Ein  unglücklicher  Einfall  Hallers  über  eine  sebr  ver-Kändige
  Dame,  welche  jedoch  Trotz  ibres  Alters  den  Rest
ibrer  Reize  bewundert  wissen  wollte,  brachte  meinen  Freund
in  Berlin  in  einigen  Mißcredit,  indem  sich  diese  Dame.
an  ihm  zu  rächen  suchte.  Der  Vorfall  war  folgender:
Wir  wurden  in  einer  Gesellschaft  der  geistreichen  Madame
St.  vorgestellt,  und  von  ihr  in  ibre  Wohnung  eingeladen;
indeß  verschoben  wir  diesen  Besuch  ziemlich  lange.  Eines
Morgens  kam  einer  unsrer  Freunde,  der  uns  sagte:  Meine
Herren,  nun  habe  ich  Auftrag,  Sie  ohne  alle  Widerrede
zur  Toilette  der  Madame  St.  zu  bringen,  denn  diese  Dame
wünscht  Sie,  vorzüglich  aber  Hrn.  von  Haller,  den  sie  in
besondere  Affection  genommen,  näher  kennen  zu  lernen.
Wir  folgten  der  Einladung,  und  wurden  aufs  freundlichste
empfangen.  Madame  St.  wußte  das  Gespräch  auf  hundert
  verschiedene  Gegenstände  zu  lenken,  wobei  sie  ihren
Verstand,  ibre  Kenntnisse  und  ihren  Witz  auf  eine  für  ung
überraschende  Weise  an  den  Tag  legte.  Endlich  wendete
sie  sich  zu  meinem  Freunde  Haller  mit  den  Worten:  In  acht
Tagen  ist  Neujahr,  und  da  möchte  ich  meinem  Gemahl  mit
meinem  Portrite  eine  Freude  machen;  ich  habe  mich  durch
W.  malen  lassen,  da  Sie  nun  ein  so  geübter  Kunftkenner
sind,  so  wollte  ich  Sie  bitten,  das  Porträt  anzusehen,
und  mir  zu  sagen,  ob  Sie  nichts  darüber  zu  erinnern  ssinden.
  Ach,  fing  Haller  an,  ich  bedaure  den  unglücklichen
Maler,  der  es  wagte,  Sie  zu  portraftiren.  Wie?  fragte
die  Dame,  welche  erwartete,  daß  ibr  Haller  eine  Schmeichelei
  sagen  werde,  sind  meine  Züge  denn  so  schwer  zu
treffen:  Das  eben  nicht,  gab  mein  Freund  zur  Antwort;
allein  wenn  Naphael  Sie  malte  und  könnte  Ihrem  Bilde