oben  des  Thurmes  gegen  das  Auge  eben  so  im  gleichen
Verbältniß  als  die  in  der  Natur  zeigen.  Diese  Meinung
  batte  in  Rom  eine  große  Sensation  unter  den  Künstlern
  gemacht,  weil  sie  anfänglich  glaubten,  ich  bebaupte
etwas  Paradoxes,  was  ich  nicht  durchzusetzen  im  Stande
wäre.  Allein  bei  naherer  Auseinandersetzung  meiner  Ansscht
  habe  ich  dieselben,  so  wie  auch  Hr.  Pfarrer  Lavater,
der  als  ein  wissenschaftlicher  Mann  eine  große  Freude
über  meine  Aufklärung  batte,  überzeugt,  daß  ich  in  meiner
  Bebauptung  Recht  gebabt.

Lavater  äußerte  oft  gegen  mich,  daß  er  zwar  die  italienische
  Malerschule  sehr  verehre,  doch  könne  er  in  den
Arbeiten  derselben,  vorzüglich  aber  in  den  Werken  der
altrömisch  und  griechischen  Bildbauerkunst,  nicht  so  viel
Natur  als  in  den  altdeutschen  und  niederländischen  Gemälden
  finden,  indem  die  Köpfe  eines  Apollo,  einer
Niobe  u.  s.  w.  wohl  ideale,  aber  mit  keinem  ausgearbeiteten
  Kopfe  eines  Holbein,  eines  Rubens,  oder  Rembrand
  u.  s.  w.,  in  Hinsicht  des  Ausdrucks  und  der  individuellen
  lebenden  Natur,  zu  vergleichenssepyen.  Ich  vertbeidigte
  die  alte  Kunst  dagegen,  indem  ich  meinem  freundschaftlichen
  Gegner  zu  bedenken  gab,  daß  der  Künstler
binsichtlich  seiner  Formen,  so  wie  seines  Ausdruckes,  durch
die  Idee,  welche  er  darstellt,  bestimmt  werde,  und  es  eine
böbere  und  eine  gemeine  Natur  gebe.  Dieser  Streit  veranlaßte,

  daß  er  mir  Volgendes  zum  Andenken  auf  ein
Blatt  schrieb:

Weisheit  lehre  Dich  stets  auf  den  wohlgeprüftesten  Zweck
sehn;
Eins  sey  stets  Dein  Zweck  —  die  mannichfaltige  Einheit;