gelesen,  meine  Herren,  was  ich  zu  meinem  Volke  vom  Balkon  des  Schlosses  aus  gesagt  habe.  Ich  wieder
hole:  ich  kenne  keine  Parteien  mehr.  Ich  kenne  nur  Deutsche,  und  zum  Zeichen  dessen,  daß  Sie  fest  entschlossen
  sind,  ohne  Parteiunterschied,  ohne  Standes-  und  Konfessionsunterschied  zusammenzuhalten,
mit  mir  durch  dick  und  dünn,  durch  Not  und  Tod,  fordere  ich  die  Vorstände  der  Parteien  auf,  vorzutreten
  und  mir  dies  in  die  Hand  zu  geloben.  Dies  geschah  und  die  Vorsitzenden  der  Fraktionen  reichten
sämtlich  dem  Kaiser  die  Hand.  Daraufhin  schloß  sich  im  Reichtagsgebdude  die  erste  Sitzung  an.  Nachdem
der  Präsident  Kämpf  wiedergewählt,  trug  der  Reichskanzler,  von  Bethmann  Hollweg  die  großen
entscheidenden  Kundgebungen  der  verbündeten  Regierungen  dem  Reichstag  vor.  Als  er  sagte:  Rußland
habe  die  Brandfackel  in  das  Haus  geworfen,  brauste  ihm  ein  Sturm  der  Zustimmung  von  allen  Seiten
bes  Hauses  und  seiner  Tribünen  entgegen.  Wir  stehen  in  einem  aufgezwungenen  Kriege  mit  Frankreich
und  Rußland.

Die  russische  Mobilisierung  war  grundsätzlich  schon  beschlossen,  bevor  sich  der  Zar  an  den  Kaiser
wandte.  Noch  bevor  die  Entscheidung  in  Wien  fällt,  kommt  die  Nachricht,  daß  Rußlankd  seine  gesamte
Wehrmacht  —  also  auch  gegen  Deutschland  —  mobillisiert.

Die  russische  Mobilmachung  an  unserer  Grenze  ist  schon  seit  der  Nacht  vom  30.  zum  31.  Juli  in
vollen  Gange.

Mit  reinem  Gewissen  zieht  Deutschland  in  den  Kampf.  —  Jetzt  hat  die  große  Stunde  der  Prüfung
für  unser  Volk  geschlagen,  aber  mit  heller  Zuversicht  sehen  wir  ihr  entgegen.  —  Unsere  Arme  steht  im
Felde,  unsere  Flotte  ist  kampfbereit.  Hinter  ihnen  steht  das  ganze  Deutsche  Volk.  Darnach  wurden
7  Milliarden  zur  Bestreitung  einmaliger  außerordentlicher    Ausgaben  einstimmig  gewährt.  —

5.  August.
Amtlich  wird  gemeldet,  daß  der  englische  Botschafter  Sir  Edward  Goschen  heute  abend  im  Auswärtigen
  Amte  erschienen  sei,  seine  Pässe  gefordert  und  den  Krieg  an  Deutschland  erklärt  habe.
Der  Senat  von  Hamburg  fordert  von  der  Bürgerschaft  die  Mitgenehmigung,  daß  zur  Bestreitung
von  aus  dem  Kriegsverhältnis  erwachsenen  außerordentlichen  Ausgaben  eine  Summe  von  fünf  Millionen
  Mark  bewilligt  werde.  —

Die  Ernte  ist  vor  der  Türe  und  werden  Schüler,  Schülerinnen  und  solche,  welche  zum  Kriegedienst  unfähig
sind  und  helfen  können,  aufgefordert,  bei  den  Bauern  in  der  Erntearbeit  mitzuhelfen.  Für  Preußen  und  Hamburg
wird  eine  Amnestie  erlassen.  Der  Kaiser  will  angesichts  der  opferwilligen  Vaterlandsliebe,  die  das  gesamte  Volk
in  dem  uns  aufgedrängten  Kriege  beweist,  einen  allgemeinen  Straferlaß  namentlich  für  Verfehlungen  auf
politischem  Gebiet,  daneben  aber  auch  für  solche  Straftaten  eintreten,  die  aus  wirtschaftlicher  Not  und  Bedrängnis
  hervorgegangen  sind.

Der  Schluß  der  Kriegsreichstagssitzung  fand  mit  einer  vom  ganzen  anwesenden  Reichstag  stürmisch
begeistert  aufgenommenen  Rede  des  Reichskanzlers    statt.  Dieselbe  hatte  folgenden  Wortlaut:

Meine  Herren!  Am  Schluß  dieser  kurzen,  aber  ernsten  Tagung  ein  kurzes  Wort!  Nicht  das  Gewicht  Ihrer
Beschlüsse  gibt  dieser  Tagung  ihre  Bedeutung,  sondern  der  Geist,  aus  dem  heraus  sie  gefaßt  sind.  Der  Geist
der  Einbeit  Deutschlands,  das  unbedingte  rückhaltlose  gegenseitige  Vertrauen  auf  Leben  und  Tod.  Was  uns
auch  beschieden  sein  mag,  der  4.  August  1914  wird  bis  in  alle  Ewigkeit  einer  der  größten  Tage  Deutschlands
sein.  Seine  Majestät  der  Kaiser  und  seine  hohen  Verbündeten  haben  mir  den  Auftrag  gegeben,  dem  Reichstag
zu  danken.  Ich  babe  mit  allerhöchster  Verordnung  dem  Hause  mitzuteilen:

Wir  Wilhelm  von  Gottes  Gnaden  Deutscher  Kaiser,  König  von  Preußen,  verordnen  auf  Grund
der  Artikel  12  und  26  der  Verfassung,  was  folgt:
I.  Der  Reichstag  wirb  bis  zum  24.  November  1914  vertagt.  Der  Reichskanzler  wird  mit  der  Ausfübrung
  dieser  Verordnung  beauftragt.
Urkundlich  unter  unserer  höchsteigenhändigen  Unterschrift  und  beigedruckten  kaiserlichen  Insiegeln
Gegeben  Berlin,  im  Schloß  den  4.  August  1914
gez.  Wilhelm.  gegengez.  Delbrück.

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