Schluß.  155

kunst  Hand  in  Hand  gehen.  Erstere  entwickelt  die  Gesetze
und  Regeln,  scheidet  das  Wesentliche  von  der  willkürlichen
Zutat  und  bringt  die  Grundlagen  und  Bedingungen  der
echten  Heraldik  zum  klaren  Bewußsein;  sie  legt  die  Entwickelung
des  Wappenwesens  dar  und  weist  die  Bedeutung  der  Figuren
und  ihren  Zusammenhang  mit  dem  Leben  nach.  Die  Wissen—
schaft  gibt  dem  Künstler  das  Material  an  die  Hand;  an  diesem
ist  es  nun,  den  wahren  Stil  sich  anzueignen,  damit  die  Zeichnung
  seiner  Wappen  den  echt  heraldischen  Charakter  und
Schwung  erhalte.  Hierbei  kann  nur  die  Anschauung  und
V  ergleichung  von  vielen  Originalen  aus  der  Blütezeit  der
Heraldik  den  rechten  Weg  bezeichnen  und  die  echt  heraldischen
Formen  lehren;  besonders  sind  die  Wappen  aus  dem  14.,
15.  und  auch  noch  aus  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts
als  Vorbilder  zu  empfehlen.  An  solchen  Mustern  ist  kein
Mangel,  da  es  eine  so  große  Menge  von  Bauwerken,  Grabsteinen,
  Siegeln,  Münzen  und  Medaillen  (letztere  seit  etwa
1500)  gibt,  auf  denen  prachtvoll  stilisierte  Wappen,  besonders
schwunghafte  Tiere  (Löwen,  Adler)  vorkommen  auch  auf
Bildern,  Glasmalereien,  den  ältesten  Kupferstichen  und  Holzschnitten
  usw.  findet  man  herrliche  Wappen  (ganz  ausgezeichnete
  von  M.  Schongauer  und  A.  Dürer).  Ebenso  ist  das
Studium  mittelalterlicher  Tracht,  Waffen,  Geräte  von  Wichtigkeit,
  weil  hier  die  Originale  zu  so  vielen  künstlichen  Figuren
zu  finden  sind.

Bei  einiger  Ubung  und  Anschauung  guter  Vorbilder  wird
sich  das  Gefühl  für  heraldische  Schönheit  immer  lebendiger
entwickeln.  Die  letzten  dreißig  Jahre  haben  nach  dieser  Richtung
  hin  schon  einen  bedeutenden  Fortschritt  gebracht.  Aber
noch  ist  viel  zu  tun,  soll  das  Errungene  nicht  wieder  verloren
gehen,  das  kaum  Erblühte  nicht  wieder  verwelken.