitere Einigung Deutschlands 
auf friedlichem Wege erstreben zu helfen. Als diese Arbeit 1870 durch 
den Krieg mit Frankreich unterbrochen wurde, begleitete er seinen 
Herrn, verhandelte mit den französischen Staatsmännern über die 
Friedensbedingungen und verkündete der. Welt vom Versailler Königs- 
schlosse aus, daß Deutschland wieder ein Kaiserreich und König Wilhelm 
von Preußen sein erster Kaiser geworden sei. Nach der Rückkehr 
wurde Bi#smarck in den Fürstenstand erhoben und erhielt aus dem 
Grundbesitze des Herzogtums Lauenburg den Sachsenwald mit Friedrichs- 
ruhe zum Geschenk. In dem neu geschaffenen deutschen Reiche war 
Bismarck erster Kanzler. Wie ein Wächter stand er auf der Zinne der 
neuen deutschen Burg und hatte ein scharfes Auge auf alles, was 
drinnen im Reiche und außen um dasselbe vorging. Und als uns 
einst neidische Nachbarn durch Drohungen schrecken wollten, da sprach 
er, daß es weit hinaus schallte: „Wir können durch Liebe und Wohl- 
wollen leicht bestochen werden, aber durch Drohungen ganz gewiß 
nicht. Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt“. 
Hürnt Bismarck starb im Jahre 1898, betrauert vom ganzen deutschen 
Volke. « 
3. Moltke ist am 26. Oktober 1800 in dem mecklenburgischen 
Städtchen Parchim geboren. Er wurde Offizier und zeigte große 
Tüchtigkeit. Mit Vorliebe beschäftigte er sich mit dem Aufmarsche der 
Armee und deren Führung im Kriege. Auf Moltkes Rat richtete 
König Wilhelm im Jahre 1866 die volle Kraft Preußens gegen OÖstreich.
        <pb n="130" />
        118 IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
  
—— — ———— 
Nach seinem Kriegsplane strebten die einzelnen Armeen und Heeres- 
abteilungen auf den verschiedensten Wegen demselben Ziele zu, um dann 
mit vereinten Kräften den Feind zu schagen. Als im Jahre 1870 
der Krieg gegen Frankreich begann, hatten Moltke und Roon alles 
so sicher und genau vorbereitet, daß kaum zwei Wochen nach der 
französischen Kriegserklärung drei große, deutsche Heere schlagfertig am 
Rheine standen. Im Gefolge des Königs zog Moltke in den Krieg 
und leitete vom großen Hauptauartiere aus die Bewegungen der Armeen. 
Seine Pläne waren so sorgfältig überlegt, daß der Erfolg nach mensch- 
licher Berechnung nicht ausbleiben konnte. Nach dem Kriege ernannte 
Kaiser Wilhelm den weisen Schlachtenlenker zum Generalfeldmarschall, 
schmückte ihn mit den höchsten Orden und ließ keine Gelegenheit 
vorübergehen, ihn mit Beweisen seiner Gnade zu erfreuen. Wo er 
sich sehen ließ, kubelte ihm das Volk entgegen; sein Bild schmückt 
Palast und Hütte. Dennoch verlor der große Mann seine Einfachheit 
und Bescheidenheit nicht. Alle Lobeserhebungen wies er mit den 
Worten zurück: „Ich habe meine Pflicht gethan, weiter nichts!“ 
Erst im hohen Alter trat Moltke in den Ruheftand. Am 24. April. 
1891 starb er und liegt auf seinem Gute zu Kreisau in Schlesien be- 
zerten- Sein Name soll uns sein Losungswort stets ins Gedächtnis 
rufen: 
„Alle Zeil treu bereit für des Reiches Herrlichkeit!“ 
4. Roon wurde am 30. April 1803 zu Pleushagen bei Kolberg 
geboren. Er hat wie Moltke sein ganzes Leben dem Soldatenstande 
gewidmet und ist auch wie dieser zu den höchsten militärischen Ehren- 
stellen emporgestiegen. Roon war fortgesetzt thätig, der deutschen 
Armce die Stärke und Tüchtigkeit verschaffen zu helfen, der sie bedurfte, 
um dem Feinde mit der größten Schnelligkeit und siegreich widerstehen 
zu können. Als Wilhelm I. im Jahre 1858 Prinzregent wurde. 
überreichte ihm Rovon eine Denkschrift, in der er die Schäden der da- 
maligen Wehrverfassung dargelegt und Verbesserungsvorschläge ge- 
macht hatte. Darqaufhin wurde er Mitglied einer Kommission, die 
berufen war, eine neue Heeresverfassung auszuarbeiten. In demselben 
Jahre wurde er auch Kriegsminister. Als solcher hat er, vereint mit 
Moltke und Bismarck, an den Kämpfen der Staatsmänner und Volks- 
vertreter in den gesetzgebenden Körperschaften und an den Kämpfen 
der Armee auf den Kriegsschauplätzen teilgenommen und zum Siege 
der preußischen und deutschen Waffen das Seinige redlich beigetragen. 
Als Staatsmann ist er wegen seiner Tüchtigkeit bis zu dem höchsten 
Amte, das in Preußen erlangt werden kann, gestiegen; des Königs 
und Kaisers Lob und Anerkennung find auch ihm reichlich zuteil ge- 
worden. Zwei Jahre nach dem großen Kriege ging er in den wohl- 
verdienten Ruhestand und ist 1879 gestorben.
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        IX. Die Zeit des Ningens nach Einheit und Freiheit. 119 
–l7?"7 
  
119. König udwig lII. von Bayern. 
1864—1886. 
1. Als Jüngling von 19 Jahren kam Ludwig II. in die ver- 
antwortungsvolle Stellung eines Königs. Er nahm sich seinen edlen 
Vater zum Vorbilde und suchte gleich ihm des Volkes Wohlfahrt zu 
fördern. Als echter Wittelsbacher fand die Kunst an ihm einen großen 
Freund. Die Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee 
sind glänzende Zeugen seiner Thätigkeit. Um eine bessere Aus- 
bildung der Volksschullehrer zu ermöglichen, rief er die Präpa- 
randenschulen in's Leben. Ferner gründete er Realgymnasien und 
errichtete in München die polytechnische Hochschule. Als aus An- 
laß des Jubiläums der 700 jährigen Regierung der Wittelsbacher 
in Bayern eine großartige Stiftung für Unterstützung von Ar- 
beitern, Lehrlingen, Gesellen, Kunsthandwerkern u. a. gemacht wurde, 
da schrieb König Ludwig die schönen Worte: „Indem wir der 
aus Anlaß des Jubiläums der 700 jährigen Regierung unseres 
Hauses errichteten, den Namen der Wittelsbacher tragenden Landes- 
stiftung hiemit unsere landesherrliche Bestätigung erteilen, geben wir 
uns der Erwartung hin, daß diese Stiftung in steter Mehrung ihrer 
Mittel dem bayerischen Handwerke zu friedlichem Wertkampfe, zu 
wachsender Blüte und zu sich steigerndem Wohlstande dauernde Quellen 
der Förderung erschließen und so zum Nutzen und Frommen unseres 
vielgeliebten Bayernlandes wirken werde“ 
2. In dem Kriege von 1866 stand Bayern auf der Seite 
Östreichs. Trotz des für Bayern unglücklichen Ausganges dieses Krieges 
hegte König Ludwig keinen Groll gegen den Sieger. Dies zeigte 
sich glänzend bei der Kriegserklärung der Franzosen an Preußen. 
Deutschlands Größe war der Zielpunkt seines Lebens, und deshalb 
schloß er sich Preußen an, den anderen deutschen Fürsten ein leuchten- 
des Beispiel gebend. Als ihm König Wilhelm von Preußen für 
seinen Beistand dankte, da telegraphierte Ludwig zurück: „Mit Be- 
geisterung werden meine Truppen an der Seite #ihrer ruhmgekrönten 
Waffengenossen für deutsches Recht und deutsche Ehre den Kampf 
aufnehmen. Möge er zum Wohle Deutschlands und zum Heile 
Bayerns werden!“ Das bayerische Heer erwies sich dieser Worte 
würdig. Unter der Leitung des prenßischen Kronprinzen Friedrich 
Wilhelm und der bayerischen Generale Hartmann, von der Tann, 
Bothmer u. a. kämpfte es mit Ruhm, und die Schlachten von 
Weißenburg, Wörth, Bazeilles, Orleans, Coulmiers und Paris find 
Ehrentage der bayerischen Truppen und ihrer Führer. Seine kern- 
deutsche Gesinnung bekundete König Ludwig auch dadurch, daß er im 
Namen der deutschen Fürsten und der freien Städte Deutschlands dem 
Könige von Preußen die deutsche Kaiserkrone antrug. Seitdem 
ist Bayern ein Glied des neuen deutschen Reiches, als dessen Mit- 
begründer König Ludwig angesehen werden muß. Sein jäher Tod am 
13. Juni 1886 wurde vom ganzen Lande aufs innigste beklagt.
        <pb n="132" />
        120 IX. Die Zeit des Ringens nach Einheit und Freiheit. 
–—–. — 
120. Kaiser Friedrich III. 
1888. 
1. Friedrich III., Wilhelm I. Sohn, hat als Kronprinz an dem 
Werke der Einigung des deutschen Volkes teilgenommen. Durch sein 
freundliches Wesen, seine Tüchtigkeit als Feldherr und seine helden- 
hafte Gestalt ist er der Liebling des deutschen Volkes geworden. — 
Der 18. Oktober 1831 ist sein Geburtstag. In Glück und Frieden 
floß die Kindheit des Prinzen dahin. Im siebzehnten Lebensjahre bezog 
er die Univerfität Bonn. Nach Vollendung seiner Studien unternahm 
er Reisen. Dann trat er in den praktischen Dienst. Als dies ge- 
schah, sprach der Vater zu den Offizieren: „Ich übergebe Ihnen 
meinen Sohn in der Hoffnung, daß er Gehorsam lernen wird, um 
einst befehlen zu können. Ich hoffe, er wird seinem Namen und 
seiner Armee Ehre machen" Zu seinem Sohne aber sprach er: „Thue 
Deine Schuldigkeit!“ Und er hat sie gethan. 
2. Im Jahre 1858 vermählte sich Friedrich Wilhelm mit der 
Prinzessin Viktoria von England. Als sein Vater im Jahre 1861 
König von Preußen wurde, erhielt Friedrich Wilhelm den Titel: „Kron- 
prinz von Preußen". Seine Kinder erzog der Kronprinz in Liebe 
und Ernst. Gein spielte er mit ihnen umher, duldete jedoch niemals 
Unarten. Alljährlich fanden im Schloßgarten zu Potsdam Kinder- 
feste statt, wozu auch die Kinder des nahen Dorfes Bornstedt geladen 
wurden. Der Kronprinz bewegte sich dann fröhlich unter der fröh- 
lichen Kinderschar; und die Kronprinzessin war wie eine geschäftige 
Hauemutter bald hier, bald da, um überall nach dem Rechten zu 
sehen. In der Schwimmanstalt zu Potsdam durften die Knaben auch 
mit dem Kronprinzen baden. Wie kleine Fische schwammen sie um ihn 
her; und manchmal nahm er einen Vorwitzigen unter seinen Bade- 
mantel und tauchte mit ihm unter, während die Ubrigen jubelten. 
3. Mit den Soldaten teilte der Kronprinz im Kriege alle Freuden 
und Leiden. Nach dem Kampfe besuchte er die Verwundeten in den 
Lazaretten, und war dabei, wenn sich die Gräber für die gefallenen 
Helden öffneten. Mit blutendem Herzen zog er in den Krieg gegen 
OÖstreich; denn er ließ einen todkranken Sohn daheim und erhielt 
unterwegs die Nachricht, daß sein Liebling gestorben sei. Am Abend des 
Tages von Königgrätz trafen Vater und Sohn auf dem Schlachtfelde 
zusammen. Unter Freudenthränen schloß der König seinen ritterlichen. 
Sohn in die Arme und heftete ihm den Orden pour le mérite auf 
die Brust. Als der Krieg gegen Frankreich begann und der Kron- 
prinz durch Süddeutschland reiste, wurde er überall mit Jubel begrüßt; 
besonders erhebend gestaltete sich sein Empfang in München. Nach 
der Kaiserproklamation in Versailles war Friedrich Wilhelm Kronprinz 
des deutschen Reiches geworden. 
4. Mit großer Hoffnung sah das deutsche Volk auf ihn, 
als das hohe Alter Wilhelms I. an des Menschen Sterblichkeit 
—.
        <pb n="133" />
        IX. Die Zeit des Ringens nach Elnheit und Freiheit. 121 
  
erinnerte. Aber noch ehe der Herr dem Leben des Kaisers sein Ziel 
gesetzt, hatte eine tückische Krankheit das Leben des Kronprinzen 
ergriffen. Viele Schmerzen mußte er erdulden; im Norden und Süden 
Europas suchte er vergeblich Hilfe; da traf ihn im sonnigen Italien 
die Kunde, daß er Kaiser geworden sei. Sterbenskrank und todesmatt 
hat er als Friedrich III. die Regierung übernommen und noch neun- 
undneunzig Tage geführt. Dasselbe Jahr, das uns den herrlichen 
Vater nahm hat uns auch den geliebten Sohn entrifsen. Mit stiller 
Wehmut denkt der Deutsche sein und ruft sich gern das Wort in die 
Erinnerung, das er sterbend als Vermächtnis hinterließ: „Lerne leiden, 
ohne zu klagen!"
        <pb n="134" />
        X. Die Gegenwart. 
„Blühe, deutsches Vaterland!“ 
121. Das neue deutsche Reich. 
1. Das deutsche Reich zählt jetzt über fünfzig Millionen Ein- 
wohner. An der Spitze steht der Kaiser, um des Volkes Angelegen- 
heiten in Krieg und Frieden zu regieren. Bei seinem Regierungs- 
antritte schwört er auf die Rrichsverfassung. Die Reicheverfassung ist 
das Reichsgrundgesetz, welches in großen Zügen bestimmt, wie die 
Regierung des Reichs geschehen soll. — Neben dem Aaiser stehen 
selbstherrliche Fürsten, die die Regierung ihrer Länder beforgen, unter 
ihm hohe Reichsbeamte, die des Kaisers Befehle im Reiche vollziehen. 
Die Fürsten müssen bei ihrem Regierungsantritte auf die Landes- 
verfassung schwören und dann ihr Land danach regieren. Der höchste 
Reichsbeamte ist der Reichskanter. Die höchsten Verwaltungsbeamten 
des Landes heisen Minister: sie müssen sich uberall nach den be- 
stehenden Gesetzen richten und sind dem Kaiser und dem Volke in 
gleicher Weise verantwortlich. Alle Beamte müssen bei ihrem Dienst- 
antritte schwören, daß sie das ihnen übertragene Amt getreu und nach 
den bestehenden Vorschriften und Gesetzen verwalten wollen. 
2. Die alten Stände und ihre Unterschiede sind mehr oder 
weniger verschwunden. Die Fürsten streiten nicht mehr wider den 
Kaiser, sondern erkennen gern und willig seine Führerschaft an. und 
der Kaiser sucht in keiner Weise die Gewalt der Fürsten zu schmälern. 
Edelleute kreiben bürgerliche Hantierung; Bürger besitzen Edelgüter; 
Bauern treiben städtische Gewerbe, und Bürger bebauen den Acker. 
Jeder Deutsche wird mit dem vollendeten fünfund zwanzigsten Lebens- 
jahre Staats bürger und besitzt dann alle Rechte und Pflichten eines 
solchen bio an sein Ende, wenn er nicht unter Vormundschaft steht, 
sich im Konkurse befindet, Armenunterstützung empfängt oder mit Verlust 
der bürgerlichen Ehrenrechte bestraft ist. 
3. Leder Staatsbürger kann an der Gesetzgebung teilnehmen. 
Der Kaiser, der Bundesrat und der Reichstag schaffen die Kiiche- 
gesetze— Die Landesgesetze dürfen den Reichsgesetzen nicht widersprechen,
        <pb n="135" />
        X. Die Gegenwart. 123 
  
— – 
—–—4 .ê–J––– ——„ —— — 
sollen aber der Eigentümlichkeit des Landes befondere Rechnung 
tragen. Das Volk wählt seine Abgeordneten in den Reichstag und 
die Fürsten die ihrigen in den Bundesrat.“ Die Abgeordneten haben 
die Pflicht, bei der Beratung der Gesetzesvorschläge die Wünsche ihrer 
Wähler zu Ausdruck und Geltung zu bringen. Jeder Staatsbürger 
kann seinem Abgeordneten Wünsche in Bezug auf die Gesetzgebung 
unterbreiten, und jede gesetzgebende Körperschaft hat das Recht, Ge- 
setzesvorschläge zu machen. Jede Gesetzesvorlage wird in der Regel 
dreimal durchberaten und dann entweder ohne weiteres augenommen, 
umgeändert oder ganz abgelehnt. Der Kaiser bestätigt die Vorlage, 
dann wird sie im Gesetzblatte und gewöhnlich auch in den Zeitungen 
als neues Gesetz bekannt gemacht, damit sich jedermann danach richten 
kann, da Unkenntnis des Gesetzes nicht vor Strafe schützt. So hat also 
wieder, wie vor alter Zeit, jeder deutsche Staatsbürger seinen Anteil 
an der Rechtspflege und Verwaltung des Reiches, wenn er denselben 
auch nicht mehr wie damals direkt ausüben kann. 
–—— 0 —— — 
122. Kaiser Wilhelm ll. 
1. Unser jetziger Kaiser, Wilhelm II., ist am 27. Januar 1859 
als ältester Sohn des damaligen Prinzen Friedrich Wilhelm von 
Preußen geboren. In fröhlichem Spiele hat er, wie andere Kinder, 
seine erste Jugend verlebt; denn wenn auch Krieg und Kriegsgeschrei 
in dieselbe fiel, so wurde sie doch dadurch nicht getrübt. Die Anfänge 
der Wissenschaften und Künste hat der Kaiser im elterlichen Hause bei 
besondern Lehrern erlernt; dann zog er mit seinem Bruder Heinrich nach 
Kassel, um Schüler des Gymnasiums zu werden; später besuchte er die 
Universität Bonn. Während und nach dieser Zeit der geistigen Aus- 
bildung wurde Prinz Wilhelm als künftiger Deutscher Kaiser durch 
höhere Offiziere im Dienste der Waffen geübt und durch höhere Ver- 
waltungsbeamte mit der Regierung bekannt gemacht. Im zweiund- 
zwanzigsten Jahre verheiratete er sich mit Auguste Viktoria. der Tochter 
eines Prinzen von Schleswig-Holstein. Der glücklichen Ehe sind sechs 
Prinzen und eine Prinzessin entsprossen. 
2. Am 15. Juni 1888, nach dem Tode feines Vaters, hat Kaiser 
Wilhelm II. den Thron feiner Bäter bestiegen; es geschah mit folgen- 
den Worten: „Auf den Thron meiner Bäter berufen, habe ich die 
Regierung im Aufblicke zu dem König aller Könige übernommen und 
Gott gelobt, nach dem Beispiele meiner Väter meinem Volke ein ge- 
rechter und milder Fürst zu sein, Frömmigkeit und Gottesfurcht zu 
pflegen, den Frieden zu schirmen, die Wohlfahrt des Landes zu för- 
dern, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Reiche ein treuer 
Wächter zu sein"“ Dieses Versprechen hat der Kaiser in deutscher 
Treue erfüllt; denn das altdeutsche Wort: „Recht muß doch 
Recht bleiben", ist ihm ein lieber Wahlspruch geworden. Der Höchste 
wie der Geringste im Reiche erhält von ihm sein Recht, habe er Lob
        <pb n="136" />
        124 X. Die Gegenwart. 
oder Tadel, Lohn oder Strafe verdient. Daß Gott der König aller 
Könige und Herr aller Herren ist, daß ihm die höchste Ehre, der erste 
und letzte Gehorsam gebührt, hat der Kaiser bei ernsten und heitern 
Anlässen des öftern zum Ausdrucke gebracht. Der Kaiser sucht auch 
nicht in kriegerischen Eroberungen, sondern in Werken des Friedens 
und in der Wohlfahrt fseines Volkes den höchsten Ruhm. Das hat er 
durch viele Reisen bekundet, die er gleich am Anfange seiner Regierung 
zu den Fürsten des Deutschen Reichs und zu benachbarten Kaisern 
und Königen unternahm:; denn diese Reisen hatten den Zweck, durch 
freundschaftlichen Verkehr dem deutschen Volke den Frieden zu sichern 
und zu erhalten. Milde und nachgiebig dem Freunde, der friedfertig 
seine Straße zieht, strenge und standhaft gegen den Haderer, der un- 
zufrieden und aufrührerisch in innerm und äußerm Streite des Volkes 
Ruhe und Frieden gefährdet: so steht der Kaiser vom ersten Tage 
seiner Regierung an bis heute da. 
123. BVas Heer und die Marine. 
1. Die von Preußen zur Zeit der Knechtschaft eingeführte all- 
gemeine Wehrpflicht ist samt der preußischen Militärgesetzgebung 
durch die Reichsverfassung jetzt in ganz Deutschland giltig. Jeder 
Deutsche ist danach wehrpflichtig und kann sich in Ausübung dieser 
Pflicht nicht vertreten lassen. Die Wehrpflicht zerfällt in die Dienst- 
pflicht und die Landsturmpflicht. Jeder wehrfähige Deutsche ist dienst- 
pflichtig, kann aber wegen zu hoher Losnummer oder häuslicher Ver- 
hältnisse von dieser Pflicht befreit werden. Die Militärpflicht beginut 
mit dem 1. Januar des Kalenderjahres, in welchem der Wehrpflichtige 
das zwanzigste Lebensjahr vollendet. Bei Beginn der Wehrpflicht 
müssen die Wehrpflichtigen sich in der Zeit vom 15. Januar bis 
1. Febrnar beim Ortsvorsteher ihres Wohnorts zur Eintragung in die 
Rekrutierungs-Stammrolle anmelden. Wer nicht in dem Orte der An- 
meldung geboren ist, muß dabei ein Geburtszeugnis vorlegen. Nach 
der Anmeldung werden die Militärpflichtigen durch den Gemeinde- 
vorsteher zur Musterung beordert. » 
2. Die Stärke des Heeres wird bei Friedenszeiten im Wege 
der Reichsgesetzgebung auf eine bestimmte Reihe von Jahren fest- 
gestellt und beträgt ungefähr ein Prozent der Bevölkerung. Der 
Kaiser bestimmt alljährlich die Zahl der einzustellenden Rekruten. 
Die gesamte Landmacht des Reichs bildet ein einheitliches Heer, 
welches im Kriege unter dem Oberbefehle des Kaisers steht. Das 
bayerische Heer hat noch eine ziemlich selbständige Stellung. Im 
Frieden ist sein oberster Herr der bayerische König. Jeder Soldat 
muß darum in dem Fahneneide dem Kaiser und dem Landesherrn 
Treue und Gehorsam schwören und erhält schwere Festungsstrafe, wenn 
er diesen Eid bricht.
        <pb n="137" />
        X. Die Gegenwart. 125, 
  
3. Zur Verteidigung unserer Küste im Kriege und zur Erhaltung 
der deutschen Ehre auf den Weltmeeren besteht eine Flotte von etwa 
achtzig Schiffen und vierhundert Kanonen. Die Bemannung dieser 
Kriegsschiffe bildet die deutsche Seewehr, die ähnlich eingerichtet ist 
wie das Landheer. — Wer zwölf Jahre freiwillig Soldat bleibt, erhält 
1000 Mk. Belohnung und nach seinen Kenntnissen eine Anstellung 
als Zivilbeamter und damit Versorgung für sein ganzes Leben. 
— — — 
124. Reichspost und Reichstelegraph. 
1. Im Jahre 1850 traten Preußen und Östreich zu einem Post- 
vereine zusammen. Diesem traten nach und nach alle deutschen 
Staaten bei. Zu gleicher Zeit widmete sich dem preußischen Postdienste 
ein Mann, dem es vorbehalten war, das deutsche Postwesen völlig 
umzugestalten und einheitlich zu regeln. Dieser Mann war Heinrich 
Stephan, Sohn eines schlichten Handwerkers zu Stolp in Pommern. 
Er war infolge seiner Begabung und Arbeitskraft in das General- 
postamt nach Berlin berufen worden. Bei der Gründung des Nord- 
deutschen Bundes löste er im Auftrage Preußens die alte Reichspost 
der Familie Thurn und Taris ab, verschmolz sie mit der preußischen 
und machte Norddeutschland zu einem großen Postgebiete. Da Stephans 
Pläue Anerkennung fanden, so wurde er zum Generalpostmeister des 
Norddeutschen Bundes ernannt und machte sich während des Krieges 
gegen Frankreich durch die musterhafte Einrichtung der Feldpost be- 
sonders bekannt. « " 
2. Die Rechte und Pflichten der Post und ihrer Beamten sind 
durch besondere Gesetze und Verordnungen geregelt. Für Briefe, 
Postkarten, Postanweisungen, Postaufträge, Drucksachen, Zeitungen 
und Pakete sind besondere Porkotarife festgesetzt. Den Personenverkehr 
hat meist die Eisenbahn übernommen; wo eine solche jedoch nicht 
vorhanden ist, da werden auch heute noch Personen regelmäßig durch 
die Post befördert. Zur Beschleunigung ihres Verkehrs bedieut sich 
die Poft der Eisenbahnen. — Im Jahre 1876 wurde auch die Reichs- 
telegraphenverwaltung mit der Reichspostverwaltung vereinigt. Alle 
Städte und größeren Dörfer haben ihre Postanstalt. Briefkasten bieten 
überall bequeme Gelegenheit, der Post Briefe u. dergl. zur Beförderung 
zu übergeben. Das Telegraphennetz wird von Jahr zu Jahr ver- 
vollkommnet, und die Telephonverbindungen werden überall vermehrt. 
Mit dem zunehmenden Verkehre ist auch die Zahl der Pofst= und 
Telegraphenbeamten gestiegen, und heute gibt es keinen Ort im 
deutschen Reiche, der nicht täglich mindestens einmal durch den Post- 
boten mit dem großen Weltverkehre in Verbindung gebracht würde. 
Auch hinsichtlich seiner Post und Telegraphie ist Bayern selbständig. 
Es hat noch seinc eigenen Briefmarken.
        <pb n="138" />
        126 X. Die Gegenwart. 
  
—— –..— — — ——„ 
125. Ausere Gerichte. 
1. Die ordentliche streitige Gerichtsbarkeit wird jetzt durch Amts- 
gerichte, Landgerichte, Oberlandesgerichte und das Reichsgericht aus- 
geübt. Die Gerichte sind Staatsgerichte. Die Privatgerichtsbarkeit ist 
aufgehoben. Fast in jeder kleineren Stadt ist ein Amtsgericht, in jeder 
größeren Stadt ein Landgericht, in jeder preußischen Provinz und jedem 
der übrigen Bundesstaaten ein Oberlandesgericht. Das Reichsgericht 
als oberstes Gericht des ganzen deutschen Reiches hat seinen Sitz in 
Leipzig. Den Amtegerichten stehen Einzelrichter vor. Die höhem 
Gerichte werden mit der erforderlichen Anzahl von Richtern besetzt. 
Wer mit dem Urteile der niedern Gerichte nicht zufrieden ist, kann in 
der Regel Berufung einlegen und von Gericht zu Gericht bis zum 
Reichsgerichte gehen. Die Gerichtssprache ist die deutsche. Die Ver- 
handlungen werden öffentlich geführt, doch kann der Zutritt uner- 
wachsenen Personen und solchen, welche in einer der Würde des Gerichts 
nicht entsprechenden Weise erscheinen, versagt werden. 
2. Damit zauch das Volk wieder seinen Anteil an der Rechts- 
findung erhält, sind für die Verhandlung und Eutscheidung von 
Strafsachen bei den Amtsgerichten Schöffengerichte und bei den Land- 
gerichten Schwurgerichte gebildet. Jedes Schöffengericht besteht aus 
dem Amtsrichter als Vorsitzenden und zwei Schöffen. Jedes Schwur- 
gericht besteht aus drei gelehrten Richtern und zwölf Geschworenen. 
Schöffe und Geschworener kann jeder selbständige Deutsche werden, der 
das dreißigste Lebensjahr zurückgelegt hat, sich im Besitze der bürger- 
lichen Ehrenrechte befindet und keine öffentliche Armenunterstützung 
genießt; sie üben bei der Gerichtsverhandlung das Richteramt in 
vollem Umfange und mit gleichem Rechte wie die gelehrten Richter. 
Jeder Ortsvorsteher hat alljährlich ein Verzeichnis der in seiner Ge- 
meinde wohnhaften Personen, welche zum Schöffenamte berufen werden 
können, aufzustellen und an den Amtsrichter zu schicken. Nach diesem 
Verzeichnisse werden dann Schöffen und Geschworene gewählt. Das 
Verzeichnis muß in der Gemeinde eine Woche lang zu jedermanns 
Einficht ausliegen. — Die Richter beziehen in ihrer richterlichen Eigen- 
schaft ein festes Gehalt mit Ausschluß von Gebühren. s 
3. Die Gerichte bezeichnen strafbare Handlungen als Verbrechen, 
Vergehen oder Ubertrelung. Das Urteil über dieselben lautet auf 
Todesstrafe, Zuchthausstrafe, Gefängnisstrafe, Festungshaft, Haft oder 
Geldstrafe. Die Todesstrafe ist durch Enthauptung zu vollstrecken. 
Neben der Todesstrafe und Zuchthausstrafe kann auf den Verlust der 
bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. Die Aberkennung der bürger- 
lichen Ehrenrechte bewirkt den dauernden Verlust der öffentlichen 
Amter, Würden, Titel, Orden und Ehrenzeichen, ferner die Unfähigkeit, 
in das deutsche Heer oder die Kaiserliche Marine einzutreten, in 
öffentlichen Angelegenheiten zu stimmen, zu wählen oder gewählt zu 
werden, Zeuge bei Aufnahme von Urkunden, Vormund oder dergleichen 
zu sein. Neben einer Freiheitsstrafe kann endlich auf Polizeiaufficht
        <pb n="139" />
        X. Die Gegenwart. 127 
  
— —. 
erkannt werden. Dem unter Polizeiaufsicht Gestellten kann der 
Aufenthalt an bestimmten Orten untersagt, und seine Wohnung 
kann jederzeit von der Polizei untersucht werden. — Eine Hand- 
lung kann aber mur dann mit einer Strafe belegt werden, wenn 
diese Strafe gesetzlich bestimmt war, bevor die Handlung begangen 
wurde. 
–. W. 
126. Vas Königreich Bayern. 
1. Seit dem Jahre 1818 ist Bayern eine konstitutionelle Erb- 
monarchie. Der Landesfürst führt den Titel König. Er ist unver- 
antwortliches Staaksoberhaupt; seine Person ist heilig und unverletzlich; 
er regiert das Land nach den bestehenden Gefetzen; er ernennt die 
Beamten und Offiziere. Bei seinem Regierungsantritte muß er den 
Eid auf die Verfassung schwören. Bei dem Erlasse neuer Gesetze 
bedarf er der Zustimmung von Landtag und Reichsrat. Alle Ver- 
fügungen des Königs müssen von einem Minister unterzeichnet sein; 
dieser übernimmt mit seiner Unterschrift die Verantwortung. Gegen- 
wärtig haben wir sechs Ministerien in Bayern, deren jedes seinen be- 
sondern Wirkungskreis hat. Der König erhält für sich und seine 
Familie aus der Staatskasse einen Gehalt, die sogenannte Zivilliste. 
Der König hat das Recht der Begnadigung und der Verteilung von 
Orden und Titeln. 
2. Die Verfassung sichert jedem Staatsbürger bestimmte Rechte 
und Pflichten. Alle Staatsbürger sind vor dem Gefetze gleich. Nie- 
mand darf seinem zuständigen Gerichte entzogen werden. In Glaubens- 
und Religionssachen herrscht Gewissensfreiheit. Jeder gesunde und 
kräftige Mann ist zum Kriegsdienste verpflichtet. Es herrscht Preß- 
freiheit. Die Steuern werden ohne Ansehen der Person nach dem 
Vermögen aufgestellt und ausgerechnet. Personen-, Eigentums= und 
Rechtssicherheit sind jedem Einwohner des Staates gewährleistet. 
3. Das Volk nimmt durch seine Vertretung Anteil an der Gesetz- 
gebung und den Steuererlassen. Die Volksvertretung gliedert sich in 
Landtag und Reichsrat. Beide werden vom Könige einberufen und 
geschlossen. Der Reichsrat oder die erste Kammer besteht aus den 
volljährigen königlichen Prinzen, aus erblichen Mitgliedern (meist 
Grafen und Fürften) sowie aus lebenslänglichen Reichsräten. Der 
König hat das Recht, Reichsräte zu ernennen. Die zweite Volks- 
vertretung ist der Landtag oder die Kammer der Abgeordneten. Wer 
einundzwanzig Jahre alt ist, das bayerische Heimatsrecht besitzt, den 
Eid auf die Verfassung geschworen hat, in der Wählerliste steht und 
direkte Stenern entrichtet, darf sich an den Wahlen zum Landtage be- 
teiligen. Ein Wahlkreis von 31 500 Seelen wählt einen Abgeordneten, 
doch ist deren Wahl eine indirekte, d. h. die Bürger (Urwähler) 
wählen erst Wahlmänner und diese küren dann den Abgeordneten. Um 
Wahlmann werden zu können, muß man fünfundzwanzig Jahre alt
        <pb n="140" />
        128 X. Die Gegenwart. 
— — — — 
  
— — — 
fein; ein Abgeordneter muß dagegen ein Alter von dreißig Jahren 
haben. Jeder Abgeordnete hat für die Dauer der Session ein Tag- 
geld von 10 Mark. Landtag und Reichsrat versammeln sich in München. 
Zuerst werden die Gesetze im. Landtage beraten; dann gehen sie in 
den Reichsrat. Haben beide Körperschaften sie angenommen, so werden 
7 dem Könige vorgelegt. Erfolgt dessen Zustimmung, dann werden 
sie veröffentlicht und sind hiermit rechtskräftig. — So greift alles 
zum Wohle des Landes ineinander. 
127. Luitpold, Prinzregent von BZayern. 
1. Da König Ötto I., der Bruder des verstorbenen Königs 
Ludwig II., wegen Krankheit die Regierung nicht führen kann, so 
übernahm nach der Bestimmung der bayerischen Verfassung Prinz 
Luitpold die Regentschaft. Obwohl schon 65 Jahre alt gehorchte er 
doch der rufenden Pflicht und lud sich die Bürde der Regierung auf. 
Als er den feierlichen Eid im Thronsaale der Residenz leistete, 
sprach er: „Die alte Königstreue der Bayern hat sich glänzend 
bewährt in den schweren, fürchterlichen Ereignissen, die mein ganzes 
Haus und das Königreich mit denselben Gefühlen der Trauer erfüllen. 
Am Abend meines Lebens legt mir die Vorsehung die schwere Pflicht 
auf, im Namen Seiner Mafestät Unseres Allergnädigsten Herrn die 
Zügel der Regierung zu leiten. Möge es mir vergönnt sein, zum 
Wohle des treuen und geliebten Landes wirken zu können. Das ist 
mein sehnlichster Wunsch, das walte Gott!“ 
2. Was Prinzregent Luitpold ersehnte, das erfüllt sich. Seine 
Leutseligkeit, sein edler Eifer, seine Gewissenhaftigkeit und Pflicht- 
erfüllung, seine Mildthätigkeit und sein Bestreben, jeden Stand zu 
fördern, haben ihm alle Herzen eroberk. Alö er seinen 70. Geburtstag 
feierte, da jubelte das ganze Bayernvolk, und jedermann wünschte, 
daß ihm Gott zum Wohle Bayerns noch recht lange in Rüstigkeit 
erhalten möge. 
128. Das Haus und die Familie. 
1. Wie in der Urzeit, so haben auch jetzt noch die verschiedenen 
Gegenden besondere Eigentümlichkeiten im Bau der Häuser. Weit 
ausgedehnt und mit vielen Gebänden besetzt ist der Hof des Heide- 
bauern in der Ebene, während hoch geständert, Grund und Boden 
sparend, sich des Bergbauern und Stadtbewohners Haus erhebt. Das 
Haus des Handwerkers enthält außer den Wohnräumen noch die 
Werkstatt, das Kaufhaus, den Laden und die Lagerräume, während 
Fabrikgebäude, Schulen, Kirchen und andere öffentliche Gebäude ganz 
eigenartig eingerichtet sind. Mancherlei Künste haben miteinander
        <pb n="141" />
        X. Die Gegenwart. 129 
—4 
  
  
gewetteifert, und die verschiedensten Materialien haben in den Dienst 
des Menschen treten müssen, um das Haus wohnlich und behaglich zu 
gestalten. Ein Haus ist jetzt aber auch ein wertvoller Besitz, dessen 
Verlust nicht leicht zu ersetzen ist. Rafft aber eine Feuersbrunst schnell 
dahin, was Menschenhand langsam und mühevoll errichtet hat, so 
tritt die Gemeinschaft helfend und rettend für ihn ein. Die Feuer- 
wehr eilt mit ihren Löschgeräten herbei, um zu retten, was ch irgend 
retten läßt. Wenn aber auch alles den Flammen zum Raube fällt, 
ein Trost bleibt dem Verunglückten: er braucht den unverschuldeten 
Verlust nicht allein zu tragen; tausend Hände bieten sich helfend dar, 
ihm ein neues Heim zu gründen. Schon lange vorher hat er als 
vorsichtiger Hausvater Hab und Gut bei der Brandkasse versichert, 
damit ihm im Unglücksfalle das Verlorene ersetzt werden kann. — Wie 
das Haus, so kann auch die Ernte und der Viehbestand gegen Hagel- 
schlag und Seuche verfichert werden, damit unerwartete Ereignisse den 
Besitzer nicht plötzlich an den Bettelstab bringen. 
2. Jedes Wohnhaus wird von einer oder mehreren Familien be- 
wohnt. Die Familie bildet die Grundlage des Staates, deshalb hat 
auch der Staat Rechte und Pflichten derselben durch Gesetze und Ver- 
ordnungen bis ins kleinste geregelt. Das Standesamt fordert inner- 
halb einer Woche Anzeige von der Geburt des neuen Erdenbürgers, 
um ihn in die amtlichen Register einzutragen. Dann erfolgt in den 
ersten Lebenswochen durch die Taufe, bei den Juden durch die Be- 
schneidung, die Aufnahme in die Religionsgemeinschaft. Innerhalb 
der ersten Jahre muß das Kind zum Schutze gegen die Pockenkrank- 
heit zur ersten Impfung vorgestellt werden; im zwölften Lebensjahre 
muß es sich einer zweiten unterziehen. Mit dem erlangten sechsten 
Lebensjahre tritt das Kind in die Schule ein und muß dieselbe bis zum 
zurückgelegten dreizehnten oder vierzehnten besuchen. Hat der Bursche 
das zwanzigste Lebensjahr erreicht, so ist er militärpflichtig geworden. 
Als Mann kehrt er in das Elternhaus zurück, um früher oder spät## 
einen eigenen Herd zu gründen; in der Regel geschieht es gegen das 
dreißigste Lebensjahr. Die rechtsgültige Ehe muß durch das Standes- 
amt geschlossen werden und wird in der Kirche eingesegnet. Je 
tüchtiger Mann und Frau sind, desto wohler ergeht es der Familie. 
Hindern aber Krankheit oder Tod den Familienvater daran, für die 
Seinen zu sorgen, so treten die freiwillige Vereinigung in der Lebens- 
versicherung, sowie die stantliche Fürsorge durch das Krankenkassengesetz, 
·.—* 
die Unfallversicherung, Alters= und Invaliditätsversicherung helfend ein, 
129. Die Gemeinde. 
I1. Jedes Dorf und jede Stadt bildet eine Gemeinde, die ihr 
Oberhaupt und ihre Glieder hat, und deren Leben durch mancherlei 
Gesetze und Ordnungen geregelt wird. Wie in der Familie der Haus- 
vater, so ist in Stadt und Dorf der Börgermeister das Oberhaupt. 
9
        <pb n="142" />
        130 I X. Die Gegenwart. 
  
  
Er wird durch Wahl der Gemeinde und Bestätigung der Regierung 
in sein Amt gesetzt. Die Gemeindeverwaltung ist in den verschiedenen 
deutschen Bundesstaaten verschieden gestaltet. Im Königreich Bayern 
kann in den Gemeinden, die nach der Landgemeindeordnung verwaltet 
werden, jeder unbescholtene Maun, der in der Gemeinde ansässig ist 
und das vorgeschriebene Alter erreicht hat, die Stelle des Bürgermeisters 
einnehmen, in den unmittelbaren Städten dagegen nur ein Mann, 
der die Rechtswissenschaften studiert und die vorgeschriebenen Prüfungen 
abgelegt hat. Dem Landbürgermeister steht die Gemeindeverfammlung 
oder der Gemeindeausschuß dem Stadtbürgermeister der Magistrat und 
das Gemeindekollegium helfend und beratend zur Seite. Gemeinde- 
ausschuß, Magistrat und Kollegium werden ebenfalls durch Wahl auf 
ihre Posten erhoben; sie haben deshalb bei Wartung ihres Amtes die 
Wünsche ihrer Wähler und die Vorschriften der Regierung nach Mög- 
lichkeit zu berücksichtigen. Zur Wahrung der öffentlichen Ordnung 
und Sicherheit dient die Polizei. Zur Schlichtung von Streitigkeiten 
unter den Gemeindegliedern sind aus der Mitte der Gemeinde ein 
oder mehrere Schiedsmänner gewählt, die in besondern Terminen die 
Hadernden zu versöhnen und dadurch größere Kosten und größeres 
Argernis von ihnen abzuwenden suchen. Alle Gemeindebeamten be- 
dürfen der Bestätigung der Regierung. In Städten und größern 
Dörfern wohnen gewöhnlich auch Arzte, desgleichen sind Apotheken 
vorhanden, in denen den Kranken Arzneien zur #inderung und Ge- 
nesung bereitet werden. Arzt und Apotheker sind keine Beamte. Alle 
Gemeindebeamte, die ihr Amt nicht als Ehrenamt verwalten, werden 
von der Gemeinde besoldet. » 
2. Die Gemeinde hat die Pflicht, keins ihrer Glieder zu ver- 
säumen; darum gehört es zur Ordnung einer Gemeinde, daß sie sich 
ihrer Witwen und Waisen, Armen und Kranken erbarmt. Ein Waisen- 
rat sorgt deshalb für die Vormundschaft verwaister Kinder; zur Armen- 
und Krankenpflege sind gewöhnlich besondere Häuser errichtet. 
3. Jede Gemeinde hat neben dem Eigentume ihrer einzelnen 
Glieder auch öffentliches Eigentum, z. B. die Straßen, Wege und 
Plätze in und bei dem Orte, die Sträucher und Bäume darauf, 
Mineralien darin, die öffentlichen Gebäude: Kirche, Schule, Rathaus, 
Krantenhaus, sowie Feld und Wald. Alle diese Dinge kosten Geld 
und bringen zum Teile auch wieder Geld ein. Das Gemeindegeld 
verwaltet gewöhnlich ein besonderer Beamter, der Kämmerer oder 
Rechnungsführer genannt wird. Wenn die Ausgaben nicht aus den 
Erträgen des Gemeindeeigentums gedeckt werden können, wird das 
Fehlende durch Gemeindesteuern und nötigenfalls durch Staatszuschüsfse 
aufgebracht. Die Steuern werden nach Maßgabe des Vermögens der 
einzelnen Familien und Gemeindeglieder verteilt und durch den 
Kämmerer oder Rechnungsführer erhoben.
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        X. Die Gegenwart. 131 
130. Das Bezirksamt. 
1. Landstraßen, Posten, Eisenbahnen, Flüsse und noch manches 
andere weisen auf größere Verbände hin, die in den verschiedenen 
Bundesstaaten verschiedene Größe und Namen haben. Im Koönigreich 
Bayern steht über den Ortsgemeinden der Bezirksamtsverband, der 
eine Anzahl Ortschaften umfaßt. Jedes Bezirksamt ist genau abge- 
grenzt, so daß jede Stadt, jedes Dorf und jeder einzelne Hof einem 
bestimmten Bezirksamte angehören. Größere Städte gehören nicht zu 
einem Bezirksamte, sondern stehen direkt unter der Kreisregierung, 
weswegen sie unmittelbare Städte genannt werden. Der oberste Be- 
amte in einem Bezirksamte ist der Bezirksamtmann. Er muß die 
Rechtswissenschaft studiert haben und wird vom Könige ernannt. Er 
hat darüber zu wachen, daß die bestehenden Gesetze und Verordnungen 
in seinem Bezirke befolgt werden, er ist Verwaltungsbeamter; eine An- 
zahl Gendarmen helfen ihm dabei. Diese sind über den Bezirk verteilt 
und haben die Ortschaften täglich zu begehen. Der Bezirksamtsassessor 
und eine Anzahl Schreiber helfen dem Bezirksamtmanne bei seinen 
Arbeiten. Der Bezirksamtmann ist auch Mitanfsichtsbeamter über die 
Kirchen und Schulen. Die alljährlichen Schulprüfungen werden vom 
Distriktsschulinspektor abgehalten. Das Militär-Aushebungggeschäft 
erstreckt sich über das ganze Bezirksamt und wird gewöhnlich am 
Sitze des Bezirksamts beforgt. Zur Uberwachung der Gesundheits- 
Pflege ist in jedem Bezirksamte ein besonderer Arzt angestellt, der den 
Titel Bezirksarzt führt. · « » 
2. Jedes Bezirksamt ist gewöhnlich in zwei Distrikte eingeteilt; 
kleinere Amter bilden nur einen Distrikt. Jeder Distrikt hat eine be- 
sondere Vertretung, den Distriktsrat; der Bezirksamtmann beruft diesen 
und leitet seine Versammlungen. Der Distriktsrat setzt die Ausgaben 
des Distrikts für Straßen, Brücken, Spitäler u. a. fest. Diese 
Steuern heißen Distriktsstenern und werden in Prozenten der Staats- 
steuern berechnet. Die Mitglieder des Distriktsrates werden gewählt. 
Jedes Mitglied des Distriktsrates muß wenigstens 30 Jahre alt sein; 
sein Amt ist ein Ehrenamt. 
  
  
— 
131. Ver Kreis. 
I. Eine Anzahl von Bezirksämtern bilden einen Kreis. Das 
Königreich Bayern ist in acht solcher Kreise eingeteilt, welche ihren 
Namen nach den Volksstämmen haben, die sie hauptsächlich bewohnen. 
Die Behörde des Kreises ist die Kreisregierung, deren Sitz in der 
Kreishauptstadt ist. Der Vorstand der Kreisregierung ist der Re- 
gierungspräsidenk. Der Kreisregierung sind die Bezirksämter und die 
unmittelbaren Städte unterstellt. Die Kreisregierung führt die Auf- 
sicht über die Steuern, über Schulen, Straßen, Flüsse, Wälder u. s. f. 
Jeder Regierungsrat hat gewöhnlich ein besonderes Fach zu bearbeiten: 
*
        <pb n="144" />
        132 X. Die Gegenwart. 
  
Ô — — 
ihm sind fachmännische Beiraͤte zugesellt. Die Schulen eines Kreises 
werden von den Kreisschulinspektoren beaufsichtigt. Die Lehrer werden 
von der Kreisregierung angestellt. Die Verordnungen der Regierung 
werden im Kreisamtsblatte verofsenklicht. so daß jedermann sie lesen kann. 
2. Die Vertretung einer Kreisgemeinde ist der Landrat. Derselbe 
versammelt sich alljährlich einmal am Sitze der Regierung und pflegt 
Beratungen über die Angelegenheiten und Ausgaben des Kreises; 
hierher gehören die Sorge für Schulen, Irrenhäuser, Armeupflege, 
Krankenhäuser, Straßen u. a. Zur Bestreitung dieser Ausgaben wird 
eine Steuer, die Kreisumlage, erhoben. Alle Beschlüsse des Landrats 
bedürfen der Genehmigung des Königs. Der Landrat setzt sich zu- 
sammen aus den Vertretern der Distrikte, der unmittelbaren Städte, 
der Großgrundbesitzer, der selbständigen katholischen und protestantischen 
Geistlichen und aus einem Vertreter der im Kreise befindlichen Universität. 
ded Kandratsmitglied erhält für die Zeit der Versammlung täglich 
5 Mark. 
3. In Bayern wird die katholische Kirche von zwei Erzbischöfen 
und sechs Bischöfen verwaltet. Ein Bistum fällt so ziemlich mit dem 
Kreise zusammen. Jedes Bistum ist in Dekanate eingeteilt. Der 
Dechant hat besonders den Religionsunterricht zu beaufsichtigen. Der 
Bischof ernennt die Hilfsgeistlichen und für bischöfliche Pfarreien die 
Pfarrer, während für königliche Pfarreien die Regierung den Pfarrer 
bestellt. — Für die protestantische Kirche bestehen drei Konftstorien 
und ein Oberkonsistorium. Die protestantischen Geistlichen werden von 
der Regierung ernannt. Eine Anzahl protestantischer Pfarreien bilden 
ein Dekanat, dessen Vorstand Dekan heißt. 
— 
132. Ausere Gebühren und Steuern. 
1. Schule und Kirche, Landstraßen und Etsenbahnen, Posten 
und Telegraphen, das Heer und die Marine, die Beamten, die 
Verwaltung und Rechtspflege kosten Geld, viel Geld. So weit es 
möglich ist, muß jeder, der eine öffentliche Einrichtung benutzt, sei es 
Post, Eisenbahn, Telegraph, Gericht oder sonst etwas, die Benutzung 
sogleich in irgend einer Form bezahlen. So entstehen die Gebühren, 
wie Fahrgeld für Post und Eisenbahn, die Gerichtskosten u. s. w. Es 
ist aber nicht immer möglich, den Wert einer solchen Benutzung im 
einzelyen zu bestimmen. Wir besuchen Schule und Kirche, benutzen 
Straßen, Brücken und Chausseen, genießen den Schutz der Obrigkeit 
und die Vorteile einer geordneten Verwaltung, ohne jedesmal besonders 
dafür zu bezahlen. In solchen Fällen treten die Gemeinden ein, in- 
dem sie durch Steuern und Abgaben die erforderliche Summe auf- 
bringen. Nach der Art der Erhebung gibt es direkte und indirekte 
Steuern. Außer den Gebühren und Steuern hat der Staat noch Ein- 
nahmen aus Höfen, Wäldern, Bergwerken und Salinen, die ihm be- 
sonders gehören, und die der Landesherr verwalten läßt.
        <pb n="145" />
        X. Die Gegenwart. 133 
  
2. Die Erhebung der Steuern geschieht durch die Steuerbeamten. 
Die direkten Steuern werden von jedem Steuerzahler direkt an das 
Rentamt bezahlt, und die Bezahlung wird auf dem Steuerzettel be- 
scheinigt. Die indirekten Steuern werden nach wie vor von den Ver- 
brauchsgegenständen erhoben. — Da alle Steuern in die Steuerkassen 
fließen, so muß derjenige, der vom Staate Gehalt oder Vergütungen 
zu verlangen hat, diese von einer solchen Kasse holen und über den 
Empfang eine Ouittung ausstellen. Der Steuerbeamte trägt alle Ein- 
nahmen und Ausgaben in dei Bücher ein und muß am Ende des 
Jahres nachweifen, daß Bücher und Kasse genau miteinander stimmen. 
So werden jahraus, jahrein viele Millionen Mark eingenommen und 
ausgegeben, ohne daß all das Geld hin und hergeschickt wird. Eine 
weise Einrichtung regelt den Geschäftsgang und läßt jedes Ding in 
aller Stille zu seinem Zwecke kommen. Das ist der Segen einer guten 
Regierung. · 
  
„Nimmer wird das Reich zerstöret, 
Wenn wir einig sind und treul!“
        <pb n="146" />
        Verlag von Carl Mener (Gustav Prior) in Haunover. 
  
  
Zu beziehen durch alle Buchhaudlungen. — 
Der Geschichtsunterricht 
nach den Joroerungen ber Gegenwart. 
Von H. Weigand. 
Ein methodisches Handbuch im Anschlusse an die „Deutsche Geschichte 
von H. Weigand und 1. Tecklenburg“. 
Zwei Teile. — 
I. Teil. Gr. So, geh. 75 Pfg. — II. Teil. 1. Lieferung. 1,50 Mk. 
(Der zweite Theil wird etma 3.— Mk. kosten.) 
Preufssche Lehrerzeitung. (Spandau) 1899. 
Denu ersten Teil dieses Werkes, der die allgemein methodischen Fragen des 
Geschichtsunterrichts zu beantworten sucht, haben wir bereits früher im „Pädag. 
Ul#tteraturblatt“ besprochen. Der zweite Teil des Handbuchs ist dagegen vorwiegend 
dem praktischen Unterrichtsbetrieb gewidmet und wird vom Verfasser in 
den Vorbemerkungen als eine Frucht praktischer Unterrichtsthätigkeit bezeschnet. 
Wie schon der Titel besagt schließt sich dieses methodische Werk an die vom Ver- 
fasser in Gemeinschaft mit A. Tecklenburg herausgegebene „Deutsche Geschichte“ an. 
Soweit es nötig erschien, ist jedes Stück der „Deutschen Geschichte“ in drei Kapiteln 
behandelt: 1) als „Stoffliche Ergänzungen", 2) als „Methodische Bemerkungen“ 
und 3) als „Vertiefung“. Ueberall wurde bei der Zergliederung möglichst von 
der Gegenwart ausgegangen und bei der Berkiefung wieder auf Verständnis der 
Gegenwart hingestrebt, damit der Schüler stets und ständig auf den Endzweck des 
gauzen Geschichtsunterrichts hingewiesen wird. Der Abschnitt „Stoffliche Ergän- 
zungen“ gibt zu jeder Nummer der „Deutschen Geschichte“ genauere Angaben und 
Erklärungen über alle in dem Stücke vorkommenden Einzelheiten und diejenigen 
Partien der Weltgeschichte, die zu tieferem Erfassen der „Deutschen Geschichte" 
nötig sind. Die in den „Methodischen Bemerkungen“ dargelegten Gesichtspunkte 
für eine rechte Erteilung des Geschichtsunterrichts finden unfre Zustimmung. Am 
Schluß ei es jeden Stücks und eines jeden Zeitabschuitts stehen Aufgaben zu 
mündlicher und schriftlicher Lösfung. Märchen und Volkssagen sind vom Verfasser 
bei der Behandlung herangezogen worden. Besonders sind die volkswirtschaftlichen 
Belehrungen in dem Buche in einem solchen Umfang geboten, wie wir es selten 
in einem methodischen Handbuch gefunden haben; diese Belehrungen sind nicht i 
einem Anhang, oder so nebenbei gegeben, sondern mit einem jeden Stücke, das 
solche Behandlung erforderte. Auch die Sprachforschungen inn berücksichtigt 
worden; überall finden wir etymologische Erklärungen und Belehrungen. Diese 
von H. Weigand dargebotene Methodik des Geschichts unterrichts ist 
eine tüchtige methodische Leistung und zeugt von der hervorragenden 
pädagogischen Befähigung des Verfassers. Wir können deshalb 
nur wünschen, daß jeder Lehrer, der Geschichtsnnterricht erteilt, das 
Werk eingehend studiert; es wird ihm und seinem Unterricht gewiß 
reichen Segen bringen. 
Sächsische Schulzeitung. 1890. Nr. 14. 
Das Buch unterbreitet dem Lehrer elne reiche stoffliche Ergänzung, recht 
brauchbare methodische Bemerkungen und endlich für den Betrieb 
ein er erquicklichen Innenapperzeplion die nötige Vertiefung. Wer 
auch nach dieser Anleitung mit dem Geschichtsunterrichte noch nicht 
su Fahrwasser kommt — na, dem dürfte überhaupt nicht zu helfen 
ein.
        <pb n="147" />
        Verlag von Cari Meyer (Gust. Prior) in Hannouer. 
Eeinige Urteile der presse 
über 
„weigand und Tecklenburg, Deutsche Geschichte, Ausg. A.“ 
Pädagog. Blätter. (Kehr.) 1897. 5. Heft. Z 
Noch bevor die 1. Auflage besprochen werden konnte, erschien schon die 2. und 3., 
ein bei Schulbüchern gewif seltener Fall. Einer Empfehlung bedarf das Buch also 
nicht mehr, es erübrigt nur die Vorzüge desfelben zu zeigen. Das Werk ist in 
methodischer Hinsicht eine tüchtige Arbeit und bildet einen Markstein in der 
Methodikt des Geschichtsunterrichts. — In zweifacher Weife soll es eine Ergänzung 
erfahren, 1. durch Hinzufügung von Einzelzügen (Anekdoten, Sagen, Gedichten), die 
das Lesebuch enthalten soll, 2. durch die Orts= und Provinzialgeschichte. Mrhrere 
Erganzungshefte für einzelne Landesteile liegen bereits vor, die Ortsgeschichte müssen 
die Lehrer selber sammeln; Orts= und Stammesgeschichte sollen der Reichsgeschichte 
überall eingefügt, diese soll durch jene möglichst veranschaulicht werden. 
Wegweiser d. d. pädagog. Litteratur. Wien 1897. Nr. 8. 
Das ist ein prächtiges Buch und zu beneiden die Schule, in der es den 
Schülern in die Hand gegeben werden kann. Von der Zeit des Heidentums und 
der Zeit des Kampfes zwischen Heidentum und Christentum wird der Leser in zehn 
Abschnitten in die Zeit der Lehensherrschaft, des Verfalls der Kaisermacht, die Refor- 
mation, die Zeit des 30jährigen Krieges, der Füritenmacht, der Fremdherrschaft, des 
Ringens nach Einheit und Freiheit bis zur Gegenwart geführt. Die anziehend, 
klar und einfach geschriebenen Lesestücke sind sämtlich von einem warmen deutschen 
Volksgefühl getragen. In methodischer Beziehung ist die Voranstellung der Thatsachen 
und kulturelsen Erscheinungen statt der Personlichkeiten sehr zu loben; denn die Lebens- 
beschreibungen berühmter Minner sind den großen geschichtlichen Jdeen unterzuordnen 
und nicht voranzustellen; ist daher falsch, die Geschichte nur insoweit zu berück- 
sichtigen, als sie sich für die Verherrlichung einer Person eignet. Nicht minder wert- 
voll ist das Inhaltsverzeichnis nach „Längsschnitten“; dieses bietet die Möglichkeit, 
aus dem Buche alles das übersichtlich zusammenzustellen, was sich auf dieselben Er- 
scheinungen in verschiedenen Zeitepochen bezieht. Durch die „Längsschnitte" läßt sich 
leicht eine höchst bildende Ubersicht über die Entwickelung des „Hauses“, der 
„Familie“, der „Vieh= und Feldwirtschaft“ nach den wesenklichsten Wendepunkten 
gewinnen. Das Buch verdient eingehende Beschäftigung von Seiten aller, denen 
es mit einem erziehlichen Unterrichte erust ist. Es lehrt deutlich, wie gerade der 
Unterricht in den Realien in hohem Grade auf Gemüt und Charakter wirkt, 
und wie thöricht der gegenwärtig bei uns beliebte Unkenruf von der Gemein- 
schädlichkeit derselben ist. 
Deutsche Lehrerzeltung. 1897. Nr. 9. September. 
IZmm Januar vorigen Jahres erschien vorgenanntes Werk zum erstenmale auf 
dem Büchermarkte, und heute liegt es in der 5. Auflage vor uns. Damit haben die 
sersaer einen Erfolg errungen, wie er wohl felten in der Schulbuchlitteratur 
asteht. 
Meines Erachtens besteht der hohe Wert des Buches einmal in der vor- 
züglichen Stoffanswahl, die so getroffen ist, daß alle Faktoren des staatlichen und 
ge ellschaftlichen Lebens gleichmäbig Berücksichtigung erfahren, und zum andern darin, 
daß die Verfaffer nicht vor der Gegenwart stehen geblieben sind, sondern auch diese 
mit ihren Eigentümlichkeiten darstellten. Die Vermehrung der 4. und 5. gleichlautenden 
Auflage besteht hauptsächlich in Wörterverzeichnissen, die am Schiusfe, des Buches 
  
  
angehüngt sind. Die Zahl der im ersten Verzeichnisse enthaltenen Wörter beweist, 
wie viel im Geschichtsuntkerrichte der Erklärung bedarf und wie wenig im allge- 
meinen die Schwierigkeiten gewürdigt werden, mit denen der Lehrer gerade in diesem 
Jache zu kampfen hat. Zn einem Inhaltsverzeichnis nach Längsschnitten wird 
dem Schüler gezeigt, wie ein Einzelfaktor sich im Laufe der 35. entwickelt hat;
        <pb n="148" />
        Verlag von Cart Atener (Emt. Prior) in Hannover. 
  
  
  
so weist das Wort „Haus“ hin auf das altdeutsche Haus, auf Bistümer und 
Klöster, auf die Burg, auf das Haus des Mittelalters und auf das der Gegen- 
wart. In einem andern nach Ouerschnitten geordneten Verzeichnisse bietet sich der 
ganze Stoff in 10 großen Zeitbildern, die mit Scharakteristischen lüberschrift. en versehen 
sind, dar. So liegt in diesen Verzeichnissen ein gut Teil Methodik, und insbesondere 
für eine vielfällige Wiederholung sind sie für den Lehrer ein unschäybares Oilfsmittel. 
So ist auch die neue Auflage dieses vortrefflichen Werkes in hohem Grade 
geeignet nicht nur in dem Schüler, sondern auch in jedem Erwachseurn, der Sinn 
für die Geschichte unseres Volkes und Baterlandes zeigt, Verständnis für die all- 
mahliche Entwickelung und Geslaltung der heutigen Kultur, der kirchlichen und socialen 
Verhältnisse zu werken und ein Schul= und Volksbuch im besten Sinne des Wortes 
zu sein. Möge es sich zu seinen zahlreichen alten Freunden viele neue erwerben! 
Witteischuie u. höh. Mädchenschule. 1897. Heft 1. 
Das vorliegende, hochbedeutsame Büchlein ist von der gesamten padagogischen 
Presse- warm empfohlen worden und hat innerhalb eines Jahres 5 Auflagen erlebt. 
Sein Wert liegt nicht nur darin, daß es in sehr geeigneter Weise die lulturhisterischen 
Verhältnisse ins Vordertreffen ückt, sondern auch in der wirklich gelungenen Korm 
der Tarstellung des Stoffes für die Schule. Da die Heimatsgeschichte in dem 
Buche nicht berücksichtigt werden kounte, so werden dieselben in Ergänzungöheften 
berausgegeben. 
Neue Pädagog. Zeitung. 1897. Nr. 16 vom 22. April. 
Die nneren Bestrebungen auf dem Gobicte des Geschichtsunterrichtes huben 
die Verfasser bei Abfassung des vorliegenden Buches in guter und geschickter Weise 
ur Anwendung gebracht. Onellenberichte, Kulturgeschichte, Vollswirkschaftelehre find 
uberall berücksichtigt. Das Buch bildet einen entschiedenen Fortgang auf dem 
Gebiete der Geschichtslitteratur und verdient in den weitesten Kreisen unseres 
Vaterlandes gelesen zu werden, da es nicht nur als Lehr= und Lernbuch für 
Schule, sondern auch als Lesebuch für das Haus recht greignek ist. Möge das 
originelle und anregende Werk in unsern Schulen sich bald Eingang vorschaffen! 
Pädagog. Litteraturblatt der Preust. Lehrerzeitung. 1857 vom 6. Juni. 
Die Verfasser haben mil dem vorlicgenden Buch wahrlich einen guten Griff 
gethan; denn wenn innerhalb eines Jahres 5 Auflagen erscheinen, so zeugt das 
davon, daß das Buch großen Anklang in der Lehrerwelt gefunden hat. Wiederholt 
haben wir empfehlend auf dieses einzigartige Werk, in dem die Kusturgeschichte in 
den Vordergrund gestellt wird, wie wohl in kaum einem Geschichtsbuch, im „Pad. 
Litteraturblatt" Dingewiesen. 
Bayerische Lehrerzeitung. 1897. Nr. 30 vom 23. Juli. 
Das vorliegende Werkchen ist mit Freuden zu begrüßen, da es einem ver- 
nünftigeren Geschichtsunterrichte beine Gasse bricht. Die Verfasser maren bestrebt, 
ein ganzes Bild von dem Leben des Volkes in den einzelnen Geschichtsperioden 
zu geben. Sie beschränken sich daher nicht bloß darauf, von Hanpt= und Staats 
aktionen zu reden, sondern steigen auch in das kleine Leben des Bürgers und Bauers 
herunter. Indem so die Kulturgeschichte in hervorragender Weise Berücksichtigung findel, 
treten mehr und mehr die treibenden Ideen der Geschichte in den Vordergrund, 
Regentengeschlechter und Kriegsgeschichten aber zurück, ohne deswegen vernachläsfigt 
zu sein. Das Buch findet unferen uneingeschränkten Beifall. 
Rektor. 21. Heft. 3. Jahrg. 
Ein treffliches Buch, dessen Absicht dahin geht, den Schüler, für dessen 
Hand es bestimmt ist, nicht nur in die Ereignisse der Zeiten, sondern vor 
allem in den Geist derselben einzuführen. 
Pädagog. Studien und Kritiken. 1896. Heft 4. 
Das Buch ragt weit über den Durchschnitt der Erscheinungen auf dem 
Gebiete des Geschichtsunterrichts hervor. 
  
  
Druck von Aldert Limbach, G. m. v. .Braunschweia.
        <pb n="149" />
        Verlag von Carl Menyer (Gustav Prior) in Haunover. 
Gefl. Beachtung empfohlen. 
Zu Weigand und Tecklenburg, 
„Deutsche Gelchbichte'“ 
werden nach und nach stammes= und heimatgeschichtliche Ergänzungshefte 
erscheinen, welche die Geschichte der preußischen Provinzen, der deutschen Staaten 
und einzelner Gaue oder Kreise in solcher Auewahl und Form enthalten, daß 
die betreffenden besondern Partien als organische Bestandteile in den Nahmen 
der „Deutschen Geschichte“ eingefügt werden können. 
Bis ietzt find erschienen: 
A. Folgende stammesgeschichtliche Ergänzungshefte: 
Nr. 1. Fuür dir Mbeinprovinz, bearh. pon Rektor Joh. Bengel in Stolberg bei Aachen. 
Preis steif geh. 20 Pfg. 
Nr. 2. Für die Provinz Hannover, bearb. von Lehrer Aug. lecklenburg in 
Göttingen. Preis steif geb. 30 Pfg. 
Nr. 3. Für die Provinz Sachsen, bearb. von Mittelschullehrer B. Deine in 
Nordhausen. Preis steif geh. 20 Pfg. 
Nr. 4. Für Ost= und Westpreußen, bearb. von Hauptlehrer J. K. Dawlowski 
in Zoppot bei Danzig. Preis steif geh. 25 Pig. 
Nr. Für das Großherzogtum Hessen, bearb. von Lehrer Philipp Dartleb 
in Mainz. Preis steif geh. 30 Pfg. 
Nr. 6. Für die Provinz Posen, bearb. von Rektor B. Nösener in Kempen in Posen 
Preis steif geh. 20 Pfg. ö. — 
Nr. 7. Für die Provin; Brandenburg, bearbeitek von Mittelichullehrer A. Fels 
in Frankfurt a. O. Preis steif geh. 20 Pfg. 
Nr. 8. Für die Provinz Schleswig-Holstein, bearbeitet von Mittelschullehrer 
T. B. Thomsen in Altona (Elbe). Preis steif geh. 30 Pig. 
B. Folgende heimatgeschichtliche Ergänzungshefte: 
Mr. 1. ,Geschichte von Göttingen und Umgegend“ von Aug. 
Tecklenburg, Lehrer in Göttingen. Preis steif geh. 50 Pfg. 
Nr. 2. „Geschichte von Mainz und Amgegend“ von philipp 
Dartleb, Lehrer in Mainz. Preis steif geh. 50 Pfg. 
Nr. 3. „ Geschichte von Erfurt und UAmgegend“ von Lehrer 
Schiel, in Erfurt. Preis steif geh. 40 Pfg. 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
—. — 
Bei carl Spannaus in Northeim ist zu haben: 
u Geschichte der Stadt Northeim und ihrer Am- 
#om Herausgegeben vom Lehrerverein der Stadt Northeim- 
Preis 25 Pfg. 
FZerner befinden sich in Vorbereitung: 
Das Ergänzungeheft für die Provinz Schlesten von Rektor Dantke in 
Breslau, für die Prorink Pommern von Rektor Sielaff in Stettin, für die 
Provim DH#len-Massau von Lehrer Rud. Dietz in Wiesbaden. Der erste 
selb ständigr Geschichtsunterricht auf heimatlicher Grundlage. Theorie 
und Praxis des Geschichtsunterrichts im 4. Schultahre von Aug. Tecklenburg.
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        Zn beziehen durch alle Buchhandlnugen. 
Kürz lich erschien. 
Die organische Einglieerung 
der 
2. F 4# 4 M # - — s 2 «- 
Heimat- und Stammesgeschichte 
in die Reichsgeschichte. 
Eine methodische Anweisung. 
AMit Hioffverteilungsplau WR Zlriterrichisbeispiesen. 
Bearhbeltet von 
Aug. Techlenburg. 
1899. Preis geheftet 1 Mk. 
Pädagogischer Litteraturbericht zu „Haus und Schule. 1899. Nr. 7. 
Zelten habe ich eine geschichtliche Arbeit mit solcher Befriedigung gelesen. 
mie dies mit Begeisterung und Sachkenntnis geschriebene Heft. Resonders 
wertvoll ist die „Uberfichtliche Stoffverteilung“, itt welcher der Verfafser zeigt, wie 
der Geschichtsunterricht nyt dem ersten Sihultage beginnt, wie das geschichtliche Wissen 
der Kinder sich mit jedem Schuljahre erweitert und schließlich eine gewisse Vollständig- 
keit erreicht. Der Plan ist allerdings nur für Göttingen Drauchbar, zeigt aber jedem 
Lehrer wie er für seinen Wohnort einen ähnzichen gewinnen kann. Auch die viel 
umstrittene Frage nach geeignetem Stoff für den ersten Geschichtsunterricht 
beantwortet der Verfasser in sefnem Vorschlage in wie Uir schein — sehr 
einfacher Weise. Die Arbeit verdient die Beachtung aller Geschichtslehrer. 
Osnabrück. "6 Hoffmeyer. 
Magdeburger Zeitung. 1899. Nr. 131. 
Eine außerordentlich lehrreiche Schrift! Der Verfasser geht ans von dem 
erziehlichen und unterrichtliche Werte der Helmats- und Stammesgeschichte, als deren 
Pgründlichen Kenner er sich schon verschiedentlich bekannt gemacht hat, und giebt daun 
eine lehrplanmäßige Unordnung der heimat= stammes- und reichsgeschichtlichen Steffe, 
die nach den Schuljahren syftematisch geordnet sind. Mit sicherem Griffe hat er 
fat überall das Richtige getroffen, und wenn auch das Buch zunächst 
für den Unterricht in der Volksschule bestimmk int, so wird doch auch 
der Lehrer an den höheren Schulen es nicht oyne Nutzen Kudieren. 
Süchsische Schulzeitung. 1899. Litterarische Beilage. Nr. 2. 
Mit den Ideen Tecklenburgs wird sich jeder Geschichtsleyrer rasch befreunden, 
der unter der Mangelhaftigkeit des methobischen Aufe#nnes unseres Gelchichts- 
makerials gelitten hat. In allen Unterrichtslächern ist eine stusenweise Gliederung, 
nelungen, die ein naturgemäßes Aufsteigen ermöglicht — # # Geschichts unterrickt nicht. 
Wer münzte es nicht, daß es hier dem Unterdau an der nbiigen liefen Gründung #im 
dem Voden der Heimat fehle, daß der Mittelbau zu Fr überladen ist und ####- 
Oberbau aub Mangel an Zeit gewohnlich in Wegsall kommt. Tecklenburg hat es ver- 
flanden, kür den de ukschen Geschichts un kerricht einen Plan heräzustelln 
der des Bild eines ökonomisch trefflich ingerich efen, In allen Teiten 
wohl vollendeten und harmonisch schönen Gebäudes gewährl- 
  
  
Druck von Albex# Limbach. G. m. b. H, Braunschweig.
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