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        <title>Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.</title>
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            <idno>wilhelm_leben_1928</idno>
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v.  Menzel

iner  Parade.  1873

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Skizze  des  Prinzen  Wilhelm  von  Preußen  von  A
zu  einem  nicht  ausgeführten  Bild  e
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        Kaiser  Wilhelm  II.
Aus

meinem  Leben
1850—1888

*

Achte  Auflage

Verlag  von  K.  F.  Koehler  in  Leipzig  1928
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        Loppright  1927  by  K.  F.  Koehler,  G.  m.  b.  H.,  Berlin  und  Leipzig

Gedruckt  bei  Bretitkopf  &amp;amp;  Härtel  in  Leipzig
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        Meinen  Kindern  und  Enkeln
und

der  deutschen  Jugend
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        Vorwort

J-  der  Einsamkeit  meines  holländischen  Exils  gehen  die  Gedanken
oftmals  zurück  in  die  Vergangenheit.  Und  je  dunkler  die  Gegenwart
  sich  gestaltet,  um  so  weiter  wandern  die  Gedanken  und  suchen
den  strahlenden  Sonnenschein  glücklicher  Friedens-  und  Zugendsahre.
Vor  meinem  geistigen  Auge  erstehen  von  neuem  die  Zeiten,  in  denen
mein  Baterland  zu  Einheit  und  Macht  erwuchs.  Durch  meine  Erinnerung
  schreiten  wieder  die  großen  Gestalten  des  ersten  deutschen
Kalsers  und  seiner  Paladine,  längst  verblaßte  Bilder  gewinnen  wieder
Farbe  und  Leben,  und  mit  übermächtigen  Kräften  drängen  sich  die
Schatten  teurer  Toter  herzu.

In  den  Kreis  dieser  Gestalten,  deren  Namen  die  Geschichte  bewahrt,
  sieht  der  Verfasser  sich  selbst  hineingestellt.  Er  erlebt  noch
einmal  die  Jahre  der  Kindheit  und  Jugend,  schaut  sich  selbst  mit
Eltern  und  Geschwistern,  sitzt  wieder  vor  dem  strengen  Erzieher  und
mit  gleichaltrigen  Knaben  auf  dem  Gymnasium,  lacht  und  tollt  am
Meeresstrande  und  im  Bark  von  Sanssouci,  trägt  wieder  den  weißen
Stürmer  der  Borussen  und  hört  manch  schweres  Kolleg.  Der  Präsentiermarsch
  klingt  auf  —  und  klopfenden  Herzens  marschiert  der
junge  Leutnant  vor  dem  katserlichen  Großvater  vorbel.  Die  Jahre
vergehen,  und  was  der  leuchtende  Traum  eines  Tages  war,  soll  nun
in  hartem  Dienst  handfeste  Wirklichkeit  werden.  Griffe  werden  geübt,
  Kommandorufe  ertönen,  die  Sonne  scheint  prall  auf  den  Exerzierplatz,
  wie  jeder  andere  wehrfähige  Breuße  gibt  der  Prinz  sein  Letztes
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        her:  Dienst  des  Königs,  Dienst  am  Vaterlande,  Dienst  am  Volle!
Dienen  und  Lernen  heißen  die  Zeichen,  unter  denen  sich  die  Vorbereitung
  auf  das  höchste  Amt  im  Reiche  vollzieht.

Mit  tiefer  Ergriffenheit  nahm  ich  die  Feder  zur  Hand,  um  die
Gestalten  und  Geschehnisse  jener  Jahre,  die  an  mir  vorüberziehen,
festzuhalten.  Manche  nachdenkliche  Stunde  voll  tiefer  Einsamkeit  ließ
mesnen  Lebensgang  vor  mir  sich  ausbreiten.  Mancher  Frage,  die
das  Schicksal  an  mich  stellte,  eine  Antwort  zu  finden,  war  mein  Bemühen.
  Und  wenn  freilich  manches  Nätsel  sich  löste,  dafür  manch
neues  aber  sich  knüpfte,  so  ist  das  nichts  anderes  als  Menschenlos.
Die  letzten  Fragen  lösen  nicht  wir  hier  unten.  Der  allmächtige
Lenker  unserer  Schicksalswege  kennt  sie,  das  muß  uns  genügen-*

  *  *

Ich  habe  dieses  Buch  nicht  ohne  Benutzung  quellenmäßiger  Unterlagen
  geschrieben,  die  dem  Gedächtnis  zu  helfen  geeignet  waren.  In
erster  Linie  standen  mir  die  Tagebücher  meines  Vaters  zur  Verfügung,
die,  mit  größter  Sorgfalt  geführk,  die  Jahre  1860  —1888  umfassen.
Sodann  nenne  ich  meine  eigenen  Briefe  und  Berichte  an  meine  Großeltern,
  an  meine  Tante  Großherzogin  Luise  von  Baden  sowie  an
meinen  Erzieher  Hinzpeker.  Von  großem  Wert  waren  mir  ferner
dessen  eigenhändige  Aufzeichnungen  über  seine  Erziehungsziele  und
-erfolge,  die  er  1889  in  einem  287  Folioseiten  umfassenden  Manusikriptbande
  niedergelegt  hat,  dieses  Werk,  das  mit  dem  im  Druck  erschienenen
  nichts  zu  tun  hat,  hat  Hinzpeter  überschrieben:  „Die  Erziehung
des  Prinzen  Wilhelm  von  Preußen,  setzigen  Kalsers  Wilhelm  II.“
Schließlich  besaß  sch  für  die  Kindheits=  und  Schulfahre  neben  einzelnen
Schulaufsätzen  noch  eine  wichtige  Quelle  in  meinem  „Curriculum  vitae',
dem  Lebenslauf,  den  ich  gleich  meinen  Mitschülern  im  Oktober  1876,
einige  Monate  vor  unserem  Absturkentenexamen,  einreichen  mußte.  Ohne

dieses  Schriftstück  könnte  ich  wichtige  Abschnitte  meines  Werdens  kaum
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        rekonstruieren,  ich  führe  es  deshalb  häufig  an  Stellen  an,  wo  mir
mein  Gedächtnis  keine  Stütze  bietet.  Die  wichtigsten  Dokumente  gebe
ich  in  einem  Anhang  bei.

Bek  der  Sammlung  und  Stchtung  des  welitschichtigen  historischpolitischen
  Materkals,  das  ich  hier  mir  zu  verschaffen  nicht  in  der  Lage
war,  insbesondere  über  Borgänge  aus  meiner  reiferen  Jugendzeit,  hat
mir  mein  treuer  Helfer  Dr.  Kurt  Jagow  in  Berlin  ebenso  unermüdlich
und  verständnisvoll  zur  Seite  gestanden,  wie  seinerzeit  bei  der  Zusammenstellung
  meiner  „Vergleichenden  Geschichtstabellen“.  Auch  an
dieser  Stelle  sei  ihm  mein  Dank  ausgesprochen.

Haus  Doorn,  im  Juli  1020.
Der  Berfasser.
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        Inhaltsverzeichnis

Kinddet  13956

I.  Erste  Jugenderinnerungen.  S.  3.

Osborne  3  —  Prince  Consort  Albert  3  —  Vermählung  des
Prinzen  von  Wales  3  —  Reisen  in  Deutschland  4  —  Kirchenparaden

  4  —  dle  Krlege  1864  und  1866  4  —  Tod  meines
Bruders  Sigismund  5.

II.  Mein  Elternhaus.  S.  5.
Mein  Vater  5  —  mesne  Mutter  8  —  Freunde  und  Vertraute  13.

III.  Erziehung  und  Unterricht.  S.  21.

Die  Erzseherin  21  —  der  Militärgouverneur  22  —  Trommelunterricht
  22  —  Lese=  und  Schrelbunterricht  23  —  Hinzpeter
und  selne  Bädagogik  24  —  Unterricht  1866  bis  70  20  —
körperliche  Erzlehung  31  —  mein  Bruder  Heinrich  als  Buchbinder
  33  —  das  tägliche  Leben  34  —  Jugendgespielen  37
—  Theaterspiele  30  —  Festtage  30  —  Eintritt  in  die  Armee  40
—  erste  Baraden  41  —  Ferienreisen  in  den  Schwarzwald  42,
nach  Reinhardsbrunn  42,  Blankenberghe  43,  Rehme  44  und
Norderney  45  —  Besuch  Wilhelmshavens  45.

IV.  Im  Paradies  von  Cannes.  S.  46.

Die  Wunder  der  Natur  47  —  neue  Bekannte  47  —  das
3  48  —  Ile  Sainte  Marguertte  40  —  Heimkehr
  meines  Baters  40  —  die  Gehelmnisse  des  Orlents  40  —
an  Bord  eines  Kriegsschiffes  40  —  Abreise  meiner  Eltern  0  —
„Clairon  en  tẽtes  50  —  in  Toulon  50  —  bei  den  Galeerensträflingen
  91.—  ein  französischer  Dreldecker  31  —  Nückretse
über  Avtgnon.  Unterhaltungen  mit  französischen  Soldaten  52.

V.  Der  Deutsch-Französische  Krieg.  S.  72.

Abschtedvom  Vater  93  —  dleersten  Stege  und  unsere  Felern?4—
unsere  Sedan-Begelsterung  und  ihre  Folgen  55  —  Relchs-Hündung
  55  —  Einzug  des  Kafsers  und  des  Kronprinzen  in

erlin  55  —  der  erste  Relchstag  36  —  Einzug  der  Truppen
in  Potsdam  56,  Berlin  77  und  Kassel  60.
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        VI.  Bis  zum  ersten  Schulexamen.  S.  60.

Unterricht  60  —  Lektüre  65  —  Vorträge  65  —  Museumsbesuche
  67  —  Atelierbesuche  67  —  Fahrten  in  der  Mark  69  —
Reise  nach  England  71  —  Königin  Victoria  72  —  meine
englischen  Berwandten  74  —  Fahnenweihe  76  —  Dampferahrten
  77  —  auf  der  „Victory“  77  —  der  schwerhörige
dmiral  77  —  Relse  nach  Wok  70  —  die  Halligen  79  —
eln  historkscher  Schuß  80  —  Freunde  80  —  praktischer  Schiffsdienst
  81  —  Besuch  von  Hamburg  und  Kiel  82  —  Besuch
des  (ttallenischen  Kronprinzenpaares  in  Verlin  82  —  die  Oreikalserparade,
  Zar  Alexander  II.  82  —  Reif  für  Obertertia  84.

WII.  Besuch  in  Wien.  S.  84.

Auf  dem  Hradschin  84  und  auf  der  Moldaubrücke  85  —  in
Hetzendorf  85  —  die  Weltausstellung  88  —  Kalser  Franz
Josef  I.  85  —  Kalserin  Ellsabeth  86  —  Kronprinz  Rudolf  36
—  Erzherzöge  und  Erzherzoginnen  87  —  Wien  und  seine

Sehenswürdigkeften  88.
VIII.  Bis  zur  Einsegnung.  S.  88.

Reise  nach  Wyk  88  —  das  Kadettenhaus  in  Tichterfelde  88
—  Enthüllung  der  Siegessäule  88  —  Besuch  König  Biktor
Emanuels  in  Berlin  88  —  ein  Stapellauf  80.

IXXK.  Meine  Einsegnung.  S.  89.

Konfirmatlonsunterrscht  886  —  „Meditattonen“  in  Schereningen
  90  —  das  Teeservice  von  Holofernes  93—  Einsegnung  94.

Der  alte  Kaiser  und  die  Seinen

I.  Kasser  Wilhelm  I.  S.  9.

Inniges  Verhältuks  zum  Großvater  99  —  zu  Besuch  in  seinem
Palals  00  —  im  Theater  101  —  am  Historischen  Ecksenster  102
—  Erinnerung  an  Brinzessin  Elisa  Radziwili  103.

II.  Kaiserin  Augusta.  S.  104.

Llebe  der  Großmutter  für  den  Enkel  104  —  ihre  Kunst  Cercle  zu

halten  105  —  meine  Großmutter  als  Wirtin  105  —  welmarische
Brinzessin,  preußische  Könsgin  106.

III.  Kaiser  Wilhelms  Tochter.  S.  106.

Großherzogin  Lutsevon  Baden  106  —  Großherzog  Friedrich  107.

IV.  Die  Umgebung.  S.  107.

Die  vier  Getreuen  107  —  die  großen  Baladine  109  —  die

Adjutanten  100  —  die  Arzte  112  —  die  Hofprediger  113
—  Damen  und  Herren  des  Hofes  115.

Seite

07—11
        <pb n="11" />
        Seite
Auf  dem  Gymnasium  zu  Kassel.  117—194

I.  Ziele  und  Absichten.  S.  119.

Ein  alter  Plan  Dinzreters  119  —  pädagogische  Ziele  119  —
Bruch  mit  der  Tradition  120  —  die  Mahl  Kassels  120  —
was  Kassel  damals  dem  Schüler  bot  120.

II.  Ein  kurzer  Ubergang.  S.  121.

Abschfed  vom  Elternhaus  121  —  Harzreise  122  —  „steht  im
Lelbrock“  122  —  à  la  Wandervogel  122  —  Zweflfel  und  Gedanken
  122  —  eln  frugales  Frühstück  —  „Einzug“  in  Kassel  123
—  der  Portser  in  Gala  124.

III.  Auf  der  Schulbank.  S.  124.

Die  Schule  124  —  Mitschüler  125  —  Lehrer  126  —  Unterricht
  127  —  Lektüre  134  —  Poesie  und  poetische  Versuche  135
—  das  Kränzchen  136  —  Theaterbesuche  136  —  dle  Wohnung  137
—  zweli  treue  Leute  137  —  Sport  137  —  dle  Kaseseler
„Spitzen“  138  —  Hinzpeters  Bersöhnungsdiners  130  —  Reise
nach  Scheveningen  139  —  „Lhalatta,  Thalattal“  140.

IV.  Der  Abschluß.  S.  140.

Das  Abltursentenexamen  140  —  Hinzpeters  Abschied  141  —
Fer  der  Großsährigkeit  141  —  Diuenstlelstung  beim  Ersten

arderegiment  zu  Fuß  142  —  Kalser  Wilhelms  I.  80.  Geburtstag
  144  —  Offiztersexamen  145  —  das  veraltete  Reglemenk
  145  —  „Plewna,  lleber  Wilhelm,  Blewna!“  148  —
der  Herr  Brigadekommandeur  und  der  Eintritt  der  Dunkelheit
  148  —  Alarm!  140  —  ein  heillges  Donnerwetter  140
—  im  Hause  Bethmann  Hollweg  150.

V.  Ereignisse  des  Jahres  1877.  S.  150.

Relse  nach  Hamburg  150  —  der  Einsame  Baumtürke  151
—  Reise  nach  Kiel  152  —  Prinz  Heinrichs  Einstellung  in
die  Marlne  152  —  nächtlsche  Abenteuer  an  Bord  eines  Kriegsschiffes
  152  —  gesunder  Appetit  153  —  Besuche  in  Ostende,
Gent  und  Brügge  154  —  in  Cowes  und  Osborne  154  —
Grundstelnlegung  des  Nlederwalddenkmals  154.

Student  in  BrnnNa  155  —184

I.  Ubersiedlung  nach  Bonn.  S.  157.

Die  rhelnische  Alma  mater  17  —  Wohnung  157  —  Begleltung
  157  —  mein  Nachbar  157.  nung  Be

II.  Das  Studium.  S.  158.
Vorlesungen  158  —  Professoren  159.  4
        <pb n="12" />
        Sette

III.  Geselliger  Verkehr.  S.  162.
Das  Korps  Borussia  163  —  Kommilitonen  164  —  das  Königs-Husaren-Regiment
  165.

IV.  Das  Leben  am  Rhein.  S.  166.

Ausflüge  auf  dem  Rhekn  166  —  eine  Narrensiqzung  166  —
im  „Malkasten“  166  —  Rheintsche  Musikfeste  166  —  Konzerte  166
—  In  Koblenz  bel  meiner  Großmutter  167  —  „St.  OQOuentin-Bersallles
  =  Koblenz“  168  —  llebe  Verwandte  in  Darmstadt
  168  —  ihr  tragisches  Schicksal  160  —  in  Neuwied  170
—  Carmen  Syplva  170  —  ein  Kulturkampf-Erlebnis  170  —
die  beiden  Gelstlichen  in  Bonn  171.

V.  Ereignisse  der  Zeit.  S.  172.

Eine  Doppelhochzelt  172  —  die  beiden  Attentate  auf  meinen
Großvater  172  —  In  Homburg  173  —  Sendung  nach  Brüssel  173
—  König  Leopold  II.  174  —  Eine  schöne  Gabe  Gottes“  175
—  Graf  Bhilipps  Erzählungen  175  —  Prinzessin  Auguste
Bibtorla  kn  Berlin  176  —  in  Ilfracombe  176  —  in  Balmoral
bei  meiner  Großmutter  176  —  die  Hochlandstracht  177  —
auf  Jagd  im  Hochland  178  —  Erinnerungen  an  den  Prinzgemahl
  178  —  London  170  —  Baris  und  Umgebung  170
—  Prinz  Heinrichs  Weltumsegelung  180  —  Familienfest  in
Windsor  180  —  Tod  mesnes  Bruders  Waldemar  181  —
deutsch-russische  Krisis  181  —  Begegnung  von  Alexandrowo  132
—  erste  Italtenreise  183  —  Abschluß  des  Studiums  184  —
Hoffnungen  und  Entwürfe  184  —  „binekn  in  die  Kompagnie!“
  184

Ereignisse  und  Erlebnisse  1880  —1888.  189—344

I.  Dienst  im  Heere.  S.  187.

Bei  der  Leibkompagnie  187  —  Beförderung  zum  Hauptmann  187
—  Kompagniechef  188  —  Major  à  la  suite  des  I.  Garde-Regiments
  zu  zuß  180  —  das  Leben  im  Regiment  100  —  beim  Garde-Husaren-Regiment
  192  —  ein  Lob  Brinz  Friedrich  Karls  193
jm  der  Wert  parademäßtger  Schulung  194  —  ein  französischer
Spion  und  sein  „ami"  197  —  „Hol  mich  der  Teufel,  Königliche
Hoheit!“  200  —  Dretlinden  202  —  beim  J.  Garde-Feldartillerte-Regiment
  203  —  „Schafskopp,  brüll  nicht  sol“  204  —
der  Kronprinz  und  die  „Trias=  204  —  ungewöhnliche  Uberrelchung
  elner  Kablnettsorder  205  —  Bataillonsführer  im
1.  Garde-Reglment  zu  Fuß  206  —  das  schöne  Spanien  200
—  Vortrag  über  Cannä  200  —  „das  erste  Batalllon  der  Christenhelt“
  207  —  Kaiserin  Augusta  als  Regimentschef  208  —  „Na
na,  sunger  Freund,  nicht  so  hitztg!“  205  —  das  Lächeln  der  sinsirren
  Exzellenz  209  —  Herbstübungen  1885  210  —  Oberst  und
Kommandeur  der  Garde-Husaren  210  —  Kampf  gegen  das
Spiel210  —  mein  Großvater  und  die  moderne  Gefechtskunst  211
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        —  die  “*  212  —  Graf  Haeseler  215  —  der  Unlon-Klub
  216  —  der  Parademarsch  der  Garde-Husaren  und  die  Krltlker
  von  der  Infanterte  217  —  ein  galloping  machine  gun  219
—  Kassermansver  1887210  —  melne  theoreitsche  Ausblidung?20
—  das  Kasino  der  Garde-Husaren  221  —  Führer  der  2.  Garde-Infanterie-Brigade

  222  —  Abschled  von  Potsdam  222  —  „Er
wird's  schon  machen!“  223.

II.  Bermählung.  S.  224.

III.  Freunde  und  Vertraute.  S.  226.

Eulenburg  226  —  Versen  229  —  Valdersee  231  —  Chellus  233
—  Kessel  234  —  Hahnte  236  —  Güßfeldt  238.

IV.  Ausbildung  in  der  Zivilverwaltung.  S.  240.

Im  Oberprästdium  der  Provrinz  Brandenburg  240  —  Im  Auswärtigen
  Amt  241  —  der  groke  Kanzler  242  —  Herbert  Bismarck

  244  —  im  Finanzminitsterium  245  —  die  Etnrichtung
eines  Zlofladfutanten  247.

V.  Der  Kulturkampf.  S.  248.

Ein  Berhängnis  für  Deutschland  248  —  der  Abbruch  des
Kampfes  240  —  Begegnung  mit  katholtschen  Bersönlichkesten  240
—  bescheldene  Mitwirkung  an  dem  Friedensschluß  251.

WI.  Erinnerungen  an  England.  S.  251.

Besuch  beim  Prinzen  von  Wales  in  Marlborough  House  251  —
die  Sehenswürdigketkten  Londons  251  —  Lord  Beaconsfield  252
—  eln  Kricket-Match  253  —  In  Cumberland  Lodge  und  in
Windsor  Castle  254  —  im  Theater  254  —  Im  Lager  von  Aldershot
  254  —  In  Bortsmouh  255  —  bei  den  Scots  Guards  255
und  den  Life  Guards  296  —  „Wer  zum  Teufel  hat  mich  schon
einmal  fluchen  gehört?“  257  —  mit  der  Torpedobootsdkossion
über  die  Nordsee  258  —  mathematische  Berechnungen  260  —
Kalakauas  dunkelhäutige  Schwester  200  —  Lady  Ailesburys
Konfidenzen  251  —  das  Reglerungssubtläum  Königin  Victorlas
  262  —  dle  Feler  in  Westminster  Abbey  262  —  „Sie
gehen  unter  wie  eine  Putzschachtel!“  263.

VII.  Meine  Bezlehungen  zur  Marine.  S.  263.

Frühe  Passion  für  die  Marine  263  —  melne  Vorträge  264  —
ein  englisches  Geschwader  in  Klel  264  —  ein  see=  und  geschichtskundlger
  Kommandant  266  —  deutsch-englische  Freundschaft  266
—  „Hallo,  Jack,  warum  drehst  du  bei?“  260  —  ein  Panzerschiff
  unter  vollen  Segeln  268  —  Flottenübungen  bei  3oppot
  269  —  der  „Spion"  270  —  Malunterricht  270  —  Taufe
der  Korvette  „Alexandrine"  272  —  Grundsteinlegung  des  Kaiser
Wilhelm-Kanals  272  —  à  la  suite  des  l.  Seebataillons  274
—  das  geringe  Interesse  der  Armee  für  die  Marine  274  —
Taufe  der  Korvette  „Brinzeß  Wilhelme  276.

See
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        Seite

VIII.  Erinnerungen  an  Osterreich-Ungarn  S.  276.
Kronprinz  Rudolf  276  —  Kaiser  Franz  Josef.  Ein  Vorbild.
Ritterlichkest.  Sprachgewandthett  276  —  Katserin  Eltsabeth  270
—  ihr  traglsches  Schicksal  280  —  Hochzeit  des  Kronprinzen
Rudolf  280  —  eine  „Unsicte“  281  —  die  österreichische  Gesellschaft
  261  —  das  ungarlsche  Infanterleregiment  Nr.  34  282
—  das  ungarkssche  Ousarenreglment  Nr.  7  282  —  Abschaffung
des  Bräsentierens  284  —  neuer  Besuch  in  Wien  und  Brag  284
—  bei  Kaiser  Franz  Josef  zur  Jagd  285  —  ein  unsicheres
Plätzchen  286  —  „Es  hat  Dich  wohl  a  bisserl  echauffiert  ?  287
—  Jägerlatein  287  —  „Probeschüsse  auf  ein  Stück  Wild“  283
—  ein  einflußreischer  Mann  288  —  auf  der  Landesausstellung
in  Budapest  289  —  Begegnung  mit  Graf  Andrassy  289  —
Theaterbesuch  290  —  die  Ungarn  290.

IX.  Erinnerungen  an  Rußland.  S.  291.

Ermordung  Kalser  Alexanders  II.  292  —  meine  Sendung
nach  Betersburg  202  —  im  Winterpalals  203  —  Zar  Alexander
  III.  203  —  Großfürsten  und  Großfürstinnen  203  —  in
der  Beter-Bauls-Gestung  294  —  Berleihung  des  Wiborg-Regiments
  205  —  die  Großfährlgbeitsfeier  Zar  Nikolaus  II.  295
—  die  Rekrutenvertellung  207  —  politische  Gespräche  298  —
Besuch  in  Kronstadt  299  —  „Hier  liegt  Suworow“  300  —
die  Berichte  an  meinen  Großvater  300  —  Abschied  von  Betersburg
  300  —  in  Moskau  301  —  der  Kreml  301  —  Sehenswürdigkeiten
  Moskaus  302  —  am  Sarge  Jwans  des  Schrecklichen
  303  —  Truppenbesichtigung  303  —  deutsch-russische
Traditionen  304  —  zur  Bärensagd  beim  Gürsten  Radziwill  305
—  die  Birkenallee  im  weiten  Rußland  306  —  der  Tiermaler
  und  seine  Erfolge  als  Porträtmaler  306  —  kunstvolle
Geschütze  307  —  Abhärtung  308  —  „Mitschewo“  309  —
Jagdabenteuer  310  —  Erlnnerungen  an  die  Heilige  Allkanz  313
die  Battenbergaffäre  314  —  die  Gasteiner  Besprechungen
18856  318  —  ein  schwerer  Gang  320  —  Ohnmachtsanfall
meines  Großvaters  321  —  die  Nacht  in  Salzburg  321  —
meine  Sendung  nach  Brest-Litowsk  322  —  die  Saat  des  Berliner
  Kongresses  325  —  Kriegsgefahr  326  —  der  Rückversicherungsvertrag
  326  —  Besuch  des  Sarenpaares  in  Berlin  327
—  Vortrag  Moltkes  über  den  Zweifrontenkrieg  3228  —  „Wir
Deutschen  fürchten  Gott,  aber  sonst  nichts  auf  der  Welt!“  329.

X.  Die  Krankheit  meines  Baters.  S.  320.

Die  ersten  Erscheinungen  320  —  die  geplante  Operatton  330
—das  verhängnisvolle  Auftreten  Mackenzies  331  —  die  Reisen
melnes  Baters  330  —  der  „Lebensretter“  330  —  der  letzte
Geburtstag  333  —  meine  Reise  nach  San  Remo  334  —  das
Todesurteil  330  —  „Somitt  werde  ich  wohl  mein  Haus  bestellen
müssen.“  337  —  Lfebe  und  Treue  337  —  ein  guter  Rat  und
seine  schlimmen  Folgen  338  —  Stellvertretung  338  —  Verstimmung
  meines  Baters  340.
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        Selte
XI.  Mein  Eintreten  für  die  Stadtmission.  S.  340.

Die  Walderseeversammlung  340  —  die  Gründung  des  „Evangellsch-kirchlichen
  Hilfsvereins'  341  —  Verleumdungen  341

—  unser  Lohn  341.
XII.  Der  Tod  meines  Großvaters.  S.  341.

Jagd  in  Wernigerode  341  —  mein  zwester  Besuch  in  San
Remo  342  —  der  9.  März  1888  344.

Die  neunundneunzig  Taoges  349  —360

I.  Thronwechsel.  S.  347.
Aufbahrung  und  Beisetzung  347  —  Kalser  Eriedrich  IV.7  347
—  Truppenvereidigung  348.

II.  Heimkehr  des  kranken  Kaisers.  S.  348.

Ubersiedlung  nach  Charlottenburg  348  —  Kronratssitzung  349
—  der  Dombau  als  Vermächtnis  340  —  neue  Stellvertretung
  340  —  trügerlsche  Hoffnungen  350.

III.  Kabalen  und  Intrigen.  S.  390.

Die  Hetzkampagne  der  Presse  350  —  Fernhalten  von  meinem
Vater  350  —  das  Treiben  der  Journaltsten  Mackenzies  351
—  plötzliche  Lebensgefahr  331.

IV.  Besuch  der  Königin  Victoria.  S.  352.
Ein  ergreifendes  Wiedersehen  352  —  Fürst  Bismarck  bei  der
Königin  392  —  Parade  vor  meiner  Großmutter  352.

V.  Ubersiedlung  nach  Botsdam.  S.  353.

Ausfahrt  nach  Berlin  353  —  Hochzeit  meines  Bruders  Heinrich
  353  —  Arbelsten  des  Kaltsers  353  —  mesnes  Vaters  letzte

Hrerschau  355  —  die  „Alexandria"  356  —  Abschied  vom  Charottenburger
  Mausoleum  357  —  dse  Fahrt  nach  Botsdam  357
—  an  der  Stätte  der  Sehnsucht  397.

VI.  Staakspolftische  Borgänge.  S.  358.

Die  Entlassung  des  Winisters  v.  Buttkamer  358  —  ein  inhaltsschweres
  Dokument  358.

VII.  Die  letzten  Tage.  S.  359.
Besuch  König  Oskars  359  —  das  Ende  360.

Anhangnnngngggg  3063—  380

Register  301  —420
Verzeichnis  der  Tafeln.  .  ..  430

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        Königin  Victoria  von  Großbritannien.  1855
Nach  einem  Aquarell  von  F.  X.  Winterhalter
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Prinzessin  Victoria  von  Großbritannien  (spätere  Kaiserin  Friedrich)
als  Braut
Nach  einem  Gemälde  von  F.  X.  Winterhalter
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        Kindheit
        <pb n="19" />
        J.

D-  frühesten  Erinnerungen,  die  ich  mir  noch  heute  deutlich
zurückrufen  kann,  verknüpfen  sich  mit  dem  Schlosse  Osborne

auf  der  Insel  Wight.  Ich  weiß  mich  noch  sehr  genau  der  Persön—
lichkeit  meines  Großvaters,  des  Prince  =  Consort  Albert,  Gemahls
der  Königin  Bictoria,  zu  entsinnen,  er  gab  sich  viel  mit  seinem  ältesten
kleinen  Enkel  ab  und  pflegte  mich  gern  in  eine  Serviette  zu  legen
und  darin  zu  schaukeln.  Da  mein  Großvater  schon  im  Dezember
1861  gestorben  ist,  muß  der  Vorgang  sich  gelegentlich  eines  Besuches
abgespielt  haben,  den  meine  Eltern  mit  mir  von  Juni  bis  August  1861
am  englischen  Hofe  gemacht  haben.  Ich  war  damals  2½  Jahre  alt.

Noch  deutlicher  sind  meine  Erinnerungen  an  meinen  zweiten  Aufenthalt
  in  England,  der  im  März  des  nächsten  Jahres  aus  Anlaß
der  Bermählung  meines  Onkels,  des  nachmaligen  Königs  Eduard  VII.,
stattfand.  Die  Trauung,  an  der  ich  in  schottischer  Hochlandstracht  teilnahm,
  fand  in  der  St.  Georgskapelle  zu  Windsor  statt,  und  ich  weiß
noch,  wie  sehr  mir  die  schönen  blauen  Mäntel  der  Ritter  vom  Garter
gefielen,  welch  großen  Eindruck  die  Musik  der  Horseguards,  besonders
deren  Bauker  auf  mich  machten  (die  Bauke  war  am  Rücken  eines
Mannes  angebracht  und  wurde  von  einem  anderen  geschlagen),  und
wie  schön  ich  den  Hochzeitsmarsch  aus  dem  „Sommernachtstraum
fand.  Nur  war  die  Feier  für  meine  kindliche  Ungeduld  etwas  zu  lang,
und  als  mein  Onkel  Leopold,  der  spätere  Herzog  von  Albany,  mich
zur  Ruhe  mahnen  wollte,  habe  ich  den  kleinen  Dolch,  der  zu  meinem

1  ·  3
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        schottischen  Kostüm  gehörte,  nach  ihm  gezückt.  Diese  Attacke  hat  mir
noch  in  späteren  Jahren  viel  Neckereien  eingetragen.

Mein  nächster  Besuch  in  England,  der  mich  im  Sommer  1864
wieder  nach  Osborne  führte,  verschwimmt  mangels  Vorfalls  besonderer
  Ereignisse  in  meiner  Erinnerung  schon  mit  den  allgemeinen
Kindheitserinnerungen  an  England.  Auf  diese  komme  ich  später  im
Zusammenhang  zurück.

*
Rt

Andere  Reisen,  die  ich  in  meiner  Kindheit  machte,  gingen  nach
Reinhardsbrunn  in  Thüringen  im  September  1862,  nach  Swinemünde
  im  Juli  1863,  an  die  Ostsee  und  ins  Riesengebirge  im  Sommer
1864,  nach  Oepnhausen  im  Juni  und  nach  Wyk  auf  Föhr  im  Juli
1865.  Es  ist  aber  von  diesen  Reisen  nicht  mehr  als  die  Tatsache
selbst  zu  berichten.

2  2
*

Ein  geborener  Berliner  hat  selbstverständlich  Kindheitserinnerungen
milftärischer  Natur.  Breußens  Hauptstadt  war  ohne  Soldaten  und
ohne  Militärmusik  nicht  zu  denken.  Das  Aufziehen  der  Wache  mittags
gehörte  mit  zum  Bilde  der  Stadt.  In  meine  Kindheit  fielen  die
letzten  sogenannten  „Kirchenparaden“,  die  am  Sonntag  abgehalten
wurden.  In  Berlin  war  die  Paradeaufstellung  der  Garnison  auf
beiden  Sesten  der  Straße  „Unter  den  Linden“,  die  Infanterie  auf
der  Südseite,  die  Kavallerse  zu  Fuß  auf  der  Nordseite.  Der  Borbelmarsch
  vor  mefnem  Großvater,  der  dazu  Aufstellung  etwa  der
Königshauptwache  gegenüber  nahm,  fand  auf  dem  Opernplatz  statt.
Die  Prinzessinnen  des  Königlichen  Hauses  pflegten  dieses  Schauspiel
  aus  den  Fenstern  des  Prinzessinnenpalais  zu  betrachten,  und
auch  uns  Kindern  war  dort  ein  Fenster  eingerdumt.

Ich  entsinne  mich  noch,  wie  ich  im  Kriegsfahre  1864  von  den
Genstern  des  Kronprinzenpalaic  aus  den  Durchmarsch  der  schönen
österreichischen  Regimenter,  die  am  Kriege  gegen  Dänemark  teil-4
        <pb n="21" />
        nahmen,  mit  angesehen  habe.  Besonders  das  ungarische  Infanterieregiment
  König  von  Preußen  Nr.  34  („Preußeninfanterie“  genannt),
dessen  Chef  mein  Großvater  war,  bot  mit  seinen  schneeweißen  Röcken
und  hellblauen  Beinkleidern  einen  prachtvollen  Anblick.  Als  ich
selbst  nach  meinem  Regierungsantritt  Chef  des  Regiments  wurde,
habe  ich  ihm  ein  Olbild,  das  den  damaligen  Vorbeimarsch  vor  meinem
Großvater  auf  dem  Opernplatz  darstellt,  geschenkt.  Im  Weltkriege
hat  das  Regiment  sich  besonders  vor  Lemberg  ausgezeichnet.  Weiterhin
  erinnere  sch  mich  von  1864  des  Einzugs  der  siegreichen  Truppen,
insbesondere  des  Augenblicks,  als  die  Danebrogs  vorbeigetragen  wurde.

Während  des  Krieges  von  1866  wurde  uns,  als  mein  Vater  im
Felde  stand,  mein  kleiner  Bruder  Sigismund  durch  den  Tod  entrissen.
Dieser  Berlust  hat  meine  Eltern  schwer  erschüttert,  sie  haben  ihn
nie  verwunden.  Das  ergreifende  Wiedersehen  mit  meinem  Bater,
als  er  nach  Kriegsende  zu  uns  nach  Heringsdorf  an  der  Ostsee  kam,
steht  mir  noch  heute  deutlich  vor  Augen,  ich  mußte  ihm  ein  Gedicht  aufsagen,
  in  dem  des  Todesfalles  gedacht  war.  —  Wir  reisten  dann
zusammen  mit  meinem  Vater  nach  Erdmannsdorf  im  Riesengebirge,
wo  meine  Mutter  ein  Lazarett  eingerichtet  hatte  und  deutsche  und
österreichische  Berwundete  pflegte.  Wir  sahen  dort  auch  den  Durchzug
aus  Osterreich  heimkehrender  Truppen,  so  des  Füsilierbataillons  des
Königs-Grenadierregiments,  dessen  Fahne  meine  Mutter  mit  Lorbeer
bekränzke.  Nach  unserer  Rückkehr  erlebte  ich  im  September  zum  zweiten
Male  den  Einzug  siegreicher  Truppen  über  die  Via  triumphalis  Berlins.

Solcher  Gestalt  waren  die  ersten  Eindrücke,  die  sich  meinem
Kindesgemüt  einprägten.

II.

Mein  Bater  lebt  in  der  Erinnerung  der  Mit-  und  Nachwelt  als
der  Sieger  von  Königgrätz  und  Wörth,  der  mitgeholfen  hat,  die
deutsche  Kaiserkrone  zu  schmieden,  als  der  liebenswürdige  und  volkstümliche
  Kronprinz,  als  der  Katser,  umflossen  vom  tragischen  Glanz

7
        <pb n="22" />
        seiner  kurzen  Regierung  nach  langer  Wartezeit,  als  der  edle  Dulder
in  schwerem  Leiden,  das  ihn  vorzeitig  dahinraffte.

Soweit  ich  zurückdenken  kann,  war  er  leidenschaftlich  für  die
deutsche  Idee,  für  die  Schaffung  eines  neuen  deutschen  Kaiserreichs
entflammt  und  begeistert.  Es  bedeutete  immer  eine  besondere  Auszeichnung
  für  mich  kleinen  Jungen,  wenn  mein  Vater  mir  erlaubte,
das  schöne  Prachtwerk  von  Bock  über  die  Kleinodien  des  Heiligen
Römischen  Reiches  Deutscher  Nation  anzusehen.  Wegen  seines  großen
Umfanges  mußte  ich  es  auf  den  Fußboden  legen,  ich  konnte  mich
an  den  Abbildungen,  die  mein  Vater,  neben  mir  hingehockt,  mir  zu
erklären  pflegte,  nicht  sattsehen.  Als  dann  die  Erfüllung  seines  Sehnens
im  großen  Jahre  1870  näherrückte,  ließ  er  von  Graf  Stillfried,
Graf  Harrach  und  Graf  Seckendorff  Entwürfe  für  die  Insignien
des  neuen  Reiches  herstellen.  Von  denen  des  Oberzeremonienmeisters
hielt  mein  Vater  nichts,  während  er  die  Aquarell--Entwürfe  der  beiden
anderen  Herren  im  Durchgangsraum  zu  seinem  Arbeitszimmer  im
Kronprinzenpalaks  aufhängen  ließ,  unter  die  von  Seckendorff  entworfene
  Krone  hatte  er  „nicht  genehmigt“,  unter  die  Harrachs,  die  bezeichnenderweise
  der  mittelalterlichen  am  nächsten  kam,  „richtig“  geschrieben.
  Denn  mein  Bater  sah  das  neue  deutsche  Reich  als  eine
Vortsetzung  des  mittelalterlichen,  den  Kaiser  als  einen  Nachfolger
Karls  des  Großen  an,  die  im  folgenden  erwähnte  Episode  mit  dem
Goslarer  Thronsessel  bei  der  Eröffnung  des  ersten  Reichstags  und  die
von  ihm  ursprünglich  beabsichtigte  Wahl  des  Kaisertitels  als  Griedrich
  IV.  sowie  seine  Bemühungen,  die  Uberführung  der  alten  Reichskleinodlen
  aus  Wien  nach  Deutschland  (RNürnberg)  zu  veranlassen,  sind
weitere  Belege  für  diese  etwas  romantische  Anschauung.  Das  neue
Katsertum  hat  bekanntlich  eigene  Insignien  nicht  besessen,  es  mußten
die  preußischen  benutzt  werden.

Auch  über  diese  Lfebhabereien  hinaus  besaß  mein  Bater  tiefe
historische  Neigungen,  vornehmlich  für  die  Geschichte  unseres  Hauses.
6
        <pb n="23" />
        Er  ist  oft  in  unserem  Hausarchiv  gewesen  und  hat  sich  dort  mit  den
Archivalien  für  die  Zwecke  seiner  weiter  unten  erwähnten  Epitaphien
befaßt,  die  Briefe  der  Königin  Luise  studiert  und  viele  Aufzeich—
nungen  von  der  mündlichen  Tradition  über  die  Königin  gemacht.  Auch
die  Begründung  des  Hohenzollern-Museums,  für  das  er  ebenfalls  viel
zerstreutes  Material  gesammelt  hat,  ist  ihm  zu  verdanken,  soviel  ich
weiß,  ist  er  zu  diesem  Institut  angeregt  worden  durch  das  Familienmuseum
  in  Kopenhagen.

Der  Neubau  des  Domes,  der  nicht  nur  ein  der  Reichshauptstadt
würdiges  Gotteshaus  werden,  sondern  auch  Raum  für  eine  neue
Beisetzungsstätte  unserer  Vorfahren  bieten  sollte,  hat  meinen  Vater
jahrzehntelang  beschäftigt.  Er  ist  in  den  70er  Jahren  oft  mit  uns
Kindern  in  die  Gruft  des  alten  Domes  gegangen,  die  in  einem
schauerlich  verwahrlosten  Zustande  sich  befand,  bessere  Verhältnisse  sind
dort  erst  auf  seine  Veranlassung  geschaffen  worden.  Er  hat  sich  auch
viel  Mühe  gegeben,  Epitaphien  für  die  Särge  zu  verfassen,  die  die
darin  ruhenden  Ahnherren  und  -frauen  unseres  Geschlechtes  charakterisieren
  sollten;  er  hat  daran  immer  wieder  herumgefeilt  und  den
Wortlaut  an  Gelehrte  geschickt,  die  ihm  Anderungs-  und  Ver—
besserungsvorschläge  machen  mußten.  Während  ich  seine  Pläne  für
den  Dombau  später  habe  ausführen  lassen,  ist  es  zu  der  Anbringung
  dieser  oder  anderer  Epitaphien  leider  nicht  mehr  gekommen,  da
der  Weltkrieg  darüber  ausbrach.  Wie  er  —  um  hier  noch  einen
westeren  Beitrag  zu  den  historischen  Neigungen  meines  Baters  zu
geben  —  uns  in  der  Mark  herumgeführt  und  uns  deren  geschichtliche
Ortlichkeiten  gezeigt  hat,  werde  ich  im  Verlauf  meiner  Erinnerungen
noch  zu  berichten  haben.

Auch  von  seinem  ausgedehnten  Interesse  für  Kunst  und  Wissenschafe
und  seinem  daraus  entstandenen  Berkehr  mit  Künstlern  und  Gelehrten
wird  in  diesen  Blättern  noch  viel  die  Rede  sein;  ebenso  von  unseren
Besuchen  in  Wuseen,  Galerien,  Theatern  und  Künstlerateliers.

7
        <pb n="24" />
        Daß  mein  Vater  in  politischer  Beziehung  liberalen  Neigungen
huldigte  und  bezüglich  des  Berhältntsses  zu  den  Bundesstaaten  unitarisch
  gerichtet  war,  außenpolitisch  mehr  zu  England  als  zu  Rußland
neigte,  ist  bekannt,  ob  diese  Einstellung  bei  längerer  Regierung  sich
ausgewirkt  hätte,  vermag  ich  nicht  abzusehen,  glaube  es  aber  nicht.
Religiös  war  er  tief  veranlagt  er  hat  oft  meinem  Religionsunterricht
  beigewohnt,  auch  mich  zu  den  liturgischen  Andachten  im  Dom
mitgenommen,  und  ich  habe  immer  beobachten  können,  daß  diese
Stunden  ihm  ungemein  wohlgetan  haben.  Er  war  gegen  die  anderen
Konfessionen,  der  Tradition  unseres  Hauses  entsprechend,  in  seder
Beziehung  tolerant  und  von  großer  Achtung  für  sie  erfüllt,  er  hat
seine  protestantische  Uberzeugung  gleichwohl  niemals  verleugnet.

Mein  Vater  war  persönlich  unendlich  gütig,  ja,  fast  zart  und
weich  zu  nennen)  er  empfand  mit  allem,  was  leiden  mußte,  herzliches
  Mitgefühl.  Er  zeigte  sich  im  Verkehr  liebenswürdig  und
freundlich,  stets  zu  kleinen  Scherzen  und  harmlosen  Aeckereien  aufgelegt.
  Andererseits  war  er  freilich  auch  recht  autoritär  veranlagt
und  nicht  immer  geneigt,  Widerspruch  ruhig  hinzunehmen.  Eine
Ahnung  seines  grausamen  Schicksals  scheint  ihn  schon  früh  befallen
zu  haben,  denn  oft  quälten  ihn  Anwandlungen  von  Schwermut,  von
„Weltschmerz“,  wie  er  mit  lächelndem  Selbstspott  zu  sagen  pflegte.
In  solcher  Stimmung  war  es  wohl,  daß  er  einstmals  in  den  7Oer
Zahren  zu  Hinzpeter  sagte,  er  würde  nicht  mehr  zur  NRegierung
kommen,  die  Generation  seines  Sohnes  würde  die  seine  überspringen.
Mein  Lehrer  hat  mir  diesen  Ausspruch  erst  nach  dem  Tode  meines
Vaters  erzählt,  aber  noch  so  lange  Zeit  nach  dem  Vorfall  zitterte
in  ihm  das  Gefühl  der  Tragik  nach,  mit  dem  ihn  jener  Ausspruch,
der  zur  bitteren  Wahrheit  geworden  war,  erfüllt  hatte.

*.

Eine  weit  kompliziertere  Watur  als  mein  Vater  war  meine  Mutter.
Sehr  klug,  sehr  scharfsinnig,  nicht  ohne  Sinn  für  Humor,  mit  einem
8
        <pb n="25" />
        ungewöhnlich  guten  Gedächtnis  ausgestattet,  besaß  sie  ein  großes
Wissen  und  eine  umfangreiche  Bildung.  Ihr  Charakter  zeigte  unbeugsame
  Energie,  große  Leidenschaftlichkett  und  Impulsivität,  sowie
Neigung  zu  Debatte  und  Widerspruch  eine  heiße  Liebe  zur  Macht
kann  ihr  nicht  abgesprochen  werden.  Im  ersten  Jahrzehnt  ihrer  Ehe
lebte  meine  Mutter,  wie  ich  von  Hinzpeter  weiß,  ganz  ihrem  geliebten
  Manne,  da  war  sie  mehr  liebende  Frau  als  Mutter,  und  ließ
ihre  ersten  drei  Kinder  mit  gewollter  Härte  und  bewußter  Strenge
erziehen.  Erst  mit  den  Jahren,  als  der  Kronprinz  sich  mehr  um
die  Politik  zu  bekümmern  begann,  fand  sie  den  Weg  zur  Kinderstube.
Die  füngeren  Kinder  haben  sie  weit  mehr  als  fürsorgende  WMutter
gekannt  und  sie  abgöttisch  verehrt.  Bielleicht  hat  auch  der  Tod
meines  Bruders  Sigismund,  bei  dem  ihr  warmes  Mutterherz  durchbrach,
  viel  zu  dieser  Wandlung,  die  nach  1870  eingetreten  ist,  beigetragen,
  sie  hat  den  Verlust  dieses  Sohnes  und  den  13  Jahre  später
erfolgten  Tod  meines  Bruders  Waldemar  nie  verwunden.

Man  muß  sicherlich  bei  einer  Würdigung  meiner  Mutter  berücksichtigen,
  daß  sie  als  ganz  junge  englische  Prinzessin  in  die  ihr
fremden  preußischen  Verhältnisse  kam  und  sich  erst  umstellen  und
eingewöhnen  mußte.  Da  sie  aber  bei  ihrem  Widerspruchsgeist  wenig
anschmiegsam  veranlagt  war,  sie  andererseits  auch  auf  keine  Bereitwilligkeit
  stieß,  die  ihre  Eigenart  anerkannt  hätte,  so  wollte  sich  der
Verschmelzungsprozeß  nicht  vollziehen.  Typisch  für  ihr  ganzes  Wesen
ist  da  das  Wort,  das  ihr  Bruder,  König  Eduard,  von  ihr  gesagt  hat:
in  Deutschland  lobte  sie  alles  Englische,  in  England  alles  Deutsche.

Ihr  weitgespannter  Interessenkreis  umfaßte  die  verschiedenartigsten
Gebiete:  Bolitik,  Bhilosophie,  Kunst  und  Kunstgewerbe,  soziale  Fragen,
  Frauenbildung,  charitative  Bestrebungen,  Gartenkunst  und  vieles
andere  mehr.

Politisch  war  sie  bekanntlich  ganz  von  englisch-liberalen  Ideen
erfüllt,  so  daß  sie  sich  am  Wesen  des  Altpreußentums  stoßen  und

9
        <pb n="26" />
        dieses  sie  abstotzen  mußte.  Sie  hat  im  Gegensatz  zu  vielen  deutschen
Prinzessinnen,  die  ins  Ausland  geheiratet  haben,  ihre  Heimat  immer
am  höchsten  gestellt,  nichts  ging  ihr  darüber.  Man  wird  das  subjektiv
  nicht  nur  verstehen,  sondern  sogar  ehren  müssen,  auch  wer,
wie  ich,  in  allem  rein  deutsch  und  rein  preußisch  gedacht  und  gefühlt
hat,  aber  es  hat  das  doch,  wie  ich  hier  nur  andeuten  will,  zu  Gegensätzlichkeiten
  geführt,  die  zwischen  Mutter  und  Sohn  besser  vermieden
werden.

Eine  gute  Kennerin  war  meine  Mutter  auf  dem  Gebiete  der
bildenden  Kunst,  die  meisten  Gemäldegalerien  Europas  waren  ihr
bekannt  und  vertraut.  Sie  hat  an  Gemälden  selbst  vieles  zusammengebracht,
  das  den  Grundstock  für  das  nachmalige  Kaiser-Friedrich-Museum
  gebildet  hat.  Sie  hat  die  Kunst  auch  selbst  ausgeübt  und
hübsche  Aquarell=  und  Olbilder  geschaffen:  italienische  Landschaften,
Porträts  und  Stilleben,  besonders  Blumenstücke.  Ich  entsinne  mich
noch  der  schönen  Stunden,  wenn  meine  Mutter  in  ihrem  Aitelier,
das  im  ersten  Stock  des  Kronprinzenpalais  an  der  Ecke  nach  der
Oberwallstraße,  mit  dem  Genster  nach  der  Neuen  Wache  zu,  gelegen
war,  an  der  Staffelei  saß  und  malte.  Ich  mußte  ihr  dabei  gewöhnlich
vorlesen,  meist  lustige  englische  Geschichten,  und  sch  habe  es  dann
oft  erlebt,  wie  sie  die  Palette  hinwarf,  um  recht  herzhaft  zu  lachen.
Es  war  übrigens  auch  in  ihrem  Bibliothekszimmer,  das  ihr  gleichzeitig
  als  Wohnzimmer  diente,  immer  sehr  hübsch.  Der  Raum  lag
nämlich  sehr  eigenartig  in  dem  Schwibbogen,  der  vom  Kronprinzenzum
  Prinzessinnenpalais  führt.  Die  Fenster  gehen  nach  beiden  Seiten
hinaus,  sowohl  nach  den  Linden  wie  nach  der  Oberwallstraße,  und
es  war  für  mich  als  Kind  immer  höchst  interessant,  von  dort  aus  das
Leben  und  Treiben  auf  den  Straßen  zu  beobachten.  Zwischen  den
Fenstern  standen  in  offenen  Regalen  die  zahlreichen  Bücher  meiner
Mutter,  in  denen  zu  „schmökern“  ebenfalls  ein  besonderer  Genuß
für  mich  war.

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        <pb n="27" />
        Italien  war  das  Land,  wohin  sie  immer  wieder  ihre  Sehnsucht
zog,  sie  ist  wohl  jedes  Jahr  dort  gewesen.  Die  Kunstschätze,  die
Bauten  und  Bilder  waren  ihr  heimatlich  vertraut.  Sie  sprach  Italienisch
  in  gleicher  Vollkommenheit  wie  Englisch,  Deutsch  oder  Französisch.
  Ich  habe  bei  den  wenigen  Gelegenheiten,  die  ich  mit  ihr
unter  der  südlichen  Sonne  sein  durfte,  immer  bemerken  können,  wie
tief  sie  das  Land,  seine  Bewohner  und  seine  Geschichte  liebte.  Unvergeßlich
  sind  mir  in  dieser  Beziehung  einige  Episoden,  die  ich  im
Oktober  1887  in  Baveno  am  Lago  Maggiore  erlebt  habe.  Wenn
ich  dort  mit  meiner  Mutter  allein  spazieren  ging,  pflegte  sie  gern
einen  Berladeplatz  für  steinerne  Bauteile  zu  besuchen,  auf  dem  Steinmetzen
  und  Marmorarbetter  damit  beschäftigt  waren,  Kapitelle,  Friese
und  Reliefs  für  größere  Gebäude  herzustellen,  wobei  sie  sich  in  der
lebhaften  Art  des  Südländers  unterhielten.  Meine  Mutter  konnte
sich  nicht  genug  verwundern  über  die  Geschicklichkeit  und  Sicherheit,
mit  der  diese  Leute  ohne  Modelle,  gewissermaßen  aus  dem  Gefühl  heraus,
  den  Marmor  zu  bearbeiten  verstanden.  „Welch  ein  Kulturvolk,“
  rief  sie  aus,  „das  sind  geborene  Künstler!  Sie  wissen  intuitiv,
wie  die  Sachen  sein  müssen.  Das  ist  die  alte  Kultur,  die  noch  von
den  Römerzeiten  her  in  diesen  Menschen  steckt.“  Unvergeßlich  auch,
wie  mich  meine  Mutter  ein  andermal  nach  den  Borromeischen  Inseln
hinüberbrachte.  Als  wir  dort  auf  der  Terrasse  des  prächtigen  alten
Palastes  und  durch  den  duftenden  Orangenhain  wandelten,  sagte
sie  voller  Andacht:  „Hier  entstand  das  schöne  Gedicht:  „Kennst  du
das  Land'“,  und,  auf  den  Palast  hindeutend:  „Den  hat  der  Dichter
besungen,  als  er  schrieb:  „Kennst  du  das  Haus?  Auf  Säulen  ruht
sein  Dach'.“  Es  war  in  der  Tat  ein  herrliches  Stückchen  Erde,
wert,  durch  den  größten  deutschen  Oichter  gefeiert  zu  werden.

Hochverdient  hat  meine  Mutter  sich  zweifellos  um  die  Verbreitung
  des  Kunstgewerbes  in  Deutschland  gemacht.  Das  Kunstgewerbemuseum
  in  Berlin,  das  am  21.  November  1881,  ihrem

11
        <pb n="28" />
        Geburtstage,  eröffnet  wurde,  kann  geradezu  als  ihre  Schöpfung
bezeichnet  werden.  Ich  habe  als  Kind  noch  bei  uns  zu  Hause  die
ersten  Schränke  mit  Masolikatöpfen  u.  a.  gesehen,  die  den  Grundstock
  zu  dem  späteren  Museum  gebildet  haben.

Ein  weiteres  Berdienst  hat  meine  Mutter  sich  um  die  Hebung
der  damals  noch  im  argen  liegenden  welblichen  Bildung  und  Erwerbsfähigkelt
  erworben,  sie  ist  hier  unablässig  tätig  gewesen.  Eine
Frucht  dieser  Tätigkeit  war  die  Begründung  des  Viktoria-Lyzeums  in
Berlin,  das  die  Keimzelle  für  weitere  Bildungsanstalten  geworden  ist.

Bahnbrechend  hat  sie  damals  in  Verfolg  ihrer  charktativen  Bestrebungen
  besonders  auf  hygienischem  und  sanitärem  Gebiet  gewirkt.
Was  sie  für  die  Berbreitung  heute  uns  selbstverständlich  erscheinender
  Einrichtungen,  wie  z.  B.  Badeeinrichtungen,  getan  hat,  ist  gar
nicht  abzuschätzen.  Die  Krankenpflege  betrachtete  sie  als  ihr  ureigenstes
  Feld,  sie  rief  hier  u.  a.  die  Vereinigung  der  Biktoriaschwestern
  ins  Leben,  richtete  auch  in  den  Kriegsfahren  in  ihrem
Berliner  Palais,  in  Homburg  wie  im  schlesischen  Erdmannsdorf
Lazarette  ein  und  gab  Anregungen,  denen  das  Reichsgesundheitsamt
  seine  Entstehung  verdankt.  Ubrigens  ist  bemerkenswert,  daß  sie
den  preußischen  Armeeärzten  große  Wertschätzung  entgegenbrachte,
so  verband  sie  eine  sozusagen  berufliche  Freundschaft  mit  den  Generaldrzten
  Wilms  und  Böger.

Schließlich  wäre  noch  auf  ihre  große  Naturliebe  hinzuweisen,
sie  schwärmte  für  Blumen,  Barks  und  Gärten  —  wohl  nicht  das
einzige  Erbtell,  das  ich  von  ihr  habe!  In  Homburg  konnte  sie  in
gartenarchstektonsschen  Schöpfungen  schwelgen,  es  ist  ganz  erstaunlich,
  was  sie  aus  diesem  Stück  Erde  gemacht  hat.  Und  daß  sie  eine
unermüdliche  Jußgängerin,  eine  passtonterte  Resterin  gewesen,  ist  an
dieser  Stelle  wohl  auch  erwähnenswert.

Es  ist  sedenfalls  nicht  zuviel  behauptet,  wenn  man  sagt,  daß
meine  Mutter  eine  hochbegabte  Frau  voller  Ideen  und  Instiative

12
        <pb n="29" />
        gewesen  ist,  daß  die  Schuld  aber  nicht  nur  bei  den  andern  gesucht
werden  darf,  wenn  sie  nicht  das  Verständnis  gefunden  hat,  das  sie
wohl  verdient  hätte.  Ich  bin  jedoch  überzeugt,  daß  eine  spätere  Ge—
schichtschreibung  ihr  einmal  voll  die  Anerkennung  zuteil  werden
lassen  wird,  die  ihr  im  Leben  versagt  geblieben  ist  —  versagt,  wie
so  manches  andere.  Denn  die  Tragik  im  Leben  meines  Baters  ist
in  vielleicht  noch  höherem  Maße  auch  die  ihre  gewesen.

V  *
2

Nun  noch  ein  Wort  über  diejenigen,  die  zum  engeren  oder  weiteren
Kreise  meiner  Eltern  gehörten.

Dem  Herzen  meines  Vaters  am  nächsten  stand  wohl  General
v.  Mischke.  Meine  Erinnerungen  an  die  sympathische  Figur  des  damaligen
  Mafors  reichen  bis  weit  in  meine  Kindheit  zurück.  Er  war
ein  schlichter  und  einfacher  Offizier  mit  einem  goldenen  Herzen,  das
er  auch  im  Berkehr  mit  uns  Kindern  bewährte,  ein  aufrechter  und
gerader  Mann,  meinem  Bater  mit  Leib  und  Seele  ergeben.  Man
kann  wohl  sagen,  daß  Mischke  sein  intimster  Freund  war,  was  auch
daraus  hervorging,  daß  mein  Vater  ihn  mit  Du  anredete.  Woher
diese  Beziehungen  stammten,  weiß  ich  nicht.  Für  mich  genügte  es,
daß  Mischke  eben  vorhanden,  Baters  Freund  und  zu  uns  Kindern  gut
war,  er  gehörte  zu  uns,  und  wir  sind  gleichsam  unter  seinen  Augen  aufgewachsen.
  Der  General  besaß  eine  ungewöhnliche  Dosis  urwüchsigen
Humors,  den  er  geschickt  anzuwenden  pflegte,  wenn  er  bei  meinem
Bater  Mißstimmung  oder  den  bereits  erwähnten  „Weltschmerz“  wahrnahm.
  Auf  vielen  Reisen  hat  Mischke  meinen  Bater  begleitet,  und  bei
seiner  Thronbesteigung  wurde  er  nobilitiert  und  zum  Generaladsutanten
ernannt.  Gelegentlich  der  in  den  ersten  Jahren  meiner  Regierung
bei  Wörth  vollzogenen  Enthüllung  des  schönen  Reiterdenkmals
meines  heimgegangenen  Baters  hielt  der  General  eine  ergreifende
Rede,  die  eine  feinsinnige  Charakteristik  meines  Baters  gab.  Man

13
        <pb n="30" />
        merkte  ihm  dabei  an,  daß  er  nicht  nur  eine  ihm  obliegende  Pflicht
erfüllte,  sondern  daß  diese  Rede  aus  dem  Herzen  eines  Freundes
kam.  Ich  habe  meine  alten  herzlichen  Beziehungen  zu  ihm  bis  zu
seinem  Tode  unterhalten  in  dankbarer  Erinnerung  an  das,  was  er
meinem  Vater  gewesen  war.

Nach  Mischke  muß  Jaßmund  genannt  werden,  der  in  den  60er
Jahren  der  persönliche  Adjutant  meines  Vaters  gewesen  und  bei
meinen  Eltern  sehr  beliebt  war.  Sie  haben  beide  tief  um  ihn  getrauert,
  als  er  1870  fiel,  in  Bornstedt  liegt  er  begraben.

Sehr  befreundet  war  mein  Vater  auch  mit  General  v.  Stosch,  der
ein  Jahrzehnt  lang  an  der  Spitze  der  Admiralität  stand.  Stosch  war  groß
als  Charakter,  sehr  klug  und  außerordentlich  tüchtig.  Er  hat  sich  um
die  Marine  unvergängliche  Verdienste  erworben  und  alle  Vorurteile,
die  damals  gegen  diese  Waffe  bestanden,  erfolgreich  bekämpft.  Mit
Bismarck  war  er  „intim  befeindet“,  da  dieser  seinen  Einfluß  bei  der
Kronprinzessin  fürchtete  und  argwöhnte,  er  wolle  Reichskanzler
werden.  Meine  Eltern  haben  seine  Entlassung  im  April  1883  wie
eine  persönliche  Kränkung  empfunden.

*

In  eine  andere  Kategorie  gehörte  das  Verhältnis  meines  Vaters
zu  General  v.  Blumenthal,  dem  Generalstabschef  meines  Vaters  1866
und  1870,  mein  Vater  brachte  ihm  das  Gefühl  tiefer  Dankbarkeit  und
unbegrenzte  Hochachtung  für  seine  Fähigkeit  entgegen.  Ich  habe  ihn
öfter  bei  meinem  Bater  gesehen,  und  wir  haben  den  hochverdienten
General  auch  gemeinsam  in  Magdeburg  besucht,  wo  er  als  Kommandierender

  General  lebte.
*

Ein  durch  und  durch  vornehmer  Mann  war  der  spätere  Generaladsutant
  meines  Vaters,  v.  Winterfeld.  In  früheren  Jahren  war

er  längere  Zeit  Flügeladfutant  meines  Großvaters  gewesen  und
hatte  dann,  bevor  er  zu  meinem  Vater  kam,  verschiedene  Posten  im

14
        <pb n="31" />
        aktiven  Dienst  bekleidet,  er  ist  unter  meiner  Regierung  noch  Kommandierender
  General  des  Gardekorps  geworden.  Er  hat  es  in
seiner  kurzen  Dienstzeit  bei  meinem  Bater  verstanden,  unser  aller
Verehrung  und  Vertrauen  sich  zu  erwerben.

An  die  Person  General  v.  Winterfelds  knüpft  sich  eine  heitere
Geschichte.  Infolge  eines  Halsleidens  hatte  der  General  eine  heisere,
belegte  Stimme,  was  ihn  aber  nicht  hinderte,  seinem  militärischen
Dienst  voll  zu  genügen,  dazu  war  ihm  eine  leicht  seitliche,  oft  auch
schüttelnde  Kopfbewegung  eigentümlich,  die  von  Unbekannten  für
eine  Verneinung  oder  für  ein  Anzweifeln  des  Gesagten  aufgefaßt
werden  konnte.  Beide  Eigentümlichkeiten  führten  einmal  zu  einem
kleinen  lustigen  Intermezzo  bei  einer  Rekrutenbesichtigung.  Als  er  dabei
nämlich  mit  seiner  leisen  Stimme  einen  Rekruten  fragte:  „Wo  sind  Sie
her,  mein  Sohn?“  nahm  dieser,  der  den  Grund  nicht  kannte,  in  seiner
Harmlosigkeit  an,  die  anderen  sollten  es  nicht  hören  und  antwortete
ebenfalls  mit  leiser  Stimme:  „Aus  Kottbus,  Exzellenz“.  Während
nun  General  v.  Winterfeld  sich  eine  andere  Frage  überlegte,  schüttelte
er  in  seiner  Art  leicht  den  Kopf.  Da  der  Rekrut  den  Eindruck  hatte,
der  General  glaube  ihm  nicht,  meinte  er,  seiner  „vertraulichen“  Mitteilung
  mehr  Glaubwürdigkeit  verschaffen  zu  müssen  und  setzte  deshalb
  —  wiederum  mit  ganz  leiser  Stimme  —  beteuernd  hinzu:  „Doch,
doch,  Exzellenz!“  Man  kann  sich  denken,  daß  dieser  Borfall  allgemeine
Heiterkeit  auslöste.

Ein  anderer  General  desselben  Namens  —  er  schrieb  sich  v.  Winterfeldt
  —,  der  die  Stellung  eines  militärischen  Beglekters  und  Hofchefs
meines  Oheims,  des  Prinzen  Alexander  von  Preußen,  bekleidete,  war
ebenfalls  ein  langsähriger  intimer  Freund  meines  Vaters.  In  ihm
steckte  eine  derbe  Soldatennatur,  die  aus  ihrem  Herzen  keine  Mördergrube
  machte  und  oft  in  humorvoller,  immer  aber  in  der  ungeschminktesten
  Weise  den  Leuten  die  Wahrheit  sagte.  Er  haßte  von  Grund
aus  vor  allem  die  Leute  „mit  dem  krummen  Hofbuckel“,  wie  er  sie

15
        <pb n="32" />
        nannte,  die  vor  dem  Fürsten  sich  vor  Ehrfurcht  nicht  zu  lassen  wußten,
draußen  aber  sensationellen  Klatsch  verbreiteten.  Von  ihm  stammt
auch  der  Ausdruck  für  ehrgeizige  Streber:  „Stopft  an  seiner  Matratze“.
Wenn  ich  mich  bei  ihm  orientierte,  wes  Geistes  Kind  ein  neuer  Be—
kannter  wäre,  bekam  ich  oft  statt  jeder  weiteren  Charakteristik  die

lapidare  Antwort:  „Stoppt  ooch“!  Denn  er  pflegte  seine  Bemerkungen
meist  im  schönsten  Berliner  Dialekt  vorzubringen.

3#

Nicht  eigentlich  ein  Vertrauter  meines  Baters,  aber  doch  ihm
politisch  näherstehend  war  der  badische  Minister  Freiherr  v.  Roggenbach,
  den  mannigfache  Beziehungen  mit  unserer  Familie  verbanden.
Meine  Großmutter,  Kasserin  Augusta,  hat  ihn  in  den  stürmischen
Zeiten  der  Revolution  kennen  und  sein  Urteil  wie  seinen  lauteren
Charakter  schätzen  gelernt#  sie  hat  ihm  bis  an  ihr  Lebensende  freundschaftlich
  vertraut  und  oftmals  seinen  Nat  eingeholt.  Auf  diese  Weise
kam  Noggenbach  naturgemäß  auch  in  mannigfache  Berührung  mit
meinem  Bater,  dessen  Entwicklung  er  mit  großem  Interesse  verfolgte.
Meine  Mutter  kannte  er  ebenfalls  von  Jugend  auf,  da  auch  Königin
Victoria  und  der  Prinzgemahl  seinen  Verkehr  außerordentlich  geschätzt
hatten,  Freundschaftliche  Beziehungen  verbanden  ihn  schließlich  mit
meiner  Tante  Luise  von  Baden  und  Großherzog  Friedrich,  seinem
Landesfürsten.  So  waren  der  Berührungspunkte  genug  vorhanden.

Ich  habe  Roggenbach  aus  meiner  Jugendzeit  in  Erinnerung  als
einen  unübertrefflichen  Erzähler,  wenn  er  in  seinem  badischen  Dialekt
Anekdoten  aus  der  badischen  Kammer  erzählte,  dann  blieb  kein  Auge
tränenleer.  Oft  kam  er  auch  zum  Unterricht  und  hörte  zu,  der  Eindruck,
  den  er  machte,  war  der  eines  Gelehrten.  In  unmittelbare  Verbindung
  bin  ich  nur  einmal  mit  ihm  gekommen,  als  ich  im  November
1887  aus  San  Remo  zurückkehrte;  ich  werde  an  der  gehörigen  Stelle
davon  berichten.  Nach  dem  Tode  meines  Vaters  zog  er  sich  zurück
und  ließ  nichts  mehr  von  sich  hören,  er  wollte,  wie  er  mir  in  unserer
16
        <pb n="33" />
        Kronprinzessin  Bictoria  v.  Preußen  mit  ihrem  ältesten  Sohn
(späterer  Kaiser  Wilhelm  II.).  Mai  1879
Nach  einer  englischen  Lithographle
        <pb n="34" />
        —  ———

Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Prinz  Wilhelm
(päterer  Kaiser  Friedrich  III.)  mit  Gemahlin  von  Preußen  in  schottischer  Tracht  auf  Schloß
Januar  1858  Balmoral  in  Schottland
        <pb n="35" />
        letzten  Unterredung  bald  nach  meinem  Regierungsantritt  erklärte,  von
nun  an  im  Sinne  der  von  ihm  gewählten  Grabschrift  leben:  Bene
vixit,  qui  bene  latuitlæ)  Als  ich  dem  Fürsten  Bismarck  davon  erzählte,
  meinte  er  grimmig:  Male  vixit,  male  latuit!**),  denn  er  und
Roggenbach  haben  sich  gründlich  gehaßt.

*

Eine  besondere  Rolle  spielte  bei  meinen  Eltern  Graf  Gös  v.  Seckendorff.
  Er  stand  ursprünglich  im  Ersten  Garderegiment  zu  Fuß  und
wurde  als  Kammerherr  zu  meiner  Mutter  kommandiert,  der  Katserin
diente  er  später  als  Oberhofmeister.  Er  war  mit  einer  ungewöhnlichen
  Begabung  für  die  Künste  ausgestattet  und  ein  geschickter  Aquarellist,
  besonders  italienische  Landschaften  gelangen  ihm  gut,  im  Laufe
der  Zeit  bildete  er  sich  dann  auch  zu  einem  erfolgreichen  Maler  von
Stilleben  in  Ol  aus.  In  den  Galerien  und  Museen  Europas  war
er,  ein  ausgezeichneter  Kenner  der  alten  Meister,  wie  kein  zweiter  zu
Hause.  Mit  einem  außerordentlichen  Talent  für  Sprachen  begabt,
war  ihm  Englisch,  Französisch  und  Italienisch  geradeso  geläufig  wie
Deutsch.  Sein  Wesen  war  im  allgemeinen  durch  eine  mit  großer
Höflichkeit  gepaarte  kühle  Zurückhaltung  charakteristert.  Er  begleitete
meine  Mutter  auf  allen  ihren  Reisen  in  die  Fremde  und  war  für
sie  von  hohem  Wert  bei  Besuchen  von  Sammlungen  und  Aitelkers,
bei  der  Auswahl  und  beim  Ankauf  von  Bildern,  zumal  in  Ztalsen
hat  er  ihr  wertvolle  Dienste  geleistet.  Dafür  verschaffte  sie  ihrerseits
ihm  Gelegenheit,  das  ferne  Ausland  kennen  zu  lernen.  So  machte  er
1868  die  britische  Expedition  gegen  Abessinten  im  Stabe  Lord  Napiers
mit,  und  bei  der  Indienreise  meines  Oheims,  des  BPrinzen  von  Wales,
hat  dieser  ihn  seinem  Gefolge  attachkert.  Seit  dieser  Reise  genoß
Graf  Seckendorff  die  besondere  Wertschätzung  des  Prinzen,  der  große
Stücke  auf  ihn  hielt.  Sein  letztes  großes  Werk  war  die  schöne  Aus-*)

  Wohl  dem,  der  im  Verborgenen  lebtl
*)  Schlecht  lebte  er,  schlecht  hlelt  er  sich  verborgen!

2  Aus  meinem  Leben  17
        <pb n="36" />
        stellung  französischer  Meisterwerke,  die  aus  vorwiegend  französischem
Besitz  stammten,  in  der  Berliner  Akademie  einige  Jahre  vor  dem
Weltkriege.  Graf  Seckendorff  war  alles  in  allem  eine  der  markan—
testen  Erscheinungen  in  der  Kunstwelt  und  als  solche  von  unschätzbarem
  Wert  für  die  künstlerischen  Bestrebungen  meiner  Mutter.

Ein  steks  willkommener  Gast  in  meinem  Elternhause  war  der  hochgeschätzte
  Bertraute  meines  Vaters,  der  nachmalige  Justizminister
v.  Friedberg,  uns  Kindern  von  frühester  Jugend  her  bekannt.  Wir
haben  ihn  verehrt  und  sehr  an  ihm  gehangen.  Er  war  ein  prächtiger
  Mann,  schlicht,  selbstlos  und  lopal.  Bei  meinen  Eltern  stand
er  ebenso  wie  nachmals  bei  mir  in  hohem  Ansehen,  mein  Bater  hat
ihm  in  seiner  kurzen  Regierungszelt  den  Schwarzen  Adlerorden  verliehen.
  Es  war  eine  der  wenigen  Dankesbezeugungen,  die  er  seinen
Getreuen  erweisen  konnte.  Ich  werde  Friedbergs  bei  dem  Kapitel
über  die  neunundneunzig  Tage  noch  zu  gedenken  haben.

Xt

Eine  große  Rolle  spielte  bei  meinen  Eltern  der  damalige  Generaldirektor
  der  Königlichen  Museen,  Graf  Usedom,  der  früher  Diplomat
gewesen  war.  Mit  seinem  Bart  und  dem  ausrasierten  Kinn  sah  er
aus  wie  ein  richtiger  Elblotse.  Er  war  schon  in  den  vierziger  Jahren
preußischer  Gesandter  in  Rom  gewesen  und  soll,  wie  mein  Vater  sagte,
höchst  amüsant  aus  dieser  Zeit  erzählt  haben,  meine  Mutter  konnte
er  damit  immer  erfolgreich  zum  Lachen  bringen.  Seine  Frau  Olympia,
eine  resolute  Dame  englischer  Herkunft,  pflegte  ihre  Urteile  über  alle
Menschen,  hoch  und  niedrig,  mit  erschreckend  offenem  Freimut  kund—
zutun,  während  ihre  umfangreiche  Tochter  Hildegard  eine  der  übermäßig
  begeisterten  Wagnerkanerinnen  war,  wie  man  sie  in  sener  Zeit
nicht  so  selten  antraf.  Der  alte  Usedom  pflegte  sich  darüber  gern  mit
der  ihm  eigenen  Mokanterie  zu  äußern.

6

18
        <pb n="37" />
        Oft  habe  ich  meine  Mutter  zu  ihrem  früheren  Privatsekretär  Ernst
v.  Stockmar  begleitet,  dem  klugen  Sohn  des  berühmten  Vertrauten
der  Königin  Bictoria  und  des  Prinzgemahls,  von  meiner  Mutter
wurde  er  sehr  verehrt.  Ich  erhielt  dort  regelmäáßig  den  ehrenvollen
Auftrag,  ihm  seine  Bücher  aufzuschneiden.  Auch  als  Leutnant  bin
ich  noch  oft  bei  ihm  gewesen,  brauchte  dann  freilich  keine  Bücher
mehr  aufzuschneiden.  In  seinen  letzten  Lebensjahren  war  er  gelähmt
  und  mußte  im  Nollstuhl  sitzen.

#

Eine  große  Schwärmerei  besaß  meine  Mutter  für  Prinz  Adalbert,
den  Admiral  und  Schöpfer  der  preußischen  Marine.  Bielleicht  war
es  die  Tochter  des  seegewaltigen  Englands,  die  aus  dieser  Zuneigung
zu  erkennen  ist.  In  großem  Ansehen  stand  bei  ihr  ferner  der  Direktor
der  Sammlung  des  Kunstgewerbemuseums  Lessing,  ein  hervorragender
Kenner  des  Kunstgewerbes,  besonders  alter  bpzantinischer  und  romanischer
  Stoffe.  Er  arbeitete  viel  in  der  Tornowschen  Sammlung
meiner  Mutter,  die  sich  damals  im  oberen  Stockwerk  des  Prinzessinnenpalais
  befand  und  später  den  Grundstock  für  das  Kunstgewerbemuseum
gebildet  hat.  Er  sah  aus,  wie  man  sich  einen  König  von  Babplon
vorstellt,  und  imponierte  uns  durch  äußerst  originelle  Ausdrücke,  die
er  anzuwenden  liebte.  Auch  mit  Birchow  und  Helmholtz,  die  ich  oft
bei  uns  gesehen  habe,  hat  meine  Mutter  viel  verkehrt,  mit  Frau
v.  Helmholtz  war  sie  sehr  befreundet.

*

Zum  lberalen  Kreise  meines  Baters  zählte  auch  der  Oberbürgermeister
  Winter  von  Danzig.  Er  war  ein  tüchtiger  Verwaltungsbeamter,
  der  u.  a.  in  Danzig  die  Wasserleitung  gebaut  und  damit
Cholera  und  Tophus  ausgerottet  hat.  Den  bekannten  Pfarrer  v.  Bodelschwingh,
  der  die  Anstalten  für  Innere  Mission  in  und  bei  Bielefeld
begründet  hat,  habe  ich  in  meiner  Jugendzest  nur  selten  gesehen.  Er

2  19

4—
        <pb n="38" />
        stand  meinem  Vater  nahe  und  wurde  von  ihm  geduzt,  da  er  einstmals
  sein  Spselgefährte  gewesen  war.
N

Unter  den  Gelehrten,  die  im  Elternhause  verkehrten,  wären  außer
Birchow  und  Helmholtz  noch  der  Altertumsforscher  Ernst  Curtius,  die
Hlstoriker  Ranke  und  Treitschke,  der  Bhflosoph  Zeller,  der  meiner  Mutter
nahe  stand,  ferner  Geffcken  und  Gustav  Freptag  zu  nennen.  Gesscken
habe  ich  persönlich,  soweit  ich  mich  entsinne,  niemals  gesehen,  Treitschke
hat  tiefen  Eindruck  auf  mich  gemacht.  Dagegen  bin  ich  von  Greytags
etwas  weicher  Natur  sehr  enttäuscht  worden.  Ich  hatte  mir  nach  seinen
Werken,  die  ich,  besonders  die  „Ahnen“,  mit  Begelsterung  gelesen  hatte,
elne  ganz  andere  Vorstellung  von  ihm  geschaffen.  Ubrigens  hat  er  nach
Hinzpeters  Mitteilungen  auch  meinen  Bater  1870,  fretlich  in  anderer
Beziehung,  enktäuscht.  Er  hatte  ihn  nämlich  in  seinem  Stabe  mitgenommen
  und  große  Hoffnungen  auf  seine  Kriegsschilderungen  gesetzt,
  die  aber  nicht  erfüllt  worden  sind.  Schlkeßlich  gedenke  ich  noch
des  Historikers  Hans  Delbrück,  des  nachmaligen  Professors  an  der
Berliner  Untversität.  Er  war  Erzieher  meines  1870  heimgegangenen
Bruders  Waldemar  und  hat  viel  mit  meiner  Mutter  Üiber  politische
und  historische  Fragen  gestritten,  was  ihr  immer  großen  Spaß  gemacht
  hat.  Hier  waren  einmal  zwei  widerspruchslustige  Naturen
aneinander  geraten.

Eine  unendlich  spmpathische  Figur,  die  ich  verehrt  und  bewundert
habe,  war  der  frühere  Erzieher  meines  Baters,  der  Archcologe
Professor  Ernst  Curtius.  Wegen  seiner  hinreißenden  Begessterung
für  das  antike  Hellas  und  die  Hellenen  möchte  ich  ihn  den  Herold
des  alten  Griechentums  nennen.  Seine  für  gewöhnlich  träumerisch
und  versonnen  in  weste  Fernen  blickenden  Augen  leuchteten  auf,
wenn  er  über  sein  Hleblingsthema  sprechen  konnte.  Man  gewann
den  Eindruck,  er  sähe  die  Bersonen  und  Dinge  der  klassischen  Zeit,
von  denen  er  sprach,  leibhaftig  vor  sich,  so  lebensvoll  verstand  er
20
        <pb n="39" />
        sie  zu  schildern.  In  mir  entflammte  er  die  heiße  Begeisterung  für
das  klassische  Altertum,  besonders  Griechenland,  die  mich  mein  Leben
hindurch  begleitet  hat  und  bis  zu  meinem  Ende  nicht  verlassen  wird.
Seine  reine  Seele  befähigte  ihn,  das  Edle  und  Erhabene  im  alten
Griechenland  zu  erfassen  und  zu  gestalten,  nie  wurde  er  müde,  darauf
hinzuweisen,  daß  kein  Volk  der  Erde  so  wie  die  alten  Griechen  die  Gabe
besessen  habe,  allen  seinen  Erzeugnissen  den  wundervollen  Geist  der
Harmonie  und  Schönheit  einzuflößen.  Seine  „Griechische  Geschichte“,
die  auf  mich  alles  andere  als  den  Eindruck  eines  trockenen  Geschichtswerkes
  machte,  habe  ich  mit  geradezu  fieberhafter  Begeisterung  gelesen.

Curtlus  war  zart  gebaut,  die  feingeschnittenen  Züge  seines  Antlitzes
  zeigten  einen  Anflug  von  Klassizität  und  den  Ausdruck  begeisterungsfähiger
  Intelligenz.  Freilich  war  auch  ihm  wie  manch  anderem
Professor  die  Gabe  der  Zerstreutheit  zu  eigen.  Ich  bin  ihm  oft  auf
seinen  Spazkergängen  begegnet  und  sah  jedesmal  das  gleiche  Bild:  die
Hände  auf  dem  Rücken,  den  Hut  etwas  zurückgeschoben,  vielleicht  den
Olpmp  oder  die  Akropolis  im  Geist  betrachtend,  zog  er  träumend
seinen  Weg,  unbekümmert  um  das,  was  um  ihn  her  vorging,  so  daß
er  niemals  semand  beim  Begegnen  erkannte.  Wenn  ich  ihn  unversehens
  anredete,  hörte  er  zuerst  gar  nicht,  und  dann,  wie  aus
dem  Schlafe  erwachend,  schüttelte  er  mir  freundlich  die  Hand  und
begrüßte  mich:  „Ach,  mein  lieber  Herr  Heutnant,  was  bringt  mir  das
Vergnügen?  Wie  heißen  Sie  doch  gleich?7“

Curtius  und  meinem  Bater  ist  es  zu  verdanken,  daß  dem  Deutschen
  Reich  bei  der  Erforschung  des  alten  Griechenlands  sein  gebührender
  Antell  und  seinen  Archäologen  eine  führende  Nolle  zuteil  geworden
  ist.  Ich  nenne  nur  den  Namen  Olpmpia.

III.
Meine  Erziehung  lag  bis  zu  meinem  siebenten  Lebenssahre  in
weiblichen  Händen  —  in  weiblichen,  aber  nicht  übermäßig  zarten!

21
        <pb n="40" />
        Denn  Fräulein  v.  Dobeneck,  so  hieß  meine  Erzieherin,  eine  große,
hagere  Dame,  war  von  strengem  Charakter,  und  „handgreifliche“
Unterweisungen  lagen  durchaus  nicht  außerhalb  ihrer  Erziehungsmethode.
  Später  war  „Dokka“,  wie  wir  Kinder  sie  nannten,  bei
meiner  Schwester  Charlotte,  ich  kann  mich  aber  nicht  erinnern,  ob
zwischen  beiden  das  Verständnis  besser  geworden  ist.  Gut,  sehr  gut
gemeint  hat  sie  es  sedenfalls  auch  mit  mir,  und  ich  wage  es  nicht
zu  entscheiden,  ob  die  „Schuld“  mehr  bei  ihr  als  bei  mir  lag,  da
ich  mich  zu  sehr  Partei  fühle.  Damals  war  ich  freilich  über  dieses
Problem  weit  weniger  im  Zweifel,  denn  schnell  fertig  wie  mit  dem
Wort  ist  die  Jugend  auch  mit  dem  Urteil.

Nach  dem  Willen  meiner  Eltern  sollte  in  meiner  Erziehung
die  menschlich-bürgerliche  Seite  durchaus  den  Vorrang  haben  vor
der  militärischen.  Gleichwohl  war  es  nicht  zu  umgehen,  den  künftigen
  König  von  Preußen  von  Kindesbeinen  an  mit  dem  Waffenhandwerk
  vertraut  zu  machen,  um  ihn  Berständnis  und  Liebe  für
das  Fundament  seines  Königtums  gewinnen  zu  lassen.  Ich  bekam
daher  im  Januar  1866  einen  Militärgouverneur,  und  zwar  in  der
Person  des  Hauptmanns  v.  Schrötter  vom  Garde-Feldartillerieregiment,
  des  späteren  Militärattaches  in  London.  Schrötter  war
ein  Mann  von  einfachem,  schlichtem  Wesen,  den  ich  sehr  verehrt  habe.
Er  verstand  es  in  glücklicher  Weise,  seinem  Zögling  die  Kenntnis
der  Heereseinteklung,  des  Uniform=  und  Waffenwesens  zu  vermitteln
und  sein  Interesse,  das  schon  frühzeitig  durch  das  Vorbild  von  Großvater
  und  Vater  geweckt  war,  lebendig  zu  erhalten  und  zu  verttefen.
So  denke  ich  noch  fetzt  mit  großer  Dankbarkeit  an  meinen  ersten
militärischen  Mentor  zurück.

Auch  elnes  anderen  MWilitärs  habe  ich  zu  gedenken,  wenn  ich  von
meiner  frühesten  Jugend  erzähle.  Es  ist  der  Sergeant  Klee,  der
spätere  Krongardist.  Denn  dieser  biedere  Mann  hatte  die  Aufgabe,
mich  im  Trommeln  zu  unterweisen!  Ich  brachte  es  auch  vermöge

22
        <pb n="41" />
        sener  Begeisterung,  die  wohl  alle  deutschen  Jungen  diesem  Musikinstrument
  entgegenbringen,  zu  einer  gewissen  GFertigkeit,  und  war
die  Wirkung  vielleicht  auch  nicht  immer  harmonisch  vollendet,  so  war
sie  doch  gewiß  geräuschvoll.  Und  das  war  für  einen  Zungen  in  meinem
Alter  zweifellos  die  Hauptsache!  Ihm  aber,  dem  Braven,  der  sich
so  wackere  Mühe  gab,  mich  zu  einem  Melster  auf  dem  Kalbfell  zu
machen,  habe  ich  durch  die  Zahrzehnte  einen  Platz  in  meinem  Herzen
bewahrt.  Ist  doch  die  Erinnerung  an  ihn  ein  Stück  unvergeßlich  glückseliger
  Kindheit!

Langsam  trat  nun  aber  sozusagen  der  Ernst  des  Lebens  an  mich
heran.  Es  geschah  dies  zuerst  in  Gestalt  des  Seminarlehrers  Schüler
aus  Potsdam,  dem  das  Schicksal  die  Aufgabe  gestellt  hatte,  mich  in
die  Geheimnisse  des  Schreibens  und  Lesens  einzuführen.  Er  war
ein  guter,  lieber  Mann,  den  ich  unendlich  gern  gehabt  habe.  Schöne
Stunden  gemeinsamer  Arbeit  und  Erholung  haben  wir  insbesondere
in  Erdmannsdorf  erlebt.

Mit  jenen  Tagen  des  Krieges  von  1866  beginnt  nun  aber  auch
in  der  Geschichte  meiner  Erziehung  ein  neuer  Abschnitt.  Denn  damals
  erhielt  ich,  wie  ein  halbes  Jahr  zuvor  einen  Militärgouverneur,
so  jetzt  auch  einen  zivilen  Erzieher,  und  eine  Bersönlichkeit  trat  damit
  in  mein  Leben,  die  von  bestimmendem  Einfluß  auf  meine  ganze
geistige  Entwicklung  werden  sollte.

r—G

Georg  Hinzpeter  war  nicht  ganz  30  Jahre  alt,  als  er  mein  Erzieher
  wurde.  Er  war  aus  Bielefeld  gebürtig  und  hatte  das  dortige
Gymnastum  besucht,  an  dem  sein  Bater  Professor  war.  Nach  dem
Studium  der  Philosophie  und  der  klassischen  Philologie,  das  er  mit
der  Promotion  zum  Doktor  der  Philosophie  abschloß,  wurde  er  zunächst
  Lehrer  am  Gymnasium  seiner  Heimatstadt.  Er  übernahm  in
den  fünfziger  Zahren  die  Stelle  eines  Erziehers  bei  den  beiden
Prinzen  zu  Sayn-Wittgenstein-Berleburg,  dann  bei  dem  Grafen

23
        <pb n="42" />
        Emil  von  Görtz-Schlitz,  der  mir  später  sehr  nahegestanden  hat.
Hier  im  Hause  des  Grafen  Görtz  lernte  mein  Vater  den  Pädagogen
kennen,  dessen  Fähigkeiten  ihm  so  gerühmt  wurden,  daß  er  ihn  zur
Erziehung  für  meinen  Bruder  Heinrich  und  mich  zu  gewinnen  be—
schloß.  Seinen  Bemühungen  blieb  der  Erfolg  nicht  versagt,  und  im
September  1866  konnte  Hinzpeter  sein  Amt  bei  uns  übernehmen,
das  er  fast  13  Jahre  lang  innegehabt  hat.

Hinzpeter  war  ein  kluger,  wissenschaftlich  streng  durchgebildeter
Mann  mit  tiefgründigem  Wissen  und  vielseitigen  Interessen,  ein  aufrechter,
  vornehmer  Charakter,  freilich  in  hohem  Maße  von  Ehrgeiz
erfüllt.  Seine  Bädagogik  war  ganz  auf  harte,  nüchterne  Pflichterfüllung
  und  auf  „Dienen“  eingestellt:  der  Charakter  muß  durch
stetes  „Entsagen“  gestählt  werden,  das  Leben  des  Prinzen  hat  sich
im  Sinne  „altpreußischer  Einfachheit“  zu  gestalten,  die  rauhe  Erziehung
  der  Spartaner  ist  das  Ideal.  Kamen  die  Meiningischen
Vettern  zu  Besuch,  so  war  es  meine  Pflicht,  ihnen  gastfreundlich
Kuchen  anzubieten  —  selbst  aber  durfte  ich  nichts  nehmen:  „Entsagen“
  war  die  Losung.  Zum  Frühstück  gab  es  trockenes  Brot  —  denn
die  Schwarze  Suppe  der  Spartaner  war  auch  nicht  frugaler  gewesen.
  Lob  spendete  er  nie  —  denn  der  kategorische  Imperativ
der  Pflicht  verlangte  sein  Recht  an  sich,  was  brauchte  es  da  des
anfeuernden  oder  anerkennenden  Wortes?  Ich  entsinne  mich,  daß
ich  einmal  zum  Geburtstag  meines  Großvaters  von  Kassel  aus  nach
Berlin  gefahren,  aber  aus  Arbeitseifer  nicht  zur  Feier  am  Abend
geblieben  war.  Als  ich  mich  nach  durchfahrener  Nacht  am  andern
Morgen  bei  Hinzpeter,  der  noch  im  Bett  lag,  zurückmeldete,  erhielt
ich  statt  eines  Wortes  der  Anerkennung  lediglich  die  Anwetsung,  mich
auf  die  erste  Unterrichtsstunde  vorzubereiten.  Dieser  streng  durchgeführte
  Grundsatz,  nicht  zu  loben,  war  der  Ausfluß  eines  pädagoglschen
  Systems  mit  ganz  bestimmter  Zielsetzung:  er  verlangte  vom
Schüler  das  Unmäögliche,  um  thn  wenigstens  den  nächsten  Grad  der

24
        <pb n="43" />
        Vollkommenheit  erreichen  zu  lassen.  Da  nun  das  gestellte  (unmögliche)
  Ziel  natürlich  nie  erreicht  wurde,  konnte  logischerweise  auch
kein  Lob  als  Zeichen  der  Zufriedenheit  verabfolgt  werden.  Ich  möchte
die  Art  dieses  Systems  an  einem  mir  naheliegenden  militärischen
Beispiel  demonstrieren.

Die  preußische  Kavallerie  wies  zur  Zeit  meines  Großpvaters  zwei
hervorragende  Resterführer  auf:  Rosenberg,  der  die  Nathenower
Zietenhusaren,  und  Krosigk,  der  die  Gardehusaren  kommandierte.
Krosigk  war  ein  sehr  gewiegter,  ernster  Pferdedresseur  und  benutzte
die  Bahnreiterei,  um  Bferd  und  Reiter  „für  die  Attacke“  heranzubilden.
  Er  entwickelte  auch  das  Springen  über  Hindernisse  ganz  sostematisch
  und  brachte  seine  vorzüglich  durchgebildeten  Bferde  in  voller
Ordnung  über  jedes  springbare  Hindernis,  das  diese  unter  Reiterund
  Kriegsgepäckgewicht  zu  überwinden  imstande  waren.  Rosenberg
dagegen  betrieb  die  Bahnreiterei  sehr  kursorisch  und  „genial“,  so  daß
seine  Pferde  nicht  übermäßig  durchgeritten  und  ausgebildet  wurden.
Dafür  ließ  er  sie  allerhand  Hindernisse  nehmen,  die  im  Reglement  nicht
vorgesehen  waren,  z.  B.  über  eine  Hürde  zwischen  feuernde  Schützen
hindurch  springen,  oder  über  einen  brennenden  Holzstoß  usw.  Beim
Stangenspringen  in  der  Bahn  ließ  er  die  Sprungstange  den  Pferden
in  Kopfhöhe  derselben  vorhalten.  Er  wußte  sehr  wohl,  daß  das
Pferd  eine  solche  Höhe  niemals  nehmen  konnte,  wollte  aber,  daß  es
den  Schneid  bekäme,  auch  das  Unmögliche  zu  wagen.  —  Ahrliches
verlangte  Hinzpeter  auch  von  seinem  Zögling,  der  sich  der  Grenzen
seiner  Leistungsfähigkeit  durchaus  bewußt  war.

Man  mag  über  die  Hinzpetersche  Bädagogik  denken  wie  man
will,  —  daß  aber  ein  Unterricht,  dem  die  Freude  fehlt,  von  falschen
pspochologischen  Boraussetzungen  ausgeht,  erscheint  mir  außer  Zweifel.
Denn  freudlos  wie  das  Wesen  des  pedantischen  und  herben  Mannes
mit  der  hageren  dürren  Figur  und  dem  Bergamentgesicht,  der  im
Kalvinismus  groß  geworden  war,  ebenso  freudlos  war  seine  Er-25
        <pb n="44" />
        ziehungsmethode  und  freudlos  die  Jugendzeit,  durch  die  mich  die  harte
Hand  des  „spartanischen  Idealisten“  geführt  hat.

Mein  Arbeitspensum  begann  unter  Hinzpeters  Leitung  morgens
um  6  Uhr  im  Sommer,  um  7  Uhr  im  Winter.  Es  endete  erst
gegen  6  Uhr  oder  7  Uhr  des  Abends,  und  es  waren  nur  zwei
Pausen  eingelegt,  die  zu  den  Mahlzesten  und  zu  den  körperlichen
Ubungen  benutzt  wurden.  Für  einen  Knaben  von  sieben  Jahren  war
das  gewiß  eine  recht  erhebliche  Anspannung.

Das  Ziel,  das  Hinzpeter  sich  für  die  Erzsehung  seines  Zöglings
gesteckt  hatte,  war  die  harmonische  Ausbildung  der  Geisteskräfte  vermittels
  der  altklassischen  Gymnastialbildung,  die  strenge  „Gymnastik
des  Geistes“,  die  Befähigung  zur  Lösung  geistiger  Aufgaben  durch
ständige  Ubung,  gewissenhaftes  Streben  nach  Erkennen  und  Wissen
und  die  Gewinnung  einer  historischen  Weltanschauung,  vor  allem
aber,  wie  gesagt,  die  Gewöhnung  an  Pflichterfüllung.  Die  Erlangung
dieser  Fähigkeiten  durfte  weder  durch  die  Anforderungen  der  Nepräsentation,
  die  in  Berlin  einen  Prinzen  des  Königlichen  Hauses  naturgemäß
  viel  in  Anspruch  nahmen,  noch  durch  die  Erwerbung  sener
anderen  Fähigkeiten  beeinträchtigt  werden,  die  ich  mir  aneignen
mußte:  Reiten,  Schwimmen,  Fechten,  Tanzen,  Ubung  in  der  französischen
  und  englischen  Sprache  usw.  Dies  alles  mußte  nebenbei
gelernt  werden  und  durfte  den  großen  Plan  Hinzpeters  nicht  stören.

Vortrefflich  war  nach  meiner  Meinung  der  Neligionsunterricht
meines  Lehrers.  Er,  der  selbst,  wie  gesagt,  Kalvintist  war,  hat
seinen  Schüler  nur  mit  Bibel  und  Gesangbuch  aufwachsen  lassen
unter  Zurückstellung  aller  konfessionellen  und  dogmatischen  Fragen-Diese
  betrachtete  er  als  „Erzeugnisse  menschlichen  Geistes’,  welche
dazu  angetan  wären,  die  großen,  klaren  und  einfachen  Linien  unseres
christlichen  Glaubens,  wie  sie  der  Herr  gelehrt  hat,  zu  „verpriestern“
und  das  Gemüt  eines  Kindes  zu  verwirren.  Ich  verdanke  es  dieser
welsen  Maßregel,  daß  dogmatische  oder  konfessionelle  Fragen  für
20
        <pb n="45" />
        mich  niemals  eine  vorherrschende  Bedeutung  gehabt  haben.  Ich  bin
dadurch  in  die  Lage  versetzt  worden,  mit  voller  Objektivität  an  die
kirchlichen  und  religiösen  Fragen  beider  Bekenntnisse,  die  wir  in
Deutschland  haben,  heranzutreten,  Polemik  in  der  Religion  ist  mir  stets
fremd  geblieben,  und  ein  Begriff  wie  das  selbstherrliche  „Orthodox“
mir  bis  auf  den  heutigen  Tag  ein  Greuel.  Gür  den  künftigen  Herrscher
war  das  wohl  das  einzig  richtige  Prinzip  der  religiösen  Erziehung.

Ein  warmes  Herz  besaß  Hinzpeter  für  die  soziale  Frage,  die  damals
  noch  so  gut  wie  unbeachtet  war.  Es  hing  das  zusammen  mit
seiner  hohen  Auffassung  vom  Christentum,  das  ihm  in  schönstem  Sinne
die  Lehre  von  der  werktätigen  Nächstenliebe  war.  Zudem  hatte  er
als  Sohn  der  roten  Erde  ausgiebig  Gelegenheit  gehabt,  die  Arbeiterfrage
  in  der  dortigen  Industrie  kennen  zu  lernen.  Jeden  Mittwoch
und  Sonnabend  Nachmittag,  wenn  schulfrei  war,  ging  er  mit  meinem
  Bruder  Heinrich  und  mir  in  Fabriken  und  Werkstätten,  in  eine
Schmiede,  eine  Gießerei  oder  sonst  einen  Produktionsbetrieb.  Hier
wurde  uns  alles  gezeigt,  was  von  Bedeutung  war,  und  es  waren
dabei  zwei  Seiten,  die  Hinzpeter  pflegte:  einmal  mußten  wir  den
Entstehungsprozeß  kennen  und  verstehen,  zum  andern  die  sozkale  Frage
erfassen  lernen.  Als  bezeichnenden  Zug  für  Hinzpeters  soziale  Einstellung
  will  ich  erwähnen,  daß  wir  nach  sedesmaligem  Besuch  einer
Werkstatt  an  den  betreffenden  Meister  herantreten,  den  Hut  abnehmen
und  in  gezkemenden  Worten  unseren  Dank  abstatten  mußten.  Wir
gewannen  Achtung  vor  der  Leistung  des  Handarbeiters,  sahen,  unter
welchen  Bedingungen  er  seine  Tätigkeit  ausübte,  wie  ihn  Gefahr
und  Tod  umlauerten,  wie  die  damals  noch  zwölfstündige  Arbeitszeit
mit  ihrem  kärglichen  Lohn  sein  ganzes  Leben  auffraß  und  ihm  keine
Zeit  ließ,  Mensch  unter  Menschen  zu  sein.  Wir  sahen  die  traurigen
Wohnverhältnisse  der  Arbeiter  und  ihrer  Gamilien,  die  oft  in  großem
Elend  hausten.  Aber  das  schlimmste,  was  wir  sahen,  war  die  entseelende
  Macht  der  Maschine,  die  den  Arbeiter  zum  kleinen  Rädchen

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        <pb n="46" />
        oder  noch  weniger  in  einem  riesengroßen  Uhrgetriebe  machte.  Nie—
mals  sah  der  Mann  am  Schraubstock  oder  im  Heizraum  oder  in
der  Gießerei  ein  Stück,  das  er  als  Werk  seiner  Hände  erkennen,
auf  das  er  mit  dem  Stolz  des  ehrsamen  Handwerkers  blicken  und
das  ihm  der  Lohn  für  heiße  Arbeit  sein  konnte.  Er  war  eben  kein
Ganzes,  er  war  nur  noch  ein  Teilchen.  Früh  lernte  ich  so  Verständnis
  für  den  deutschen  Arbeiter  gewinnen  und  warmes  Mitempfinden
  für  sein  Schicksal  fühlen.  Daß  dies  geschah,  ist  wohl  Hinzpeters
  größtes  Verdienst  um  meine  Erziehung  und  Menschenbildung
gewesen,  das  ich  ihm  nie  vergessen  habe.

Ich  werde  im  Verlauf  meiner  weiteren  Darstellung  noch  häufig
auf  Hinzpeter  zurückkommen.  Hier  nur  noch  so  viel,  daß  ich  trotz
der  bitter  harten  Schule,  durch  die  er  mich  geleitet  hat,  niemals  das
Gefühl  der  Dankbarkeit  und  Berehrung  für  alles,  was  er  mir  gegeben
  hat,  verloren  habe.  Bei  ihm  habe  ich  das  Wichtigste  gelernt,
was  ein  Mensch  lernen  kann:  arbeiten  und  seine  Pflicht  tun.  Ich
habe  nie  die  Verbindung  mit  ihm  gelöst,  sondern  bin  bis  an  sein
Lebensende  in  dauerndem  persönlichen  und  brieflichen  Berkehr  mit
ihm  geblieben.  Er  hielt  mich  über  Beröffentlichungen  und  Forschungsergebnisse
  auf  wissenschaftlichem  Gebiet  auf  dem  laufenden
und  unterrichtete  mich  vornehmlich  über  den  Stand  und  die  Entwicklung
  seines  Lieblingsgebiets,  der  sozialen  Frage.  Als  1880  der
Bergarbeisterausstand  in  Westfalen  eine  gefährliche  Lage  schuf,  stand
er  mir  mit  seinem  erfahrenen  Rate  hilfreich  zur  Seite.  1800  machte
ich  ihn  zum  Mitglied  des  preußischen  Staatsrats,  und  er  wurde
noch  im  selben  Jahre  führendes  Mitglied  der  Konferenz,  die  die  von
mir  angeregte  Schulreform  berlet.  Daß  Hinzpeter,  wie  viele  und
auch  Bismarck  glaubten,  mich  gegen  den  großen  Kanzler  eingenommen
  und  den  unseligen  Konflikt  genährt  hätte,  entspricht  in  keiner
Welse  den  Tatsachen.  Freilich  vertrat  er  Anschauungen  von  dem
Wesen  des  Königtums,  die  sich  mit  einer  übermächtigen  Stellung

28
        <pb n="47" />
        des  Kanzlers  nicht  vertrugen.  Große  Berdienste  hat  Hinzpeter  sich
auch  um  die  gesellschaftliche  und  wirtschaftliche  Hebung  der  Bhilologen
  erworben,  die  khm  der  Stand  der  akademisch  gebildeten  Hehrer
nicht  vergessen  sollte.  Ich  konnte  seine  vielfachen  Verdienste  noch
dadurch  anerkennen,  daß  ich  ihn  zum  Professor  und  zum  Wirklichen
Geheimen  Rat  machte.

Aber  diese  äußerlichen  Ehrungen  haben  mir  nicht  das  Bewußtsein
  gegeben,  daß  damst  meine  Dankesschuld  abgetragen  sei.  Was
wir  unseren  Eltern  und  Erziehern  verdanken,  läßt  sich  überhaupt
nicht  vergelten.  "„%

In  den  ersten  vier  Jahren  des  Unterrichts  durch  Hinzpeter  trieb
ich  vornehmlich  Latein,  Rechnen,  Geschichte  und  Erdkunde.  Latein
habe  ich  nicht  ungern  gelernt,  das  gute  Gedächtnis,  mit  dem  die
Natur  mich  ausgestattet  hat,  erleichterte  mir  wesentlich  die  Aneignung
dieser  Sprache.  Mein  Lieblingsfach  war  von  Jugend  auf  Geschichte,
oder  vielmehr  zuerst  die  griechische  Sagenwelt.  In  meinem  „Lebenslauf'
  finden  sich  darüber  die  bezeichnenden  Worte:  Von  früher  Zeit
an  liebte  ich  besonders  die  Geschichte  der  griechischen  Heroen,  vorzüglich
  die  des  Trofanischen  Krieges,  indem  mir  vor  allem  Achilleus
tiefen  Eindruck  machte  und  mir  lieb  war.“  Aus  dieser  Zeit  schon
stammt  meine  große  Liebe  zum  klassischen  Altertum,  die  sich  später
in  archäologischen  Meigungen  offenbarte,  und  die  mir  bis  auf  den
heutigen  Tag  geblieben  ist.  Daneben  entwickelte  sich  schon  in  diesen
Jahren  für  die  deutsche  Geschichte  ein  geradezu  leidenschaftliches
Interesse  bei  mir,  das  durch  die  Ereignisse  des  großen  Jahres  1870
nur  bestärkt  werden  konnte.  Geringe  Neigung  und  Veranlagung
brachte  ich  hingegen  den  Fächern  Rechnen  und  Mathematik  entgegen,
  meine  Begabung  war  hierfür  nur  schwach  entwickelt.  Ich
habe  wohl  gelernt,  was  gelernt  werden  mußte,  aber  ich  bin  über
den  Durchschnitt  nicht  hinausgekommen.

29
        <pb n="48" />
        Andererseits  aber  besaß  ich  ein  ausgesprochenes  Talent  für  Sprachen,
  besonders  Englisch  und  Französisch,  die  mit  Rücksicht  auf  meine
spätere  Stellung  in  erster  Linie  gepflegt  werden  mußten.  In  der
englischen  Sprache  habe  ich  die  Anfangsgründe  naturgemäs,  von
meiner  Mutter  gelernt,  die  auch  späterhin  zur  Ubung  viel  mit  uns
Englisch  sprach.  Den  ersten  eigentlichen  Unterricht  gab  mir  Miß
Archer,  eine  Freundin  meiner  Mutter,  frisch,  liebenswürdig  und  lustig,
bei  der  ich  gern  gelernt  habe.  Sie  war  überhaupt  in  Erziehungsfragen
  eine  recht  bedeutende  Frau  und  soll,  als  sie  nachmals  ein
Lyzeum  in  Berlin  begründete,  hervorragende  Erfolge  gehabt  haben.
An  ihre  Stelle  trat  dann  Miß  Byng,  gleich  Miß  Archer  eine  liebenswürdige
  Engländerin,  die  später  bei  meinen  Schwestern  Gouvernante
  wurde.

Während  die  englischen  Lehrkräfte  wiederholt  wechselten,  habe  ich
französischen  Unterricht  bis  zu  meiner  Ubersiedelung  nach  Kassel  bei
ein  und  derselben  Lehrerin  genossen.  Es  war  das  Mademeiselle
Darcourt,  eine  scharmante,  schon  ältere  französische  Dame.  Sie  kam
von  Lord  Seymour  zu  uns  und  hat  sich  in  seder  Welse  bewährt.
1875  verheiratete  sie  sich  mit  Hinzpeter,  kam  aber  nicht  mit  nach
Kassel,  so  daß  sie  erst,  nachdem  ich  das  Abiturium  bestanden  hatte,
dauernd  mit  ihrem  Gatten  vereinigt  wurde.  Ich  habe  beide  in
Bielefeld,  wo  sie  sich  niedergelassen  hatten,  noch  oft  besucht  und
ebenso  wie  meinen  Erzieher  auch  sie  bis  an  ihr  Lebensende  sehr
verehrt.

Meinen  Militärgouverneur  Hauptmann  v.  Schrötter  behielt  ich
leider  nur  ein  Jahr.  An  seine  Stelle  trat  schon  1867  der  Premierleutnant
  ODanne  vom  Lehrbataillon,  der  ein  gutes  und  gewandtes
Auftreten  besaß,  auch  schön  sang,  aber  kein  fester  Charakter  war.
Mein  Bater  erlebte  schwere  Enttäuschungen  mit  ihm,  als  er  ihn
während  des  Krieges  einmal  nach  Frankreich  kommen  ließ.

#

30
        <pb n="49" />
        Hand  in  Hand  mit  meiner  wissenschaftlichen  ging  meine  körper—
liche  Ausbildung.  An  und  für  sich  war  mir  eine  gute,  widerstandsfahige
  Konstitution  zu  eigen,  ich  erwies  mich  im  Ertragen  von  geistigen
  Anstrengungen  und  körperlichen  Strapazen  durchaus  meinen
Kameraden  gewachsen,  teilweise  überlegen.  Unzuverlässig  zeigte  sich
meine  Natur  allein  darin,  daß  ich  für  ansteckende  Krankheiten  in
einem  außerordentlich  hohen  Grade  anfällig  war  und  von  diesen
dann  auch  ungemein  schwer  heimgesucht  wurde.  Wenn  irgend  jemand
in  meiner  Nähe  einen  harmlosen  Schnupfen  hatte,  wurde  ich  unweigerlich
  angesteckt,  bekam  ihn  dann  aber  mit  mehr  oder  weniger
hohem  Fieber  und  war  auf  mindestens  eine  Woche  völlig  arbeitsunfähig.
  Ich  habe  mich  daher  vor  ansteckenden  Krankheiten  immer
nach  Möglichkeit  in  acht  nehmen  mühssen.

Ein  ausgesprochenes  Hemmnis  war  es  aber  für  mich,  daß  mein
linker  Arm  infolge  einer  bei  der  Geburt  entstandenen,  anfangs  übersehenen
  Berletzung  in  der  Entwicklung  zurückgeblieben  war  und  seine
freie  Beweglichkeit  eingebüßt  hatte.  Die  ärztliche  Wissenschaft  der
Zeit  hatte  wohl  noch  nicht  jene  modernen  orthopädischen  Mittel  bereit,
  mit  denen  man  heute  einen  solchen  Zustand  beheben  würde.  Jedenfalls
  wurde  ich  auf  die  verschiedensten  Arten  behandelt,  die  man  jetzt
wohl  nur  noch  als  laienhaft  bezeichnen  würde,  und  die  das  einzige
Ergebnis  hatten,  daß  ich  in  schmerzvollster  Weise  gequält  wurde.

Auch  der  Turnunterricht,  den  ich  von  dem  tüchtigen  und  sompathischen
  Hauptmann  v.  Dresky  vom  2.  Thüringischen  Infanterieregiment
  Nr.  32,  dem  späteren  Leiter  der  Milktärturnanstalt,  seit
1866  erhielt,  verfolgte  ursprünglich  lediglich  die  Absicht,  meinen  Arm
auf  gymnastischem  Wege  zu  kräftigen.  Erst  allmählich  ging  er  zum
eigentlichen  Turnen  über,  das  ich  aber  selbstverständlich  niemals  mit
der  Passion  betretben  konnte  wie  andere,  nichtbehinderte  Knaben.

Dahingegen  habe  ich  das  Schwimmen,  das  mir  zuerst  ebenfalls
beträchtliche  Schwierigkeiten  bereitete,  bald  mit  lebhafter  Begeisterung

31
        <pb n="50" />
        betrieben  und  es  darin  zu  großer  Fertigkeit  gebracht.  Auch  für  die
anderen  Arten  des  Wassersportes,  wie  Segeln  und  Rudern,  habe
ich  viel  Neigung  gehabt.  Zu  großer  Gewandtheit  bin  ich  auch  im
Schießen  gelangt.

Das  Schwierigste  vor  allem  aber  war  für  mich,  Reiten  zu  lernen.
Bei  diesem  Unterricht  habe  ich  schwere  Stunden  erlebt.  Ich  möchte  statt
eigener  Worte  die  hierauf  bezüglichen  Ausführungen  Hinzpeters  selbst
hersetzen,  in  denen  er  sich  Rechenschaft  über  seine  Erzlehung  gibt:  «  Das
Nesten,  welches  anfangs  nur  mit  wirklichem  Risiko  und  trotz  tränenreichen
  Widerwillens  mit  besonderer  Entschiedenheit  aufgezwungen
war,  wurde  eine  mit  Vorliebe  und  Erfolg  geübte  Fertigkeit.  Das
hierbei  mit  unsäglicher  Selbstüberwindung  beobachtete  Berfahren  war
so  charakteristisch  für  die  ganze  Erziehungswesse,  daß  wir  glauben,
es  ausführlicher  erwähnen  zu  sollen.  Der  Brinz  war  81/  Jahre
alt,  und  noch  führte  ein  Lakaf  seinen  Bony  am  Zügel,  weil  seine
körperliche  Unsicherheit  ihm  selbst  wie  anderen  unüberwindliche  Angst
einflößte.  Solange  diese  aber  bei  ihm  dauerte,  war  an  Reitenlernen
  nicht  zu  denken;  sie  mußte  um  jeden  Preis  besiegt  werden.
Da  weder  Restknecht  noch  Stallmelster  dazu  imstande  waren,  hob
der  Erzteher,  seine  inzwischen  unbedingt  gewordene  moralische  Autorität
  mit  einsetzend,  den  weinenden  Prinzen  auf  sein  Pferd  ohne  Bügel
und  erzwang  die  Ubung  der  verschiedenen  Gangarten,  taub  gegen
alles  Bitten  und  Weinen,  erbarmungslos  den  unaufhörlich  herunterstürzenden
  Reiter  wieder  hinaufhebend,  bis  endlich  nach  wochenlanger
Quälerek  das  nötige  schwer  zu  erwerbende  Gleichgewicht  erlangt  war.
Diese  Morgenübungen  in  den  Sestenalleen  des  Barkes  von  Sanssouci
  waren  ein  Schrecken  für  sedermann,  ein  größerer  für  den
Zwingenden  als  für  den  Gezwungenen.  Aber  nur  ungewöhnltche
Energie  und  Rücksichtslosigkeit  konnten  die  ungewöhnliche,  wenn  auch
natürliche  Schwäche  besiegen.  Nachdem  dies  einmal  geschehen  und
der  Prinz  durch  Wecken  der  eigenen  Kraft  sedem  anderen  Knaben

32
        <pb n="51" />
        gleichgestellt  war,  konnte  er  dem  Stallmeister  übergeben  werden  zu
weiterer  schnell  fortschreitender  Ausbildung.=Der

  Erfolg  hat  Hinzpeters  Methode  recht  gegeben.  Aber  bitter
hart  war  der  Unterricht,  und  mein  Bruder  Heinrich  hat  oft  auf—
geheult  vor  Schmerz,  wenn  er  das  Martprium  meiner  Jugend  mit

ansehen  mußte.
*#

Im  Anschluß  an  diese  Ausführungen  möchte  ich  eine  Behauptung
  berichtigen,  die  oft  aufgestellt  worden  ist:  daß  ich  nämlich,  entsprechend
  der  alten  Hohenzollerntradition,  nach  der  jeder  Prinz  ein
Handwerk  lernen  muß,  die  Buchbinderei  erlernt  hätte.  Das  ist  nicht
der  Fall,  konnte  es  auch  mit  Rücksicht  auf  meinen  Arm  nicht  sein.
Dagegen  hat  mein  Bruder  Heinrich  das  Buchbinden  gelernt,  und
zwar  bei  dem  Sohn  des  Berliner  Hofbuchbinders  Collin.  Er  hat
dies  Handwerk  mit  großer  Passion  betrieben,  wie  er  überhaupt
starke  Neigung  für  Bastelei  zeigte;  so  hat  er  auch  später  in  Kassel
drei  Jahre  lang  die  Tischlerek  gelernt.  Damals  fiel  seine  Buchbindekunst,
  die  er  im  Kronprinzenpalais  Unter  den  Linden  ausübte,  wegen
des  damit  verbundenen  Kleistergeruchs  wenig  angenehm  auf.  Collin
wurden  deshalb  von  verschiedenen  Seiten  Vorstellungen  gemacht,
doch  wies  er  diese  mit  dem  entschiedenen  Einwand  ab,  ohne  den
Gestank  ginge  es  nicht,  und  Eau  de  Cologne  könne  man  in  den
Kleister  nicht  hineintun.  Dabei  blieb  es  dann  auch.

Mein  Bruder  hat  seine  Künste  nach  Jahrzehnten  noch  einmal
praktisch  verwerten  können.  Als  die  furchtbare  Inflation  nach  dem
Weltkriege  die  Preise  ins  ungemessene  trieb,  hat  er  auf  seinem  schleswigschen
  Gute  für  die  Kinder  seiner  Angestellten  die  Schulbücher
gebunden.  Eine  alte  Tradition  unseres  Hauses  trug  so  in  der  Zeit
der  deutschen  Not  noch  schöne  Frucht.

3#
*  .

3  Ans  meinem  Leben  33
        <pb n="52" />
        Das  tägliche  Leben  spielte  sich  in  ziemlich  engem  Rahmen  ab.
Im  Winter  wohnten  wir  im  Kronprinzenpalals  in  Berlin,  mein
Zimmer  lag  im  oberen  Stock,  an  der  Ecke  nach  der  Oberwallstraße.
Hier  in  Berlin  kamen  wir  uns  immer  fast  wie  Gefangene  vor.
Denn  die  Großstadt  mit  ihrem  steinernen  Meer,  fernab  der  Natur,
ist  nichts  für  die  Jugend.  Wie  groß  war  daher  unsere  Freude,  wenn
es  im  Frühling  nach  Botsdam  ging!  Wochenlang  vorher  freuten
wir  uns  schon  auf  den  Augenblick,  da  der  große  Umzug  nach  dem
Neuen  Palais  vor  sich  gehen  sollte  —  in  die  Freiheit!  Und  wie
groß  war  unser  Schmerz,  wenn  es  im  Spötherbst  wieder  zurück
nach  Berlin  ging!  Potsdam  ist  meine  zweite,  und  ich  muß  sagen
liebere  Heimat  gewesen,  hier  habe  ich  mich  wohl  gefühlt.  An  das
kleine  einfache  Mansardenzimmer  im  zweiten  Stock  des  Neuen  Palais
mit  seinem  „Ochsenauge“  denke  ich  oft  voll  stiller  Wehmut  zurück.

Ich  habe  schon  dargestellt,  daß  die  Zeit  von  morgens  0  Uhr
—  im  Winter  7  Uhr  —  bis  zum  späten  Abend  von  der  Arbeit  ganz
in  Anspruch  genommen  war.  Das  Frühstück  nahmen  wir  immer
mit  unseren  Eltern  gemeinsam  ein,  das  Mittagessen  nur  dann,  wenn
keine  Gäste  geladen  waren.  Waren  Ferien  oder  nachmittags  schulfrei,
  so  machten  meine  Eltern,  oder  mein  Bater  allein,  mit  uns
Spazkergänge  in  die  nähere  und  weitere  Umgebung  der  schönen
Havelstadt.  Dann  besichtigten  wir  unter  Führung  meines  historisch
interessterten  Baters  die  Schlösser  Botsdams,  vor  allem  Sanssouct
und  das  Stadtschloß,  oder  standen  in  der  Garnisonkirche  an  der  Gruft
des  Großen  Königs.  Oder  wir  machten  Ausflüge  nach  Bornstedt,
nach  dem  Wildpark,  nach  dem  Pfingstberge,  nach  den  Fuchsbergen
oder  nach  der  geltebten  Pfaueninsel.  Auf  dieser  lieblichen,  von  Erinnerungen
  an  meine  Urgroßmutter,  die  Königin  Luise,  erfüllten  Insel
weilten  wir  besonders  gern.  Mit  Vergnügen  erinnere  ich  mich  noch

des  Ehepaares  Friedrich  dort,  der  Mann  war  Maschinenmeltster,  sie
eines  der  Potsdamer  alten  Orlginale  und  Besttzerin  einer  umfang-34
        <pb n="53" />
        reichen  Sahnetopfsammlung!  Jeder  Besucher  war  moralisch  verpflichtet,
  einen  Topf  zu  stiften,  so  daß  die  Sammlung,  wie  man  sich
denken  kann,  schließlich  recht  beträchtlich  geworden  war.  Mein  Bater
kannte  die  guten  alten  Leute  noch  aus  seiner  Jugendzeit  her  und
neckte  sich  in  seiner  launigen  Weise  gern  mit  ihnen.

Unter  den  Verwandten,  die  wir  häufig  besuchten,  gedenke  ich  in
erster  Linie  der  Fürstin  Liegnitz,  meines  Urgroßvaters  Friedrich  Wilhelms
  III.  zweiter  Gemahlin.  Ich  entsinne  mich  ihrer  als  einer  sonnigen,
  sanften  und  gütigen  alten  Dame,  die  die  Verehrung  aller
Mitglieder  unseres  Hauses  genoß.  Auch  meine  Eltern  waren  ihr
sehr  zugetan  und  schickten  mich  oft  mit  Blumen  zu  ihr,  sie  wohnte
in  der  nach  ihr  benannten  Villa  am  Eingang  zum  Park  von  Sanssouck.
  Ich  sehe  noch  heute  den  liebevollen  Ausdruck  ihres  Gesichtes
vor  mir,  aus  dem  ein  gutes,  weiches  Herz  sprach.  Ihre  schwierige
Stellung  hat  sie  ihr  Leben  lang  mit  feinstem  Takt  gewahrt  und
dadurch  sich  allgemeine  Verehrung  gewonnen.

Eine  alte  Dame,  die  bei  aller  Liebenswürdigkeit  uns  Kindern
größten  Respekt  einflößte,  war  Königin  Elisabeth,  die  Gemahlin
meines  Großoheilms,  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  Ste  lebte
ganz  zurückgezogen,  im  Sommer  in  Schloß  Sanssouck,  im  Winter
  im  Schloß  zu  Charlottenburg.  Sie  besaß  ein  Holzmodell  von
Zerusalem,  genannt  das  „Himmlische  Jerusalem“",  mit  abnehmbaren
Kuppeln,  wenn  ich  die  Großtante  besuchte,  durfte  ich  stets  mit  diesem
schönen  Modell  spielen.  Meine  Eltern  haben  die  Tante  Elise  sehr
geliebt.  Auch  Tante  Marie,  die  Gemahlin  Prinz  Karls,  des  Bruders
meines  Großvaters,  stand  meinen  Eltern  sehr  nahe.  Wir  sind  sehr
häufig  bei  der  lieben  alten  Dame  zu  Besuch  gewesen.  Brinz  Karl
dagegen  habe  ich  nur  bei  Hoffestlichkeiten  und  anderen  größeren
Gesellschaften  gesehen.

Wenn  in  den  Ferien  das  Wetter  es  irgend  erlaubte,  ging  mein
Bater  mit  uns  täglich  baden.  Entweder  gingen  wir  zu  unserer

35  35
        <pb n="54" />
        Privatbadeanstalt  am  Gatsberg  zwischen  Botsdam  und  Caputh  oder
zur  Militärschwimmanstalt  an  der  Havel.  Oder  aber  es  wurde  gerudert.
  Diese  Bootsfahrten  gingen  auf  dem  Jungfernsee  bei  Glienicke
  vor  sich,  wo  mich  ein  Matrose  der  dort  stationierten  Matrosen-=abteilung
  im  Rudern  unterwies.  Meiner  Segelpassion  konnte  ich
teils  auf  dem  Segelkutter  „Uskan“  des  Prinzen  Friedrich  Karl,
tells  auf  der  hübschen  Segelfregatte  „Royal  Louise“  nachgehen.
Diese  stand  unter  dem  Kommando  des  Schiffsführers  Belten,  der
als  Geschützführer  im  Kriege  1870/71  an  Bord  des  Kanonenbootes
„Meteor“  unter  Kapitänleutnant  Knorr  das  siegreiche  Gefecht  gegen
den  französischen  Aviso  „Bouvet“  vor  Havanna  milgemacht  hatte.
Die  „Ropal  Loutse“,  die  vor  der  sogenannten  „Matrosenstation“,  außerhalb
  des  Neuen  Gartens  vor  Anker  lag,  war  ein  Geschenk  König
Wilhelms  IV.  von  England  an  König  Friedrich  Wilhelm  III.,  dem
sie  gelegentlich  eines  Gartenfestes  auf  der  Pfaueninsel  feierlich  übergeben
  worden  war.  In  den  Anfängen  der  preußischen  Marine  diente
sie  einige  Zeit  den  auf  der  Marineschule  zu  Berlin  stationierten  Seekadetten
  mangels  eines  geeigneteren  als  Schulschiff  für  die  Ausbildung
  der  Takelagekenntnis  und  des  Segelexerzierens.  Ein  halbes
Dutzend  Watrosen  machte  zu  meiner  Zest  die  Besatzung  aus.  Einige
kleine  Modellkanonen  an  Bord  dienten  Heinrich  und  mir  zum  Feuern
von  Saluten.  Ich  bin  nach  meinem  Regierungsantritt  häufig  mit  den
in  Berlin  anwesenden  Admtiralen  auf  der  „Royal  Louise“  gesegelt,
wobei  die  Stationen  von  diesen  besetzt  wurden  (sehr  zum  Gaudium
der  Matrosen!)  und  das  Kommando  meistens  Admtral  Hollmann  führte.
Auch  die  verewigte  Katserin  ist  oft  und  gern  mit  der  alten  Fregatte
gefahren.

Als  ich  mich  in  reiferem  Alter  im  Schteßen  vervollkommnet  hatte,
nahm  mich  mein  Bater  auch  auf  die  Jagd  mit.  Gott  weiß,  mit
welcher  Lust  ich  dem  edlen  Weidwerk  gehuldigt  habe,  und  immer
wenn  die  Zeit  kommt,  da  die  Hirsche  im  Walde  schreien,  möchte  ich

30
        <pb n="55" />
        zur  geliebten  Büchse  greifen  und  auf  die  Pirsch  gehen!  Ich  schoß
mein  erstes  Wild  im  Jahre  1872,  am  Geburtstag  meiner  Großmutter,
  der  Kaiserin  Augusta,  es  war  ein  Fasan.  Bald  erlegte  ich
auch  meinen  ersten  Hasen.  Meinen  ersten  Hirsch  schoß  ich  im  Herbst
1876  im  Wildpark.

Im  Winter,  wenn  wir  in  Berlin  waren,  gingen  wir  gern  in
ein  Museum,  in  das  Theater,  in  den  Zirkus  Renz  oder  auch  in  den
Zoologischen  Garten,  der  uns  ebenso  wie  der  Botanische  Garten  viel
Unterhaltung  und  Belehrung  bot.  In  das  Theater  ging  mein  Vater
mit  Vorliebe  und  nahm  uns  Kinder  häufig  dahin  mit.  Dies  geschah
natürlich  noch  mehr  in  späteren  Jahren,  besonders  als  die  Meininger
ihre  berühmten  Aufführungen  veranstalteten.  Im  Opernhause  wechselten
damals  noch  Balletts,  die  nach  Pariser  Muster  den  ganzen  Abend  beanspruchten,
  mit  Opern  ab.  Ich  habe  später  diese  abendfüllenden  Balletts
  abgeschafft  und  dafür  Volkstänze  geben  lassen,  die  im  Kostüm
der  im  Stück  auftretenden  Bölker  vorgeführt  wurden.  Ich  besaß  für
gute  Musik  von  Jugend  auf  große  Neigung,  da  ich  nichts  stärkenderes
  kenne.  So  war  meine  Freude  immer  groß,  wenn  mein  Bater
uns  in  die  Oper  mitnahm.  Wir  durften  aber  die  Musik  nicht  bloß
an  unseren  Ohren  vorüberrauschen  lassen,  sondern  mußten  uns  auf
seine  Anordnung  die  Melodien  gut  merken.  So  wurde  ich  musikalisch
  erzogen  und  erwarb  mir  auch  ein  gutes  Gedächtnis  für  Melodie
  und  Rhythmus.

Natürlich  haben  wir  alle  die  Spiele  gespielt,  an  denen  deutsche
Jungen  ihr  Vergnügen  haben:  Räuber  und  Soldat,  Indianer  oder
militärisches  Exerzieren.  Die  Schauplätze  dieser  Taten  waren  meist
der  Bark  von  Sanssouci  oder  das  Bornstedter  Feld.  Bei  diesen
Spielen  kam  ich  mit  einer  großen  Anzahl  anderer  Knaben  zusammen,
von  denen  mehrere  mir  liebe  Kameraden  geworden  sind.

Unter  ihnen  muß  ich  an  erster  Stelle  meines  drei  Jahre  füngeren
Bruders  Heinrich  gedenken.  Seit  dem  Jahre  1868  lebten  wir  beide

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        <pb n="56" />
        zusammen,  er  kam  später  auch  mit  nach  Kassel,  und  das  gute
Verhältnis  aus  der  Jugendzeit  ist  niemals  getrübt  worden.  Er
ging  bereits  in  frühester  Jugend  in  seemännischen  Dingen  auf
und  wollte  dermaleinst  zur  Marine  gehen,  das  war,  da  ich  selbst
großes  Interesse  für  die  Marine  hatte,  ein  weiteres  Bindeglfed
zwischen  uns.

So  gedenke  sch  erst  in  zweiter  Linie  der  anderen  Kameraden,
deren  Gestalten  von  meinem  Gedächtnis  festgehalten  worden  sind.
Manch  lustiges,  frisches,  manch  ernstes  und  nachdenkliches  Knabengesicht
  steigt  in  meiner  Erinnerung  auf.  Ich  sehe  sie  wieder  vor
mir,  wie  einst  in  schönen  Zugendtagen:  Mortimer  v.  Rauch,  den
Sohn  des  Oberstallmeisters,  verschiedene  Kadetten  —  v.  Rex,  v.  Haenisch
  und  v.  Moß  —,  dann  zwei  Brüder  v.  Bronikowski,  von  denen
der  eine  später  im  Ersten  Garderegiment  zu  Fuß,  der  andere  mit
meinem  Bruder  Heinrich  zusammen  bei  der  Marine  stand  ihr  Bater
war  ein  großer  Sänger  und  musizierte  viel  mit  meiner  Mutter  zusammen.
  Dann  sehe  ich  den  immer  vergnügten  und  liebenswürdigen
Brinzen  Georg  Radzkwill,  den  Sohn  des  Generaladsutanten,  der
später  auch  Offizier  wurde,  und  weiter  Karl  und  Lothar  Bunsen,
die  Söhne  des  bekannten  Abgeordneten.  Karl  ging  zur  Marine  und
hat  als  wachthabender  Offlzier  auf  dem  „Katseradler“  meine  erste
Relse  nach  Rußland  1888  mitgemacht,  sollte  aber  zu  meinem
Schmerz  ein  frühes  Ende  finden.  Er  starb  auf  einer  Mittelmeerfahrt
  und  ist  in  Port  Mahon  auf  den  Balearen  beigesetzt,  ich  habe
sein  Grab  mehrere  Male  besucht,  wenn  mich  die  Reise  in  die  Nähe
führte.

Mein  Lieblingskamerad  aber  war  Eugen  v.  Roeder,  der  Sohn  des
bei  St.  Brivat  gefallenen  Kommandeurs  des  Ersten  Garderegiments.
Er  war  eine  reiche  künstlerische  Natur,  gleich  mir  begeistert  für  die
friderszianssche  Tradition,  dabef  etwas  weich,  mit  Anwandlungen  von
Weltschmerz,  aber  doch  nachmals  ein  guter  Soldat.  Wir  sind  über  die

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        Knabenzeit  hinaus  Freunde  geblieben.  Er  hat  mit  mir  zusammen  beim
Ersten  Garderegiment  gestanden  und  ist  später  Kammerherr  geworden.

Eine  besondere  Note  erhielt  unser  Kreis  durch  Poultney  Bigelow,
den  Sohn  des  amerikanischen  Gesandten  in  Paris.  Er  war  eine
seltene  Kraftnatur  und  ein  ungemein  liebenswürdiger  Mensch,  bei  uns
Knaben  stand  er  dadurch  in  hohem  Ansehen,  daß  er,  selber  aus  dem
„Wilden  Westen“  (I)  kommend,  uns  von  Trappern  und  Indianern
Mordsgeschichten  zu  erzählen  wußte  und  als  Fachmann  für  Indianerspiele
  galt.  Er  ist  in  Botsdam  erzogen  worden  und  hat  sich  in  einer
für  einen  Ausländer  erstaunlichen  Weise  für  die  Botsdamer  Tradition
begeistert,  er  hat  sogar  später  ein  Buch  über  die  Königin  Luise  geschrieben.
  Auch  mit  ihm  habe  ich  über  die  Jugendzeit  hinaus  die
Verbindung  aufrechterhalten  und  mich  gefreut,  als  er  sich  vor  einiger
Zeit  meiner  im  alten  Geiste  wieder  erinnerte.

Wir  haben  aber  nicht  nur  im  Wald  und  auf  der  Heide  Indianer
und  anderes  gespielt  —  wir  haben  auch  nach  Höherem  gestrebt!  An  Geburtstagen,
  Festtagen  oder  bei  sonstigen  besonderen  Gelegenheiten  haben
wir  nämlich  Theater  gespielt,  wobei  die  Kameraden  und  Geschwister
mitwirkten.  Die  Bühne  hatte  schon  mein  Großvater  mit  seinen  Geschwistern
  benutzt,  die  Kostüme  stammten  noch  von  den  bekannten
„Bohnenfesten’'  her.  Unsere  Eltern  taten  uns  auch  den  Gefallen,
das  Publikum  abzugeben  und  unseren  Vorführungen  Beifall  zu  klatschen.
  Ich  entsinne  mich  noch,  daß  ich  einmal  zum  Geburtstage  meines
Grosßvaters  den  „Bürgergeneral“  dargestellt  habe,  ein  andermal  führten
wir  den  „Grondeur'“  und  auch  „Das  Wirtshaus  im  Spessart“  auf.
Diese  harmlosen  Bergnügungen  nahmen  die  Kindergemüter  an  den
Tagen  der  Aufführung  und  der  vorhergehenden  Proben  ganz  in
Anspruch,  die  Abende  waren  immer  „große  Ereignisse“.

An  Sonn=  und  Feiertagen  wurde  regelmäßig  die  Kirche  besucht.
Wir  gingen  auch  häufig  zur  Griedenskirche,  wo  in  einer  Kapelle  mein
feüh  vollendeter  Bruder  Sigismund  ruhte,  oder  hörten  in  unserer

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        kleinen  Hauskapelle  in  Berlin  die  Predigten  von  Stechow  oder  Persius.
Wir  begingen  Neusahr  und  die  kirchlichen  Festtage  mit  den  Großeltern
  zusammen,  bei  denen  auch  wiederholt  Ostereier  gesucht  wurden.
Dieser  liebe  Brauch  wurde  sonst  im  Schloßgarten  von  Charlottenburg
oder  von  Schönhausen  geübt.  Mir  ist  vom  Weihnachtsfeste  noch  besonders
  in  Erinnerung,  wie  mein  Bater  in  den  erwartungsfrohen
Wochen  vorher  mit  uns  den  altberühmten  Weihnachtsmarkt  zu  besuchen
  pflegte,  Bpramiden  und  Schäschen  kaufte  und  in  seiner  freundlichen
  und  gütigen  Weise  sich  mit  den  Berkäufern  in  den  Buden
unterhielt.  An  diese  Stunden  knüpfen  sich  für  mich  Erinnerungen,
die  mit  zu  den  schönsten  meines  Lebens  gehören.

*  *  *k

Mein  zehnter  Geburtstag  wurde  insofern  von  großer  Bedeutung
für  mein  Leben,  als  ich  an  diesem  Tage,  der  Sitte  unseres  Hauses
entsprechend,  in  die  ruhmvolle  preußische  Armee  aufgenommen  wurde.
Dieses  Erelgnis  spielte  sich  so  ab,  daß  mir  mein  Großvater  am
2/.  Januar  1869  gleichzeitig  mit  dem  Hohen  Orden  vom  Schwarzen
Adler  die  Uniform  des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  verlieh.  Die
Zeremonie  ging  im  engsten  Familienkreise  vor  sich.  Den  Orden  reichte
mein  Bater  dem  Kaiser  auf  goldener  Schüssel,  ich  mußte  sofort  die
Uniform  anzlehen,  um  Seiner  Mafsestät  meine  Meldung  zu  machen.
Mit  tiefer  Bewegung  sagte  der  Kaiser  zu  mir:  ich  sei  setzt  noch  zu
jung,  um  voll  die  Bedeutung  der  Tatsache  zu  ermessen,  daß  ich  nun
preußischer  Offizier  sei.  Aber  die  Zeit  des  Berständnisses  werde
kommen  und  dann  solle  ich  meine  Schuldigkeit  tun,  wie  mein  Bater
sie  getan  habe.  Die  Feierlichkeit  des  Augenblscks  durchdrang  mich
tief)  ich  hatte  gleichsam  meinen  Ritterschlag  erhalten.

Auf  dem  Kasernenhofe  des  Ersten  Garderegiments  in  Potsdam
machte  ich  dann  in  der  Folge  bei  der  Leibkompagnie  meine  ersten
Ubungen  im  Marschieren.  Ich  hatte  dabel  natürlich  immer  große

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        Mühe,  mit  den  langen  Beinen  der  Gardemänner  mitzukommen,  was
mir  auch  nicht  immer  gelang.  Da  hieß  es  aufpassen  und  behende
nachspringen,  um  in  Reih  und  Glied  zu  bleiben!

Einige  Monate  darauf  —  es  war  am  2.  Mai,  dem  Tage  von
Großgörschen  —  machte  ich,  die  hohe  Grenadiermütze  auf  dem  Kopfe,
meine  erste  Parade  mit.  Es  war  eine  der  letzten  „Kirchenparaden“,
von  denen  ich  schon  sprach  bald  danach  wurden  sie  abgeschafft.  Das
Regiment  setzte  die  Gewehre  auf  dem  Lustgarten  zusammen,  marschierte
zur  Garnisonkirche  und  wohnte  dort  in  Anwesenheit  des  Königs  und
des  Königlichen  Hauses  dem  Gottesdienst  bei.  Die  Predigk  hielt  der
Hofprediger  Rogge,  dem  es  fast  zwei  Jahre  später  vergönnt  war,  in
Bersailles  dem  deutschen  Kaiserreich  die  Taufrede  zu  halten.  Nach
dem  Gottesdienst  marschtierten  die  Bataillone  zum  Lustgarten  zurück,
nahmen  die  Gewehre  in  die  Hand  und  wurden  ausgerichtet.  Die
Kommandorufe  verhallten,  und  mit  einem  Schlage  beherrschte  lautlose
  Stille  den  weiten  Platz.  Nun  erschien  am  rechten  Flügel  der
König,  und  alsbald  zerriß  das  Kommando  zum  Präsentieren  das
tiefe  Schweigen.  Mit  Nuck  —  zuck  gingen  die  Gewehre  in  die  befohlene
  Stellung,  die  Bataillone  erstarrten  zu  Erz.  Im  selben  Augenblick
  sielen  mit  schmetternden  Klängen  Tambours  und  Regimentsmusik
  ein,  der  Präsentiermarsch  dröhnte  und  jubelte  über  den  Exerzierplatz.
  Indessen  musterte  mit  forschendem  Blick  mein  Großvater,  langsam
die  Front  abschreitend,  seine  regungslos  dastehenden  Grenadiere,  und
lauter  schlug  des  Knaben  Herz,  als  auch  ihn  seines  Königs  Auge  kraf.
Dann  formierten  sich  die  Bataillone  zum  Vorbeimarsch,  ich  selbst  kam
als  schließender  Offizier  vorüber.  Es  war  ein  unvergeßlicher  Tag.  Denn
was  konnte  es  für  einen  Prinzen  des  Hauses,  einen  Enkel  des  Königs
und  einen  Offizier  des  Ersten  Garderegiments  zu  Guß  Schöneres  geben,
als  dem  hohen  ehrfurchtgebietenden  Herrn  im  Dienste  gegenüberzustehen!

Im  August  und  September  des  Jahres  machte  ich  die  beiden
großen  Herbstparaden  in  Berlin  und  Stargard  in  der  Front  mit,  ich

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        lernte  dabei  immer  mehr  mich  als  Mitglied  der  großen  preußischen
Armee  fühlen.
Hinzpeter  freilich  sah  all  das  nur  mit  geteilten  Gefühlen  ...

*  *  *

In  sedem  Jahre  wurde  regelmäsig  eine  längere  oder  bürzere  Reise
gemacht,  in  der  wir  uns  erholen  und  die  Welt,  insbesondere  unser
deutsches  Batkerland,  kennen  lernen  sollten.  Meist  wurden  wir  von
Hinzpeter  begleitet,  unsere  Eltern  nahmen  uns  nur  selten  mit,  da
sie  natürlich  gesellschaftliche  Berpflichtungen  zu  erfüllen  hatten  oder
die  Zeit  für  ihre  eigenen  Bildungs=  und  Erholungspläne  ausnutzten.

Auf  einer  Fußwanderung  mit  Hinzpeter  und  dem  mit  mir  ungefähr
  gleichaltrigen  Erbgroßherzog  Friedrich,  nachmaligem  Großherzog
von  Baden,  lernte  ich  im  Sommer  1867  den  schönen  Schwarzwald
kennen.  Der  ZJauber  der  noch  nie  geschauten  Berge,  das  geheimnisvoll
  düstere  Rauschen  der  hohen  Tannen  und  das  leise  Plätschern  der
Quellen  machte  auf  mein  Kindergemüt  starken  Eindruck.  Auch  entsinne
  ich  mich,  daß  wir  einmal  einen  Fernblick  auf  den  Hohenzollern
gehabt  haben,  so  daß  ich  damals  zum  ersten  Male  die  Stammburg
mesnes  Geschlechtes  zu  sehen  bekam.  Auch  daß  wir  eine  Uhren=  und
eine  Zigarettenfabrik  besucht  haben,  ist  mir  deutlich  in  Erinnerung  geblieben.
  Ich  weiß  auch  noch,  wie  beschwerlich  es  für  mich  auf  der
Wanderung  bei  der  großen  Hitze  war,  daß  Hinzpeter  uns  das  Wasesertrinken
  unterwegs  verboten  hatte.  Es  entsprang  das  einer  veralteten
hogientschen  Anschauung  der  damaligen  Zeit,  die  auch  im  Kriege  1866
viele  Opfer  gefordert  hat,  erst  später  erkannte  man,  daß  der  menschliche
Körper  auf  dem  Marsche  der  Flüssigkelt  bedarf  und  daß  ein  kalter
Trunk  nur  während  der  Ruhe  nach  dem  Marsche  schadet.

Im  Frühfahr  des  nächsten  Jahres  gingen  die  Eltern  mit  uns  nach
Reinhardsbrunn  in  Thüringen.  Dieser  Aufenthalt  ist  deshalb  bemerkenswert,
  weil  ich  damals  die  spätere  Katserin  zuerst  gesehen  und

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        mit  ihr  gespielt  habe.  Bekanntlich  war  mein  Bater  mit  dem  ihrigen,
Herzog  Friedrich  von  Schleswig-Holstein-Augustenburg,  gut  be—
freundet,  die  Familie  besuchte  uns  von  Gotha  aus,  wo  sie  zeitweilig
wohnte.  Auch  hier  bot  sich  Gelegenheit,  gewisse  Betriebe  kennen  zu
lernen,  indem  wir  einen  Kupferhammer  und  eine  Glasbläserei  besichtigten.
  Der  Kupferhammer  machte  in  seiner  Primktivitckt  einen  ganz  mittelalterlichen
  Eindruck,  es  war  alles  noch  genau  so,  wie  es  Schiller  im
„Gang  nach  dem  Eisenhammer“  dargestellt  hat.  Ein  Wasserrad  trieb
eine  Welle,  an  der  eiserne  Bolzen  befestigt  waren,  diese  wiederum
drückten  auf  den  hintersten  Teil  des  aus  einem  uralten  Baumstamm
bestehenden  Hammerstieles  und  setzten  ihn  so  in  Bewegung.  Dieser
schlug  nun  in  dröhnendem  Takt  auf  die  zu  schmiedenden  Bleche,  die
zuvor  in  einem  Ofen  zum  Weißglühen  gebracht  worden  waren.  Die
ganze  seltsam  anmutende  Umgebung,  die  feurige  Lohe  und  die  rußigen,
herkulischen  Gestalten  der  Arbeiter  machten  einen  tiefen  Eindruck  auf
uns.  Micht  viel  anders  war  es  in  der  Glasbläserei.  Wie  hier  aus
der  flüssigen  Glasmasse  kunstvolle  Gläser  und  andere  Gebilde  geblasen
wurden,  um  dann  im  Ofen  gehärtet  zu  werden,  das  war  doch  auch
wieder  ein  Erlebnis  für  das  Kindergemüt.  Mein  Bruder  Heinrich
und  ich  durften  sogar  einige  Kugeln  blasen  und  diese  selbstgeschaffenen
Kunstwerke  als  Andenken  mitnehmen.  Sie  wurden  wie  rohe  Eier
behandelt  und  glücklich  mit  nach  Hause  gebracht,  wo  sie  noch  lange
das  Paneelbrett  eines  Sofas  geziert  haben.

Im  Sommer  desselben  Zahres  waren  wir  mit  Hinzpeter  in
Blankenberghe  und  haben  dort  das  Strandleben  in  vollen  Zügen
genossen.  Anläßlich  irgeneines  Feiertages  haben  wir  dort  auch
einmal  flämische  Volksspiele  gesehen,  die  keils  derb  und  kräftig,  teils
ausgesprochen  roh  waren,  sie  stammten  noch  aus  dem  Mittelalter.
So  entsinne  ich  mich,  wie  Bogenschützen  in  alter  flandrischer  Tracht
mst  mannshohen  Bogen  nach  eleinen  Bögeln  aus  Ton  schossen.  Ein
das  Bolk  besonders  belustigendes  Spiel  ging  um  die  Gewinnung

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        einer  Gans.  Das  Tier,  dem  der  Hals  eingeseift  war,  wurde  an
den  Ständern,  Kopf  nach  unten,  aufgehängt.  Dann  wurden  die
Wettbewerber  in  Karren  darunter  vorbeigezogen,  und  in  diesem  Augenblick
  mußten  sie  nach  dem  Hals  der  Gans  greifen.  Da  dieser  stark
eingeseift  war,  glitten  die  Hände  der  Bewerber  unter  dem  lauten
Geschrei  der  Zuschauer  oftmals  ab,  und  schließlich  wurde  meist  dem
Tier,  das  verzweifelt  um  sich  biß,  der  Kopf  abgerissen.  Es  war
eine  Tierquälerei,  die  uns  sehr  abstieß.  —  Zu  erwähnen  ist  noch  aus
Blankenberghe,  daß  König  Leopold  uns  sehr  schönes  Obst  zu  schicken
pflegte,  daß  aber  Hinzpeters  spartanische  Grundsätze  es  uns  auch  hier
nicht  erlaubten,  das  süß  duftende  Geschenk  zu  verzehren.  Wir  sollten
eben  keine  Sybariten  werden.

Im  Frühfahr  des  nächsten  Jahres  mußte  mein  Bruder  Heinrich,  der
in  seiner  Jugend  recht  schwächlich  war,  eine  Kur  machen.  Ich  wurde
nach  Oeynhausen  —  oder  Rehme,  wie  der  Badeort  damals  hieß  —
ebenfalls  mitgenommen,  außerdem  unsere  drei  Kameraden  Mortimer
v.  Rauch  und  die  beiden  Brüder  Bunsen.  Hinzpeter  betreute  uns  alle.
Wir  machten  zahlreiche  Ausflüge,  von  denen  der  nach  der  sagenumwobenen
  Burg  des  berühmten  Sachsenherzogs  Wittekind  mir  besonders  in
Erinnerung  geblieben  ist.  Auch  technische  Einrichtungen  wurden  wie  immer
  besichtigt.  So  waren  wir  einmal  wieder  in  einer  Glasbläserek  in  der
Porta  Westfalica,  wo  ich  selbst  eine  Flasche  geblasen  habe.  Es  machte  uns
besonderen  Spaß,  daß  die  Arbeiter  zwischen  „Flaschen“  und  „Bouteillen“
  streng  unterschieden:  erstere  waren  Bier-,  letztere  Weinflaschen!
Ein  andermal  befuhren  wir  ein  Kohlenbergwerk,  das  Krupp  gehörke,
  ich  brachte  aus  den  Stollen  Stüche  mit  Abdrücken  von  Palmblättern
  und  andere  prähistorische  Zeugnisse  mit  herauf  und  habe  sie
lange  als  Andenken  besessen.  Am  bedeutsamsten  aber  war  wohl  mein
Besuch  bei  Krupp  in  Essen.  Die  für  die  damaligen  Verhältnisse
gewaltigen  Werke  machten  nachhaltigen  Eindruck  auf  mich,  vor  allem
tat  es  mir  der  große  tausendpfündige  Dampfhammer  an,  der  damals

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        der  größte  in  Europa  war.  Auch  die  Arbeiterwohnungen  haben  wir
besucht.  Seit  jener  Zeit  datiert  das  große  Interesse,  das  ich  an  der
Entwicklung  der  Kruppschen  Firma  mein  Leben  lang  genommen  habe.
Im  Juli  1869  ging  die  Fahrt  wieder  an  die  Nordsee,  diesmal
nach  Norderney,  und  zwar  mit  den  Eltern  und  dem  Maler  Graf
Harrach,  dem  persönlichen  Freund  meiner  Eltern,  mein  Onkel,  der
ritterliche  Prinz  Albrecht-Sohn,  späterer  Regent  von  Braunschweig,
war  auch  da.  Damals  waren  gerade  die  Max=  und  Moritz-Geschichten
  von  Wilhelm  Busch  ins  Publikum  gedrungen,  und  alle  zitierten
  bei  seder  Gelegenheit  mehr  oder  weniger  passende  Derse.
Besonders  Brinz  Albrecht  war  groß  darin  und  infolgedessen  bei  uns
Kindern  sehr  angesehen.  Ich  erinnere  mich,  daß  wir  von  Norderney
aus  einmal  einen  Ausflug  nach  Helgoland  unternommen  haben,  wo  der
Gouverneur  Sir  Maxse  uns  die  damals  noch  englische  Insel  zeigte.
Am  Ende  unseres  Aufenthaltes  in  Norderney  machten  wir  mit
dem  Raddampfer  „Roland“  eine  stürmische  Fahrt  nach  dem  als
Kriegshafen  im  Juni  eingeweihten  Wilhelmshaven,  wo  ich  zum  erstenmal
  in  meinem  Leben  deutsche  Panzerschiffe  gesehen  habe.  Als  wir
auf  der  Reede  ankamen,  stand  ich  vorn  am  Bug  des  „Roland“  und
sah  mit  klopfendem  Herzen  allmählich  die  riesige  himmelhohe  Takelage
  und  dann  den  Rumpf  des  vordersten  Schiffes  auftauchen,  von
dem  mir  ein  Matrose  sagte,  es  sei  der  „König  Wilhelm".  SBald
darauf  kamen  auch  die  hinter  ihm  liegenden  Schiffe  „Kronprinz"
und  „Friedrich  Karl“  in  Sicht.  Ze  näher  wir  kamen,  desto  gewaltiger
  war  der  Eindruck,  den  der  „König  Wilhelm“,  damals  wohl
das  größte  Panzerschiff,  auf  mich  machte.  Schwer  ruhte  der  gepanzerte
Leib  dieses  Kolosses,  aus  dessen  Batterie-Bforten  eine  Reihe  von
21  cm--Kanonen  drohend  blickte,  auf  dem  Wasser.  Als  wir  neben  ihm
geankert  hatten,  bestaunte  ich  sprachlos  dieses  gewaltige,  uns  weit
überragende  Schiff.  lötzlich  ertönten  schrille  Pfiffe  von  ihm  herüber,
  und  augenblicks  enterten  Hunderte  von  Matrosen  die  himmelan-45
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        strebende  Takelage  empor  und  legten  auf  den  Rahen  aus.  Drek
Hurras  begrüßten  meinen  Vater,  als  wir  hinüber  gerudert  wurden,
während  uns  auf  dem  geräumigen  Deck  Admiral  Jachmann,  der
Sieger  von  Jasmund,  empfing.  Der  Rundgang  auf  dem  Schiff,
dessen  Besatzung  damals  gegen  tausend  Mann  betrug,  enthüllte  mir
eine  ganz  neue  Welt.  Nächst  der  gewaltigen  Takelage  imponierte
mir  am  meisten  die  lange  Batterie  mit  den  schweren,  sauber  geputzten
Geschützen.  In  seiner  schönen  großen  Achterkajüte  gab  uns  Admitral
Jachmann  Tee  und  allerhand  köstlichen  Kuchen.  Diese  Kafüte  war
gleich  den  übrigen  Wohnräumen  in  dem  durch  lange  Tradition  entwickelten
  soliden  englischen  Geschmack  eingerichtet  und  machte  einen
durchaus  wohnlichen  und  behaglichen  Eindruck,  obgleich  man  auf
einem  Kriegsschiff  war.  Was  das  wohl  für  eine  Freude  wäre,  war
mein  Gedanke,  ein  solches  Schiff  kommandieren  zu  können!

Die  Fahrt  durch  Wilhelmshaven  nach  dem  Bahnhof  gestaltete
sich  nicht  ganz  einfach,  da  die  Marineanlagen  meist  noch  im  Bau
und  die  Straßen  noch  nicht  gepflastert  waren.  Des  Abends  fuhren
wir  über  Bremen  nach  Hause,  aber  es  dauerte  lange,  ehe  der  Schlaf
in  meine  Augen  kam,  denn  die  Eindrücke,  die  ich  auf  S.  M.  S.
„König  Wilhelm“  gewonnen  hatte,  ließen  mich  nicht  los  und  zogen
immer  von  neuem  an  meinem  geistigen  Auge  vorüber.

Von  elnem  noch  weit  tiefer  gehenden  Einfluß  sollte  aber  eine
Reise  werden,  die  wir  einige  Monate  später  an  das  Mittelmeer
machten.

IV.

Im  Winter  1869/70  fand  sich  in  dem  südfranzösischen  Badeort
  Cannes  ein  größerer  Kreis  von  Angehörigen  und  Verwandten
des  preußischen  Königshauses  zusammen.  Außer  unseren  Eltern  und
uns  Kindern  mit  Hinzpeter,  die  wir  im  Grand  Hôtel  de  la  Méditerranée
  Aufenthalt  genommen  hatten,  waren  weiter  anwesend:  die
Großherzoglich  Hessische  Famtlie  aus  Darmstadt,  Prinz  Albrecht

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        (Sohn)  von  Preußen  mit  seinem  Adjutanten  Graf  Schulenburg,
Prinz  Friedrich  und  Prinzessin  Luise  der  Niederlande  (Schwager
und  jüngste  Schwester  meines  Großvaters)  mit  ihrer  Tochter  Marie,
der  späteren  Fürstin  Wied,  und  Großherzogin-Mutter  Alexandrine  von
Mecklenburg-Schwerin,  die  zweitälteste  Schwester  Kaiser  Wilhelms  I.
Mein  Bater  war  zu  Anfang  unseres  Aufenthaltes  mit  seinem  Schwager,
  dem  Großherzog  Ludwig  von  Hessen,  im  Ortent,  um  an  der  Einweihung
  des  Suczanals  teilzunehmen.

Sieben  Monate  lang,  von  Mitte  Oktober  1869  bis  Mitte
Mai  1870,  blieben  wir  in  Cannes,  wo  das  Land  mit  der  wundervollen
  Flora  der  Rivkera  mir  als  ein  Paradies  erschien.  Den
ganzen  Winter  hindurch  blühende  Kaktuspflanzen,  Aloes,  Rosen,
Tuberosen  und  im  Frühjahr  Anemonen  in  allen  Farben  des  Regenbogens
  im  Freien  wachsen  zu  sehen,  Korkeichen  und  Erdbeerbäume  (ich
wußte  später,  was  Horaz  mit  seiner  arbutus  meintel),  Pinien  und
Oliven,  Balmen  und  SBananen,  die  ich  bisher  nur  im  Treibhaus  des
Botanischen  Gartens  ihr  Dasein  hatte  fristen  sehen  —:  das  waren
Wunder,  die  mir  erst  unfaßlich  vorkamen.  Und  zu  alledem  noch
das  unendliche  Meer,  in  Blau  und  Grün  leuchtend  unter  dem  strahlenden
  Himmel  des  Südens:  wie  lebte  der  Knabe  auf,  wie  weitete  sich
ihm  die  Brust!

Cannes  war  damals  noch  ein  vom  Rivieraleben  unberührter
Ort  mit  einigen  Hotels  und  einer  Anzahl  meist  englischer  Privatoillen.
  Die  englische  Kolonie  war  von  einem  alten  Mr.  Woolfield
gegründet  und  mit  einer  schönen  Kirche  beschenkt  worden.  Durch  den
Verkehr  in  seinem  gastfreien  Hause  gab  meine  Mutter  uns  Kindern
Gelegenheit,  mit  englischen  Kindern  bei  Tee  und  Spiel  zusammenzukommen
  und  uns  in  der  Sprache  zu  üben.  Sonntags  gingen  wir
entweder  in  die  englische  Kirche  oder  in  den  deutschen  Betsaal,  da
ein  relcher  Deutscher  sich  noch  nicht  gefunden  hatte,  um  nach  britischem
Muster  seinen  Landsleuten  zu  einer  Kirche  zu  verhelfen.  Wir  ver-47
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        kehrten  besonders  mit  der  Familie  des  späteren  Lord  Brabourne,
der  in  der  angelsächsischen  Kinderwelt  berühmt  war  durch  seine  entzückenden
  Märchen,  die  er  unter  dem  Titel  „Stories  for  my  children“
veröffentlicht  hatte.  Bon  anderen  Gespielen  seien  noch  der  spätere
Herzog  von  Eroy,  der  Schwager  des  Erzherzogs  Friedrich,  genannt,
sowie  der  Sohn  des  Herzogs  v.  Ballombrosa,  des  Besitzers  eines
herrlichen  kleinen  Palais  mit  wunderschönen  Balmen  im  Garten.
Die  größte  Freude  aber  war  es  für  mich  und  meine  Geschwister,
wenn  der  Besitzer  einer  herrlichen  Orangen-Plantage,  „Jardin  des
Hespéricces“  genannt,  uns  Kinder  einlud  zu  kommen  und  goldene
Orangen  vom  Baum  zu  essen!  Das  hatte  man  weder  in  Berlin,
noch  in  Potsdam,  da  war  man  sa  schon  dicht  am  Paradiesel

Auch  sonst  bot  uns  die  Mittelmeerstadt  viel  Anregungen.  Auf
dem  Fischmarkt  nahe  dem  Hafen  sahen  wir  wunderbare  Krustazeen
und  andere  merkwürdige  Seetiere,  am  Strande  fanden  wir  Bolypen,
und  seltsame  Schmetterlinge  flatterten  auf  den  saftigen  Wiesen  und
in  den  duftenden  Gärten.  Da  erwachte  unser  Forscherdrang,  und  wir
faßten  den  Entschluß,  uns  ein  ansehnliches  Tiermuseum  anzulegen.
Gedacht,  getan.  Seetiere  wurden  gefangen  oder  auf  dem  Markte
gekauft,  wobei  viel  gefeilscht  wurde,  dann  entweder  in  ein  schnell  improvisiertes
  Aquarium  gesteckt  oder  in  den  Zweigen  des  Eukalpptus
im  Garten  aufgehängt,  getrocknet,  mit  Schellack  überzogen  und  auf
Pappe  geklebt.  Wir  hatten  unendlich  zu  tun  und  waren  eigentlich
immer  beschäftigt,  glücklicherweise  hatten  wir  einen  sehr  geschickten
Diener,  namens  Hoffmann,  der  uns  bei  unseren  Forschungsarbeiten
half.  Wir  haben  dann  dieses  ganze  Museum,  zu  dem  noch  eine
Schmetterlingssammlung  hinzukam,  glücklich  bis  nach  Deutschland
geschafft,  wo  es  im  Neuen  Palais  viele  Jahre  übelduftend  von  unserm
Corschungsdrang  Zeugnis  ablegte.  Schlfeßlich  schenkte  uns  mein

Großvater  Vitrinen,  damit  wir  unsere  Beute  sicher  und  geruchfrei
unterbringen  konnten.

48
        <pb n="67" />
        Gern  fuhren  wir  auch  nach  der  Insel  Sainte-Marguerite,  der
kleinen  Insel  vor  Cannes,  Giraud  hieß  der  freundliche  Bootsführer,
der  uns  immer  hinüberruderte.  Auf  dieser  Insel  mit  einer  alten  Festung
und  Kasematten  hatte  vor  langer  Zeit  der  geheimnisvolle  „Mann  mit
der  Eisernen  Maske“  gefangen  gesessen,  einige  Jahre  nach  unserem
Aufenthalt  kam  Bazaine  dorthin,  um  seine  zwanzigjährige  Haft  zu
verbüßen,  doch  entfloh  er  schon  1874  nach  Madrid.  Hier  auf  Sainte-Marguerite
  weilten  auch  gefangene  Marokkaner,  „Araber“,  wie  man
sie  nannte,  die  uns  mit  ihrem  weißen  Burnus  und  ihrer  dunklen
Hautfarbe  seltsam  fremdländisch  anmuteten.  Wir  freundeten  uns  mit

ihnen  an,  meine  Mutter  malte  sie,  und  wir  erhielten  von  ihnen  immer
kleine  Geschenke,  Datteln  und  anderes.

*.

Groß  war  unsere  Freude,  als  es  kurz  vor  Weihnachten  hieß,  der
Bater  kehre  zurück  und  wir  würden  ihn  in  Villafranca  abholen.
Die  Fahrt  dorthin  am  Gestade  des  blauen  Mittelmeeres,  das  ich
später  so  oft  durchquert  habe  und  so  unendlich  liebe,  war  unbeschreiblich
  schön.

In  dem  herrlichen  Hafen  von  Villafranca  lagen  „Hertha“  und
„Elisabeth“,  sowie  einige  amerikanische  Fregatten,  darunter  das
Glaggschiff  „Franklin“.  Mein  Bater  holte  uns  ab  und  brachte  uns
auf  die  „Hertha“,  indes  der  Donner  des  Saluts  sich  in  tausendfachem
  Widerhall  an  den  Hängen  der  Berge,  die  die  schöne  Bucht
umkränzen,  brach.  Da  stand  der  staunende  Knabe  auf  dem  Deck
eines  Kriegsschiffes,  das  unter  der  Flagge  des  Norddeutschen  Bundes
den  geliebten  Bater  in  den  märchenhaften  fernen  Ortent  getragen
hatte,  und  das  ahnungsvolle  Herz  schlug  ihm  höher.  Nach  der  Heimkehr
  konnte  uns  der  Bater  in  Cannes  nicht  genug  von  seinen  Erlebnissen
  erzählen,  von  Jerusalem  und  den  Heiligen  Stätten,  von
Agopten,  von  den  Byramiden,  von  der  Sphinz,  den  Königsgräbern,
den  Mumsen  und  all  den  andern  Wundern  des  Morgenlandes.  Ja,

Aus  meinem  Leben  40
        <pb n="68" />
        sogar  auf  einem  leibhaftigen  Kamel  war  der  Vater  geritten,  genau
so  einem,  wie  wir  es  im  Zoologischen  Garten  gesehen  hatten!

Wir  feferten  Weihnachten  noch  zusammen  in  Cannes,  dann  reisten
meine  Eltern  nach  Deutschland  ab,  und  wir  blieben  mit  Hinzpeter
allein  zurück.  Wir  siedelten  nun  aus  dem  Hotel  in  die  Villa  Gabrielle
über,  deren  Beranda  vornehmlich  zu  unserm  „Gorschungsinstitut"
wurde.  Abwechflungsreiche  Reit=  und  Fußtouren  in  die  prächtigen
Wälder  der  Umgebung  vertrieben  uns  die  Zeit,  wenn  Hinzpeter
uns  nicht  mit  Schularbeiten  plagte.  Wir  gingen  auch  oft  in  das
Grand  Hötel  hinüber,  um  Tante  Alexandrine  und  die  niederländischen
Verwandten  zu  besuchen.  Beide  Tanten  waren  krank,  aber  während
die  mecklenburgische  Tante  sich  wieder  gut  erholte,  immer  froher  Laune
war  und  nicht  müde  wurde,  uns  Geschichten  zu  erzählen,  wurde
Tante  Luise  immer  kränker,  Ende  1870  ist  sie  gestorben.

*

Von  der  französischen  Armee  bekam  ich  zu  meiner  Freude  dann
und  wann  auch  etwas  zu  sehen.  Wenn  die  Soldaten  mit  der  „Musique“
oder  „Clairon  en  tẽte“  dahermarschiert  kamen,  mischte  ich  mich  unter
die  Schuljugend  von  Cannes  und  lief  in  gleichem  Schritt  und  Tritt
neben  der  Kolonne  her.  Besonders  angezogen  wurde  ich  immer  von
den  schmetternden  Klängen  der  lustigen  Hörner.  Ich  habe  sie  später
als  Bataillonskommandeur  bei  meinen  Spielleuten  eingeführt  und
blasen  lassen,  wenn  die  Regimentsmusik  nicht  zur  Hand  war.

*

Ein  Besuch  des  herrlichen,  landschaftlich  schönen  Kriegshafens  Toulon
  vermittelte  uns  auch  einen  lehrreichen  Einblick  in  die  französische
Marine.  Unter  Führung  des  trefflichen  deutschen  Konsuls  Schencking,
eines  Westfalen  und  Landsmannes  von  Hinzpeter,  besichtigten  wir
die  Werftanlagen  und  die  auf  Reede  liegenden  Schiffe.  Ein  liebenswürdiger
  Offizier  begleitete  die  Besucher  auf  Befehl  des  die  Station

befehligenden  Admtrals.  So  sahen  wir  die  kaiserliche  Bacht  „Aigle",
50
        <pb n="69" />
        die  gerade  von  der  Eröffnung  des  Suezkanals  zurückgekehrt  war  und
durch  ihre  reiche  und  luxuriöse  Einrichtung  auffiel.  Nachher  be—
suchten  wir  auch  das  Panzerschiff  „Provence“,  welches  damals  das
neueste  im  Geschwader  war  und  einen  gewaltigen  Eindruck  machte.
Im  Kriege  1870/71  hat  dieses  Schiff  bei  Helgoland  die  deutsche
Küste  mit  blockieren  helfen.

Zum  Schluß  der  Besichtigung  empfing  ich  noch  einen  unendlich
düsteren  und  niederdrückenden  Eindruck.  Es  wurden  uns  nämlich  die
der  Werft  angegliederten  „Bagnes“  gezeigt,  die  Gefängnisse  der  Galeerensträflinge.
  Entsetzlich  abstoßende  Verbrechergesichter  waren  dort
zu  sehen,  so  daß  uns  ein  Grauen  überkam.  Eine  Anzahl  Gefangener
waren  mit  Ketten  zusammengefesselt,  andere  mit  Kugeln  an  den  Füßen
oder  Fesseln  an  den  Händen  versehen,  alle  aber  trugen  Kappen,  die
entweder  rot  oder  grün  waren.  Die  Leute  hatten  einen  Basar,  in
welchem  Kokosnüsse,  Früchte  und  von  ihnen  verfertigte  kleine  Schnitzereken
  verkauft  werden  durften.  Als  Hinzpeter  einen  der  Verkäufer
fragte:  „A  duel  terme  étes-vous  condamné!“  7)  erhielt  er  die  erschütternde
  Antwort:  „A  perpétuité,  Monsieur!“)  Die  auf  eine
gewisse  Anzahl  Jahre  Verurteilten  trugen  rote  Kappen,  die  auf
Lebenszeit  grüne  —  und  dieser  trug  eine  grünel

Der  Rückweg  aus  diesen  fürchterlichen  Sälen  führte  uns  an  den
Liegebassins  vorbek,  die  mit  abgetakelten  Holzlinienschiffen,  Zwei=  und
Dreideckern  angefüllt  waren.  Diese  Schiffe,  die  zum  Teil  den  Krimkrieg
  und  Sebastopol  mitgemacht  hatten,  sollten  zu  Truppentransportern
  umgebaut  werden.  Unter  ihnen  war  ein  herrlicher  Typ:  der
große,  mit  hundert  Geschützen  bestückte  Dreidecker  „Ville  de  Baris“.
Als  ich  voller  Bewunderung  auf  dem  Deck  des  Schiffes  stand  und
die  lange  Reihe  Geschütze  betrachtete,  sagte  mir  der  alte  Konsul
Schencking:  „Ja,  ja,  sehr  schön,  aber  das  war  einmal!  Zetzt  taugen

*)  „Auf  wie  lange  sind  Sie  verurtellt?!“"
zu)  „Lebenslänglich,  Herr!“

4  1  *
        <pb n="70" />
        diese  Dinger  da  nur  noch  zum  Fliegentöten.  Die  „Brovence“  schießt

allein  die  ganze  Holzflotte  in  kurzer  Zeit  zusammen!“  Vergänglichkeit

alles  Irdsschen!  "„

Im  Frühfahr  endete  die  Zeit  im  Paradiese.  Wir  traten  die  Rückreise
  über  Marseille,  Lyon,  Arles,  Nimes,  Orange  und  Avignon  nach
der  Schweiz  an.  Die  herrlichen  römischen  Bauwerke  in  den  genannten
  Städten  wirkten  tief  auf  des  Knaben  Gemüt.  In  Avignon
standen  wir  auf  der  herrlichen  Brücke  und  besuchten  das  Schloß  des
Papstes,  und  da  dieses  Kaserne  war,  konnte  ich  mich  mit  den  französischen
  Soldaten  in  harmloser  und  ungezwungener  Weise  unterhalten.
  Wir  ahnten  nicht,  daß  noch  in  dem  gleichen  Jahre  der  große
Kampf  zwischen  den  beiden  Nationen  ausgefochten  würde,  der  Deutschland

  wieder  einen  und  das  deutsche  Kaisertum  neu  erstehen  lassen
sollte.

7

Dies  waren  des  Knaben  erste  Eindrücke  von  dem  schönen  Lande,
dessen  Volk  in  ewiger  Feindschaft  dem  seinen  gegenüberstand,  ihn
selbst  gar  in  späteren  Jahren  mit  den  Giftpfeilen  seiner  haßerfüllten
Presse  verfolgt  hat.  Da  aber  bekanntlich  die  Kindheitserinnerungen
dlefenigen  sind,  die  am  festesten  sich  einprägen  und  am  lebendigsten
wirken,  steht  trotz  allem,  was  geschehen  ist,  vor  meinem  getstigen  Auge

heute  noch  die  Erinnerung  an  das  Paradies  von  Cannes  im  hellsten
Sonnenschein  eines  schönen  Märchens.

WV.

Mehrere  Monate  nach  unserer  Rückkehr  aus  Cannes  brach  der
Deutsch-Granzösische  Krieg  aus.  Ich  entsinne  mich  noch  deutlich,  wie
mein  Vater  eines  Morgens  auf  unser  Zimmer  kam  und,  zu  Fräulein
  Darcourt  gewandt,  die  uns  gerade  französischen  Unterricht  gab,

mit  allen  Zeichen  der  Erregung  sagte:  „Kh,  Mademoisellel  Vos
52
        <pb n="71" />
        compatriotes  ont  perdu  la  tetel  Ils  veulent  nous  faire  la  guerre!““)
Ich  sehe  noch  heute  das  konsternierte  Gesicht  der  armen  Französin
vor  mir.

Einige  Tage  später  wurden  wir  Kinder  frühmorgens  in  das  Arbeitszimmer
  meines  Baters  gerufen,  um  von  ihm,  der  zum  Oberbefehlshaber
  einer  Armee  ernannt  war  und  nun  ins  Feld  zog,  Abschied
  zu  nehmen.  Der  Augenblick  der  Trennung  war  herzzerreißend,
wußte  doch  keiner,  was  uns  und  dem  lieben  Bater  insbesondere  bevorstand.
  Nur  eins  war  meinem  Bater  gewiß:  blieben  die  deutschen
Heere  siegreich,  so  wurde  Deutschland  geeint  und  Breußens  König
Katser.  Das  hat  er  mir  in  jenen  schicksalsschweren  Tagen  oft  gesagt.

Nun  brach  eine  Zeit  an,  wie  sie  das  deutsche  Volk  nur  noch  einmal
  erlebt  hat:  als  zu  Beginn  des  Weltkrieges  1914  ganz  Deutschland
  wie  ein  Mann  sich  erhob  und  allen  alten  Hader  für  immer  zu
begraben  schien.  Da  ich  bei  Ausbruch  des  Deutsch-Granzösischen  Krieges
bereits  elf  Jahre  alt  war,  so  hatte  ich  auch  schon  ein  verhältnismäßig
gutes  Verständnis  für  die  Ereignisse,  die  sich  abspielten.  Mit  brennendem
  Interesse  verfolgte  ich  den  ehernen  Gang  der  Weltgeschichte,  von
dem  ich  Zeuge  sein  durfte.  Und  in  die  Begeisterung  für  die  Größe
meines  Baterlandes  mischten  sich  —  konnte  es  anders  sein?  —  bewundernde
  Liebe  zum  Bater  und  Großvater,  die  in  dem  großen  Geschehen
  so  bedeutsame  Rollen  spielten,  und  der  Stolz  auf  den  Ruhm
meiner  Familie.  Wie  habe  ich  über  die  ersten  Siege  gejubelt,  besonders
  über  den  meines  Vaters  bei  Wörthl!  Wie  habe  ich  mich
über  die  ersten  ins  Neue  Palais  gebrachten  Kriegstrophäen,  einen
Reiterhelm,  die  Fahne  von  Lützelstein,  die  Stadtschlüssel  der  Städte
Nancy  und  Bar-le-Duc,  sowie  über  die  erbeuteten  französischen  Adler
gefreut,  die  zum  Balkon  des  Arbeitszimmers  meines  Baters  hinaus-*)

  „Tch,  Mademotsselle,  Ihre  Landsleute  haben  den  Kopf  verloren!  Sie  wollen
Krleg  mit  uns!“

53
        <pb n="72" />
        gehängt  wurden!  Was  habe  ich  nicht  damals  mit  den  anderen  Jungen
Hurra  und  immer  wieder  Hurra  geschrien!  Die  Operationen  der
Armeen  wurden  auf  einer  großen  Wandkarte,  die  Hinzpeter  in  unserem
Arbeitszimmer  hatte  aufhängen  lassen,  genau  verfolgt,  jeden  Morgen
mußten  wir  ihm  die  deutschen  und  die  französischen  Stellungen  angeben.

Aber  die  großen  Siege  feierte  ich  mit  meinem  Bruder  Heinrich
doch  auf  unsere  Weise.  Als  z.  B.  Hinzpeter  uns  die  Nachricht  von
Wörth  brachte,  lagen  wir  schon  im  Bett,  blieben  auch  wohlweislich
ganz  ruhig  bei  der  Siegeskunde,;  kaum  aber  war  unser  Magister
wieder  fort,  als  wir  zu  Ehren  des  großen  Tages  eine  wilde  Kissenschlacht
  veranstalteten.  Und  diese  etwas  eigentümliche  Art  der  Siegesfeier
  wiederholte  sich  oft.  Dann  machten  wir  uns  auch  den  Spaß,
Unter  den  Linden  die  bunten  Extrablätter,  die  es  damals  gab,  zu
erstehen  und  zu  sammeln.  Die  einzelnen  Blätter  wurden  geölt  und
zu  Bapierlaternen  verarbeitet,  diese  dann  mit  einem  Licht  versehen
und  zur  Illumination  im  Schulzimmer  aufgestellt.  Mit  solchen  und
ähnlichen  Taten  versuchten  wir,  unserer  kindlichen  Begeisterung  Ausdruck
  zu  geben.

r*m

Ende  August  begab  sich  meine  Mutter  mit  uns  nach  Homburg
v.  d.  Oöhe,  wo  sie  unter  anderem  eine  Musterbaracke  für  die  Verwundeten
  einrichtete,  wobek  sie  von  Baurat  Jacobpy  sachkundig  beraten
wurde.  Die  Baracke  war  so  konstruiert,  daß  sie  durch  Hochziehen
der  Sestenwände  in  einen  Pavillon  verwandelt  werden  konnte.  Wir
haben  die  Verwundeten  in  dieser  Baracke  wie  auch  in  den  anderen
Homburger  Lazaretten  regelmäßig  besucht,  meine  Mutter  ging  ganz  auf
in  diesem  segensreichen  Wirken.  Auch  für  die  hogienischen  Verhältnisse
in  den  dortigen  Lazarekten  und  Kasernen,  die  noch  sehr  im  argen
lagen,  hat  meine  Mutter  viel  getan.  Man  kann  es  heute  kaum  glauben,
wie  wenig  Verständnis  man  damals  in  Deutschland  für  die  öffentliche
  Hygiene  hatte.

54
        <pb n="73" />
        In  Homburg  war  es  auch,  wo  wir  die  Nachricht  von  dem  großen
Siege  bei  Sedan  erfuhren.  Heinrich  und  ich  waren  schon  zu  Bett  gegangen,
  als  Jubel  und  Singen  unzähliger  Menschen,  vermischt  mit  den
Klängen  einer  Musikkapelle  zu  uns  in  das  Zimmer  drang,  gleichzeitig
flackerte  Lichterschein  von  unten  herauf.  Nun  war  kein  Halten  mehr,
wir  aus  den  Betten  heraus  und  im  Nachthemd,  wie  wir  waren,  an
das  Fenster!  Da  sahen  wir  denn  zu  unserer  freudigen  Uberraschung,
wie  die  Homburger  Greiwillige  Feuerwehr,  deren  Chef  Jacoby  war,
der  Kronprinzessin  einen  Fackelzug  brachte.  Die  Siegesnachricht,  der
Feuerschein  der  Fackeln,  der  Jubel  und  das  Singen  der  Menschen
—  damals  hörten  wir  zum  ersten  Male  die  „Wacht  am  Rhein“  —,
das  alles  versetzte  uns  in  einen  Taumel  der  Begeisterung.  Wir
dachten  an  nichts  als  an  den  großen  Augenblick  —  und  am  wenigsten
daran,  daß  wir  in  unseren  weißen  Nachthemden  von  draußen  gut
zu  sehen  waren.  So  konnten  wir  nicht  darauf  gefaßt  sein,  daß

Hinzpeter  uns  am  nächsten  Morgen  ob  unserer  „Eigenmächtigbekt"
gehörig  abkanzeln  würdel
*

Und  dann  kam  der  stolze  Tag,  da  im  Spiegelsaal  zu  Versailles
das  neue  Deutsche  Reich  erstand  und  mein  Großvater  zum  Deutschen
Kaiser  proklamiert  wurde.  Dieses  Ereignis  war  vorher  in  der  Hei—
mat  nicht  oder  nur  wenig  bekannt,  und  ich  gehörte  zu  den  wenigen,
die  um  die  Bedeutung  des  18.  Januar  1871  wußten.  Mit  welchem

Stolz  und  welcher  Herzensfreude  ich  diesen  großen  Tag  erlebte,  läßt
sich  schwer  beschreiben!*)

*

Zwei  Monate  später,  am  17.  März,  kehrten  mein  Großvater  und
mein  Vater  aus  dem  ruhmreichen  Feldzuge  heim.  Mit  meiner
Mutter,  meiner  Großmutter  Kaiserin  Augusta  und  meiner  Tante

*)  Meinen  Gratulatlonsbrief  an  den  neuen  Katser  vgl.  Anhang  Nr.  1.

55
        <pb n="74" />
        Luise  fuhr  ich  den  Siegern  bis  zur  Station  Wildpark  bei  Potsdam
entgegen.  Welch  eine  Freude,  welch  ein  Glück,  als  mich  der  geliebte
Vater  umarmte,  ich  den  hochverehrten  Großvater  nun  als  Deutschen
Kaiser  wiedersah!  Wahrlich,  es  war  ein  bedeutungsvoller  Augenblick,
  und  „welch  eine  Wendung  durch  Gottes  Führung“  konnte  man
wohl  aus  tiefstem  Herzen  sagen.

Unendlicher  Jubel  begrüßte  Kaiser  und  Kronprinz,  als  wir  durch
Berlin  fuhren,  brauste  nachher  noch  lange  zum  Kronprinzenpalais
empor  und  legte  sich  nicht  eher,  bis  sich  mein  Vater,  die  Seinen  um
sich,  den  begeisterten  Berlinern  auf  dem  Balkon  gezeigt  hatte.

k

Vier  Tage  später,  am  21.  März,  wurde  der  erste  deutsche  Reichstag
  im  Weißen  Saale  des  Berliner  Schlosses  eröffnet.  Wenn  ich
auch  noch  wenig  von  der  Bedeutung  dieses  Aktes  verstand,  war  ich
doch  glücklich,  ihm  beiwohnen  zu  dürfen.  Zu  dieser  Feierlichkeit  hatte
mein  Vater,  der  ja  gern  das  Kaisertum  des  neuen  Deutschland  an
das  mittelalterliche  angeknüpft  hätte,  heimlich  den  Thron  aus  Goslar
kommen  lassen,  was  zu  unangenehmen  Auseinandersetzungen  Anlaß
gab.  Meine  Mutter  hat  diese  Schwäche  des  Kronprinzen  für  das

alte  Kaisertum  immer  bekämpft  und  damit  ihren  klaren  und  ruhigen
politischen  Blick  gezeigt.

S

Am  13.  Juni  zogen  die  aus  Frankreich  heimkehrenden  Potsdamer
Truppen  in  ihre  Garnison  ein.  Mein  Bater  ritt  mit  meiner  Mutter,
die  die  Uniform  ihres  Husarenregiments  angelegt  hatte,  und  mit  mir
ich  war  natürlich  in  der  Uniform  des  Ersten  Garderegiments  zu
Fuß  —  den  heimkehrenden  Truppen  bis  Wildpark  entgegen.  Ich
trat  nicht  mit  ein,  erlebte  aber  den  Jubel  in  der  schön  geschmückten
Residenzstadt  mit,  der  keine  Grenze  kannte.  Die  Soldaten  waren
schließlich  über  und  über  mit  Kränzen  bedeckt,  auch  mein  Bater  hatte
eine  ganze  Anzahl  über  seinen  Degenknauf  gehängt.
50
        <pb n="75" />
        Drei  Tage  später,  am  16.  Juni,  erfolgte  bei  fürchterlicher  Hitze
der  Einzug  der  siegreichen  Truppen  in  Berlin  durch  das  Brandenburger
  Tor.  Niemals  werde  ich  diesen  Tag  vergessen!  Truppen,
mit  Ruhm  und  Siegeslorbeer  ohnegleichen  gekrönt,  an  ihrer  Spitze
der  greise,  große  Kaiser,  ihm  zur  Seite  seine  unsterblichen  Baladine,
und  um  uns  herum  ein  Bolk,  überströmend  vor  Dankbarkeit  gegen
diesenigen,  die  Deutschlands  Einigkeit  erdacht  und  erbämpft  hatten!
Ich  selbst  durfte  Zeuge  dieses  historischen  Ereignisses  sein,  auf  einem
kleinen  gefleckten  Tigerpferde  ritt  ich  dicht  hinter  meinem  Bater,  zur
Seite  meines  Oheims,  des  Großherzogs  von  Baden.  Da  es  vielleicht
  von  Interesse  ist,  die  Eindrücke,  die  mein  Kindesgemüt  an  jenem
Tage  empfing,  kennen  zu  lernen,  gebe  ich  im  folgenden  einen  kleinen
Aufsatz  wieder,  den  mich  Hinzpeter  einige  Tage  darauf  über  den
Einzug  und  die  daranschließende  Enthüllung  des  Denkmals  König
Griedrich  Wilhelms  III.  im  Lustgarten  schreiben  ließ.  Der  kindlich
unbeholfene  Ausdruck  ist  selbstverständlich  völlig  gelassen  worden:

Mama,  Bapa,  Onkel  Louis),  Tante  Alice,  meine  Geschwister
und  ich  fuhren  um  8⅛  Uhr  mit  der  Bahn  nach  Berlin.  Dort  stieg
Bapa  mit  den  anderen  Herren  zu  Pferde,  Mama  und  Tante  und
wir  übrigen  stiegen  in  den  Wagen  und  folgten  Bapa  nach  dem
Tempelhofer  Felde.  Wir  fuhren  in  der  Stadt  zwischen  zahllosen
Gewerken  und  Tribünen  hindurch  unter  Hurrageschrei  und  Musik.
Auf  dem  Tempelhofer  Felde  fuhren  wir  an  der  Front  der  Truppen
herunter,  und  nachdem  dies  geschehen  war,  ging  es  denselben  Weg
wieder  zurück.  Dann  fuhr  ich  mit  dem  Herrn  Doktor“)  nach  Onkel
Georgs  Garten,  dort  stieg  ich  zu  Pferde.  Um  aus  dem  Gartentor
herausschlüpfen  zu  können,  hatten  die  Leute  nur  eine  kleine  Gasse
gemacht,  und  zwei  Männer  von  einem  Gewerke  hielten  zu  beiden
Seiten  mit  ihren  Stangen  die  Leute  zurück,  damit  sie  nicht  herüber-*)

  Gemeint  ist  Großherzog  Ludwig  IV.  von  Hessen-Darmstadt.
*#E)  Hinzpeter.

57
        <pb n="76" />
        laufen  sollten.  Als  ich  nun  in  der  Gasse  hielt  mit  Masor  Mischke,
rief  einer:  „Kenikliche  Hoheit  sollen..“  —  Der  Herr  Masor  sagte:
„Seien  Sie  nur  still!“  Dann  liefen  zwei  unsaubere  halbbetrunkene
Männer  vor  unserer  Nase  vorbei;  da  wurde  der  eine  von  einem
anderen  Manne  gepackt  und  herumgeknufft  und  gepufft,  und  der
Gestoßene  machte  immer  wütende  Augen,  aber  es  half  nichts.  Dann
stand  ein  Junge  da  mit  einem  Glas  Wasser  in  der  Hand,  ein  kleines
Mädchen  wollte  trinken,  und  der  Zunge  gab  ihr  etwas  Wasser,  es
trank  ein  wenig  und  gab  ihm  das  Glas  zurück.  Als  des  Mädchens
Mutter  zu  trinken  verlangte,  sagte  er:  „Nee,“  sie  aber  sprach:  „Ach
gib  mir  ein  Bisken,  det  Wasser  kostet  ja  enen  halben  Dahler!“  Als
ihr  Mann  auch  zu  trinken  verlangte,  bekam  der  Junge  Angst  und
verschwand.

Jetzt  kam  der  Kaiser  vorbei,  gleich  darauf  kam  Papa  vorbei  und
winkte  mir  mit  dem  eben  erhaltenen  Feldmarschallstab;  ich  galoppierte
vor  und  ritt  hinter  ihm  her.  Nachdem  wir  durch  das  schön  geschmückte
  Brandenburger  Tor  geritten  waren,  wurde  der  Kaiser  von
einer  der  60  weißen  Jungfrauen  angeredet,  und  von  da  aus  ritten
wir  bis  an  den  Anfang  der  Linden,  wo  ein  sehr  großer  roter,  mit
Gold  geschmückter  Baldachin  ausgespannt  war.  Er  wurde  von  vier
vergoldeten  Säulen  getragen,  und  auf  seder  Säule  stand  eine  Biktorta.
Unter  diesem  Baldachin  stand  der  Bürgermeister  mit  den  Stadträten
  und  Ratsherren.  Der  ganze  Pariser  Platz  war  an  beiden
Seiten  mit  Tribünen  verbaut,  die  bis  auf  die  obersten  Sitze  mit
Menschen  angefüllt  waren.  Der  ganze  Platz  machte  einen  überaus
freundlichen  Eindruck  und  schönen  zugleich.  Nachdem  der  König  vom
Bürgermeister  angeredet  worden  war,  ging  es  weiter  im  Schritt,
rechts  und  links  stand  ein  französisches  Geschütz  und  eine  Mitraflleuse
  in  abwechselnder  Reihe,  und  bunte  Lampions  hingen  die  Linden
  herunter.  Uber  der  Wia  triumphalis  hingen  von  Zeit  zu  Zeit
sehr  große  schöne  Gemälde,  se  eines  zwischen  zwei  Säulen.

58
        <pb n="77" />
        Als  wir  so  weiter  ritten,  rief  plötzlich  ein  Mann  aus  dem  Gedränge,
welches  laut  brüllte  und  jubelte,  mir  zu:  „Wilhelmken,  Wilhelmken,
leben  Sie  man  hoch!“  Ich  lachte  in  mich  hinein  und  ritt  weiter.

So  gings  die  ganzen  Linden  herunter,  bis  der  Kaiser  sich  an
seinem  gewöhnlichen  Platze  aufstellte.  Dort  ließ  er  die  Truppen  an
sich  vorbeimarschieren.  Er  führte  selbst  einige  Regimenter  vor  der
Kaiserin  vorbei  und  verlieh  eigenhändig  dem  Fahnenträger  seines
Regiments  (Königs-Grenadierregiment),  zwei  anderen  und  einem
Offizier  das  Eiserne  Kreuz  I.  Klasse.  Die  Akademie  war  sehr  hübsch
ausgeschmückt,  denn  zwischen  jedem  Fenster  war  das  Gemälde  eines
Generals.  Während  der  Barade  wurde  Prinz  Albrecht  Bater  ohnmächtig
  und  mußte  fortgetragen  werden,  er  war  ein  wenig  vom
Schlag  gerührt  worden.

Nachdem  die  Parade  vorüber  war,  ritt  der  Kaiser  und  wir  alle
nach  dem  Schloßplatz,  wo  die  Truppen  aufgestellt  waren.  Vor  dem
verschleierten  Denkmal  war  ein  rotes,  mit  Gold  verziertes  Belarium
aufgespannt,  unter  dem  die  Kaiserin  und  all  die  Großherzoginnen,
Herzoginnen,  Fürstinnen  und  Prinzessinnen  standen.  Als  gebetet
wurde,  nahm  der  Kaiser  in  der  brennenden  Sonne  seinen  Helm  abl
Da  bekam  ich  große  Angst  für  ihn.  Nach  dem  Gebet  winkte  der
Kaiser  mit  dem  Degen,  und  unter  Kanonendonner,  Wusik  und  Hurrageschrei
  fiel  die  Hülle,  und  eine  große  NReiterstatue  von  Bronze  kam
zum  Vorschein.  Vor  ihr  auf  den  Stufen  lagen  die  erbeuteten  56
französischen  Adler.  Als  der  Kaiser  an  mir  vorbeiritt,  legte  er  seine
Hand  auf  meine  Schulter  und  sagte:  „Diesen  Tag  wird  Er  auch  nicht
vergessen!“  Ich  ritt  dann  nach  Hause.

Die  ganze  Einzugsfeier  machte  mir  einen  sehr  schönen  Eindruck.
Doch  gestehe  ich  offen,  daß  während  des  ganzen  Nitts  die  Linden
herunter  und  während  der  Parade  ich  keine  Zeit  zum  Denken  gehabt
habe)  ich  war  zu  sehr  mit  Staunen  und  Hören  beschäftigt,  und  leider
machte  die  Enthüllung  keinen  erhabenen  Eindruck.»

59
        <pb n="78" />
        Mit  dem  Einzug  des  3.  Hessischen  Infanterieregiments  Nr.  83
und  des  14.  Husarenreglments  in  Kassel,  den  ich  zu  Pferde  mitmachte,
  schlossen  für  mich  die  unvergeßlichen  Erlebnisse  des  großen
Jahres  1870//1  ab.

VI.

&amp;amp;Im  Spätsommer  desselben  Jahres  (1871)  kam  ich  mit  der
Gamilie  zusammen  nach  Wilhelmshöhe  und  somit  zum  ersten  Male
nach  Kassel).  Hier  begann  ich  meine  griechischen  Studien,  ich
machte  auch  hier  mit  meinem  Vater  den  Einzug  des  Hessischen  Korps
in  Kassel  mit,  bei  welchem  mich  der  Jubel  der  Bevölkerung  mit  besonderer
  Freude  erfüllte.  Von  Wilhelmshöhe  reisten  wir  nach  Wiesbaden,
  wo  wir  uns  noch  einen  Monat  aufhielten.  Hier  setzte  ich
mein  Studium  der  griechischen  Sprache  fort  und,  obwohl  es  damals
nur  griechische  Grammatik  (Franke)  war,  die  ich  trieb,  so  gefiel  mir
damals  schon  die  griechische  Sprache  viel  besser  als  die  lateinische.
Ich  kam  auch  so  weit,  daß  ich  schon  in  einem  Ubungsbuche  (Jacobs)
übersetzen  konnte.

Von  Wiesbaden  zurückgekehrt,  begann  ich  den  Ovid  zu  lesen  —
bis  dahin  hatte  ich  alle  sieben  Bücher  von  Cäsars  Bellum  Gallicum
gelesen  —,  allein  ich  fand  ihn  etwas  sehr  bindlich  und  naiv  in  seinen
Vorstellungen  und  Gleichnissen,  besonders  bei  Bhaethons  Luftfahrt.
Ich  hatte  den  Cäsar  viel  lieber,  well  seine  Beschreibungen  (Rheinbrücke,
  Waffen  der  Germanen,  Uberfahrt  nach  Britannien  und  Belagerung
  von  Alesta)  und  Schilderungen  von  Schlachten  und  Gefechten
  für  mich  viel  packender  und  interessanter  waren,  als  der  ganze
Ovid  zusammengenommen,  nur  eins  war  mir  unangenehm:  daß  die
Römer  fast  immer  den  Sieg  behielten,  die  Barbaren  in  die  Flucht
sagten,  ste  in  Massen  töteten,  selbst  aber  kaum  einige  Berwundete
hatten.  Deshalb  freute  ich  mich,  wenn  ich  las,  daß  irgendwo  die

*)  Dies  und  das  Folgende  nach  meinem  „Lebenslauf“.

60
        <pb n="79" />
        Römer  eine  Schlappe  erlitten  hatten,  besonders  befriedigte  mich  die
Vernichtung  der  Heeresabteilung  des  Cotta.  Zugleich  mit  Ovid  fing
ich  auch  meine  mathematischen  Studien  wieder  an.

Besonders  lieb  aber  war  mir  das  Studium  der  Geschichte,  und
zwar  der  deutschen  Geschichte  des  Mittelalters,  der  Geschichte  der
deutschen  Kaiser,  welche  ich  nach  Kohlrausch*)  lernte.  Es  ging  mir
nichts  über  Kohlrausch,  er  war  zuletzt  das  liebste  Buch,  welches  ich
hatte,  und  während  der  vier  Jahre,  während  welcher  ich  aus  dem
Buche  lernte,  freute  ich  mich  jeden  Tag  auf  die  Geschichtsstunde.
Die  Kaiser,  für  welche  ich  am  meisten  begeistert  war,  waren:  Otto  I.,
Heinrich  III.  und  Friedrich  I.  Barbarossa,  es  waren  sozusagen  meine
Lieblinge.  Vor  allem  Barbarossa  war  für  mich  das  Ideal  eines
deutschen  Ritters,  und  sch  bonnte  nicht  aufhören  zu  bewundern  seine
Tapferkeit,  Ausdauer  und  Beharrlichkeit  im  Kampf  mit  dem  Papst
und  den  italienischen  Städten.

Neben  diesen  lateinischen,  griechischen  und  deutschen  Studien  betrieb
  ich  auch  das  Französische  sehr  viel.  Ich  habe  sehr  lange  die
französische  Grammatik  lernen  müssen  von  Anfang  bis  zu  Ende,  sehr
schwer  fand  ich  die  Lehre  vom  Partizipium,  aber  merkwürdigerweise
waren  es  gerade  die  Partizipialendungen  und  -konstruktionen,  welche
ich  am  besten  auswendig  wußte,  und  wo  ich  am  wenigsten  Fehler
machte.  Ich  las  dann  ein  sehr  interessantes  und  mit  vielen  Illustrationen
  ausgestattetes  Buch  teils  zum  Vergnügen,  teils  um  geläufig
lesen  zu  lernen,  betitelt:  „Le  fond  de  la  mer“.  Da  sch  von  jeher
eine  Leidenschaft  hatte  für  das  große  wunderbare  Meer  und  für
alles,  was  darauf  und  darinnen  war,  so  liebte  ich  dieses  Buch  sehr,
welches  mich  bekannt  machte  mit  dem,  was  auf  dem  Meeresgrunde
lebte  oder  im  Meere  sich  herumtrieb.  Dann  erzählte  es  auch  von
den  Tauchern  und  den  verschiedenen  Apparaten,  vermittels  deren  sie
auf  dem  Grunde  des  Meeres  sich  einige  Zeit  lang  aufhalten  und

*)  „Deutsche  Geschschte“.  1.  Aufl.  Elberfeld  1816.

61
        <pb n="80" />
        bewegen  können.  Speziell  diesem  Buche  danke  ich  den  Entschluß,
mich,  als  wir  1871  in  England  waren,  mit  in  eine  Taucherglocke
zu  setzen  und  mit  hinunter  zu  fahren.  Kein  Reiseziel  erfreute  mich
mehr,  als  wenn  es  an  das  Meer  ging.»

Soweit  mein  „Lebenslauf“.

t

Wie  aus  dem  Gesagten  hervorgeht,  trat  im  Jahre  1870  neben
den  mathematischen  auch  griechischer  Unterricht.  Diese  Neuerung  hing
damit  zusammen,  daß  Hinzpeter  in  jener  Zeit  den  Plan  gefaßt  hatte,
mich  für  das  Gymnasium  und  damit  später  für  das  Abiturienten—
examen  vorzubereiten.  Aus  meinem  Curriculum  vitae  wird  auch
ersichtlich,  mit  welcher  Begelsterung  ich  diese  Sprache  trieb;  in  einem
weiteren  Kapitel  wird  man  die  ebenfalls  dem  „Lebenslauf“  entnommenen
  Worte  lesen:  -Ich  finde  und  bleibe  dabek,  daß  nichts  über
die  griechische  Sprache  geht  und  in  der  griechischen  Sprache  nichts
über  den  Homere.

Daneben  erlahmte  mein  Interesse  an  der  lateinischen  Sprache  in
keiner  Weise.  Nach  Uberwindung  der  Formenlehre  wurde  mir  die
Lektüre  des  Cornelfus  Nepos  und  des  Cäsar  auch  in  ihrem  Inhalt
geradezu  eine  Quelle  des  Genusses.  Wie  sehr  freilich  mein  deutsches
Gefühl  durch  die  vielen  römischen  Siege  verletzt  wurde,  wird  man
oben  nicht  ohne  Vergnügen  gelesen  haben.

Daß  Geschichte  mein  Lieblingsfach  blieb,  geht  so  deutlich  aus
dem  „Lebenslauf"“  hervor,  daß  ich  darüber  kein  Wort  mehr  zu
sagen  brauche.  Daneben  begann  nun  ein  intenstver  Unterricht  in  der
Geographie.  Auch  hier  fand  ich  wetitgehende  Unterstützung  durch
mein  gutes  Gedächtnis.

Uber  die  Mathematik,  die  im  Frühfahre  1870  nach  der  Rückkehr
aus  Cannes  das  Rechnen  ablöste,  habe  ich  schon  gesprochen)  sch  habe
nichts  davon  behalten.  Ich  erhielt  in  diesem  Fach  1873  besonderen
Unterricht  durch  Brofessor  Rühle  vom  Joachimsthalschen  Gymnaslum.

62
        <pb n="81" />
        Er  war  ein  pädagogisch  sehr  begabter  Mann,  dem  ich  viel  Sym—
pathie  entgegengebracht  habe  —  Liebe  zum  mathematischen  Studium
konnte  er  mir  freilich  auch  nicht  beibringen.

In  Chemie  lehrte  uns  die  Grundbegriffe  unsere  Mutter.  Dann
gab  uns  hin  und  wieder  James  Hofmann,  der  Sohn  des  bekannten
Chemikers  A.  W.  v.  Hofmann  einige  Unterrichtsstunden,  später  kam
letzterer  selbst  auch  mehrere  Male.  Aber  ein  eigentlicher  Unterricht
war  das  alles  nicht  zu  nennen.

Mademoiselle  Darcourt  gab  nach  wie  vor  Französisch,  daneben
unterrichtete  in  französischer  Literaturgeschichte  Monsieur  Fievek-  ein
kleines  vertrocknetes  Männchen.  Ein  Mister  Fox,  der  Sohn  eines
Gesstlichen  aus  New  Forest  gegenüber  der  Insel  Wight,  ein  stiller,  feiner
und  feierlich  auftretender  Mann,  den  ich  sehr  gern  gehabt  habe,  gab
damals  englischen  Unterricht.  Er  hat  mich  später  oft  besucht,  wenn
ich  nach  England  kam.

Jeichnen  hatten  wir  zuerst  bei  Professor  Eichen,  an  den  ich  sonst
weiter  keine  Erinnerung  habe.  Dagegen  entsinne  ich  mich  deutlich
eines  Malers  Schlegel,  eines  verwachsenen  Mannes,  der  viel  in
Italien  geweilt  hatte  und  in  deutscher  Schwärmerei  nicht  genug  vom
Lande  seiner  Sehnsucht  erzählen  konnte.  Diese  Begeisterung  trug
ihm  bei  uns  losen  Knaben  den  Spitznamen  „Signor  Schlegeliano“
ein.  Wir  mußten  bei  ihm  nach  der  Natur  besonders  Bäume  zeichnen,
zum  Wischen  wurde  Schwarzbrot  genommen.  Das  gefiel  uns  ausnehmend,
  Schwarzbrot  kannten  wir  kaum  —  und  so  zogen  wir  es
vor,  das  Brot  seiner  ursprünglichen  Bestimmung  zuzuführen  und  es
aufzuessen!  Signor  Schlegeliano  war  dann  immer  sehr  entsetzt  über
unsere  materkalistische  Gesinnung.  Im  Winter  1873/74  nahmen
wir  mit  unserer  Mutter  im  Kunstgewerbemuseum  an  den  Unterrichtskursen
  im  Elementar=  und  Ornamentzeichnen  teil,  die  unter
Professor  Kachels  Leitung  standen.  Diueser  Unterricht  sagte  uns
aber  in  keiner  Weise  zu,  wir  fanden  die  Noachzeichnung  griechischer

63
        <pb n="82" />
        Muster,  die  Schattierung  von  Karos  und  derartige  Arbeiten  unsäglich
  langweilig.

Uber  Hinzpeters  Religionsunterricht  habe  ich  bereits  gesprochen.
Es  erscheint  mir  darüber  hinaus  angebracht,  an  dieser  Stelle  einige
Aufzeichnungen  wiederzugeben,  die  er  sich  über  dieses  Thema  gemacht
hat:  Deshalb  wurde  zunächst  schon  der  dußere  Respekt  vor  Bibel
und  Gesangbuch  mit  ihrem  Inhalt  sorgfältigst  gepflegt,  die  heilige
Geschichte  nie  mehr  zur  Disziplin  oder  Memotrübung  benußt,  nie
mehr  Psalmen  als  Strafarbeit  aufgegeben,  nie  mehr  das  laute  Beten
als  Gelegenheit  zum  Korrigieren  der  Aussprache  oder  zum  Erzwingen
des  Gehorsams  benutzt.  Der  Beschäftigung  mit  religiösen  Dingen
wurde  eine  solche  Weihe  zu  geben  versucht,  daß  jeder  Zwang  von
der  einen,  jedes  Widerstreben  von  der  anderen  Seite  dabei  von  selbst
verschwanden.  Auf  das  sorgfältigste  wurde  dabei  namentlich  in  den
ersten  Jahren  alles  vermieden,  was  an  konfessionelle  Differenzen
oder  gar  Streitigkeiten  erinnern  konnte.  Es  wurde  vielmehr  der
Bersuch  gemacht,  die  christlichen  Wahrheiten  in  ihrer  vollen  ursprünglichen
  Naivikät  dem  Zöglinge  zu  bieten,  und  zwar  durch  eifriges,
allmählich  begeistert  werdendes  Lesen  und  Genießen  der  Heiligen
Schrift  selbst.  An  dieses  hat  sich  auf  den  langen  Sonntagsspaziergängen
  in  der  wundervollen  Umgebung  von  Cannes,  Wilhelmshöhe
oder  Potsdam  manche  weihevolle  Stunde  gemeinschaftlicher  Meditation
  und  Erbauung  geschlossen,  ausdrücklich  bestimmt  zur  Ergänzung
oder  zum  Ersatz  des  öffentlichen  Gottesdienstes.  Das  Resultat  ist
sedenfalls  dies  gewesen,  daß  religiöses  Fühlen  und  Denken  eine
Gewohnheit,  ja  ein  Bedürfnis  geworden  ist,  daß  der  christliche  Glaube
in  dem  Herzen  des  Brinzen  Wurzel  geschlagen  und  daß  damit  die
christliche  Weltanschauung  einen  maßgebenden  Einfluß  auf  sein  Denken
und  Wollen  erlangt  hat.  Unvermeidlich,  aber  auch  unverfänglich  war
es  dabek,  daß  das  erwachte,  durch  die  christlichen  Vorstellungen  belebte
  Gewissen  zuerst  mitunter  wunderliche  Formen  annahm,  wie  der

64
        <pb n="83" />
        Prinz  in  Cannes  von  aufregender  Furcht  vor  der  Hölle  geplagt
wurde  oder  noch  später  mit  selbsterdachtem  Gebet  um  die  göttliche
Unterstützung  bei  seinen  Unterrichtsstunden  bat.?  Es  widerstrebt  mir,
zu  diesem  Thema  noch  aus  Eigenem  etwas  hinzuzufügen.

3e

Sehr  viel  habe  ich  in  meiner  Jugend  gelesen,  ich  habe  manche
Bücher  geradezu  verschlungen.  Ich  fing  an  mit  Bechsteins  Märchen
und  ging  dann  allmählich  über  zu  Beckers  „Alte  Welt“,  Robinson
Crusoe,  Kapitän  Marrpat,  Coopers  Lederstrumpf,  Jules  Verne,
Walter  Scott  —  besonders  dessen  „Ivanhoe"“  ist  lange  Zeit  meine
Lfeblingslektüre  gewesen  —,  und  nicht  zum  letzten  Ebers-  auch  Freptags
  „Ahnen"  habe  ich  mit  großer  Freude  gelesen.  Fontane  und
Willibald  Alexis  pflegte  Hinzpeter  vorzulesen.  Unter  den  griechischer-Helden
  war  Achilles,  unter  den  Deutschen  Dietrich  von  Bern  mein
Liebling.  Bei  letzterem  interessierte  mich  vornehmlich  dessen  persönliches
  Berhältnis  zu  seinen  Waffen;  spricht  er  doch  sogar  mit  seinem
Helm  Hildegrimm!  Der  Begeisterung  für  die  griechischen  Epen
Homers  entsprach  die  für  die  deutschen  Nibelungen,  die  ich  nicht  satt
wurde,  immer  und  immer  wieder  zu  lesen.  Was  Dramen  betrifft,
so  schwärmte  ich  vor  allem  für  Shakespeares  Königsdramen,  Schillers
  Dramen,  besonders  seinen  „Wallenstein“,  dann  Kleists  „Brinz
von  Homburg“  und  „Benthesilea“,  ferner  Calderons  „Leben  ein
Traum“  und  Grillparzers  „König  Ottokar“.

Auf  den  langen  Bromenaden,  die  Hinzpeter  zu  Pferde  oder  zu
Fuß  mit  uns  machte,  mußte  ich  die  getriebene  Lektüre  vortragen,
um  so  einerseits  richtig  lesen  zu  lernen,  andererseits  mich  in  freier
Rede  zu  üben.  Ich  halte  diese  Methode  für  außerordenklich  nutzbringend.



—

In  der  letzten  Zeit  meines  Berliner  Aufenthalts  traten  dem  sostematischen
  Schulunterricht  unter  anderm  Vorträge  naturwisssenschaft-5

  Aus  meinem  Leben  65
        <pb n="84" />
        lichen,  belletristischen  und  kunsthistorischen  Charakters  zur  Seite.  Von
den  archäologischen  Vorträgen,  die  mir  Professor  Bötticher  vom
Alten  Museum  hielt,  habe  ich  sehr  viel  Nutzen  gehabt,  ich  werde
seinen  Namen  im  nächsten  Kapitel  noch  einmal  erwähnen.  Wie  stark
wirkte  aber  Geheimrat  Karl  Werder,  der  bekannte  Dichter,  Philosoph
  und  Isthet  auf  mich!  Der  kleine,  schmächtige  Mann  von  unendlicher
  Feinheit  und  Liebenswürdigkelt,  der  aller  Herzen  gewann
und  bellebt  war  bei  meinen  Elkern  und  Großeltern  (was  bemerkenswert
  ist),  war  noch  Borleser  bei  König  Friedrich  Wilhelm  IV.  gewesen,
  war  mit  Humboldt  bekannt,  sowie  mit  zahlreichen  Künstlern,
Gelehrten  und  Schauspielern.  Auch  dem  Herzog  von  Meiningen
stand  er  nahe  und  hat  diesem  manchen  Hinweis  für  die  Auffassung
von  Nollen  usw.  gegeben.  Er  konnte  ausgezeichnet  vortragen,  besonders
  die  klassischen  Dramen,  wie  er  mir  Schillers  „Wallenstein“
gestaltete,  wird  mir  unvergeßlich  bleiben.  Er  hat  ferner  zusammen
mit  uns  Dramen  mit  verteilten  Rollen  gelesen,  uns  auch  für  unsere
Theateraufführungen,  von  denen  ich  schon  sprach,  eingeübt.  Was
ich  an  Literaturverständnis  gewonnen  habe,  verdanke  ich  schlechthin
ihm.  Sein  Lieblingsheld  war  übrigens  merkwürdigerweise  Kolumbus,
den  er  auch  zum  Vorwurf  für  ein  Epos  gemacht  hat.  Ein  Bild
dieses  Seehelden  hing  in  seinem  Arbeitszimmer,  und  es  freute  ihn
ungemein,  daß  ich  die  dargestellte  Persönlichkeit  sofort  erkannte,  als
er  mich  danach  fragte,  er  hat  dieses  Bild  mir  später  zur  Erinnerung
vermacht.  Ich  habe  ihn  noch  oft  als  Heutnant  und  auch  später  in
dem  Hause  am  Gendarmenmarkt  besucht,  wo  unten  der  berühmte
Weinkeller  von  Lutter  VWegner  sich  befindet,  und  es  waren  immer
Stunden  ungetrübten  Genusses,  die  ich  bei  ihm  verlebte,  und  die  bei
mir  in  dankbarem  Gedenken  stehen.  Bon  meiner  Freundschaft  zu  ihm
legt  der  große  Findlingsblock  auf  seinem  Grabe  auf  dem  Berliner  Garnisonfriedhofe
  Zeugnis  ab,  den  die  Inschrift  ziert:  Amico  Imperator.
*

66
        <pb n="85" />
        Wir  gingen  sehr  häufig  in  die  Berliner  Museen,  fast  jeden  Sonntag
  wurde  eins  besucht,  wenn  wir  vormittags  nicht  dem  Gottesdienst
beiwohnten,  oft  geschah  es  auch  nachher.  In  dieser  Beziehung  wurde
ganz  planmäßig  vorgegangen:  einmal  wurden  die  Griechen,  ein  andermal
  die  Römer  aufgesucht.  Dann  wieder  kamen  Gemälde  an  die
Reihe,  und  hier  wurden  sypstematisch  die  einzelnen  Malerschulen  besichtigt.
  Ost  gingen  wir  mit  melnem  Bater,  oft  auch  mit  Hinzpeter
  oder  mit  beiden  zusammen.  Ich  muß  sagen,  daß  Hinzpeter
von  Kunst  wenig  verstand,  es  waren  eigentlich  nur  die  dußerlichen
Dinge,  auf  die  er  uns  aufmerksam  machte  und  die  auswendig  gelernt
  werden  mußten.  Ich  für  meine  Person  liebte  besonders  das
Alte  Museum  und  erfreute  mich  vornehmlich  an  der  Agoptischen
Abteilung.  Darüber  hinaus  begeisterte  mich  allgemein  alles,  was
schön  war.

76

Damals  waren  in  der  Kommandantenstraße  die  ersten  Bildnisausstellungen
  in  Berlin  zu  sehen.  Ich  bin  regelmäßig  dorthin  gegangen,
  sei  es  mit  den  Eltern,  sei  es  mit  Hinzpeter.  Manche  genußreiche
  Stunde  habe  ich  dort  verlebt  und  meinen  künstlerischen  Geschmack
  zu  bilden  gesucht.  In  besonderer  Erinnerung  ist  mir  noch,
daß  ich  bei  einer  solchen  Gelegenheit  zuerst  Bilder  von  Feuerbach
sah,  die  mir  einen  großen  Eindruck  machten,  ein  andermal  sah  ich
Seegemälde  des  Russen  Ajwasowskif.

In  diesen  Jahren  zu  Anfang  der  70  nahmen  mich  meine  Eltern
auch  zu  ihren  Besuchen  bei  Künstklern  mit,  deren  Schaffen  ich  in
thren  Atelfers  sehen  durfte.  So  waren  wir  oftmals  bei  Georg
Bleibtreu,  dem  berühmten  Maler  der  Schlachten  des  19.  Jahrhunderts.
  Er  war  ein  prächtiger  Mann,  von  kleiner  Statur,  in
dem  große  Begeisterungsfähigkekt  steckte.  Biele  Stunden  lang  mußte
er  uns  von  den  Taten  des  Krieges  1870/71  berichten,  den  er  im
Stabe  meines  Baters  mitgemacht  hatte.  Auch  Anton  v.  Werner,

5  67
        <pb n="86" />
        den  wir  ebenfalls  oft  besuchten,  wußte  viel  aus  der  großen  Zeit  zu
erzählen.  Sowohl  sein  berühmtes  Gemälde  von  der  Proklamation
in  Versailles  wie  die  meisten  anderen  Werke  von  ihm  habe  ich  entstehen
  sehen.  Meine  Eltern  waren  die  besonderen  Gönner  des
Künstlers  und  trugen  viel  dazu  bei,  seine  Anerkennung  durchzusetzen.
Meine  Mutter  war  Patin  zweier  seiner  Kinder  und  hat  sie  selbst
über  die  Taufe  gehalten.  In  meiner  Regierungszeit  hat  Werner  später
noch  die  schönen  Deckengemälde  der  Kuppel  des  Berliner  Doms  gemalt.
  Nicht  weniger  groß  war  meine  Freude,  wenn  es,  was  oft
geschah,  zu  Adolf  v.  Menzels  Atelfker  ging.  In  welchem  Maße  ich
den  großen  Künstler  geschätzt  und  verehrt  habe,  ist  wohl  noch  zu
allgemein  in  Erinnerung,  als  daß  ich  es  hier  besonders  zu  betonen
brauchte.  In  meiner  Jugendzeit  habe  ich  ihm  einmal  mit  meinem
Bruder  Heinrich  für  ein  Bild  der  Potsdamer  Parade  von  1873  anläßlich
  der  Anwesenheit  des  Königs  von  Italien  Modell  stehen
müssen.  Leider  ist  das  Bild  nicht  ausgeführt  worden,  obwohl  mein
Großvater  den  von  Menzel  eingereichten  Entwurf  ausdrücklich  genehmigt
  hat.

Von  Gustav  Richter,  der  viel  im  Hause  meiner  Eltern  verkehrte,
sah  ich,  wie  er  seinen  „Bpramidenbau“  malte.

Auch  den  hochbegabten  Maler  Knille,  bei  dem  meine  Mutter
zestwellig  Malunterricht  nahm,  haben  wir  bei  seinem  Schaffen  bewundert.
  Ich  fand  insbesondere  großes  Gefallen  an  seinem  Tannhäuserbilde
  und  den  aus  Scheffels  „Ekkehard“  entnommenen  Motiven,
auch  eine  Zeichnung  Papst  Gregors  VII.,  die  bei  meiner  Mutter  hing,
habe  ich  sehr  geschätzt.

Mit  besonderer  Vorliebe  ging  ich  stets  zu  August  v.  Heyden,  er
ließ  mich  einen  tiefen  Blick  in  die  deutsche  Sagen=  und  Märchenwelt
  tun,  die  er  in  seinen  Bildern  bevorzugte.  Mir  gefiel  nächst
seinen  Bildern  aus  der  Parzivalsage  vornehmlich  der  Walkürenritt,
den  ich  in  Ausführung  meines  alten  Planes  später  gekauft  habe.

68
        <pb n="87" />
        Heyden  war  ursprünglich  im  Bergbau  tätig  gewesen,  woher  wohl
auch  seine  vielfache  Beschäftigung  mit  den  Bergknappen  des  Mittelalters
  stammt.  Mir  vermochte  er  insofern  noch  viel  zu  geben,  als
er  als  guter  Kostümkenner  meinen  Neigungen  auf  diesem  Gebiet
entgegenkam,  er  wurde  später  auch  Brofessor  der  Kostümbunde  an
der  Berliner  Akademie.  Ich  ernannte  ihn  wegen  seiner  reichen  praktischen
  Erfahrungen  im  Bergbau  1800  für  die  Beratungen  in  der
Arbekterfrage  zum  MWitglied  des  Staatsrats.  Man  weiß,  wie  abfällig
  Bismarck  diese  Maßnahme  im  dritten  Bande  seiner  „Gedanken
und  Erinnerungen“  kritisiert  hat,  damals  spottete  er  laut:  ich  brächte
setzt  auch  noch  einen  Raffael  anl!

Auch  bei  Bildhauern  haben  wir  oft  vorgesprochen.  Begas  sah  ich  an
seinem  für  den  Berliner  Gendarmenmarkt  bestimmten  Schiller,  Sußmann
  an  einem  „Dornröschen  in  der  Nische“  arbesten.  Letzterer
zoigte  mir  einmal  die  Kunst  des  Modellierens,  indem  er  einen  Siegfried
  mit  erhobenem  Schwert  im  Modell  herstellte,  das  ich  lange
aufgehoben  habe.  Friedrich  Drake,  einen  Schüler  Rauchs,  sah  ich
bef  der  Arbeit  an  der  Biktoria  für  die  Siegessäule.  Bekanntlich
hat  für  den  Kopf  dieser  über  acht  Meter  hohen,  nicht  eben  sehr  geglückten
  Statue  meine  Mutter  Modell  gestanden,  und  so  durften  wir
immer  mitkommen,  wenn  sie  dem  Künstler  in  seinem  Atelier  an  der
Bellevuestraße  für  sein  Werk  saß.

Noch  eine  ganze  Anzahl  weiterer  Künstler  haben  wir  im  Laufe
meiner  Jugendjahre  aufgesucht.  Es  würde  aber  zu  weit  führen,
wenn  ich  ihrer  aller  hier  gedenken  wollte.

*  *  3

In  diesen  Jahren  nach  dem  Kriege  führte  uns  mein  Bater  auch
häufig  in  der  Mark  umher,  um  uns  deren  herbe  Naturschönheit  und
reiche  historische  Erinnerungen  zu  zelgen.  Die  kleinen  Ausflüge
pflegten  immer  Sonnabends  und  Sonntags  stattzufinden,  und  Mischke

69
        <pb n="88" />
        und  Hinzpeter  waren  meist  mit  von  der  Partie.  Auf  diesen  Wanderungen
  haben  wir  so  recht  Land  und  Leute  kennen  gelernt  —  anders
als  das  heutige  Reisepublikum,  das  mit  dem  Auto  in  70  Kkm-Geschwindigkeit
  durch  die  Landschaft  eilt.

So  entsinne  ich  mich  noch  einer  Fahrt  über  Brandenburg  nach
Magdeburg,  wo  wir  General  v.  Blumenthal  besuchten.  Wir  be—
sichtigten  in  Brandenburg  den  Dom,  dann  den  Marienberg,  auf  dem
in  fslawischer  Zeit  ein  Triglawtempel  gestanden  haben  soll.  Mein
Bater  hatte  es  nicht  gern,  wenn  ihm  allzu  viel  erklärt  wurde,  und
versuchte  in  solchen  Fällen,  durch  Scherze  den  Redefluß  lästiger
Führer  zu  unterbrechen.  Hier  aber  hatte  er  keinen  Erfolg,  denn  als
er  in  der  bewußten  Absicht  die  auswendig  gelernten  Erklärungen
unseres  Begleiters  mit  der  Frage  unterbrach,  ob  es  keine  Bhotographie
  des  Götzen  Triglaw  gäbe,  erhielt  er  zur  allgemeinen  Heiterkeit
  die  prompte  Antwort:  es  solle  sofort  eine  beschafft  werden  —
und  dann  ging  die  Belehrung  unaufhaltsam  weiter!  Im  Magdeburger
  Dom  bewunderten  wir  zunächst  den  schönen  Sarkophag  der
Gemahlin  Kaiser  Ottos  I.,  Editha,  einer  englischen  Brinzessin.  Dann
wurden  uns  zu  unserer  nicht  geringen  Freude  die  erstaunlichsten
Reliquten  gezeigt,  als  da  sind  eine  Sprosse  der  Jakobsleiter,  eine
Börse  des  Riesen  Goliath,  sowie  ein  Stück  der  ägyptischen  Finsternis.
Leider  konnten  wir  letztere  nicht  unmittelbar  sehen,  sondern  nur  den
Kasten,  in  dem  sie  verwahrt  wurde,  denn  wäre  er  geöffnet  worden,
hätte  ste  den  größten  Schaden  anrsichten  können.

Mehrmals  sind  wir  nach  Lehnin  gefahren,  wo  das  alte  Zisterzienserkloster
  damals  noch  in  Trümmern  lag.  Mein  Vater  hatte  für
diesen  Bau  lebhaftes  Interesse  und  sorgte  dafür,  daß  die  Ruine
stilgerecht  ausgebaut  wurde.  Die  Restaurierung  ist  dann  auch  gut
gelungen.

Ein  andermal  ging  die  Fahrt  nach  Rheinsberg.  VBon  Friesack
aus  besuchten  wir  das  Schlachtfeld  von  Fehrbellin,  wo  General

70
        <pb n="89" />
        v.  Gottberg  auf  dem  Kurfürstenhügel  den  Gang  der  berühmten
Schlacht  vortrug.  Am  Nachmittag  standen  wir  in  Wustrau  am
Grabe  des  großen  Reiterführers  Hans  Joachim  v.  Zieten  und  ge—
dachten  der  Siege,  die  er  seinem  großen  Könige  in  drei  Kriegen  gewonnen
  hatte.  Am  nächsten  Tage  weilten  wir  in  Rheinsberg,  wo
einst  der  junge  Fritz  die  schönsten  Jahre  seines  Lebens  zugebracht
und  sich  auf  sein  Königtum  vorbereitet  hatte.  Park  und  Schloß
machten  als  Zeugen  dieser  großen  geschichtlichen  Erinnerung  tiefen
Eindruck  auf  uns  Knaben.  Im  Arbektszimmer  des  Königs,  wo
unter  anderem  der  Antimachiavell  entstanden  ist,  fand  mein  Vater
unter  der  Tünche  die  alte  goldfarbige  Malerei  der  friderizianischen
Zeit,  und  sogleich  machte  er  sich  mit  unserer  eifrigen  Unterstützung
daran,  mit  der  Scheuerbürste  die  Leimfarbe  abzuwaschen.  Ich  habe
späkter  die  ursprüngliche  Malerei  vollkommen  freilegen  lassen.

Diese  Wanderfahrten  bedeuteten  in  unserem  Schulleben  immer
höchst  angenehme  Unterbrechungen,  die  uns  nicht  oft  genug  beschert
werden  konnten.  Ich  glaube  wohl,  daß  wir  auf  ihnen  mehr  an  geschichtlicher
  Erkenntnis  gelernt  haben  als  aus  tausend  Büchern.

36

«Im  Jahre  1871  machte  ich  wiederum  mit  meinen  Eltern  und
Geschwistern  eine  Reise  nach  England.  Die  erste  Zeit  brachten  wir
in  London  zu,  die  letzte  auf  der  Insel  Wight.  Da  ich  großes  Interesse
  für  Seeschiffe  und  Seewesen  überhaupt  hatte,  so  fuhr  ich  öfters
nach  dem  gegenüberliegenden  großen  Kriegshafen  Portsmouth  und
sah  dort  die  Schiffe  alter  und  neuerer  Konstruktion  nebst  den  Werften
und  Werkstätten.  Ich  war  auch  auf  dem  Linienschiff  „Victory“,
welches  der  große  Seeheld  Nelson  in  der  Schlacht  von  Trafalgar
kommandierte  und  auf  welchem  er  den  rühmlichen  Tod  fürs  Vaterland
  starb.  Uberhaupt  versuchte  ich,  sovkel  als  ich  nur  konnte,  meine
Kenntnisse  in  bezug  auf  Glottenwesen  zu  bereichern)  einmal  auch  war
ich  in  dem  noch  viel  größeren  und  berühmteren  Hafen  Plymouth.»

71
        <pb n="90" />
        Damals  hat  sich  auch  der  Vorgang  ereignet,  dessen  ich  bereits  Erwähnung
  tat,  nämlich  mein  Herablassen  in  einer  Taucherglocke  ins
Wasser.

Diese  Darstellung  aus  meinem  „Lebenslauf“  möchte  ich  ergänzen
durch  eine  Schilderung  der  englischen  Berhältnisse,  wie  sie  mir  aus
den  Zeiten  des  ersten  Zahrfünfts  der  7Oer  Jahre  von  verschiedenen
Aufenthalten  in  England  in  Erinnerung  geblieben  sind.

Wir  wohnten  mit  den  Eltern  zusammen  als  Gäste  meiner  Großmutker
  bald  im  Buckingham  Palace  in  London,  bald  in  dem  herrlichen
  Schloß  Windsor  oder  in  Osborne,  dem  einzigartigen  Sommersitz
auf  der  Insel  Wight.  Ungemein  ansprechend  fand  ich  die  englische
Landschaft  mit  den  sauberen  Landhäusern  und  Dörfern  und  ihren
gepflegten  Rasenplätzen.  Unsere  Kinderzimmer  waren  behaglich  und
wohnlich,  ich  fühlte  mich  dort  vollkommen  zu  Hause.  Der  Ausdruck
der  Engländer  für  Häuslichkeit  und  Gemütlichkeit  „homeliness“  und
„comfort“  konnte  mit  vollem  Recht  selbst  auf  das  gewaltige  Schloß
Windsor  mit  aller  seiner  Pracht  und  seinen  großen  Sälen  und  Räumen
  angewendet  werden.  Wir  wurden  wie  Kinder  des  Hauses  behandelt
  und  sahen  unserseits  in  liebevoller  Ehrfurcht  zu  unserer
Großmutter,  Britanniens  großer  Königin  Bictoria,  auf.

Die  Königin  ist  von  Anfang  an  voll  besonderer  Güte  für  mich
gewesen,  eine  rechte  Großmutter,  und  dieses  innige  Berhältnis  hat
bis  zu  khrem  Tode  keine  Trübung  erfahren.  Ich  habe  an  denselben
Plätzen  und  mit  demselben  Spielzeug  spielen  dürfen  wie  einsimals
  meine  englischen  Onkel  und  Tanten,  als  sie  im  selben  Alter
waren.  So  durften  wir  in  der  entzückenden  Miniatur-Milchwirtschaft
mit  voll  eingerichteter  Kinderküche,  die  sich  im  Bark  von  Windsor
bei  Frogmore  befand,  selbst  Butter  und  Rahmkäse  herstellen  und
Tee  trinken.  In  Osborne  durfte  ich  mit  alten  eisernen  Kanonen
auf  einer  Modellschanze  spielen,  die  früher  meinen  Onkeln,  als  sie
noch  Knaben  waren,  zum  Spielplatz  gedient  hatte.  Auch  entsinne

72
        <pb n="91" />
        ich  mich  noch  einer  Lotterie  im  Schloß  zu  Windsor  für  uns  Kinder,
zu  der  meine  Großmutter  als  Hauptgewinn  einen  großen  Tragantaufsatz
  eines  englischen  Kuchens  gestiftet  hatte,  auf  dessen  Spitze  die
aus  Elittergold  gebildete  englische  Königskrone  auf  rotbemaltem  Kissen
ruhte.  Beim  Gutenachtsagen  konnte  ich  stolz  meiner  Großmutter
berichten,  daß  ich  so  glücklich  gewesen  sei,  den  Breis  zu  gewinnen.
Da  legte  sie  mir  die  Hand  auf  den  Kopf,  bog  ihn  zurück,  sah  mir
in  die  Augen  und  sagte  dazu:  „That  is  a  good  omen,  my  boy,
try  always  to  be  good  and  obedient  to  your  parents,  then  vou
will  once  deserve  to  their  account.““)  Ein  andermal,  als  der  berühmte
  Zahnarzt  Dr.  Evans  mir  einen  Zahn  hatte  ziehen  müssen  —
eine  Operation,  bei  der  ich  „very  brave“  gewesen  sein  soll  —  schenkte
mir  meine  Großmutter  als  Belohnung  ein  nagelneues  goldenes  BPfundstück,
  das  ich  mein  Leben  lang  sorgsam  aufbewahrt  habe,  erst  in  den
Wirren  der  Revolution  ist  es  mir  abhanden  gekommen.

Auch  nachdem  ich  zur  Regierung  gekommen  war,  hat  sich  das
Berhältnis  zwischen  meiner  Großmutter  und  mir  nicht  geändert.
Sie  pflegte  mich  in  der  Unterhaltung  nach  wie  vor  „my  boy“  oder
„my  dear  boy“  anzureden,  was  mir  immer  eine  besondere  Freude
war.  Ihr  trefflicher  Leibarzt  Sir  James  Reid  hat  mir  späterhin
versichert,  daß  der  Besuch,  den  ich  meiner  Großmutter  nicht  lange
vor  khrem  Tode  hatte  machen  können,  ihre  letzte  große  Freude  gewesen
  sei.  ·

Die  Königin  hat  ihren  Gemahl,  den  Prince-Consort  Albert,
niemals  vergessen  und  nie  aufgehört,  ihn  zu  betrauern.  Ich  habe  es
daher  niemals  unterlassen,  im  Laufe  meiner  vielen  Besuche  in  England
das  schöne  Mausoleum  meines  Großvaters  bei  Frogmore  zu  besuchen,
sobald  ich  in  Windsor  Castle  war.  Als  ich  nach  der  Beisetzung

*)  „Das  ist  eine  gute  Vorbedeutung,  mein  Junge.  Bemühe  dich,  immer  gut
und  deinen  Eltern  gehorsam  zu  sein,  dann  wirst  du  dich  einst  um  sie  verdient
machen.“

73
        <pb n="92" />
        König  Eduards  das  Mausoleum  zum  letzten  Male  besuchte,  sah  ich
neben  dem  Sarkophag  meines  Großvaters  auch  den  meiner  Großmutter.
  Aber  wie  erstaunte  ich,  als  ich  die  Königin  in  voller  Jugendschönheit
  dargestellt  fand,  wie  sie  Winterhalter  in  seinen  Bildern  uns
als  Englands  sugendliche  Herrscherin  erhalten  hat!  Wie  mir  erzählt
wurde,  hatte  meine  Großmutter  beim  Tode  des  Prince--Consort  mit
seinem  Sarkophag  zugleich  den  ihrigen  bestellt,  da  sie  nicht  wünschte,
als  alte  Frau  neben  dem  in  voller  Mannesschönheit  aufgefaßten
Gatten  zu  liegen.  Der  Eindruck  dieser  beiden  schön  modellierten
Gestalten  ist  tief  ergreifend.

Königin  Victoria  hat  übrigens  niemals  ihre  deutsche  Abstammung
verleugnet.  Sie  war  siolz  auf  den  Titel  „Herzogin  zu  Sachsen“
und  führte  ihr  sächsisches  Wappen  als  Herzschild  in  der  englischen
Königsstandarte.  Mit  den  Herren  und  Damen  des  Gefolges  meiner
Eltern  und  späterhin  meines  Gefolges  sprach  sie  grundsätzlich  nur
deutsch,  das  sie  vollständig  und  ohne  Akzent  beherrschte.  Das  Gewinnende
  an  ihr  war  aber  wohl,  daß  sie  es  in  seltenem  Maße  verstand,
  die  beiden  Eigenschaften  zu  verbinden:  ganz  Königin  und
ganz  Frau,  Mutter  und  Großmutter  zu  sein.

Mit  nicht  geringerer  Liebe  als  die  Königin  sind  mir  meine  anderen
  englischen  Berwandten  entgegengekommen.  So  denke  ich  unter
anderen  meiner  füngsten  Tante  Beatrix,  die  stets  an  unseren  kindlichen
  Spielen,  selbst  mit  den  Kanonen,  kteilgenommen  hat.  Mein
Lieblingsonkel  war  von  Anfang  an  Prinz  Arthur,  Herzog  von
Connaught.  Der  Herzog,  übrigens  der  ausgesprochene  Kieblingssohn
  meiner  Großmutter,  nahm  sich  im  Laufe  der  Jahre,  zumal
als  ich  heranwuchs,  in  der  liebenswürdigsten  Weise  meiner  an
und  führte  mich  meist  bei  meinen  Besuchen  in  London  persönlich
umher.  Er  war  ein  ausgezeichneter  Soldat,  und  als  ihm  nach  seiner
Hekrat  mit  meiner  Kusine  Prinzessin  Lusse  Margarethe,  der  füngsten
Tochter  Prinz  Friedrich  Karls,  die  Uniform  des  Zieten-Husaren-74
        <pb n="93" />
        Regiments  verliehen  wurde,  war  er  stets  stolz,  bei  seinem  Aufenthalt
  in  Deutschland,  zumal  bei  den  Manövern,  die  er  häufig  besuchte,
diesen  schönen  Rock  tragen  zu  dürfen.  Unser  Freundschaftsverhältnis
hat  Jahrzehnte  überdauert,  da  es  auf  der  gleichen  Ansicht  über  die
Aufgabe  des  Soldaten  wie  auf  den  gleichen  allgemeinen  Lebensanschauungen
  beruhte.  Erst  der  Krieg  hat  dies  Band  zerrissen,  ein
schmerzlicher  Berlust  für  mich.

Meine  Lieblingstante  war  Prinzeß  Lusse,  damals  Marchioness  of
Lorne,  spdter  Herzogin  von  Argypll,  sie  hat  mich  von  klein  auf  gründlich
verzogen.  Ich  durfte  oft  in  ihrem  Zimmer  spielen  und  bekam  manchen
Bonbon  zugesteckt.  Sie  war  eine  frohe,  sonnige  Natur  und  besaß  wie
ihre  Mutter,  die  Königin,  einen  ausgeprägten  Sinn  für  Humor,  so
recht  geeignet,  um  liebevolle  Wärme  in  ein  Kinderherz  zu  strahlen.  Ich
habe  sie  außerordentlich  geliebt  und  verehrt  und  diese  Gefühle  mein
ganzes  Leben  hindurch  bewahrt,  sie  blieb  für  mich  immer  meine
„Berzugstante".  Auch  dieses  liebe  Band  ist  nun  zerrissen.

Die  Herren  und  Damen  des  Gefolges  meiner  Großmutter  haben
uns  gleichfalls  mit  viel  Freundlichkeit  behandelt.  Der  Hofmarschall,
Sir  John  Cowell,  pflegte  mich  in  späteren  Jahren  gern  daran  zu
erinnern,  daß  er  mich  als  Kind  auf  seinen  Armen  getragen  habe.
Auch  die  Kammerdiener  und  Lakaien  meiner  Großmutter  haben  mir
viel  Gutes  und  Liebes  erwiesen,  bei  meinen  späteren  Besuchen  habe
ich  immer  gern  alte  Kindheitserinnerungen  mit  ihnen  aufgefrischt.

Oftmals  wurden  auf  Anordnung  meiner  Großmutter  Landpartien
zu  Wagen  zur  Besichtigung  der  Schönheiten  der  Insel  Wight  gemacht.
  Meine  selige  Mukter  hatte  eine  unbegrenzte  Liebe  für  Osborne,
die  ich  wohl  von  ihr  geerbt  habe.  Aus  ihren  Erzählungen  bei  unseren
  Spaziergängen  in  den  schönen  Anlagen  erfuhr  ich,  daß  die  Gestaltung
  des  Barks,  in  dem  die  Nhododendren  geradezu  wucherten,
und  die  vielfach  jüngeren  Bflanzungen  ausnahmslos  das  Werk  meines
Großvaters,  des  Prince-Consort  Albert,  waren.  Seine  auf  vielen

75
        <pb n="94" />
        Gebieten  bewiesene  Genialität  feierte  hier  in  der  Kunst  der  „landscapegardening“
  (Landschaftsgärtnerei)  schöne  Triumphe.  Wohl  die  berühmteste
  Araukarien-Allee  in  Europa  hat  er  seinerzeit  eigenhändig
als  Zufahrt  zum  Schloß  angelegt.  Als  besondere  Merkwürdigkeit
sei  noch  erwähnt,  daß  sich  im  Park  eine  Baumanlage  befand,  wo
seder  Baum  von  einem  Souverän  gepflanzt  war.  Da  auf  diesen
Brauch  sehr  gehalten  wurde,  so  waren  schon  fast  alle  Herrscher
Europas  mit  einem  Baum  vertreten.

Was  ich  vom  Park  gesagt  habe,  gilt  auch  vom  Schloß  Osborne
und  seiner  ganzen  Einrichtung:  auch  sie  ist  völlig  nach  den  Angaben
meines  Großvaters  geschaffen  und  nach  seinem  Tode  in  pietätvoller
Weise  bis  zum  Regierungsantritt  König  Eduards  VII.  erhalten
worden.  Ein  sedes  Kind  hatte  dort  seine  eigene  Wohnung.  In
den  Zimmern  meiner  Mutter,  die  auch  von  meinem  Bater  mitbenutzt
wurden,  hatte  die  Königin  viele  Bilder  von  wichtigen  militärischen
Ereignissen  aufhängen  lassen.  Unter  diesen  fand  ich  auch  ein  Aquarell,
das  eine  Heerschau  in  Aldershot  darstellte,  bei  der  mein  Großvater
Kaiser  Wilhelm  neben  meiner  Großmutter  von  Großbritannien  zu
Pferde  hielt.

Einen  feterlichen  militärischen  Borgang  auf  der  Insel  Wight  machte
ich  in  Beglestung  meiner  Eltern  bei  senem  erwähnten  Besuch  1871  mit.
Ein  englisches  Regiment,  die  103.  Royal  Bombay  Fusileers,  die  in
Parkhurst  bei  Mewport  garnisonierten,  sollte  neue  Gahnen  erhalten.
Es  stand  auf  einem  NRasenplatz  im  offenen  Biereck  um  einen  aus
Trommeln  gebildeten  Altar.  Nachdem  die  neuen  Fahnen  vom  Geistlichen
  geweiht  worden  waren,  wurden  sie  meiner  Mutter  gerelcht,
die  sie  ihrerseits  ihrem  Bruder,  dem  Herzog  von  Connaught,  übergab,
während  das  Biereck  präsentierte.  Die  Feier  war  ungemein  eindrucksvoll
  und  würdig.  1

Spärter,  als  ich  schon  älter  war,  machte  es  mir  besondere  Freude,  mit
meinem  Bruder  Heinrich  zusammen  auf  der  Raddampfyacht  „Alberta“

70
        <pb n="95" />
        der  Königin  unter  dem  Kommando  des  braven  Kapitäns  Welsh,
der  uns  geradezu  väterlich  behandelte,  die  Fahrten  mitzumachen,  bei
denen  die  Onkel  und  Tanten  von  Cowes  nach  Portsmouth  oder  umgekehrt
  gebracht  wurden.  Wir  durften  dabei  sogar  unter  seiner  und
des  wachthabenden  Offiziers  Aufsicht  die  Maschinentelegraphen  bedienen.
  Ich  habe  auf  diesen  Fahrten  natürlich  viele  englische  Kriegsschiffe
  gesehen  und,  wie  bereits  der  Auszug  aus  meinem  „Lebenslauf“
erwähnte,  auch  Nelsons  Flaggschiff,  die  „Bictorp“,  besucht.  Als  ich
die  kleine,  an  Deck  eingeschraubte  Messingplatte,  welche  den  Platz  bezeichnete,
  an  dem  der  große  Admiral  zusammengebrochen  war,  andächtig
  betrachtete,  scherzte  Welsh,  der  uns  führte,  in  Anlehnung  an
Nelsons  letztes  Signal:  „Now  Sir,  the  British  Admiralty  expects,
that  every  person  visiting  the,  Wictory“  must  shed  a  pail  of  rears
herel““)  —  Auf  dem  Dreidecker  „St.  Vincent“,  einem  Schiffsfungenschulschiff,
  fand  gerade  Geschützexerzieren  statt,  als  ich  es  besuchte.
Ich  durfte  an  demselben  teilnehmen,  wurde  als  Kanonter  Nr.  1  an
ein  Geschütz  gestellt  und  mußte  die  Abzugsschnur  ziehen.  Ich  war
nicht  wenig  stolz,  zu  dem  betäubenden  Donner  der  Breitselte  mit
meinem  Geschütz  erheblich  beigetragen  zu  haben.

Auch  der  bekannte  Superintendent  of  the  Dockpard,  Admiral  Foley,
war  außerordentlich  freundlich  zu  mir,  es  machte  ihm  augenscheinlich
große  Freude,  mich  auf  der  Werft  herumzuführen  und  die  Kriegsschiffsbauten
  zu  zeigen.  Er  war  ein  richtiger  alter,  sovialer  Seebär
mit  feuerrotem  Gesicht  und  weistem  Backenbart,  der,  da  er  so  gut
wie  taub  war,  sehr  laut  sprach.  Dieses  Gebrechen  führte  einmal  zu
einem  amüsanten  bleinen  Zwischenfall,  den  ich  hier  erwähnen  will,
nicht  nur  weil  er  seinerzeit  in  der  ganzen  englischen  Marine  viel  belacht
  worden  ist,  sondern  auch  den  stark  ausgeprägten  Sinn  meiner
Großmutter  für  Situationskomik  kennzeichnet.  Es  handelt  sich  um  einen

*)  „Nun,  Sir,  erwartet  die  Britische  Admiralstät,  daß  sedermann  bei  einem
Besuch  der  „Vickorp“  an  dieser  Stelle  einen  Eimer  voll  Tränen  vergleßt!“

77
        <pb n="96" />
        an  sich  tragischen  Vorfall.  Die  englische  Segelfregatte  „Eurydice“
war  fast  angesichts  von  Portsmouth  untergegangen.  Sie  wurde
dann  mit  vieler  Mühe  gehoben  und  nach  dem  Hafen  geschleppt,
wo  sie  ins  Trockendock  kam.  Die  Königin  hatte  den  Admiral  Foley
zum  Lunch  nach  Osborne  befohlen,  damit  er  ihr  Bericht  erstatte.
Nachdem  dieses  traurige  Thema  erschöpft  war,  wollte  meine
Großmutter  der  Unterhaltung  eine  andere  Wendung  geben  und  erkundigte
  sich  nach  dem  Befinden  seiner  Schwester,  die  ihr  gut  bekannt
  wär.  Der  schwerhörige  Admiral,  immer  noch  in  Gedanken
mit  der  „Eurydice“  beschäftigt,  glaubte,  die  Frage  Ihrer  Mafestät
bezöge  sich  auf  weitere  Arbeiten  an  dem  Schiff  und  antwortete  prompt
mit  Stentorstimme:  „Well  ma'me,  I  am  going  to  have  her  turned
over  and  take  a  gocd  lock  at  her  bottom  and  have  it  well  scrapedl!“
Der  Erfolg  dieser  Antwort  war  durchschlagend.  Meine  Großmutter
legte  Messer  und  Gabel  hin,  nahm  ihr  Taschentuch  vors  Gesicht,  indessen
  ihr  ganzer  Körper  von  Lachen  geschüttelt  wurde  und  ihr  die
hellen  Tränen  über  die  Backen  liefen,  mein  Oheim,  der  Herzog  von
Connaught,  und  die  füngeren  bei  Tisch  befindlichen  Familienmitglieder
brachen,  alle  Etikette  vergessend,  in  schallendes  Gelächter  aus,  und
dle  würdevollen,  mit  Tellerwechseln  beschäftigten  Diener  flüchteten
hinter  den  Schirm  vor  der  Anrichte.  Voller  Erstaunen  sah  der
Admiral  diesen  Heiterkeitsausbruch,  ohne  sich  zunächst  die  Ursache  erklären
  zu  können.

Ich  werde  auf  englische  Persönlichkelten  und  Berhältnisse  noch
wiederholt  im  Laufe  meiner  Jugendgeschichte  zurückkommen.  Hier
mögen  diese  Darlegungen  genügen,  um  zu  zesgen,  wie  das  Heim

meiner  Großmutter  mir  gleichsam  zu  einem  zweiten  BVaterhause
werden  konnte.

78
        <pb n="97" />
        Uber  die  Reise  des  nächsten  Sommers  weiß  mein  „Lebenslauf“
folgendes  zu  berichten:  xIm  Sommer  des  Jahres  1872  reiste  ich  mit
meinen  Geschwistern  ohne  unsere  Eltern  nach  dem  Seebad  Wyk  auf
Föhr.  Hier  feierte  mein  Bruder  Heinrich  seinen  zehnten  Geburtstag,
an  welchem  er  in  die  Marine  eintrat.  Um  ihn  zu  feiern,  war  ein
Kanonenboot  „Blitz“  gekommen,  und  dieses  salutierte  dann  auch  dem
neuen  Mitglied  der  Marine.=Diese

  kargen  Mitteklungen  sind  nach  mehreren  Richtungen  hin  zu
ergänzen.  Vor  allem  haben  die  Fahrten  nach  den  Halligen  den  größten
Eindruck  auf  uns  gemacht.  Die  schwermütige  Landschaft,  die  festen  Menschen
  von  ebenso  schwerem  Schlag,  die  wunderhübschen  Trachten  der
Landleute,  die  vielen  Herden  —  das  alles  war  uns  etwas  völlig  Meues.
Es  machte  uns  Kindern  besonderen  Spaß,  daß  wir  über  die  Gräben  in
der  Marsch  mit  großen  Sprungstangen  setczen  mußten.  Und  was  für
prächtige  Menschen  haben  wir  da  nicht  kennen  gelernt!  Ich  entsinne
mich  noch  vornehmlich  des  Bauern  Schmidt-Tochsen,  der  eindrucksvollen
  Persönlichkeit  eines  topischen  Marschbauern.  Er  wohnte  bei
Dagebyll,  und  wir  haben  ihn  stets  besucht,  wenn  wir  nach  der  schönen
Insel  kamen.  Zu  berichten  ist  ferner  noch,  daß  Heinrich  und  ich  bei
Professor  Magnussen,  der  bei  Woyk  ein  Bauernhaus  als  Atelier  eingerichtet
  hatte,  Zeichenunterricht  nahmen.  Unsere  Modelle  waren  alte
Frauen  —  alte  Schiffe  wären  mir  lieber  gewesen!  Magnussen  hatte
in  Schleswig  eine  Holzschnitzereischule  begründet,  die  meine  Eltern
unterstützten.  Sein  Sohn  Harro  wurde  Bildhauer  und  hat  unter
anderem  die  Skulptur  Friedrichs  des  Großen,  die  bis  vor  kurzem
im  Sterbezimmer  zu  Sanssouci  stand,  sowie  das  Denkmal  Roons
auf  dem  Königsplatz  in  Berlin  geschaffen.

Kurze  Zeit  nach  dem  erwähnten  Geburtstagsfeste  Heinrichs  machten
wir  eine  Fahrt  auf  dem  Kanonenboot  „Blitz“  mit.  Sein  Kommandant,
  Kapitänleutnant  Glomsda  v.  Buchholtz,  zeigte  uns  unter  anderem
das  große  schwere  Geschütz,  das  in  der  Mitte  des  Kanonenboots

79
        <pb n="98" />
        stand,  und  führte  uns  dann  nach  dem  Bug,  wo  zwei  leichtere  ältere
Bronzegeschütze  standen,  da  wir  Jungens  gern  das  Geschütz  betrachten
  wollten,  von  dem  „der  Schuß"  gefallen  war.  Die  Sache
hatte  folgende  Bewandtnis.  Dem  „Blitz“  war  der  Schutz  der  deutschen
  Fischerek  auf  der  Nordsee  übertragen  worden,  und  er  mußte
daher  häufig  Ubergriffe  der  englischen  Fischer  zurückweisen.  Bei
einer  solchen  Gelegenheit  hatte  ein  britisches  Fischerfahrzeug  sich  geweigert,
  die  am  Heck  des  „Blitz“  wehende  deutsche  Kriegsflagge  durch
Setzen  bzw.  Dippen  seiner  Landesflagge  zu  grüßen.  Nach  mehrfachen
  fruchtlosen  Aufforderungen  hatte  Kapitänleutnant  v.  Buchholtz
einen  scharfen  Schuß  vor  den  Bug  des  Fahrzeuges  gefeuert,  worauf
die  verlangte  Zeremonte  in  beschleunigter  Weise  erfolgt  war.  Hierdurch
  hatte  sich  der  „Blitz“  sowohl  bei  Engländern  wie  bei  Deutschen
in  Respekt  gesetzt,  und  wo  das  Kanonenboot  sich  von  da  ab  sehen  ließ,
erschienen  von  setzt  ab  sofort  die  Landesflaggen,  denn  auch  die  deutschen
  Seefischer  hatten  sich  sehr  oft  nicht  mit  dem  Zeigen  ihrer  Flagge
beeilt.  Der  „Schuß"“  fand  freudigen  Widerhall  im  ganzen  Baterlande,
  hatte  doch  das  Deutsche  Reich  zum  ersten  Male  zur  See  ein
Machtwort  gesprochen!  So  standen  denn  Heinrich  und  ich  mit  respektvollen
  Blicken  vor  dem  Geschütz,  während  Hinzpeter  seine  pädagogischen
  Worte  dazu  fallen  ließ;  „Sehen  Sie  sich  die  Kanone
ordentlich  an!  Das  ist  ein  historisches  Geschütz,  das  einen  historischen
Schuß  getan  hatl!"

In  Wuk  schlossen  wir  auch  Freundschaft  mit  den  beiden  prächtigen
  Söhnen  des  Herrn  v.  Salza,  Hermann  und  Ernst,  verlieh  ihnen
doch  der  Name  des  berühmten  Hochmeisters  des  Deutschen  Ordens
an  sich  schon  einen  Nimbus  in  unseren  Augen!  Hermann  v.  Salza
war  zu  meiner  Regierungszest  Flügeladfutant  des  Königs  von
Sachsen  und  dessen  Milktärbevollmächtigter  in  Berlin.  Ernst  v.  Salza
studierte  mit  mir  zusammen  in  Bonn  als  Borusse  und  war  zuletzt
Sächsischer  Gesandter  in  Berlin,  mein  ganzes  Leben  lang  verband

80
        <pb n="99" />
        Prinz  Wilhelm  von  Preußen  im  Alter  von  2  Jahren

1861

Nach  einem  Aquarell  der  Königin  Victoria
von  Großbritannsen

—  —  —“

2

—  ——  ——

—  —
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Prinz  Wilhelm  von  Preußen
im  Alter
von  elwa  4  Jahren
        <pb n="100" />
        Prinz  Wilhelm  von  Preußen  als  Lieutenant.  1869  Prinz  Wilhelm  von  Preußen  als  Schüler.  1874
        <pb n="101" />
        mich  treue  Freundschaft  mit  ihm.  Beide  Männer  sind  mir  leider
durch  den  Tod  entrissen  worden.

Im  Mittelpunkt  des  Interesses  stand  natürlich  in  Wyk  der  Wassersport.
  So  sind  wir  von  Göhr  aus  fleißig  gesegelt,  meist  auf  einer
zwelmastigen  Hamburger  Bacht  „Welle“,  oder  wir  sind  auf  der  Königlichen
  Dampfpacht  „Grille“,  die  uns  zur  Berfügung  gestellt  war,
gefahren.  Die  „Grille“  war  in  den  7Oer  Jahren  von  dem  berühmten
  französischen  Schiffbauer  Dupuy  de  Löme  in  Le  Hävre  für
König  Friedrich  Wilhelm  IV.  als  Schraubenpacht  gebaut  worden.
Sie  war  ein  auffallend  elegantes  Schiff  mit  scharfen  Linien  und  lag
wie  eine  Möwe  auf  dem  Wasser.  Uber  dem  in  Dunkelblau  gehaltenen,
mit  einem  Goldstreifen  gezierten  Schiffsrumpf  erhoben  sich  ein  verhältnismäßig
  sehr  hoher  gelber  Schornstein  und  drei  braune  Pfahlmasten.
  Ein  elegantes  ovales  Deckhaus  bot  bequeme  Sißtzgelegenheit,
die  Wohn=  und  Schlafkajüten  waren  behaglich  und  elegant  in  französischem
  Geschmack  eingerichtet.  Der  Kommandant  war  Kapitän
Natzeburg,  der  uns  Jungens,  die  wir  fede  freie  Zeit  auf  der  Bacht
zuzubringen  trachteten,  freundlich  behandelte.  Die  „Grille“  lief  bei
ihrer  ersten  Indienststellung  in  den  5Oer  Jahren  bereits  14  sm,  eine  für
damalige  Zeiten  außerordentlich  hohe  Geschwindigkeit,  die  heute  etwa
einer  solchen  von  30  sm  entsprechen  würde.  Auf  den  Bergnügungsfahrten
  lernten  Heinrich  und  ich  das  Flaggenalphabet,  unter  Aufsicht  des
Navigationsoffiziers  und  des  Bootsmanns  die  Bacht  nach  dem  Kompaß
  steuern,  die  Signalflaggen  bedienen  und  andere  Zweige  des
Schiffsdienstes  ausüben.  Wir  besuchten  auch  die  Maschine  häufig,
in  deren  Geheimnisse  der  Ingenfkeur  uns  einweihte,  es  war  eine
horizontale  Maschine  von  Benn  Brothers.  Ein  Hauptvergnügen  bereitete
  es  mir,  durch  das  große  gläserne  Maschinenskplight  die  in
der  Sonne  hellstrahlende  Maschine  im  Gang  zu  beobachten,  wobei
die  hin  und  her  arbeitenden  Kolben  ihr  Licht  blitzend  reflektierten.
Kam  See  auf,  so  stellte  die  „Grille“  an  die  Seefestigkeit  der  Passa-6

  Aus  meinem  Leben  81
        <pb n="102" />
        giere  beträchtliche  Anforderungen,  denen  nicht  alle  gewachsen  waren.
Ich  habe  das  reizende  Schiff  sehr  geliebt  und  denke  mit  Freuden
an  die  auf  ihm  verbrachten  schönen  Stunden  meiner  Kinderzeit.

Ich  beende  die  Schilderung  unserer  Sommerreise  von  1872,  indem
  ich  die  Wiedergabe  meines  Lebenslaufes  fortsetze:  xMein  Bruder
und  ich  reisten  am  Ende  unseres  Aufenthaltes  in  Föhr  auf  der  Bacht
des  Kaisers  „Grille“,  welche  uns  zur  Disposttion  gestellt  war,  nach
Hamburg.  Dort  verbrachten  wir  einige  Tage,  um  das  Treiben  der
größten  deutschen  Handelsstadt  zu  beobachten.  Da  war  mein  größtes
Vergnügen,  am  Hafen  spazieren  zu  gehen  und  die  Hunderte  und
aber  Hunderte  von  großen  Dampfern  und  Segelschiffen  zu  sehen,  das
Leben  und  Treiben  am  Hafen  und  in  den  Straßen  zu  beobachten,
das  Einladen  und  Löschen  der  Ladungen,  das  Ankommen  und  Abgehen
  von  Schiffen,  das  Rennen  und  Jagen  der  Leute,  überhaupt
das  rege  Bild  des  Arbeitens  und  des  Berdienens  war  für  mich
das  anregendste,  was  sich  finden  konnte.  Auf  einen  Tag  gingen
wir  auch  zu  meiner  großen  Freude  nach  Kiel  und  sahen  dort  die
Werften  und  den  Hafen,  es  wurde  damals  gerade  das  Panzerschiff
„Friedrich  der  Große“  gebaut.=*

  *  *

Von  besonderen  Ereignissen,  die  in  diesen  Jahren  vorfielen,  entsinne
  ich  mich  noch  des  Besuchs  des  italienischen  Kronprinzen  Humbert
und  seiner  Gemahlin  Margherkta  im  Frühfahr  1872,  die  mit  großen
Cestlichkekten  gefekert  wurden.  Ich  erwähne  ferner  die  glanzvolle
Drelkalserparade  auf  dem  Tempelhofer  Felde  im  Herbst  1872,  an
der  außer  fast  sämtlichen  deutschen  Fürsten  Kaiser  Franz  Josef  und
Zar  Alexander  II.  mit  dem  Thronfolger,  späteren  Zaren  Alexander  III.,
dem  Reichskanzler  Fürst  Gortschakow,  Feldmarschall  Graf  Berg,
Großfürst  Wladimir  und  dem  Kriegsminister  Milfutin  tellnahmen.
Beim  Vorbesmarsch  des  Ersten  Garderegimens  zu  Fuß,  das  mein

82
        <pb n="103" />
        Vater  führte,  schlossen  mein  Bruder  und  ich  den  ersten  Zug  der
Leibkompagnie.  Der  Zar  verlieh  mir  damals  die  Uniform  des  Gre—
nadierregiments  Friedrich  Wilhelm  III.,  das  in  Warschau  stand.
Als  mein  Vater  mich  zu  ihm  führte,  damit  ich  meinen  Dank  abstatte,
sah  ich,  welch  ein  schöner  großer  Mann  der  Herrscher  war,  doch
fielen  mir  seine  unruhigen,  flackernden  Augen  auf.  Die  Unterhaltung
zwischen  den  beiden  hohen  Herren  drehte  sich  um  den  Krieg  1870,
ich  hörte,  wie  das  Wort  „St.  Privat“  fiel  und  wie  der  Zar  sagte:
sein  Herz  hätte  geblutet,  als  er  die  Nachricht  von  den  furchtbaren
Verlusten  der  Garde  erhielt.  Er  war  bekanntlich  Deutschland  gegen—
über  sehr  freundlich  gesonnen,  so  daß  im  nächsten  Jahre  eine  deutsch—
russische  Militärkonvention  und  das  sogenannte  „Dreikaiser-Abkommen“
  zustande  kommen  konnte,  das  auch  Osterreich-Ungarn  einschloß.

#  6

Ich  fahre  in  der  Wiedergabe  meines  „Lebenslaufes“  fort,  die  ich
bei  dem  Sommeraufenthalt  in  Wok  1872  abgebrochen  hatte:

«Wir  reisten  nach  Potsdam  zurück,  und  ich  nahm  meine  Studien
wieder  auf,  und  zwar  schärfer  als  vorher,  weil  ich  im  Frühfahr  ein
Examen  machen  sollte.  Jetzt  begann  auch  mein  Konfirmandenunterricht.


Den  ganzen  Winter  hindurch  mußte  ich  sehr  scharf  arbeiten  und
tat  es  auch  mit  Bergnügen,  weil  ich  selbst  den  größten  Wunsch
hatte,  mit  meinen  Studien  tüchtig  voranzukommen.  Endlich  im  Frühsahr
  kam  das  Examen,  vor  dem  ich  keine  Furcht  hatte,  denn  ich  fühlte
mich  sicher;  nur  war  es  mir  unangenehm,  daß  außer  meinem  Mathematiklehrer
  alle  anderen  Lehrer  mir  unbekannt  waren.  Allein
als  das  Examen  begonnen  war,  verlor  ich  dieses  Gefühl  auch
sehr  bald,  und  ich  glaube,  daß  es  ziemlich  gut  abgegangen  ist,
auch  hörte  ich  hernach,  daß  ich  für  Obertertia  ganz  reif  befunden
worden  war.?

6  83
        <pb n="104" />
        Die  Prüfung  fand  am  2.  April  1873  um  11  Uhr  vormittags  im
Kronprinzenpalais  im  Lateinischen,  Griechischen  und  in  Mathematik
statt;  die  Examsnatoren  waren  Hinzpeter,  Professor  Rühle  und  drei
weitere  Lehrer  des  Joachimsthalschen  Gymnasiums,  dessen  Direktor
dem  Abkte  beiwohnte.  Das  Ergebnis  der  Prüfung  war  nach  dem  amtlichen
  Protokoll,  sdaß  Brinz  Wilhelm  die  Reife  für  den  Eintritt  in  die
Obertertia  eines  Gymnasiums  in  vollem  Maße,  in  der  Mathematik
aber  die  Kenntnisse  eines  guten  Obertertianers  besitzto.

Wer  war  froher  als  ich?!  Abends  durfte  ich  zur  Belohnung
mit  meinen  Eltern  ins  Opernhaus  gehen.

VII.

Einige  Wochen  danach,  Ende  April  1873,  erhielt  ich  für  das  gut
bestandene  Examen  eine  Belohnung  ganz  eigner  Art:  ich  durfte
meine  Eltern  auf  einer  Reise  begleiten,  die  für  mich  voll  reichen  Er—
lebens  werden  und  mir  viele  neuartige  Eindrücke  vermitteln  sollte.
Ich  folge  zunächst  wieder  meinem  „Lebenslauf“:

Bald  darauf  reiste  ich  mit  mesnen  Eltern  nach  Wien  zur  Eröffnung
  der  Weltausstellung.  Auf  der  Reise  verblieben  wir  einige
Tage  in  Prag,  welche  Stadt  eine  der  ehrwürdigsten  und  merkwürdigsten
  Städte  ist,  die  sch  kenne.  Ich  stand  auf  dem  Boden,  auf
welchem  die  Hussikenkriege  und  zkämpfe  gespielt,  auf  welchem  Wallenstein
  und  Piccolomink  gegangen  sind.

Ich  ging  auf  den  Hradschin  und  stand  am  Fenster,  an  welchem
sozusagen  der  Dreißigfährige  Krieg  seinen  Anfang  nahm,  aus  welchem
nämlich  Martinitz  und  Slawata  von  den  Böhmen  hinausgestürzt
wurden,)  ich  sah  auch  den  Weisen  Berg,  an  welchem  das  Schicksal
des  neuen  Böhmenkönigs  bestimmt  ward.  Aber  mit  was  für  Gedanken
  trat  ich  in  den  Palast  Wallensteins  efn!  Das  also  war  das
Haus  des  weltberühmten  Mannes,  hier  hatte  er  gelebt,  seine  Pläne
geschmiedet,  auf  dem  Boden,  auf  dem  sch  ging,  war  er  gegangen.

84
        <pb n="105" />
        Was  für  Ereignisse  waren  seitdem  durch  die  Welt  gegangen,  und  noch
stand  alles  so,  wie  er  es  verlassen  hatte,  sogar  das  Pferd  war  da,
ausgestopft,  welches  er  in  der  Schlacht  bei  Lützen  ritt.

Auch  auf  der  alten  Moldaubrücke  stand  ich,  da,  von  wo  Johann
v.  Pomuck  (Nepomuk)  auf  Kaiser  Wenzels  Befehl  hinuntergestürzt
worden  war.

In  Wien,  wo  wir  recht  freundlich  vom  Kaiser  und  seiner  Ge—
mahlin  empfangen  wurden,  wohnten  wir  die  ganze  Zeit  unseres
Aufenthaltes  in  Hetzendorf,  nicht  weit  von  Schönbrunn,  und  jeden
Morgen,  ehe  ich  zur  Ausstellung  fuhr,  ging  ich  mit  meinen  Eltern
im  Garten  und  Park  von  Schönbrunn  spazieren.  Auch  hier  wieder
historischer  Boden,  wenn  auch  nicht  angenehme  Erinnerungen  er—
weckend  an  die  Zeit  Napoleons  I.

Die  Eröffnung  der  Ausstellung  war  recht  feierlich,  und  die  riesen—
große  Rotunde,  in  welcher  sie  stattfand,  und  in  welche  der  Dom
des  Sankt  Peter  hineingeht,  war  wohl  bestimmt,  einen  mächtigen
Eindruck  zu  machen.  Ich  kann  natürlich  nicht  erzählen,  was  ich  alles
gesehen,  gehört  und  gemacht  habe,  genüge  es  zu  sagen,  daß  ich  alle
Tage  4—  Stunden  in  der  Ausstellung  zubrachte,  über  das,  was
ich  gesehen,  habe  ich  ein  Tagebuch  geführt.  Der  junge  15  jährige
Kronprinz  und  ich  waren  sehr  gute  Kameraden  geworden,  und  wir
haben  manchen  Ausflug  und  manchen  Spaziergang  zusammen  ge—
macht.  Nach  14  Tagen  reiste  ich  nach  Haus,  während  meine  Eltern
nach  Italien  reisten.»

Diese  kindlichen  Berichte  möchte  ich  in  einigen  Punkten  ergänzen
und  setze  mit  unserer  Ankunft  in  Wien  ein.  Hier  wurden  meine
Eltern  von  Kaiser  Franz  Josef  sowie  sämtlichen  Erzherzögen  empfangen
  und  nach  Hetzendorf  geleitet,  wo  wir  abstiegen.  Mein  Bater
fuhr  mit  dem  Kaiser  voraus,  während  ich  bei  meiner  Mutter  blieb.
Ich  welß  noch,  wie  sie  mich  während  der  Fahrt  durch  die  Vorstädte
erstaunt  auf  die  Unregelmäßigkeit  und  Unscheinbarkeit  der  Häuser

85
        <pb n="106" />
        aufmerksam  machte,  sie  hatte  derartiges  in  der  vielgerühmten  Kaiserstadt
  nicht  vermutet.  In  Hetzendorf  erwarteten  uns,  außer  den
vorangefahrenen  hohen  Herren,  Kaiserin  Elisabeth,  von  der  mir  meine
Mutter  erzählt  hakte,  daß  sie  die  schönste  Frau  Europas  sei,  sowie
  Kronprinz  Rudolf  und  die  obersten  Hofchargen.  Der  Kaiser
war  damals  noch  von  sugendlicher  Frische  und  hatte  die  Figur  eines
Fähnrichs.  Mit  väterlicher  Freundlichkeit  ruhten  seine  Augen  bei
der  Vorstellung  auf  mir  —  und  dann  stand  ich  vor  der  Kasserin!  Wie
gebannt  blickte  ich  in  das  von  dunklem  Haar  umrahmte,  blendend
schöne  Antlitz  mit  den  dunklen  Augen.  Ich  war  derart  überwältigt,
daß  erst  eine  Mahnung  meiner  Mutter  mich  daran  erinnern  mußte,
der  hohen  Frau  die  Hand  zu  küssen.  Ich  war  völlig  hingerissen  von
dieser  herrlichen  Erscheinung,  die  das  Urteil  meiner  Mutter  in  jeder
Beziehung  rechtfertigte.

Hetzendorf  ist  ein  hübsches,  mittelgroßes  NRokokoschloß  hinter
Schönbrunn,  in  der  Ebene  gelegen  und  von  einem  schönen  Garten
umgeben.  Ich  wohnte  mit  General  v.  Gottberg,  meinem  Militärgouverneur,
  zu  ebener  Erde  und  konnte  daher  so  oft  ich  wollte  in
den  Garten  hinaus,  um  mich  dort  zu  ergehen.

Mit  dem  Kronprinzen  Rudolf  wurde  ich  schnell  gut  bekannt,
was  bei  seiner  gewinnenden  Natur,  die  den  Weltunerfahrenen
leicht  bestach,  nicht  zu  verwundern  war.  Wir  machten  zusammen
viele  Ausflüge  in  die  Umgegend  von  Wien,  vor  allem  in  den
wundervollen  Wiener  Wald,  den  Lainzer  Tiergarten  und  auf  den
Kahlenberg,  von  dem  wir  den  schönen  Blick  über  die  Stadt  und
ihre  Umgebung  genossen.  Selbstverständlich  haben  wir  auch  alle
Sehenswürdigkekten  von  Wien  besichtigt,  unter  denen  die  berühmten
Kleknodien  des  alten  deutschen  Katserreichs  mich  nicht  zum  wenigsten
interessterten.  Ich  nahm  die  Mahlzeiten  gewöhnlich  gemeinsam  mit
Kronprinz  Rudolf  ein,  dann  und  wann  wurden  wir  auch  zur  Tafel
bei  den  Majestäten  mit  herangezogen.  Ich  konnte  bei  diesen  Gelegen-86
        <pb n="107" />
        heiten  und  insbesondere  bei  größeren  Festlichkeiten  staunend  die  große
Pracht  des  kaiserlichen  Hofes  mit  seinem  alten  spanischen  Zeremoniell
bewundern.

Ein  Erlebnis  mit  der  Kaiserin  ist  mir  unauslöschlich  im  Gedächtnis
  geblieben.  Eines  Tages  kam  die  hohe  Frau  zum  Tee  nach
Hetzendorf  zu  meiner  Mutter.  Ich  schrieb  gerade  an  meinem  schon
erwähnten,  leider  aber  wohl  verloren  gegangenen  Tagebuch,  als  mich
meine  Mutter  in  den  Garten  holen  ließ,  in  dem  sie  mit  der  Kaiserin
spazieren  ging.  Die  Kaiserin  begrüßte  mich  mit  der  ihr  eigenen  ge—
winnenden  Freundlichkeit,  und  dann  erteilte  mir  meine  Mutter  den
Auftrag,  während  des  Spazierganges  die  lange  Schleppe  Ihrer
Mafestät  zu  tragen.  Ich  habe  diesen  kleinen  „Bagendienst"  mit  Begeisterung
  übernommen  und  dabei  die  hoheitsvolle  Haltung  der
Kaiserin  und  den  herrlich  schwebenden  Gang,  der  sie  auszeichnete,
andächtig  bewundert.  Von  ihr  galt  buchstäblich,  was  eine  dltere  Instruktion
  im  Hofton  zu  fordern  pflegte:  sie  setzte  sich  nicht,  sondern
sie  ließ  sich  nieder;  sie  stand  nicht  auf,  sondern  sie  erhob  sich,  sie
ging  nicht,  sondern  ste  pflegte  zu  schreiten.  So  läßt  sich  wohl  der
sichere  Rhpthmus,  der  alle  Bewegungen  der  Kaiserin  beherrschte,  am
besten  kennzeichnen.

Die  kaiserliche  Familie  war  außerordentlich  zahlreich,  da  mit
Ausnahme  des  Kaisers  Maximilian  von  Mexiko  alle  Brüder  des
Kaisers  noch  am  Leben  waren  und  ebenso  noch  viele  nähere  Ver—
wandke,  die  zum  Teil  zahlreiche  Familien  besaßen.  Bor  allem  freute
es  mich,  zum  ersten  Male  Erzherzog  Albrecht  zu  sehen,  den  berühmten
  Sieger  von  Custozza.  Des  weiteren  wurde  ich  sehr  freundlich
  vom  Erzherzog  Rainer,  dem  Schwager  des  Erzherzogs  Albrecht,
  behandelt,  der  als  großer  Kunstkenner  mich  auf  die  reichen
Sammlungen  in  Wien  aufmerksam  machte.  Auch  Erzherzog  Friedrich
und  die  Erzherzogin  Elisabeth  nahmen  sich  meiner  freundlich  an.
Die  Erzherzogin  war  eine  imposante  Erscheinung  und  wies  eine

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        <pb n="108" />
        auffallende  Ahnlichkeit  mit  den  Porträts  der  Kaiserin  Maria
Theresia  auf.

Von  den  Sammlungen,  die  ich  besucht  habe,  gefiel  mir  am  besten
die  Ambraser  mit  ihren  auserlesenen  Waffen  und  Rüstungen.  Ich
fand  in  ihr  unter  anderem  eine  dem  Kurfürsten  Albrecht  Achilles  von
Brandenburg  zugeschriebene  sehr  eigentümliche  Fußturnierrüstung.  Sie
war  durch  einen  nach  allen  Richtungen  von  der  Taille  krinolinenartig
auseinandergehenden  stählernen  Schutz  ausgezeichnet,  der  in  lauter
spitze  Stacheln  auslief,  vorne  befand  sich  eine  Tür,  die  aufgeschlagen
werden  mußte,  wenn  der  Nitter  in  die  Rüstung  hineingelangen
wollte.  Auf  der  Rüstung  ruhte  ein  als  Adlerkopf  geformter  Helm,
dessen  Schnabel  zugleich  das  Visier  bildete.  In  allen  Waffensammlungen,
  die  ich  in  meinem  späteren  Leben  besucht  habe,  ist  mir  eine
gleiche  oder  ähnliche  Rüstung  nicht  vorgekommen.

Nach  Hause  zurückgekehrt,  ging  das  gleichförmige  Studienleben
wieder  seinen  Gang,  aber  noch  lange  wirbkten  die  Erinnerungen  an
die  Wiener  Tage  nach,  so  daß  Hinzpeter  geraume  Zeit  brauchte,  um

die  oftmals  „irrlichterierenden“  Gedanken  zusammenzufassen  und  zu
konzentrieren.

WVIII.

Was  an  äußeren  Ereignissen  nach  der  Wiener  Relse  bis  zu
meiner  Einsegnung  mir  erwähnenswert  scheint,  sei  in  folgendem  kurz
berichtet.

Im  Sommer  1873  waren  wir  wieder  in  Wyk  und  haben  dort
das  gewohnte  Ferienleben,  auch  den  Zeichenunterricht  bei  Professor
Magnussen  fortgesetzt.  Am  1.  September  wohnte  ich  der  Grundsteinlegung
  des  Lichterfelder  Kadettenhauses  bei,  am  folgenden  Tage
machte  ich  die  Enthüllung  der  Siegessäule  in  der  Front  des  Ersten
Gardereglments  zu  Fuß  mit.  Ende  September  kam  König  Biktor
Emanuel  nach  Berlin  und  wurde  mit  großen  Ehren  und  vieler  Be-88
        <pb n="109" />
        geisterung  aufgenommen.  Der  König  war  ein  sehr  sympathischer,
ungemein  beleibter  und  jovialer  Mann  mit  einem  Riesenschnurrbart.
Ihm  zu  Ehren  fand  auch  in  Potsdam  eine  große  Parade  statt,  an
der  ich  mit  meinem  Bruder  Heinrich  ebenfalls  teilnahm.  Die  be—
deutende  Persönlichkeit  des  Einigers  Italiens  hinterließ  noch  lange
einen  tiefen  Eindruck  am  Berliner  Hofe  ebenso  wie  im  Volke.

Den  ersten  Stapellauf  in  meinem  Leben  sah  ich  am  22.  November,
einen  Tag  nach  dem  Geburtstage  meiner  Mutter,  auf  der  Vulkan—
werft  in  Stettin.  Es  war  das  erste  deutsche  Panzerschiff,  das  in
Deutschland  erbaut  worden  war,  das  Turmschiff  „Preußen“,  es  erhielt
  später  die  Schwesterschiffe  „Friedrich  der  Große“  und  „Großer
Kurfürst“.  Meine  Mutter  vollzog  den  Taufakt  bei  heftigem  Schneegestöber,
  dann  glitt  das  Schiff  mafjestätisch  zu  Wasser.  Wie  alle,
die  zum  erstenmal  einen  Stapellauf  erleben,  war  auch  ich  hingerissen
  von  dem  Anblick.  Zugleich  erfüllte  mich  das  Bewußtsein  mit
großem  Stolz,  daß  wir  nun  in  Deutschland  so  weit  waren,  selber
Schiffe  zu  bauen,  und  nicht  mehr  auf  ausländische  Firmen  angewiesen
  blieben.

LX.

«Den  ganzen  Herbst  (1873)  hindurch  und  den  ganzen  Winter
akkumulierte  sich  der  Unterricht  immer  mehr  bis  7  oder  8  Uhr  abends,
daß  ich  kaum  eine  Stunde  zum  Ausgehen  hatte.  Dies  ging  im
Frühfahr  und  ersten  Teil  des  Sommers  (1874)  auch  so,  nur  in  den
Hundstagen  wurde  die  letzte  Ruhepause  gemacht  und  zu  einer  Reise
nach  Scheveningen  in  Holland  benutzt.  (Lebenslauf.)

Die  Scheveninger  Zeit  erhielt  ihr  Gepräge  durch  die  angespannte
Vorberektung  auf  meine  Einsegnung.  Den  Konfirmationsunterricht
gab  mir  seit  September  1872  der  Prediger  Perstus  von  der  Heiligen
Geistkirche  in  Botsdam,  ein  Sohn  des  verstorbenen  Hof=  und  Oberbaurates
  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  und  Bruder  des  mir  schon  früher

89
        <pb n="110" />
        bekannten  Geheimen  Regierungsrates.  Er  gehörte  der  liberalen  Richtung
  an  und  war  Mitglied  des  Protestanten-Vereins,  er  machte
auf  mich  einen  verenöcherten  und  vergrübelten  Eindruck  und  hat  mir
nichts  für  mein  Heben  mitgegeben.  Thedoretisch  (oder  soll  ich  sagen:
theologisch?))  hat  er  mich  wohl  ganz  gut  vorwärtsgebracht,  aber  die
wahrhaft  erhebende  Weihe  fener  Zeit  empfing  ich  durch  die  mehr  als
früher  gepflegte  Lehre  des  Herrn  —  nicht  dessen,  was  Menschenwerk
ist.  Ich  habe  in  fener  Zeit  viel  über  die  ewigen  Fragen  nachgedacht,
um  Klarheit  zu  gewinnen,  und  manche  Uberlegung  auch  auf  Anraten
des  Predigers  als  „Meditation“  zu  Papier  gebracht.  Meine  „Meditationen“
  entfernten  sich  freilich  sehr  bald  vom  Inhalt  der  Vorträge
von  Persius  und  gingen  über  zur  Bewunderung  des  Himmelsgewölbes
und  des  blauen  Meeres,  sowie  der  auf  ihm  dahinziehenden  Schiffe
und  Fischerboote.  Aus  diesen  Stunden  des  Nachdenkens  erwuchs
schließlich  mein  Glaubensbekenntnis,  das  ich  bei  meiner  Einsegnung
vorzulesen  hatte.

In  Hinzpeters  Aufzeichnungen  finde  ich  über  diese  Zeit  meiner
religiösen  Borberektung  einige  Ausführungen,  die  an  die  oben")
wiedergegebenen  anschließen  und  mir  ebenfalls  des  Abdrucks  wert
erscheinen:

«Da  ist  es  dann  später  den  zum  Konfirmationsunterricht  berufenen
Predigern  außerordentlich  leicht  geworden,  die  christliche  Lehre  in  ihrer
kirchlich  firierten  und  vorgeschriebenen  Corm  dem  Prinzen  zu  geben.
Wie  der  erste  Religkonsunterricht  möglichst  undogmatisch  gewesen  war,
sollte  nun  der  dogmatische  möglichst  unkonfessionell  gegeben  werden.
Einmal  sollte  dem  Prinzen  selbst  die  Freiheit  gewahrt  bleiben,  die
christliche  Lehre  seiner  eigenen  Individualität  sowelt  anzupassen,  daß
sie  die  Richtschnur  seines  Lebens  bleiben  könne,  und  weiter  sollte  ihm
trotz  oder  vielmehr  wegen  seiner  festen  religfösen  Uberzeugung  die

*)  Selte  64/65.
90
        <pb n="111" />
        Freiheit  der  Anschauung  bewahrt  werden,  deren  ein  preußischer  König
und  deutscher  Kaiser  bedarf  zum  gerechten  Regieren  über  konfessionell
so  verschiedene  Untertanen.  Es  wurde  deshalb  mit  großer  Vorsicht
ein  Geistlicher  ausgewählt,  welcher  sich  von  jeder  Parteistellung  fern—
gehalten.  Und  zwar  geschah  dies  mit  der  offiziellen  Motivierung,
es  sei  die  sehr  natürliche  Absicht,  dem  Knaben  die  christliche  Lehre  so
bieten  zu  lassen,  daß  er  zu  seinem  eignen  Leben  sie  verwenden  könne.
Die  Zeit  werde  früh  genug  kommen,  in  welcher  er  dieselbe  als  politisches
Streitobjekt  ansehen  müsse  und  werde.  Dazu  sei  aber  die  erste  Be—
dingung,  daß  ein  Geistlicher  gewählt  werde,  dem  weder  seine  Neigung
noch  seine  Stellung  ein  Hineinziehen  des  dogmatischen  und  kon—
fessionellen  Streites  in  den  Konfirmationsunterricht  zur  angenehmen
Pflicht  mache.

Die  am  Schluß  abgehaltenen  strengen,  wenn  nicht  mißtrauischen
Prüfungen  fielen  glänzend  aus  und  bewiesen  klar,  daß  der  Prinz
die  Kirchenlehre  vollkommen  beherrschte.  Er  selbst  erklärte  auch  in  eben
dieser  Zeit  bei  einem  intimeren  Gespräch,  er  habe  erkannt,  daß  das
Christentum  die  Wahrheit  enthalte  und  er  gedenke  sein  Leben  danach
einzurichten.  Die  Abfassung  des  Glaubensbekenntnisses,  welches  er
nach  der  Tradition  der  Familie  an  dem  Tage  der  Konfirmation  vor
der  versammelten  Gemeinde  vorzulesen  hatte,  zeigte  sich  dennoch
schwierig.  Es  sollte  im  Gegensatz  zu  dem  sonstigen  Gebrauch  möglichst
individuell  gehalten  sein  und  selbständig  aufgestellt  werden,  obwohl  es
doch  andererseits  immer  nur  eine  mehr  oder  weniger  persönlich  gefärbte
Paraphrase  des  Apostolischen  Glaubensbekenntnisses  sein  konnte  und
durfte.  Der  Prinz  pflegte  dann  zu  diesem  Behuf  einsame  Spazktergänge
  am  Strande  von  Scheveningen  zum  „Meditieren“  zu  unternehmen,
  und  es  bildete  diese  Arbeit  das  wichtigste  Interesse  während
des  Aufenthaltes  an  der  See  im  Sommer  1874.

Uberhaupt  wurde  für  den  Prinzen,  nachdem  er  die  christliche  Lehre
mit  Andacht  und  Begierde  aufgenommen  hatte,  die  Konfirmations=91
        <pb n="112" />
        zeit  eine  Periode  wahrer  Erbauung  und  damit  Erhebung  auf  eine
höhere  Stufe  inneren  Lebens.»

Das  innere  Erleben  jener  Zeit  war  in  der  Tat  so  gewaltig,  daß
alle  äußeren  Ereignisse  in  Scheveningen  dagegen  völlig  zurücktraten.
Ich  will  diese  daher  auch  hier  beiseite  lassen  und  nur  zweier  Histörchen
  Erwähnung  tun,  an  die  ich  immer  denken  muß,  wenn  ich  mich
an  diese  Wochen  erinnere.

Unter  der  lehrreichen  Führung  von  Hinzpeter  machten  wir  vielfach
Ausflüge  in  die  holländischen  Städte  zum  Besuch  der  Kirchen  und
Galerten,  die  mich  außerordentlich  interessierten.  So  besuchten  wir  z.  B.
das  Mauritz-Huis  im  Haag,  das  Risksmuseum  in  Amsterdam  und  das
Frans-Hals-Museum  in  Haarlem,  das  sich  damals  noch  im  Rathaus
befand.  Tiefen  Eindruck  hinterließen  mir  vornehmlich  die  herrlichen
Werke  von  Nembrandt,  van  Dyck  und  Grans  Hals.  Stofflich  interessterten
  mich  vor  allem  die  Bilder,  die  die  großen  holländischen  Seeschlachten
  darstellten,  und  oftmals  versuchte  ich  sie  daheim  aus  dem
Gedächtnis  nachzuzeichnen.

Bei  der  Heimkehr  von  solchen  Ausflügen  pflegten  wir  vom
Haag  aus  mit  der  Tram  nach  Scheveningen  hinauszufahren.  Wir
hatten  uns  mit  einem  Tramschaffner  besonders  angefreundet,  der
den  Krieg  von  1870  in  der  Armee  meines  Baters  mitgemacht
und  sich  in  der  Schlacht  bei  Wörth  ausgezeichnet  hatte,  er  erzählte
uns  daher  mancherlei  aus  senen  Tagen  und  von  der  Begelsterung
der  Truppen  für  meinen  Bater.  An  einer  Stelle,  wo  die  Trambahn
  eine  sehr  scharfe  Kurve  machte  (es  war  damals  noch  Pferdebetrleb),
  pflegte  der  Wagen  ziemlich  regelmäßig  zu  entgleisen,  was
das  Kommando  des  Schaffners  zur  VFolge  hatte:  „Weine  Herren,
den  Wagen  wieder  hineinschieben!"“  Wir  Jungens  sprangen  dann
von  der  Tram,  stemmten  uns  gegen  den  Wagen,  schoben  ihn  wieder
ins  Gelelse  und  waren  stolz,  wenn  wir  dafür  den  Dank  der  Insassen

  ernteten.

02
        <pb n="113" />
        Unser  Kirchenbesuch  führte  uns  einmal  auch  nach  Gouda,  wo  wir
in  der  Kirche  die  Fenster  mit  den  schönen  Glasmalereien  bewunderten.
Eins  stellte  Judith  und  Holofernes  dar  in  dem  Augenblick,  da  die
jüdische  Heldin  mit  dem  Haupt  des  Feldherrn  Nebukadnezars  das
Zimmer  verläßt,  der  kopflose  Leichnam  des  Holofernes  lag  in  einem
prachtvollen  Bett  mit  seidnen  Vorhängen.  Aber  mein  historisches
Stilgefühl  wurde  auf  das  äußerste  beleidigt,  als  ich  neben  dem
Bett  einen  eleganten  Nachttisch  bemerkte,  auf  dem  ein  chinesisches  Tee—
geschirr  stand.  Meine  Frage,  ob  die  Leute  damals  schon  Tee  ge—
trunken  hätten,  brachte  den  armen  Hinzpeter  in  die  größte  Verlegen—
heit.  Ebenso  meine  weitere  Frage,  wie  Holofernes,  da  er  doch  wohl
in  einem  einfachen  Zelt  gehaust  hätte,  es  habe  fertigbringen  können,  ein
so  wertvolles  Teegeschirr  auf  seinem  Kriegszuge  mitzunehmen,  ohne
daß  es  entzwei  ginge.  Ob  er  vielleicht  ein  besonderes  Teekamel  gehabt
habe?  Erst  als  Hinzpeter  voller  Verzweiflung  antwortete,  daß  Judith
es  ihm  wahrscheinlich  als  Geschenk  mitgebracht  habe,  war  ich  zufrieden.

Dieser  Goudaer  Kirchenbesuch  hatte  ein  Nachspiel.  Die  damalige
Königin  der  Niederlande,  Sophie,  ließ  uns  bisweilen  in  ihr  Palais
kommen  und  uns  mit  Tee,  Kuchen,  Erdbeeren  und  Konfekt  regalieren,
wobei  wir  ihr  von  unseren  Ausflügen  in  Holland  erzählen  mußten.
Das  geschah  auch  nach  unserm  Besuch  in  Gouda.  Als  wir  ihr  be—
richteten,  wo  wir  gewesen  waren,  fragte  die  Königin  erstaunt:  „Was
in  aller  Welt,  Kinder,  habt  Ihr  denn  in  Gouda  gemacht?“  Wir—:
„Liebe  Tante,  wir  haben  uns  die  schöne  Kirche  angesehen.“  Königin:
„Was  ist  denn  in  der  Kirche  so  Schönes  zu  sehen?"  Ich:  „Aber
liebe  Tante,  die  schönen  Genster!“  „Die  Eroberung  von  Damiette,"
fügte  Heinrich  hinzu,  „wo  die  holländischen  Schiffe  die  Absperrungskette
  des  Hafens  gesprengt  haben,“  worauf  ich  sofort  einsprang  mit
der  Bemerkung:  „Judith  und  Holofernes,  und  er  hat  einen  schönen
Nachttisch  mit  einem  chinesischen  Teeservice!“  Königin:  „Aber  das
ist  fa  unmöglich,  Holofernes  hat  doch  niemals  Tee  getrunken,  das

93
        <pb n="114" />
        kann  doch  kein  Teegeschirr  sein?!“  Ich:  „Doch,  liebe  Tante,  es  ist
doch  ein  Teegeschirr!“  Königin:  „Na,  Kinder,  das  muß  ich  mir  einmal
  ansehen,  in  der  Bibel  steht  doch  nschts  davon.“  Einige  Zeit  später
hat  die  Königin  wirklich  in  Gouda  sich  von  der  Nichtigkeit  unserer
kulturhistorischen“  Angaben  überzeugt.

Schlseßlich  erscheint  mir  aus  der  Scheveninger  Zeit  noch  erwähnenswert,
  daß  ich  damals  meinen  ersten  militärischen  Bericht  an  meinen
Großvater  *)  erstaktete,  ein  Brauch,  den  ich  bis  zu  seinem  Tode  fortgesetzt
  habe.

Nach  unserer  Rückkehr  übernahm  Pfarrer  Heym  von  der  Friedenskirche
  in  Potsdam  den  abschließenden  Konfirmationsunterricht.  Er
war  ein  schlichter,  gerader  Charakter,  der  Liebling  der  ganzen  älteren
Generation  des  Königshauses,  der  er  als  Seelsorger  Friedrich  Wilhelms
  IV.  sowie  meines  Großvaters  und  meines  Vaters  besonders
nahe  stand.  Ich  habe  das  gleiche  Gefühl  der  Verehrung  für  ihn
gewonnen  und  mein  Leben  lang  behalten.  In  dieser  Zeit  geschah  es
auch  zu  meiner  großen  Freude,  daß  meine  Großmutter,  Kaiserin
Augusta,  mich  oftmals  zu  sich  nach  Babelsberg  befahl  oder  im  Park  von
Sanssouci  mit  mir  Spaziergänge  machte.  Bei  diesen  Gelegenheiten
mußte  ich  berichten,  was  ich  im  Unterricht  gehört  hatte,  und  wenn
meine  Großmutter  eine  Lücke  oder  ein  unverstandenes  Wort  bemerkte,
dann  teilte  sie  mir  aus  dem  großen  Schatz  ihres  Glaubens  und  ihrer
Lebenserfahrung  mit.  Ich  danke  es  vor  allem  meiner  gütigen  Großmutter,
  daß  ich  durch  sie  in  das  Gebiet  der  praktischen  Anwendung
unserer  christlichen  Religion  auf  das  menschliche  Leben  eingeführt
worden  bin.

Der  Tag  meiner  Einsegnung  wurde  dann  zu  einem  großen  seelischen
Erlebnis  für  mich,  die  Vorlesung  meines  Glaubensbekenntnisses)

*)  Aus  dlesem  Grunde  gebe  ich  den  Bericht  bes.  Vgl.  Anhang  Nr.  2.
7*)  Bgl.  Anhang  Nr.  3.

94
        <pb n="115" />
        galt  mir  als  ein  festes  Gelöbnis.  Die  Feier  fand  am  1.  September
in  der  Friedenskirche  statt  und  gestaltete  sich  auch  äußerlich  ungemein
eindrucksvoll.  Meine  Mutter  hatte  die  Kirche  durch  gärtnerische  Kunst
mit  Blumen  und  Laubgewinden  wundervoll  ausschmücken  lassen,  mein
Vater  die  Texte  für  die  Motetten  und  Lieder  selbst  ausgesucht.  Mit
einer  großen  Anzahl  Gemeindemitgliedern  war  der  größere  Teil  des
Königshauses  anwesend.  Meine  Großmutter,  die  Königin  von  England,
  hatte  den  Prinzen  von  Wales  entsandt,  der  auch  nach  der  Feier
gemeinsam  mit  meinen  Eltern  und  mir  das  Abendmahl  nahm.  Die
mich  tief  ergreifende  Feier  wird  mir  stets  eine  unvergeßliche  Er—
innerung  bleiben.  «Meine  Einsegnungs,  heißt  es  in  meinem  zwei
Jahre  später  abgefaßten  Curriculum  vitae,  sghatte  mich  herrlich  gestärkt
  und  mit  neuen  Kräften  versehen,  und  ich  blickte  mit  fester  Zuversicht
  und  Gottvertrauen  in  die  Zukunft.?

Mit  diesem  feferlichen  und  weihevollen  Erlebnis  schließen  innerlich
  und  äußerlich  die  Jahre  mefner  Kindheit  ab.

95
        <pb n="116" />
        #

—  3

—

1*  a####r

L

—

Kronprinzessin  Bictoria  von  Breußen  (spätere  Kalserin  Friedrich)
mit  Brinz  Wilhelm.  1875
        <pb n="117" />
        Dr.  Georg  Hinzpeter.  1869
        <pb n="118" />
        Deralte  Kaiser  unddie  Seinen
        <pb n="119" />
        J.
Mt  Verhältnis  zu  der  ehrwürdigen  Gestalt  des  ersten  deutschen

Kaisers,  zu  meinem  Großvater,  ist  überaus  innig  gewesen,
von  den  Kindertagen  bis  zu  dem  ergreifenden  Augenblick,  da  er  die
Augen  für  immer  schloß.  Ich  habe  mit  Ehrfurcht  zu  ihm  emporgeblickt
  und  mit  inniger  Liebe  an  ihm  gehangen.  Er  hinwiederum
ist  in  Güte  und  Freundlichke#it  mir  ein  liebevoller  Großvater  gewesen,
und  in  diesem  Geiste  hat  sein  Auge  auf  der  ganzen  Entwickelung
meiner  Zugendzeit  geruht,  vornehmlich  in  meiner  militärischen  Laufbahn
  verdanke  ich  ihm  alles.  Sein  Bertrauen  zu  mir  ist  immer
groß  gewesen,  mancherlei  Episoden  dieser  Jugenderinnerungen,  vor
allem  meine  beiden  Sendungen  nach  Rußland,  werden  das  belegen.
Von  meinen  Reisen  pPflegte  ich  ihm  stets  Berichte  über  das,  was
mir  in  politischer  oder  militärischer  Beziehung  bemerkenswert  erschien,
zu  erstatten,  und  er  hat  sich,  wie  er  oft  betonte,  sehr  über  diese  Aufmerksamkeit
  gefreut.

Das  Jahr  nahm  im  Leben  meines  Großvaters  meist  folgenden
Verlauf:  im  Frühfahr  oder  Frühsommer  ging  er  zur  Kur  nach  Ems,
dann  nach  Gastein,  im  Herbst  hielt  er  sich  in  Babelsberg  auf,  nach
den  Manövern  in  Baden-Baden,  den  Winter  verbrachte  er  in  Berlin.

Oft,  wenn  meine  Eltern  auf  Reisen  waren,  auch  seine  Tochter,
Großherzogin  Luise,  nicht  zum  Besuch  bei  ihm  weilte,  wurde  ich  zu
meinem  Großvater  allein  zum  Essen  in  sein  Balais  Unter  den  Kinden
bestellt.  Diese  Stunden  des  intimen  Zusammenseins  sind  mir  ewig

7  99
        <pb n="120" />
        unvergeßlich,  die  ganze  Liebe  eines  Großvaters  zu  seinem  Enkelsohn
kam  dann  zum  Ausdruck.  Das  Essen  fand  in  solchen  Fällen  immer
in  dem  Salon  vor  seinem  Schreibzimmer  statt,  an  einem  kleinen
grünen  Whisttisch,  der  sehr  wacklig  war  und  eine  überaus  vorsichtige
Behandlung  verlangte.  Zum  Braten  wurde  eine  Flasche  Sekt  auf
den  Tisch  gestellt,  die  der  Kaiser  selbst  entkorkte  und  aus  der  er  eigen—
händig  sich  und  mir  je  zwei  Glas  einschenkte.  Nach  dem  zweiten
Glas  pflegte  er  die  Flasche  gegen  das  Licht  zu  halten  und  in  der
Höhe  des  Inhalts  einen  Bleistiftstrich  auf  dem  Etikett  zu  machen,
damit  wollte  er,  sparsam  wie  er  war,  kontrollieren,  ob  die  Diener
die  Flasche  aufhoben  oder  etwa  seinem  Befehl  entgegen  ihm  am
nächsten  Tage  eine  frische  vorsetzten.  Geraucht  wurde  nach  Tisch
nicht,  wie  der  Kaiser  überhaupt  nicht  zu  rauchen  pflegte,  besuchte  er
ein  Offizierkasino,  so  zündete  er  sich  wohl  eine  Zigarette  an,  um  das
Zeichen  zum  Rauchen  zu  geben,  nahm  aber  nur  wenige  Züge.

Bei  diesem  kleinen  Essen  zu  zweien  pflegte  mein  Großvater  mit
seinen  Gedanken  oft  in  die  Vergangenheit  zu  schweifen  und  Episoden
und  Anekdoten  aus  verklungenen  Zeiten  zu  erzählen.  Einige  davon,
die  von  seinem  bekanntlich  sehr  witzig  gewesenen  Bruder  handeln,
erscheinen  mir  der  Wiedergabe  wert.

König  Friedrich  Wilhelm  IV.  war  einst  vom  Generalintendanten
der  Königlichen  Theater  gebeten  worden,  einer  neuen  Oper  beizuwohnen.
  Der  Besuch  gestaltete  sich  aber  sehr  langweilig,  und  der
König  verließ  schon  vor  Ende  des  ersten  Aktes  die  Vorstellung.  Wie
er  aus  seiner  Loge  heraustritt,  sieht  er  den  Logenschließer  auf  seinem
Stuhle  sitzend  und  in  tiefsten  Schlaf  versunken.  Entsetzt  will  der
Intendant  auf  den  pflichtvergessenen  Beamten  zueilen,  um  ihn  zu
wecken,  —  als  der  König  ihn  zurückhält  und  mit  den  Worten  zu  be—
gütigen  versucht:  „Pst!  Lassen  Sie  ihn!  Er  hat  gehorcht!“  J

Es  war  damals,  wie  noch  zu  meiner  Zeit,  üblich,  sich  die  Abend—
stunden  in  Gesellschaft  mit  Scharaden  zu  vertreiben.  Oft  ließ  der

100
        <pb n="121" />
        König  auch  den  Offizier  der  Wache  hereinrufen,  damit  er  sich  an  dem
Spiel  beteiligte.  So  geschah  es  einmal,  daß  ein  nicht  allzu  geistes—
geübter  Leutnant  ratlos  dastand,  als  die  die  Aufgabe  stellende  Dame
ihn,  einen  silbernen  Löffel  in  der  Hand,  mit  bezauberndem  Blick  an—
sah:  „Silberblick“  sollte  die  Lösung  lauten.  Da  flüsterte  der  König
dem  verzweifelten  Leutnant  leise  zu:  „Löffelgans“  —  und  der  folgsame
  junge  Offizier  erzielte  einen  durchschlagenden  Erfolg.

In  einer  weiteren  Anekdote  machte  den  „Witz“,  wenn  man  so
sagen  darf,  nicht  der  König,  sondern  „der  andere"’.  König  Friedrich
Wilhelm  IV.  hatte  einmal  bei  einer  Nachtübung  Spandau  gestürmt.
Er  ließ  zur  Ubergabe  blasen  —  doch  nichts  rührte  sich.  Da  befahl
er  den  Kommandanten  der  Festung,  Betrp  mit  Namen,  ans  Tor.
Petery  ließ  die  Offnung  im  Tor  aufmachen,  steckte  den  Kopf  heraus
und  meldete  sich  bei  seinem  König.  Dieser  forderte  ihn,  etwas
ärgerlich,  noch  einmal  persönlich  auf,  das  Tor  seiner  „eroberten“
Festung  zu  öffnen.  Peteéry  aber  ließ  dem  Gehege  seiner  Zähne  die
geflügelten  Worte  entströmen:  „Usf  Ehre,  Eure  Mafestät,  auch  nicht
einmal  im  Spaß!“  Sprach's  und  klappte  die  kleine  Offnung  am  Tor
wieder  zu.  —  Die  Gesinnung,  die  aus  dieser  an  sich  etwas  erstaunlichen
  Antwort  sprach,  ehrte  der  König  mit  großer  Anerkennung.

Noch  lieber  gingen  die  Gedanken  meines  Großvaters  in  die  Zeit
der  Befrekungskriege  zurück,  die  er  als  funger  Leutnant  mitgemacht
hatte,  und  er  erzahlte  aus  jenen  Tagen  gern  Episoden,  von  seiner
Ceuertaufe  bei  Bar-sur-Aube,  dem  Einzug  in  Paris,  den  drei  Monarchen
  usw.  Man  sah  es  ihm  an,  wie  sein  Herz  aufging,  wenn
er  diese  Erinnerungen  wieder  wachrsef.

Nach  dem  Essen  fuhr  mein  Großvater  gewöhnlich  mit  mir  in
das  Theater.  Er  saß  dort  in  einer  Ecke  seiner  Loge  auf  einem  erhöhten
  Stuhl,  so  daß  ihn  das  Bublikum  nicht  sehen  konnte.  Es
geschah  dann  wohl,  daß  er,  wenn  die  Stunde  vorrückte  und  die  Ereignisse
  auf  der  Bühne  nicht  übermäßig  aufregend  waren,  ein  kleines

101
        <pb n="122" />
        Nickerchen  machte.  Ich  saß  nicht  mit  in  der  Kaiserloge,  sondern  in
der  meiner  Familie.  Waren  mehrere  Mitglieder  unserer  Familie  dort,
so  kam  mein  Großvater  öfter  in  den  Pausen  zu  Besuch.  Streng
hielt  er  darauf,  daß  wir  Jüngeren  unbedingt  Front  zum  Publikum
nahmen.  Er  wies  dann  immer  auf  die  Erfahrungen  hin,  die  er  in
seiner  Zugend  1817  in  Paris  gemacht  hatte,  wo  das  Bublikum  bei
Vorkommen  des  Gegenteils  den  Fürstlichkeiten  zuzurufen  pflegte:
„Face  au  publique!“

Auch  am  Historischen  Eckfenster  habe  ich  einmal  mit  meinem  Großvater
  gestanden,  als  die  Wache  aufzog  und  das  Bublikum  ihn  begrüßte.
  Als  ich  meiner  Freude  über  die  Liebe  Ausdruck  gab,  die
aus  dem  Jubel  des  Volkes  sprach,  gab  das  mein  Großvater  wohl
zu,  gedachte  aber  auch  der  Tatsache,  daß  er  einst  vor  denselben  Berlinern
  hatte  flüchten  müssen.  Er  sagte  das  ohne  Bitterkeit,  ganz  mit
der  abgeklärten  Weisheit  des  Alters,  das  die  Vergänglichkeit  und
Veränderlichkeit  alles  Irdischen  in  den  tiefsten  Tiefen  erkannt  hat.

Mehr  als  einmal  bin  ich  gefragt  worden,  ob  mein  Großpater
se  zu  mir  von  Prinzeß  Elisa  Radziwill,  seiner  Zugendliebe,  gesprochen
hat.  Das  ist  nicht  der  Fall  gewesen,  und  ich  kann  mich  nicht  entsinnen,
  überhaupt  je  zu  seinen  Lebzeiten  von  dieser  Herzensangelegenheit
  gehört  zu  haben.  Ich  bin  daran  erst  vor  kurzem  durch  eine
Reliquie  erinnert  worden,  die  mir  meine  Tante,  Großherzogin  Lutse
von  Baden,  vermacht  hat.  Es  handelt  sich  um  ein  Neues  Testament,
das  der  Prinzessin  gehört  hat,  nach  ihrem  Tode  von  ihrer  Mutter,
Fürstin  Luise,  meinem  Großvater  geschenkt  wurde,  aus  dessen  Nachlaß
es  an  die  Großherzogin  kam.  Auf  dem  Büchlein,  das  1818  im
Leipziger  Verlage  Karl  Tauchnitz  erschienen  ist,  ist  ein  kleines  Kruzifir
aus  Lapislazuli  befestigt,  an  den  vier  Kreuzenden  ist  je  eine  kleine
Kugel  aus  Türkis  angebracht,  die  ihrerseits  wiederum  mit  einem
kleinen  Edelstein  besetzt  ist.  Wie  aus  Eintragungen  hervorgeht,  hat
Fürstin  Luise  das  Büchlein  ihrer  Tochter  zur  Konfirmation  am

102
        <pb n="123" />
        28.  März  1820  geschenkt,  das  Kruzifix  ist  ein  Geschenk  des  damaligen
Prinzen  Wilhelm  gewesen!  Eine  eigenhändige  Eintragung  meines
Großvaters  auf  der  zweiten  Seite  des  Vorsatzpapieres  zeigt  folgen—
den  vielsagenden  Wortlaut:

«  Am  28.  Oktober  1834  von  der  Tante  erhalten,  die  Elisa
dies  Neue  Testament,  welches  sie  am  Confirmations-Tage
in  Händen  hielt,  mit  dem  Kruzifix  zieren  ließ,  welches  ich
ihr  geschenkt  hatte;  —  und  das  mir  nun  so  zurückkommt,
nachdem  ihr  wohl  istl

In  dem  Buche  selbst,  in  dem  noch  gepreßte  Blumen  und  Blöätter
als  zarte  Erinnerungen  eines  leidvollen  Herzensbundes  liegen,  sind
zahlreiche  Stellen,  offenbar  von  Elisa,  mit  roter  Tinte  angestrichen,
und  bei  dem  Kapitel  Ebräder  11  findet  sich  der  Bermerk  von  der
Hand  der  Fürstin:

«Am  Sonntag  den  21.  September  vorgelesen  an  Elisa.

Es  war  das  sechs  Tage  vor  deren  Tode.  Vom  Todestage  selbst
zeugt  eine  längere  Eintragung  der  Fürstin  Luise  auf  dem  weißen
Blatt  hinten.  Sie  lautet  folgendermaßen:

«Aus  dem  Brüdergesangbuch  an  Elisa  durch  Wanda  vorgelesen
  den  27.  September,  eine  halbe  Stunde  vor  ihrem  Tode.
Greienwalde  1834.

Herr,  der  du  mich  führst  und  mein  Tun  regierst,  ohne
dich  kann  nichts  gelingen,  sondern  wollen  und  vollbringen,
wenn  was  soll  gedeihn,  kommt  von  dir  allein.

Wahrlich,  wenn  ich  mir  dankbarlich  vor  dir  alle  deine
Wunderwege  mit  mir  Armen  überlege,  seit  ich  dein  bin:  so
erstaunt  mein  Sinn.

In  dir  will  ich  nun  zuversichtlich  ruhn.  So  wird  kein
Leid  mich  quälen,  so  wird  mir  kein  Gutes  fehlen.  Mein
Immanuel  segne  meine  Seele.=103
        <pb n="124" />
        Mit  tiefer  Rührung  hielt  ich  dies  schlichte  und  doch  so  beredte
Zeugnis  einer  ergreifenden  Episode  aus  der  Jugend  meines  Großvaters
  in  Händen.  Verklungene  und  nun  längst  versunkene  Zeiten
steigen  aus  den  vergilbten  Blättern  wieder  auf  und  künden  von  der
tiefen  Liebe  zweier  Fürstenkinder  und  ihrem  schmerzvollen  Entsagen.
Ich  bewahre  das  Büchlein  als  ein  teures  Heiligtum.

II.

Das  schönste  Verhältnis,  das  man  sich  zwischen  Großmutter  und
Enkel  nur  vorstellen  kann,  hat  mich  mit  Kaiserin  Augusta  verbunden,
es  war,  möchte  ich  sagen,  so  innig,  wie  man  es  in  Romanen  liest.
Die  Kaiserin,  die  im  allgemeinen  einen  zeremoniösen  Eindruck  machte,
oft  sogar  vor  Menschen  etwas  Formelles,  ja  Steinernes  an  sich  hatte,
war  in  kleinem  Kreise  und  nun  gar  unter  vier  Augen  warm  und
herzlich  und  liebevoll  besorgt.  Nicht  nur,  daß  sie  mich  außerordentlich
verzogen  und  vorgezogen  hat,  wie  das  die  richtigen  alten  Großmütter
so  gern  tun,  hat  sie  sich  auch  um  meine  geistige  Entwickelung  in  der
gütigsten  Weise  bekümmert.  Wenn  Professor  Werder  zum  Literaturunterricht
  da  war  und  ein  Drama  mit  verteilten  Rollen  gelesen
wurde,  kam  sie  immer  ins  Schulzimmer  und  hörte  voller  Interesse
zu,  die  weimarische  Prinzessin,  die  Goethe  noch  persönlich  gekannt
hat  und  auch  nach  ihrer  Bermählung  in  Briefwechsel  mit  dem  großen
Olpmpier  geblieben  ist,  hat  sie  nie  verleugnen  können.  Kam  ich  zu
den  Ferien  aus  Kassel  nach  Hause,  dann  mußte  ich  ihr  meine  Zeugnisse
  zeigen  und  ihr  alles  erklären,  die  Unterrichtsfächer,  die  Lehrer
und  die  Mitschüler.  Am  meisten  hat  sich  meine  Großmutter  wohl
in  der  letzten  Zeft  vor  meiner  Einsegnung  um  mich  bekümmert,  wovon
  ich  bereits  sprach,  sie  hat  damals  vielem,  was  mein  kindlicher
Geist  nicht  verstanden  hatte,  erst  Leben  und  Farbe  gegeben.  In  ihrem
festgegründeten  Glauben,  mit  ihrem  praktischen  Christentum  und  ihrem
steten  Zurückgehen  auf  die  Person  des  Herrn  ist  sie  —  gleich  meiner

104
        <pb n="125" />
        Tante  Luise,  die  in  allem  ihr  Widerschein  war  —  mir  in  dieser  schwierigen
  Zeit  ein  fester  Rückhalt  gewesen.  In  reprdsentativer  Beziehung
hatte  meine  Großmutter  wohl  etwas  Katholisierendes  an  sich,  z.  B.
hatte  sie  eine  Hauskapelle  eingerichtet,  doch  vermochte  das  nie  Einfluß
  auf  ihre  Glaubensrichtung  zu  gewinnen.  Diese  Neigungen  sind
zweifellos  die  Reaktion  auf  die  rationalistische  Zeit  gewesen,  die  sie
miterlebt  hatte.

In  späteren  Jahren  mußte  ich  meine  Großmutter  immer  am  Arm
führen,  wenn  sie  Cercle  abhielt.  Damals  fanden  bei  den  Hoffesten
noch  Steh=  und  Sprechcouren  statt,  die  dußerst  anstrengend  waren.
Erst  nach  dem  Unfall  meiner  Großmutter  ist  der  Hof  zu  Deflliercouren
  übergegangen,  wie  ich  sie  zu  meiner  Zeit  grundsätzlich  eingeführt
  habe.  Ich  habe  bei  senen  Sprechcouren  immer  die  große
Kunst  bewundern  müssen,  mit  der  meine  Großmutter  jedem  in  hübscher
Form  etwas  Verbindliches  und  doch  Individuelles  zu  sagen  verstand.
Sie  war  in  dieser  Kunst  in  ihrer  Jugend  besonders  erzogen  worden,
als  sie  noch  ein  vierzehnfähriges  Kind  war,  wurden  zu  ihrem  Unterricht
  eine  Anzahl  leerer  Stühle  aufgestellt,  die  sie  als  bestimmte
Personen  zu  betrachten  und  entsprechend  anzureden  hatte.  Ich  habe
das  Glück  gehabt,  meine  Großmutter  fahrelang  führen  zu  dürfen,
bis  sie  infolge  ihres  Leidens  in  den  Nollstuhl  kam  und  gefahren
werden  mußte.

Von  meinen  Besuchen  bei  der  Kaiserin  auf  ihrem  Schloß  in
Koblenz,  das  sie  so  sehr  liebte  und  dessen  Anlagen  am  Rhein  sie
selbst  geschaffen  hatte,  werde  ich  an  einer  anderen  Stelle  zu  sprechen
haben.  Sie  pflegte  dort  gern  den  rheinischen  Adel  heranzuziehen,
immer  bemüht,  geistige  Brücken  zu  schlagen.  Im  Herbst  weilte  sie
gewöhnlich  in  Baden-Baden,  wo  sie  im  Meßmerschen  Hause  zu
wohnen  pflegte.  Zu  ihrem  Geburkskage  am  30.  September  kam
stets  die  ganze  Familie  hin,  und  es  wurden  dann  schöne  Ausflüge
und  Picknicks  veranstaltet.  Meine  Großmutter  machte  bei  diesen

105
        <pb n="126" />
        Gelegenheiten,  ebenso  wie  in  Koblenz,  in  reizender  Weise  die  Wirtin.
Höchst  amüsant  war  es  zu  beobachten,  wie  auch  mein  Großvater  an
beiden  Orten  sich  nur  als  Gast  betrachtete.

Nach  dem  Tode  meines  Großvaters  blieb  die  Kaiserin,  was  ich
mit  tiefem  Dank  begrüßte,  zunächst  in  Berlin,  denn  sie  tat,  was  in
ihren  Kräften  stand,  um  ihrem  Sohne  und  mir  die  schwere  Zeit  der
neunundneunzig  Tage  zu  erleichtern.  Ein  ergreifender  Augenblick
war  es,  als  die  Fahnen  der  Garde,  die  bis  dahin  im  Palais  meines
Großvaters  aufgestellt  gewesen  waren,  nach  meinem  Regierungs—
antritt  in  das  Berliner  Schloß  überführt  werden  mußten.  Umflorten
Blickes  sah  sie  dem  feierlichen  und  für  sie  so  wehmütigen  Schauspiel
zu.  Denn  die  weimarische  Prinzessin  war  zur  kernpreußischen  Königin
und  deutschen  Kaiserin  geworden.  Daß  sie  daneben  für  mich  die
beste  aller  Großmütter  gewesen  ist,  bleibt  ihr  bis  an  mein  Ende
unvergessen.

III.

Aus  dem  Kreise  Kaiser  Wilhelms  I.  hat  mir  die  nun  auch  verewigte
  Großherzogin  Luise  von  Baden,  Kaiser  Wilhelms  I.  einzige
Tochter,  persönlich  am  nächsten  gestanden.  Sie  war  eine  seltene  Frau,
tief  religiös,  fest  im  evangelischen  Glauben,  aber  durchaus  tolerant,
was  oft  mißverstanden  worden  ist.  Sie  zeigte  von  meiner  Kindheit
an  große  Zuneigung  für  mich,  und  ich  meinerseits  habe  bis  zu  ihrem
Tode  ihr  Kiebe,  Vertrauen  und  Ehrerbietung  entgegengebracht,  sie
auch  durch  schriftliche  Mitteilungen  an  allem,  was  mein  Leben  und
Schaffen  betraf,  teilnehmen  lassen.  Sie  besaß  beträchtliche  polktische
Begabung  und  ein  großes  organtsatorisches  Talent,  ausgezeichnet
verstand  sie  es,  die  rechten  Menschen  an  den  rechten  Platz  zu  stellenund
  ihre  Kräfte  dem  Nutzen  der  Allgemeinheit  dienstbar  zu  machen.
Nicht  immer  anerkannt,  hatte  sie  es  trefflich  gelernt,  ihr  Preußentum
  mit  dem  badischen  Wesen  zu  verbinden  und  sich  zu  einer  vorbildlichen
  Landesmutter  entwickelt.  Bis  zuletzt  nahm  sie,  unterstützt  von

106
        <pb n="127" />
        ihrem  hervorragenden  Gedächtnis,  an  allem  teil,  was  Wohltätigkeit,
Politik,  Erfindungen  und  wissenschaftliches  Leben  anlangte,  und  konnte
auch  in  gewisser  Weise  mit  der  Zeit  mitgehen.  Tieferschütternd  war
es  zu  beobachten,  mit  welcher  inneren  Größe  sie  die  schweren  Kriegssahre,
  die  Revolution  und  die  Nachkriegszeit  ertrug.  Durch  ihren  Tod
habe  ich  unendlich  viel  verloren.  Sie  war  die  Letzte  aus  der  großen
alten  Zeit.

Ihr  Gemahl,  Großherzog  Friedrich,  hat  mir  nicht  weniger  nahe
gestanden.  Mit  seinem  weisen  Rat,  seiner  stärkenden  Aufmunterung
ist  er  mir  stets  ein  vaäterlicher  Freund  gewesen.  Daß  seine  ehrwürdige
Gestalt  bereits  1007  ins  Grab  sank,  hat  mich  mit  großem  Schmerz
erfüllt.

IV.

Wenn  ich  nun  des  alten  Kaisers  nächste  Umgebung  mit  kurzen
Strichen  zu  zeichnen  versuche,  so  steigen  vor  meinem  geistigen  Auge  vier
Gestalten  wieder  auf,  die  längst  schon  ins  Grab  gesunken  sind,  aber  im
Gedächtnis  leben  werden,  solange  man  von  Kaiser  Wilhelm  und  seinen
Getreuen  spricht:  Albedyll,  Lehndorff,  Radziwill  und  Wilmowski.

General  v.  Albedyll  war  der  Chef  des  Militärkabinetts.  Seine
Fähigkeiten  für  diesen  Bosten  waren  hochbedeutend,  denn  umfangreiches
  Wissen,  untrügliches  Gedächtnis,  scharfer  Berstand  und  eine
außerordentliche  Arbeitskraft  prädestinierten  ihn  zu  seiner  verantwortlichen
  Stellung  in  der  preußischen  Armee.  Er  kannte  in  der  Tat
die  ganze  Rangliste  auswendig,  ihm  waren  die  Lebensläufe  nicht  nur
der  Offiziere,  die  jetzt  im  Heere  standen,  sondern  auch  von  deren
Bätern  geläufig.  Die  Besetzung  der  Führerstellen  der  Armee  hatte
er  bei  der  Mobilmachung  1870  in  einer  Nacht  gemacht.  Er  besaß
das  uneingeschränkte  Vertrauen  nicht  nur  des  Kaisers,  sondern  auch
meines  Vaters.  Er  ist  nach  meinem  Regierungsantritt  noch  Kommandierender
  General  geworden  und  hat  von  mir  den  Schwarzen
Adlerorden  erhalten.

107
        <pb n="128" />
        Den  Chef  des  Zivilkabinetts  v.  Wilmowski  habe  ich  nur  in  der
Zeit  zu  sehen  Gelegenheit  gehabt,  als  mein  Vater  1878  die  Sitellvertretung
  meines  Großvaters  übernommen  hatte  und  in  Homburg
  residterte.  Er  war  ein  stiller  pflichttreuer  Mann,  der  sehr
zurückgezogen  und  ausschließlich  seiner  ausgedehnten  Arbeit  lebte.
Bei  seinem  Abgang  hat  er  mir  Lucanus  als  seinen  Nachfolger
empfohlen.

Der  Generaladjutant  Graf  Lehndorff  stammte  aus  altem  ostpreußischen
  Geschlecht.  Sein  Vater  hatte  im  Jahre  1813  das  mit
Lanzen  bewehrte  ostpreußische  National-Kavallerieregiment  aufgestellt,
das  den  Stamm  für  das  später  errichtete  Garde-Husarenregiment
abgab.  Das  durchschnittliche  Größenmaß  weit  überragend,  wohlproportioniert,
  war  er  in  seiner  Erscheinung  der  Typus  des  altpreußtschen
  Edelmanns  und  Offiziers.  Mit  unverbrüchlicher  Treue  seinem
Köntglichen  und  späteren  Kaiserlichen  Herrn  ergeben,  war  der  „schöne
Graf“  allgemein  verehrt  und  beliebt.  Er  bewies  gegen  jedermann
ausgesuchte  Höflichkeit  und  Zuvorkommenheit.  Der  Damenwelt  gegenüber
  machte  seine  ritterliche  Artigkeit  ihn  zu  einem  Charmeur,  der
alle  Herzen  gewann.  Man  kann  ihn  wohl  mit  Recht  als  Hauptund
  Zentralfigur  der  meinen  Großvater  umgebenden  sogenannten
„Maison  militaire“  bezeichnen;  es  kam  selten  vor,  daß  mein  Großvater
  nicht  von  ihm  begleitet  war.  Im  Dienst  stand  er  stets  auf
dem  Posten  und  konnte  mit  seinem  präsenten  Wissen  auf  alle  Fragen
sofort  und  erschöpfend  antworten.  Dabei  besaß  er  eine  gute  Dosis
Mutterwitz,  der  sich  zuweilen  in  treffenden  humoristischen  Bemerkungen
Luft  machen  konnte.  Als  z.  B.  Prinz  Alexander  von  Battenberg,
der  als  Leutnant  bei  den  Garces  du  Corps  stand,  zum  Fürsten  von
Bulgarten  gewählt  wurde,  beförderte  der  Katser  ihn  trotz  seiner  Jugend
zum  Oberst,  Graf  Lehndorff  aber  bemerkte  bei  diesem  Anlaß  sarkastisch
zu  General  v.  Albedpll:  „Wenn  ich  der  Battenberger  wäre,  würde
ich  jeczt  abschnappen  und  Bulgarien  fahren  lassen!-108
        <pb n="129" />
        Die  Flügeladjutanten  meines  Großvaters  standen  dem  Grafen
Lehndorff  sämtlich  mit  dem  Gefühl  großen  Respekts,  aber  auch  großer
Verehrung  gegenüber,  denn  er  ging  ihnen  in  unbedingter  Ergebenheit
für  seinen  Herrn  und  in  unerschütterlich  vornehmer  Haltung  mit  gutem
Beispiel  voran.  Es  war  mir  eine  große  Freude,  nach  meinem  Regierungsantritt
  ihm  die  Treue,  die  er  meinem  Großvater  und  auch
mir  gehalten  hat,  mit  der  Verleihung  des  Schwarzen  Adlerordens
und  der  Stellung  à  la  suite  der  Gardes  du  Corps  zu  danken.

Der  letzte  aus  dieser  Gruppe  ist  der  große  und  dicke  Generaladjutant
  Fürst  Anton  Radziwill.  Trotz  seines  breiten  polnischen
Gesichts  war  er  Stockpreuße  und  meinem  Großvater  gegenüber  die
personifizierte  Treue;  er  war  wohl  der  preußischste  Bole,  den  es  je
gegeben  hat,  dabei  immer  lustig  und  guter  Dinge,  ja,  sogar  über
seine  Spielverluste  konnte  er  sich  freuen.  Mein  Bater  betrachtete
ihn  als  Better  und  duzte  ihn.  Im  Zahre  1870  hatte  er  insofern
eine  (wenn  auch  kleine)  historische  Nolle  zu  spielen  Gelegenheit  gehabt,
als  er  in  Ems  den  französischen  Gesandten  Benedetti  bei  seinem
zweiten  Borstoß  abzuwehren  hatte.

Diese  vier  waren  die  Getreuen  des  alten  Kaisers,  diejenigen,
die  die  tägliche  Kleinarbeit  bei  ihm  verrichten  mußten,  um  den  Staatsorganksmus
  in  Gang  zu  halten.  So  wenig  die  Gestalten  der  großen
Paladine  Bismarck,  Moltke  und  Noon,  deren  eherner  Schritt  durch
Jahrhunderte  der  deutschen  Geschichte  dröhnen  wird,  von  der  Erinnerung
  an  die  welthistorischen  Leistungen  des  großen  Kaisers  fortzudenken
  sind,  so  wenig  wäre  sein  Werktag  ohne  die  Treue  Albedylls,
Wilmowskis,  Lehndorffs  und  Radziwills  möglich  gewesen.

*  7.
#

Von  den  Adfutanten  meines  Großvaters  will  ich  nur  einige
nennen.  Graf  Alten,  eine  straffe  Reiterfigur,  war  lange  Jahre
Elügeladfutant  und  später  bis  zuletzt  General  à  la  suite,  er  hat  ge-100
        <pb n="130" />
        raume  Zeit  das  Regiment  der  Gardes  du  Corps  kommandiert.
Wegen  seiner  vornehmen  Anschauungen  und  seines  aristokratischen
Wesens  wurde  er  allgemein  „der  Chevalier“  genannt.  Er  war  der
Schwager  des  Chefs  des  Milktärkabinetts  und  Bruder  der  Herzogin
von  Manchester,  die  kn  der  Londoner  Gesellschaft  sener  Zeit  eine  große
Rolle  spielte.  Die  Kameraden  hatten  auf  ihn  den  schönen  Vers

edichtet:
gedich  „Ich  hab  zum  Schwager  Albedyll,

Zu  Freunden  Lehndorff,  Radziwill,
Vom  Scheitel  bis  zur  Zeh“
Bin  ich  der  Chevalier.“

Der  Flügeladsutant  von  Plessen  wurde  später  mein  Generaladjutant;
  ich  möchte  von  ihm  sagen,  daß  er  der  Generaladsutant
war,  wie  August  Eulenburg  der  Hofmarschall  war.  Einige  Worte
will  ich  dem  Flügeladjutanten  v.  Los  widmen.

v.  Loẽ,  ein  katholischer  Rheinländer,  war  wohl  der  bedeutendste
Kopf  in  der  militärischen  Umgebung  meines  Großvaters.  Er  besaß
ein  feines,  gewinnendes  Wesen  und  verfügte  über  vollendete  Formen.
Wenn  er  im  Gespräch  seinen  Partner  mit  seinen  klugen  Augen  durchdringend
  anblickte,  konnte  er  seinen  Worten  überzeugende  Kraft  verleihen.
  Er  urteilte  im  allgemeinen  treffend  über  Menschen  und  Dinge,
nicht  nur  in  seinem  soldatischen  Beruf,  sondern  auch  auf  anderen
Gebieten,  insbesondere  der  Politik.  Im  Kriege  1870/71  hat  er  das
Bonner  Königs-Husarenregiment  mit  besonderer  Auszeichnung  als
Kommandeur  geführt  und  sich  das  Eiserne  Kreuz  I.  Klasse  erworben.
In  seiner  langen  Dienstzeit  als  Adjutant  und  Generaladjutant  bei
meinem  Großvater  war  er  zu  einem  Vertrauten  geworden,  mit  dem
der  Kaiser  die  wichtigsten  Dinge  zu  besprechen  gewohnt  war.  Ebenso
brachten  meine  Großmutter  und  Großherzogin  Luise  den  gediegenen
Charaktereigenschaften  dieses  Mannes  großes  Vertrauen  entgegen.
Seine  stille  Arbeit  hatte  nicht  wenig  dazu  beigetragen,  die  Grund-110
        <pb n="131" />
        lagen  für  die  Herstellung  des  konfessionellen  Friedens  zu  schaffen,  denn
er  war  ebenso  treu  als  Sohn  der  römischen  Kirche  wie  als  preußischer
  Offizier.

In  meiner  Bonner  Zeit  habe  ich  General  v.  Los  näher  kennen
und  außerordentlich  verehren  gelernt,  so  oft  ich  mit  ihm  bei  meiner
Großmutter  in  Koblenz  zusammentraf.  Wenn  die  Kaiserin  ihre
großen  Empfänge  für  den  rheinisch-westfälischen  Adel  in  Koblenz
abhielt,  pflegte  sie,  da  ihr  das  Gehen  anfing  schwer  zu  werden,  mich
zu  khrer  Führung  herüberzubefehlen  und  sich  meiner  Hilfe  zu  bedienen.
General  v.  Los  war  meistens  dabei  und  hatte  die  Freundlichkeit,  mich
über  die  vorzustellenden  Persönlichkeiten  vorher  zu  orientieren.  Auch
während  meines  Kampfes  gegen  den  Untonklub,  auf  den  ich  später
kommen  werde,  erteilte  er  mir  wertvolle  Ratschläge,  da  er  selber  als
Kavallerie-Brigadekommandeur  in  Berlin  einen  ähnlichen  Kampf
versucht  hatte,  der  aber  ergebnislos  ausgegangen  war.

Obwohl  leidenschaftlicher  Kavallerist,  widmete  Los  sich  doch  mit
großem  Eifer  der,  soweit  es  das  alte  Reglement  gestattete,  modernen
Ausbildung  seiner  Infanterie.  Dies  war  ein  Thema,  das  wir  in
unsern  Gesprächen  oft  behandelt  haben.  Ein  Vorfall,  den  der  General
mir  bei  einer  solchen  Gelegenheit  einmal  erzählte  und  dessen  ich  mich
noch  genau  entsinne,  dürfte  sowohl  für  die  damaligen  Verhältnisse
wie  für  v.  Los  bezeichnend  sein.  Eines  Morgens  war  der  General
nämlich  auf  den  Kreuzberg  hinaus  geritten,  um  in  seiner  Eigenschaft
als  Divistonskommandeur  sich  die  infanteristische  Ausbildung  anzusehen.
  Dabei  beobachtete  er,  wie  unter  den  Augen  des  Generals
v.  Pape  die  Schügzenlinien  der  Infanterke  dahin  geschult  wurden,
in  tadelloser  „Richtung“  das  Feld  zu  überschreiten,  dieses  Ziel  konnte
natürlich  nur  dadurch  erreicht  werden,  daß  die  Leute  statt  nach  vorn
dauernd  nach  rechts  und  links  schauten.  Als  Los  sich  zu  Bape  gesellte,
  wies  ihn  dieser  mit  Stolz  auf  die  prachtvolle  „Richtung“  seiner
Schützenlinten  hin,  worauf  Loké  sarkastisch  erwiderte:  „Exzellenz,  die

111
        <pb n="132" />
        preußische  Infanterie  ist  doch  die  wunderbarste  der  Weltl“  Pape:
„Das  will  ich  wohl  meinen!  Aber  in  welcher  Beziehung  meinen
Sie  das  speziell?“  Los:  „Weil,  Euer  Ezzellenz,  die  preußische  Infanterie
  die  einzige  ist,  die  das  Kunststück  fertig  bringt,  beim  Vorgehen
  nie  auf  den  Feind,  sondern  nur  nach  der  Richtung  zu  sehen!“

Mit  rührender  Hingabe  hat  General  von  Los  nach  dem  Tode
mefnes  Großvaters  meiner  Großmutter  und  der  Großherzogin  Luise
von  Baden  zur  Seite  gestanden,  ebenso  auch  meiner  Tante  nach
dem  Hinschekden  meiner  geliebten  Großmutter.  Das  letzte  Mal,  daß
ich  dem  klugen,  treuen  Mann  die  Hand  drücken  konnte,  war  bei
der  Beisetzung  meines  verehrten  Onkels,  des  Großherzogs  Friedrich
von  Baden.  Gott  schenke  Deutschland  noch  viele  so  vaterlandstreue
Katholiken,  wie  Generaladsutant  v.  Los  einer  warl!

*

Generalarzt  Dr.  v.  Lauer  hat  das  Leben  und  die  Gesundheit  meines
Großvaters  jahrzehntelang  mit  größter  Sorgsamkekt  betreut.  Sein
feines  Gesicht  mit  der  goldenen  Brille  fiel  besonders  dadurch  auf,
daß  er,  was  damals  durchaus  ungewöhnlich  war,  glatt  rasiert  ging.
Er  war  ein  feingebildeter  alter  Herr,  sprach  Latein  wohl  so  gut
wie  Deutsch,  hatte  den  Horaz  immer  in  der  Tasche,  selbst  auf  der
Jagd,  und  ein  lateinisches  Zitat  immer  zur  Hand.  So  still  der
alte  Herr  war  und  so  wenig  er  hervortrat,  so  witzig  konnte  er  doch
sein.  Das  Verhältnis  zwischen  meinem  Großvater  und  ihm  beruhte
auf  engstem  Vertrauen.

In  späteren  Jahren  kam  auch  Dr.  v.  Leuthold  zu  meinem  Großvater.
  In  der  Schule  Lauers  groß  geworden,  war  er  immer  vorwärts
  treibend  in  der  medizinischen  Forschung,  suchend  und  lernend)
gleichwohl  verachtete  er  zu  gewissen  Zeiten  ein  gutes  altes  Hausmittel
keineswegs.  Leuthold  ist  auch  noch  lange  Zeit  bet  mir  gewesen,  er
war  mir  ein  väterlicher  Freund,  nicht  nur  mein  Leibarzt.  Sein  abgeklärtes
  Urteil  und  seine  tiefe  Bildung  gestalteten  den  Verkehr

112
        <pb n="133" />
        mit  ihm  außerordentlich  gewinnbringend.  Auch  bei  Königin  Victorka
stand  er  in  hohem  Ansehen,  und  ebenso  verehrte  ihn  ihr  Leibarzt
Sir  James  Reid,  der  überhaupt  ein  großer  Anhänger  der  deutschen
Medizin  war.  Ich  werde  Leutholds  stets  mit  großer  Dankbarkeit
gedenken.  ·
M
Unter  den  Hofpredigern  war  die  führende  Persönlichkeit  zur  Zeit
meines  Großvaters  Oberhofprediger  D.  Kögel.  Seine  Figur  zeich—
nete  sich  durch  eine  solche  Größe  aus,  daß  er  einst  Flügelmann  des
Kaiser  Alexander-Garde-Grenadierregiments  Nr.  1  gewesen  war.  Aus
seinem  Gesicht  sprachen  Energie  und  ein  gewisser  Fanatismus,  der
ihm  zuweilen  etwas  Finsteres  verlieh,  er  war  leidenschaftlich  „orthodox“.
  Seine  Predigten  waren  voll  kühnen  Gedankenschwunges  und
in  der  Form  vollendet,  doch  fehlte  es  ihnen  an  einer  gewissen  sym—
pathischen  Wärme,  sie  wirkten  mehr  auf  den  Verstand  als  auf  das
Herz.  Im  Königlichen  Hause  genoß  er  allgemein  hohes  Ansehen
und  stand  besonders  meinen  Großeltern  sehr  nahe,  er  hat  ihnen  bei—
den  wundervolle  Gedächtnisreden  gehalten.  Bei  dem  Gedenkgottesdienst
  für  meine  Großmutter  in  der  Kapelle  des  Schlosses  zu  Berlin
mußte  er  seine  Rede  plötzlich  abbrechen,  da  er  von  einem  Unwohlsein
  befallen  wurde,  das  ein  Aussetzen  des  Gedächtnisses  zur  Folge
hatte.  Ich  erfuhr  später  von  den  Arzten,  daß  D.  Kögel  während
seines  ganzen  Lebens  keine  Predigt,  keine  Ansprache  frei  gehalten,
sondern  alle  auswendig  gelernt  hatte.  Die  vielen  Andachten  an  den
Sterbelagern  meiner  beiden  Großeltern  hatten  ihn  so  überanstrengt,
daß  schließlich  das  Gedächtnis  den  Dienst  versagte.  Sein  Ausscheiden
bedeutete  das  Verschwinden  einer  der  markantesten  Bersönlichkeiten
unter  den  Geistlichen  seiner  Zeit.

*#

In  engen  Beziehungen  zu  meiner  Tante  Luise,  wie  vor  allem
auch  zu  meiner  Großmutter  stand  Hofprediger  Frommel,  der  aus

8Uus  meinem  Leben  113
        <pb n="134" />
        Baden  stammte.  Von  kleiner,  zierlicher  Gestalt,  mit  langem,  schneeweißen,
  aus  der  Stirn  zurückgekämmten  Haar,  großen  leuchtenden
Kinderaugen,  mit  lebhaftem  Gebärdenspiel,  ein  kristallener  Charakter,
eine  durch  und  durch  sonnige  Natur,  gewann  er  sich  aller  Herzen.
Ich  glaube  ohne  Ubertreibung  sagen  zu  dürfen:  Frommel  hat  nie
einen  Feind  gehabt!  Seine  gutmütige  Mildtätigkeit  kannte  keine
Grenzen.  Die  Armen  von  Berlin  konnten  ein  Lied  davon  singen,
denn  er  gab  tatsächlich,  wenn  einer  den  Nock  forderte,  auch  den
Mantel.  Als  Garnisonpfarrer  predigte  er  in  der  Berliner  Garnisonkirche
  und  war  bei  den  Soldaten  und  seiner  Zivilgemeinde  ungemein
beliebt.  Seine  Predigten  sprach  er  schlicht  und  klar  und  erfüllte  sie
mit  wohltuender  Wärme  und  wundervollen  Bildern,  die  er  gleich
dem  Heiland  aus  der  Natur  zu  nehmen  pflegte.  Seine  Bitten  um
Unterstützung  für  diese  oder  sene  Familie,  Bereine  oder  Gemeinden
trug  er  mit  so  beredter  Innigkekt  vor,  daß  ihnen  nie  der  Erfolg
versagt  blieb.  Er  erzählte  mir  gelegentlich,  daß  man  nach  seiner
Erfahrung  zu  feder  Predigt  oder  überhaupt  zu  jeder  Rede  erst  einmal
  „einen  Nagel“  haben  müsse,  an  dem  man  die  Sache  aufhängen
könne.  So  sei  er  einmal  in  eine  Versammlung  gegangen,  um  für
eine  Kollekte  zu  einem  Kirchenbau  zu  sprechen,  hätte  aber  noch  keinen
Nagel  gehabt  und  sich  den  Kopf  zerbrochen,  einen  ausfindig  zu
machen.  Als  er  nun  an  der  Straßenecke  einen  ihm  seit  langem
bekannten  Drehorgelmann  getroffen  habe,  hätte  dieser  ihm  zugerufen:
„Herr  Hofprediger,  Sie  sind  doch  sozusagen  ein  anständiger  Mann,
geben  Sie  mir  doch  einen  Groschen!“  Aun  hätte  er  seinen  „Nagel“
gehabt  und  in  seiner  Ansprache  dann  der  Versammlung  gesagt:
Das  Geld  sei  da  (allgemeine  Begeisterung),  aber  noch  nicht  hier
(Enttäuschung).  Die  sehr  geehrten  Damen  und  Herren  seien  doch
sozusagen  „anständige  Leute“,  also  möchten  sie  ihm  doch  die  nötigen
Beiträge  geben.  Der  Erfolg  sei  gewesen,  daß  eine  namhafte  Summe
gezeichnet  wurde.

114
        <pb n="135" />
        Als  Frommel  in  Baden  noch  Dorfpfarrer  war,  ging  ihm  vom
Konsistorium  ein  von  der  Kanzel  zu  verlesender  Erlaß  zu,  daß  den
Bauern  mehr  Ethik  gepredigt  werden  solle.  Als  Frommel  mit  der
Verlesung  fertig  war,  sagte  er  zu  seinen  Bauern:  „Ihr  werdet  mich
fragen,  was  Ethik  ist.  Ich  werde  es  euch  durch  ein  Gleichnis  er—
klären.  Seht,  meine  Lieben,  ihr  seid  jetzt  gute,  brave,  gewöhnliche
Appelbäum  und  habt  ordentlich  einfache  Appel  hervorgebracht.  Nun
will  das  Konsistorium,  daß  ihr  Bergamottebirnbäume  werden  und
Bergamottebirnen  hervorbringen  sollt.  Da  werdet  ihr  mir  antworten:
  „Herr  Pfarrer,  das  können  wir  nit.  Da  habt  ihr  ganz
recht,  das  könnt  ihr  nit,  also  bleibt  Appelbaeum  !  Wir  wollen  die
Ethik  beiseite  lassen  und  fortfahren,  uns  mit  unserm  lieben  Herrn
und  Heiland  zu  beschäftigen.“

Nach  meiner  Heirat  weilte  Frommel  oft  als  verehrter  Gast  in
meinem  Hause  und  gestaltete  die  Abende  durch  seine  geistvollen
Gespräche  ungemeln  genußreich.  Im  Jahre  1894  begleitete  er
zur  Stärkung  seiner  angegriffenen  Gesundheit  meine  Familie  und
mich  nach  Abbazka  und  bezeugte  an  dem  herrlichen  Süden  seine
innige  Greude.  Als  Kaiser  Franz  Josef  uns  dort  besuchte,  war  er
sichtlich  angenehm  berührt,  in  Frommel  einen  guten  alten  Bekannten
aus  Gastein  wiederzusehen,  da  dieser  dort  oft  für  meinen  Großpvater
amtiert  hatte.  Für  die  deutsche  Jugend  sind  die  von  köstlichem  Humor
erfüllten  Schriften  Frommels  und  seine  hübschen  Gedichte  ein  wertvolles
  Gut.

Von  Hofprediger  Hepm  habe  ich  bereits  im  Verlauf  meiner
eigenen  Jugendgeschichte  berichtet.

*

Wenn  ich  noch  in  aller  Kürze  der  Damen  und  Herren  des  Hofes
gedenken  soll,  so  muß  ich  in  erster  Hinie  des  Ministers  des  Königlichen
  Hauses  v.  Schleinitz  Erwähnung  tun.  Der  Hausminister  war
ein  alter  Diplomat  aus  dem  Rokoko,  amüsant  und  witzig,  der  es

6  115
        <pb n="136" />
        in  hohem  Grade  verstand,  die  Leute  zu  bezaubern.  Meine  Groß-=eltern
  hatten  ihn  außerordentlich  gern  und  unterhielten  zu  ihm  von
alten  Zeiten  her  ein  inniges  Vertrauensverhältnis.  Meine  Eltern
sind  oft  nach  Tisch  hingefahren  und  haben  mich  manches  Mal  mitgenommen,
  denn  Frau  Marie  v.  Schleinitz,  allgemein  „Mimi“  genannt,
  war  eine  intime  Freundin  meiner  Mutter.  Sie  war  eine
literarisch  hochgebildete  und  ungemein  geistvolle  Dame,  iteratur,
Kunst  und  Politik,  vor  allem  ein  begeisterter  Wagnerkult  hatten  eine
Pflegestätte  im  vielberühmten  „Salon  Schleinitz“  in  der  Wilhelmstraße
  Nr.  73  gefunden.  Als  Offizier  bin  ich  auf  Anraten  meiner
Mutter  oft  Sonntags  in  dem  Salon  gewesen  und  habe  mich  in  der
eigenartigen  Atmosphäre  stets  wohl  gefühlt.

Den  Hofmarschall  Graf  Perponcher  habe  ich  nur  auf  Hoffesten
und  bei  feierlichen  Gelegenheiten  zu  sehen  bekommen,  er  waltete
seines  Amtes  mit  der  vollendeten  Grazie  eines  Hofmarschalls  des
ancien  régime.  Sehr  verehrt  habe  ich  die  Palastdame  Gräfin  Ortola,
eine  gelstvolle  Dame  von  zierlicher  kleiner  Figur,  der  unverkennbar
portugkesisches  Blut  in  den  Adern  floß,  und  die  doch  zur  echten
Preußin  geworden  war.  Mich  hat  sie  auf  dem  glatten  Parkett  des
Hofes  mit  der  ihr  eignen  Herzensgüte  unter  ihre  Fittiche  genommen
und  sich  damit  mein  dankbares  Gedenken  gesichert.  Dagegen  war
man  sich  über  eine  andere  Hofdame  allgemein  einig,  daß  sie  trotz
aller  treuen  Anhänglichkeit  an  ihre  Kaiserin  eigentlich  nicht  an  einen
Hof  gehörte.  Sehr  bezeichnend  ist  der  Spitzname,  den  sie  führte:
„das  preußische  Häkchen“.

Und  mit  dem  preußischen  Häbchen  schließe  nun  der  Reigen  historischer
  Gestalten  an  dem  Hofe  Kaiser  Wilhelms  I.

t  *  #
        <pb n="137" />
        Auf  dem  Gymnasium  zu  Kassel
        <pb n="138" />
        <pb n="139" />
        J.
B.  nach  meiner  Einsegnung  wurde  mir  eröffnek,  daß  meine

Eltern  bestimmt  hätten,  ich  solle  von  nun  an  das  Gymnastum
in  Kassel  besuchen,  um  dort  meine  Schulbildung  abzuschließen  und
das  Abiturientenexamen  zu  bestehen.

Der  Urheber  dieses  Blanes  war  Hinzpeter,  er  betrieb  ihn  bereits
seit  1870,  die  ersten  Borschläge  hatte  er  meiner  Mutter  in  Homburg
gemacht  und  sie  dann  in  einer  Denkschrift  meinem  Vater  nach  Bersailles
  gesandt.  Als  die  Gründe,  die  ihn  zu  diesem  Vorschlage  veranlaßten,
  gab  mein  Erzieher,  wie  er  in  seinen  Aufzeichnungen  rückblickend
  feststellt,  in  mehreren  Denkschriften  hauptsächlich  folgende  an:
«Es  sollte  der  ganzen  Erzlehung  durch  Unterwerfung  unter  eine
dußere  unabänderliche,  der  Willkür  entzogene  Norm  eine  Ruhe  und
Stetigkeit  gegeben  werden,  welche  die  Privaterziehung,  namentlich
bei  den  Ansprüchen  und  Gewohnheiten  des  Hoflebens,  trotz  des
ernsten  Willens  aller  Beteiligten,  unmöglich  herstellen  lassen,  und
die  doch  auch  eine  Vorbedingung  günstiger  Entwicklung  sind
Eine  weltere  günstige  Folge  des  Unterwerfens  unter  eine  spstemattsch
ausgearbestete  und  streng  festgesetzte  Regel  sollte  die  Gewöhnung  an
strenge  unerbittliche  Pflichterfüllung  und  Konzentration  aller  Kräfte
auf  die  unmtttelbar  vorliegende  Aufgabe  sein.  Für  den  künftigen
Souverän,  Leiter  eines  Bolkes,  schien  es  von  der  höchsten  Wichtigkeit
  zu  sein,  daß  er  Gedanken  und  Gefühle  desselben  kenne  und  verstehe,
  und  das  ist  doch  nur  möglich,  wenn  er  denselben  Bildungsgang

119
        <pb n="140" />
        gehabt,  den  der  Gebildetste  desselben  durchgemacht,  wenn  er  mit
denselben  Vorstellungen  und  Grundsätzen  genährt  werde  wie  sie,  wenn
er  auch  Gelegenheit  gehabt,  mit  Menschen  aus  anderen,  von  seiner
späteren  gewohnten  Umgebung  verschiedenen  Klassen  in  vielfach  nähere
Berührung  zu  kommen  .  .»

Die  Verwirklichung  seines  Planes  scheint  meinem  Erzieher  erhebliche
  Schwierigkeiten  bereitet  zu  haben,  wie  aus  seinen  Aufzeichnungen
zu  entnehmen  ist.  Er  betont,  daß  es  sich  dabei  um  einen  Bruch  mit
der  Tradition  an  dem  in  Familienangelegenheiten  konservativsten  Hofe
der  Welt  gehandelt  habe,  auch  die  Vorstellung  von  einem  Thronerben
auf  der  Schulbank,  schutzlos  der  Kritik  der  Welt  preisgegeben,  hätte  in
weiten  Kreisen  Anstoß  erregt  und  der  Plan  ihrer  Verwirklichung  hef—
tigen  Widerstand  erfahren.  Hinzpeters  Anregung  wurde  daher  zunächst
nur  als  Direktive  hingestellt,  und  demgemäß  wurde,  wie  ich  bereits
schilderte,  außer  der  Mathematik  auch  das  Griechische  in  den  Unter—
richtsplan  aufgenommen,  seine  in  der  Erziehung  von  Prinzen  unerhörte
  und  vielkritisierte  Maßregelo.  Aber  mit  der  ihm  eigenen  westfälischen
  Zähigkeit  überwand  Hinzpeter  alle  Widerstände,  die  sich
seinem  Blan  in  den  Weg  stellten.  Zu  Anfang  des  Jahres  1874
scheint  dessen  Ausführung  genehmigt  worden  zu  sein.

Für  die  Wahl  des  Ortes  ließ  Hinzpeter  sich  von,  dem  Gestchtspunkt
  leiten,  daß  dieser  eine  gesunde  Lage  besigen  und  in  der  Nähe
einer  größeren  Stadt  gelegen  sein  müsse,  um  die  Lehrmittel  für  den
französischen  und  englischen  Unterricht,  die  das  Gymnasium  nicht  bot,
erreichbar  zu  machen.  Im  März  1874  dachte  er  in  erster  Linie  an
Homburg  oder  Wiesbaden,  erst  eine  Neise  im  August  dürfte  die  Entscheidung
  für  Kassel  gebracht  haben.

In  der  Tat  war  Kassel  ein  geradezu  ideal  zu  nennender  Ort  für  die
Schulsugend.  In  der  kleinen  Stadt  beherrschten  die  Schulen  damals
das  ganze  Leben  wie  sonst  nur  die  Universitäten.  Die  schöne  Gegend
mit  ihren  herrlichen  Gartenanlagen  gab  Gelegenheit  genug  zu  Spa-120
        <pb n="141" />
        ziergängen,  zu  kleinen  und  großen  Ausflügen.  Das  Theater,  eine
Oper,  ein  Museum  und  eine  Bildergalerie  schufen  vielerlei  Bildungsmöglichkeiten.
  Schönes  geselliges  Leben  in  der  Stadt  vermittelte
anregenden  Verkehr.  Nimmt  man  dazu,  daß  Schloß  Wilhelmshöhe,
wo  wir  im  Sommer  wohnen  sollten,  eine  unvergleichliche  Lage  besttzt,
so  muß  man  wohl  zugeben,  daß  Hinzpeter  eine  gute  Wahl  getroffen
hatte.

I.

Als  ich  von  dem  Plane,  mich  nach  Kassel  zu  verpflanzen,  zuerst
erfuhr,  war  ich  wenig  angenehm  überrascht.  Denn  nun  sollte  ich  das
Elternhaus  verlassen,  unter  dessen  Schutz  ich  aufgewachsen  war,  sollte
in  die  Hand  neuer  Lehrer  gegeben  werden  und  nun  mit  einem  Male
unter  fremden  Knaben  in  einer  öffentlichen  Schule  lernen,  mit  ihnen
wetteifern  und  —  unter  ihnen  bestehen!  Es  wurde  mir  doch  recht
unbehaglich  zumute.

Ein  Trost  war  es  für  mich  wenigstens,  daß  mein  lieber  Bruder
Heinrich  mich  begleitete;  er  sollte,  da  er  für  den  praktischen  Beruf
des  Seemanns  bestimmt  war,  die  Realschule  in  Kassel  beziehen.
Außerdem  kamen  mein  „Zivilgouverneur“  Dr.  Hinzpeter  und  mein
„Milktärgouverneur“  Generalmasor  v.  Gottberg  mit.  Letzterer,  der  seit
1871  als  Nachfolger  des  Premterleutnants  O  Danne  mich  betreute,
war  ein  spmpathischer  und  liebenswürdiger  Herr,  den  ich  außerordentlich
  gern  gehabt  habe.  Ich  habe  auch  in  seiner  Familie  verkehrt,
  wo  es  immer  ungemein  gemütlich  zuging.  In  Kassel  lag  ihm
neben  anderem  die  Verwalkung  unseres  Hausstandes  ob,  wodurch
er  oft  in  Gegensatz  zu  Hinzpeter  geriet.  Denn  dieser  hatte  einen
ebenso  großen  wie  grundlosen  Haß  auf  den  General  geworfen.

*

Bereits  wenige  Tage  nach  meiner  Einsegnung  schlug  die  Ab—
schiedsstunde,  und  es  hieß  nun,  aus  dem  Clternhause,  von  Berlin

121
        <pb n="142" />
        und  Potsdam,  von  Freunden  und  Verwandten  scheiden  und  in  die
Fremde  ziehen

Den  Ubergang  sollte  eine  Reise  durch  den  Harz  vermitteln.  An  ihr
nahmen  außer  meinem  Bruder  Heinrich  und  mir  noch  die  Kameraden
v.  Rex  und  v.  Moser  teil,  Hinzpeter  hatte  die  Führung.  Die  Wanderung
  führte  uns  von  Thale  aus  nach  Harzburg,  nach  Ilsenburg,
nach  Goslar,  wo  wir  in  der  Kaiserworth  gewohnt  haben  und  in  den
Rammelsberg  einstiegen,  wir  sind  weiter  auf  dem  Brocken  gewesen,
wo  dichter  Nebel  jede  Aussicht  versperrte,  auf  dem  Regenstein,  wo
ein  Herr  Leibrock  uns  führte,  uns  sein  Harzbuch  dedizierte  und  zu
einer  internen  Berühmtheit  gelangte  („steht  im  Leibrock“  wurde  bei
uns  zu  einem  geflügelten  Wort),  und  auf  Schloß  Wernigerode,  wo
der  Hausmeister  wegen  unseres  zweifelhaften  Aussehens  à  la  Wandervogel
  uns  hinauswarf.  Im  Gasthof  mußten  wir  mit  einem  winzigen
Zimmer  vorliebnehmen,  da  die  Manövereinquartierung  das  Haus
mit  militärischen  Gästen  angefüllt  hatte.  Auch  die  den  ganzen  Tag
über  gehegte  Hoffnung  auf  ein  schönes  Gericht  Gebirgsforellen  schwand
dahin,  da  die  hungrigen  Krieger  bereits  bis  auf  den  letzten  Fisch
alles  verzehrt  hatten.  Nach  Trennung  von  unseren  Kameraden  fuhren
wir  mit  der  Bahn  nach  Münden  a.  d.  Werra,  besuchten  dort  die  schöne
alte  Kirche  mit  dem  Grabmal  des  berühmten  Doktor  Eisenbart  und
marschterten  auf  der  alten  Landstraße  über  die  Berge  hinweg  nach
Kassel.

Die  Reise  gab  uns  wundervolle  Eindrücke  von  dem  lieblichen
Gebirge  und  den  Stätten  historischer  Erinnerung  —  aber  die  Gedanken,
  die  voller  Sehnsucht  in  die  Hefmat  und  nicht  ohne  Bangen
in  die  ungewisse  Zukunft  gingen,  wollten  sich  nicht  bannen  lassen,
und  als  ich  den  Ort,  der  von  nun  an  meine  Heimat  werden  sollte,
zum  ersten  Male  sah,  da  wurden  ste,  wie  ich  aus  meinem  „Lebenslauf“
  nun  wieder  ersehe,  übermächtig  in  meinem  Herzen:  «Als  ich
zum  ersten  Male  Kassel  vom  Sondershäuser  Berg  vor  mir  liegen

122
        <pb n="143" />
        sah,  stiegen  alle  diese  Gedanken  mit  doppelter  Macht  in  mir  auf,
da  aber  dachte  ich  an  meine  Einsegnung  und  an  das  Lied,  welches
dabei  gesungen  worden  war:  „Ein  feste  Burg  ist  unser  Gott“,  und
die  Zweifel  und  Gedanken  verschwanden  wie  böse  Gespenster  oder
Spukgestalten.?

*
*  *

Im  Fürstenhof  zu  Kassel  wäre  es  uns  beinahe  wie  auf  Schloß
Wernigerode  ergangen.  Erst  nach  langem  Palaver  zwischen  dem  empörten
  Hinzpeter  und  dem  Portier,  der  zwei  preußische  Prinzen  erwartete,
die  wir  doch  unmöglich  sein  könnten,  wurden  wir  endlich  eingelassen.
Uberhaupt  waren  die  Umstände  unseres  „Einzugs“  in  Kassel  so  seltsam
  und  eigenartig,  daß  ich  es  mir  nicht  versagen  kann,  hier  aus
Hinzpeters  Tagebuch  die  betreffende  Stelle  vom  12.  September  1874
einzureihen.  Sie  dürfte  auch  hervorragend  geeignet  sein,  den  Geist
und  die  Gesinnung  zu  kennzeichnen,  die  meine  ganze  Erziehung  beherrscht
  haben:  «Wir  zogen  in  Kassel  ein  unter  eigentümlichen  Formen,
im  bewußten  Gegensatz  zu  der  Phantasie  der  Menge.  MWir  saßen
sehr  vergnügt  im  Landwehrhagen  in  der  Kegelbahn  einer  Fuhrmannsknespe,
  saures  Bier  und  hartes  Brot  mit  gesalzener  Butter  zu  uns
nehmend.  Es  regnete  dazu  und  sch  hielt  meinen  Regenschirm  über
das  Frühstück,  um  das  Bier  nicht  noch  wäßriger  werden  zu  lassen,
denn  wir  bedurften  der  Stärkung  nach  einem  beschwerlichen  Marsche.
Wir  hörten  dort  das  Pfeifen  der  Lokomotive  und  wußten  daraus,
daß  in  diesem  Moment  der  Kaiser  im  Triumph  in  Kassel  einzog,  im
bequemen  Salonwagen,  geehrt,  geprlesen,  gut  dinierend,  in  vollem
Genuß  der  erworbenen  Stellung  nach  der  Arbeit  des  Lebens,  während
Prinz  Wilhelm  hier  ebenso  dürftig  gefrühstückt,  mit  müden  Beinen
und  leerem  Magen  in  echter  Weise  des  fahrenden  Schülers  nach
Kassel  marschiert  und  in  Kassel  einzieht.  Und  diese  Moralpredigt  in
Wort  und  Tat  findet  vollen  Beifall.  Um  nicht  mit  dem  Kaiser  in
Kassel  zu  sein,  treiben  wir  uns  in  der  Umgebung  herum,  finden  mit

12
        <pb n="144" />
        Not  im  Augarten  eine  Tasse  Kaffee,  wozu  noch  mit  Wonne  eine  im
Landwehrhagen  eingesteckte  Brotrinde  verzehrt  wird,  dann  ziehen  wir
endlich  nach  unserem  Fürstenhof  in  der  Königstraße,  wo  der  Portier
in  Gala  sich  nur  schwer  überreden  läßt,  daß  wir  die  erwartete  Gesellschaft

  vorstellen.
So  waren  wir  an  unserem  Bestimmungsort  angelangt.

IlI.

Es  ging  aber  alles  viel  besser,  als  ich  gedacht  hatte,  denn:  „Ich
war  kaum  eine  Woche  in  der  Schule  gewesen,  so  fühlte  ich  mich
so  zu  Hause  in  der  Klasse  (es  war  die  Obersekunda)  und  war  so
schnell  vertraut  geworden  mit  meinen  Kameraden,  daß  es  mir  vorkam,
  als  ob  ich  nie  anders  als  in  der  Klasse  meinen  Unterricht  genossen
  hätte.  Gerade  der  Schriftsteller,  welchen  wir  lasen,  entsprach
meinen  Hoffnungen  und  Wünschen,  die  lebhafte  genaue  Darstellung
der  Ereignisse,  die  treffende  Charakteristik  der  in  den  erzählten  Ereignissen
  vorkommenden  PBersonen  machten  mir  die  HLektüre  zu  dem
Anziehendsten,  was  ich  von  den  Werken  Sallusts  gelesen  habe?#).

Wie  ich  aus  Hinzpeters  Aufzeichnungen  ersehe  —  ich  weiß  nicht,
ob  es  mir  damals  zum  Bewußtsein  gekommen  ist  —,  war  ich  nicht
der  Einzige,  der  meinem  Eintritt  in  die  Schule  mit  geteilten  Gefühlen
entgegensah:  «Auf  seiten  der  Lehrer  und  Schüler  des  Gymnasiums
waren  die  Empfindungen  zuerst  ebenfalls  unbehaglich  genug,  da  der
neue  Schüler  und  Mitschüler  als  eine  ganz  unberechenbare  Größe,
als  ein  sehr  heterogenes  Element  erschien.  Indes  das  dauerte  nicht
lange,  da  der  Prinz,  nach  seiner  Art  sich  auch  hier  der  gegenwärtigen
Existenz  mit  Enthusiasmus  hingebend  wie  später  als  Student  und
Offizler,  so  hier  als  Gymnasiast  sich  fühlte  und  gebärdete.  Die  Mit—
schüler  entdeckten  bald,  daß  er  trotz  der  stets  bewährten  taktvollen

*)  Aus  meinem  Curriculum  vitae.

124
        <pb n="145" />
        Zurückhaltung,  die  jede  unnötige  Familiarität  ausschloß,  ein  guter
Kamerad  sein  wolle  und  könne,  stets  bereit,  sich  mit  ihnen  in  ihren
Plänen  und  Bestrebungen  zu  identifizieren  und  von  dem  aufrichtigen
Streben  erfüllt,  mit  ihnen,  auf  jedes  Privilegium  verzichtend,  als
Gleichgestellter  zu  konkurrieren.  Da  der  Prinz  in  der  Auswahl
seiner  näheren  Bekannten  grundsätzlich  weder  beeinflußt  noch  beschränkt
  wurde,  so  bildete  sich  zu  einigen  spmpathischeren  Persönlichkeiten
  ein  näheres  Verhältnis,  das  einen  vertrauteren  Berkehr  gestattete.
  Die  ganze  Situation  gestaltete  sich  auch  in  dieser  Beziehung
so  natürlich  und  deshalb  fruchtbar,  wie  es  kaum  zu  hoffen  gewesen
war.?

Ich  habe  mit  allen  meinen  Mitschülern  gute  Kameradschaft  gehalten,
  ohne  gerade  mit  dem  einen  oder  anderen  engere  Freundschaft
zu  schließen.  Besonders  entsinne  ich  mich  noch  der  Kameraden
Johannes  Brauneck,  später  Direktor  des  Wilhelm-Gymnasiums  in
Hamburg,  des  nachmaligen  Staatsanwalts  Ganslandt  und  eines
klefnen  jüdischen  Mitschülers,  des  späteren  Appellationsgerichtsrats
Sommer,  der  im  September  1029  verstorben  ist.  Am  meisten  verkehrt
  haben  wir,  d.  h.  mein  Bruder  Heinrich  und  ich,  mit  einem
Kameraden  namens  Wild,  der  weder  in  dessen  noch  in  meiner  Klasse
war)  es  war  der  spätere  Kriegsminister  Wild  v.  Hohenborn.  Ein
netter,  frischer  Knabe,  unschätzbar  bei  den  damals  viel  geübten
Scharadespielen  und  Theateraufführungen,  hat  er  uns  beiden  sehr
nahe  gestanden.

Auch  einer  anderen  Jugendbekanntschaft  aus  dieser  Zeit  möchte
ich  hier  Erwähnung  tun,  wenngleich  sie  mit  dem  Gymnasium  nichts
zu  tun  hat.  Ich  meine  den  fungen  Grafen  Emil  Görtz,  den  ich  bei
einem  Besuche  in  Schlitz  kennen  lernte.  Von  riesengroßem  Wuchs,
war  er  eine  genial  veranlagte  Natur,  begabt  in  vielen  Künsten,  er
malte,  sang,  deklamierte,  dichtete,  komponierte,  bildhauerte  —  und
strotzte  von  Kraft  und  Tätigkeitsdrang.  Dazu  besaß  er  einen  kristall-12)
        <pb n="146" />
        klaren  Charakter  und  war  im  tiefsten  Innern  eine  reine  Kinderseele.
Sein  Unglück  war  nur,  daß  er  seine  Kräfte  verzettelte  und  es  in
keinem  Fache  zu  etwas  Uberragendem  brachte.  Ich  habe  ihn  später
zu  beeinflussen  und  ihm  eine  feste  Richtung  zu  geben  versucht,  bekanntlich
  hat  er  den  Coligny  vor  dem  Berliner  Schloß  und  Ludwig
den  Römer  in  der  Stegesallee,  sowie  andere  von  mir  angeregte
Skulpturen  geschaffen.  Er  war  für  mich  mehr  der  Freund,  der  mir
künstlerische  Anregungen  und  Ratschläge  geben  konnte  als  der  schöpferisch
  ausübende  Künstler;  bei  seinem  Stilverständnis  für  alle  Zeitalter,
  besonders  für  die  Antike,  war  er  dazu  wie  wenige  andere  befahigt.


Nach  dieser  kurzen  Abschwekfung  kehre  ich  zum  Kasseler  Gymnasium
  zurück.

Von  den  Lehrern  habe  ich  besonders  im  Andenken  den  Dfrektor
Vogt,  der  alte  Sprachen  gab,  er  war  zwar  streng,  aber  doch  umgänglich,
  nicht  verknöchert  und  durchaus  kein  Pedant,  sehr  gütig  im
außerdienstlichen  Verkehr.  Er  erwies  sich  als  ein  besonderer  Kenner
des  griechischen  und  römischen  Theaters  und  stieß  mit  diesen  Kenntnissen
  auf  starkes  Interesse  bei  mir.  Der  Geschichtslehrer  Hartwig
war  ebenfalls  anregend  und  trug  ausgezeichnet  vor,  während  ich
meinen  Ordinarkus  Heußner  als  etwas  trocken  in  Erinnerung  habe.
Von  unserem  Mathemattklehrer,  Herrn  Schorre,  ist  zu  sagen,  daß  er
ein  weit  besserer  Zäger  als  Mathematiker  war.  Während  er  uns
bann  und  wann  durch  die  Schilderung  eines  nächtlichen  Abenteuers
mit  einem  Ungetüm  im  Kaufunger  Wald  (einer  „Uäne',  wie  er
sagte)  in  Erstaunen  zu  versetzen  pflegte,  war  er  außerstande,  uns  das
Wesen  und  das  Entstehen  einer  Gleichung  faßlich  zu  machen.  Als
wir  aber  nach  Unterprima  versetzt  wurden,  kamen  wir  zu  einem  ausgezeichneten
  Mathematiklehrer,  der,  nebenbei  bemerkt,  eine  täuschende
Ahnlichkeit  mit  Naßr  ed-Din,  dem  Schah  von  Persien,  besaß.  Dieser
Lehrer,  Dr.  Auth  mit  Namen,  war  ein  dicker,  sovtaler  Herr,  der  den

120
        <pb n="147" />
        Wein  und  —  ein  gut  geheiztes  Klassenzimmer  besonders  liebte.  Da
mich  das  Vertrauen  der  Klasse  ermächtigt  hatte,  die  Heizung  des
Ofens  zu  bewerkstelligen,  so  kachelte  ich  jedesmal  vor  seinem  Erscheinen
  gründlich  ein.  Allerdings  vergingen  meine  in  der  Nähe
des  Ofens  sitzenden  Kameraden  fast  vor  Hitze,  aber  dieser  Nachteil
wurde  reichlich  aufgewogen  durch  die  gute  Laune  Dr.  Auths,  die  der
Höhe  der  Temperatur  proportional  zu  sein  pflegte  und  die  der  ganzen
Klasse  zugute  kam.  Dr.  Auth  hat  uns  in  Unter=  und  Oberprima
durch  seinen  trefflichen  Unterricht  und  seinen  frischen,  anregenden  Vortrag
  vorzüglich  vorwärts  gebracht,  so  daß  unsere  Klasse  beim  Abiturientenexramen
  in  Mathematik  gut  abschnitt.

*
*  #

Der  Unterricht  stellte  freilich  enorme  Anforderungen,  von  denen
die  heutige  Jugend  sich  kaum  einen  Begriff  machen  kann.  Daß  Schule
und  häusliche  Arbeit  10  bis  11  Stunden  in  Anspruch  nahmen,  war
durchaus  keine  Seltenheit.  Ich  mußte  im  Sommer  seden  Tag  um
5  Uhr  aufstehen,  um  6  Uhr  saß  ich  schon  über  der  Arbeit,  um  mich
auf  den  Schulunterricht  vorzubereiten,  der  von  8  bis  12  Uhr  währte.
Die  Zeit  von  12  bis  2  Uhr  wurde  ausgefüllt  mit  Spazierengehen,
Gechten  oder  Schwimmen.  Dann  folgten  wieder  zwei  Schulstunden,
an  die  sich  für  mich  eine  Repetitionsstunde  bei  Hinzpeter  anschloß.
Von  F  bis  6  Uhr  war  Essenspause,  die  wieder  von  mindestens  zwei
Arbeitsstunden  abgelöst  wurde.  Oft  dauerte  der  Nachhilfeunterricht
bis  0  Uhr  und  länger.  Kam  doch  bei  mir  zu  den  Lasten,  die  alle
Schüler  zu  tragen  hatten,  noch  der  Spezialunterricht  in  Englisch
sowie  in  Französisch  bei  dem  Schweizer  Beauvon,  später  bei  dem
Franzosen  Apme  hinzu!  Die  heutige  Zugend  hat  es  nicht  so  schwer,
und  das  ist  gut  so,  denn  uns  wurde  das  Leben  damals  oft  zur  Qual

gemacht.
7

127
        <pb n="148" />
        Uber  den  Unterricht  selbst  wüßte  ich  aus  eigener  Erinnerung
kaum  noch  etwas  zu  berichten,  und  bestenfalls  wäre  dieses  durch  den
Anschauungswandel  im  späteren  Leben  getrübt  und  verzerrt.  Es  erscheint
  mir  daher  am  besten,  wenn  ich  statt  dessen  die  Worte  meines
Curriculum  vitae  hierhersetze,  die  getreu  meine  damalige  Anschauung
wiedergeben.  Ich  setze  mit  der  Stelle  ein,  die  sich  an  die  vorhin
erwähnte  über  Sallust  anschließt:

«Später  lasen  wir  eine  Rede  Ciceros,  „pro  lege  Manilia“  oder
„de  imperio  Cn.  Pompeji“,  welche  ich  für  die  einzige  halte,  in  welcher
Cicero  weniger  von  sich  als  von  dem  Gegenstand  seiner  Rede  spricht.
Im  Griechischen  lasen  wir  den  Homer,  da  frischte  ich  alle  meine
alten  Vorstellungen  von  dem  antiken  Griechentum  in  wohltuender
Weise  wieder  auf.  Die  schönen  Gleichnisse  aus  der  Natur,  die
Schilderungen  der  Helden,  ihrer  Taten  und  Kämpfe,  das  alles  war
es,  was  mich  hinriß  und  mich  unwiderstehlich  an  den  Homer  fesselte.
Und  nun  kam  noch  die  schöne  äußere  Form  des  Gedichtes  hinzu,
die  einfachen  und  doch  großartigen  Hexameter,  wie  vortrefflich  schienen
dieselben  geeignet,  die  großen  Ereignisse  wiederzugeben,  welche  sie
schildern  sollten!  Ich  finde  und  bleibe  dabei,  daß  nichts  über  die
griechische  Sprache  geht  und  in  der  griechischen  Sprache  nichts  über
den  Homer,  und  zwar  über  seine  Ilias.

Zu  Ostern  wurde  ich  mit  meiner  Klasse  in  die  Unterprima  versetzt.
  Hier  begannen  wir  beim  Herrn  Direktor  die  Lektüre  des  Horaz,
eines  Dichters,  für  welchen  wir  alle  nach  wenigen  Tagen  schon  begeistert
  waren,  und  in  welchem  wir  endlich  den  größten  römischen
Schriftsteller  kennen  lernten.  Da  außerdem  mit  der  Erklärung  der
Oden  auch  etwas  Kunstgeschichte  verbunden  war,  so  war  es  für  mich
doppelt  interessant,  weil  ich  die  Kunstgeschichte  sehr  gern  hatte  und
wesl  ich  manches  Neue  dabei  lernte.  Hlerbei  kamen  mir  die  Vorträge
  des  Professors  Bötticher  vom  Berliner  Museum  über  die
Architektur  und  Bildhauerkunst  der  Griechen  und  Römer  sehr  zu-128
        <pb n="149" />
        statten,  und  ich  kann  ihm  nicht  dankbar  genug  sein,  daß  er  mich  so
viel  Neues  gelehrt  hat.

Ich  hatte  von  jeher  die  griechische  Bildhauerkunst  gern  gehabt,
da  ich  sehr  früh  schon  in  das  Museum  zu  Berlin  geführt  worden
war,  um  die  griechischen  Bildsäulen  anzusehen,  und  bald  waren  es
bestimmte  Statuen,  die  meine  Lieblingsbilder  wurden.  Es  waren
dies  eine  Bildsäule  von  Achilleus,  welchen  ich  sa  ganz  besonders
lieb  hatte,  und  die  Aginetengruppe,  weil  das  die  einzigen  Bildsqulen
waren,  welche  griechische  Waffen  trugen,  und  das  war  es  gerade,
wonach  ich  suchte.  Zu  der  Zeit  las  ich  in  einem  Erzählungsbuche
die  Jlias  und  wollte  nun,  wenn  ich  die  Beschreibung  von  den  Waffen
eines  Helden  gelesen  hatte,  auch  sehen,  wie  dieselben  ungefähr  wohl
ausgesehen  hätten.  Besonders  war  es  mir  um  die  mit  Roßschweifen
gezierten  Helme  zu  tun,  und  deren  gab  es  eine  ganze  Reihe  bei  den
Agineten.  Sehr  erfreute  mich  mein  Vater,  als  er  mir  zwei  griechische
Helden  der  Ilias  (den  Achilleus  und  Batroklos)  in  gebrannter  Erde
mit  der  ganzen  vollen  Ausrüstung  schenkte,  ich  konnte  mich  nicht  satt
an  denselben  sehen  und  jedesmal,  wenn  ich  die  Ilias  las  oder  mir
daraus  vorgelesen  wurde,  so  hatte  ich  die  beiden  Figuren  vor  mir
stehen.

In  der  Klasse  lasen  wir  im  Lateinischen  ferner  den  Cicero,  und
zwar  das  fünfte  Buch  der  „Tusculanen“)  ich  fand  dieses  zuerst  zwar
nicht  sehr  anregend,  aber  gegen  das  Ende  hin  wurde  diese  Lektüre
doch  angenehm.  Aber  nach  diesem  Buche  lasen  wir  den  „Orator“.
Bei  diesem  Werke  ging,  was  ich  bei  der  Rede  „Pro  lexe  Manilia“
und  bei  den  „Tusculanen“  an  Liebe  zum  Cicero  gewonnen  hatte,
schon  nach  den  ersten  10  Kapiteln  schnell  verloren.  Ich  habe  noch
nie  ein  so  trockenes,  schwer  verständliches,  wenig  Liebe  zum  Autor  erweckendes
  Buch  gelesen,  das  so  gar  nichts  bietet,  was  man  sich  hätte
zueignen  oder  was  man  für  sich  hätte  gebrauchen  können.  Denn
wenn  ich  einen  Schriftsteller  lese,  so  wünsche  ich  etwas,  ich  könnte

Arus  meinem  Leben  120
        <pb n="150" />
        sagen,  eine  Quintessenz  dessen,  was  er  geschrieben  hat,  für  mich  zu
behalten  und  zu  bewahren  für  das  Leben.  Dieses  war  mir  jedoch
bei  jener  Schrift  mit  dem  besten  Willen  nicht  möglich,  ich  fand  nichts
als  eine  endlose  Menge  von  Perioden  und  Phrasen  mit  einer  Liste
von  Rednern  und  Sophisten,  die  mich  alle  mehr  oder  weniger  gar
nicht  interessierten.

Um  so  mehr  wurde  ich  dann  im  Griechischen  entschädigt  durch  das
Lesen  des  Demosthenes.  Staunen  und  Bewunderung  erfüllten  mich,
wenn  ich  den  gewaltigen  Mann  im  Geiste  ansah,  wie  er  in  der  Jugend
in  unglücklichen  Verhältnissen  aufgewachsen,  sich  emporarbeitete  und
emporrang  bis  zum  gewaltigsten  und  berühmtesten  Redner,  den  es
se  gegeben,  denn  noch  jetzt  richten  sich  die  Redner  nach  ihm.  Alle
Hindernisse,  die  sich  ihm  in  den  Weg  stellten,  besiegte  er,  sowohl  die
seines  Organs  als  die,  welche  seine  Gegner  ihm  bereiteten.  Und
nun  seine  Redel  Klar,  einfach,  wahr,  ohne  große  Prahlerei  von
seinen  Verdiensten  oder  Taten,  immer  nur  die  Sache,  um  welche  es
sich  handelt,  im  Auge,  nie,  auch  nicht  ein  einziges  Mal  spricht  er
von  sich  selbst.  Der  größte  Beweis  dafür,  daß  er  ein  großer  Redner
war,  ist  doch  wohl  der,  daß,  nachdem  er  gesprochen  hatte,  die  athenischen
  Heere  in  den  Kampf,  in  den  Tod  marschierten.  Bei  seinen
Reden  wandte  Demosthenes  auch  nicht  feingedrechselte  Berloden  und
Phrasen  an,  nein,  frisch  von  der  Leber  weg  sprach  er,  was  er  auf
dem  Herzen  hatte,  er  sagte  den  Athenern  oft  auch  derbe  Wahrheit
ins  Gesicht.  Und  darum  gefiel  er  mir  auch  so  sehr  und  deshalb
verachtete  ich  den  neben  ihm  kleinlich  aussehenden  Cicero  immer  mehr,
se  mehr  ich  mich  in  den  Demosthenes  vertiefte.

Auch  mein  Enthusiasmus  für  den  Horaz  ging  nach  und  nach
verloren.  Je  mehr  Oden  ich  las,  um  so  mehr  lernte  ich  den  Charakter
des  Dichters  erkennen.  Wenn  man  sich  den  Horaz  in  die  Jetztzeit
versetzt  dächte,  so  würde  jeder  anständige  Mensch  sich  schämen,  mit
ihm  zusammen  zu  gehen,  und  noch  weniger  würde  es  einem  an—

130
        <pb n="151" />
        ständigen  Menschen  einfallen,  ihn  zu  sich  zu  Tische  zu  laden").  Der
Geschichtsunterricht  betraf  auch  gerade  mein  Lieblingsthema,  nämlich
die  Geschichte  des  Mittelalters,  zu  Hause  las  ich  im  Kohlrausch  und
Menzel  das  nach,  was  wir  in  der  Schule  durchgenommen  hatten.
Auch  bildete  ich  mit  einigen  Kameraden  ein  Geschichtskränzchen  zur
Repetition  der  ganzen  Geschichte  der  alten  Zeit  wie  des  Mittelalters,
im  Kränzchen  wurden  auch  freie  Vorträge  gehalten  und  diese  von
den  jedesmaligen  Zuhörern  zensiert  und  protokolliert.  Neben  dem
Demosthenes  lasen  wir  in  der  Klasse  auch  die  Elektra  des  Sophokles,
welch  ein  Geist  lebt  in  dem  Stück,  welch  ein  tiefes  sittliches  Gefühl
ist  in  den  Chorliedern  und  den  Reden  und  welch  eine  Innigkeit  des
Gemüts  ist  in  dem  Charakter  der  Elektra  vertreten!

Bei  diesem  Stück  lernte  ich  wieder  viel  Neues  in  bezug  auf  das
hellenische  Schauspiel,  sowohl  was  den  Bau  des  Theaters  angeht,
als  auch  was  die  Einrichtung  der  Bühne,  die  Zahl  und  Bekleidung
der  Schauspieler  und  ihr  Spiel  betrifft.  Auch  da  kamen  mir  die
Vorträge  des  trefflichen  Professors  Bötticher  über  das  hellenische
Theater  und  Schauspiel  sehr  gelegen.

Zu  Ostern  kamen  wir  in  die  Oberprima.  Hier  lasen  wir  des
Horaz  Satiren,  die  mir  den  Rest  von  Achtung,  welchen  die  Oden
mir  übriggelassen  hatten,  schnell  benahmen  und  ihn  in  meinen  Augen
in  die  unterste  Klasse  der  Genußmenschen  herabsetzten.  Im  Lateinischen
lasen  wir  die  Rede  des  Cicero  „pro  Sestio“",  welche  er  mit  Fug
und  Recht  „pro  Cicerone“  hätte  betiteln  können,  denn  der  B.  Sestius
wird  kurz  hier  und  da  einmal  erwähnt,  sonst  aber  handelt  die  Rede
vorzugsweise  von  der  Trauer  des  populus  Romanus  um  den  Clodius
und  seine  Bande  und  von  der  Freude  des  populus  Romanus,  als
der  Cicero  wieder  zurückberufen  ward.  Und  da  soll  man  den  prahlsüchtigen
  Schönredner  nicht  verachten,  wenn  man  daneben  den  herrlichen
  Demosthenes  hat
6  *)  Ich  kann  diese  Stellen  heute  nicht  ohne  stille  Heiterkeit  lesen.

*  131
        <pb n="152" />
        In  der  Geschichte  wurde  das  Zeitalter  der  Reformation  durchgenommen
  und  der  Anfang  vom  30ährigen  Kriege.  Obwohl  diese
Periode  auch  höchst  interessant  ist,  so  habe  ich  sie  doch  nicht  ganz  so
gern,  weil  schon  der  Anfang  des  Verfalles  des  deutschen  Reiches
sich  bemerkbar  macht,  dagegen  in  der  Nitterzeit  das  schöne  Römische
Reich  Deutscher  Nation  so  recht  in  seiner  Kraft  und  Fülle  war  und
an  der  Spitze  der  ganzen  damaligen  zivilisierten  Welt.2

*
*  3

Nicht  erwähnt  wurde  von  dem  Oberprimaner  in  seinem  „Lebenslauf“,
  daß,  wie  er  bitter  empfand,  der  Geschichtsunterricht  mit  dem
30sährigen  Kriege  aufhörte  und  daß  von  dem  wetteren  Gang  der
Entwicklung  nichts  mehr  gelehrt  wurde,  geschweige  denn  von  der
Gegenwart.  Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  der  Geschichtsunterricht
nicht  auf  der  Höhe  stand,  die  für  ein  preußisches  Gymnasium  verlangt
werden  muß  zum  Nachteil  der  vaterländischen  nahm  die  griechischrömische
  Geschichte  den  weitaus  größten  Raum  ein.  Aber  auch  diese
beschränkte  sich  hauptsächlich  auf  die  Aufzählung  von  Tatsachen,
während  die  Charakteristik  von  Herrschern  und  Staatsmännern,  sowie
  Beschreibung  der  Sitten,  Gebräuche  und  des  Gelsteslebens  der
Völker  sehr  stiefmütterlich  behandelt  wurden.  Die  vaterländische
Geschichte  wurde  nur  recht  allgemein  vorgetragen,  ohne  Begessterung
für  den  nationalen  Gedanken  erwecken  zu  wollen.  Die  Schuld  lag
am  System  des  Lehrprogramms,  nicht  an  dem  sehr  tüchtigen  Historiker
Dr.  Hartwig,  der  in  späteren  Zeiten  nach  der  Schulreform  der  Leiter
des  ersten  Reformgymnasiums  wurde.

Der  andere  Vorwurf,  den  ich  dem  damaligen  Gymnastum  mache,
lautet  dahin,  daß  die  Erziehung  unter  vorwiegend  philologischem
Einfluß  auch  einen  philologischen  Charakter  erhielt.  Ich  habe  während
melner  Schulzest  beobachten  können,  daß  zwar  große  Begetsterung
für  1870/71  und  für  das  neue  Resch  in  den  Knaben  vorhanden

132
        <pb n="153" />
        war,  daß  aber  die  richtige  Grundlage  für  das  Deutschtum,  das  Gefühl
„civis  Germanus  sum“,  wie  ich  es  später  dem  deutschen  Volke  zurief,
  noch  durchaus  fehlte.  Eine  solche  zu  schaffen  und  in  die  jungen
Herzen  zu  legen,  dazu  war  bei  dem  verknöcherten  altphilologischen
Lehrplan  die  Lehrerschaft  außerstande.  Das  Herz,  der  Charakter  der
Gymnasiasten  spielten  bei  der  Art  der  Lehrmethode  keine  Rolle,  nur
das  Gehirn  wurde  bearbeftet.  Es  wurden  Bhilologen  ausgebildet,
aber  keine  für  praktische  Mitarbeit  am  jungen  Reich  geeigneten  deutschen
Staatsbürger,  mit  anderen  Worten:  keine  selbstbewußten  Deutschen.  In
unserem  kleinen  Lesezirkel  habe  ich  oft  versucht,  den  großdeutschen  Gedanken
  zu  behandeln,  um  partikularistische  und  andere  der  deutschen
Idee  entgegenstehende  Neigungen  zu  bekämpfen.  Aber  vergeblich.
Schließlich  war  das  bekannte  „Buch  der  deutschen  Flotte“  von  Admiral
Werner  das  einzige  Werk,  womit  das  lebendige  Empfinden  für  das
Deutsche  Reich  entflammt  werden  konnte.  Wenn  ich  in  späterer  Zeit
englische  Schüler  sah  und  die  sportlich  erstarkten  Knaben  z.  B.  in
Eton  im  Geiste  mit  meinen  einstigen  überstudierten  Kameraden  verglich,
  dann  fiel  dieser  Vergleich  nicht  zu  meiner  Freude  aus.  Die
jungen  Briten,  die  von  Eroberungen  in  den  Kolonken  träumten,  von
Exzpeditionen  zur  Erforschung  neuer  Länder,  von  Ausbreitung  des
Handels,  und  die  Pionkere  ihres  Baterlandes  sein  wollten  nach  dem
Wort:  „Right  or  wrong  —  my  Country“,  sie  hatten  sehr  viel  weniger
Latein  und  Griechisch  gelernt,  waren  aber  von  dem  Gedanken  beseelt,
Großbritannien  noch  größer  und  stärker  zu  machen.  Soviel  wurde
mir  nachmals  mit  aller  Deutlichkeit  klar:  der  philologische  war  nicht
der  Weg,  um  selbstbewußte  Deutsche  zu  bilden,  die  an  Stolz  mit
den  Bürgern  anderer  Nationen  wetteiferten  und  das  „civis  Romanus
sum“  auf  sich  übertrugen,  um  zu  lebendigen  Faktoren  des  Deutschtums
  zu  werden.

Aus  diesen  Uberlegungen  heraus  erkämpfte  ich  später  gegen  den
Widerstand  der  Philologie  innerhalb  und  außerhalb  des  Ministeriums

133
        <pb n="154" />
        wie  der  Schulkreise  die  Schulreform  für  die  deutsche  Jugend.  Die
Reform  ist  nicht  so  geworden,  wie  ich  sie  erhofft  und  hat  nicht
zu  dem  Ergebnis  geführt,  welches  ich  mir  gesteckt  hatte.  Wieviel  das,
was  versäumt  worden  ist,  zu  unserem  Zusammenbruch  beigetragen
hat,  wird  wohl  erst  späteren  Geschlechtern  völlig  klar  werden.

**

Mein  Lieblingsschriftsteller  war  in  jenen  Jahren  Ebers)  ich  habe
in  Kassel  seine  historischen  Romane  förmlich  verschlungen.  Besonders
„Uarda"“  gesiel  mir  wie  meiner  Mutter  ungemein.  Daß  Ebers  moderne
  Ideen  in  archaistisches  Gewand  kleidete,  störte  mich  damals
natürlich  recht  wenig.  Aus  Dickens,  den  ich  ebenfalls  sehr  gern
hatte,  las  Hinzpeter  häufig  vor,  Scott  behielt  seinen  bevorzugten
Platz  unter  meiner  Lektüre.  Einen  besonders  tiefen  Eindruck  empfing
ich,  als  mein  Erzieher  mir  Gobineaus  „Renaissance"  in  die  Hand  gab.
Die  herrlichen  farbenglühenden  Szenen  der  Dichtung  haften  noch
heute  fest  in  meinem  Gedächtnis.  Ubrigens  teilte  ich  die  Begeisterung
für  dieses  Werk  mit  der  Kaiserin  Augusta  und  der  Großherzogin
Luise.  In  ähnlicher  Weise  wie  die  „Renatssance"  hat  mich  einige  Jahre
später  Tafnes  Schilderung  der  Französischen  Revolution  gefesselt.

Daneben  las  ich  noch  eine  große  Anzahl  anderer  Bücher,  so  z.  B.
an  historischen  Werken  die  „Charakterbilder  aus  Geschichte  und  Sage“"
von  Grube,  die  an  die  Stelle  des  Buches  von  Kohlrausch  traten,
von  dem  mein  Curriculum  vitae  oben  mit  solcher  Begeisterung  sprach.
Das  Grubesche  Buch  brachte  mir  die  Themen  des  Schulunterrichts
persönlich  nahe  und  veranschaulichte  sie  weit  mehr,  als  das  in  trockenen
Schulbüchern  möglich  ist,  mit  der  Schilderung  der  Schlacht  bei  Pavia,
die  ich  hier  so  schön  dargestellt  fand,  konnte  ich  nachher  beim  Abiturtentenexamen
  besondere  Ehre  einlegen.  Im  übrigen  verschlang  ich
alles,  was  mir  in  deutscher,  französischer  oder  englischer  Sprache  an
Reise-,  Geschichts-,  Kriegs=  und  Seegeschichten  in  die  Hände  fiel.

134
        <pb n="155" />
        Vornehmlich  alles,  was  die  See  betraf,  fand  mein  brennendes  Interesse.
  Die  englischen  Marinebücher,  die  Königin  Bictoria  meinem  zur
Seefahrt  bestimmten  Bruder  zum  Geburtstage  und  zu  Weihnachten
schenkte,  habe  ich  immer  zuerst  gelesen.  In  meiner  Gymnasialzeit
kam  auch  gerade  das  schon  erwähnte  Buch  von  Admiral  Werner
über  die  deutsche  Flotte  heraus,  dieses  hat  mich  in  Kassel  nie  verlassen,
  ich  habe,  wie  erwähnt,  auch  meinen  Kameraden  oft  daraus
vorgelesen,  um  meine  Begeisterung  auf  sie  zu  übertragen  und  konnte
es  schließlich  auswendig.

So  groß  mein  Interesse  für  Epos,  Drama  und  auch  für  Balladen
war  —  die  wundervollen  „Glocken  zu  Speyer“  und  andere  Kafserballaden
  von  Löwe,  die  Graf  Görtz  in  Schlitz  sang,  haben  mich  tief
bewegt  —,  so  gering  war  mein  Interesse  für  Lprik.  Hinzpeter  war  darüber
sehr  unglücklich  und  gab  sich  redliche  Mühe,  den  fehlenden  Sinn  zu  erwecken
  —  aber  vergeblich.  Ebensowenig  war  sein  Vorhaben,  mich  zu  eigener
poetischer  Broduktion  zu  begeistern,  von  Erfolg  gekrönt.  Ich  folgte  zwar
seinen  ernsten  Mahnungen,  einmal  meine  Kunst  zu  versuchen,  und
machte  mich  auch  wirklich  ans  Dichten.  Da  ich  15  Jahre  alt  war,
mußte  es  natürlich  eine  Tragödie  werden  und  ebenso  selbstverständlich
  eine  historische.  Meine  Wahl  fiel  nach  langem  Suchen  auf  die
Geschichte  von  den  beiden  Athenern  Harmodios  und  Aristogeiton,
die  im  Jahre  514  v.  Chr.  den  PBisistratiden  Hipparchos  ermordeten
—  also  ein  Revolutionsdramal  Eine  Kiebesgeschichte  spielte  natürlich
auch  hinein  und  gab  dem  Epos  nach  der  Heldin  den  Titel  „Hermione“.
Ich  ließ  mir  die  Arbeit  recht  sauer  werden  und  zimmerte  meine  Verse
unverdrossen  und  mit  großem  Fleiß.  Schließlich  ebbte  die  Begeisterung
  aber  doch  ab,  und  als  mein  späterer  Schwager  Bernhard  mir
eines  Tages  eröffnete,  daß  er  bereits  diesen  Stoff  dramatisch  bearbeitet
  hätte,  da  glaubte  ich,  die  deutsche  Hiteratur  hätte  an  einem
solchen  Stück  genug  und  gab  den  Plan  auf.  So  blieb  die  „Dichtung“
  ein  Torso.

13)
        <pb n="156" />
        Von  dem  Kränzchen,  das  ich  mit  meinen  Mitschülern  bildete,
berichtete  schon  mein  Curriculum  vitae.  In  diesem  Kreise,  der  Sonntags
  nachmittags  sich  zusammenfand,  wurden  nicht  nur  Klassiker  mit
verteilten  Rollen  gelesen,  sondern  auch  Vorträge  gehalten  (ich  sprach
einmal  üÜber  den  Zug  Alexanders  des  Großen  nach  Indien)  und  Debatten
  geübt.  Zu  diesem  Zweck  mußte  ein  jeder  von  uns  einen  der
bekannten  Politiker  darstellen,  die  damals  eine  Rolle  spielten,  so  war
z.  B.  der  kleine  diskutterlustige  Sommer:  Lasker.  Für  mich  war
es  nicht  so  einfach,  ein  geeignetes  Vorbild  zu  finden,  und  es  bedurfte
erst  langer  Beratungen;  schließlich  einigten  wir  uns  auf  Schulze-Delitzsch,
  den  damaligen  Führer  der  Fortschrittspartei.  Diese  Debatten
  wurden  sehr  ernsthaft  behandelt  und  sogar  aufgezeichnet,-Brauneck
  war  Protokollführer.  (Außerdem  war  dieser  auch  ein  großer
Briefmarkensammler,  und  ich  habe  ihm,  als  meine  eigene  Leidenschaft
  für  diesen  Sport  erloschen  war,  meine  selbst  zusammengebrachte
Sammlung  vermacht.)

Theaterbesuche  bedeuteten  nach  wie  vor  für  mich  Festtage.  Kassel
besaß  eine  verhältnismäßig  gute  Oper,  und  in  dem  Dirigenten  Reis
einen  tüchtigen  Kapellmekster.  Das  Schauspiel  stand  nicht  auf  gleicher
Höhe,  doch  sah  ich  mit  viel  Interesse  die  Werke  von  Shakespeare,
Schiller,  Uhland  u.  a.  Als  besonders  eindrucksvoll  ist  mir  eine
Vorstellung  von  Uhlands  „Ludwig  der  Baier“  in  Erinnerung.  Unter
den  Schauspielern  erfreute  sich  Barena,  der  nachher  Theaterdirektor
in  Stettin  oder  Königsberg  wurde,  großer  Beliebtheit  bei  der
Jugend,  sein  Graf  Wetter  vom  Strahl  riß  alle  zur  Begeisterung
hin.  Recht  gut  gesiel  uns  die  Schauspielerin  Harke,  auch  die  schöne
Hagen,  die  sich  spckter  mit  einem  Fürsten  Wittgenstein-Altenkirchen
verheiratete.  Ein  großes  Talent  war  der  funge  Herberk,  auf  den

ich  Hülsen  aufmerksam  machte,  leider  blieb  er  nicht  im  preußischen
Dienste.

*  *  t

136
        <pb n="157" />
        Im  Sommer  wohnten  wir  mit  Hinzpeter  in  Schloß  Wilhelmshöhe,
  im  Winter  im  Fürstenhof  zu  Kassel.  Schloß  Wilhelmshöhe
mit  dem  unvergleichlich  schönen  Blick  auf  das  Fuldatal,  ein  wahres
Juwel,  das  die  Kaiserin  später  so  geliebt  hat,  bewahrke  noch  zahlreiche
  Erinnerungen  an  Kaiser  Napoleon  III.,  der  einige  Jahre  zuvor
hier  gefangen  gewesen  war,  die  von  ihm  bewohnt  gewesenen  Räume
sind  bis  1918  nicht  geändert  worden.  Das  Empire,  das  noch  aus
Jerômes  Zeit  stammte,  war  das  beste  in  Europa,  stilgerecht,  prachtvoll,
ganz  in  Atlas,  aber  erdrückend  in  seiner  Schwere.

Der  Fürstenhof  gehörte  zu  dem  kurfürstlichen  Balais  am  Friedrichsplatz;
  der  Hof  stieß  mit  dem  des  Gymnasiums  zusammen,  von
dem  es  nur  durch  eine  kleine  Mauer  getrennt  war.  Nach  unserer
Ankunft  wurden  einige  Stufen  an  die  kleine  Mauer  herangeführt,
so  daß  ich  gleich  von  unserem  Hofe  mit  einigen  Sprüngen  auf  den
Schulhof  segen  und  den  Umweg  über  die  Straße  ersparen  konnte.
Während  des  Sommeraufenthaltes  in  Wilhelmshöhe  hingegen  pflegten
wir  alle  Morgen  zum  Schulunterricht  nach  Kassel  hinunterzureiten.

X

An  dieser  Stelle  habe  ich  zweier  Menschen  zu  gedenken,  die  mich
in  sener  Zeit  in  rührender  Weise  betreut  haben.  Es  waren  dies  mein
Kammerdiener  und  seine  Frau.  Friedrich,  ein  Schlesier,  der  ursprünglich
  Bursche  bei  General  v.  Werder  gewesen  war,  ein  guter  braver
Mann,  hat  mit  großer  Treue  von  meiner  Kindheit  an  für  mich  gesorgt,
  später  wurde  er  mein  Kellermelster.  Seine  wackere  Frau  hielt
unsere  Wäasche  und  Kleidung  in  Ordnung  und  konnte  sich  in  mütterlicher
  Sorge  nicht  genug  tun.  Ich  bewahre  den  beiden  treuen  Leuten,
die  Licht  und  Wärme  in  die  oft  recht  harte  Kasseler  Zeit  brachten,
für  immer  ein  dankbares  Gedenken.

m#

Ich  habe  in  der  Kasseler  Zeit  Sport  in  gleichem  Maße  wie  zuvor

  in  Berlin  und  Potsdam  getrieben,  in  der  Fulda  geschwommen,

137
        <pb n="158" />
        Schlittschuh  gelaufen,  geritten  und  gefochten.  Rittmeister  v.  Raven
aus  dem  Westf.  Dragonerregiment  Nr.  7  gab  mir  Reitstunden,
spckter  Rittmeister  v.  Brittwigg  von  den  14.  Husaren.  Ich  focht  auf
der  Kriegsschule  mit  den  Fähnrichen  und  setzte  so  den  Fechtunterricht
fort,  den  mir  in  Botsdam  Hauptmann  v.  Dresky  erteilt  hatte.  Bremierleutnant
  v.  Heugel  gab  mir  Unterricht  im  Florettfechten,  das  ich  besonders
  gern  trieb.  Der  Kommandeur  der  Kriegsschule  war  übrigens
Oberstleutnant  v.  Streccius,  bekannt  als  Ubersetzer  eines  Werkes
des  Fürsten  Galizin  über  antike  Taktik,  er  wurde  von  meinem  Bater
sehr  geschätzt  und  zeichnete  sich  durch  musikalische  Talente  aus.  Das
von  ihm  übersetzte  Werk  habe  ich  mit  großem  Interesse  studiert.
3#

Selbstverständlich  lernte  ich  in  meiner  Kasseler  Zeit  zahlreiche
prominente  Persönlichkeiten  kennen,  wohl  alles,  was  zu  den  „Spitzen“
zu  zählen  war.  Es  würde  zu  weit  führen,  wenn  ich  hier  allzusehr
in  Einzelheiten  ginge,  und  ich  will  mich  daher  auf  das  Wichtigste
beschrädnken.  In  erster  Kinie  ist  der  Kasseler  Bürgermeister  Nebelthau
zu  nennen,  der  mir  schon  vom  Truppeneinzug  1871  her  mit  seiner
sehr  schönen  Ansprache  in  Erinnerung  steht,  sowie  General  v.  Bose,
der  Held  von  Wörth,  ein  feiner  alter  Herr,  und  der  alte  General
v.  Roehl.  Dann  waren  da  aus  der  Zeit  vor  1866  noch  eine  Anzahl
Kurhessen,  alles  ganz  prächtige  Leute,  durchweg  sehr  groß  und  unbedingt
  treu  ihrem  alten  Herrn  ergeben.  Ich  entsinne  mich  noch  des
Bräásidenten  der  Generalverwaltung  v.  Heeringen,  des  Baters  des
späteren  Kriegsministers,  mit  rotem  Gesicht  und  schneeweißem  Haar,
dann  des  kurhessischen  Oberjägermeisters  Freiherrn  v.  Dörnberg  und  des
Obersfägermeisters  v.  Baumbach.  Der  Kommandeur  des  in  Kassel
stehenden  Infanterieregiments  Nr.  83  war  Oberst  v.  Oetinger,  ein
fideler  Herr,  der  immer  voller  Schnurren  steckte,  auch  viel  von  Kaiser
Napoleons  Fahrt  nach  Kassel,  an  der  er  teilgenommen  hatte,  zu  erzählen
  wußte.

138
        <pb n="159" />
        Alle  diese  Persönlichkeiten,  zu  denen  noch  manche  andere  aus
allen  Ständen  hinzukamen,  Offiziere,  Professoren,  Beamte,  alte
Kurhessen  und  stramme  Preußen,  sah  ich  auch  häufig  bei  mir  zu
Gast.  Es  gehörte  mit  zu  Hinzpeters  Brogramm,  eine  „Versöhnung
der  Stände“  herbeizuführen.  Daher  mußte  General  v.  Gottberg
wöchentlich  einmal  ein  Diner  arrangieren,  zu  dem  die  Einladungen
diesem  Brogramm  entsprachen.  Hinzpeter  nannte  das  seine  „Bersöhnungsdiners“.


m

Spaziergänge  und  kleinere  wie  größere  Ausflüge  unternahm  mein
Mentor  mit  uns  in  der  gleichen  Weise  wie  früher  in  Berlin  und  Botsdam.
  Wir  haben  so  die  nähere  oder  weitere  Umgebung  von  Kassel
zu  Fuß  oder  zu  Pferd  gründlich  abgestreift  und  Gegend  wie  Menschen
gut  kennen  gelernt.  Hinzpeter  pflegte  bei  diesen  Gelegenheiten  das
Angenehme  mit  dem  Aützlichen  zu  verbinden,  indem  er  uns  historische
oder  andere  Themen  vortrug  oder  auch  sich  vortragen  ließ,  sedenfalls
bot  sich  hier  in  der  freien  Natur  Gelegenheit  zu  reichem  Gedankenaustausch
  und  lehrreichen  Beobachtungen.

Wir  haben  in  der  Kasseler  Zeit  nur  eine  Reise,  und  zwar  im
Sommer  18756,  nach  Scheveningen  gemacht.  An  diese  Wochen,  die
wir,  alle  Kinder,  mit  unseren  Eltern  in  dem  holländischen  Seebade
verlebten,  gedenke  ich  mit  besonderer  Freude  und  erinnere  mich  noch
mancher  Einzelheiten.  Bor  allem  war  es  so  schön,  daß  mein  Vater
in  der  Ungebundenheit  des  Badelebens,  fern  dem  Hofe  und  allem
Zwang,  seiner  inneren  Natur  folgen  konnte  und  ganz  kameradschaftlich
  mit  uns  lebte.  So  entsinne  ich  mich  noch  voller  Vergnügen,  wie
er  mit  uns  auf  den  Utrechter  Waffelmarkt  ging  und  uns  zu  intensiver
  Tätigkeit  mit  den  Worten  aufforderte:  „Futtert  euch  man  ordentlich
  voll“  —  und  Hinzpeter  mußte  sich  darauf  beschränken,  ein  finsteres
Gesicht  zu  machenl

139
        <pb n="160" />
        Dann  gab  es  auch  oft  kleine  Feste  und  mancherlei  andere  Ab—
wechslung:  wiederholt  waren  wir  bei  dem  Prinzen  Friedrich  der  Niederlande
  zu  Besuch,  der  ein  Sommerhaus,  das  Huys  de  Paw,  zwischen
Haag  und  Leyden  besaß,  ein  andermal  war  er  in  Scheveningen,
wo  ihm  ein  Pavillon  gehörte;  auch  König  Wilhelm  III.  der  Nieder—
lande  war  einmal  bei  uns.

Wir  pflegten  sehr  anregenden  Verkehr  mit  der  Familie  des  englischen
  Gesandten  im  Haag,  des  Admirals  Sir  Harris,  Bater  des
späteren  Lord  Malmesbury.  Seine  vier  Töchter  haben  mir  das  damals
aufkommende  Lawutennisspiel  beigebracht.  Er  selbst  schenkte  mir,  als
er  meine  leidenschaftliche  Neigung  für  die  Seeschiffahrt  bemerkte,  das
englische  Marinewerk  James,  „Naval  Histor)“.  Ich  habe  in  meiner
Jugendzeit  das  ganze  Werk,  12  oder  14  Bände,  mit  Begeisterung
gelesen  und  oft  auch  englische  Marineoffiziere  mit  Kenntnissen  daraus
  überrascht.

Mit  der  Erinnerung  an  diese  goldene  Scheveninger  Zeit  verbindet
sich  auch  unlöslich  die  an  Karlchen  Zuschlag,  wie  wir  ihn  nannten.
Professor  Dr.  Karl  Zuschlag  gab  am  Kasseler  Gymnastum  Granzösisch
und  war  nach  Scheveningen  mitgekommen,  um  meinem  Bruder
Heinrich  in  diesem  Fache  Nachhilfeunterricht  zu  geben.  Er  war  ein
frischer  und  freundlicher  Mann,  der  noch  nie  das  Meer  gesehen  hatte
und  jetzt  einen  überwältigenden  Eindruck  von  diesem  Element  empfing.
„Thalatta,  Thalattal“  rief  er  ein  über  das  andere  Mal  aus  und
wußte  sich  in  heller  Begeisterung  kaum  zu  fassen.  Nicht  ohne  Rührung
sahen  wir  mit  an,  wie  der  Anblick  des  gewaltigen  Meeres  für  einen
reisfen  Menschen  zum  inneren  Erlebnis  wurde.

IV.
Der  Januar  1877  war  der  schwere  Monat,  in  dem  das  Abiturkentenexamen
  stattfand.  Wir  waren  im  ganzen  17  Abiturkenten,
und  die  Prüfung  war  nicht  so  ganz  einfach.  Aber  die  schriftlichen

140
        <pb n="161" />
        Arbeiten  gingen  glatt  vonstatten,  und  die  mündliche  Prüfung  fiel
auch  „gut“  aus,  ich  wurde  wie  meine  Mitschüler  in  allen  Fächern
geprüft.  Am  25.  Januar  konnte  in  der  Aula  des  Gymnasiums
unsere  feierliche  Entlassung  stattfinden.  Jeder  erhielt  sein  Abgangszeugnis
  in  der  alphabetischen  Reihenfolge,  ich  (lals  Brinz  Wilhelm
von  Preußen  unter  P  rangierend)  als  zehnter.  Damit  war  unsere
Schulzeit  beendet,  und  das  Leben  sollte  uns  nun  in  seine  Schule  nehmen.
In  meinem  Curriculum  vitae  hatte  ich  „Staats=  und  Rechtswissenschaften“
  als  Gegenstand  meines  künftigen  Studiums  angegeben.
Auch  Hinzpeters  Aufgabe  war  nun  zu  Ende,  und  er  konnte  sich
jetzt  nach  Bielefeld  zurückziehen,  um  seiner  Familie  und  seinen  Studien
zu  leben.  Der  unauslöschliche  Dank  seines  Zöglings  und  meiner

Eltern  folgte  ihm  in  seinen  Ruhestand.
Xt

Zwei  Tage  nach  meiner  Entlassung  vollendete  ich  das  18.  Lebensjahr
  und  wurde  damit  gemäß  unserem  Hausgesetz  großfährig.  Zwei
hohe  Orden  wurden  mir  an  diesem  Tage  verliehen.

Mittags  erschien  im  Kronprinzenpalais  der  englische  Botschafter
Lord  Odo  Russell  und  überbrachte  die  Insignien  des  Garter.  Diesen
hohen  englischen  Orden  erhalten  im  allgemeinen  nur  Souveräne,  hier
und  da  auch  Thronfolger,  sch  erhielt  ihn  als  Enkel  der  Königin.
Der  Botschafter  übergab  den  Ordensmantel,  Stern  und  Band  meinem
Vater,  der  mich  im  Auftrage  der  Königin,  seiner  Schwiegermutter,
investierte.

Dann  begaben  wir  uns  zum  Schloß  hinüber,  wo  mein  Großvater
  an  mir  die  Investitur  mit  dem  Schwarzen  Adlerorden  vollziehen
  wollte.  An  der  Zeremonie,  die  im  Rittersaal  stattfand,  nahm
die  gesamte  Königliche  Familie  teil,  auch  Prinz  Karl,  Prinz  Friedrich
Karl  und  Prinz  Albrecht,  sodann  als  Ordensmarschall  Generalfeld—
marschall  Graf  Wrangel,  als  Ordenszeremonienmeister  Graf  Still—
fried,  ferner  die  Generalfeldmarschälle  v.  Moltke,  v.  Steinmetz,  Her-141
        <pb n="162" />
        warth  v.  Bittenfeld  und  v.  Manteuffel,  sowie  die  Generäle  v.  Goeben,
v.  Kirchbach  und  v.  Bose.  Mein  Bater  und  mein  Oheim  Prinz
Albrecht  geleiteten  mich  als  meine  Baten  in  den  NRittersaal  und  bekleideten
  mich,  nachdem  ich  das  Gelöbnis  abgelegt  hatte,  mit  dem
roten  Ordensmantel.  Dann  trat  ich  an  die  Stufen  des  Thrones
heran,  auf  dem  der  Kaiser  saß,  kniete  nieder  und  empfing  von  meinem
Großvater  die  Kette  des  Hohen  Ordens  vom  Schwarzen  Adler.
Darauf  erhob  ich  mich,  und  mein  Großvater  zog  mich  an  sich,  um
mir,  indem  er  mich  innig  küßte,  die  Akkolade  zu  erteilen.

Mit  dieser  feierlichen  Zeremonie  war  ich  in  die  erlauchte  Gemeinschaft
  der  Ritter  des  höchsten  preußischen  Ordens  aufgenommen.

26
*  2

Bevor  ich  mich  einige  Semester  dem  Studium  auf  einer  Universi—
tät  widmete,  sollte  ich  ein  halbes  Jahr  lang  militärischen  Dienst  tun.
In  der  Zwischenzeit  war  ich  im  Januar  1873  à  la  suite  des  2.  Garde-Landwehrregiments
  gestellt  und  im  März  1876  zum  Premierleutnant
  befördert  worden.  In  dieser  Stellung  krat  ich  am  9.  Februar  1877
meinen  praktischen  Dienst  in  der  6.  Kompagnie  des  Ersten  Garderegiments
  zu  Fuß  an.  Mein  Großoater  führte  mich  selbst  meinen
Vorgesetzten,  die  in  das  Schloß  nach  Berlin  befohlen  waren,  vor
und  hielt  eine  Ansprache  an  mich,  deren  schlichte  Wahrheit  jeder
Soldat  zeit  seines  Lebens  beherzigen  muß:  „Es  werden  dir  in
den  neuen  Dienstverhältnissen  manche  dem  Anschein  nach  unbedeutende
Dinge  entgegentreten,  die  dir  vielleicht  auffallen  könnten,  aber  du
mußt  auch  lernen,  daß  im  Dienste  nichts  blein  ist,  und  daß  seder
Stein,  der  zum  Aufbau  einer  Armee  gehört,  richtig  geformt  sein  muß,
wenn  der  Bau  richtig  und  fest  sein  soll.  Nun  gehe  hin  und  tue
deine  Schuldigkeit,  wie  es  dir  gelehrt  werden  wird.  Gott  sei  mit
dir!“  Nachmittags  fuhr  mein  Vater  mit  mir  nach  Potsdam  und
stellte  mich  zunächst  dem  Offizkerkorps  des  Regiments  vor,  dann  (im

142
        <pb n="163" />
        Langen  Stall)  der  6.  Kompagnie,  in  die  ich  eintrat,  schon  mein  Vater
hatte  einst  in  dieser  Kompagnie  gestanden.

So  war  denn  meine  Sehnsucht  aus  frühester  Jugendzeit  erfüllt,
ich  konnte  mich  endlich  dem  militärischen  Dienste  und  damit  der  großen
Idee  des  Preußentums  weihen.  Eine  große  Freude  war  es  für  mich
auch,  mit  der  Mannschaft  zusammenzuleben  und  mich  um  meine  Leute
zu  bekümmern.  Ich  lernte  manchen  prachtvollen  Typus  königstreuer
Märnner  aus  allen  Ständen  und  aus  allen  Teilen  des  Baterlandes
kennen,  deren  Ausbildung  durch  ihre  begeisterte  Hingabe  an  den  Soldatenberuf
  ungemein  erleichtert  wurde.  Denn  wie  die  Offiziere  und
Unteroffiziere  waren  auch  sie  alle  von  dem  hohen  Ziel  erfüllt,  im
Dienst  des  Kaisers  sich  „allezeit  treu  bereit  für  des  Reiches  Herrlichkeit“
  zu  halten.

Mein  Batafllonskommandeur  war  Graf  Heinrich  zu  Rangau,
ein  echter  holsteinischer  Edelmann  und  uns  ein  wohlwollender  Vorgesetzter.
  In  seiner  Jugend  war  er  Seekadekt  gewesen  und  erst
später  in  die  Armee  übergetreten.  Wegen  seiner  vornehmen  Gesinnung
  und  des  persönlichen  Interesses  für  seine  Offiziere  erfreute  er
sich  bei  uns  allen  großer  Beliebtheit.

Mein  Hauptmann  v.  Pekersdorff,  bei  Königgräß  am  rechten  Arm
schwer  verwundet,  war  im  Dienste  streng,  vielleicht  gar  etwas
pedantisch,  außer  Dienst  ein  vaterlicher  Freund  und  Berater  für
mich.  Er  führte  mich  in  alle  Zweige  des  Dienstes,  in  alle  Berhältnisse
  der  Berwaltung  sowie  in  die  Führung  einer  Kompagnie  und
ihrer  Bestände  mit  peinlicher  Genauigkeit  ein.  Ja  er  brachte  mir
sogar  persönlich  die  stimmliche  Technik  des  Kommandierens  bei,  was,
um  Störungen  anderer  zu  vermeiden,  auf  der  Kompagniekammer
vor  sich  ging.  Ich  habe  außerordentlich  viel  bei  ihm  gelernt  und
bin  ihm  zu  hohem  Danke  verpflichtet.  Es  war  mir  eine  große
Freude,  ihn  später  in  meiner  2.  Garde-Infanterfebrigade  als  Kommandeur
  des  2.  Garderegiments  zu  Fuß  unter  meinem  Kommando

143
        <pb n="164" />
        zu  haben.  Er  war  übrigens  einer  der  letzten  Offiziere  der  Armee,
der  noch  die  Flügeladjutantenschnüre  von  meinem  Großvater  erhielt.
*

Es  war  mir  eine  stolze  Freude,  bei  der  Besichtigung  der  6.  Kompagnie
  durch  meinen  Großvater  am  24.  März  auf  dem  historischen
Lustgarten  meinen  Zug  vorführen  zu  dürfen,  und  sowohl  meines
Großvaters,  wie  meines  Vaters  Anerkennung  zu  finden.  Nach  der
Kompagniebesichtigung  pflegte  mein  Großvater  das  Frühstück  beim
Offizierkorps  des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  einzunehmen.  Diesmal
  sollte  es  eine  besondere  Weihe  erhalten.  Es  war  eine  alte  Sitte
im  Regiment,  daß  beim  Schluß  des  Essens  zu  Ehren  des  Offiziers,  der
gerade  Geburtstag  hatte,  ein  Kuchen  mit  einem  der  Anzahl  seiner  Lebensjahre
  entsprechenden  Lichterkranz  herumgereicht  wurde.  Wer  beschreibt
unsere  freudige  Uberraschung,  als  zum  Schluß  des  Frühstücks  für
meinen  Großvater,  dessen  80.  Geburtstag  zwei  Tage  vorher  gewesen
war,  ein  Lichterkuchen  mit  80  Lichtern  aufgetragen  wurde!  Ein
spontanes  dreimal  donnerndes  Hurra  brauste  dem  Obersten  Kriegsherrn
  aus  fungen  und  alten  Kehlen  seines  Ersten  Garderegiments
zu  Fuß  entgegen.  Dann  verteilte  der  Kaiser  an  die  ergriffenen  Teilnehmer
  des  Frühstücks  die  Lichter,  die  wohl  von  allen  sorgsam  aufbewahrt
  sein  werden.  Ich  habe  das  meine  erst  durch  die  Bernichtung
  meiner  Briefschaften  und  persönlichen  Andenken  in  der  Revolution
  verloren.

Die  Ausbildung  im  Felddienst  während  der  Sommerpertode  fand
in  der  Umgebung  von  Potsdam  statt.  Dabei  kam  mir  meine  auf
den  zahllosen  Spazsergängen  mit  Hinzpeter  erworbene  Geländekenntnis
gut  zustatten.  Einige  Felddienstübungen  gegen  wirklichen  Gegner
fanden  unter  den  Augen  meines  Baters  statt,  und  ich  darf  sagen,
daß  er  dabei  meinem  Verhalten  Beifall  zollte.  Ein  wichtiger  Tag
war  für  mich  fungen  Premterleutnant  der  1.  April,  an  dem  ich  Gelegenheit
  hatte,  dem  Obersten  v.  Derenthall  im  Beisein  meines

144
        <pb n="165" />
        Vaters  die  6.  Kompagnie  auf  dem  Bornstedter  Felde  vorzuexerzieren.
An  jenem  Tage  schrieb  mein  Vater  in  sein  Tagebuch:  „Wilhelm
exerzierte  die  6.  Kompagnie  vorm  Kommandeur  Oberst  v.  Derenthall
  recht  gut,  fast  fehlerlos  und  ohne  alle  Hilfe.  Er  hat  sich  auch
in  der  Dienstinstruktion  und  der  Gewehrkenntnis  sicher  erwiesen.  Er
findet  überall  Anerkennung  wegen  hingebenden  Eifers  und  Passion,
auch  soll  er  militärische  Anlagen  zeigen,  die  auf  Talent  schließen  lassen.“

Neben  meinem  praktischen  Dienst,  der  fast  den  ganzen  Tag  ausfüllte,
  mußte  ich  mich  noch  zum  Offiziersexamen  vorbereiten.  Die
notwendigen  Kenninisse  vermittelten  mir  die  mit  dem  Unterricht  beauftragten
  Offiziere:  Hauptmann  v.  Neumann  Waffenlehre,  Hauptmann
  Diener  Befestigungslehre,  Hauptmann  Meper  Feldkunde  und
Hauptmann  Bietinghoff,  gen.  von  Scheel  Taktik  und  Nebenfächer.
Das  Examen  fand  am  14.  Juli  in  Gegenwart  meines  Baters  vor
dem  gefürchteten  Bräses  der  Ober-Militärexaminations-Kommission,
dem  General  der  Infanterie  v.  Holleben  statt,  und  ich  kann  sagen,

daß  ich  dabei  gut  bestand.
3

Das  Reglement,  nach  dem  die  Infanterie  zur  Zeit  meines  Eintritts
  ausgebildet  wurde,  war,  abgesehen  von  wenigen  Modifikationen,
wie  z.  B.  den  kurz  vor  dem  Kriege  1806  von  General  v.  Steinmetz
eingeführten  Halbbataillonen,  im  allgemeinen  noch  dasselbe  wie  zu
Anfang  des  19.  Jahrhunderts.  Die  von  der  Truppe  ersehnte  Umgestaltung
  des  Reglements  hatte  weder  das  Jahr  1866  noch  das
Jahr  1870  gebracht.  So  waren  z.  B.  bei  der  Ausbildung  des
Batakllons  einerseits  Bewegungen  desselben  nur  unter  Kommando
des  Batafllonskommandeurs  auszuführen,  während  anderseits  bei
der  Gefechtsausbildung  das  Batatllon  in  vier  Kompagniekolonnen
guseinandergezogen  wurde,  deren  vor  ihrer  Front  befindliche  Hauptleute
  die  Befehle  des  Bataillonskommandeurs  durch  eigenes  Kommando
  ausführten.  Der  Hauptmann  war  also  bei  der  Bataillons-10

  Uus  meinem  Lebe  145
        <pb n="166" />
        kolonnentaktik  ausgeschaltet  und  nur  Zugführer,  bef  der  Kompagniekolonnentaktik
  selbständiger  Führer.  Im  ersteren  Fall  führte  das
Bataillon  einheitlich  alle  Bewegungen  wie  eine  Kompagnie  nach
Kommando  des  Bataillonskommandeurs  aus,  im  zweiten  Falle  kommandserten
  die  Hauptleute  nach.  Bei  der  Gefechtstaktik  wurde  für
die  Reserven  die  Linie  und  die  Kolonne  abwechselnd  angewendet.
Das  aus  der  Reserve  vorrückende  Regiment  wurde  z.  B.  in  drei
nebenefnander  „zur  Linie  deplopierten“  Bataillonen  mit  schlagenden
Tambours  und  nach  den  Klängen  des  Borckschen  Avanciermarschs
der  Regimentsmusik  geführt,  dabei  mußten  sie  gleichen  Tritt  halten
und  schnurgerade  ausgerichtet  sein.  Diese  Angriffsform  hieß  allgemein
  die  „englische  Attacke“.  Es  ist  begreiflich,  daß  für  das  Exerzieren
  in  der  Linie  und  der  Kolonne  viel  Zeit  aufgewandt  werden
mußte,  bis  es  tadelfrei  genannt  werden  konnte.

Das  zerstreute  Gefecht,  das  sogenannte  Schützengefecht,  wurde
dagegen  sehr  stiefmütterlich  behandelt.  Man  betrachtete  die  Schügtenlinie
  vom  Standpunkt  der  Ordnung  und  Disziplin  aus  als  ein  notwendiges
  Ubel.  Die  Zugführer  und  die  zum  Gefecht  abgesessenen
Hauptleute  führten  ihre  auf  der  Erde  liegenden  Schützen  stehend,
da  es  damals  für  einen  preußischen  Offizier  als  unpassend  und  gegen
seine  Ehre  galt,  sich  zu  decken  oder  gar  auf  die  Erde  niederzulegen,t
zudem  konnte  man  angeblich  aus  solcher  Stellung  das  Schützenfeuer
nicht  leften.  Dabei  wurde  das  Feuergefecht  ganz  schematisch  betrieben.
  Die  zur  Berstärkung  der  Schützen  herangeführten  Züge
oder  Kompagnien  wurden  in  Linien  vorgeführt  und  gaben,  in  der
Schützenlinke  angelangt,  stehend  Salven)  indem  sie  in  dieser  VFormation
  verharrten,  trugen  sie  die  Schützen  zum  Angriff  vor.  Für
das  Regiment  als  Ganzes  hatte  Oberst  v.  Derenthall  den  sogenannten
„Normalangriff“  eingeführt,  der  bei  seder  Gelegenheit  als  Allheil—
mittel  angewendet  werden  sollte:  zwei  Bataillone  im  ersten  Treffen,
ein  Bataillon  in  der  Mitte  als  Reserve  dahinter,  von  sedem  vorderen

146
        <pb n="167" />
        Bataillon  die  Flügelkompagnien  vorgezogen,  von  jeder  Flügel—
kompagnie  ein  Zug  als  Schützen  aufgelöst  vor  der  Front.  Da  die
Kavallerieattacke  noch  eine  große  Rolle  spielte,  formierten  die  ge—
schlossenen  Abteilungen  Karrees,  die  aufgelösten  Schützen  mußten
das  Schießen  einstellen  und  rannten,  indem  sie  sich  zu  Knäueln  zusammenballten
  oder  hinter  einer  stehenden  Linie  sich  ohne  weitere
Gliederung  mit  der  Front  nach  außen  anschlossen,  zusammen.  Diese
Form  meinte  ein  vielbelachtes  Rebus  mit  der  Frage:  Was  ist  das
für  ein  Ding,  vorne  ist's  viergliedrig,  hinten  borstig?!

Zu  diesen  veralteten  Einrichtungen  trat  während  meiner  ersten
Dienstzeit  im  Jahre  1877  zu  allem  Uberfluß  noch  die  Theorie  des
Hauptmanns  Mieg,  der  alles  ausschließlich  mit  Salvenfeuer  erledigen
wollte.  Diese  Theorie  kam  unmittelbar  in  die  Front,  ohne  vorher
durch  die  Schießschule  geprüft  worden  zu  sein.  Der  Erfolg  überbot
jede  Vorstellung,  denn  man  hörte  von  da  ab  selbst  in  der  Schützen—
linie  nur  noch  Salven.  Der  spätere  Generalstabschef,  damalige
Leutnant  v.  Moltke,  und  ich  hatten  einmal  unsere  Reservezüge  in
Linie  hinter  die  Schützen  zur  Feuerunterstützung  herangeführt  und
griffen  mit  Salven  ein.  Nach  Schluß  des  Gefechtsexerzierens  stellten
wir  fest,  daß  wir  die  gesamte  Kriegschargierung  an  Taschenmunition,
die  für  einen  ganzen  Tag  reichen  sollte,  im  Lauf  einer  halben  Stunde
durch  Salven  verschossen  hatten.  Die  Leitung  des  Feuergefechts  beim
Exerzieren  wird  am  besten  illustriert  durch  folgende  Tatsache.  Der
Bestand  an  Platzpatronen  war  sehr  gering  es  wurden  gewöhnlich
zum  Exerzieren,  wenn  Platzpatronen  ausgegeben  wurden,  etwa  sechs
pro  Kopf  bewilligt,  die  zur  Markierung  neu  eintretender  Gefechtsmomente
  benutzt  werden  sollten.  Da  aber  meist  mehr  solcher  Momente
  eintraten  als  Platzpatronen  vorhanden  waren,  war  eine  sparsame
  Verwendung  derselben  geboten.  Das  hatte  zur  Folge,  daß
bei  dem  Kommando  für  das  Schützenfeuer  die  Platzpatronenzahl
jedesmal  besonders  befohlen  werden  mußte  und  z.  B.  folgendes  Kom-10*

  147
        <pb n="168" />
        mando  erfolgte:  „5  Patronen  Schützenfeuer,  2  Batronen  mit  Patronen,
3  Batronen  ohne  Batronen!“

Die  damals  noch  üblichen  Frühfahrs=  und  Herbstexerzitien  im
Regiment  und  in  der  Brigade  gaben  mir  Gelegenheit,  zum  ersten
Male  die  Verwendung  der  Infanterie  in  größerem  Berbande  mitzumachen.
  Naturgemäß  traten  hierbei  die  reglementarischen  Mängel
in  erhöhtem  Maße  in  Erscheinung.  Die  formale  Ausbildung  der
Bataillone  in  Kolonne  und  Linie  spielte  die  Hauptrolle,  das  Gefechtsexerzieren
  war  pedantisch  und  schwunglos.  Aus  diesen  Gründen
schaffte  mein  Bater  das  Regiments--  und  Brigadeexer  zieren  nach
seiner  Thronbesteigung  ab,  um  die  Zeit  ganz  für  die  Ausbildung
zum  Gefecht  frei  zu  lassen.  Dem  Herbst-Brigadeexerzieren  in
Potsdam  wohnten  im  Jahre  1877  zuweilen  mein  Großvater,  Prinz
Karl  und  Prinz  Friedrich  Karl  bei.  Die  dabei  sich  entwickelnden
Gefechtsbilder  müssen  reichlich  unkriegsgemäß  gewesen  sein,  denn
Prinz  Karl  ritt  einmal  zu  der  in  Reserve  stehenden  6.  Kompagnie
heran,  und  auf  das  Gefechtsbild  deutend,  sagte  er  mit  abwehrender
Handbewegung  zu  mir:  „Blewna,  lieber  Wilhelm,  Blewnal“  Es
waren  damals  gerade  ausführliche  Meldungen  eingetroffen  über  die
furchtbar  verlustreichen  Angriffe  der  russischen  Truppen  auf  Plewna,
die  infolge  ihrer  veralteten  Taktik  gescheitert  waren.

Wie  schematisch  die  Ausbildung  und  Vorbereitung  der  Truppe
für  das  Manöver  betrieben  wurde,  möge  folgender  kleine  Vorfall
illustrieren.  Eines  Tages  wurde  „bei  Tage“  im  Militzer  Gehölz  das
Bezkehen  der  Bfwaks  geübt,  dabef  aber  Wasserholen,  Verpflegung,
Holz=  und  Strohempfang  nur  markiert.  Beim  Wasserholen  z.  B.
mußten  die  Wasserholkommandos  mit  leeren  Kochgeschirren  eine
Strecke  weit  in  den  Wald  gehen  und  dann  mit  ebenso  leeren  Kochgeschirren
  wieder  zurückkehren.  In  derselben  Weise  wurde  auch  der
Zapfenstreich  oder  die  Retraite  bei  hellem  lichten  Tage  geblasen,
nachdem  der  Brigadekommandeur  eingetroffen  war.  Als  Erläuterung

146
        <pb n="169" />
        dazu  stand  im  Brigadebefehl  wörtlich  zu  lesen:  „Das  Hereinbrechen
der  Dunkelheit  wird  durch  die  Ankunft  des  Herrn  Brigadekommandeurs
  markiert!“  Bei  einer  anderen  Gelegenheit  ließ  ein  Bataillonskommandeur
  des  nach  Botsdam  zum  Brigadeexerzieren  herübergezogenen
  3.  Garderegiments  zu  Fuß,  um  die  Findigkeit  der  Leute
im  Fall  eines  Alarms  zu  prüfen,  während  der  Mittagsruhe  sämtliche
  Stiefel  der  Korporalschaften  vor  die  Quartkere  tragen,  sie  vertauschen
  —  und  dann  Alarm  blasen!  Das  Ergebnis  konnte  natürlich
nur  eine  furchtbare  Verwirrung  sein  und  keinen  Nutzen  für  die
kriegsgemäße  Ausbildung  haben.

Den  Abschluß  meiner  ersten  aktiven  Dienstzeft  in  der  Front  bildeten
  die  Herbstparade  und  das  Manöver.  Das  letztere  spielte  sich
von  Berlin  aus  in  der  Richtung  auf  Hohenfinow  zu  ab.  Auf  den
Feldern  außerhalb  von  Weißensee,  wo  jetzt  ein  Häusermeer  steht,
bezog  ich  meine  erste  Feldwache.  Ich  war  bestrebt,  meine  Bosten  und
Unteroffiziersposten  rege  und  aufmerksam  zu  erhalten,  und  alles
spähte  scharf  nach  dem  Feinde,  besonders  als  die  Dunkelheit  sich
herabsenkte.  Nur  war  die  Instruktion  nicht  ganz  leicht,  denn  vor
meiner  Front  lag  ein  Dorf,  in  dem  unser  Brigade-  und  Regimentsstab
  sowie  einige  Schiedsrichter  untergebracht  waren.  Dieses  Dorf
war  den  damaligen  Gepflogenheiten  entsprechend  aus  Unterkunftsgründen
  „neutralistert“,  d.  h.  was  darin  lag,  „machte  nicht  mit“.
Der  Erfolg  war,  daß  sowohl  die  „feindlichen“  wie  auch  meine  eigenen
Patroukllen  das  Dorf  als  Deckung  benutzten  und  sich  dort  kleine
Gefechte  lieferken.  Dies  hatte  wiederum  zur  Folge,  daß  am  nächsten
Morgen  die  in  ihrer  Ruhe  gestörten  Vorgesetzten  ein  heiliges  Donnerwetter
  auf  mein  fündiges  Haupt  herniedersausen  ließen.  Ich  war  zwar
der  Meinung,  die  Rüge  hätte  wohl  eher  der  Generalstabsoffizier  verdient,
  der  zur  Bequemlichkeit  der  Vorgesetzten  diese  vor  der  Front
ihrer  eigenen  Vorposten  untergebracht  hatte,  hielt  es  aber  für  besser,

mit  meiner  Meinung  zurückzuhalten.
149
        <pb n="170" />
        Der  Verlauf  des  Manövers  führte  mich  nach  Hohenfinow,  wo
ich  beim  alten  Herrn  von  Bethmann  Hollweg  eingquartiert  wurde.
Der  Hausherr  und  seine  edle,  liebenswürdige  Gattin  empfingen
mich  mit  herzgewinnender  Gastfreundschaft;  im  Kreise  khrer  spmpathischen
  Familie  habe  ich  schöne  Stunden  verlebt.  Der  alte  Herr
brachte  mich  am  Nachmittag  auf  meinen  ersten  Rehbock  zu  Schuß,
die  Stelle,  wo  er  im  Feuer  zusammenbrach,  ziert  heute  ein  Findling
mit  einer  sungen  Eiche.  Da  ich  übrigens  keine  Zivilkleidung  mitgenommen
  hatte,  lieh  mir  Bethmanns  langer  Sohn,  der  spätere  Reichskanzler,
  seine  Joppe,  die  auf  meinem  Körper  zur  allgemeinen  Erheiterung
  den  Eindruck  eines  Sommerpaletots  machte.  Dse  königstreue
  und  tiefreligiöse  Atmosphäre,  die  in  dem  Hause  Bethmann
herrschte,  berührte  mich  unendlich  angenehm  und  hat  mich  später  noch
oft  nach  Hohenfinow  gezogen.

Nach  Abschluß  der  Manöver  begab  ich  mich  zum  Antritt  meiner
Studien  nach  Bonn.

6  V.

Bevor  ich  mit  der  Erzählung  meines  Bonner  Lebens  beginne,
erscheint  es  mir  angebracht,  einige  Ereignisse  aus  dem  Jahre  1877
nachzutragen,  die  vielleicht  des  Aufzeichnens  wert  sind.

Im  Frühfahr  reisten  meine  Eltern  mit  mir  nach  Kiel  zur  Einstellung
  meines  Bruders  Heinrich  in  die  Marine.  In  Hamburg
wurde  die  Reise  unterbrochen  und  in  einem  Hotel  an  der  Alster
Quartier  genommen.  Bei  einem  Bankett  in  der  Kunsthalle  hatte
ich  Gelegenheit,  die  Bildersammlung  zu  betrachten,  in  der  einige  sehr
schöne  Seestücke  des  berühmten  Seemalers  Melbye  meine  Aufmerksamkeit
  fesselten.  Ich  hatte  mir  eine  Sammlung  von  Photographien
seiner  Bilder  angelegt  und  war  nun  erfreut,  hier  einige  im  Original
bewundern  zu  können.

Am  nächsten  Tage  begleitete  ich  meinen  Bater  zur  Besichtigung
der  in  Hamburg-Alkona  garnisonterenden  Truppen.  Als  die  Ge-150
        <pb n="171" />
        fechtsbesichtigung  begann,  fragte  ich  den  Kommandierenden  General
v.  Tresckow,  welchen  „Türken“  der  zu  besichtigende  Bataillonskommandeur
  wohl  vorführen  werde,  worauf  Seine  Exzellenz  mir  sehr
spitz  zur  Antwort  gab:  „Die  in  der  Garde  beliebten  und  viel  ein—
geübten  Ballettkunststücke,  die  sogenannten  „Türken“,  gibt  es  bei
mir  nicht!  Die  werden  nur  in  Potsdam  und  Berlin  vorgeführt!
Ich  gebe  einen  Auftrag,  und  dann  hat  die  Truppe  freies  Manöver.
Eingeübte  Kunststücke  sind  bei  mir  verboten!“

Tiefbeschämt  schlich  ich  mich  zu  dem  uns  von  Kassel  her  bekannten
Oberst  Streccius,  der  den  Anpfiff  mit  angehört  hatte.  Als  ich  bei
ihm  Trost  suchte,  lachte  er,  daß  sein  großer  Körper  sich  ordentlich
schüttelte,  und  dann,  auf  das  sich  entwickelnde  Bataillon  hinweisend,
flüsterte  er  mir  zu:  „Jetzt  macht  der  Masor  den  sogenannten  Einsamen
  Baumtürken“  gegen  die  Eiche,  neben  der  Ihr  Herr  Bater
steht.  Er  hat  ihn  bereits  fünfmal  vorgeübt.  Also  beruhigen  Sie
sich,  wir  machen  es  hier  genau  so  wie  in  Potsdam  und  Berlin.  Es
wird  eben  überall  mit  Wasser  gekocht.“

Auf  der  Rückfahrt  nach  Hamburg  belehrte  mich  mein  Bater
unter  Hinweis  auf  die  gesehenen  Vorführungen,  daß  in  der  Linie
die  kriegsgemäße  Gefechtsausbildung  eben  doch  ganz  anders  geübt
werde  als  in  der  Garde.  Als  ich  meinem  Bater  darauf  erwiderte,
das  Gefechtsbild  sei  so  exakt  gewesen,  daß  es  vorgeübt  gewesen  sein
müßte,  wie  denn  Oberst  Streccius  mir  auch  die  Tatsache  der  fünffachen
  Vorübung  mitgeteilt  habe,  brach  mein  Bater  nach  einer  Bause
des  Erstaunens  wider  Erwarten  in  lautes  Lachen  aus.  Denn  da
die  Truppe  sich  gut  und  stramm  gezeigt  hatte,  war  er  in  bester
Stimmung  und  daher  sehr  geneigt,  den  Borgang  nur  von  der  humoristischen
  Seite  aus  anzusehen.  Als  ich  am  Abend  bei  dem  großen
Empfang  der  Stadt  mit  Streccius  zusammenstand,  trat  plötzlich  mein
Vater  unversehens  zu  uns  und,  dem  Obersten  auf  die  Schulter
klopfend,  sagte  er:  „Na,  Streccius,  Sie  haben  sa  meinem  Jungen

151
        <pb n="172" />
        gegenüber  ordentlich  aus  der  Schule  geplaudert!  Ihre  Geschichte  von
dem  „Einsamen  Baumtürken  ist  wirklich  köstlich!“

In  Kiel  erfolgte  die  Einstellung  meines  Bruders  an  Bord  des
Schulschiffs  „WMiobe“,  einer  seinerzeit  in  England  angekauften  Segelfregatte.
  Vor  den  an  Deck  versammelten  Offizieren  und  Mannschaften
  hielten  mein  Bater  und  Admiral  v.  Stosch  Ansprachen.  Da
Heinrich  sich  sehr  einsam  und  verlassen  fühlte,  beschloß  ich  nach  Rücksprache
  mit  dem  zu  ihm  kommandierten  Kapfitänleutnant  Freiherr
v.  Seckendorff,  die  erste  Nacht  mit  ihm  zusammen  an  Bord  zuzubringen.
  Wir  meldeten  uns  beim  Kommandanten,  Kapitän  z.  S.
Ulffers,  und  bezogen  gemeinsam  Heinrichs  kleine  Kajüte,  neben  welcher
die  Seckendorffs  lag.  Das  Wetter  war  rauh  und  kalt,  die  Kajüte
ungeheizt.  Die  Frage  des  Nachtlagers  wurde  durch  Heinrich  dahin
entschieden,  daß  er  selbstverständlich  als  echter  Seemann  in  der  Hängematte
  schlafen  werde,  während  ich  seine  Kofe  erhielt.  Aus  dieser
sicheren  Lagerstätte  konnte  ich  dann  gemächlich  das  „Zur  Hängematte-Gehen"“
  meines  Bruders  beobachten.  Nach  mehreren  fehlgeschlagenen
Versuchen  gelang  es  ihm  unter  Anwendung  verschiedener  Turnkunststücke
  und  schließlicher  Zuhflfenahme  eines  Stuhles,  in  das  schwankende
  Gerät  zu  klimmen,  worauf  er  dann  noch  von  Seckendorff  mit
einem  dichten  Blaid  zugedeckt  wurde.  Es  wurde  dunkel  gemacht,
und  ich  schlief  ein.  Nach  einiger  Zeit  hatte  ich  die  Empfindung
eines  starken  Drucks  auf  der  Brust  und  Luftmangels,  als  wenn
jemand  auf  meinem  Körper  stände.  Auf  meine  schlaftrunkene  Frage,
was  denn  sei,  antwortete  Heinrich  —  denn  er  und  kein  anderer
war  die  Beranlassung  meines  Alpdrückens  —  mit  klagender  Stimme:
„Wo  ist  mein  Plaid,  ich  suche  mein  Plaid“,  wobek  er  seine  Spaziergänge
  auf  mir  fortsetzte.  Der  von  mir  zu  Hilfe  gerufene  Seckendorff
  erschien  bestürzt  mit  einem  Licht  und  war  nicht  wenig  erstaunt,
meinen  Bruder  im  leichten  Gewande  und  vor  Kälte  klappernd  auf
dem  Rande  meiner  Kose  stehen  zu  sehen.  Das  Plaid  lag  unten
152
        <pb n="173" />
        auf  dem  Boden.  Mit  einiger  Mühe  praktizierte  Seckendorff  den
jungen  Seemann  in  seine  schwankende  Hängematte  wieder  hinein,
und  tiefer  Friede  lagerte  sich  von  neuem  auf  die  Kajüte.

Am  nächsten  Morgen  fuhr  ich  erschreckt  in  die  Höhe,  da  unmittelbar
  nebenan  in  der  Batterie,  die  von  unserer  Kafüte  nur  durch  eine
dünne  Holzwand  getrennt  war,  der  Tambour  die  Neveille  schlug
und  der  Hornist  aus  vollen  Kräften  blies.  Ich  ging,  schnell  und
endgültig  munter  geworden,  an  Deck  hinauf  und  trabte  in  der  rauhen
Morgenluft  auf  und  nieder,  um  einigermaßen  warm  zu  werden,
dabei  stellte  sich  bei  mir  gewaltiger  Hunger  ein.  Ich  wollte  geschwind
zu  Seckendorff  eilen,  um  von  ihm  zu  erfragen,  wie  und  wo  das  Grühstück
  zu  erhalten  wäre.  Da  begegnete  ich  auf  dem  Wege  zu  ihm  einem
Matrosen  mit  dampfendem  Kaffee  und  Gebäck.  Als  ich  auf  meine
erwartungsvolle  Frage:  „Ist  dies  das  Frühstück?"  die  Antwort:  „Zu
Befehl,  Königliche  Hoheit“  erhielt,  nahm  ich  den  Läufer  hocherfreut
nach  unserer  Kajüte  mit,  wo  er  auch  von  Heinrich  mit  stürmischem
Jubel  begrüßt  wurde.  Wir  fielen  mit  Heißhunger  über  das  Frühstück
  her,  und  Seckendorff  mußte  noch  für  Nachschub  sorgen.  Als
wir  nach  restloser  Verkilgung  der  letzten  Semmel  an  Deck  gingen,
meldete  Heinrich  sich  bei  Kapitän  z.  S.  Ulffers  zum  Dienst.  Dabei
hatte  ich  den  Eindruck,  als  ob  dieser  etwas  mißgestimmt  und  griesgrämig
  aussähe.  Seckendorff  konnte  mir  später  meine  Beobachtung
bestätigen,  als  ich  ihn  deswegen  befragte,  und  nannte  mir  auch  die
Ursache:  da  ich  den  Läufer  des  Kapitäns  irrtümlich  für  die  Ordonnanz
der  Offiziersmesse  gehalten,  das  für  den  Kommandanten  bestimmte
Grühstück  in  Heinrichs  und  meinen  Magen  abgelenkt,  schließlich  auch
noch  der  von  Seckendorff  besorgte  beschleunigte  Nahrungsmittelnachschub
  die  letzten  Reserven  des  Kapitäns  erschöpft  hätte,  so  sei  der  arme
Herr  selbst  ohne  Frühstück  geblieben.  Der  Steward  hätte  nicht  mit  meiner
Anwesenhett  gerechnet  und  vor  allen  Dingen  nicht  mit  der  Möglichkett,
daß  zwei  preußische  Brinzen  einen  solchen  Hunger  entwickeln  könnten!

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        <pb n="174" />
        Das  war  die  Geschichte  der  ersten  Nacht,  die  Heinrich  und  ich

an  Bord  eines  deutschen  Kriegsschiffes  zugebracht  haben.
r

Im  Juli  wellte  die  kronprinzliche  Familie  mit  Ausnahme  Heinrichs
zum  Badeaufenthalt  in  Ostende.  Von  dort  aus  besuchten  wir  die
wundervollen  flandrischen  Städte  Brügge  und  Gent.  Auch  in  Brüssel
sind  wir  mehrere  Male  gewesen.  Es  versteht  sich,  daß  wir  alle
Sehenswürdigkeiten  dieser  schönen  alten  Städte  besichtigten  und  nach
Gebühr  genossen.  Besonders  starken  Eindruck  machten  auf  mich  die
herrlichen  Sarkophage  Karls  des  Kühnen  und  seiner  Tochter  Maria
von  Burgund,  die  in  der  Kirche  St.  Sauveur  in  Brügge  stehen.
Ich  bin  von  der  Schönhett  dieser  Skulpturen  derart  eingenommen
worden,  daß  sie  mir  nicht  aus  dem  Gedächtnis  geschwunden  sind,
ich  bin  im  Weltkriege  mehr  als  einmal  hingefahren,  um  sie  wieder
zu  besichtigen.

Eines  Tages  wurde  uns  eine  freudige  Uberraschung  zuteil:  plötzlich
  erschien  auf  der  Reede  die  „Niobe“,  eine  Flaute  wollte  das
Schiff,  das  nach  England  fuhr,  nicht  weiter  lassen.  Die  Freude
über  das  unverhoffte  Wiedersehen  mit  unserem  Heinrich  war  groß,
wenn  sie  auch  nur  kurz  war.  Selbstverständlich  gingen  wir  mit  dem
Bater  auf  das  Schiff,  und  ich  kroch  wieder  in  jedem  Winkel  herum.
Ein  paar  Tage  später  begab  ich  mich  nach  Cowes  und  dann  zu  einem
kurzen  Besuch  meiner  Großmutter  nach  Osborne,  von  wo  aus  ich
wieder  zu  meinen  Eltern  nach  Ostende  zurückkehrte.

Schließlich  wohnte  ich  noch  im  September  mit  meinen  Eltern
der  Grundsteinlegung  des  Denkmals  auf  dem  MNiederwald  bei,  die
ohne  große  Feterlichkeit  vor  sich  ging.  Noch  eine  kurze  Reise  mit
meinen  Eltern  nach  Darmstadt  zu  den  Verwandten,  darauf  mit
Vater  und  Großvater  nach  Karlsruhe  und  Baden-Baden  zur  Kasserin

Augusta  —  und  dann  stand  mein  weiteres  Schicksal  im  Zeichen
Bonns!

154
        <pb n="175" />
        Student  in  Bonn
        <pb n="176" />
        J.

G#  Oktober  1877  machte  ich  mich  auf,  um  in  Bonn  am  Nhein
juristische  und  staatswissenschaftliche  Studien  zu  treiben.  Indem

ich  den  Namen  Bonn  am  Rhein  niederschreibe,  steigt  der  holde  Zauber,
der  um  diesen  Namen  webt,  von  neuem  vor  mir  auf.  In  wohlverstandener
  akademischer  Freihekt,  unmittelbar  am  weinumrankten,
sagenumwobenen  deutschen  Strom,  in  ungebundener  Zugendlust  und
voller  Sehnsucht,  zu  sehen,  zu  erleben  und  zu  lernen  —  nichts  Schöneres
  wüßte  ich  als  einige  Semester  an  der  rheinischen  Alma  mater!
Es  liegt  wie  ein  sonniger  Glanz  über  der  Erinnerung  an  jene  Jugendjahre.


In  meiner  Beglektung  befanden  sich  Major  v.  Liebenau,  mein
spakterer  Hofmarschall,  sowie  mein  Adfutant  v.  Jacoby,  der  Straßburger
  Pfälzer  gewesen  war  und  daher  das  Universitäts=  und  Studentenleben
  gut  kannte.  Ich  habe  in  der  in  einem  herrlichen  weiten
Garten  am  Rhein  gelegenen  Villa  Frank  an  der  Koblenzer  Straße
gewohnt,  die  die  wundervolle  Aussicht  auf  das  Siebengebirge  bot.
Wenn  ich  mich  nicht  irre,  war  die  Villa  ein  Teil  des  Grundstücks
der  alten  Vinea  Domini,  wo  mein  Bater  28  Jahre  zuvor  als
Student  gewohnt  hatte,  jedenfalls  war  der  Besitzer  meinem  Bater
persönlich  bekannt.

Mein  unmittelbarer  Nachbar  war  der  allgemein  verehrte  Landrat
v.  Sandt.  Er  und  seine  liebenswürdige,  aus  Köln  stammende  Gemahlin

  haben  mir  ihr  gastliches  Haus  in  der  freundlichsten  Weise
157
        <pb n="177" />
        geöffnet.  Nachmittags  habe  ich  oft  mit  seinen  Töchtern  Croquet
gespielt,  abends  an  manchem  angeregten  Essen  und  manchem  gelungenen
  Ball  in  seinem  Hause  teilgenommen.  Ich  denke  setzt  noch
dankbar  an  die  schönen,  in  der  Sandtschen  Familie  verlebten  Stunden.

#.

Ich  habe  im  ganzen  vier  Semester  in  Bonn  studiert.  Bornehmlich
hörte  ich  juristische,  nationalökonomische  und  sozialpolitische  Kollegs,
daneben  Geschichte,  deutsche  Hiteratur,  Kunstgeschichte,  Bhilosophie,
PBhosik  und  Chemie.  Mein  Studium  verteilte  sich  auf  die  einzelnen
Semester  folgendermaßen.

Im  ersten  Semester  hörte  ich  bei  Professor  v.  Stinging  Einführung
  in  das  Studium  der  Rechtswissenschaft  und  Institutionen,
bei  Professor  Maurenbrecher  Geschichte  des  19.  Jahrhunderts,  bei
Professor  Clausius  Experimentalphysik  und  bei  Professor  Meper  Geschichte
  der  Philosophie.  Das  Sommersemester  1878  bot  mir  deutsche
Staats=  und  Rechtsgeschichte  bei  Brofessor  Loersch,  Nationalökonomte
bei  Professor  Nasse,  deutsche  iteraturgeschichte  des  18.  Jahrhunderts
bei  Professor  Wilmanns  und  ein  Kolleg  über  antike  Kunst  bei  Professor
  Reinhard  Kekule.  Im  Wintersemester  1878/70  beschäftigten
mich  Strafrecht  und  Strafprozeß  (Professor  Haelschner),  Finanzwissenschaft
  (Professor  Held),  die  Fortsetzung  des  staatsrechtlichen
Kollegs  von  Professor  Loersch,  die  Geschichte  des  Reformationszeitalters
  (Brofessor  Maurenbrecher)  sowie  ein  Kolleg  über  mittelalterliche
und  moderne  Kunsigeschichte  (Brofessor  Justi).  Im  letzten  Semester,
im  Sommer  1870,  hörte  ich  schließlich  Vorlesungen  über  Staatsrecht,
  Brivat-,  Fürsten=  und  Bölkerrecht  (PBrofessor  Haelschner),  über
Politik  und  Preußisches  Verwaltungsrecht  (Professor  Nasse),  über
Staatsschuldenwesen  (Brofessor  Held)  und  über  Experimentalchemie
(Professor  Dr.  August  Kekule).

158
        <pb n="178" />
        Von  diesen  Vorlesungen  habe  ich  eine  Anzahl  in  der  Universität
selbst  gehört,  so  selbstverständlich  die  Experimentalvorträge,  die  meisten
aber  haben  mir  die  Professoren  als  Privatissima  bei  mir  zu  Hause
gehalten.  Auf  diese  Weise  war  es  möglich,  die  im  Verhältnis  zu
anderen  Studenten  beschränkte  Zeit,  die  mir  zur  Verfügung  stand,
besser  auszunutzen,  als  wenn  ich  nur  auf  das  Anhören  im  Audi—
torium  angewiesen  gewesen  wäre.  Ich  habe  damals  ganz  zwischen
Professoren  und  Studenten  gelebt,  auch  mit  ersteren  sehr  viel  persönlichen
  Verkehr  gepflegt,  bin  bei  ihnen  gewesen  und  habe  sie  zu
mir  eingeladen.

Der  Staatsrechtler  Loersch,  der  spätere  Kronsyndikus,  war  zu
jener  Zeit  einer  der  jüngsten  Professoren  in  Bonn,  sehr  elegant,
dußerst  gewählt  sprechend,  er  war  mit  einer  Tochter  des  Zentrumsführers
  Reichensperger  verheiratet.  Ich  habe  ihn  ungemein  gern
gehabt,  auch  mit  ihm  verkehrt  und  zahlreiche  anregende  Abende  in
seinem  Hause  verlebt.  Aus  seinen  Vorlesungen,  die  ich  mit  großem
Interesse  hörte,  glaube  ich  reichen  Gewinn  gezogen  zu  haben.  Er
war  übrigens  ein  geborener  Aachener,  und  unter  seiner  Führung
bin  ich  damals  zum  ersten  Male  in  der  Stadt  Karls  des  Großen
gewesen.  Es  gehört  gewiß  nicht  zur  akademischen  Wissenschaft,  ich
möchte  es  aber  doch  an  dieser  Stelle  nicht  verschweigen,  was  ich
dort  in  Aachen  bei  der  Schwägerin  Professor  Loerschs  gelernt  habe:
nämlich  Salat  zu  bereiten!

Professor  Haelschner  war  ebenfalls  persönlich  sehr  freundlich  und
verbindlich,  die  an  sich  interessante  Materie,  die  sein  Kolleg  behandelte,
  trug  er  aber,  wie  ich  glaube,  ziemlich  trocken  vor.  Ebenso—
wenig  gelang  es  Professor  v.  Stintzings  Vorträgen,  mich  für  Justi—
nian  und  die  Pandekten  zu  begeistern.  Der  Nationalökonom  Nasse,
ein  Bruder  des  Oberpräsidenten  der  Rheinprovinz,  war  ein  Mann
von  hoher  Begabung,  für  seine  Vorlesungen  war  ich  jedoch  damals
wohl  noch  zu  jung.  Dagegen  gefielen  mir  die  finanzwissenschaft—

159
        <pb n="179" />
        lichen  Kollegs  bei  Professor  Held,  dem  Kathedersozialisten,  sehr  gut,
er  selbst  war  auch  noch  verhältnismäßig  jung  und  zog  mich  in  hohem
Maße  an.  Ich  habe  mit  ihm  in  engem  Verkehr  gestanden  und  es
tief  beklagt,  daß  er  bald  nach  meiner  Studienzeit  gestorben  ist,  er
ist  im  Thuner  See  verunglückt.

Großartig  fand  ich  den  Historiker  Wilhelm  Maurenbrecher,  der
in  der  begeisterten  Art  seines  Vortrags  an  Treitschke  erinnerte.
Namentlich  seine  Charakteristiken  historischer  Bersönlichkelten  waren
höchst  eindrucksvoll,  wie  er  z.  B.  einmal  Jeröme  in  der  ihm  eigenen
kurzangebundenen  Art  als  „aufgeblasenen,  eingebildeten  Hanswurst“
abgetan  hat,  ist  mir  noch  heute  in  frischer  Erinnerung.  Bei  meinen
ausgeprägten  geschichtlichen  Neigungen  nahm  ich  Maurenbrechers
Darbietungen  mit  offenem  Sinn  und  großer  Anteilnahme  in  mich
auf.  Er  war  übrigens  auch  musikalisch  veranlagt,  und  wir  trafen
uns  oft  in  der  Beethovenhalle,  wo  unsere  Abonnementsplätze  sich
nebeneinander  befanden.  Der  Vortrag  des  berühmten  Kiteraturhistorikers
  Wilmanns,  zu  dem  ich  mit  hochgespannten  Erwartungen
ging,  enttäuschte  mich  dagegen,  ich  erhielt  von  ihm  nur  geringe
Anregung.  Das  philosophische  Kolleg  bei  Professor  Jürgen  Bona
Meper  hatte  ich  auf  Anraten  meiner  Mutter  belegt  da  mir  aber
der  Sinn  für  theoretische  Philosophie  völlig  abgeht,  habe  ich  es  bald
abgebrochen.

Der  Physiker  Klausius  war  wohl  einer  der  bedeutendsten  unter
den  Professoren.  Fein  und  liebenswürdig,  universal  gebildet,  eine
gewinnende  Persönlichkeit  voll  schlichter  Freundlichkelt  und  von  gewandtem
  Auftreten,  hielt  er  fesselnde  und  interessante  Borträge.  Zum
ersten  Male  wurden  in  seinem  Kolleg  meine  technischen  Interessen
fachmännisch  befriedigt.  Bek  ihm  habe  ich  auch  das  erste  Telephon
gesehen,  und  ich  entsinne  mich  noch,  welch  ein  Erstaunen  der  Apparat
bei  uns  Hörern  auslöste.  In  seinen  Abendgesellschaften  verstand
Clausius  stets  einen  Kreis  geistvoller  Männer  um  sich  zu  sammeln,

100
        <pb n="180" />
        deren  Diskussion  anzuhören  einen  großen  Retz  bedeutete.  Auch  der
Chemiker  August  Kekule  mit  dem  wunderschönen  Kopf  war  sehr  nach
meinem  Geschmack,  geistvoll,  fein,  vornehm,  ungemein  interessant,
namentlich  im  Borführen  von  Experimenten.  Er  besaß  die  seltene
Gabe,  dieses  fesselnde,  aber  für  den  Laien  recht  komplizierte  Gebtet
in  klarer,  verständlicher  Form  und  höchst  anregend  vorzutragen.  Als
er  sein  Rektorat  antrat,  machte  ich  den  Fackelzug  der  Studentenschafte
mit  und  habe  unter  seinem  Balkon,  die  Fackel  in  der  Hand,  mit
meinen  Kommilikonen  seiner  bernigen,  von  vaterländischem  Geist  durchwehten
  Rede  begeistert  gelauscht  und  aus  voller  Kehle  „Heil  dir  im
Siegerkranz“  und  die  „Wacht  am  Nhein“  mitgesungen.

Zu  großem  Dank  verpflichtet  bin  ich  dem  Kunsthistoriker  Kekule,
einem  entfernten  Berwandten  des  Chemikers.  Er  war  ein  Mensch,
der  seine  PBerson  völlig  zurücktreten  ließ,  verfügte  auch  durchaus
nicht  über  einen  blendenden  Vortrag,  aber  in  ihm  loderte  das  heilige
Geuer  der  Begeisterung  für  die  Antike,  und  das  machte  seine  Vor—
lesungen  für  mich,  der  gleiche  Neigung  hatte,  zu  einem  hohen  Genuß.
  Es  war  ein  reicher  Gewinn,  den  mir  seine  Vorlesungen  in
der  Sammlung  der  Gipsabgüsse  berühmter  antiker  Originale  einbrachten,
  ein  Gewinn  fürs  ganze  Leben.  Ich  habe  auch  gern  in
seinem  Hause  verkehrt,  wo  seine  schöne  Frau  mit  dem  klassischen  Kopf
anmutsvoll  waltete.  Später  habe  ich  mich  mit  Erfolg  bemüht,  ihn
als  Direkkor  an  das  Königliche  Museum  in  Berlin  zu  ziehen  und
aus  dem  Verkehr  mit  ihm  immer  wieder  neue  Bereicherung  geschöpft.
  Die  letzte  Freude,  die  ich  ihm  vor  seinem  Heimgang  noch
beresten  konnte,  war  eine  Einladung  nach  dem  Achillekon  auf  Korfu,
dessen  Schönheit  ihn  ganz  gefangen  nahm.  Bek  unseren  Erörkerungen
über  die  Aufstellung  der  großen  Achillesstatue  gab  er  mir  wertvolle
Ratschläge  und  verfaßte  auch  die  an  das  griechische  Volk  gerichtete
Wetheinschrift  auf  dem  Sockel,  sie  ist  im  Weltkriege  von  der  frankoserbtschen
  Besatzung  der  Insel  heruntergeschlagen  worden.

11  Aus  meinem  Leben  161
        <pb n="181" />
        Großen  Nutzen  habe  ich  schließlich  auch  von  dem  anderen  Kunsthistoriker
  Bonns  gehabt,  der  der  großen  Gelehrtenfamilie  der  Justi
angehörte.  Ganz  in  seinen  Arbeiten  lebend,  kaum  unter  Menschen
gehend,  war  er  nichts  weniger  als  ein  Weltmann,  trug  aber  ausgezelchnet
  vor.  Die  Kunst  der  Renaissance  und  die  alten  Meister
lebten  förmlich  unter  seinen  Worten  auf.  Auch  sein  Kolleg  habe  ich
auf  die  Gewinnseite  meiner  Studienzeit  zu  buchen.

Schließlich  gedenke  ich  noch  zweier  akademischer  Lehrer,  bei  denen
ich  zwar  nicht  gehört  habe,  die  mir  aber  gesellschaftlich  näher  getreten
sind.  Der  eine  war  Professor  Schaafhausen,  ein  bedeutender  Physiologe
  und  Bhrenologe;  den  Verkehr  in  seinem  Hause  machte  ein
Kranz  liebenswürdiger  Töchter,  die  den  verwitweten  Vater  umgaben,
ungemein  heiter  und  frohsinnig.  Der  andere  Herr  war  Professor
Sell,  seine  Gestalt  ragte  als  Wahrzeichen  aus  uralten  Zeiten  noch
in  unsere  Jugend  hinein.  Er  besaß  von  jeher  eine  besondere  Vorliebe
  für  das  Korps  Borussia,  wo  der  alte  Herr  durch  ebenso
launige,  wie  formvollendete  Reden  sich  die  Herzen  seiner  Zuhörer
gewann.  Seine  Höflichkeit  war  sprichwörtlich,  da  er  jedem  Studenten,
der  ihn  auf  der  Straße  grüßte,  durch  schwungvolles  Abnehmen  seines
Hutes  dankte.  Dies  veranlaßte  oft  die  akademischen  Jünglinge,
wenn  sie  ihm  zu  zweien  begegneten,  sich  zu  teilen,  um  ihn  zwischen
sich  hindurchgehen  zu  lassen,  wobei  sie  a  tempo  grüßten  —  worauf
der  freundliche  alte  Herr  niemals  verfehlte,  mit  liebenswürdigem

Lächeln  erst  den  Gruß  des  einen  und  dann,  sich  umwendend,  den  des
andern  zu  erwidern.

III.
Nicht  nur  der  strengen  Wissenschaft,  nicht  nur  dem  Berkehr  mit
Professoren  habe  ich  meine  Zeit  in  Bonn  gewidmetl

Schäumende  Jugendlust  suchte  und  fand  Verkehr  mit  Gleschgestimmten.


162
        <pb n="182" />
        Dem  Korps  der  Borussen  hatte  mein  Bater  seinerzeit  angehört,
und  so  war  es  nur  natürlich,  daß  auch  ich  den  weißen  Stürmer
tragen  sollte.  In  diesem  Kreise  froher  Jugend  habe  ich  wundervolle
  Zeiten  verlebt,  alle  Pflichten,  die  das  Korps  an  mich  stellte,
erfüllt,  alle  Beranstaltungen,  nur  Student  unter  Studenten,  frohgemut
  mitgemacht.  Der  Geist,  der  unter  diesen  jungen  Leuten  gepflegt
  wurde,  war  vortrefflich,  die  Begriffe  König  und  Baterland
stellten  die  höchsten  Ideale  dar,  die  Erziehung  zu  Staatsgesinnung,
Pflichterfüllung  und  Kameradschaft  war  vorbildlich.  Auf  Disziplin
wurde  streng  gehalten,  doch  ohne  berechtigtem  Frohsinn  Gewalt  anzutun.


Als  Beispiel  für  die  Lebensklugheit,  mit  der  diese  lustigen  und
lebensfrohen  jungen  Herren  verfahren  konnten,  möchte  ich  ein  kleines
Erlebnis  aus  meiner  Studienzeit  hierher  setzen.  Ein  hochstehender
Alter  Herr  aus  altem  Adelsgeschlecht,  Kammerherr  an  unserem  Hofe,
liebte  es  bei  seinen  Besuchen,  unter  der  Maske  scheinbaren  Berauschtseins
  andere  zu  necken,  zuweilen  sogar  beleidigende  Bemerkungen  zu
machen.  Das  Korps  trat  zu  einem  Konvent  zusammen  und  faßte
den  sehr  vernünftigen  Beschluß,  dem  Friedensstörer  „Narrenfreiheit
zu  erteilen".  Dies  bedeutete,  daß  seine  Anrempelungen  niemals  als
Beleidigungen  aufgefaßt  werden  durften,  sondern  als  Narrenstreiche
auch  von  den  Betroffenen  belacht  werden  sollten.  Der  Alte  Herr,
der  von  diesem  Beschluß  keine  Kenntnis  hatte,  war  nicht  wenig  erstaunt,
  als  er  bei  seinen  Anzapfungen  nur  noch  schallende  Hetterkeit,
aber  keine  Pikiertheit  zu  erzielen  vermochte,  so  daß  er  das  Bergnügen
bald  aufgab  —  sehr  zur  allgemeinen  Erleichterung.

Zu  den  Schattenseiten  gehörte,  wie  nicht  zu  leugnen  ist,  das  starke
Trinken,  und  ich  habe  in  dieser  Bezkehung  damals  und  später  das
meine  getan,  um  dieser  Unsttte  zu  steuern,  hoffentlich  wird  die  sportliche
  Bewegung,  die  jetzt  durch  Deutschland  geht,  die  letzten  Ubelstände
  besektigen.  Ich  selbst  war  nicht  aktiv,  sondern  nur  „Kon-11*

  163
        <pb n="183" />
        kneipant“  und  bekam  das  Band  erst  lange  nachdem  ich  die  Universität
verlassen  hatte.  Ebenso  habe  ich  wohl  am  Fechtunterricht  teilgenommen,
aber  nicht  auf  Mensur  gestanden.

Von  den  Kommilitonen  sind  mir  eine  Anzahl  im  Gedächtnis
geblieben,  deren  Gestalten  nun  wieder  von  der  Erinnerung  heraufbeschworen
  werden.  Da  waren  Herzog  Georg  von  Oldenburg  und
der  spätere  Großherzog  Friedrich  von  Baden,  mein  Kamerad  auf
der  Schwarzwaldreise,  dann  Freiherr  v.  Seherr-Thoß,  der  spätere
Regierungspräsident  von  Liegnitz,  Graf  v.  Tiele-Winckler,  dessen
Mensur  die  erste  war,  die  ich  mit  ansah,  ferner  Freiherr  Ernst  v.  Salza,
mit  dem  ich  seinerzeit  in  Wyk  gespielt  hatte.  Dann  entsinne  ich  mich
noch  des  Hamburgers  Ohlendorf  und  des  später  als  Weltreisender
bekannt  gewordenen  Hamburgers  Otto  Ehlers;  er  ist  nachmals  bei
einer  Forschungsreise  in  Neu-Guinea  umgekommen.  Schließlich
nenne  ich  noch  den  Grafen  Münster,  einen  Sohn  des  Botschafters,
dann  den  Grafen  Bictor  v.  Henckel,  sowie  v.  Spdow,  den  besten
Gechter  des  Korps.  Diese  Kommilitonen  waren  wohl  zu  meiner  Zeit
alle  aktiv.  Außer  ihnen  verkehrte  noch  eine  Anzahl  Inaktiver  im
Korps,  wie  z.  B.  der  mir  nahestehende  Herzog  Johann  Albrecht  von
Mecklenburg-Schwerin,  der  spätere  Regent  von  Braunschweig.  Sie
alle  trugen  nach  Kräften  und  Befähigung,  der  eine  auf  die,  der  andere
auf  sene  Weise,  zur  Unterhaltung  und  zum  Gedeihen  des  Korps  bei.

Eine  besondere  Note  erhielt  das  gesellschaftliche  Leben  in  Bonn
durch  den  guten  Zusammenhalt  unter  den  drei  Korps,  den  Hanseaten,
den  Pfälzern  und  den  Borussen.  Dieser  ist  gewiß  sehr  gefördert
worden  durch  den  Umstand,  daß  viele  Aktive  gleichzeitig  im  dortigen
Königs-Husarenregiment  ihr  Jahr  abdienten,  dadurch  wurde  nicht  nur
der  Geist  der  Kameradschaftlichkeit  wesentlich  gestärkt,  sondern  auch
der  Zusammenhalt  zwischen  den  Korps  und  dem  Negiment  außerordentlich
  eng.  Es  war  ein  sehr  schönes  Verhältnis,  dem  ich  im
folgenden  wenigstens  einige  Zeilen  widmen  muß.

164
        <pb n="184" />
        In  dem  gastlichen  Hause  des  Husarenobersten  Prinzen  Hein—
rich  XIII.  Reuß  und  dessen  liebenswürdiger  Gemahlin,  einer  geborenen
Gräfin  Hochberg,  Tochter  des  Fürsten  von  Pleß,  verlebte  ich  man—
chen  heiteren  Abend  mit  Scharaden,  Theaterspiel  oder  Bällen.  Ein
amüsanter  Kamerad  war  ein  anderer  Reuß,  Prinz  Heinrich  XXIV.
aus  der  Kinie  Ernstbrunn-Köstritz,  der  vor  allem  ungemein  musikalisch
veranlagt  war.  Er  spielte  Orgel  und  Klavier,  komponierte  und  dirigierte
  und  war  insbesondere  ein  guter  Bachkenner.  Wir  haben  einmal
  zusammen  in  einem  kleinen  Stück  gespielt,  in  dem  Reuß  einen
sächsischen  Kammerdiener  zu  mimen  hatte,  das  machte  er  so  naturgetreu
  und  zwerchfellerschütternd,  daß  er  die  Mitspieler  aus  dem
Text  brachte.  Ferner  erwähne  ich  meinen  späteren  Adjsutanten,
Major  Moßner,  den  nachmaligen  Botschafter  Graf  Pourtales,  dann
Herrn  von  dem  Knesebeck,  der  später  Brivatsekretär  bei  der  Kaiserin
Augusta  und  dann  bei  meiner  Frau  war.  Knesebeck  war  eine  Natur
ähnlich  der  des  Grafen  Seckendorff,  künstlerisch  veranlagt,  hochgebildet,
  sprachenkundig  und  schwärmerisch  begeistert  für  Italien,  besonders
  Benedig.

Auch  General  v.  Loé,  der  die  Königshusaren  1870  gegen  Frankreich
  geführt  hatte,  kam  oft  zum  Regiment.  Ich  verdanke  den  Gesprächen
  mit  ihm  einen  großen  Schat  an  militärischen  Lehren  aus
Kriegs=  und  Friedenszeiten.

Geldmarschall  Herwarth  v.  Bittenfeld,  der  mich  in  freundlicher
Weise  in  seinem  Hause  aufnahm,  ließ  sich  gern  von  mir  aus  meinem
Leutnantsleben  erzählen.  Wenn  dieser  kernige  alte  Haudegen  bei
den  großen  Kommersen  der  Untversität  von  der  Tribüne  der  Honoratioren
  herab  zu  uns  Studenten  sprach,  dann  erhoben  wir  uns  alle
und  standen  mit  der  Front  gegen  ihn  „stramm,  die  Hände  an  der
Hosennaht".  Und  wenn  seine  kurzen,  knappen,  wie  Hammerschläge
die  Begeisterung  weckenden  Worte  verklungen  waren,  dann  donnerten
die  drei  Hurras  und  die  Nationalhpmne  durch  den  Saal,  daß  die

105
        <pb n="185" />
        Wände  zitterten.  Manch  anderen  Träger  berühmter  Namen  lernte
ich  im  Königshusarenregiment  noch  kennen,  von  dem  sich  viel  er—
zählen  ließe.  Historische  Vollständigkeit  kann  aber  nicht  mein  Ziel  sein.

IV.

Vielfache  Ausflüge  in  die  nähere  und  weitere  Umgegend  teils
zu  Pferde,  teils  mit  der  Eisenbahn  oder  dem  Dampfer,  vor  allem
aber  im  Ruderboot,  gewährten  mir  hohen  Genuß  und  lehrten  mich
einen  der  schönsten  Teile  unseres  Vaterlandes  näher  kennen.  Ich
habe  damals  wundervolle  Fahrten  auf  dem  Rhein  im  Boot  gemacht.
Besonders  gern  bin  ich  mit  dem  Nachtdampfer  nach  Koblenz  gefahren,
um  am  nächsten  Tage  nach  Bonn  stromabwärts  zurückzurudern,  gegenüber
  der  Burg  Argenfels  wurde  dann  gewöhnlich  eine  einstündige
Mittagspause  eingelegt.  Meist  war  von  den  Kommilitonen  Otto
Ehlers  mit  von  der  Partie,  der  als  Hamburger  mit  dem  Wassersport
mehr  vertraut  war  als  die  andern.  Als  Steuermann  pflegte  der
Schwimmeister  Busch  zu  walten,  ein  fideler,  prachtvoller  Rheinländer,
der  sich  wohl  mehr  als  zwanzig  Lebensrektungen  zuschreiben  durfte.
Diese  Fahrten  am  Siebengebirge,  am  Drachenfels  und  den  rheinischen
  Burgen  vorbei  waren  stets  voll  unbeschreiblich  schönen  Genusses.


Das  frohe  Treiben  des  lustigen  rheinischen  Bölechens  habe  ich
heiteren  Sinnes  oft  beobachten,  manchmal  auch  mitmachen  können.
Vom  eigentlichen  Karneval  habe  ich  freilich  nicht  viel  gesehen,  nur
an  einer  Narrensttzung  in  den  Biktortasälen  habe  ich  mich  einmal  beteiligt.
  An  einem  hübschen  Fest  konnte  ich  gelegentlich  im  „Malkasten“
in  Düsseldorf  keilnehmen.  Dagegen  habe  ich  —  denn  die  ernstere
Richtung  lag  dem  Norddeutschen  doch  mehr  —  häufig  den  bekannten
Nheintschen  Mustkfesten  beigewohnt  und  viel  Genuß  von  ihnen  gehabt.
  Vom  regelmäßigen  Besuch  der  Konzerte  in  der  Beethovenhalle
sprach  ich  gelegentlich  schon.  Als  besondere  Erlebnisse  sind  in  meiner
100
        <pb n="186" />
        Erinnerung  haften  geblieben,  daß  Frau  Joachim  dort  einmal  gesungen

und  ein  anderes  Mal  Klara  Schumann  auf  dem  Klavier  vorgetragen
  hat.

*
*

Oft  bin  ich  nach  Koblenz  zu  meiner  Großmutter,  Kaiserin  Augusta,
befohlen  worden.  Im  lieben  alten  Schloß  mit  dem  stillen,  schönen
Garten  und  dem  herrlichen  Blick  auf  den  Ehrenbreitstein  habe  ich
unvergeßliche  Stunden  verbracht.  Ich  lernte  dort  unter  vielen  anderen
auch  den  berühmten  General  v.  Goeben  kennen,  der  damals  Kommandierender
  General  des  VIII.  Armeekorps  war  und  den  meine
Großmutter  sehr  hoch  schätzte.  Auch  ich  habe  den  seltenen  Mann,
der  mit  seiner  Brille  und  dem  feinen  Gesicht  mehr  wie  ein  Gelehrter
  als  ein  Militär  aussah,  aufrichtig  verehrt.  Er  hat  mir
mancherlei  aus  seinem  ereignisreichen  Leben  erzählt,  besonders  von
seinen  Abenteuern  im  Spanischen  Bürgerkriege,  den  er  auf  seiten
der  Karlisten  mitgemacht  hatte,  sowie  von  den  drei  ruhmreichen
deutschen  Kriegen.  Ich  konnte  von  ihm  viel  selbsterlebte  Geschichte
lernen.

Auch  mit  dem  Offizierkorps  des  Königin  Augusta-Garde-Grenadierregiments
  Nr.  4  kam  ich  in  Koblenz  auf  Wunsch  meiner  Großmutter
  oft  zusammen.  Mit  ehrfurchtsvoller  Liebe  hing  das  Regiment
an  seinem  hohen  Chef,  der  keinen  Tag  vorübergehen  ließ,  ohne  einige
Herren  des  Regiments  bei  sich  zur  Tafel  zu  sehen.  Die  Beziehungen
der  Kaiserin  Augusta  zu  ihrem  Regiment  spiegelten  das  Verhältnis
einer  großen  Familie  wider,  sie  war  die  Mutter,  und  die  „Augustaner“
betrachteten  sich  als  ihre  Söhne.  Ich  konnte  das  so  recht  beobachten,
als  ich  bei  den  Jubkläumsfestlichkelten  des  Regiments  die  Kaiserin
zu  den  Darbietungen  der  Mannschaften  in  die  Kasernen  und  zum
Empfang  des  Offizierkorps  in  das  Kasino  begleiten  durfte  und  dabei
Jeuge  der  rührenden  Anhänglichkett  seitens  der  Mannschaften  wie
der  Offiziere  wurde.

107
        <pb n="187" />
        Ein  unvergeßlicher  Augenblick  war  die  Vereidigung  der  Rekruten
des  Regiments,  die  in  der  Eingangshalle  zum  großen  Treppenhause
im  Schloß  in  Gegenwart  des  Kaisers  stattfand.  Hoch  über  den
versammelten  Soldaten  und  dem  Treppenabsatz,  umrauscht  von  den
zerschossenen  Fahnen  des  Regiments,  stand  der  Oberste  Kriegsherr,
weiter  rückwärts,  etwas  erhöht  auf  dem  nächsten  Treppenabsatz,  die
Kaiserin,  ihr  zur  Seite  ich.  Machtvoll  und  feierlich  stieg  der  Schwur
des  Fahneneides  zu  der  ehrfurchtgebietenden  Gestalt  des  greisen
Kaisers  empor.  Nach  dem  Schwur  einige  kurze,  knappe  Ermahnungen
des  Kaisers  an  die  jungen  Krieger,  dann  die  Erwiderung  des
Regimentskommandeurs  mit  dem  Treugelöbnis  für  das  ganze  Regiment
  und  drei  donnernden  Hurras,  am  Schluß  „Heil  dir  im  Siegerkranz“.
  Auf  den  Gesichtern  aller  Teilnehmer  an  der  Feier  spiegelte
sich  tiefe  Ergriffenheit.  Zum  Abschied  reichte  der  Kaiser,  selbst  bewegt,
dem  Regimentskommandeur  dankend  die  Hand  und  ebenso  dem
General  v.  Goeben.  Ich  sah  in  dem  Augenblick  die  Hand  des
Katsers  in  der  seines  Feldherrn  ruhen,  des  Siegers  von  St.  Ouentin,
der  ihm  die  Kaiserkrone  mit  hatte  erstreiten  helfen.  Auch  mir  wurde
es  feucht  vor  den  Augen.  Meine  Großmutter  flüsterte  mir  ins  Ohr:
„St.  Ouentin-Versailles-Koblenz,  das  merk  dir  für  dein  Leben!“

Ich  habe  es  nicht  vergessen.

*  k

So  manchen  Sonntag  habe  ich  in  meiner  Bonner  Zeit  bei  meinen
Verwandten  in  Darmstadt  zugebracht,  ich  fuhr  dann  meist  Freitag
nachmittag,  da  Sonnabend  kollegfrei  war,  fort,  und  kam  Montag
früh  zurück.  Schon  die  Fahrt  durch  das  liebliche  Rheintal  in  den
verschiedenen  Jahreszeiten  war  ein  hoher  Genuß  für  mich,  noch  schöner
aber  sollte  es  immer  in  Darmstadt  werden.  Großherzogin  Alice  von
Hessen-Darmstadt,  die  Gemahlin  des  Großherzogs  Ludwig,  war  eine
Schwester  meiner  Mutter,  klug,  tief  religiös,  unendlich  liebevoll  und
gütig,  für  mich  gleichsam  eine  zweite  Mutter.  Ich  fühlte  mich  wie

168
        <pb n="188" />
        ein  Kind  im  Hause,  meine  Vettern  und  Kusinen  waren  so  gut  wie
meine  Geschwister.  Mit  Erni,  der  damals  freilich  noch  ein  kleiner
Junge  war,  und  mit  den  vier  Kusinen  wurden  Partien  gemacht,
wurde  Lawn  tennis  und  anderes  gespielt,  mit  meinem  Oheim  unternahm
ich  Pirschfahrten  und  Ritte,  wobei  mir  der  begeisterte  Soldat  viel
von  1870/71  erzählte  —  kurzum,  es  war  über  alle  Beschreibung  schön.

Aber  welch  tragisches  Schicksal  hat  die  geliebten  Verwandten
betroffen!

Noch  während  meiner  Studienzeit  brach  in  der  Familie  eine
Diphtherieepidemie  aus  und  raffte  am  18.  November  1878  die  kleine
May  dahin.  Tante  Alice  hatte  die  Pflege  der  Kinder  übernommen
und  fiel  nun  am  14.  Dezember  selbst  der  Krankheit  zum  Opfer.  Es
war  ein  furchtbarer  Schlag  und  ein  herber  Verlust  auch  für  mich.
Von  den  Töchtern,  deren  eine,  Prinzessin  Irene,  sich  später  mit  meinem
  Bruder  Heinrich  vermählte,  verheirateten  sich  zwei  nach  Rußland:
  Prinzessin  Elisabeth  mit  dem  Großfürsten  Sergius,  einem  Sohne
Zar  Alexanders  II.,  Prinzessin  Alix  mit  dem  russischen  Thronfolger,
dem  späteren  Zaren  Nikolaus  II.  Großfürst  Sergius  wurde  bekanntlich
  im  Jahre  1905  als  Generalgouverneur  von  Moskau  durch  die
Bombe  eines  Terroristen  in  Stücke  gerissen.  Seine  Witwe  begründete
  nach  diesem  schrecklichen  Ereignis  das  Kloster  Martha  und  Maria
in  Moskau  zur  Fürsorge  für  die  Armen  und  Kranken,  deren  Vorsteherin
  oder  „Abtissin“  sie  wurde,  noch  im  Weltkriege  erregte  ihre
edle  Erscheinung  die  Bewunderung  eines  Mannes  wie  des  Franzosen
Palkologue.  Der  Ausgang  der  beiden  Schwestern  ist  bekannt.  Die
Zarin  wurde  mit  ihrer  Familie  in  der  Nacht  vom  16.  zum  17.  Juli
1018  in  Jekaterinburg  von  den  Bolschewisten  hingemordet,  ihrer
Schwester  in  der  folgenden  Nacht  der  gleiche  grausame  Tod  bereitet.

So  hart  ist  das  Schicksal  mit  uns,  die  wir  damals  alle  heiter
und  vergnügk  uns  unseres  fungen  Lebens  freuten,  umgegangenl

3  *  *

100
        <pb n="189" />
        Auch  in  Neuwied  bin  ich  oft  gewesen,  in  Monrepos  und  im
Segenhaus.  Bei  diesen  Gelegenheiten  habe  ich  Roggenbach  oft  getroffen
  und  näher  kennen  gelernt,  einmal  auch  die  damalige  Fürstin,
spätere  Königin  Elisabeth  von  Rumänien  gesehen.  Unter  ihrem
Dichternamen  Carmen  Sylva  hat  die  Königin  u.  a.  auch  hübsche
Gedichte  vom  Rhein  und  seinen  Menschen  veröffentlicht  („Bonn,
Bonn,  es  liegt  an  dir  —  daß  man  bummeln  mußl“).  Auf  mich
machten  damals,  wie  ich  mich  entsinne,  besonders  ihre  schönen  großen
Augen  und  ihre  religiöse  Gesinnung  großen  Eindruck.

2  *  *

Es  war  damals  die  Zeit,  da  die  Wogen  des  unseligen  Kultur—
kampfes  sich  noch  immer  nicht  legen  wollten.  Auch  ich  kann  davon
ein  eigenes  Erlebnis  aus  meiner  Bonner  Zeit  berichten.

Der  Königliche  Oberforstmeister  v.  Kalitsch  gab  in  den  Staatsforsten
  in  der  Gegend  von  Oranienstein  die  übliche  „Königliche  Jagd“,
zu  der  Offiziere  des  Königs-Husarenregiments,  eine  Anzahl  Borussen,
darunter  auch  ich,  sowie  eine  größere  Anzahl  von  Angehörigen  des
rheinisch-westfälischen  Adels  eingeladen  wurden.  Da  diese  nicht  rechtzektig
  auf  dem  Sammelplatz  im  Walde  zur  Stelle  waren,  ließ  Oberforstmeister
  v.  Kalltsch  zwei  kleinere  Treiben  ohne  sie  nehmen.  Nach
dem  zweiten  Trieb  traf  wenigstens  Graf  Wolff-Metternich-Gracht
auf  seinem  schönen  Biererzug  bei  uns  ein,  anscheinend  sehr  verstimmt,
nahm  er  sogleich  nach  der  Vorstellung  Herrn  v.  Kalitsch  und  meinen
Hofmarschall  v.  Liebenau  zu  einer  Besprechung  beiseite,  die  offensichtlich
  sehr  peinlichen  Charakters  war.  Während  zu  meiner  Verwunderung
  Oberforstmeister  v.  Kalitsch  alsbald  nach  deren  Beendigung
das  nächste  Treiben  befahl,  ohne  daß  die  noch  erwarteten  Jagdgäste
angekommen  waren,  klärte  mich  Herr  v.  Kiebenau  auf.  Die  übrigen
Herren  des  rheinisch-westfälischen  Adels,  denen  meine  Teilnahme
vorher  nicht  bebannt  gewesen  war,  hätten  mich  bei  ihrem  Hotel  in

170
        <pb n="190" />
        Deutz  vorbeikommen  sehen  und  daraufhin  sofort  beschlossen,  wieder
nach  Hause  zu  fahren.  Sie  hätten  sich  geweigert,  an  der  Jagd  teilzunehmen,
  da  sie  wegen  des  noch  herrschenden  „Kulturkampfes"  nicht
mit  einem  preußischen  Brinzen  zusammenkommen  könnten!  Dieses
unqualifizierbare  Benehmen  rief  bei  allen  anwesenden  Jagdgästen
tiefe  Entrüstung  hervor,  da  ich  doch  persönlich  wahrlich  mit  dem
ganzen  Streit  nichts  zu  tun  hatte!  Der  Vorfall  zeigt  aber  deutlich,

bis  zu  welchem  Grade  der  Berhetzung  der  unheilvolle  Kampf  geführt
  hatte.
r*

Da  in  Bonn  zwei  bedeutende  Geistliche  an  der  evangelischen
Kirche  wirkten,  bereitete  mir  der  Besuch  derselben  besondere  Freude.
Der  eine  war  der  Dekan  der  Theologischen  Fakultät  D.  Christlieb,
der  trotz  seines  ugendlichen  Außern  durch  die  Kraft  seiner  Rede  wie
seinen  tiefen  Ernst  allgemein  starken  Eindruck  machte  und  Respekt
abnötigte;  seine  Bredigten  waren  „gewaltig“  und  oft  erschütternd.

Der  andere  war  Dryander,  dessen  gewinnende  Herzlichkeit  und
sonniges  Wesen  ihm  überall  vertrauensvolle  Zuneigung  erwarb.
Seine  geistvollen  Bredigten  fanden  lebhaften  Anklang,  er  verstand
es  mit  großem  Feingefühl,  trotz  großer  Schwierigkeiten,  den  konfessionellen
  Frieden  zu  erhalten.  Ich  hatte  in  Botsdam  und  Berlin
immer  den  Mangel  der  Predigten,  die  fast  nur  trockne  Dogmatik
behandelten  und  die  Peison  Christi  sehr  vernachlässigten,  schmerzlich
empfunden.  Das,  was  ich  suchte,  fand  ich  nun  in  den  Predigten
Drpanders,  dessen  milde,  dabei  doch  kraftvoll  klare  und  echt  evangelische
  Auffassung  meiner  eigenen  religiösen  Einstellung  sehr  entgegenkam,
  denn  bek  ihm  war  die  Predigt  frei  von  Dogmatik,  die  Berson
des  Herrn  stand  im  Mittelpunkt,  und  das  „praktische  Christentum“  war
das  K  und  O  seiner  Lehren.  Ich  habe  Dryander  aufrichtig  verehrt
und  aus  dem  Verkehr  mit  ihm  den  Entschluß  geschöpft,  alles  daran
zu  setzen,  um  ihn  nach  Berlin  zu  bringen.  Sein  Wirken  dort  an

171
        <pb n="191" />
        der  Dreifaltigkeitskirche,  am  Dom  und  an  der  Schloßkapelle  steht
noch  in  frischer  Erinnerung.  Er  hat  mich  und  die  Meinigen  jahraus,
jahrein  mit  geistlichem  Zuspruch  treu  begleitet,  auch  das  Werden,  die
Zukunft  und  die  Aufgaben  der  protestantischen  Kirche  in  vielen  Unterredungen
  mit  mir  besprochen.  Er  ist  in  guten  Zeiten  mir  ein  treuer
Freund  gewesen  und  ist  es  in  schlechten  bis  an  sein  Lebensende
geblieben.
V.

Einer  Reihe  von  Ereignissen  aus  jenen  Jahren,  die  aus  dem
Rahmen  meiner  eigentlichen  Bonner  Erlebnisse  herausfallen,  muß  ich
an  dieser  Stelle  mehr  oder  minder  ausführlich  gedenken.

Im  Vebruar  1878  fand  die  Bermählung  meiner  Schwester,  Prinzessin
  Charlotte,  mit  dem  Erbprinzen  Bernhard  von  Sachsen-Meiningen
  statt,  gleichzeitig  die  Bermählung  der  Prinzessin  Elisabeth,
Tochter  Prinz  Friedrich  Karls,  mit  dem  Erbgroßherzog  Friedrich
August  von  Oldenburg.  Beide  Feiern  wurden  in  einer  großen
Doppelhochzeit  gemeinsam  begangen.

Bald  danach  ereigneten  sich  sene  beiden  fluchwürdigen  Mordanschläge
  auf  meinen  Großvater,  am  11.  Mai  durch  Hödel,  am  2.  Juni
durch  Nobiling.  Das  zweite  Attentat  rief  überall  einen  unbeschreiblichen
  Eindruck  hervor.  Meine  Beschämung  darüber,  daß  ein  Deutscher
fähig  gewesen  war,  eine  solch  bübische  Tat  an  dem  allverehrten,
greisen  Herrscher  zu  begehen,  war  grenzenlos,  auch  die  allgemeine
Empörung  ungeheuer.  In  hellen  Haufen  kamen  meine  Bekannten,
um  mir  ihr  Mitgefühl  auszudrücken  und  Näheres  zu  erfahren.  Ich
erhielt  die  Erlaubnis,  nach  Berlin  zu  reisen  und  durfte  meine  Eltern
auf  einem  Krankenbesuch  zu  meinem  Großvater  beglesten.  Mit  tiefer
Erschütterung  sah  ich  den  ehrwürdigen  Kaiser,  dem  mein  ganzes  Denken
galt,  in  seinen  Verbänden  bleich  auf  dem  Schmerzenslager  liegen.

Das  zweite  Attentat  hatte  meinen  Großvater  so  stark  mitgenommen,
daß  er  sich  unfähig  fühlte,  die  Regierung  auszuüben  und  meinen  Vater
172
        <pb n="192" />
        zu  seinem  Stellvertreter  ernannte.  Als  meine  Eltern  Ende  Juli
nach  Homburg  übersiedelten,  habe  ich  sie  nach  Semesterschluß  im
August  besucht.  Ich  mußte  immer  zugegen  sein,  wenn  die  Chefs  des
Militär=  und  des  Zivilkabinetts  meinem  Vater  Vortrag  hielten  und
durfte  ihm  beim  „Regieren“  helfen.  Da  mein  Bater  nämlich  noch
die  Gewohnheit  hatte,  zum  Löschen  der  Tinte  Sand  zu  benutzen,  so
bereitete  die  Ummenge  von  Orders  und  Patenten,  die  er  unterzeichnen
mußte,  nicht  geringe  Schwierigkeiten.  Mir  fiel  daher  die  Aufgabe
zu,  diese  zum  Trocknen  auszulegen  und  dann  wieder  zu  ordnen.  Am
Schluß  der  Vorträge  waren  oft  sämtliche  freien  Tische,  alle  verfügbaren
  Möbel  und  der  Fußboden  mit  diesen  Dokumenten  bedeckte
nur  zur  Tür  mußte  ein  schmaler  Zugang  gelassen  werden.
#

In  dieser  Zeit  wurde  ich  zum  ersten  Male  in  offiziellem  Auftrage
an  einen  ausländischen  Hof  entsandt.  Am  22.  August  begingen  König
Leopold  II.  und  Königin  Maria  das  Fest  ihrer  Silbernen  Hochzeit,
und  da  mein  Bater  infolge  seiner  Stellvertretung  nicht  abkömmlich
war,  mußte  ich  die  Vertretung  meines  Großvaters  übernehmen.

Ich  begab  mich  mit  meinen  beiden  Herren,  Major  v.  Liebenau
und  Leutnant  v.  Jacoby,  nach  Brüssel.  An  der  belgischen  Grenze
traf  ich  mit  dem  Vertreter  Kaiser  Franz  Josefs,  Erzherzog  Karl
Ludwig,  dem  Vater  des  in  Serafewo  ermordeten  österreichisch-ungarischen
  Thronfolgers,  zusammen.  In  seiner  Begleitung  befand  sich
General  Fürst  Windischgrätz,  dem  ich  bereits  in  Berlin  am  Hofe
meiner  Großeltern  und  Eltern,  wo  er  eine  sehr  gern  gesehene  Per—
sönlichkeit  war,  wiederholt  begegnet  war.

Der  König  empfing  mich  persönlich  am  Bahnhof  und  fuhr  dann
mit  mir  durch  die  reichgeschmückte  Stadt,  deren  Bewohner  in  festlich
angeregter  Stimmung  die  Straßen  füllten,  nach  dem  Balais.  Hier
begrüßte  mich  die  Königin,  eine  stolze  Frau  mit  vornehmem  Gesichtsschnttt
  und  wahrhaft  königlicher  Haltung,  übrigens  eine  Tochter

173
        <pb n="193" />
        des  Erzherzogs  Joseph,  Palatins  von  Ungarn,  und  Schwester  des
Feldmarschalleutnants  Erzherzog  Joseph.

Zweifellos  war  König  Leopold  eine  markante  und  imposante  Bersönlichkeit,
  die  man  so  leicht  nicht  wieder  vergaß.  Doch  verrate  ich
kein  Geheimnis,  wenn  ich  sage,  daß  er  auf  mich  den  Eindruck  eines
ausgesprochenen  Zynikers  und  Menschenverächters  machte,  einige
Vorfälle,  die  ich  damals  erlebte,  werden  das  illustrieren.

Der  erste  ereignete  sich,  als  der  König  mir  seine  Würdenträger
vorstellte.  König  Leopold  war  ein  Meister  in  der  Kunst  des  Vorstellens,
denn  er  unterrichtete  mich  mit  großer  Gewandtheit  über  die  Persönlichkeit,
  ihre  Familie,  ihr  Amt  und  die  Vortrefflichkeit  der  Führung
desselben.  Dies  geschah  aber  auf  Französisch,  das  er  in  hervorragendem
  Maße  beherrschte.  Dann  erfolgten  bei  den  Herren,  die  kein
Deutsch  verstanden,  einige  sarkastische  Bemerkungen  in  dieser  Sprache.
So  z.  B.  stellte  er  mir  seinen  Kriegsminister  vor,  einen  Riesen  in
gesticktem  Frack,  weisßen  „Collants'“  und  Kanonenstiefeln  sowie  mit
federgeschmücktem  Dreimaster,  der  sehr  an  die  Generale  aus  der  Zeit
Napoleons  I.  erinnerte.  Nachdem  er  auf  Französisch  die  Vorzüge  des
Generals  und  seine  Verdienste  um  das  Heer  rühmend  hervorgehoben
hatte  und  ich  demgemäß  bereits  in  meinem  Innern  einige  französische
Greundlschkekten  zu  entwerfen  beschäftigt  war,  die  sch  an  den  General
richten  wollte,  flüsterte  der  König  mir  auf  Deutsch  zu:  „Seine  Exzellenz
  ist  in  seiner  Jugendzeit  Tambourmasor  gewesen,  daher  kann  er  trotz
seiner  Kanonenstiefel  nicht  reiten.  Wenn  ich  daher  bei  Paraden  an
die  Front  meiner  Truppen  heransprenge  (der  König  ritt  vorzüglich  und
stets  die  edelsten  englischen  Bollblüter),  dann  muß  er  mich  begleiten
und  fällt  meistens  dabei  herunter.“  Und  ähnlich  ging  es  auch  bei

allen  andern  Ministern,  so  daß  ich  mich  mehr  als  einmal  im  Kampf
mit  dem  Lachen  befand.

Beim  Festmahl  erhob  sich  Erzherzog  Karl  Ludwig,  um  die  Tischrede
  auf  das  Silberpaar  zu  halten.  Er  kam  aber  nicht  weit,  sondern

174
        <pb n="194" />
        blieb  bald  stecken  und  rettete  die  Situation  nur  dadurch,  daß  er  schnell
zum  Schluß  überging  und  das  Hoch  ausbrachte.  Da  sagte  König
Leopold,  langsam  und  bedeutsam  mir  ins  Ohr  flüsternd:  „Mein
lieber  Wilhelm,  es  ist  eine  schöne  Gabe  Gottes,  wenn  einer  ein  be—
gnadeter  Redner  ist!“

Das  bezeichnendste  Erlebnis  aber  ereignete  sich  gegen  Schluß
der  Tafel.  Die  Bonbons  waren  schon  herumgereicht,  alles  wartete
auf  das  Erheben  der  Mafestäten,  und  es  trat  jene  gedämpfte  Stille
ein,  die  immer  diesem  Augenblick  vorauszugehen  pflegt.  Nur  einer
sprach  weiter:  der  stocktaube  Graf  Philipp  von  Flandern,  König
Leopolds  Bruder,  der  infolge  seines  Leidens  nichts  von  dem  eingetretenen
  Schweigen  bemerkte.  Und  was  war  der  Inhalt  seines
Gespräches?  Mokante  Bemerkungen  über  die  Tischgäste!  Die  Situation
  war  unglaublich  peinlich.  Bergebens  versuchte  seine  Tischnachbarin,
  die  Gräfin  Grünne,  Oberhofmeisterin  der  Königin,  ihn
von  seinem  Thema  abzubringen,  er  ließ  sich  nicht  beirren.  Flehentlich
  sah  sie  zum  König  hinüber.  Der  aber  stieß  mich  —  ich  saß
zwischen  den  Mafestäten  —  leicht  an  und  sprach  auf  Deutsch  ruhig
und  langsam  die  geflügelten  Worte:  „Wein  lieber  Neffe,  siehst  du,
wie  die  Gräfin  Grünne  mich  anfleht,  ich  möge  doch  die  Tafel  aufheben?
  Ich  denke  gar  nicht  daran.  Ich  lasse  meinen  guten  Bruder
ruhig  noch  weiterreden.  Denn  ich  erfahre  auf  diese  Weise  allerhand
Dinge,  die  mir  sonst  keiner  erzählt!“

Den  Höhepunkt  der  Festlichkeiten  bildete  das  feierliche  Hochamt
und  Tedeum  in  der  ehrwürdigen  alten  Kathedrale  Ste.  Gudule.  Die
Masestäten  und  Mitglieder  ihres  Hauses  sowie  ihre  fürstlichen  Gäste
gruppierten  sich  um  den  Altar  auf  dem  hohen  Hochchor.  Bon  dort
schweifte  der  Blick  durch  die  himmelanstrebenden  Bogen  des  wunderbaren
  Baues,  zwischen  dessen  gewaltigen  Pfeilern  die  weltberühmten
Gobelins  das  Grau  der  Steinmassen  farbig  belebten.  Die  gesamte

hohe  Gelsstlichkeit  betelligte  sich  bei  dem  Zelebrieren,  während  die
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        <pb n="195" />
        heilige  Handlung  von  einem  prachtvollen  Orchester  nebst  Chor  ein—
drucksvoll  begleitet  wurde.  Das  Ganze  wurde  von  den  Strahlen
der  durch  die  schönen  farbigen  Fenster  hereinleuchtenden  Sonne  in
ein  Meer  goldenen  Lichts  getaucht.  Die  Hitze  war  jedoch  außerordentlich
  groß  und  daher  besonders  für  den  König  wegen  seines
steifen  Beines  sehr  anstrengend.

Die  Liebenswürdigkeit  und  aufmerksame  Unterstützung,  die  der
König  mir  bei  meiner  Unerfahrenheit  in  vollem  Maße  zuteil  werden
ließ,  verpflichtete  mich  ihm  zu  herzlicher  Dankbarkeit.  Er  ist  auch
späterhin  nach  meinem  Regierungsantritt  stets  derselbe  gegen  mich  geblieben.


*  *

Von  Brüssel  kehrte  ich  zunächst  nach  Potsdam  zurück.  Ende
August  kam  Herzog  Friedrich  von  Schleswig-Holstein-Augustenburg
mit  seiner  Familie  zu  uns  zu  Besuch.  Auch  Prinzessin  Auguste

Viktoria  war  dabei.

v
*  *5

In  den  ersten  Septembertagen  begab  ich  mich  zur  Kräftigung
meiner  Gesundheit  in  das  Seebad  Ilfracombe  in  Devonshire,  im
Südwesten  Englands.  Ein  lieber  netter,  noch  junger  Gelehrter,
der  Mitarbeiter  an  den  Monumenta  Germaniae  war,  begleitete  mich,
zu  mesnem  tkefen  Bedauern  ist  er  nicht  lange  danach  gestorben.

In  Ilfracombe  erhielt  ich  die  Einladung  meiner  Großmutter  zu
einem  Besuch  auf  ihrem  Lieblingssiz  Balmoral,  der  sch  mit  großer
Freude  Folge  leistete.  Balmoral  ist  ein  niedriges,  um  einen  Hof  in
offenem  Viereck  gebautes  Schloß  mit  nicht  großen,  aber  behaglsch
eingerichteten  Räumen  in  den  schottischen  Hochlanden,  mit  threr  großartigen,
  rauhen  Landschaft  erinnern  diese  sehr  an  Norwegen  und
haben  auch  dasselbe  Klima.  Die  Hochländer  sind  ein  sompathischer
Volksschlag,  sehr  ruhig,  schlicht  und  gastfreundlich,  und  bestzgen  im
Unterschted  vom  Engländer  großen  Humor.

176
        <pb n="196" />
        An  diesen  Aufenthalt  in  Balmoral  knüpft  sich  für  mich  eine  liebe
Erinnerung,  da  mir  meine  Großmutter  dort  einen  außerordentlichen
Beweis  ihrer  Zuneigung  gab.  Die  Königin  überraschte  mich  nämlich
mit  der  Ehrung,  die  hochländische  Tracht  des  königlichen  Klans  (Klan
Stewart)  tragen  zu  dürfen.  Da  die  Hochlandstracht  in  Deutschland
an  sich  sehr  populär,  ihre  wirkliche  Kenntnis  aber  so  gut  wie  gar
nicht  vorhanden  ist,  will  ich  mich  über  die  mir  „verliehene“  Tracht
des  königlichen  Klans  näher  auslassen.

Bei  Tage  wurde  der  grüne  Kilt  (Hunting  Stewart)  oder  ein
grauer  Galmoral)  getragen.  Des  Abends  bestand  die  Tracht  in
einem  roten  Kilt,  Sammetfacke  mit  silbernen  Knöpfen,  einer  mit
Silber  beschlagenen  Tasche  (sporran),  Schuhen  mit  filbernen
Schnallen,  einem  umgehängten  Plaid,  das  auf  der  linken  Schulter
mit  einer  großen  silbernen,  mit  Goldtopas  verzierten  Brosche  befestigt
war.  Dazu  kam  noch  ein  auf  besonderen  Befehl  meiner  Großmutter
hergestelltes  prachtvolles,  silberbeschlagenes  Wehrgehenk.  Dieses  bestand
  aus  einem  an  Ketten  hängenden,  mit  einem  hühnereigroßen
Goldtopas  (cairngorm)  verzierten  Dolch,  der  über  einen  Fuß  lang
war,  sowie  einem  breiten,  mit  Schnallen  versehenen  Bandelier,  an
dem  das  alte  berühmte,  mit  einem  geschlossenen  Korbgriff  versehene
Schwert  (clapmore)  hing,  letzteres  wurde  aber  im  Hause  und  zu
Tisch  nicht  getragen.  Dazu  blitzte  im  Strumpf  ein  kleines,  mit
Goldtopas  verziertes  Messer.  Die  Tracht  ist  nicht  nur  sehr  kleidsam,
  sondern  auch  sehr  praktisch,  sie  hält  warm,  gestattet  beim  Gehen
weites  Ausschreiten  und  zeigt  dabei  längst  nicht  soviel  vom  Bein  wie
die  berühmten  „Gemsledernen“  der  Ciroler,  Steperer  und  Oberbapern,
  da  das  Knie  immer  bedeckt  sein  muß.  Der  Kilt  ist  nämlich
  im  Grunde  nichts  anderes  als  ein  in  Falten  gelegtes  Plaid,
das  um  den  Lefb  geschlungen  sst.

Man  kann  sich  vorstellen,  wie  groß  meine  sugendliche  Freude  war,
als  ich  mein  Zimmer  betrat  und  diese  ganze  Pracht  vorfand,  welche

12  Aus  meinem  Leben  177
        <pb n="197" />
        meine  Großmutter  als  Uberraschung  für  mich  dort  hatte  ausbreiten
lassen.  Ihr  schottischer  Kammerdiener  John  Brown,  der  wie  so
manches  andere  noch  aus  der  Zeit  des  Prinzgemahls  stammte,  mußte
bei  der  „Kostümierung“  die  Oberaufsicht  führen,  und  sein  fachmännisches
  Urteil  konnte  feststellen,  daß  alles  wie  angegossen  saß.
Auf  Anregung  meiner  Großmutter  durfte  ich  auch  auf  die  Pirsch
gehen,  um  einen  Hirsch  zu  schießen.  Die  Jagd  in  den  Hochlanden
bietet  besondere  Schwierigkeiten.  Es  wurde  an  den  Hängen  des
Lochnagar  gepirscht,  nachdem  zuvor  der  alte  Büchsenspanner  meines
  Großvaters,  Cowley,  meine  Gewehre  revidiert,  sie  dem  mich
führenden  schottischen  Jäger  übergeben  und  mir  eine  eingehende  Instruktion
  über  mein  Verhalten  auf  der  Pirsch  erteilt  hatte.  Das  Gelände
  war  baumlos  und  meist  mit  dichtem  Heidekraut  bewachsen.
Da  das  schottische  Rotwild  oft  getrieben  wird,  ist  es  ungemein  argwöhnisch
  und  sichert  wie  die  Gemse  auf  weite  Entfernungen.  Daher
sind  die  schottischen  Jäger  sämtlich  mit  Gernrohren  ausgerüstet,  mit
denen  sie,  sobald  sie  eine  gewisse  Höhe  erreicht  haben,  den  Hortzont
aus  liegender  Stellung  absuchen.  Das  Rudel,  das  wir  anpirschen
sollten,  konnte  ich  mit  dem  bloßen  Auge  kaum  erkennen,  es  mochte
wohl  3  bis  4  km  von  uns  entfernt  gewesen  sein,  und  dennoch  mußten
wir  schon  volle  Deckung  nehmen.  Nach  einer  anstrengenden  Pirsch  von
etwa  drei  Stunden,  bei  der  auf  weiten  Umwegen  erst  Wind  geholt,
eine  große  Menge  von  übermannstiefen  Rinnsalen  im  Heidekraut  überquert
  und  der  letzte  Teil  kriechend  zurückgelegt  werden  mußte,  langten
wir  schlkeßlich  hinter  einem  Felsblock  in  der  Nähe  des  Rudels  an.
Es  gelang  mir,  einen  starken  alten  Achtender  zur  Strecke  zu  bringen.
Ich  habe  den  Aufenthalt  in  Balmoral  mit  seiner  Behaglichkeit
und  ländlichen  Schllchtheit,  überstrahlt  von  der  liebevollen  Güte
melner  Großmutter,  mit  Freuden  genossen.  Auch  hier  war  übrigens
überall  die  rührende  Pietät  zu  beachten,  mit  der  die  Königin  die  Erinnerungen
  an  meinen  Großvater,  den  Prince-Consort,  hütete.  Mit

178
        <pb n="198" />
        wehmütigem  Stolz  zeigte  sie  mir  die  von  ihm  geschaffenen  Gartenanlagen
  und  die  Pflanzungen  auf  den  umliegenden  Bergen,  die  als
bleibende  Denkmäler  seines  Wirkens  von  seinem  großen  Talent  für
die  Hebung  der  Naturschönheit  zeugten.  Als  ich  meiner  Großmutter
beim  Abschied  von  diesen  Eindrücken  erzählte,  klopfte  sie  mir  auf  die
Schulter  und  sagte,  mit  versonnenem  Blick  gleichsam  in  die  Ferne
schauend:  „My  dear  boy,  never  forget  him!  Vour  grandfather  was
the  best  man  in  the  world.  Try  as  much  as  you  can,  to  become
like  him.  God  bless  yous)!“

Ich  fuhr  dann  nach  London,  um  von  meiner  Lieblingstante  Luise,
der  späteren  Herzogin  von  Argpll,  Abschied  zu  nehmen.  Sie  schickte
sich  eben  an,  mit  ihrem  Gatten  nach  Kanada  abzureisen,  wo  er  den
Posten  als  Gouverneur  antreten  wollte.

Von  London  aus  fuhr  ich  nach  Laris  zum  Besuch  der  Weltausstellung.



#  *  *

Mein  Aufenthalt  in  Paris  zur  Besichtigung  der  Weltausstellung
dauerte  von  Ende  September  bis  Anfang  Oktober,  ungefähr  14  Tage.
Unter  der  ktrefflichen  Führung  Rudolf  Lindaus  genoß  ich  die  Kunstschätze
  des  Louvre,  das  wundervolle  Musée  de  Cluny,  den  herrlichen
  Dom  von  Notre-Dame,  die  Kirche  Ste.  Chapelle  und  die
übrigen  Sehenswürdigkekten  mit  ganzer  Seele.  Einmal  habe  ich
auch  einer  Gerichtssigung  beigewohnt,  bin  ein  andermal  im  Hof  der
Tutlerien  in  einem  Luftballon  hochgefahren  und  so  zu  einem  unbeschreiblich
  schönen  Anblick  von  Paris  gekommen.  Ich  habe  beim
Wandern  durch  die  Straßen  vor  dem  Präsidenten  Mac  Mahon  Front
gemacht  und  den  Hut  zum  Gruß  gezogen,  bin  General  Chanzy  und
anderen  berühmten  französischen  Heerführern  und  Staatsmännern

*)  „Mein  lieber  Junge,  vergiß  ihn  niel  Deln  Großvater  war  der  beste  Mann
auf  der  Welt.  Suche,  soviel  in  deinen  Kräften  steht,  ihm  gleich  zu  werden.
Gott  segne  dich!“

12*  179
        <pb n="199" />
        begegnet.  Im  Thäätre  Frangais  habe  ich  das  klassische  Spiel  einer
Madame  Agar  in  dem  ergreifenden  Stück  „Les  Fourchambault“  bewundert,
  das  vortrefflich  gegeben  wurde.  Die  entzückende  Umgebung
von  Paris,  vor  allem  St.  Cloud  sowie  Versailles  mit  seinen  historischen
  Erinnerungen  und  Wasserkünsten,  übte  wie  auf  alle  Reisenden
  auch  auf  mich  einen  eignen  Reiz  aus.  Doch  die  fiebrige  Hast
und  Unruhe  des  Pariser  Lebens  stieß  mich  sehr  ab.  Ich  habe  niemals
  Sehnsucht  gehabt,  die  französische  Hauptstadt  wieder  zu  besuchen.



t  *  *

Am  14.  Oktober  sollte  mein  Bruder  Heinrich  eine  Weltumsegelung
von  zweifähriger  Dauer  antreten.  Ich  reiste  daher  von  Paris  über
Kiel  zurück  und  kam  gerade  noch  zurecht,  um  ihm  Lebewohl  zu  sagen.
Ich  beglektete  meinen  Bruder  auf  der  gedeckten  Korvette  „Prinz
Adalbert“,  die  ihn  in  die  fernen  Meere  tragen  sollte,  bis  zum  Ausgang
  der  Kieler  Förde.  Kurz  vor  Bülk  nahm  ich  endgültig  Abschied
  und  kehrte  auf  dem  „Notus“  nach  Kiel  zurück,  indes  die  Korvette
  in  die  blaue  Weite  zog.  Wir  ahnten  nicht,  wieviel  Schweres
uns  bevorstand  —  ihm  auf  dem  Meere,  uns  beiden  in  der  Familie.

Zum  Geburtstag  meines  Vaters  war  ich  wieder  daheim  in  Potsdam
  und  konnte  ihn  mit  hübschen  Geschenken  aus  Paris  erfreuen.
Ende  Oktober  kehrte  ich  in  mein  drittes  Semester  nach  Bonn  zurück.
Bald  danach  traf  mich  der  Berlust  meiner  geliebten  Tante  Alice  in
Darmstadt,  von  dem  ich  schon  sprach,  und  hüllte  den  Ausgang  des
Jahres  1878  in  Ernst  und  Trauer.

36

Ernst  und  Trauer  waren  die  Zeichen,  unter  denen  auch  das  Jahr
1879  stand.  Ein  freudiges  Familienfest,  die  Hochzeit  von  Prinzeß
Luise  Margarethe  von  Preußen  mit  dem  Herzog  von  Connaught  zu
Windsor  hatte  mich,  zum  ersten  Male  seit  1871  wieder  gemeinsam
mit  meinen  Eltern,  nach  England  geführt.  Wir  erlebten  es  damals,

180
        <pb n="200" />
        daß  meine  Großmutter,  was  seit  dem  Tode  des  Prinzgemahls  nicht
geschehen  war,  an  einem  großen  Familienfeste,  wenn  auch  in  Trauer,
teilnahm.  Acht  Tage  nach  unserer  Heimkehr  von  dem  fröhlichen
Feste  traf  uns  der  schwere  Schlag:  am  27.  März  starb  mein  Bruder
Waldemar  an  der  Diphtherie.  Das  Leid  meiner  Eltern  über  den
Verlust  dieses  stattlichen  Sohnes  war  unsagbar,  unser  Schmerz  über
alle  Worte  tief  und  grausam.  Dem  dahingeschiedenen  Bruder  die
Totenwache  in  der  Friedenskirche  zu  halten,  war  das  einzige,  was
ich  ihm  an  Liebe  noch  erweisen  konnte.

Einige  Wochen  der  Ruhe  in  Homburg  sollten  uns  helfen,  diesen  Schicksalsschlag

  zu  überwinden.

k  *  *

Im  August  1879  entstand  plötzlich  infolge  eines  Briefes  Zar
Alexanders  II.  an  meinen  Großvater  eine  schwere  politische  Krisis.
In  Ausführung  des  Berliner  Vertrages  von  1878,  der  den  entscheidenden
  Wendepunkt  in  den  Beziehungen  zwischen  Rußland  und
Deutschland  bildete,  war  eine  Kommission  aus  den  Signatarmächten
zusammengetreten,  um  die  neuen  Grenzen  auf  dem  Balkan  festzu—
legen,  dabei  glaubten  die  Russen  Anlaß  zu  haben,  mit  der  Haltung
der  deutschen  Vertreter  unzufrieden  zu  sein.  In  seinem  Beschwerde—
briefe  hatte  nun  der  Zar  dem  Kaiser  vorgeworfen,  „eine  persönliche
Verstimmung“  Fürst  Bismarcks  sei  das  Motiv  für  die  Haltung
Deutschlands  gegentiber  Rußland,  weiterhin  sich  auf  die  Dienste  berufen,
  die  Rußland  dem  Nachbarstaate  während  des  Krieges  1870
erwiesen,  und  mit  unverhüllten  Drohungen  geschlossen.  Mein  Großvater
  war  tief  verletzt  über  die  Handlungsweise  seines  Neffen,  um  so
mehr  als  er  selbst  noch  aus  seiner  Jugendzeit  her  die  stärksten  russischen
Sympathien  hegte  und  ihm  die  deutsch-russische  Freundschaft  ein  „Heiliges
  Bermächtnis'  war.  Daß  die  Stimmung  in  Rußland  setzt  eine
ganz  andere  war,  wollte  er  nicht  erkennen.  Infolge  des  Zarenbriefes
wurde  Generalfeldmarschall  v.  Manteuffel  mit  einem  kaiserlichen  Ant-181
        <pb n="201" />
        wortschreiben  nach  Warschau  geschickt,  nach  dessen  Empfang  der  Zar
eine  persönliche  Zusammenkunft  mit  meinem  Großvater  in  Alexandrowo,
  also  auf  russischem  Gebiet,  für  den  3.  September  vorschlug.

Am  2.  September  war  große  Parade  auf  dem  Tempelhofer  Felde,
zu  der  ich  aus  dem  Palais  meines  Großvaters  die  Fahnen  abgeholt
hatte.  Während  die  Barade  in  vollem  Gange  war,  ging  plößlich
die  Kunde  von  dem  Angebot  des  Zaren  von  Mund  zu  Mund  und  —
daß  der  Kaiser  es  angenommen  hätte!  Auf  allen  Gesichtern  war
Bestürzung  zu  lesen,  alle  waren  aufs  außerste  erregt:  „ein  neues
Olmütz“,  hieß  es  allgemein,  und  überall  wurde  Manteuffel  die  Schuld
an  dieser  Schlappe  gegeben.  Mein  Bater  war  verzweifelt,  aber
auch  Kaiserin  Augusta  zeigte  sich  tief  bedrückt.

Am  4.  September  fuhr  ich  mit  meiner  Großmutter,  meinem  Vater
und  zahlreichen  hohen  Offizieren  nach  Dirschau,  um  meinen  Großvater
  auf  der  Rückreise  aus  Alexandrowo  einzuholen,  in  Königsberg
sollte  am  nächsten  Tage  Parade  des  I.  Armeekorps  sein  und  daran
sich  das  Korpsmanöver  anschließen.  Die  Stimmung  in  Dirschau
war  recht  trübe  und  niedergeschlagen;  sie  wurde  es  noch  mehr,  als
wir  erfuhren,  daß  der  russische  Kriegsminister  Milfutin,  der  bekannte
Kriegshetzer  und  Deutschenfresser,  auch  in  Alexandrowo  gewesen  war
und  sogar  auf  Manteuffels  Betreiben  den  Schwarzen  Adlerorden
erhalten  hatte!  Mein  Großvater  dagegen  zeigte  sich  sehr  befriedigt
von  der  Aussprache,  der  Zar  hätte  erklärt,  daß  er  keineswegs  habe
drohen  wollen,  daß  er  bei  uns  mißverstanden  sei,  daß  es  sich  um
einen  Brivatbrief  gehandelt  habe  und  er  ihn  unter  diesen  Umständen
als  ungeschrieben  anzusehen  bäte.  Die  Freundschaft  meines  Großvaters
  für  Rußland  war  nach  dieser  Aussprache  offenbar  fester  denn
se.  Alle  anderen  aber,  Kalserin  Augusta  nicht  ausgeschlossen,  blieben
in  schwerer  Sorge  über  dieses  Ereignis.

Daß  auch  Fürst  Bismarck,  der  zu  sener  Zeit  in  Gastein  weilte,
über  die  von  ihm  nicht  gebilligte  Zusammenkunft  sehr  beunruhigt

182
        <pb n="202" />
        war,  wußten  wir  wohl.  Wir  ahnten  aber  damals  nicht,  daß  er  ge—
rade  in  jenen  Tagen  angesichts  der  feindlichen  Haltung  Rußlands
und  der  drohenden  Gefahr  eines  russisch-französischen  Bündnisses  einen
engen  Bund  zwischen  Deutschland  und  Österreich-Ungarn  vorbereitete
und  nun  bei  seinem  katserlichen  Herrn  auf  den  heftigsten  Widerstand
stieß.  Meinem  Großpvater  erschien  ein  solches  Bündnis  gerädezu  als
Gelonie  gegenüber  Rußland.  Ich  habe  den  am  7.  Oktober  schließlich
doch  geschlossenen  Bündnisvertrag,  ebenso  wie  den  Dreibundvertrag

von  1882,  erst  während  meiner  späteren  Tätigkeit  im  Auswärtigen

Amt  kennen  gelernt.

*  r

Während  noch  um  das  Zustandekommen  des  Zweibunds  gekämpft
wurde,  war  ich  mit  meiner  Mutter  und  meinen  Schwestern  in  Begleitung
  Seckendorffs  und  meines  Baters  Adjutanten  Rittmeister
Greiherrn  v.  Ayvenheim  zu  meiner  ersten  Jtalienreise  aufgebrochen.
Mein  VBater  kam  von  Baden-Baden  aus,  wo  der  Kaiser  damals
weilte,  am  1.  Oktober  nach.  Wundervolle  Eindrücke  empfing  ich  von
dem  Lande,  dessen  südliche  Schönheit  und  blassische  Erinnerungen  auch
ich  von  Jugend  auf  „mit  der  Seele  gesucht  hatte.

Nie  vergessen  werden  wird  Venedig  mit  seinen  Kirchen  und  Palästen,
die  meine  Mutter  genau  kannte,  mit  dem  Canale  Grande  und  der
Seufzerbrücke,  auch  nicht  jene  märchenhafte  nächtliche  Gondelfahrt,
die  uns  gerade  vor  den  Dogenpalast  führte,  als  leuchtend  die  Sonne
wieder  aufging.  Bon  Venedig  aus  siedelten  wir  nach  Begli  über,
einer  wundervollen  Ortschaft  bei  Genua,  wo  wir  im  Hotel  Egli,  dem
früheren  Palazzo  Lomellini,  gewohnt  haben.  Unter  den  über  alle
Beschrekbung  schönen  Besitzungen  sener  Gegend  ist  mir  besonders  die
dem  Marchese  Durazzo  gehörige  Villa  Pallavicini  in  Erinnerung
geblieben.  Mächtige  Wasserkünste  spielten  in  dem  schönen  Bark,  von
dem  aus  sich  eine  weite  Aussicht  auf  das  Meer  bot.  Meine  MWutter
fand  hier  manch  prächtigen  Vorwurf  zum  Malen.

183
        <pb n="203" />
        Fast  jeden  Nachmittag  bin  ich  entweder  mit  meinen  Eltern  oder
mit  Freiherrn  v.  Nyvenheim  nach  Genua  gewallfahrtet.  Der  Dom,
die  Kirchen,  die  Paläste,  die  Universität,  die  Sammlungen,  der  Campo
Santo,  das  Hafenleben  —:  das  alles  übte  einen  unbeschreiblichen
Reiz  auf  mich  aus  und  lockte  mich  immer  von  neuem  in  die  Stadt.
Wir  sind  auch  in  dem  altberühmten  Monza  gewesen,  wo  wir  von
dem  italienischen  Königspaar  und  dem  Kronprinzen  begrüßt  wurden.
Den  herrlichen  Dom  mit  seinen  Schätzen  haben  wir  natürlich  mit
großem  Interesse  besichtigt,  so  sah  ich  die  Eiserne  Krone  der  Langobarden,
  das  Kreuz  König  Berengars,  Kreuz  und  Schmuck  der
Königin  Theodelinde  und  andere  historische  Kostbarkeiten.

Mit  reschen  Eindrücken  kehrte  ich  Ende  Oktober  nach  Deutschland
zurück,  indes  meine  Eltern  noch  länger  in  Pegli  verweilten.  Meine
Mutter  blieb  auch  noch  über  die  Ende  November  erfolgende  Rückkunft
meines  Baters  dort,  da  sie  nach  der  schweren  seelischen  Erschütterung
wekterer  Erholung  bedurfte.

VI.

Bereits  Mitte  August  dieses  Jahres  1879  hatte  ich  mit  dem
Ende  des  Sommersemesters  meine  Studien  in  Bonn  abgeschlossen.
Nun  ging  meine  Sehnsucht  dahin,  eine  große  Reise  nach  dem  Orient
zu  machen,  für  den  ich  ein  so  brennendes  Interesse  hatte,  besonders
nach  Agypten  wäre  ich  gern  gefahren.  Mein  Großpater  jedoch  wollte
sich  mit  diesem  Gedanken  nicht  befreunden,  setzt  sei  es  höchste  Zeit
für  mich,  Frontdienst  zu  tun.  Nur  die  italfenische  Reise  wurde  mir
noch  gewährt,  dann  hieß  es:  hinein  in  die  Kompagntel

Bonn  und  der  Rhein,  die  Musen  und  Grazien  und  die  Burschenherrlichkeit
  versanken  hinter  mir.  Potsdam  war  von  nun  an  mein
Schicksal.

Ein  goldener  Schein  umstrahlt  in  meiner  Erinnerung  das  vom
lieblichen  Rheinland  eingefaßte  Bild  von  Bonn.  Bonn  und  seiner
Alma  Mater  einen  Dankesgruß!  Bonna  soll  leben!

184
        <pb n="204" />
        Ereignisse  und  Erlebnisse
1880—1888
        <pb n="205" />
        <pb n="206" />
        J.

A-  29.  Oktober  1879  meldete  ich  mich  in  Potsdam  beim  Regi—
ment  zum  Dienst  zurück  und  trat  bei  der  Leibkompagnie  ein.

Ich  erhielt  sogleich  von  meinem  Hauptmann,  Oldwig  v.  Natzmer,  die
Rekruten  zur  Ausbildung.  Es  war  mir  eine  hohe  Freude,  dies  un—
verbildete  Menschenmaterial  im  Laufe  der  Ausbildungszeit  Form  und
Schliff  gewinnen  zu  sehen.  Der  wegen  seiner  Strenge  gefürchtete
Natzmer  zeigte  eine  geradezu  „mütterliche“  Fürsorge  für  seine  Leute
und  verstand  es  ausgezeichnet,  ihre  Herzen  zu  gewinnen.  Daß  auch
mir  das  gelang,  bewies  mir  der  Eifer  meiner  Rekruten  beim  Dienst
und  das  Vertrauen,  mit  dem  sie  außer  Dienst  mit  ihren  kleinen
Sorgen  und  Nöten  zu  mir  kamen.

Am  17.  März  1880  konnte  ich  meine  Rekruten  dem  Obersten
Kriegsherrn  im  Beisein  meines  Vaters  vorstellen.  Die  Besichtigung
war  eingehend  und  erstreckte  sich  auch  auf  die  Instruktion,  der  die
Vorstellung  der  Leibkompagnie  in  der  Kompagnieschule  folgte.  Wie
die  Besichtigung  ausgefallen  ist,  geht  aus  dem  „blauen  Brief“  hervor,
  der  mir  fünf  Tage  darauf,  zu  Kaisers  Geburtstag,  die  Beförderung
  zum  Hauptmann  brachte.  Denn  in  ihm  stand  der  Satz:
„  .  daß  es  mir  eine  große  Freude  gewesen  ist,  mich  von  Euer
Königlichen  Hoheit  Fortschritken  im  Dienst  persönlich  zu  überzeugen
und  insbesondere,  Sie  am  17.  ds.  Mts.  die  Leibkompagnie  zu  meiner
vollsten  Zufriedenheit  vorstellen  zu  sehen“.  Schnell  wurden  die  Sternchen
  für  die  Epauletten  besorgt,  und  bei  der  Geburtstagsgratulation

187
        <pb n="207" />
        konnte  ich  mich  bei  meinem  Großvater  als  zum  Hauptmann  befördert
melden.  Er  drückte  mir  die  Hand,  sah  mich  mit  seinem  freundlichernsten
  Blick  an  und  sagte  dann  lächelnd:  „Meine  Leibkompagnie
war  gut.“  Seit  dem  Augenblick  wußte  ich,  was  es  heißt,  stolz  auf
eigene  Leistung  zu  sein.  n

Am  1.  April  1880  wurde  mir  die  selbständige  Führung  der
2.  Kompagnie  des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  übertragen,  ein
halbes  Jahr  später,  am  7.  August,  erfolgte  dann  auch  meine  Ernennung
  zum  Kompagniechef.  Es  war  die  erste  Stelle,  die  ich  unter
eigner  Berantwortung  auszufüllen  hatte.  Mein  Vorgänger,  Hauptmann
  Freiherr  v.  Wangenheim,  hatte  die  Kompagnie  mit  aller  Sorgfalt
  ausgebildet,  in  musterhafte  Disziplin  gebracht  und  ihre  innere
Verwaltung  mit  Hilfe  des  trefflichen  Feldwebels  Schumann  zu  ungewöhnlicher
  Höhe  entwickelt.

Meine  Kompagniechefszeit  gehört  mit  zu  den  schönsten  Erinnerungen
  meines  militärischen  Lebens,  besonders  wegen  des  engen  Zusammenhalts
  mit  meinen  Grenadteren,  für  deren  Ausbildung,  Disziplin
  und  Wohl  zu  sorgen  mir  stets  eine  liebe  Aufgabe  war.  Der
Gelddienst  und  das  Schießen  wurden  eifrig  betrieben,  und  bei  der
Regiments=  und  Brigadevorstellung  im  Frühfahr  hatte  ich  meine
Kompagnie  bereits  sicher  in  der  Hand.  Mein  Grundsatz  war,  lediglich
  an  das  Ehrgefühl  und  das  Verständnis  meiner  Grenadiere  zu
appellieren:  unsere  Kompagnte  müßte  die  beste  des  Negiments  sein
im  Exerzieren,  Schießen,  Turnen,  Felddienst,  vor  allem  aber  im
Wachtdienst,  außer  Dienst  müßte  die  Haltung  meiner  Grenadiere
derart  sein,  daß  man  überall  ste  als  der  zwelten  Kompagnte  angehörig
  erkenne.  Insbesondere  der  Wachtdienst  spielte  eine  Hauptrolle
in  der  Ausbtldung  der  Truppe,  denn  gerade  dieser  Dienst  ist  hervorragend
  geeignet,  den  Mannschaften  Pflichterfüllung  und  Verantwortungsgefühl
  anzuerziehen,  was  sie  zu  selbständigem  Handeln  befähigen
188
        <pb n="208" />
        soll.  Zu  meiner  Freude  galt  es,  wie  ich  bald  feststellen  konnte,  bei
meiner  Kompagnie  unbedingt  als  Ehrenpflicht,  daß  Wachtvergehen
nicht  vorkamen.  Ich  habe  mit  meinem  Grundsatz  die  besten  Erfahrungen
gemacht  und  in  der  ganzen  Zeit  bis  zum  Herbst  1881  nur  eine  einzige
schwere  Strafe  zu  verhängen  brauchen.  Meine  Offiziere,  Bremierleutnant
  v.  Hoepfner  und  die  Secondeleutnants  Freiherr  v.  Willisen,
v.  Leipziger,  v.  Eckarksberg,  v.  Kleist  und  v.  Hopffgarten,  haben  mich
nach  Kräften  bei  der  Führung  der  Kompagnie  unterstützt,  ebenso  mein
Feldwebel  Schumann.

Während  des  Katsermanövers,  das  in  diesem  Jahre  in  der  Gegend
von  Groß-Ziethen  stattfand,  sielen  mir  wiederholt  interessante  Gefechtsaufgaben
  zu.  Besonders  in  Erinnerung  ist  mir  ein  Moment,
als  es  mir  gelang,  durch  einen  auf  eigenem  Entschluß  beruhenden
überraschenden  Stoß  den  Gegner  gerade  in  dem  Augenblick  zu  werfen,
als  mein  Großvater  und  Vater  mit  ihrem  Gefolge  und  vielen  Zuschauern
  bei  der  Kompagnie  eintrafen.  Der  über  meine  selbständige
Handlung  entrüstete  Bataillonskommandeur  wurde  nur  durch  die
eben  aus  Kaiserlichem  Munde  erfolgende  Anerkennung  für  diesen
Streich  daran  gehindert,  die  Schale  seines  Zornes  über  mich  auszugießen.
  Als  er  mich  später  im  Biwak  dennoch  darüber  zur  Rede
stellte  mit  leisem  Hinweis  auf  die  Anwesenheit  einer  illustren  Zuschauermenge,
  der  zuliebe  ich  den  befehlswidrigen  Streich  ausgeführt
hätte,  erwiderte  ich,  daß  ich  es  im  Kriege  geradeso  gemacht  und  vielleicht
  ebenso  wie  der  Bataillonskommandeur  eine  Auszeichnung  dafür
erhalten  hätte;  denn  von  diesem  hätte  man  wohl  selbstverständlich  angenommen,
  daß  er  den  Befehl  erteilt  habe.

Am  16.  September  1881  wurde  ich  zum  Masor  à  la  suite  des
Regiments  befördert  und  mußte  die  Kompagnie  abgeben.  Der  Abschied,
  der  im  Manövergelände  stattfand,  fiel,  wie  ich  glaube,  nicht
nur  mir,  sondern  auch  meinen  Leuten  schwer.  Als  ich  mich  dann
zum  Kaisermanöver  nach  Itzehoe  in  Schleswig-Holstein  begab,  um

180
        <pb n="209" />
        mich  als  Major  bei  meinem  Großvater  zu  melden,  eröffnete  mir  der
Kaiser  unter  Worten  gütiger  Anerkennung,  daß  ich  zur  Dienstleistung
dem  Garde-Husarenregiment  zugeteilt  sei.

*7

Bei  meinem  Eintritt  in  das  Erste  Garderegiment  zu  Fuß  am
9.  Februar  1877  hatte  ich  im  Schloß  zu  Potsdam  eine  eigene  Wohnung
  erhalten,  Major  v.  Liebenau,  der  mir  als  persönlicher  Beglefter
  zugeteilt  wurde,  leitete  auch  mein  Hauswesen.  Ich  vertauschte
damals  das  Leben  im  lieben  Elternhaus  mit  dem  im  Kreise  meiner
Regimentskameraden.  Aber  auch  das  war  eine  „FJamilie"“.  Ich
wurde  schnell  vertraut  mit  meinen  Kameraden,  die  mich  ganz  als
efnen  der  ihrigen  behandelten  und  in  schlichter,  herzlicher  Weise  sich
meiner  unerfahrenen  Jugend  annahmen.

In  dem  von  altpreußtischem  Geiste  beherrschten  Kameradenkreise
habe  ich  mich  stets  unendlich  wohl  gefühlt.  Das  Leben  im  Kasino
war  einfach,  anspruchslos  und  billig.  Mittags  nach  dem  Dienst
bildete  fast  durchweg  das  Gericht  „Setzeier  mit  Bratkartkoffeln“  das
Grühstück  der  hungrigen  Schar.  Nachmsttags  um  5  Uhr  gab  es
Suppe,  ein  warmes  Gericht,  Käse  und  Obst,  süße  Speisen  nur  an
Sonn=  und  Fefertagen.  Wer  unpünktlich  erschien  und  sich  dem  Cischdlrektor
  gegenüber  nicht  durch  Dienst  entschuldigen  konnte,  mußte
Strafe  zahlen.  Sekt  kam  nie  auf  den  Tisch,  außer  zu  Katsers  Geburtstag
  oder  nach  der  Besichtigung.  Nach  Tisch  wurde  bis  zum
Abenddienst  geraucht,  mustziert  oder  geplaudert.  Um  8.30  Uhr  traf
man  sich  wieder,  um  Whist,  Biquet,  Skat,  Schach  oder  Billard  zu
spielen.  Zum  Abendbrot  fand  man  sich  in  der  Frühstücksstube  zusammen,
  wobei  meist  zu  einem  Glas  Bier  ein  einfaches  Butterbrot
gegessen  wurde.  Danach  verbrachte  man  einige  Zeit  bei  lustigem
Geplauder,  erfüllt  vom  Gesst  harmlosen,  freimütigen  Frohsinns,  um
frühze#tig  zur  Ruhe  zu  gehen,  da  der  Dienst  im  Winter  um  7  Uhr,  im
Sommer  um  6  Uhr  oder  früher  begann.

190
        <pb n="210" />
        Im  Kasino  verschwanden  die  im  Dienste  streng  innegehaltenen
Chargenabstände  völlig.  Bom  Leutnant  bis  zum  Stabsoffizier  verkehrten
  alle  in  harmonischem  Zusammensein  miteinander.  Freitag
war  der  Abend,  an  dem  auch  die  Verheirateten  des  Regiments  zu
erscheinen  hatten  und  der  gestrenge  Herr  Oberst  seine  Offiziere  um
sich  versammeln  konnte,  um  sich  von  ihrer  Entwicklung  in  gesellschaftlicher
  und  geistiger  Beziehung  zu  überzeugen.  Ich  habe  stets  unter
den  Kameraden  meiner  Charge  bei  Tisch  gesessen  und  verließ  nur
schweren  Herzens,  als  ich  unter  die  Hauptleute  gehen  mußte,  den
„Mitteltisch'“,  wo  die  lustigen  Leutnants  saßen.  Aber  sowohl  als
Hauptmann  wie  als  Stabsoffizier  habe  ich  doch  hie  und  da  einmal  einen
Abstecher  an  den  „Mitteltisch“  gemacht,  solange  meine  Generation
noch  an  ihm  schaltete  und  waltete.

Die  Jahre  frohen,  arbeitsreichen  und  kameradschaftlichen  Lebens
im  Ersten  Garderegiment  zu  Fuß  werde  ich  nie  vergessen.  Hier  lernte
ich,  was  altpreußischer  Geist  und  altpreußische  Kameradschaft  bedeuten.
Wir  lebten  in  den  Traditionen  Friedrich  Wilhelms  J.  und  Friedrichs
des  Großen  und  fühlten  uns  stolz  als  Soldaten  Seiner  Majestät,
wie  er  uns  stets  „Mein“  Erstes  Garderegiment  zu  Fuß  nannte.
„Semper  talis“  stand  auf  den  Grenadiermützen  der  „Langen  Kerls“,
„semper  tales“  waren  wir,  und  „Semper  talis“  blieb  der  Geist  im
Regiment,  blieb  auch  das  Band  zwischen  ihm  und  mir  bis  heute.
Zu  meiner  Silbernen  Hochzeit  und  zum  Regierungs-Jubiläum  erschienen
  meine  Grenadkere,  soweit  sie  noch  am  Leben  waren,  vollzählig
zum  Appell  vor  dem  Neuen  Palais,  einzelne  waren  sogar  aus  Amerika
herübergekommen.  Die  Freude  war  groß,  als  wir  uns  wieder  Aug
in  Auge  gegenüberstanden  und  uns  der  schönen  alten  Zeiten  erinnern
konnten.  Mein  leider  zu  früh  verstorbener  Flügeladfutant  Freiherr
v.  Berg  hat  eine  anschauliche  kleine  Broschüre  über  meine  Kompagniechefszelt
  für  meine  Grenadiere  geschrieben,  die  sedem  einzelnen  ausgehändigt

  worden  ist.
191
        <pb n="211" />
        Nach  dem  Kaisermanöver  in  Holstein  meldete  ich  mich  bei  Oberst
v.  Krosigk  zum  Dienst  beim  Garde-Husarenregiment  und  wurde  der
4.  Schwadron  zugeteilt,  die  Rittmeister  Freiherr  Geyr  v.  Schweppenburg
  führte.  Ich  bekam  eine  Rettklasse  zur  Ausbildung  (2.  Klasse  X)
und  nahm  an  der  Offiziersreitstunde  teil.  Unter  der  ausgezeichneten
Anleitung  des  Oberst  v.  Krosigk,  der  besonders  auf  dem  Gebiet  der
Pferdedressur  ein  Meister  war,  lernte  ich  die  Grundsätze  der  Reitinstruktion,
  für  einen,  der  bis  dahin  so  gut  wie  keine  Pferdekenntnis
besessen  hatte,  war  dies  freilich  eine  arbeitsreiche  und  schwierige  Aufgabe.
  Im  Frühfahr  leitete  mich  Vizewachtmeister  Laue  an,  korrekt
vorm  Zuge  zu  reiten,  und  dann  Oberst  v.  Krosigk,  die  4.  Schwadron
im  Exerzieren  zu  führen,  so  daß  ich  diese  am  22.  Mai  1882  meinem
Großvater  auf  dem  Bornstedter  Felde  vorstellen  konnte.  Als  Zeichen
seiner  Zufriedenhett  überraschte  mich  nach  Schluß  des  Vorexerzierens
mein  Großvater  mit  der  Verleihung  der  Uniform  der  Gardehusaren
und  Stellung  à  la  suite  des  Regiments.

Das  Manöver  gewährte  mir  Einblick  in  die  Wichtigkeikt  des  Aufklärungs=
  und  Meldedienstes  der  Kavallerie  für  die  übrigen  Waffen.
Der  von  Krosigk  mit  großer  Sorgfalt  betriebene  Melde=  und  Aufklärungsdienst
  hatte  das  Regiment  berühmt  gemacht,  so  daß  jeder
Detachements=  oder  höhere  Führer  sich  um  die  Husaren  riß.  Nach
Schluß  der  Herbstübungen  am  30.  September  1882,  dem  Geburtstag
  meiner  Großmutter,  erhielt  ich  die  Kabinettsorder  mit  der  Verlängerung
  meiner  Dienstleistung  beim  Garde-Husarenregiment  bis
zum  1.  April  1883,  die  später  noch  einmal  bis  zum  1.  Juli  1883
verlängert  wuxde.  Da  ich  im  Laufe  des  Winters  in  die  Zivilverwaltung
  eingeführt  werden  sollte,  worauf  ich  weiter  unten  zu  sprechen
komme,  erging  von  seiten  des  Milltärkabinetts  die  Instruktion,  daß
ich  der  bisherigen  Führung  der  Eskadron  enthoben  werden  sollte.
Mein  Dienst  sollte  sich  im  Winter  auf  eine  Unterwetsung  in  der
Regimentsgeschäftsführung,  Teilnahme  an  der  Offiziersreitstunde  und
192
        <pb n="212" />
        an  einzelnen  besonderen  Ubungen  sowie  auf  Orientierung  in  der
fortschreitenden  Ausbildung  der  Eskadrons  und  in  der  Winterdressur
erstrecken.  Mithin  war  für  ausreichende  Beschäftigung  im  Winter
militärisch  wie  ziviliter  gesorgt.

Es  war  für  mich  in  hohem  Maße  lehrreich,  den  vorbildlichen
Reiterführer  von  Krosigk  sein  Regiment  reglementarisch  anlernen  zu
sehen  und  dann  unter  seiner  Leitung  ausbilden  zu  dürfen.  Mit  der
hohen  Pferdedressur,  die  er  in  das  Regiment  hineingebracht  hatte,
konnte  dieses  die  befohlenen  Bewegungen  in  allen  Gangarten,  auch
den  stärksten,  in  voller  Haltung  und  bester  Ordnung  ausführen.  Das
Regiment  evolutionierte  fehlerlos,  ein  Musterbeispiel  für  die  ganze
preußische  Reiterei.

Am  22.  Mai  1883  kam  der  große  Tag,  an  dem  ich  das  Regiment
meinem  Großpvater  vorzustellen  hatte.  Wie  klopfte  mein  Herz,  als
der  Kaiser,  von  glänzendem  Gefolge  umgeben  —  darunter  auch  der
große  Reiterführer  Brinz  Griedrich  Karl  —  sich  der  rotschimmernden
Linie  meines  Regimentes  näherte!  An  den  ersten  Parademarsch,
der  zur  vollen  Zufriedenheit  verlief,  schloß  sich  das  Exerzieren  an,
dessen  Berlauf  auf  eingezeichnetem  Blan  dem  Katser  vorher  eingereicht
worden  war.  Diese  Bewegungen  waren  um  so  schwieriger,  als  mein
Großvater  infolge  seines  hohen  Alters  nicht  mehr  viel  reiten  konnte
und  daher  um  ihn  herum  exerziert  werden  mußte.  Unter  den  Evolutionen
  zeigte  ich  den  Galopp  des  in  Eskadronsfronten  abgeschwenkten
Regiments  in  die  Flanke  eines  gedachten  Feindes.  Als  ich  auf  einem
Hügel  Posto  faßte,  um  das  Einschwenken  des  Regimentes  von  dort
aus  zu  befehlen,  und  die  fünf  Eskadronsfronten  in  schönster  Ordnung
  hintereinander  angaloppiert  kamen,  tauchte  plötzlich  Brinz  Friedrich
  Karl  auf  und  rief  mir  zu:  „Bravo,  Wilhelm,  das  hast  du  gut
gemacht!  Wie  ein  echter  Husar!“  Die  Besichtigung  endete  mit  einer
Attacke  auf  eine  wirkliche  im  Feuer  stehende  Batterie  mit  Bedeckung
und  mit  der  Fortführung  der  genommenen  Geschütze  unter  Zuhilfe-13

  Aus  meinem  Leben  193
        <pb n="213" />
        nahme  von  Fouragierleinen.  Den  Abschluß  bildete  ein  Parademarsch
in  flottem  Galopp  in  Eskadronsfronten.  Die  Kritik  meines  Großvaters
  war  außerordentlich  wohlwollend,  so  daß  die  Garde-Husaren  vor
Greude  strahlten  und  sogar  der  eiserne  Krosigk  weich  wurde.  An  diesem

Tage  gab  es  Sektl

k  *  *

An  dieser  Stelle  meiner  Erinnerungen  seien  einige  Worte  gesagt
über  das  Wesen  und  die  Bedeutung  von  Paraden,  Besichtigungen
und  Ehrenwachen,  die  oftmals  in  diesem  Buche  erwähnt  werden.
Diese  Vorführungen  werden  jetzt  vielfach  nur  als  hübsche  militärische
Schauspiele  einer  versunkenen  Zeit  hingestellt  und  angefeindet  —  freilich
  gerade  von  jenen  Kreisen,  die  nach  Beseitigung  des  deutschen
„Militarismus“  selbst  dazu  übergegangen  sind,  ihre  Anhänger  militärisch
  zu  erziehen  und  die  sich  in  Schaustellungen  wie  Umzügen  nicht
genug  tun  können.  Ich  habe  die  Besichtigungen  usw.  indessen  nicht
als  solche  Außerlichkeiten  hier  festgehalten,  sondern  aus  einem  ganz
anderen  Grunde.  Die  Paraden  erinnerten  nicht  nur  daran,  was  der
große  Soldatenkönig  Friedrich  Wilhelm  I.  aus  der  bespöttelten  „Wachtparade“
  schließlich  gemacht  hatte  und  wie  seine  Nachkommen  sie  weiter
entwickelt  hatten,  sie  waren  weit  mehr:  sie  bildeten  einen  Prüfstein  der
erreichten  Manneszucht,  der  Fertigkeit  des  einzelnen  Mannes,  seine
Nerven  und  Muskeln  willensmäßig  zu  beherrschen,  seiner  Fähigkeit,
den  Einzelwillen  in  einen  Gesamtwillen  einzuordnen.

Man  hat  vielfach  die  Ansicht  vertreten,  daß  die  parademaßige
Schulung  als  das  Ergebnis  eines  seelenlosen  Drills  angesichts  der
gewaltigen  Umwälzung  in  der  Taktik  überflüsstg  geworden  sei,  und
bat  diesem  sogenannten  „Drill'  etwas  gegenübergestellt,  was  man
als  „Erziehung“  bezeichnete.

Diese  Gegenüberstellung  dürfte  völlig  abwegig  sein.  Durch  Drill
allein  läßt  sich  niemals  das  erzlelen,  was  unsere  Paraden  zum  Ausdruck
  brachten,  daß  nämlich  ein  Wille,  ein  Kommandowort  in  der  Lage
194
        <pb n="214" />
        war,  Tausende  von  wehrhaften  deutschen  Männern  zu  leiten.  Nur
auf  der  Grundlage  einer  sorgfältigen  moralischen  und  körperlichen
Einzelerziehung  war  ein  solches  Ergebnis  überhaupt  denkbar.  Meine
alten  Kameraden  werden  mir  zustimmen,  wenn  sie  sich  daran  erinnern,
welches  Maß  von  „Sichzusammenreißenkönnen“  dazu  gehörte,  nach
erheblichen  körperlichen  Strapazen  den  Willen  aufzubringen,  für  die
den  Gefechtsübungen  folgenden  parademäßigen  Vorbeimärsche  den  erschlafften
  Geist  und  die  ermatteten  Glieder  in  schärfste  Zucht  zu  nehmen.
  Das  WVollbringen  solcher  Leistung  stärkte  das  Selbstgefühl,  erweckte
  das  VBertrauen  zum  eigenen  Können  und  erzog  damit  zum
Siegeswillen  und  Siegesvertrauen.

Die  parademäßigen  Vorführungen  waren  also  zwar  nicht  das
einzige,  aber  ein  sehr  wesentliches  Hilfsmittel  zur  Erzielung  und
Prüfung  der  Manneszucht,  d.  h.  der  Einordnung  des  Einzelwillens
in  und  unter  einen  die  Gesamtheit  repräsentierenden  höheren  Willen.
Zu  meiner  Genugtuung  erkennen  das  auch  ganz  moderne  Ausbildungsvorschriften
  an,  die  auf  Grund  der  Kriegserfahrung  besagen,  daß
„die  Manneszucht  gefestigt  wird  durch  Genauigkeit  bei  der  Einübung
und  Anwendung  der  Formen,  welche  die  Borschriften  verlangen,  daß
Ordnung  und  Zusammenhalt  zur  zweiten  Watur  der  Truppe  werden
müsse,  daß  der  Soldat,  überzeugt  von  der  Notwendigkeit  unbedingten
  Gehorsams  und  strammer  Zucht,  sich  freudigen  Herzens  ihnen
fügen  und  wissen  müsse,  daß  sie  eine  Wohltat  für  alle  seien“.

Die  besten  Führer  im  Weltkriege  haben  mir  bestätigt,  daß  die
unerhörten  Leistungen  unserer  Truppen,  namentlich  bei  den  großen
Operationen  in  den  Jahren  1914  und  1915  nur  durch  unsere  traditionelle
  Methode  einer  spstematischen  Erzichung  zur  Manneszucht  und
ihrer  dauernden  Bflege  möglich  gewesen  sind.  Auf  dieser  Erziehung
baute  sich  im  wesentlichen  unsere  tatsächliche  taktische  und  moralische
Uberlegenheit  sowie  das  notwendige  Bewußtsein  von  dieser  Uberlegenhest

  auf.
13*  195
        <pb n="215" />
        Unsere  Gegner  haben  sich  diese  Erkenntnis  zunutze  gemacht.  Die
Japaner  als  die  „Preußen  des  Ostens“  nahmen  schon  vor  dem  Kriege
unsere  Disziplinlehre  auf  und  wandten  sie  erfolgreich  an.  Die  Franzosen,
  die  vor  1914  über  den  „Preußischen  Drill“  spöttelten,  wurden
durch  die  Erfahrungen  des  Jahres  1014  klug  und  bedienten  sich  der
rücksichtslosesten  Methoden,  um  im  Laufe  des  Krieges  das  Versäumte
nachzuholen  und  wenigstens  formell  eine  eiserne  Manneszucht  zu  erzwingen.
  Sie  erreichten  ihr  Ziel  gerade  zu  einem  Zeitpunkte,  als
bei  uns  von  rückwärts  die  Disziplin  gelockert  wurde.

In  meiner  langen  militärischen  Laufbahn  und  während  meiner
Regierungszeit  habe  ich  persönlich  oft  genug  mit  Znteresse  die  gespannte
  Aufmerksamkeit  beobachten  können,  mit  der  die  fremden  Souveräne
  oder  ihre  Militärattachks  unsere  Paraden  verfolgten.  Der
hohe  Stand  unserer  Armee,  der  bei  den  Paraden  zum  geschlossensten
Ausdruck  kam,  zeigte  ihnen  den  Wert  unserer  Freundschaft  —  und
unserer  Feindschaft.  So  wirkte  die  Armee  tätig  in  der  großen  Politik
  mit.  Bei  den  Manövern  war  es  nicht  anders,  und  die  Schlußparaden
  zeigten,  daß  die  Truppe  nach  dem  Gefecht  genau  so  in  der
Hand  der  Führer  war,  wie  vor  dem  Gefecht  und  während  des  Gefechts.
  Auch  die  andere  Art  der  erwähnten  Vorführungen  hatte  ihre
eigene  Bedeutung.  Wenn  z.  B.  die  Fürstlichkeiten,  die  Chefs  von
Regimentern  waren,  ihre  Truppe  dem  Katser  oder  fremden  Monarchen
vorführten,  wie  ich  das  ebenfalls  mehrfach  schildere,  so  sollte  darin
der  Stolz  des  Regimentschefs  über  seine  enge  Verbundenheit  mit
der  Truppe  zum  Ausdruck  kommen.

Den  tieferen  Sinn  der  geschilderten  milltärischen  Vorführungen
muß  man  sich  vor  Augen  halten,  wenn  man  sich  ein  Urteil  darüber
bilden  will,  welcher  Wert  ihnen  gelegentlich  von  Fürstenbegegnungen,
zu  denen  vbelfach  wichtige  politische  Aussprachen  den  Anlaß  gaben,
belzumessen  war.  Sie  übertrafen  durch  ihre  Eindrucksfählgkeit  sowohl
ihre  rein  militärtsche  Zweckbestimmtheit  als  auch  ihre  Brauchbarkeit

196
        <pb n="216" />
        zu  rein  höfischer  Repräsentation,  waren  vielmehr  ein  wichtiges  Aggregat
politischer  Beeinflussung.

Ganz  abgesehen  von  diesen  Zwecken  glaube  ich  aber,  daß  solche
Vorführungen  auch  rein  militärisch,  trotz  der  vollkommen  veränderten
  Kampfführung  der  Gegenwart,  durchaus  ihren  Wert  behalten.
Das  moderne  Gefecht  löst  den  Verband  auf.  Um  so  stärker  muß
die  Manneszucht  in  der  Truppe  durch  Erziehung  und  dauernde
Ubung  gefestigt  werden.  Ohne  eine  parademäßige  Schulung  läßt  sich
das  nicht  erreichen.  „Die  Vorbedingung  für  die  Brauchbarkeit
einer  Truppe  ist  die  Manneszucht"“  —  sagt  eine  ganz  moderne  Vorschrift.
  „Sie  schafft  den  festen  inneren  Zusammenhang  und  läßt
die  auflösenden  Wirkungen  des  Kampfes  überwinden."“  Ein  weises
Wort,  dem  ich  ganz  zustimmel

Alles,  was  die  Armee  betraf,  fand  zu  meiner  Freude  in  der
Vorkriegszeit  vollkommenes  Berständnis  beim  deutschen  Bolke,  vom
Fürsten  bis  zum  Arbeiter.  Der  Jubel  bei  den  Paraden  war  doch
ungeheuer  —  und,  was  keiner  zu  bestreiten  wagen  wird:  echt.  Die
einen  dachten  an  die  Zeit,  als  sie  dabek  sein  konnten,  die  anderen
freuten  sich  darauf,  bald  des  Königs  Rock  tragen  zu  dürfen.  Jeder
liebte  und  achtete  die  Armee  der  allgemeinen  Wehrpflicht,  die  große
Schule  des  deutschen  Bolkes.  Jeder  einzelne  wußte,  was  er  ihr  verdankte,
  und  die  Allgemeinheit  wußte,  daß  nur  unter  dem  Schilde
des  Soldaten  Arbeit  und  Wohlstand  gedeihen,  Künste  und  Wissenschaften
  gepflegt  werden  konnten.

Das  alles  kam  in  dem  Jubel  zum  Ausdruck,  der  die  Armee  bei

Paraden,  Manövern  und  anderen  Gelegenheiten  begrüßte.  Sie  waren
Symbole,  nicht  leere  Außerlichkeiten.

*t  *  t

Wieviel  librigens  dem  Ausland,  insonderheit  unserem  westlichen
Nachbar,  daran  lag,  hinter  die  in  der  deutschen  Armee  gepflegten

197
        <pb n="217" />
        Ausbildungsgrundsätze  zu  kommen,  erhellt  aus  folgendem  mir  in
Erinnerung  gebliebenen  Vorkommnis.  Bei  einem  Gefechtsexerzieren
der  Gardekavalleriedivision  um  Teltow,  das  ich  als  Ordonnanzoffizier
  im  Stabe  des  Generals  à  la  Suite  Graf  Alten  mitmachte,
wurden  zwei  französische  Generalstabsoffiziere  festgenommen,  die  in
Zivil  widerrechtlich  sich  unter  die  Zuschauer  gemischt  hatten.  Ich
wurde  von  Graf  Alten  zu  ihnen  gesandt  und  hatte  die  Herren  darauf
aufmerksam  zu  machen,  daß  sie  fhr  Mißgeschick  hätten  vermeiden
können,  wenn  sie  durch  ihren  Militärattaché  offiziell  um  Erlaubnis
zur  Teilnahme  nachgesucht  hätten.  Ihren  betroffenen  Antworten  war
zu  entnehmen  —  vor  allem,  als  sie  von  meinem  Begletter  erfuhren,
wer  ihnen  die  Bestellung  überbrachte  —,  daß  sie  nicht  ohne  Wissen
und  Förderung  ihres  Militdkrattachés,  den  der  eine  Franzose  als  seinen
„amt“  bezeichnete,  zu  der  Ubung  gekommen  waren.  Bald  darauf
traf  ich  den  französischen  Milikähattaché  bei  den  Kaisermanövern  und
stellte  ihn.  Er  tat  anfänglich  ganz  unwissend,  und  erst  als  ich  ihm  einen
Gruß  seines  „ami“  bestellte  und  von  den  näheren  Umständen  meines
Zusammentreffens  mit  den  festgenommenen  Generalstabsoffizieren  erzählte,
  verlor  er  die  Fassung  und  stand  da  wie  ein  begossener  Pudel.
X

Um  dieselbe  Zeit  fand  eine  Ubung  des  Regiments  unter  meinem
Kommando  gegen  die  6.  Kürassiere  in  der  Gegend  von  Lehnin  statt.
Auch  die  Prinz  Heinrich-Füstlkere  und  die  Reitende  Abteflung  des
Feldartillerkeregiments  Mr.  3  nahmen  daran  teil.  Die  Ubung,  die
vom  Divisionskommandeur  General  Graf  Haeseler  geleltet  wurde,
dauerte  vom  frühen  Morgen  bis  in  den  spckten  Nachmittag  hinein,
bei  ganz  außergewöhnlicher  Hitze,  das  Biwak  wurde  in  der  Nähe
von  Baumgartenbrück  bezogen.  Erst  am  nächsten  Tage  führte  ich
das  Regiment  nach  Abschluß  der  Ubung  in  die  Garnison  zurück.
Dieses  für  damalige  Zeiten  ungewöhnliche  Unternehmen  erregte  allgemelne
  Aufregung  in  Potsdam  und  Berlin,  „da  man  im  Sommer
        <pb n="218" />
        nur  zu  exerzieren  oder  im  Detail  Felddienst  zu  üben  habe,  ein  Manöverieren
  aber  unstatthaft  sei,  das  ginge  erst  im  Herbst“.  Diese  Umstände
  veranlaßten  meinen  Großvater,  den  Oberst  v.  Krosigk  zum
Vortrag  über  die  Ubung  zu  befehlen.  Dieser  legte  dem  Kaiser  dar,
daß  angesichts  der  Kürze  meiner  Dienstzeit  bei  der  Kavallerie  mir
Gelegenheit  gegeben  werden  müßte,  das  Regiment  in  unbekanntem
Gelände  gegen  unbekannten  Feind  verwenden  zu  lernen.  Mein  Großvater
  billigte  durchaus  die  vorgetragenen  Gründe,  worauf  die  zahlreichen
  Kritikaster  Krosigks  verstummten.
##

Aus  der  Zeit  meines  Kommandos  zum  Garde-Husarenregiment
muß  ich  noch  einer  Episode  Erwähnung  tun,  die  in  mehr  als  einer
Beziehung  charakteristisch  ist.

Im  Spätsommer  pflegte  mein  Großvater  in  Babelsberg  zu  residieren
  und  dann  auch  zuweklen  den  Exerzierübungen  auf  dem  Bornstedter
  Feld  beizuwohnen.  In  jenem  Jahre  war  zum  ersten  Male
seit  Menschengedenken  die  Zusammenziehung  der  gesamten  Garde-Kavalleriedivisson
  zum  Divisionsexerzieren  im  Gelände  befohlen  worden.
  Mein  Brigadekommandeur  General  v.  Brozowski  hatte  infolgedessen,
  um  seine  drei  Regimenter  auf  dieses  Exerzieren  vorzubereiten
und  die  Treffentaktik  mit  den  Kommandeuren  durchzuüben,  unsere
Brigade  regimenterweise  in  eingliedriger  Formation  formiert  und  auf
diese  Weise  jedes  Regiment  in  eine  eingliedrige  Brigade  zerlegt.
Das  ergab  zwei  Ulanen=  und  eine  Husarenbrigade  zu  einem  Gliede
und  im  ganzen  eine  eingliedrige  Kavalleriedivision.  Auf  diese  Weise
führten  etatsmäßige  und  ältere  Rittmeister  Regimenter  und  die
Premterleutnants  Schwadronen,  was  eine  ausgezeichnete  Schulung
für  die  Herren  war.  General  v.  Brozowski,  der  seinerzeit  das
Kavallerie-Exerzierreglement  mit  bearbeitet  hatte,  besaß  eine  kleine
schlanke  Figur,  dunkle  Gesichtsfarbe  und  blitzende  schwarze  Augen;,
er  war  ungemein  liebenswürdig  und  höflich  gegen  seine  Untergebenen

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        —  selbst  beim  Exerzieren  seinen  Ordonnanzoffizieren  gegenüber,  zu
denen  ich  auch  gehört  habe.  Er  hatte  eine  kleine  komische  Angewohnheit,
  die  uns  allen  sehr  viel  Bergnügen  berestete  und  die  darin  bestand,
daß  er,  wenn  er  in  Erregung  geriet,  in  den  Ruf  „Hol  mich  der
Teufel!“  auszubrechen  pflegte.

Als  ich  eines  Abends  wieder  wie  so  häufig  nach  Babelsberg  zu
Tisch  befohlen  war,  fragte  mich  mein  Großvater,  was  wir  am  Norgen
auf  dem  Bornstedter  Felde  gemacht  hätten.  Auf  meine  Antwort:
„Vorbereistende  Ubungen  für  das  Oivisionsexerzieren  bei  Teltow“
mußte  ich  mefnem  Großvater  die  oben  geschilderten  Ubungen  auseinandersetzen.
  Mit  steigender  Aufmerksamkeit  hörte  der  Katser  zu,
wobei  er  oft  zustimmend  mit  dem  Kopfe  nickte.  Als  ich  geendet  hatte,
erklärte  mein  Großvater,  daß  er  am  nächsten  Tage  sich  das  eingliedrige
  Exerzieren  einmal  ansehen  wolle.  Daraufhin  erbat  ich  sofort
die  Erlaubnis,  dem  Brigadekommandeur  den  entsprechenden  Befehl
überbringen  zu  dürfen,  erhielt  sie,  sprang  in  meinen  Wagen  und  fuhr
nach  der  Bflla  des  Generals  v.  Brozowski.  Nach  lebhafter  Begrüßung
  fragte  dieser,  was  ich  brächte.  „Einen  Befehl  Seiner
Mafestät!“  Der  General  nahm  sofort  die  Hacken  zusammen:  „Der
lautet?“  „Seine  Mazestät  befehlen,  daß  der  Herr  General  ihm  morgen
die  Brigade  in  eingliedriger  Formation  vorexerzkeren  sollen.“  Mit
dem  Schreckensruf:  „Hol  mich  der  Teufel!“  fiel  der  General  auf
den  nächsten  Stuhl.  Nachdem  es  mir  gelungen  war,  ihn  zu  beruhigen,
da  der  Allerhöchste  Kriegsherr  allen  vernünftigen  Neuerungen  volles
Verständnis  entgegenbrächte,  sagte  der  General:  „Ja,  Sie  haben
ganz  recht,  aber,  Königliche  Hohekt,  der  Kommandierende  General
v.  Pape  und  der  Divisionskommandeur  Graf  Brandenburg,  die
Gegner  von  Neuerungen!  Hol  mich  der  Teufel!“

Am  nächsten  Morgen  versammelte  sich  unsere  Brigade  bek  richtigem
Kaiserwetter  an  der  „Schanze',  Front  gegen  die  Chaussec,  in  besseren
Garnsturen,  Zunächst  erschien  eine  Anzahl  Herren  aus  Berlin,  dar-200
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        unter  der  Kommandierende  General,  der  Divisionskommandeur,  die
Brigade=  und  Regimentskommandeure  der  Berliner  Kavallerieregimenter,
  ferner  eine  Anzahl  Herren  des  Gefolges  meines  Großvaters,
alle  mit  sichtbar  erstaunten  und  fragenden  Gesichtern.  Bald  darauf
ertönte  das  Kommando:  „Sttllgesessen'  und  „Achtung“.  Alles  saß
wie  angegossen  auf  den  Pferden.  Wir  salutierten,  und  freundlich
grüßend  ritt  der  Kaiser  die  Front  seiner  Regimenter  ab.  Das  Exerzieren
  verlief  ganz  programmäßig.  General  v.  Brozowski  drehte
die  eingliedrige  Division  auf  dem  Bornstedter  Felde  um  den  Kaiser
herum  wie  ein  Regiment,  die  aus  dem  zweiten  Gllede  gebildeten
„Regimenter"“  ritten  genau  so  sicher  in  guter  Haltung  und  gutem
Tempo,  wie  die  aus  dem  ersten.  Hauptsächlich  wurde  im  Trab
evolutioniert,  ebenso  wurden  die  Aufmärsche  vollführt,  die  Attacken
aber  nur  angedeutet,  nicht  ausgeritten.  Es  ging  alles  wie  am  Schnürchen.
  Bei  der  Kritik  sprach  sich  mein  Großvater  sehr  anerkennend
über  das  Gesehene  aus,  lobte  die  vorzügliche  Reiterei,  die  ausgezeichnete
  Haltung  der  Mannschaften,  die  Exakthekt  in  den  Evolutionen.
Dabei  hob  der  Kaiser  besonders  die  Umsicht  des  Generals  v.  Brozowski
  hervor,  mit  der  er  seine  Unterführer  auf  das  Reiten  im
großen  Verbande  vorbereitete,  ebenso,  daß  er  die  Attacken  nur  markiert
und  nicht  ausgeritten  habe,  und  reichte  zum  Schluß  dem  General
glückwünschend  die  Hand.

Beim  Nachhausereiten  schloß  General  v.  Brozowski  sich  dem
Garde-Husarenregiment  an,  und  wir  beglückwünschten  ihn  alle  von
Herzen.  Als  ich  ihn  fragte,  ob  es  nun  so  schlimm  gewesen  wäre,
wie  er  sich  abends  zuvor  ausgemalk  habe,  antwortete  der  General:
„Hol  mich  der  Teufel,  Königliche  Hohekt,  es  war  herrlich!  Seine
Mafestät  von  einer  Gnadel  Ich  bin  noch  tief  bewegt.  Auch  Exzellenz
v.  Bape  und  Graf  Brandenburg  haben  mir  gratuliert,  aber  der
Gesichtsausdruck!!  Hol  mich  der  Teufell!“

k

201
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        Das  Leben  im  Offizierkorps  des  Garde-Husarenregiments  war
von  dem  gleichen  Geist  der  Kameradschaftlichkeit  erfüllt,  wie  das
des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß.  Natürlich  war  bei  der  verhältnismäßig
  geringen  ZSahl  der  Offiziere  der  Zusammenhalt  noch  enger
und  der  persönliche  Einfluß  des  Regimentskommandeurs  auf  seden
einzelnen  weit  fühlbarer.  Oberst  v.  Krosigk  hatte  seinem  Offizierkorps
  einen  frischen,  fröhlichen  Reitergeist  eingeflößt,  auch  das  Interesse
  an  taktischen  und  strategischen  FKragen  zu  wecken  und  zu  nähren
verstanden.  Ich  kann  wohl  sagen,  daß  trotz  seiner  Strenge,  ja  zuweilen
  Grobheit,  wir  Gardehusaren  mit  Stolz  und  inniger  Verehrung
  zu  unserem  Regimentskommandeur  aufsahen.  Solchen
Männern,  wie  ihm  und  dem  Obersten  v.  Rosenberg,  dem  Kommandeur
der  Zietenhusaren,  hat  es  die  preußische  Kavallerie  zu  danken,  daß
ihr  Reglement  durch  wiederholte  Umarbeitungen  stets  auf  der  Höhe
blieb  und  den  Anforderungen  der  modernen  Ausbildung  und  Kriegführung
  entsprach  —  ein  gewaltiger  Vorteil,  den  sie  vor  der  Infanterie
  voraus  hatte!

Bei  der  Behandlung  taktischer  und  strategischer  Fragen  brachte
Oberst  v.  Krosigk  auch  oft  die  im  Kreise  von  Dreilinden,  zu  dem  er
gehörte,  vom  Prinzen  Friedrich  Karl  aufgestellten  Grundsätze  für  die
Verwendung  der  Reiterei  zur  Sprache,  die  mehr  als  einmal  zu  interessanten
  Diskusstonen  Beranlassung  gaben  und  von  dem  großen  Einfluß
  des  Prinzen  auf  die  Entwicklung  der  preußischen  Reiterei  Zeugnis
ablegten.  Auch  ich  habe  einmal  einem  solchen  Abend  in  Dreilinden
beiwohnen  dürfen.  Einige  meist  ältere  Herren  aus  den  verschiedenen
Chargen  und  Waffen,  auch  aus  der  Marine,  vom  General  und
Admtral  abwärts,  besprachen  die  vom  Prinzen  zur  Erörterung  gestellten
  taktischen  und  strategischen  Fragen,  die  für  die  Armee  von
Wichtigkelt  waren,  mit  allem  Freimut.  Dabek  ereignete  sich  ein  kleiner
heiterer  Vorfall.  Als  der  Prinz  im  Laufe  der  Unterhaltung  auf  das
Artillerkeschießverfahren  zu  sprechen  kam,  bemerkte  der  bekannte  General
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        v.  Hartmann,  der  über  einen  sehr  schlagfertigen  Witz  verfügte,  im
Hinblick  auf  die  soeben  erfolgte  Nobilitierung  eines  Brigadekommandeurs
  der  Gardeartillerie:  „Eure  Königliche  Hoheit,  seitdem  die
preußische  Artillerie  nur  noch  von  lauter  Montmorencys  kommandiert
wird,  trifft  sie  überhaupt  nichts  mehr!“  Lebhafte  Heiterkeit  war  die
Golge  dieses  Scherzes,  der  mir  als  charakteristisch  für  den  in  Dreilinden
  gepflegten  Geist  in  Erinnerung  geblieben  ist.
r

Am  1.  Juli  1883  trat  ich  zur  Dienstleistung  beim  1.  Garde-Feldartillerkeregiment
  über,  sein  Kommandeur  war  Oberst  Mauve  genannt
  v.  Schmidt.  Ich  sollte  hauptsächlich  im  Schießen  ausgebildet
werden  und  wurde  zu  diesem  Zweck  der  dritten  Reitenden  (Rappen-)
Batterie  des  Regiments  zugeteilt,  die  Hauptmann  Graf  zur  Lippe  kommandierte.
  Theoretisch  wurde  ich  durch  Mafor  v.  Bach  in  die  Geheimnisse
  des  Schießverfahrens  eingeweiht,  das  er  meisterhaft  beherrschte.

Bald  kam  der  Tag  heran,  an  dem  ich  die  dritte  Reitende  auf
dem  Schießplatz  bei  Tegel  im  Schießen  vorzustellen  hatte,  sämtliche
höheren  Instanzen  vom  Generalinspekteur  abwärts  hatten  sich  dazu
eingefunden:  General  v.  Voigts-Rhetz,  General  v.  Dresky  und
Oberst  v.  Körber.  Nach  Beendigung  des  Schießens  fand  Kritik
sämtlicher  anwesenden  Vorgesetzten,  in  erster  Linie  der  genannten
„Trias“,  statt.  Das  Ergebnis  war,  wie  ich  feststellen  darf,  günstig
und  überraschte  allgemein,  nicht  zum  wenigsten  mich.

Damit  der  Scherz  auch  bei  den  ernstesten  Dingen  nicht  fehle,
ereignete  sich  bei  dieser  Gelegenheit  folgender  heitere  Vorfall.  Als
Verbindung  zwischen  den  Scheiben  und  dem  Standort  der  Batterie
diente  die  damals  neue  Erfindung  einer  Telephonleitung.  General
v.  Voigts-Rhetz,  unmutig  über  das  lange  Warten,  begab  sich  persönlich
  ans  Telephon,  um  die  vielfachen  Anfragen,  ob  die  Scheiben
noch  nicht  fertig  aufgestellt  seien,  durch  die  seinige  zu  vermehren.
Plöhlich  sahen  wir  ihn  den  Hörer  fallen  lassen  und  gesenkten  Hauptes

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        davonreiten,  während  die  das  Telephon  bedienenden  Artilleristen  ihre
Gesichter  zu  breitem  Grinsen  verzogen.  Bald  kam  es  heraus,  was
geschehen  war.  Seine  Exzellenz  hatte  im  Zorn  zu  laut  in  das
Telephon  hineingeschrien,  was  damals  streng  verboten  war,  und
hatte  daraufhin  statt  jeder  weiteren  Orientierung  zur  Antwort  bekommen:
  „Schafskopp,  brüll  nicht  sol“  Dieses  Wort  machte  mit
Windeseile  die  Runde  durch  die  preußische  Artillerie.

Im  Laufe  des  Sommers  durfte  ich  auch  einmal  meinem  Vater
die  Batterie  auf  dem  Kreuzberg  vorexerzieren,  und  auch  hier  machte
sie  ihre  Sache  gut.  Ich  erinnere  mich,  daß  dabei  wieder  die  schon
genannte  „Trias“  meiner  höheren  Waffenvorgesetzten  zugegen  war,
ohne  daß  mein  Vater  ihre  Teilnahme  befohlen  oder  gar  gewünscht
hätte.  Bei  Besprechung  der  am  Schluß  des  Exerzierens  gelösten
Gefechtsaufgabe  verbreitete  sich  die  „Trias“  sehr  ausführlich  über
die  eigenen  Leistungen  im  Jahre  1870/71,  und  es  schien,  als  ob
bei  meinem  Vater  der  Eindruck  erweckt  werden  sollte,  die  gute  Ausbildung
  der  Batterie  sei  hauptsächlich  der  Einwirkung  dieser  Herren
zuzuschreiben.  Ohne  Zweifel  gebührte  das  Verdienst  hieran  aber  dem
Regiments=  und  Abteklungskommandeur  Mafor  v.  Neubronn  sowie
dem  Hauptmann  Graf  Lippe.  Mein  Vater  fühlte  das  sehr  wohl,  er
hörte  der  langen  Kritik  ingrimmig  zu,  schüttelte  dann  dem  Regimentsund
  Abteflungskommandeur  die  Hand,  belobte  die  Batterie  und  ritt,
die  „Trias“  nur  kurz  salutterend,  davon.

Bek  den  Herbstübungen  des  Gardekorps  führte  ich  zeitweise  die
Arkillerte  eines  Detachements,  dann  auch  an  einem  Tage  ein  gemischtes
  Detachement.  Ich  konnte  dabei  in  einem  Berfolgungsgefecht
die  drei  Restenden  Batkerlen  des  Regiments  in  der  Karriere  bis  in
die  verfolgenden  Schützenlinfen  vorführen  und  erntete  e  für  diese  bis
dahin  selten  geübte  Berwendung  Lob.

Nach  Abschluß  der  Ubungen  des  Gardekorps  verabschledete  ich
mich  mit  herzlichem  Dank  von  den  mir  lieb  gewordenen  Kameraden
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        und  meinen  hochgeschätzten  Vorgesetzten.  Die  Beziehungen  zum
Regiment  sind  mein  ganzes  Leben  hindurch  von  gegenseitiger  Herzlichkeit
  und  Treue  erfüllt  gewesen.

##

Für  die  Zeit  des  Kaisermanövers  beim  IV.  Armeekorps  im  Herbst
1883  wurde  ich  zum  Stabe  des  Generals  v.  Blumenthal  kommandiert,
  sein  Generalstabschef  war  Oberst  v.  Holleben.  Ich  konnte  noch
am  letzten  Divisionsmanövertage  teilnehmen  und  die  eingehende  und
klare  Kritik  des  alten  Chefs  meines  Vaters  aus  zwei  Kriegen  bewundernd
  mit  anhören.  Während  des  Kaisermanövers  wurde  ich
von  Oberst  v.  Holleben  seden  Abend  nach  Tisch  zur  Bearbeitung  der
eingehenden  Meldungen  und  der  Befehle  für  den  nächsten  Tag  mit
herangezogen  und  habe  viel  bei  ihm  für  die  höhere  Führung  gelernt.

Am  letzten  Tage  wurde  mir  die  Aufgabe  zuteil,  die  an  das
Korps  ergehenden  Kabinettsorders,  die  Beförderungen  und  Dekorationen
  brachten,  auf  dem  Manöverfelde  zu  verteilen.  Dabei  stieß
mir  ein  heiteres  Erlebnis  zu.  Oberst  v.  Werder,  der  spätere  Kommandierende
  General  des  I.  Armeekorps,  erwies  sich  als  ein  gar  aufgeregter
  Herr,  der  überall  und  nirgends  war.  Ich  für  meine  Person
mußte  leider  das  letztere  feststellen,  als  ich  ihn  mit  einem  Auftrage
allerorten  suchte.  Keiner  der  von  mir  der  Reihe  nach  abgerittenen
Bataillone  seines  Regiments  konnte  mir  seinen  Standort  angeben.
Endlich  traf  ich  ihn  auf  der  Landstraße  und  versuchte,  ihm  meinen
blauen  Brief  zu  überreichen.  Das  mißlang.  So  war  ich  gezwungen,
den  mich  nicht  beachtenden  Herrn  im  Galopp  zu  begleiten,  bis  dieser
sich  unwirsch  nach  dem  ihm  unbekannten  Husarenoffizier  umwandte:
Was  ich  eigentlich  von  ihm  wolle?  Wozu  ich  immer  hinter  ihm  herritte?
  Ich  mache  ihm  fa  sein  Pferd  scheul  Ich  hob  den  blauen  Brief
hoch  und  rief  in  meiner  Berzweiflung:  „Herr  Oberst,  eine  Allerhöchste
  Kabsnettsorder!“  Aun  brachte  er  sein  Pferd  so  plötzlich  zum
Stehen,  daß  er  die  Bügel  verlor  und  auf  dem  Halse  saß.  In  dieser

205
        <pb n="225" />
        wenig  militärischen  Stellung  nahm  er  durch  die  Ohren  seines  Pferdes
hindurch  die  Order  mit  seiner  Beförderung  entgegen.  Immer  noch
unwirsch  fragte  er  mich,  wer  ich  eigentlich  sei?  Ich  antwortete  stramm
militärisch:  „Ordonnanzoffizier  des  Kommandierenden  Generals,  Prinz
Wilhelm  von  Preußen,  der  Enkel  dessen,  von  dem  ich  die  Ehre  habe,  diese
Kabinettsorder  zu  überbringen.“  Der  General  war  sprachlos  vor  Erstaunen,
  doch  ehe  er  sich  gesammelt  hatte,  war  ich  schon  auf  und  davon.

Nach  dem  Manöver  empfing  ich  die  Allerhöchste  Kabinettsorder,
die  mich  mit  der  Führung  des  I.  Bataillons  des  Ersten  Garderegiments
  zu  Fuß  beauftragte.

3##

Am  20.  Oktober  1883  trat  ich  beim  Ersten  Garderegiment  zu
Fuß  die  Führung  des  J.  Bataillons  an.

Zu  derselben  Zeit  erhielt  mein  Bater  den  Befehl,  den  Besuch
des  Königs  von  Spanien,  der  den  Kaisermansvern  bei  Homburg
beigewohnt  hatte,  zu  erwidern.  Mein  Bater  hatte  dem  Kaiser  den
Wunsch  ausgesprochen,  mich  mitzunehmen,  ohne  daß  ich  davon  Kenntnis
  hatte.  Wer  beschreibt  meinen  Schreck,  als  bei  der  nächsten  Gelegenheit
  mein  Großvater  mir  sein  Mißfallen  zum  Ausdruck  brachte,
daß  ich  „gleich  nach  Antritt  eines  so  wichtigen  Kommandos  eine  Vergnügungsreise
  nach  Spanien  machen  wolle“!  Ich  meldete  dies  sofort
  meinem  Bater  mit  der  Bitte,  von  meiner  Beteiligung  an  der
Reise  abzusehen,  zog  mir  aber  dadurch  seine  Ungnade  zu.  Ich  hielt
es  trotzdem  für  meine  Pflicht,  die  Aussichten  auf  das  schöne  Spanien
mit  dem  Kasernenhof  und  dem  Exerzierplatz  zu  vertauschen.

Im  Winter  1883/84  stellte  mir  der  Regimentskommandeur  Oberst
v.  Lindequist  die  Aufgabe,  einen  Bortrag  aus  der  Kriegsgeschichte
des  Altertums  zu  halten.  Durch  den  damals  beim  Regiment  zur
Dienstleistung  eingezogenen  ehemaligen  Erzieher  meines  Bruders
Waldemar,  Dr.  Hans  Delbrück,  den  späteren  bekannten  Professor
und  Geschichtschreiber,  wurde  sch  mit  den  neuen  Forschungen  über
206
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        die  Fechtart  der  alten  Griechen  und  Römer,  über  die  Phalangen  und
die  römische  Manipeltaktik  bekannt.  Diese  bildeten  die  Grundlage
für  meinen  Vortrag  über  die  römische  Taktik  und  die  Schlacht  von
Canné,  erläutert  durch  eigenhändige,  unter  Delbrücks  Anleitung  entworfene
  Zeichnungen.  Ich  konnte  darlegen,  daß  bis  Cann  einschließlich
  die  Römer  in  der  antiken  Phalanz,  einer  ungefügen,  unbeholfenen
und  reservelosen  Formation  ohne  Tiefengliederung,  gefochten  hatten.
Erst  die  Scipionen  teilten  die  Phalanx  durch  zwei  Schnitte  der  Länge
nach  und  führten  damit  die  unter  eigenen  Befehlshabern  stehenden,
einander  folgenden  Treffen  ein.  Mit  Hilfe  dieser  Treffentaktik  schlug
Scipio  Hannibal  entscheidend  bei  Zama.  Das  von  mir  behandelte
Problem  ist  später  durch  die  ausgezeichneten  Schriften  Schlieffens  von
eminenter  Bedeutung  geworden.

Im  Frühjahr  1884  kam  die  Zeit,  da  ich  das  Bataillon  meinem
Großvater  auf  dem  Lustgarten  vorzustellen  hatte,  ich  konnte  es,  da
die  Reservisten  eingezogen  waren,  am  J.  Mai  in  einer  Stärke  von
180  Mann  pro  Kompagnie  tun.  Meine  Grenadiere  ließen  ihren
Bataillonsführer  nicht  im  Stich  und  verschafften  uns  aus  Allerhöchstem
  Munde  das  Prädikat  „vorzüglich“.

Ich  legte  im  Laufe  des  Sommers  einige  Ubungen  mit  Biwaks
ein  (nicht  nur  „bei  Tage"')  und  im  Gelände  bei  Trebbin  auch  ein
Scharfschießen  mit  kriegsstarken  Kompagnien,  das  infolge  der  geschickten,
  kriegsmäßigen  Aufstellung  der  Scheiben  durch  ein  Kommando
der  Schießschule  in  Spandau  einen  äußerst  anregenden  Berlauf  nahm.
Bei  der  großen  Herbstparade  konnte  ich  das  I.  Bataillon,  das  von
den  Kameraden  scherzend  „das  erste  Bataillon  der  Christenheit“  genannt
  wurde,  vor  meinem  Großvater  vorüberführen.  Die  darauffolgenden
  Manöver  des  Gardekorps  stellten  mich  vor  interessante  und
lohnende  Aufgaben,  die  das  Bataillon  in  der  Gefechtstaktik  und  bei
den  Schanzarbeiten  zeigen  konnten.

#
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        <pb n="227" />
        Dann  verließ  ich  die  Ubungen  des  Gardekorps,  um  mich  in  der
Rheinprovinz  beim  Generalfeldmarschall  Graf  Moltke  als  der  Mansverleitung
  zugeteilt  zu  melden.  Da  Woltke  jedoch  unpäßlich  geworden
war,  hatte  Graf  Waldersee  in  seiner  Vertretung  die  Leitung  über—
nommen.  Mein  Bater  war  Oberschiedsrichter.  Auf  dem  Paradefeld
  bei  Euskirchen  stand  das  Königin  Augusta-Garde-Grenadier—
regiment  auf  dem  rechten  Flügel  des  VIII.  Armeekorps,  neben  dem
rechten  Flügel  des  I.  Bataillons  hielt  der  Wagen  mit  meiner  Großmutter,
  rechts  neben  ihr  General  v.  Los  und  General  v.  Pape.  Es
war  ein  tiefbewegender  Augenblick,  als  mein  Großvater,  gefolgt  von
meinem  Vater  und  mir,  an  die  Kaiserin,  den  erlauchten  Chef,  heransprengte
  und  ihr  die  Hand  küßte.  Es  sollte  das  letzte  Mal  sein,  daß
sie  dem  Obersten  Kriegsherrn  ihr  Regiment  vorführen  bonnte.

Während  der  folgenden  Manvertage  wurde  ich  mehrfach  von
der  Heitung  zum  Stabe  des  Generals  v.  Witzendorff  (VII.  Armeekorps)
  zur  Nachrichtenübermittlung  kommandiert.  Der  General  war
ein  hagerer  Mann,  lang  aufgeschossen,  mit  Augen,  die  unter  buschigen
Augenbrauen  feurig  hervorblitzten,  niemals  hatte  ihn  jemand  lächeln
sehen.  Sein  Stab  stand  stets  in  ehrerbietiger  Entfernung  von  ihm
in  tiefem  Schweigen  da,  nur  sein  Chef  durfte  sich  ihm  von  Zeit  zu
Zeit  nähern.  Als  ich  einmal  von  der  Uberbringung  einer  Meldung
an  meinen  Bater  zu  ihm  zurückkehrte,  traf  ich  im  Vorbeireiten  auf
die  hinter  einem  Dorf  rastende  Avantgarde  des  VII.  Armeekorps.
An  einer  Wegekreuzung  passterte  ich  einen  ziemlich  beleibten  General,
der  eine  entfernte  Ahnlichkeit  mit  dem  verstorbenen  Herzog  Ernst
von  Koburg  hatte.  Als  ich  grüßend  vorbeireiten  wollte,  befahl  mir
der  General  mit  folgender  Anrede  zu  halten:  „Junger  Mann,  wissen
Sie  nicht,  daß,  wer  von  vorn  kommt,  bei  mir,  dem  General  Michelmann,
  Kommandeur  der  Avantgarde,  zu  halten  und  Meldung  zu
machen  hat?“  —  „Ich  komme,“  meldete  ich,  „von  dem  Oberschiedsrichter,
  Seiner  Katserlichen  Hohelt  dem  Kronprinzen,  und  reite  in
208
        <pb n="228" />
        dessen  Auftrag  zu  Exzellenz  v.  Witzendorff.“  —  „Na,  das  paßt  ja
ganz  gut,  dann  nehmen  Sie  einmal  gleich  eine  Meldung  mit!“  Als
ich  nach  Empfang  der  Meldung  abreiten  wollte,  hielt  der  General
mich  mit  der  Bemerkung  fest:  „Na,  na,  funger  Freund,  nicht  so  hitzig!
Erst  die  Meldung  wiederholen!  Ich  kenne  die  jungen  Herren  von
der  Kavallerie.  Die  denken  nur  an  den  Galopp  übers  Terrain,
hören  mit  halbem  Ohr  hin,  bringen  eine  konfuse  Meldung  an  den
Vorgesetzten,  und  dann  bekomme  ich  eins  auf  den  Kasten.“  Nachdem
  ich  die  Meldung  zur  Zufriedenheit  des  Generals  wiederholt  hatte,
wurde  ich  entlassen  und  kehrte  zu  der  finsteren  Exellenz  auf  dem
Berge  zurück.

Als  ich  dort  nach  Erledigung  meines  Auftrages  hinzufügte,  ich
wäre  vom  General  MWichelmann  beauftragt,  an  Seine  Exellenz  eine
Meldung  zu  übermitteln,  sah  mich  General  v.  Witzendorff  von  oben  bis
unten  durchbohrend  an:  „Wie  kommt  General  Michelmann  dazu,  Eure
Königliche  Hoheit  mit  einer  Meldung  zu  beauftragen?  Hat  er  Eure
Königliche  Hoheit  nicht  erkannt  und  gebührend  Meldung  erstattet?“
Ich  verneinte,  dußerte  die  Vermutung,  der  General  habe  mich  wohl
für  einen  PBatrouillenreiter  gehalten  und  gab  eine  ausführliche  Schildekung
  der  näheren  Umstände  meines  Zusammentreffens  mit  ihm.  Der
Erfolg  meiner  Meldung  war  mehr  als  überraschend,  denn  der  Stab
konnte  nunmehr  auf  den  Zügen  des  gestrengen  Herrn  Kommandierenden
  ein  Mienenspiel  beobachten,  das  unbedingt  als  etwas  einem
Lächeln  sehr  Ahnliches  aufzufassen  war.  Seine  Exzellenz  hatten  geruht,
  zum  ersten  Male  öffentlich  vor  seinen  Herren  zu  lächeln!  Sehr
bald  erfuhr  ich  auch  die  Ursache  der  Heiterkeit:  General  Michelmann
war  nämlich  diefenige  Berson,  auf  die  alle  Anekdoten,  die  im  Korps  sich
ereigneten,  lokalistert  wurden,  und  nun  hatte  er  ahnungslos  eine  neue,
sogar  eine  wahre,  dazu  geliefert!  Am  Abend  wurde  der  Vorfall  an
allen  Biwakfeuern  der  Westfalen  gebührend  belacht.

r
14  Aus  meinem  Leben  200
        <pb n="229" />
        Das  Jahr  1885  glich  in  dienstlicher  Beziehung  im  allgemeinen
dem  vorhergehenden.  Am  2.  September  1885  wurde  ich  unter  Enthebung
  von  der  Führung  des  I.  Bataillons  mit  der  Führung  des
Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  während  der  Herbstübungen  beauftragt.
  Dies  gab  mir  Gelegenheit,  wiederholt  mit  dem  Divisions—
kommandeur,  General  v.  Schlichting,  zu  verkehren.  Er  legke  vor
allem  hohen  Wert  auf  geschickte  Geländebenutzung,  besonders  der
Schützen,  ohne  Rücksicht  auf  Richtung,  die  damals  immer  noch  eine
gewisse  Rolle  spielte.  Die  Ubung  schloß  mit  einem  Angriff  auf  die
Hakenberge  östlich  von  Berlin,  zu  dem  Exzellenz  v.  Schlichting  das
Erste  Garderegiment  zu  Fuß  unter  meiner  Führung  aus  der  Reserve
vorziehend  einsetzte.  Der  Sturm  wurde  ausgeführt  und  gelang  unter
den  Augen  meines  Baters.

Während  des  Kaisermanövers  wurde  ich  zum  Stab  des  Generals
v.  Obernitz,  Kommandierendem  General  des  XIV.  Armeekorps,  kommandiert.
  In  dem  abwechslungsreichen  Gelände  zwischen  Karlsruhe
und  Ettlingen  zeigten  sich  die  Truppen  in  bester  Verfassung.  Die
von  Oberst  Edler  von  der  Planitz,  dem  späteren  Generalinspekteur
der  Kavallerke,  kommandierte  Kavalleriebrigade  zeichnete  sich  durch
schneidige  Attacken  besonders  aus.  Auf  der  Höhe  von  Ettlingen  erhielt
ich  am  16.  September,  dem  letzten  Manövertage,  die  Allerhöchste
Kabinettsorder  mit  der  Ernennung  zum  Kommandeur  des  Garde-Husarenregiments
  unter  Beförderung  zum  Oberst.  Planitz  war  der
erste,  der  mir  gratulferte.

Anläßlich  meiner  persönlichen  Meldung  im  Schloß  zu  Karlsruhe
sagte  mir  mein  Großvater,  in  der  Gardekavallerte  würde  gespielt,  und
auch  die  Garde-Husaren  sollten  dabei  beteiligt  sein.  Ich  hätte  die  Spielsucht
  mit  aller  Energie  zu  bekämpfen,  er  mache  mich  mit  meinem  Kopfe
dafür  verantwortlich,  daß  mein  Offizierkorps  von  diesem  Laster  befreit
  werde  und  zu  altpreußischer  Solidität  und  Einfachheit  zurückkehre.
210  #
        <pb n="230" />
        Ich  begleitete  dann  meinen  Großvater  zu  den  Kaisermanövern
des  XIII.  Armeekorps  nach  Stuttgart.  Sein  Kommandierender
General  war  General  v.  Schachtmeyer,  der  seine  Erfahrungen  als
passionierter  Pirschjäger  in  der  Ausnutzung  von  Geländedeckungen  in
weitgehendem  Maße  auf  sein  Korps  übertragen  hatte.  Größere  Kolonnen
  traten  bei  ihm  überhaupt  nicht  in  Erscheinung,  Kompagniekolon—
nen  wurden  geschickt  gedeckt  geführt,  die  Schützen  waren  fast  unsichtbar.
  Mit  einem  Wort,  das  Korps  war  nach  allen  Regeln  moderner
Gefechtskunst  ausgebildet,  es  war  das  erste,  das  ich  in  dieser  Art
fechten  sah.  Natürlich  fehlten  dabei  für  die  Laienzuschauer  imposante
Bilder  größerer  Infanteriemassen,  und  ich  hörte  aus  der  Umgebung
meines  Großvaters  sehr  mißbilligende  Urteile  über  die  Manöver.
Wie  erstaunten  aber  diese  Herren,  als  mein  Großvater  bei  der  Schlußkritik
  v.  Schachtmeper  mit  den  Worten  auszeichnete:  sein  Korps  sei
am  besten  für  den  Krieg  vorgebildet  und  ein  Musterbeispiel  für  die
ganze  Armee!  Diese  Worte  beweisen,  daß  mein  Großvater  durchaus
  verstand,  mit  der  Zeit  mitzugehen  und  die  Behauptungen  in
Berlin,  „man  dürfe  Seiner  Mafestät  so  etwas  nicht  zeigen“,  falsch

waren.
rm

Nach  meiner  Rückkehr  nach  Botsdam  meldete  ich  mich  in  meiner
neuen  Eigenschaft  als  Oberst  und  Kommandeur  des  Garde-Husarenregiments
  beim  Kommandierenden  General  v.  Bape.  Obwohl  Pape
streng  und  sehr  gefürchtet  war,  ist  er  mir  stets  ein  gerechter,  wohlwollender
  Vorgesetzter  und  fast  väterlicher  Berater  gewesen.  Mein
Dsvisionskommandeur  war  Generalleutnant  v.  Winterfeld,  mein  Brigadekommandeur
  Generalmafor  v.  Bersen,  der  frühere  Kommandeur
des  12.  Husarenregiments.

Die  Worte  meines  Großvaters  über  das  Spiel  vernahm  General
v.  Pape  mit  hoher  Befriedigung  und  teilte  mir  mit,  daß  die  Hauptquelle
  allen  Ubels  der  Union-Klub  sei.  Der  Besuch  desselben  hätte

14*  211
        <pb n="231" />
        manchem  vielversprechenden  jungen  Offizier  die  Uniform,  ja  das  Leben
gekostet  und  mehr  als  eine  Familie  ruiniert.  Ich  solle  nur  rücksichts—
los  gegen  die  Giftbeule  vorgehen,  ich  sei  durch  die  Worte  Seiner
Majestät  gedeckt,  und  er  stände  selbstverständlich  in  jeder  Beziehung
hinter  mir.

Als  ich  mein  Offizierkorps  zum  ersten  Male  um  mich  versammelte,
  teilte  ich  ihm  auch  die  ernsten  Worte  des  Kaisers  über  das
Spielen  mit,  die  augenscheinlich  ihren  Eindruck  nicht  verfehlten.  Nach
Orkentierung  bei  den  anderen  Regimentskommandeuren  der  Potsdamer
Kavallerieregimenter  über  dieses  Thema  konnte  ich  feststellen,  daß  alle
ohne  Ausnahme  die  Ansicht  des  Kommandterenden  Generals  teilten,
jedoch  erklärten  —  es  sei  nichts  gegen  den  Union-Klub  zu  machen,  da
dieser  durch  zu  hohe  Protektion  gedeckt  sei.  Aus  dieser  Lage,  die
ich  nicht  anzuerkennen  gewillt  war,  entstand  mein  Kampf  gegen  den
Union-Klub,  der  eine  lange  Zeitspanne  in  Anspruch  nahm.  Er  begann
  damtt,  daß  ich  meinen  Offizieren  rigoros  die  Mitgliedschaft  und
Teilnahme  am  Spiel  verbot.

r

Der  gesamte  Dienst  im  Garde-Husarenregiment  sowohl  in  der
Reitausbildung  wie  in  bezug  auf  Exerzieren  und  Felddienst  war
streng  nach  den  Grundsätzen  des  Obersten  v.  Krosigk  durchgeführt.
Dem  Rittmelsster  v.  Dewitz,  der  die  Dressuren  der  Pferde  von  Krosigk
mit  großem  Erfolg  übernommen  hatte  und  im  ganzen  Regiment  deswegen
  anerkannt  war,  übergab  ich  die  Offiziersreitstunde.  Dies  brachte
mich  in  Konflikt  mit  meinem  Etatsmäßigen,  dem  Mafor  v.  Kleist,
der  diese  für  sich  verlangte.  Ich  wies  ihn  aber  mit  der  Begründung
  ab,  die  Offiziersreitstunde  werde  nicht  nach  der  Charge,  sondern
der  Befähigung  als  Reitlehrer  entsprechend  vergeben,  ich  habe  mich
auch  durch  gewisse  Quertreibereien  nicht  beirren  lassen.  Als  ich  dann
im  Laufe  des  Winters  1887/86  durch  Masernerkrankung  mehrere
Wochen  ans  Haus  gefesselt  wurde,  änderte  der  Etatsmäßige  in  dieser
212
        <pb n="232" />
        Zeit  verschiedene  meiner  den  inneren  Dienst  regelnden  Anordnungen
ab.  Da  das  Verhältnis  zu  ihm  durch  diese  Feststellung  nicht  besser
wurde,  mußte  schließlich  ein  Wechsel  in  der  Besetzung  der  Stelle  eintreten.
  Der  mir  von  Bonn  her  bekannte  Major  v.  Moßner  wurde
Etatsmäßiger  und  hat  mich  als  solcher  vorzüglich  unterstützt.  Aus
der  glänzenden  Schule  des  ehemaligen  Obersten  v.  Loé  bei  den  Königs-Husaren
  hervorgegangen,  war  v.  Moßner  ein  guter  und  passionterter
Reiter  mit  den  rechten  Auffassungen  vom  Dienst,  alles  in  allem  erwies
  er  sich  als  das  Muster  eines  Etatsmäßigen.  Dazu  war  er  eine
frische,  fröhliche  Matur  und  mit  einer  guten  Dosis  von  Humor  begabt,
so  daß  er  in  kurzer  Zeit  sich  allgemeiner  Beliebtheit  im  Offizierkorps
  erfreute.  Als  ganz  junger  Offizier  hatte  er  sich  im  Zahre  1870
bei  Bapaume  das  Eiserne  Kreuz  I.  Klasse  geholt,  eine  für  damalige
Berhältnisse  große  Ausnahme.  Mit  ihm  zusammen  zu  arbeiten  war
eine  wahre  Freude.

Unter  den  Neuerungen  im  inneren  Dienst  befand  sich  auch  eine
Maßregel,  um  die  füngeren  und  die  unverheirateten  Unteroffiziere  des
Garde-Husarenregiments  aus  den  Kneipen  fernzuhalten.  Ich  meine
den  Auöbau  der  unter  Oberst  v.  Krosigk  auf  mein  Betreiben  bereits
  eingerichteten  Unterofflzier-Frühstücksstube  zu  einem  regelrechten
Unteroffizierkasino  durch  Anschaffung  von  Möbeln,  einer  kleinen  Bibliothek,
  verschiedener  Spiele  wie  Schach,  Dame  usw.,  was  bei  den
Betreffenden  große  Freude  auslöste  und  starken  Besuch  zur  Folge
hatte.  Auch  die  älteren,  verheirateten  Sergeanten  und  Wachtmeister
kamen  gern  dorthin.  Die  Einrichtung  übte  einen  vortrefflichen  Einfluß
  auf  die  Stärkung  des  Korpsgeistes  unter  den  Unteroffizieren  aus.

Die  Verwaltung  des  Regiments,  zumal  der  mit  Garnituren  wohlversehenen
  Kammer,  lag  in  den  Händen  des  bewährten  alten  Zahlmeisters
  Haebringer,  eines  Mannes  von  nie  erlahmendem  Pflichteifer
und  unantastbarer  Ehrenhaftigkeit.  Er  half  mir  unter  anderm,  an  Stelle
der  einzelnen  schwadronsweisen  Weihnachtsbescherungen  die  große

213
        <pb n="233" />
        Regimentsweihnachtsbescherung  in  der  Reitbahn  zu  organisieren.  Diese
ist  dann  während  meiner  ganzen  späteren  Regierungszeit  beibehalten
worden,  und  ich  habe  es  mir  auch  als  Kaiser  nie  nehmen  lassen,  bei
ihr  anwesend  zu  sein.  Es  war  ein  schöner  Anblick,  wenn  die  fünf
Schwadronen  in  offenem  Viereck  vor  ihren  mit  Geschenken  und
brennenden  Weihnachtsbäumen  gezierten  Tischen  versammelt  waren.
Die  Frauen  und  Kinder  der  verheirateten  Offiziere  und  Unteroffiziere
wohnten  der  Feier  als  Zuschauer  bei.  Dann  stiegen  die  alten  Weih—
nachtslieder  empor,  und  nach  kurzer  Ansprache  des  Regimentskommandeurs
  brauste  ein  dreimaliges  Hurra  auf  den  Obersten  Kriegsherrn
  durch  die  Reitbahn.  Es  war  immer  ein  allgemeiner  großer
Freudentag  für  die  Mannschaften  des  Regiments  und  ein  Tag  besonderen
  Stolzes  für  meinen  alten  Haebringer.

Bei  allen  inneren  Angelegenheiten  des  Regiments  wurde  ich
vortrefflich  durch  den  langfährigen  Regimentsadjutanten  Leutnantk  v.
Stoesser  unterstützt.  Als  schwere  Krankheit  ihn  zum  Ausscheiden
zwang,  trat  Leutnant  v.  Chelius  an  seine  Stelle,  der  sich  schnell  zu
einem  erstklassigen  Regimentsadjutanten  entwickelte  und  eine  hervorragende
  Stellung  im  Offizierkorps  sich  erwarb.  Er  war  mir  eine  treue
Stütze  in  allen  großen  und  bleinen  Angelegenheiten  des  Dienstes.  Als
ich  mit  ihm  und  Haebringer  gemeinsam  die  für  den  Mobilmachungsbefehl
  für  das  Offizierkorps  vorgesehenen  Ausrüstungsgegenstände  zu
mustern  begann,  stellte  sich  heraus,  daß  außer  der  vorgeschriebenen
Anzahl  von  kleinen  Lederkoffern  nichts  vorhanden  war.  Nach  Aufstellung
  von  Listen,  in  denen  alle  für  einen  Kapallerieoffizier  im  Felde
nötigen  Ausrüstungsstücke  aufgezeichnet  waren,  wurden  die  Sachen
unmittelbar  bei  den  Fabriken  eingekauft  und  auf  der  Kammer  niedergelegt.
  Bei  etwaigem  Kriegsausbruch  fand  jeder  Offizier  alles  bis
zum  letzten  Bleistift  vorbereitet  und  war  jeglicher  Einkaufssorge  überhoben.
  Ferner  erfand  der  alte  Regimentssattler  Bernhard  eine  neue
Art  von  Packtaschen,  die  nach  der  Figur  des  Pferdes  geschuttten
214
        <pb n="234" />
        wurden,  diese  haben  sich  sehr  bewährt  und  wurden  auch  im  Königlichen
  Marstall  eingeführt.  Unter  der  Anleitung  einer  von  mir  aus
dlteren  Offizieren  eingesetzten  Kommission  konstruierte  der  alte  Bernhard
  schließlich  auch  als  Ersatz  für  den  entsetzlichen  Bocksattel  einen
neuen  Kavalleriesattel.  Dieser  fand  allgemeine  Anerkennung  und
wurde  als  „Armeesattel“  bei  der  ganzen  Kavallerie  eingeführt.
Im  Weltkrieg  trug  er  die  deutschen  Reiter  bis  vor  Paris  und  an
den  Don.
#

Ein  aus  der  Erkrankung  an  Masern  sich  entwickelndes  Ohrenleiden
  zwang  mich,  einige  Monate  des  Sommers  1886  zur  Kur  in
Reichenhall  zu  verbringen,  wodurch  ich  zu  meinem  großen  Schmerz
verhindert  war,  selbst  mein  Regiment  auszubilden.  Von  Reichenhall
wurde  ich,  wie  ich  weiter  unten  noch  ausführlich  schildern  werde,  zu
meinem  Großvater  nach  Gastein  befohlen  und  dann  nach  Brest-Litowse
entsandt.  Von  dort  aus  fuhr  ich  unmittelbar  nach  Straßburg,  um
meinem  Großvater  Bericht  zu  erstatten  und  wurde  darauf  für  die
Dauer  des  Kaisermanövers  zur  Kavalleriedivision  des  Grafen  Haeseler
kommandiert.  In  seinem  Stabe  erlebte  ich  die  herrlichsten  Reiter—
tage,  die  sich  ein  Kavallerist  nur  wünschen  kann.  Haeselers  Feuergeist
beseelte  auch  den  letzten  Reiter  seiner  Division.  Durch  überraschende
Umgehungen  und  überfallartige  Attacken  gelang  es  ihm  regelmäßig,
seinen  Gegner  zu  schlagen.  Am  letzten  Manövertage  gelangte  er
durch  einen  kühnen  Flankenmarsch  unter  Benutzung  vom  Gegner  unbesetzt
  gebliebener  Brücken  in  dessen  Rücken  und  eroberte  mittels  einer
glänzenden  Attacke  die  gesamte  gegnerische  Artillerie,  womit  er  allerdings
  dem  Manöver  ein  überraschendes  Ende  bereitete.  Mein  Bater
freute  sich  selbst  am  meisten,  als  er  unmittelbar  darauf  dem  Grafen
unter  Glückwünschen  für  den  gelungenen  Handstreich  den  bereitgehaltenen
  blauen  Brief,  der  seine  Beförderung  zum  Generalleutnant
enthielt,  überreichen  konnte.

215
        <pb n="235" />
        Der  folgende  Winter  wurde  mit  Kriegsspielen  und  Vorträgen
über  theoretische  Führerausbildung  nutzbringend  ausgefüllt.
*

Inzwischen  hatte  sich  die  erwähnte  Unionklub-Angelegenheit  zugespitzt,
  nachdem  ich  die  Bitte  des  Präsidenten,  des  Herzogs  von
Ratibor,  mein  Berbot  zurückzunehmen,  unbedingt  abgelehnt  hatte.
Die  betroffenen  Kreise  schürten  infolgedessen  überall  gegen  mich  und
ließen  nichts  unversucht.  Mein  Vater  und  meine  zum  Besuch  bei
meinem  Großvater  weilende  Tante  Luise  von  Baden,  die  beide  völlig
meine  Auffassung  teilten,  berichteten  mir  über  zahlreiche  Versuche
gewisser  hoher  Kreise,  meinen  Großvater  gegen  mich  einzunehmen.
Es  war  für  mich  eine  der  schmerzlichsten  Erfahrungen,  daß  diese
Bemühungen  eine  Zeitlang  nicht  ohne  Erfolg  blieben.  Unglücklicherweise
  hatte  mein  Großvater  sich  bestimmen  lassen,  das  Protektorat
über  den  Union-Klub  zu  übernehmen,  und  Albedpll,  der  in  dieser
Angelegenheit  nicht  auf  meiner  Seite  stand,  wollte  sich  nicht  dazu  verstehen,
  dem  Kaiser  dessen  Miederlegung  zu  empfehlen.  Das  komplizierte
natürlich  die  Angelegenheit  außerordentlich  und  bereitete  mir  schwere
Stunden,  aber  von  dem  als  Recht  erkannten  Wege  konnte  und  durfte
ich  nicht  abweschen*).  Schlkeßlich  endete  die  Sache  aber  durchaus
zur  Zufriedenheit.  6

Eines  Tages  befahl  mich  General  v.  Pape  zu  sich,  und  ich  erschien
  ordnungsgemäß  im  Dienstanzug.  Er,  gleichfalls  im  Dienstanzug,
  eröffnete  mir  unter  einem  gewissen  Augenzwinkern,  daß  er
den  Befehl  habe,  mich  wegen  meines  Vorgehens  in  der  Union-Klubsache
  zu  „reißen“.  Darauf  verlas  er  eine  an  ihn  gerichtete  Kabknettsorder,
  die  darin  gipfelte,  er  solle  mir  „anheimstellen’,  ob  es  nicht
praktischer  wäre,  mein  Verbot  der  Mitgliedschaft  und  des  Besuchs
des  Union-Klubs  durch  mein  Offizierkorps  zurückzunehmen.  Nach

*)  Bgl.  Anhang  Nr.  4.
216
        <pb n="236" />
        Verlesung  der  Order  fragte  Pape  mich,  was  ich,  nachdem  er  mich
befehlsgemäß  „gerissen'  habe,  zu  tun  gedächte.  Meine  Antwort  lautete:
da  es  mir  „anheimgestellt’  sei,  würde  ich  mein  Berbot  weiterhin  aufrecht
  erhalten,  bis  Seine  Masestät  der  Kaiser  mir  persönlich  die
Aufhebung  befehle  und  den  dadurch  seinerzeit  mir  in  Karlsruhe  gegebenen
  Befehl  aufhebe.  „Einverstanden“,  sagte  der  General  und
erklärte,  daß  ich  als  Regimentskommandeur  durchaus  das  Recht  und
die  Pflicht  hätte,  jedes  Lokal,  dessen  Besuch  ich  für  bedenklich  hielte,
zu  verbseten,  ebenso  auch  den  Union-Klub,  und  niemand  hätte  mir
in  dieser  Sache  dareinzureden.  Mehr  konnte  ich  nicht  verlangenmein
  Standpunkt  hatte  sich,  wenn  auch  nicht  formell,  so  doch  der
Sache  nach  durchgesegt.  Mein  Bater,  meine  Tante  Luise  und  manch
anderer  beglückwünschten  mich  voller  Freuden  zu  diesem  Erfolg.  WMein
Großvater  freilich  erwähnte  die  Angelegenheit  mir  gegenüber  nie  mehr,
und  mit  Albedyll  habe  ich  mich  erst  im  August  1880  während  unseres
  nächtlichen  Gesprächs  in  Salzburg,  auf  das  ich  noch  im  Zusammenhang
  zurückkomme,  ausgesöhnt.  Gleich  nach  meinem  Regierungsantritt
erließ  ich  einen  Befehl,  der  allgemein  den  Offizieren  die  Teilnahme  an
Spiel=  und  Luxusklubs  verbot.
3

Oberst  v.  Krosigk  hatte  unter  anderem  auch  großen  Wert  auf
das  Fußexerzieren  gelegt,  sowohl  mit  Karabinern  wie  mit  dem  Säbel,
um  die  Kavallerie  für  das  Gefecht  zu  Fuß  verwendbar  zu  machen.
Dieser  Dienstzweig  wurde  daher  mit  großem  Nachdruck  betrieben,
und  am  Ende  des  Winters  cxerzierte  ich  das  Regiment  zu  Fuß  ein.
Dann  erfolgte  die  Besichtigung  durch  General  v.  Pape  auf  dem
Lustgarten.  Das  Regiment  stand  in  Kinie  unter  präsentiertem  Karabiner,
  während  der  General  die  Front  abschritt.  Es  folgten  Griffe
mit  dem  Karabiner  und  dem  Sébel,  darauf  einige  Bewegungen  in
der  Marsch=  und  in  der  Regfmentskolonne  mit  Karabiner  im  Arm.
Ein  Parademarsch  in  Zügen  mit  Karabiner  im  Arm,  dann  in  Es-217
        <pb n="237" />
        kadronsfronten  mit  umgehängtem  Karabiner  und  angefaßtem  Säbel
bildete  den  Abschluß  der  Vorstellung,  die  unverkennbar  einen  günstigen
Eindruck  machte.  Mit  kurzen,  kernigen  Worten  sprach  der  Kommandierende
  dem  Regiment  seine  volle  Zufriedenheit  aus.  Zu  der  Besichtigung
  hatten  sich  übrigens  als  Zuschauer  und  „Sachverständige“
auch  viele  Kameraden  des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  eingefunden.
  Auch  sie  waren  von  der  Exaktheit  der  Bewegungen  und
Griffe  überrascht,  und  ein  älterer  Stabsoffizier  konnte  sich  nicht  enthalten,
  seine  „Kritik“  in  die  Worte  zu  fassen,  bei  den  Husaren  mit
ihren  knappen  Reitstiefeln,  eng  anliegenden  Reithosen  und  gutsitzenden
  Pelzen  sehe  der  Parademarsch  weit  eleganter  aus  als  bei  der
Infanterie!

*

Im  Frühjahr  1887  sollte  ich  das  Regiment  auf  dem  Bornstedter
Felde  meinem  Großvater  vorstellen.  Da  der  Kaiser  aber  an  diesem
Tage  verhindert  war,  nahm  in  seinem  Auftrage  der  Kommandierende
General  v.  Pape  die  Besichtigung  ab.  Bei  der  Frühfahrsparade
auf  dem  Lustgarten  ruhten  die  Augen  des  Allerhöchsten  Kriegsherrn
zum  letzten  Male  auf  dem  Garde-Husarenregiment,  sein  freundliches
Kopfnicken  drückte  seine  volle  Zufriedenheit  aus.

Der  Sommer  bot  verschiedentlich  Gelegenheit  zu  Ubungen  innerhalb
  des  Regimentes  sowie  zu  einer  zweitägigen  Alarmbereitschaft,
an  die  sich  eine  zweitägige  Ubung  im  Gelände  anschloß.  Durch  das
Entgegenkommen  der  Infanterteschießschule  bei  Spandau  war  es  mir
möglich,  die  Gefechtsausbildung  mit  dem  Karabiner  durch  ein  Scharfschießen
  im  Regiment  zu  erproben.  Es  gewährte  mir  hohe  Befriedigung,
  als  ich  das  zum  ersten  Male  wie  ein  Infanteriebataillon
zu  einer  Scharfschießübung  zusammengefaßte  Regiment  beim  Schießen
beobachten  konnte.  Die  Instruktion  auf  dem  Schießstand  und  die
eingehende  Ausbildung  zu  Fuß  mit  dem  Karabiner  hatten  gute
Früchte  getragen.  Denn  die  später  eingereichten  Treffresultate  be-218
        <pb n="238" />
        zeichnete  die  Schießschule  als  durchaus  zufriedenstellend  und  über  den
erwarteten  Durchschnitt  hinausgehend.

*

Im  Spätsommer  durfte  ich  meinem  Großvater  vor  Schloß  Babelsberg
  eine  von  mir  aus  England  beschaffte,  auf  einer  zweirädrigen
Protze  montierte  Kavalleriemitrailleuse  vorstellen,  die  Lord  Dundonald
erfunden  hatte,  sie  hieß  in  England  „Lalloping  machine  gun“.  Sie
wurde  von  zwei  Pferden  gezogen,  deren  eines  in  der  Gabeldeichsel
ging,  die  flach  nebeneinanderliegenden  zehn  Gewehrläufe  wurden
durch  einen  horizontal  beweglichen  Hebel  beim  Abfeuern  gleichzeitig
geschwenkt,  um  Streuung  herbeizuführen.  Bei  den  darauffolgenden
Manövern  hat  dies  „Lalloping  machine  gun“,  zu  welchem  Spandau
die  Platzpatronen  lieferte,  besonders  bei  Berteidigung  von  Stadtund
  Dorfeingängen  und  von  Knüppeldammdefileen  ausgezeichnete
Dienste  geleistet.  Ich  war  in  der  Lage,  das  Maschinengewehr  durch
eine  abgesessene  Schwadron  mit  Karabinern  zu  decken,  während  das
ganze  übrige  Regiment  aufgesessen  bereitstand,  in  den  durch  das
Feuer  gefesselten  Gegner  einzuhauen.  Auch  bei  den  Dinisionsmanövern,
  mit  denen  die  Ubungen  des  Gardekorps  abschlossen,  hat
das  Maschinengewehr  seine  Schuldigkeit  getan.

*

Nach  Abschluß  der  Divisionsmanöver  begab  ich  mich  am  12.  September
  auf  Befehl  meines  Großvaters  nach  Stettin,  um  für  die
Zeit  des  dortigen  Kaisermanövers  die  Führung  des  Grenadierregiments
  König  Friedrich  Wilhelm  IV.  (1.  Pommersches)  Nr.  2  zu
übernehmen.  Ich  trug  die  Uniform  des  Regiments  seit  Herbst  1800,
als  mein  Großvater  sie  mir  anläßlich  der  Barade  des  II.  Armeekorps
bei  Stargard  verliehen  hatte;  während  der  Jubiläumsfeier  des  Regiments
  im  Zahre  1877  hatte  ich  bereits  mit  einem  Grenadierzug  vor
meinem  Bater  defiliert.  Nun  wurde  mir  Gelegenheit,  dieses  schöne

219
        <pb n="239" />
        Regiment  meinem  Großtvater  bei  der  letzten  Heerschau,  die  er  abhalten
  sollte,  vorführen  zu  dürfen.

Während  der  Manövertage  konnte  ich  die  gute  moderne  Ausbildung
  und  Gefechtsdisziplin  der  pommerschen  Grenadiere  beobachten,
  die  das  Verdienst  des  Kommandierenden  Generals  v.  Dannenberg
  waren.  Zur  schnellen  Nachrichtenübermittelung  hielt  sich  der
Regimentsadjutant  (Leutnant  v.  Webern)  beim  Brigadekommandeur
auf,  während  die  drei  Bataillonsadjutanten  beim  Regimentskommandeur
  ritten,  die  Hauptleute  der  noch  nicht  in  vorderster  Linie  eingeseczten
  Kompagnien  hielten  sich  auf  halbem  Wege  zum  Bataillonskommandeur.
  Diese  Einrichtung  hatte  zur  Folge,  daß  die  von  oben
kommenden  Befehle  mit  großer  Schnelligkeit  an  die  Kompagniechefs
übermittelt  werden  konnten,  welche  diese  durch  verabredete  Winke  an
ihre  von  den  ältesten  Offizieren  kommandierten  Kompagnien  weitergaben.
  Das  Regiment  führte  alle  Bewegungen  mit  großer  Schnelligkeit
  und  lautlos  durch.  Es  hatte  also  trotz  des  alten  Reglements  eine

durchaus  moderne  Gefechtsausbildung,  ebenso  wie  das  XIII.  Armeekorps!


3##

Während  meiner  Regimentskommandeurzeit  habe  ich  mir  neben
der  praktischen  auch  die  theoretische  Führerausbildung  meiner  Offiziere
angelegen  sein  lassen.  Ich  war  für  diese  Aufgabe  von  Anfang  meiner
Dienstzeit  an  systematisch  vorgebildet  worden.  Durch  General  Bronsart
  v.  Schellendorff  wurde  ich  in  die  Aufgaben  eines  Truppen-Generalstabsoffiziers
  im  Frieden  wie  im  Kriege  eingeführt)  so  lernte  ich
auf  der  Karte  Manöver  anlegen  sowie  Truppen  unterbringen.  General
v.  Hahnke  lehrte  mich  bei  Aufstellung  von  Befehlen  und  Abfassen
von  Meldungen  den  Gebrauch  des  knappen  militärischen  Stils,  dabei
  hielt  er  mit  peinlicher  Gewissenhaftigkeit  darauf,  daß  Datum,
Journalnummer,  Anschrift  usw.  genau  auf  den  richtigen  Platz  gesetzt
wurden.  General  Graf  Waldersee  führte  mich  in  kleinen  Privat-220
        <pb n="240" />
        vorträgen  in  das  Wesen  des  Generalstabes,  seine  Bedeutung  für  das
Heer,  die  einzelnen  Fachgebiete,  in  die  Kenntnis  der  fremden  Heere
usw.  ein.  Durch  meinen  Adjutanten  Adolf  v.  Bülow,  der  Haupt—
mann  im  Generalstab  war,  erhielt  ich  in  jedem  Frühfahr  die  Schluß-=prüfungsaufgaben
  des  Großen  Generalstabs  zugestellt.  Ich  habe  diese
von  da  an  bis  zum  Ausbruch  des  Weltkrieges  ohne  Unterbrechung
mit  gelöst.  Auch  an  den  Kriegsspielen  des  Großen  Generalstabs,
bei  denen  die  Inspekteure  der  verschtedenen  Spezialwaffen  eingehende
Vorträge  hielten,  habe  ich  regelmäßig  teilgenommen.
3#

Ehe  ich  die  Schilderung  der  Ereignisse  meiner  Regimentskommandeurzeit
  abschließe,  möchte  ich  noch  kurz  den  Bau  des  Kasinogebäudes
  für  das  Garde-Husarenregiment  streifen.

Von  allen  Kavallerkeregimentern  in  Potsdam  war  das  Garde-Husarenregiment
  in  bezug  auf  die  Kasinordume  für  das  Offizierkorps
am  ungünstigsten  gestellt.  Es  besaß  nur  vier  mit  zerschlissenen  Möbeln
eingerichtete  kleine  Raume  im  Parterregeschoß  der  Kaserne.  Das  Eßzimmer
  war  so  unzureichend,  daß  es,  wenn  die  Verheirateten  mitaßen,
  kaum  für  das  Offtzierkorps  genügte.  Im  Sommer  herrschte
unerträgliche  Hitze  in  den  Räumen,  und  da  ein  Garten  fehlte,  gingen
die  Offiziere  meist  zu  den  anderen  Kavallerieregimentern,  die  Gärten
mit  Kegelbahnen  usw.  besaßen,  um  die  köstlichen  Botsdamer  Sommerabende
  im  Freien  verbringen  zu  können.  Ein  neues  Kasino  entsprach
  daher  einem  wirklichen  Bedürfnis,  so  daß  ich  mich  des  Bauprojektes
  mit  allem  Nachdruck  annahm.  Für  die  Ausführung  nahm
ich  den  angesehenen  Architekten  Hasenheper  in  Potsdam,  der  bereits
  für  meinen  Großvater  gearbeitet  hatte.  Nach  Uberwindung
zahlreicher  Schwierigkekten  sowie  starker  Berschwendung  von  Tinte
und  Papier  konnte  im  November  1886  auf  dem  früheren  Gardes  du
Corps-Reftplatz  die  Grundsteinlegung  erfolgen,  die  zu  meiner  Freude
von  mefnem  Vater  persönlich  vollzogen  wurde.  Das  Nichtfest  fand

221
        <pb n="241" />
        dann  sogar  unter  den  Augen  des  Obersten  Kriegsherrn  statt,  der
vom  Fenster  unseres  alten  Kasinos  aus  das  von  Hasenheyer  ausgebrachte
  dreimalige  Hurra  der  Maurer  und  Dachzimmerleute  entgegennahm.
  Zum  Frühstück  hatte  ich  eine  Menge  älterer  Gardehusaren
  eingeladen,  mit  denen  mein  Großvater  nun  in  der  freundlichsten
  Weise  Erinnerungen  an  die  alten  Zeiten  austauschte.

Für  die  Inneneinrichtung  des  Kasinos  nahm  ich  den  jungen  Baumeister,
  nachmaligen  Oberhofbaurat  Ihne,  der  die  Räume  geschmackvoll
  in  gotischem  Stil  gestaltete.  Meine  Großeltern  und  Eltern
schenkten  Wappenfenster,  verschiedene  andere  Fürstlichkeiten,  die  zum
Regiment  Beziehungen  pflegten,  in  ihm  gestanden  hatten  oder  noch
dienten,  Einrichtungsgegenstände,  Kronleuchter,  Teppiche  u.  a.  Sogar
der  zu  Besuch  in  Berlin  weilende  Brinz  von  Wales,  der  nachmalige
König  Eduard  VII.,  stiftete  für  das  Hauptversammlungszimmer  einen
Kamin,  auf  dem  sein  Namenszug  mit  den  bekannten  drei  Federn
noch  heute  prangt.  Biele  schöne  unvergeßliche  Stunden  voll  kameradschaftlichen
  Frohsinns  habe  ich  dort  im  Kreise  meiner  Offiziere  zugebracht
  und  manches  erinnerungsreiche  Alte  Herrenfest  verlebt.

#

Am  27.  Januar  1888  kam  der  bedeutungsvolle  blaue  Brief,  der
mich  unter  Entbindung  vom  Kommando  des  Garde-Husarenregiments
an  die  Spitze  der  2.  Garde-Infanteriebrigade  nach  Berlin  berief.
Schwer  war  das  Scheiden  aus  Potsdam  von  dem  mir  lieb  gewordenen
  Regiment,  das  mir  seine  Anhänglichkeit  in  rührender  Weise
zum  Ausdruck  brachte,  In  meinem  militkärischen  Leben  war  eine
Periode  angestrengter,  aber  auch  hochbefriedigender  und  lohnender
Arbeit  abgeschlossen.  Ich  konnte  das  Regiment  mit  gutem  Gewissen
meinem  Nachfolger  übergeben  in  dem  Gefühl:  es  ist  noch  in  derselben
  Verfassung  wie  unter  Oberst  v.  Krosigk.  Daß  ich  bei  meinem
Reglerungsantritt  das  Regiment  zum  Leibregiment  erhob,  wird  hiernach
  wohl  jedermann  verstehen.

222
        <pb n="242" />
        Als  ich  mich  bei  meinem  Großvater  zum  Generalmajor  befördert
und  zum  Kommandeur  der  2.  Garde-Infanteriebrigade  ernannt  meldete,
  drückte  er  mir  mit  anerkennenden  Worten  für  meine  Regimentsführung
  die  Hand  und  sprach  die  Hoffnung  aus,  daß  ich  mich  auch
in  die  größeren  Berhältnisse  einer  Brigade  bald  einarbeiten  werde.
Beim  Berlassen  der  Gemächer  meines  Großvaters  nahm  mich  General
v.  Albedpll  in  eine  Fensternische  beiseite  und  eröffnete  mir,  er  würde
es  vollkommen  verstehen,  wenn  mir  der  Antritt  des  neuen  Kommandos
  unbequem  wäre,  da  mir  eine  Wohnung  in  Berlin  nicht  zur
Verfügung  gestellt  werden  könnte,  allein  Seine  Majestät  habe  erklärt,
  daß  bei  der  dauernden  Abwesenheit  meines  erkrankten  Baters
er  mich  in  seiner  Nähe  zu  haben  wünsche.  Als  er  daraufhin  dem
Kaiser  die  2.  Garde-Infanteriebrigade  für  mich  vorgeschlagen  habe,
habe  der  Kaiser  erstaunt  ausgerufen:  „Aber  Albedpyll,  bedenken  Sie
doch,  bisher  hat  der  Junge  ein  Regiment  mit  etwa  zwanzig  bis
fünfundzwanzig  Offizieren  kommandiert,  nun  soll  er  mit  einemmal
drei  Regimenter  mit  drei  Regimentskommandeuren,  drei  Offizierkorps
  und  neun  Bataillonen  befehligen!  Das  ist  ja  ganz  unmöglich!“
  Albedpll  will  darauf  geantwortet  haben:  „Er  wird's  schon
machen!“,  worauf  mein  Großvater  seinen  Borschlag  genehmigt  habe.

In  meinen  neuen  Pflichtenkreis  suchte  ich  mich  so  schnell  wie  möglich
  einzuarbeiten.  Die  drei  Regimentskommandeure  waren  Oberst
v.  Collas  (2.  Garderegiment  zu  Fuß),  in  früherer  Zeit  Regimentsadfutant
  bei  General  v.  Pape,  Oberst  Freiherr  v.  Wilczek  (4.  Garderegiment
  zu  Fuß)  und  Oberst  Blecken  v.  Schmeling  (Garde-Füsilierregiment).
  Durch  häufige  Besuche  der  Offizierkorps  der  drei  Regimenter
  gewann  ich  beste  kameradschaftliche  Fühlung  mit  ihnen.  Kommandeure
  wie  Offiziere  haben  in  der  kurzen  Zeit,  in  der  ich  die
Brigade  führen  konnte,  mich  in  hingebender  Weise  unterstützt.  Ich
wohnte  den  Rekruten=  und  Kompagniebesichtigungen  bei  und  war
sockterhin  auch  während  der  Ausbildung  der  Bataillone  alle  Tage

223
        <pb n="243" />
        auf  dem  Kreuzberg.  Im  Frühfahr  konnte  ich  diese  besichtigen,  soweit
  sich  der  Kommandierende  General  die  Besichtigung  nicht  vorbehielt.
  Die  Strammheit  und  Exaktheit  beim  Exerzieren  waren  vorbildlich.

  n

Kaum  sechs  Wochen  nach  meiner  Ernennung  zum  General  schloß
mein  Großvater  die  müde  gewordenen  Augen  zum  ewigen  Schlafe.
Wie  sehr  mich  dieser  Verlust  nicht  nur  als  Enkel,  sondern  auch  als
Soldat  getroffen,  kann  ich  nicht  schildern.  Von  meiner  frühesten
Jugend  an  hatte  der  hohe  Herr  meine  milktärische  Entwicklung  mit
unendlicher  Liebe  und  Güte  verfolgt.  Alles  was  ich  geworden  bin,
war  sein  Werk.  Nun,  da  er  dahinging,  war  ich  meines  Vorbildes
und  Leiters  beraubt.

II.

In  einem  früheren  Kapitel  habe  ich  bereits  erzählt,  daß  ich  die
nachmalige  Kaiserin  als  Kind  in  Reinhardsbrunn  kennen  gelernt
und  mit  ihr  gespielt  habe.  Ich  erwähnte  auch,  daß  ihr  Vater,
Herzog  Friedrich  von  Schleswig-Holstein-Augustenburg,  seit  langen
Jahren  mit  meinem  Vater  befreundet  war,  sie  hatten  zusammen  im
Ersten  Garderegiment  zu  Fuß  gestanden  und,  wie  ich  glaube,  wohl
auch  zusammen  in  Bonn  studiert.  Er  war  ein  vornehmer,  liebenswürdiger
  Herr  und  hatte  ungefähr  die  Art  des  Großherzogs  von
Baden.  Die  Familie  war  oft  bei  uns  zu  Besuch,  ich  vermerkte  in
meiner  Darstellung  den  vom  Herbst  1878  und  trage  hier  den  meinigen
in  Gotha  einige  Monate  vorher  nach.  Im  April  1879  begab  ich
mich  nach  Görlig  zur  Auerhahnsagd  und  benutzte  die  Gelegenheit,
um  die  herzogliche  Familie  in  dem  unweit  gelegenen  Primkenau
aufzusuchen.  Bei  diesem  Besuch  wurde  mein  lange  im  siillen  gehegter
  Wunsch  in  mir  zum  festen  Entschluß.

Die  Wahl  meines  Herzens  stieß  nicht  nur  auf  keinen  Widerstand
bei  meinen  Eltern,  sondern  fand  deren  vollen  Beifall,  und  es  war
224
        <pb n="244" />
        Brinz  Wilhelm  von  Preußen  als  Bonner  „Borusse“.  1877

1

1717

1

"

1
L
L
        <pb n="245" />
        Prinz  Wilhelm  von  Preußen  mit  Gemahlin.  1881
        <pb n="246" />
        flir  mich  ein  unendlich  beglückendes  Gefühl,  in  dieser  Frage  ganz
mit  ihnen  zu  harmonieren.  So  konnte  ich  darangehen,  den  er—
sehnten  Bund  zu  schließen,  als  ein  harter  Schicksalsschlag  sich  der
öffentlichen  Verkündung  desselben  in  den  Weg  stellte:  am  14.  Januar
1880  starb  Herzog  Friedrich,  die  Berlobung  wurde  daher  am  14.  Februar
  nur  in  aller  Stille  begangen.  Erst  am  2.  Zuni  hat  mein
Großvater  das  Ereignis  in  Babelsberg  verkündigt.  Am  27.  Februar
des  folgenden  Jahres  trat  ich  mit  meiner  Braut  vor  den  Altar  des
Herrn.

Ich  war  damals  als  Hauptmann  zur  Leibkompagnie  kommandiert,
es  ist  daher  angebracht,  des  bedeutungsvollen  Ereignisses  vornehmlich
  unter  diesem  Gesichtspunkt  zu  gedenken.  Am  Tage  vor  meiner
Hochzeit  durfte  ich  die  Kompagnie  durch  das  Brandenburger  Tor  die
Linden  entlang  nach  dem  Schloß  führen,  überall  von  der  Menge,
die  den  Einzug  der  Prinzessin  Auguste  Bikkoria  erwartete,  freundlich
begrüßt.  Im  Schloßhof  erwiesen  wir  als  Ehrenwache  der  eintreffenden
  Prinzessin  die  Honneurs.  Mein  seliger  Bater,  der  meine  Braut
beim  Aussteigen  aus  dem  Wagen  empfing,  reichte  ihr  den  Arm  und
führte  sie  an  der  Front  meiner  Grenadiere,  die  wie  die  Bildsäulen
unter  präsentiertem  Gewehr  standen,  entlang  und  stellte  sie  ihnen  als
ihre  zukünftige  Kompagniemutter  vor.  Am  nächsten  Tage  fand  die
feierliche  Bermählung  statt.  Ich  behielt  des  Dienstes  wegen  meine
Wohnung  im  Stadtschloß  zu  Potsdam  zunächst  bei,  dann  siedelten
wir  in  das  Marmorpalais  über.  Im  Kreise  einer  zahlreichen,  gesund
  heranwachsenden  Kinderschar  erblühte  uns  das  schönste  Familienglück.
  .

Was  die  verewigte  Kaiserin  mir  als  Lebensgefährtin  und  meinem
Volke  als  Landesmutter  in  vier  Jahrzehnten,  in  guten  und  bösen
Tagen,  gewesen  ist,  steht  unauslöschlich  in  meinem  Herzen  eingegraben.
Die  Sprache  ist  zu  arm,  um  der  Dankbarkeit  und  Verehrung  Ausdruck
  zu  geben,  die  ich  der  Berewigten  schulde.  Sie  hat  wahrlich

15  Aus  meinem  Leben  225
        <pb n="247" />
        nach  dem  Bibelwort  getan,  was  sie  konnte,  und  am  Ende  ihr  Leben
dahingegeben  um  meinetwillen.  In  der  Erinnerung  des  deutschen
Volkes  wird  ihrem  Bilde  ein  Ehrenplatz  geweiht  sein  neben  sener
anderen  Fürstin  meines  Hauses,  der  auch  das  Unglück  ihres  Baterlandes
  das  Herz  gebrochen  hat.  Zu  dem  Grab  in  deutscher  Erde
gehen  oft  meine  Gedanken,  das  selbst  mit  einer  Blume  zu  schmücken
mir  verwehrt  ist.

III.

Mein  persönlicher  Verkehr  in  den  80er  Jahren  setzte  im  Grunde
den  Umgang  mit  früheren  Freunden  und  Bekannten  fort,  so  z.  B.
mit  Professor  Werder,  über  den  ich  ausführlich  gesprochen  habe.  Von
einem  eignen  Kreis,  wie  man  wohl  zu  sagen  pflegt,  kann  ich  nicht
sprechen,  die  großen  Anforderungen,  die  der  militärische  Dienst  an
meine  Zeit  und  meine  Kräfte  stellte,  ließen  mir  auch  wenig  Freiheit.
Gleichwohl  sind  mir  in  jenen  Jahren  einige  Männer  näher  getreten,
die  hier  im  Fortgang  meiner  Jugendgeschichte  nicht  übergangen  werden
dürfen.  Wenn  ich  von  diesen  im  folgenden  kleine  Charakterbilder
entwerfe  und  die  Art  meiner  Beziehungen  zu  ihnen  schildere,  so  will
ich  mich  bemühen,  sie  so  zu  zeichnen,  wie  ich  sie  damals  gesehen  habe,
und  spätere  Erfahrungen  nicht  in  jene  Zeit  hineinverlegen.  Es  liegt
mir  auch  fern,  Porträts  in  der  Art  entwerfen  zu  wollen,  wie  es
wohl  ein  Historiker  tun  würde,  der  alles  schriftliche  und  gedruckte
Materkal,  das  ihm  erreichbar  ist,  heranzieht.  Solche  Quellen  lasse
ich  hier  bewußt  beiseite  und  will  mich  auch  bemühen,  ihre  Kenntnis,

soweit  sie  meine  Person  betreffen,  nicht  auf  meine  Beurteklung  abfärben
  zu  lassen.  „

Als  ich  Graf  Philipp  Eulenburg-Hertefeld  kennen  lernte,  stand
er  im  diplomatischen  Dienst  und  war  der  Gesandtschaft  in  München
attachiert.  Sein  damaliger  Vorgesetzter  Graf  Werthern-Beschlingen
machte  mich  gelegentlich  eines  Gesprächs  über  nordische  Heldensagen

220  #
        <pb n="248" />
        und  Atlantis  auf  ihn  aufmerksam,  er  habe  auch  große  musikalische
Begabung  und  könne  seine  in  nordischem  Stil  gedichteten  und  komponierten
  Balladen  ausgezeichnet  vortragen.  Aus  seiner  Fähnrichszeit
  beim  Regiment  der  Gardes  du  Corps  war  Eulenburg  befreundet
u.  a.  mit  dem  Oberst  v.  Kalckstein,  General  v.  Kessel  vom  Ersten
Garderegiment  zu  Fuß,  mit  General  v.  Moltke  aus  demselben  Regiment
  und  mit  dem  Grafen,  späteren  Fürsten  Richard  zu  Dohna-Schlobitten
  vom  Regiment  der  Gardes  du  Corps,  alles  Herren,  mit
denen  auch  ich  in  näherem  Verkehr  stand,  sie  alle  schätzten  Eulenburg
sehr  hoch.  Auch  Fürst  Bismarck  hatte  den  „nordischen  Barden  Phili“
sehr  gern,  und  die  Fürstin  pflegte  seinen  Balladen  mit  großer  Andacht
  zu  lauschen.

Als  ich  im  Sommer  1886  mit  meiner  Frau  zur  Kur  in  Reichenhall
  weilte,  war  Eulenburg  eine  Zeitlang  bei  uns  zu  Besuch  und
erfreute  uns  des  Abends  durch  Klavierspiel  und  Borträge  seiner
Balladen  eine  der  schönsten,  die  den  Untergang  von  Atlantis  besingt,
wurde  mein  Lieblingsstück.  Er  war  gleich  mir  ein  großer  Naturschwärmer,
  und  auf  langen  Spaziergängen  in  der  schönen  Umgebung
von  Neichenhall  haben  meine  Frau  und  ich  anregende  Unterhaltungen
über  Kunst,  Musik  und  Literatur  mit  ihm  führen  können,  besonders
bewandert  zeigte  er  sich  in  der  italfenischen  Renaissancce.  Er  war
auch  mit  vielen  namhaften  Künstlern  in  München  bekannt  oder  befreundet
  und  wußte  interessant  aus  ihrem  Leben  und  von  ihren  Arbeiten
zu  erzäahlen.  Als  Diplomat  besaß  er  ein  gesundes  Urteil  über  die
politischen  Aufgaben  und  Ziele  Deutschlands,  das  mit  dem  meinen,
soweit  ich  mir  ein  solches  bereits  hatte  bilden  können,  weitgehend
tbereinstimmte.  Ausgezeichnet  war  Eulenburg  durch  sein  Erzählertalenk.
  Er  gehörte  zu  den  glücklichen  Leuten,  denen  stets,  vornehmlich
auf  Reisen,  etwas  Komisches  zustößt,  und  die  das  auch  in  geeigneter
Form  darzustellen  verstehen.  So  erregten  seine  humorvollen,  oft
mit  feiner  Selbstironie  gewürzten  Schilderungen  immer  allgemeine

15*  227
        <pb n="249" />
        Heiterkeit.  Von  Reichenhall  aus  begleitete  mich  Eulenburg  damals
auch  zu  den  Festspielen  nach  Bayreuth,  da  er  ein  begeisterter  Wagneranhänger
  und  guter  Bekannter  der  Familie  Wagner  war.  Seiner
Vermittlung  danke  ich  es,  daß  ich  das  Haus  und  das  Grab  Wagners
besuchen  sowie  seine  Familie  kennen  lernen  konnte.  Des  Abends
lauschten  wir  gemeinsam  den  Aufführungen  von  „Tristan  und  Isolde“
und  vor  allem  des  „Parsifal“,  der  einen  überwältigenden  Eindruck
auf  mich  machte.

Eulenburg  brachte  mich  auch  in  das  Atelier  des  kurz  zuvor  verstorbenen
  Malers  v.  Piloty,  wo  ich  das  prachtvolle,  im  Auftrage
des  preußischen  Kultusministeriums  gemalte  Bild  „Der  sterbende
Alexander"“  in  Augenschein  nehmen  konnte.  Bei  dieser  Gelegenheit
erfuhr  ich  zu  meinem  Erstaunen,  daß,  da  der  Kopf  des  Königs  nicht
vollendet  war,  die  Nationalgalerie  die  Annahme  des  Bildes  zu  verweigern
  beabsichtige,  wenn  es  nicht  durch  einen  anderen  Künstler  noch
„fertiggemalt"  werde.  Piloty  war  vor  diesem  Bilde  vom  Tode
überrascht  und  so  an  der  Vollendung  gehindert  worden,  es  war  daber
  meiner  Meinung  nach  eine  Pflicht  der  Pietät,  das  im  übrigen
fertige  Bild  zu  übernehmen,  ohne  es  von  einem  anderen  Künstler
„weitermalen“  zu  lassen.  Ich  ließ  an  meinen  Bater,  der  Protektor
der  Königlichen  Museen  und  Galerien  war,  eine  Meldung  abgehen,
in  der  ich  den  nachhaltigen  Eindruck  schilderte,  den  das  Bild  auf
mich  gemacht  hatte,  und  bat  ihn,  sich  des  Gemäldes  anzunehmen.
Dem  energischen  Eingreifen  meines  Baters  ist  denn  auch  der  Besis
dieses  schönen  Kunstwerkes  zuzuschreiben.

Ich  verdanke  Eulenburg  vieles,  was  Kunst,  Wissenschaft  und
Literatur,  auch  die  Pflege  schöner  Geselligkeit  betrifft.  Wenn  er  in
unser  Botsdamer  Heim  trat,  war  es  stets,  als  flute  Sonnenschein
in  den  Alltag.  Der  Freund,  der  er  mir  damals  war,  ist  er  Jahrzehnte
  hindurch  in  Treue  geblieben.  Was  an  den  Anklagen  verschledenster
  Art  ist,  die  gegen  ihn  erhoben  werden,  darüber  wird

228
        <pb n="250" />
        dereinst  die  Geschichte  ihr  Urteil  fällen.  Ich  meinerseits  werde  ihm
stets  ein  dankbares  Andenken  bewahren.
#

Des  Generals  v.  Bersen,  von  dem  ich  bereits  fn  anderem  Zusammenhang
  kurz  gesprochen  habe,  muß  ich  an  dieser  Stelle  ausführlicher
  gedenken.  Mein  späterer  Generaladjutant  hatte  sich  in  der
preußischen  Reiterei  einen  Namen  gemacht  als  Kommandeur  des
12.  Husarenregiments,  nachdem  er  sich  bereits  als  Generalstabsoffizier
in  den  Kriegen  von  1866  und  1870  bewährt,  dazwischen  auch  einen
Feldzug  im  Auslande  mitgemacht  hatte.  Daraufhin  erhielt  er  die
Garde-Kavalleriebrigade,  der  auch  die  Gardehusaren  angehörten.  Klein,
schmächtig,  eine  beinahe  zierliche  Gestalt,  mit  einem  scharfgeschnittenen,
pockennarbigen  Gesicht,  war  er  ein  verwegener  Reiter,  den  ein  wahrer
Feuergeist  für  seine  Waffe  beseelte.  Die  Pocken  hatte  er  sich  in
Südamerika  während  des  Krieges  zwischen  Brasilien-Argentinien-Uruguay
  einerseits  und  Baraguay  anderseits  geholt,  ohne  Pflege  und
unter  furchtbaren  Strapazen  entkam  er  damals  nur  mit  knapper
Not  der  tödlichen  Krankheit  wie  den  Henkern  des  Bräsidenten  Lopez.
In  seinen  Außerungen  war  er  kurz,  klar  und  bestimmt,  streng  gegen
sich  selbst,  war  er  auch  streng  gegen  seine  Untergebenen  und  stellte
die  höchsten  Anforderungen  an  uns.  Aber  ein  jeder  von  uns  wußte,
daß,  wenn  ihm  ein  Unrecht  geschehen  war,  er  sich  rückhaltlos  für  ihn
einsetzte.  Alles  in  allem  war  er  ein  Edelmann  vom  Scheitel  bis  zur
Sohle,  für  den  wir  alle,  Offlziere,  Unteroffiziere  und  Mannschaften,
durch  das  Feuer  gingen.

Reiten  konnte  seine  Brigade  wie  damals  keine  andere  in  der
Gardekavallerie!  Er  ließ  für  das  Springen  der  Schwadronen  Hindernisse
  bauen,  die  nach  den  damaligen  Begriffen  recht  schwer  waren:
einen  hohen  Kletterwall,  einen  tiefen  Klettergraben,  in  dem,  wenn
ihn  Regen  ausgefüllt  hatte,  die  Bferde  bis  zum  Hals  und  die  Reiter
bis  zum  Gürtel  verschwanden,  eine  ziemlich  hohe  Mauer  sowie  eine

229
        <pb n="251" />
        Hürde,  und  alle  Hindernisse  wurden  in  Schwadronsfrontbreite  angelegt.
  Sobald  wir  im  Frühfahr  auf  das  Feld  hinauskamen  und
mit  Zug=  und  Eskadronsausbildung  begannen,  wurden  die  Pferde
erst  einzeln,  dann  glieder=  und  schließlich  eskadronsweise  im  Nehmen
dieser  Hindernisse  geübt.

Jeden  Morgen  erschien  der  General  auf  dem  Felde  und  machte
mit  seinen  drei  Regimentskommandeuren  einen  zweimaligen  900=Schritt-Galopp
  um  das  ganze  Bornstedter  Feld  herum,  was  von  uns
„die  Rundreise“  genannt  wurde.  Hierbei  pflegte  er  sich  eifrig  mit
uns  über  dienstliche  Angelegenhekten  zu  unterhalten,  „da  die  Uberwindung
  des  Geländes  Sache  des  Pferdes  sei  und  der  auf  ihm
sitzende  Reiter  seinen  Kopf  mit  anderen  Dingen  beschäftigen,  auch
durch  Sprechen  die  Lunge  trainieren  müsse“.  Beim  Anreiten  gegen
die  Hindernisse  verlangte  er  eine  kurze  Meldung,  wobei  die  Rechte
zu  militärischem  Gruß  an  die  Mütze  geführt  werden  mußte.  Er
zwang  uns  dadurch,  beim  Sprung  die  Zügel  mit  einer  Hand  zu
führen,  dem  Pferde  volle  Frekheit  zu  gewähren  statt  sie  ins  Maul
zu  reißen.  Auf  diese  Weise  bewahrte  er  uns  vor  dem  Schicksal  so
mancher  Kavalleristen,  das  Rosenberg  mir  gegenüber  einmal  in  den
prägnanten  Ausdruck  faßte:  „Biele  Kavalleristen  können  nur  im
Schritt,  einige  noch  im  Trabe  denken,  aber  im  Galopp  zu  denken
ist  nur  wenigen  gegeben.“  Das  letztere  hat  uns  Versen  gründlich
beigebracht!

Versen  war  mit  einer  liebenswürdigen  Amerkkanerin  verheiratet,
die  ihn  in  reizender  Weise  bei  der  Erfüllung  seiner  gesellschaftlichen
Pflichten  unterstützte,  gastfreundlich  stand  ihr  Haus  allen  Offizieren
der  Brigade  offen.  In  dem  von  ihm  hübsch  ausgebauten  Souterrain
seines  Hauses  veranstaltete  er  lustige  Brigade-Bierabende,  wo  alle
Chargen  bunt  durcheinander  saßen  und  bei  schdumendem  Bier  Anekdoten
  aus  threm  dienstlichen  Leben  zum  besten  gaben  oder  Gespräche
über  Fragen  der  Kavallerke  führten,  diesen  Raum  nannte  der  Kamergd

230
        <pb n="252" />
        kurzweg  den  „Tunnel“.  Ein  entfernter  Vetter  Frau  v.  Versens  war
der  berühmte  amerikanische  Humorist  Mark  Twain,  den  ich  einmal
bei  einer  solchen  Gelegenheit  im  Tunnel  kennen  lernte.  Zu  unserm
Erstaunen  sollten  wir  aber  erfahren,  daß  große  Humoristen  im  persönlichen
  Leben  wenig  von  ihrem  literarischen  Charakter  erkennen  lassen.

General  v.  Bersen  hat  mir  in  jenen  Jahren  sehr  nahe  gestanden.
Im  Kampfe  gegen  den  Union-Klub  z.  B.  hat  er  mich  nachhaltig  unterstützt
  und  darin  Hand  in  Hand  mit  dem  Kommandierenden  General
v.  Pape  gearbeitet.  Als  das  Leiden  meines  Vaters  mit  der  Aussicht
  auf  den  unvermeidlich  tragischen  Ausgang  mich  tief  bedrückte,
hat  er  mich  oft  getröstet  und  mir  Mut  zugesprochen.  Er  stand  mir
auch,  als  die  Entscheidung  heranrückte,  mit  seiner  ausgedehnten  Personalkenntnis
  beratend  zur  Seite,  um  mir  zu  helfen,  mein  späteres
Hauptquartier  zusammenzustellen.  Sein  Urteil  ist  in  jeder  Beziehung
gerechtfertigt  worden.  Ich  habe  ihn  mein  Leben  lang  hoch  verehrt
und  als  treuen  Freund  und  Berater  geschätzt.

B#

General  Graf  Waldersee  war  Generalquartiermeister  im  Großen
Generalstab  und  damit  die  rechte  Hand  des  Feldmarschalls  v.  Moltke,
als  ich  in  nähere  Beziehungen  zu  ihm  trat.  Er  war  verheiratet
mit  einer  Amerikanerin,  einer  liebenswürdigen  und  spmpathischen,  von
tiefer  Religiosität  erfüllten  Frau,  die  mit  meiner  Gemahlin  befreundet
wurde.  Ich  habe  in  meinen  freien  Stunden  oft  und  gern  in  ihrem
Hause  geweilt.  Daß  der  General  mich  in  das  Wesen  des  Generalstabs
  eingeführt  hat,  habe  ich  bereits  erwähnt.  Auch  an  dem  großen
Generalstabskriegsspiel,  das  in  den  Räumen  der  Kriegsakademie
unter  seiner  Lektung  stattfand,  habe  ich  keilnehmen  können,  wobei  es
eine  Freude  war,  seinen  glänzenden  Besprechungen  zu  lauschen.

Seine  Aufgaben  für  die  Schlußprüfungen  des  Generalstabs,  die
sch  ebenfalls  mit  bearbeiten  durfte,  stellten  die  Offiziere  vor  interessante
militärische  Fragen  und  führten  stets  dazu,  die  Lösung  durch  den  Blick

231
        <pb n="253" />
        in  größere  Verhältnisse  zu  suchen.  So  hat  er  z.  B.  zuerst  uns  in  den
Aufgaben  darauf  hingewiesen,  statt  der  Fußmärsche  Eisenbahntransporte
  zum  Vorwerfen  oder  Berschieben  der  Truppen  zu  benutzen.
Andererseits  ze  igte  er  uns  auch,  daß  ungewöhnliche  Entschlüsse  zur
Erfüllung  eines  gegebenen  höheren  Befehls  zuweilen  durchaus  vonnöten
  sind.  Die  Relation  der  Korps=  und  Divisionsbefehle  wurde
genau  verfolgt  und  kritisiert.  Ich  entsinne  mich  noch  des  vergnügten
Lächelns  des  Grafen,  als  er  mir  von  der  Lösung  eines  baye—
rischen  Offiziers  erzählte,  der  die  verlangte  „sofortige“  Verfolgung  des
Gegners  in  seinem  Korpsbefehl  mit  der  „sofortigen“  Heranzlehung
des  Verpflegungstransports  begonnen  hatte!  Bei  einem  von  Waldersee
  geleiteten  Generalstabsritt  in  der  Gegend  von  Baruth,  den  ich
mitmachte,  konnte  ich  den  erstaunlichen  Ortentierungssinn  und  das
hervorragende  Gedächtnis  des  Generals  bewundern.  Während  wir
alle  uns  nach  unseren  Karten  im  Gelände  zurechtzufinden  suchten,
sah  man  niemals  eine  in  seiner  Hand,  er  hatte  sie  vor  dem  Ausreiten
  so  studlert,  daß  er  sich  das  Gelände  unverlierbar  fest  eingeprägt
hatte.  Er  verlangte  bei  den  Ritten  Außerordentliches  von  uns  und
schonte  weder  Roß  noch  Reiter.  Dafür  war  er  abends  wiederum
der  Führer  in  kameradschaftlicher,  fröhlicher  Geselligkeit.

Waldersee  war  ein  feiner,  welkgewandter  und  vielseitig  gebildeter,
geistvoller  Mann,  dessen  Unterhaltung  stets  ungemein  interessant  und
anregend  war  und  dem  ich  nicht  nur  in  militärischer  Beziehung  viel
verdanke.  Er  erwies  sich  auf  allen  erdenklichen  Gebketen  zu  Hause,
und  da  er  gut  englisch  und  französisch  verstand,  war  ihm  auch  die
Literatur  dieser  beiden  Länder  geläufig.  Voller  Tatenlust  und  Grische,
ausgezeichnet  durch  Klugheit,  schnelle  Auffassungsgabe  und  ein  unfehlbares
  Gedächtnis,  war  er  eine  sieghafte  Persönlichkeit,  der  das  Glück
sich  an  die  Fersen  zu  heften  schien.  Ich  hielt  ihn  auch  für  unbedingt
zuverlässig  und  mir  treu  ergeben,  Worte  und  Taten  schienen  jeden  Tag
von  neuem  meine  Meinung  zu  bestätigen.  Was  er  des  Abends  an

232
        <pb n="254" />
        frommen  und  anderen  Bemerkungen  in  sein  Tagebuch  eintrug,  konnte
ich  damals  freilich  nicht  wissen.
*

Den  nachmaligen  General  à  la  suite  v.  Chelkus  lernte  ich  bei
einem  Divisionsmanöver  der  1.  Gardedivision  in  der  Mark  kennen.
Mein  Regimentskommandeur  Oberst  v.  Lindequist,  unter  dem  ich
damals  das  I.  Bataillon  des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  führte,
hatte  mir  eine  Einladung  seiner  Quartierswirte,  Herrn  und  Frau
v.  Bodenhausen,  übermittelt.  Bei  diesen  liebenswürdigen  Menschen
traf  ich  unter  den  Gästen  auch  Leutnant  v.  Chelius  von  den  Garde-Husaren.
  Nach  Cisch  setzte  er  sich  ans  Klavier,  und  ich  wurde
zum  erstenmal  in  meinem  Leben  Zeuge  seiner  musikalischen  Begabung,
  seines  großen  technischen  Könnens  und  seines  umfangreichen
musikalischen  Gedächtnisses,  vermöge  dessen  er  alle  gewünschten  Musikwerke
  sofort  ohne  Noten  spielen  konnte.  Er  komponierte  auch,  doch
waren  seine  Leistungen  auf  diesem  Gebiet  nicht  sehr  bedeutend,  vielleicht
  lag  es  daran,  daß  er  zuviel  Wagnermotive  im  Kopf  hatte.
Denn  er  war  ein  begeisterter  Wagner-Anhänger  und  als  solcher  einer
der  Begründer  des  Berlin-Botsdamer  Wagner-Bereins,  dem  auch
meine  Frau  und  ich  beitraten.  Die  von  ihm  in  den  Räumen  der
Kriegsakademie  für  diesen  Verein  veranstalteten  Wagner-Konzerte
waren  ausgezeichnet.  Er  besaß  eine  weitreichende  Kenntnis  der  Theaterwelt
  und  wußte  über  die  namhaften  Sänger  und  Sängerinnen  sowie
Kapellmeister  Bescheid.  Er  ist  viele  Abende  bei  uns  als  gern  gesehener
Gast  im  Hause  gewesen  und  hat  uns  oftmals  durch  sein  wundervolles
Spiel  erbaut.

Bef  alledem  war  Chelius  ein  bescheidener  Mann,  ein  vortrefflicher
Offizier  und  von  einem  für  seine  Jahre  ungewöhnlich  gereiften  Charakter,
  der  seinem  Auftreten  Ernst  und  Sicherheit  verlieh.  Dazu  kamen
unbedingte  Zuverlässigkeit  und  goldene  Treue,  man  konnte  auf  ihn
wie  auf  einen  Felsen  bauen.  Als  bewährter  Regiments-Adfutant

233
        <pb n="255" />
        wurde  er  mein  Freund  und  ist  es,  nachdem  er  später  in  meine  Dienste
übergetreten  war,  durch  allen  Wandel  der  Zeiten  hindurch  unverändert
  geblieben.

Ganz  ausgezeichnet  sprach  Chelius  italienisch,  und  so  war  er
mir  auf  meinen  italienischen  Reisen  von  unschätzbarem  Wert  im  Verkehr
  mit  den  Herren  und  Damen  der  Gesellschaft  wie  mit  den  italienischen
  Behörden,  den  er  mit  feinem  Taktgefühl  zu  vermitteln  verstand.
  Auch  hatte  er  ein  großes  Talent  zum  Vorlesen,  und  es  gewährte
meiner  Frau,  mir  und  den  Reisegefährten,  die  mit  uns  an  Bord
meiner  Bacht  „Hohenzollern“  an  Italiens  und  Siziliens  Küsten  entlang
  fuhren,  einen  hohen  Genuß,  wenn  er  uns  die  herrlichen  „Wanderfahre
  in  Italien“  von  Gregorovius  vorlas.  Eine  große  Freude  konnte
ich  dem  begeisterten  Liebhaber  Italiens  und  gläubigen  Katholiken  bereiten,
  als  ich  ihn  dem  Generaladjutanten  v.  Los  für  dessen  Reise  an
den  Batikan  attachierte  und  als  ich  ihn  später  zum  Militärattaché
in  Rom  ernannte,  dort  erfreute  er  sich  allgemeiner  Beliebtheit  und  hat
sich  eine  vorkreffliche  Stellung  zu  schaffen  gewußt.

Seine  Frau  war  eine  Tochter  des  Ministers  v.  Buttkamer.  Sie
ist  1923  fm  Königssee  verunglückt.  Drei  Wochen  später  ist  er  ihr
im  Tode  gefolgkt.  Sein  Hinscheiden  riß  eine  tiefe  Lücke  in  den  Kreis
meiner  Getreuen,  die  nie  wieder  ausgefüllt  werden  kann.

r

Unter  den  Offizieren,  die  in  dem  von  meiner  Mutter  während
des  Krieges  von  1870  in  ihrem  Berliner  Palais  eingerichteten
Lazarett  lagen,  befand  sich  auch  der  Premierleutnant  v.  Kessel  vom
Ersten  Garderegiment  zu  Fuß,  er  hatte  bei  St.  Privat  einen  Schuß
in  den  Arm  erhalten.  Ich  brachte  ihm  damals  oft  im  Auftrag  meiner
Mutter  Bücher  zum  Lesen  oder  übermittelte  ihm  Bestellungen.  Sein
freundliches,  humorvolles  Wesen  gewann  ihm  schon  damals  unser
aller  Herzen.  Als  in  späterer  Zeit  ihn  mein  Bater  zu  seinem  persönlichen
  Adjutanten  wählte,  erwarb  er  sich  in  so  hohem  Maße  das

234
        <pb n="256" />
        Vertrauen  seines  Herrn,  daß  dieser  ihn  mit  der  Verwaltung  seiner
privaten  Gelder  betraute.

Auf  einem  anderen  Gebiete  hat  Kessel  meinen  Eltern  vielleicht
unschätzbare  Dienste  geleistet.  Die  Beziehungen  zwischen  meinen
Eltern  und  dem  Reichskanzler  gestalteten  sich  nicht  immer  reibungslos.
  Da  nun  Kessel  ein  Better  des  Fürsten  und  im  Hause  Bismarck
  gern  gesehen  war,  so  hat  er  es  durch  moralischen  Mut  und
feinen  Takt  trefflich  verstanden,  Reibungen  auszugleichen.  Er  hat
auch  in  den  schweren  neunundneunzig  Tagen  sich  nach  Kräften  bemüht,
  die  nach  allen  Seiten  hin  schwierige  Situation  zu  erleichtern.

Als  ich  im  Jahre  1877  zum  aktiven  Frontdienst  beim  Ersten
Garderegiment  zu  Fuß  eintrat,  stand  Kessel  auch  bei  der  6.  Kompagnie,
  wo  er  sich  meiner  in  der  kameradschaftlichsten  Weise  annahm.
So  gab  er  mir  Anweisungen  für  den  Dienst,  besonders  für  den
Verkehr  mit  den  Mannschaften  und  die  Art  und  Weise  zu  instruieren,
  er  ging  auch  das  Reglement  mit  mir  durch  und  orientierte  mich
schließlich  über  die  Offiziere  der  6.  Kompagnie  und  des  II.  Bataillons
sowie  über  meine  Altersgenossen  im  Offizierkorps.  Kessel  war  eine
allsektig  beliebte  Bersönlichkeit  und  wurde  ganz  besonders  von  uns
Leutnants  als  ein  „Vertrauensmann“  im  besten  Sinne  des  Wortes
verehrt.

Meine  ganze  Dsensizeft  habe  ich  mit  ihm  gemeinsam  beim  Regiment
  verbracht  und  mich  oft  an  seiner  unverwüstlichen  guten  Laune,
an  seinen  Erzählungen  aus  Krieg  und  Frieden  erfrischen  können.
Aber  auch  in  der  schönen  Literatur  war  er  gut  bewandert  und  besaß
zudem  ein  hübsches  Zeichentalent,  das  ihn  befähigte,  ansprechende
Aquarelle  von  schönen  Landschaften  und  interessanten  Gebäuden  zu
entwerfen.

Nach  dem  Tode  meines  Baters  trat  Kessel  in  meine  Dienste.
Er  ist  mir  sein  Leben  lang  ein  treuer  Freund  und  Berater  gewesen,
bis  er  im  Kriege  als  Gouverneur  von  Berlin  und  Oberkomman-235
        <pb n="257" />
        dierender  in  den  Marken  seine  Augen  schloß.  Wäre  er  am  Leben
geblieben,  so  hätte  der  9.  November  wohl  einen  anderen  Verlauf
genommen.  An  diesem  Tage  hat  der  treue  Mann  gefehlt.

m

General  v.  Hahnke  ist  der  letzte  Militär,  dessen  ich  in  diesem
Zusammenhang  zu  gedenken  habe.  Im  Kriege  1870/71  war  der
damalige  Masor  dem  Stabe  meines  Vaters  attachiert.  Er  war  es,
der  von  seinem  Ordonnanzritt  während  der  Schlacht  bei  Sedan,  bei
dem  er  durch  einen  Granatsplitter  am  Kopf  verwundet  wurde,  meinem
Vater  die  Meldung  brachte,  daß  der  Ring  um  das  französische  Heer
geschlossen  sei.  Diesen  Augenblick  hat  mein  Bater  durch  den  bei
ihm  weilenden  Kriegsmaler  Bleibtreu  auf  einem  bekannten  Bilde  festhalten
  lassen.  Man  sieht  auf  ihm  Mafor  v.  Hahnke,  den  Kopf  mit
einem  Tuch  verbunden,  sein  Pferd  am  Zügel,  den  stellen  Hang  zur
Höhe  emporsteigen  und,  mit  der  Hand  an  der  Mütze,  dem  Kronprinzen
seine  Meldung  erstatten.  Da  mein  Bater  ihn  außerordentlich  hoch
schätzte,  nahm  er  ihn  oft  während  seiner  Anwesenheit  in  Berlin  zu
Spaziergängen  im  Tiergarten  mit,  währenddessen  Heinrich  und  ich
mit  seinen  drei  älteren  Jungen  folgten.  Er  war  eine  markante  Erscheinung,
  hochgewachsen,  sehnig,  mit  scharfgeschnittenem,  knochigen
Gesicht,  schwarzem  Haar,  schwarzem  Schnurrbart,  mächtig  geschwungenen
  schwarzen  Augenbrauen,  unter  denen  ein  paar  dunkle
Augen  glühten.  Das  Gesicht  mit  dem  bräunlich-olivenfarbenen  Ton
gab  ihm  fast  das  Aussehen  eines  Südländers.

Hahnke  wurde  Kommandeur  der  1.  Garde-Infanteriebrigade  in
Potsdam  und  damit  mein  Vorgesetzter.  Zwischen  ihm  und  seiner
liebenswürdigen  Frau  einerseits,  die  mit  ihren  zahlreichen  Kindern
die  Kommandantur  in  Potsdam  bewohnten,  und  uns  anderseits,  die
wir  im  Stadtschloß  gegenüber  residierten,  entwickelte  sich  eln  angeregter,
  intimer  Verkehr.  Unter  anderm  haben  wir  auch  bald  bei  uns,
bald  in  der  Kommandantur  mit  verteilten  Rollen  gelesen,  3.  B.  Zriny,

236
        <pb n="258" />
        den  Prinzen  von  Homburg,  die  Wallensteintrilogie,  oder  es  wurden
geschichtliche  Persönlichkeiten  besprochen  und  beurteilt.

Sehr  oft  kam  General  v.  Hahnke  zu  mir,  um  mich  im  technischen
Detaildienst  des  Generalstabsoffiziers  zu  unterrichten,  z.  B.  Abfassungen
  von  Meldungen,  Konzipieren  im  Militärbriefstil,  Aufsetzen  von
Marschunterbringungs=  und  Operationsbefehlen.  Vor  allen  Dingen
lehrte  er  mich,  wie  ich  bereits  betont  habe,  Brägnanz  und  Kürze  in
die  Schriftstücke  hineinzubringen.

Auch  Hahnke  entbehrte  nicht  eines  humorvollen  Zuges  in  seinem
Wesen.  So  hatte  einmal  bei  einer  der  von  ihm  gestellten  hübschen
Aufgaben  für  kleinere  Detachementsübungen  der  Garnison,  die  sich
in  der  Umgegend  von  Potsdam  abspielten,  ein  soeben  zum  Rittmelster
im  1.  Garde-Ulanenregiment  beförderter  Offizier,  der  bis  dahin  Oberquartiermeister-Adjutant
  gewesen  war,  eine  beträchtliche  Konfusion  angerichtet.
  Bei  der  Kritik  richtete  Hahnke  an  den  Delinquenten  die
Frage,  wie  er  zu  seinem  Fehler  gekommen  sei,  woraufhin  bange
Stille  eintrat.  Als  diese  schließlich  der  damalige  Kommandeur  des
1.  Garde-Ulanenregiments,  Oberst  Graf  Schlieffen  mit  der  kurzen
Meldung:  „War  bis  setzt  im  Generalstab“  unterbrach,  bemerkte
Hahnke  trocken:  „Ja,  dann  allerdings,  wenn  Sie  eben  aus  dem
Generalstab  kommen,  können  Sie  solche  Dinge  noch  nicht  wissen!“
Der  ganze  Zuhörerkreis  brach  in  schallendes  Gelächter  aus,  während
Schlieffen  mit  sarkastischem  Lächeln  sein  Monokel  fallen  ließ.

Als  mein  Bater  die  Augen  schloß,  kommandierte  Hahnke  die
2.  Garde-Infanteriedivision.  Von  dieser  Stellung  aus  ernannte  ich
ihn  zu  meinem  Generaladjutanten  und  Chef  des  Militärkabinetts,
zu  dem  er  geradezu  prädestintert  erschien.  Sein  kristallener  Charakter,
sein  klarer  Blick  für  alle  Ehren=  und  Standesfragen  der  Offiziere,
sein  unbestechliches,  gesundes  Urteil,  in  dem  sich  ebensosehr  seine  unerbittliche
  Strenge  wie  sein  gütiges  Wohlwollen  zu  verraten  pflegte,
bildeten  eine  Gewähr  dafür,  daß  in  seinen  Händen  das  Schicksal  des

237
        <pb n="259" />
        preußischen  Offizierkorps  gut  aufgehoben  war.  Nächst  General  v.  Kessel
ist  er  mein  verehrtester  Berater  und  Freund  gewesen,  der  bei  allen,
selbst  den  schwierigsten  Fragen  jedesmal  mit  seinem  Urteil  den  Nagel

auf  den  Kopf  traf.  Ich  wünschte  dem  preußischen  Heere  noch  viele
solcher  Generale,  wie  es  Hahnke  einer  war.

r#

Einer  der  Männer,  die  später  zu  meinem  engeren  Kreis  gehört
haben,  ist  mir  ebenfalls  im  Laufe  der  achtziger  Jahre  näher  getreten.
Es  war  Professor  Güßfeldt.

Ich  lernte  den  vortrefflichen,  kerndeutschen  Mann  bennen  durch
meinen  ehemaligen  Adjutanten  Major  v.  Bülow,  den  Bruder  des
spckteren  Reichskanzlers.  Güßfeldt  war  1870  als  Kriegsfreiwilliger
bei  den  2.  Gardedragonern  eingetreten  und  dort  Bülows  Kriegskamerad
  gewesen;  bei  Mars-la-Tour  hatte  er  sich  das  Eiserne  Kreuz
geholt.  Später  hat  er  sich  durch  hervorragende  Leistungen  als  Alpinist
  sowie  als  Forscher  in  Westafrika  und  in  den  südamerikanischen
Anden  einen  Namen  gemacht  und  seine  Erfahrungen  in  fesselnden
Schriften  niedergelegt.  Seine  persönlichen  Schilderungen  der  Alpenwelt
  und  ihrer  Schönheiten,  ihrer  überwältigenden  Größe  und  ihrer
Gefahren,  von  denen  er  mir  auf  gemeinsamen  Spaziergängen  oder
Ritten  berichtete,  fesselten  mich  ungemein.  Sein  gerader,  offener
Charakter,  seine  straffe,  männliche  Energie,  seine  umfangreichen  erdkundlichen
  Kenntnisse,  seine  urdeutsche  Denkart  und  schließlich  auch
seine  Anschauungen  von  dem  Schulwesen  und  der  Heranbildung  der
deutschen  Zugend  ließen  zwischen  ihm  und  mir  eine  warme  Sympathie
  entstehen,  die  sich  mit  den  Jahren  zu  fester  Freundschaft  auswuchs)
  sie  hat  unverändert  bis  zu  Güßfeldts  Tode  gewährt.

Als  ich  nach  meinem  Regierungsantritt  ein  norwegisches  Banorama
  Berliner  Künstler  besucht  hatte,  das  von  der  Höhe  des  Digermul-Kollens
  auf  den  Lofoten  Meer  und  Gebirge  in  packender  Größe

zeigte,  beschloß  ich,  dieses  großartige  Land  aufzusuchen.  Güßfeldt
238
        <pb n="260" />
        übernahm  es  auf  meine  Aufforderung  hin,  die  Reise  vorzubereiten,
und  hat  seine  Aufgabe  glänzend  gelöst.  Ich  konnte  bei  der  ersten
Reise  auf  dem  Digermul-Kollen  stehen  und  das  herrliche  nordische
Rundbild  in  Natur  bewundern,  das  mich  im  Gemälde  so  mächtig
bewegt  hatte.  Von  da  an  ist  Güßfeldt  mein  treuer  Begleiter  auf
allen  Nordlandsfahrten  gewesen.  Auch  bei  den  „Fahrtgesellen“,  wie
meine  Begleiter  sich  scherzhaft  nannten,  war  er  sehr  beliebt,  da  ihm
eine  gute  Dosis  gesunden  Humors  zu  eigen  war.  In  einem  an—
schaulich  geschriebenen  Buche  hat  er  die  Erlebnisse  und  Eindrücke
unserer  Fahrten  sowie  fesselnde  Beschreibungen  des  herrlichen  Nord—
landes  allgemein  zusammengestellt,  auch  wertvolle  Fingerzeige  für  das
deutsche  reiselustige  Publikum  erteilt,  dem  Norwegen  damals  noch
eine  unbekannte  Größe  war.

Auch  in  Potsdam  und  Berlin  habe  ich  Güßfeldt  oft  bei  mir  gesehen,
  und  zumal  bei  den  Berhandlungen  über  die  Schulreform
manche  Anregung  von  ihm  empfangen.  Der  Berkehr  mit  Güßfeldt
ist  für  mich  stets  eine  besondere  Erquickung  und  Anregung  gewesen,
da  in  den  Hauptauffassungen  des  Lebens  unsere  Ansichten  sich  deckten
oder  ergänzten.  Er  stand  fest  auf  religköser  Grundlage,  war  über
den  Parteistreit  erhaben  und  gab  seine  Urteile  ohne  Boreingenommenheit
  ab,  sie  waren  nichts  als  der  Ausfluß  seines  gesunden  Menschenverstandes
  und  einer  abgeklärten  Lebensanschauung.  Er  war,  was
der  Engländer  einen  „Allround  Man“  nennt,  also  das  Gegenteil
von  einem  Philister.

Auf  meine  Anregung  trat  Güßfeldt  als  Reserveoffizier  in  das
Leib-Garde-Ousarenregiment  über  und  wurde  dort  bald  ein  bei  allen
ungemein  beliebter  Kamerad,  der  auch  bei  Tafel  seinen  Mann  stand
und  einen  guten  Trunk  nicht  verschmähte.  Sein  im  Winter  1919/20
erfolgter  Tod  hat  mich  tief  geschmerzk,  denn  in  ihm  verlor  ich  einen
der  Altesten  Getreuen,  der  mir  schon  aus  meiner  Prinzenzeit  vertraut
war  und  die  erste  Nordlandreise  mitgemacht  hatte.  Wieviele  sind  aus

239
        <pb n="261" />
        dem  Kreise  der  „Fahrtgesellen“  mir  nun  schon  vorangegangen!
Meinem  Freunde  Paul  Güßfeldt  bewahre  ich  ein  tief  dankbares  Andenken.



IV.

Neben  die  militärische  Ausbildung  traten  in  den  achtziger  Jahren
zur  Vorberektung  auf  meinen  späteren  Beruf  Unterweisungen  in  der
Zivilverwaltung.  Angefangen  habe  ich  gemäß  einer  Kabinettsorder
vom  2.  Oktober  1882  im  Winter  1882/83  mit  der  Arbeit  bei  dem
Oberpräsidenten  der  Brovinz  Brandenburg  v.  Achenbach  in  Potsdam.
Ich  fand  mich  vom  11.  Oktober  ab  täglich  von  0  bis  11  Uhr  morgens
oder,  wenn  der  Oberpräsident  anderweltig  in  Anspruch  genommen
war,  nachmittags  bei  ihm  ein.  Da  ich  an  Hand  der  Prazis  eine
eingehende  Ubersicht  über  die  verschiedenen  Zweige  der  Staatsverwaltung,
  ihre  Bedeutung,  ihre  Abgrenzung  und  Ziele  gewinnen  sollte,
hat  mir  Achenbach  nicht  akademische  Borträge  gehalten,  sondern  mich
glesch  praktisch  in  die  Materke  eingeführt.  Er  pflegte  die  eingegangenen
  wichtigeren  Sachen  täglich  mit  mir  durchzugehen  und  an
die  Besprechung  des  besonderen  Falles  eine  spstematische  Darstellung
der  einschlägigen  VBerhältnisse  aus  der  Bergangenheit  bis  zum  gegenwärtigen
  Stande  anzuschließen.  Auf  diese  fesselnde  Weise  wurde
ich  verhältnismäßig  schnell  in  die  Staats-,  Brovinz-,  Bezirks=  und  Gemeindeverhältnisse
  eingeführt,  im  besonderen  in  die  Selbstverwaltung,
die  Steuer=  und  Wirtschaftsfragen.  Wie  berests  früher')  ausgeführt,
habe  sch  mir  aus  dieser  Zeit  ein  lebhaftes  Interesse  für  die  wirtschaftliche
  Seite  der  inneren  Entwicklung  des  Landes  bewahrt.  Mellorationen,
  Kanalbauten,  Chaussee-Anlagen,  Waldwirtschaft,  Hebung
aller  Arten  der  Berkehrsverbindungen,  Wohnungsverbesserung,  Einführung
  der  Maschinen  in  die  Landwirtschaft  und  deren  genossenschaftliche
  Entwicklung  waren  Fragen,  die  mich  auch  später  dauernd

*)  Erelguisse  und  Gestalten  S.  27.
240
        <pb n="262" />
        beschäftigt  haben,  in  ganz  besonderem  Maße  der  Wasserbau  und  die
Entwicklung  des  Eisenbahnnetzes,  zumal  in  dem  darin  zurückgebliebenen
Osten.

Zu  meiner  Ubung  mußte  ich  auch  in  Besprechungen  Vorträge
halten,  sowie  in  einem  höheren  Verwaltungskörper  den  Vorsitz  über—
nehmen.  Im  März  1883  wohnte  ich  einer  Sitzung  des  Provinziallandtages
  im  Ständehause  bei.  Damitt  schloß  dieser  Teil  meiner
Zivflausbildung  vorläufig  ab.

:  3

Während  der  Kaiserzusammenbunft  in  Gastein  im  August  1886,
auf  die  ich  weiter  unten  noch  ausführlich  zurückkomme,  erhielt  ich
einen  wichtigen  diplomatischen  Auftrag.  Dieser  Vorfall  gab  dem
Gürsten  Bismarck  Beranlassung,  meiner  Bitte  um  Einführung  in  die
Auswärtige  Polstik  zuzustimmen;  ich  sollte  zu  diesem  Zwecke  die
Geschäfte  und  den  Dienstbetrieb  des  Auswärtigen  Amtes  aus  eigener
Anschauung  kennen  lernen.  Mein  Großvater  genehmigte  diesen  Vorschlag
  des  Reischskanzlers  sofort,  so  daß  ich  die  Arbeit  Ende  September
  bei  Graf  Herbert  Bismarck,  dem  Staatssekretär  des  Auswärtigen
  Amtes,  aufnehmen  konnte.  Erst  nachträglich,  am  17.  Dezember,
ordnete  eine  Kabinettsorder  im  einzelnen  meine  Tätigkeit  im  Amte:
„..  Bezüglich  der  Art  der  Informierung  des  Prinzen  Wilhelm
bestimme  ich,  daß  derselbe  bei  ein=  oder  zweimaligem  Besuche  in  der
Woche  über  die  Einrichtung  des  Amtes,  über  die  Berteilung  der
Geschäfte  unter  die  Beamten  in  den  einzelnen  Abteilungen  unterrichtet,
  sowie  durch  Vorlage  und  Erläuterung  einzelner  Depeschen
über  den  Gang  der  Politik  orientiert  werde  .  .“  In  einem  Erlaß
vom  8.  September  des  nächsten  Jahres  bestimmte  mein  Großvater,
daß  im  folgenden  Winter  meine  Unterweisung  fortgesetzt  werden  solle.

Uber  meine  Tätigkeit  selbst  habe  ich  ebenfalls  schon  früher')  mich

*)  Ereignisse  und  Gestalten  S.  6ff.

16  Aus  meinem  Leben  241
        <pb n="263" />
        eingehend  ausgesprochen,  ich  kann  mich  daher  hier  auf  das  Wichtigste
beschränken.

Ich  erhielt  ein  Zimmer  für  mich  und  zum  eigenen  Studium  die
Akten  über  die  Entstehung  des  Dreibundes,  einzelne  Referenten  hielten
mir  Vortrag  über  ihre  Ressorts,  so  Geheimrat  Naschdau  über  Handelsund
  Kolontalpolitik,  während  Graf  Herbert  Bismarck  mich  über  diplomatische
  Borkommnisse  früherer  Zeiten,  außenpolitische  Tagesfragen
allgemeiner  Natur,  sowie  über  fremde  Staatsmänner  und  Diplomaten,
besonders  die  Botschafter  in  Berlin  unterrichtete.  Durch  Geheimrat
Raschdaus  Vorträge  wurde  ich  schon  damals  auf  unsere  Abhängigkeit
  von  England  aufmerksam,  die  ihre  Ursache  vornehmlich  darin  hatte,
daß  uns  eine  Flotte  fehlte  und  Helgoland  sich  in  englischen  Händen
befand.

Das  Auswärtige  Amt  war  durch  Graf  Herbert,  dessen  Grobheit
gegen  seine  Beamten  mir  auffiel,  in  äußerer  Disziplin  sehr  scharf
aufgezogen.  Die  auswärtige  Politik  wurde  allein  vom  Fürsten  geleitet,
  der  nur  mit  seinem  Sohne  NRücksprache  zu  nehmen  pflegtedieser
  gab  die  Befehle  des  Kanzlers  weiter  und  ließ  sie  in  Instruktionen
  umredigieren.  So  war  das  Auswärtige  Amt  nur  ein  Büro
des  großen  Kanzlers,  selbständige  und  verantwortungsfreudig  handelnde
  Männer  wurden  in  ihm,  sehr  im  Gegensatz  zum  Generalstab
unter  Moltke,  nicht  geschult.  Im  Generalstab  wurde  nach  erprobten
und  bewährten  Grundsätzen  und  unter  Berücksichtigung  aller  neuzeitlichen
  Erfahrungen  der  Nachwuchs  sorgfältig  ausgebildet  und  zu
selbständigem  Denken  und  Handeln  erzogen.  Im  Auswärtigen  Amt
hingegen  befanden  sich  nur  ausführende  Organe  eines  Willens,  die,
über  die  großen  Zusammenhänge  der  ihnen  zur  Bearbestung  überwiesenen
  Fragen  nicht  oder  nur  unzulänglich  unterrichtet,  keine  selbständige
  Mitarbeit  leisten  konnten.  Der  Fürst  lagerte  wie  ein  mächtiger
Granitfindling  auf  einer  Wiese,  wälzt  man  ihn  fort,  so  findet  man
hauptsächlich  Gewürm  und  abgestorbene  Wurzeln  darunter.

242
        <pb n="264" />
        Die  Dienstleistung  im  Auswärtigen  Amte  brachte  mir  außer  manchem
  anderen  auch  den  Borteil,  daß  mir  Gelegenheit  gegeben  war,
dem  begeistert  verehrten  großen  Staatsmann,  der  als  eine  fast  schon
in  die  Heldensage  eingegangene  Reckengestalt  durch  die  Tage  meiner
Zugend  ging,  endlich  näherzutreten.  Dies  erscheint  auf  den  ersten
Blick  merkwürdig,  hat  aber  seinen  Grund  darin,  daß  ich  in  Potsdam
im  Dienst  stand  und  nur  zu  Hoffesten  und  besonderen  Feierlichkeiten
in  Berlin  anwesend  war.  Diese  besuchte  aber  der  Fürst  nicht,  da
er  sich  im  allgemeinen  nicht  an  Geselligkeiten  außerhalb  seines  Hauses
beteiligte.

In  jener  Zeit  erhielt  ich  wiederholt  Einladungen  zur  Frühstückstafel
  beim  Fürsten,  an  der  meistens  die  Gürstin,  ihre  Tochter,  die  Gräfin
Rantzau  nebst  Gemahl,  Graf  Herbert  Bismarck  und  dann  und  wann
Bebannte  oder  hervorragende  fremde  Persönlichkekten  teilnahmen.  Unter
den  Gästen  befanden  sich  z.  B.  Graf  Rosebery,  Graf  Tauffkirchen
aus  Bayern,  Frau  Melster  aus  Frankfurt,  die  Mutter  des  späteren
Regierungsprästdenten,  sowie  der  Arzt  Professor  Dr.  Schweninger.
Das  Essen  war  reichlich;  im  allgemeinen  gab  es  Hausmannskost.
Die  Weine  waren  vorzüglich  und  fast  ausnahmslos  dem  Bürsten
von  Berehrern  geschenkt.  Der  Fürst  zeigte  sich  meist  sehr  aufgeräumt
und  erzählte  manche  lustige  Geschichte  aus  seinem  Leben.  Nach  dem
Essen  pflegte  er  sich  auf  eine  Chaiselongue  niederzulegen  und  seine
lange  Pfeife  zu  rauchen,  die  ich  ihm  öfters  habe  anstecken  dürfen.

Uber  die  Stellung  des  Fürsten  zu  der  damals  aufkeimenden  Kolonkalbewegung
  in  Deutschland  habe  ich  schon  in  den  „Ereignissen  und
Gestalten“  berichtet,  aber  ich  glaube,  noch  einmal  erwähnen  zu  müssen,
daß  der  Fürst  die  Kolonien  nur  als  politische  Tauschobfekte  betrachtete,
die  Bewegung  meiner  Meinung  nach  unterschätzte  und  die  Bedeutung
der  Kolontalfrage  wohl  nicht  ganz  überschaute.  Die  deutsche  Kaufmannschaft
  hatte  den  Nutzen  richtig  erkannt,  der  für  Deutschland  in
dem  Bezuge  von  Rohprodukten  aus  eigenen  Kolonien  lag,  und  das

16*  243
        <pb n="265" />
        Volk  hatte  im  allgemeinen  das  instinktiv  richtige  Gefühl,  daß  sein
Wachstum  zu  gleicher  Zeit  auch  Ausbreitung  erfordere,  Ausbreitung
ihrerseits  aber  den  Besitz  von  Kolonien  bedinge.  Nur  so  war  Auswanderung
  in  fremde  Länder  unter  Aufgabe  des  eigenen  Vaterlandes
zu  vermeiden.  Sowohl  der  Fürst  wie  das  Volk  und  die  Kaufmannschaft
  hatten  jedoch  noch  nicht  den  Schluß  gezogen,  daß  Kolontalbesitz
  auch  eine  Flotte  erfordert,  die  imstande  ist,  dieses  Gut  vor
fremder  Raubgier  zu  schützen.

Einmal  gelang  es  mir,  den  Fürsten  stutzig  zu  machen,  es  war,
als  ich  ihm  eine  Mitteklung  meines  Bruders  berichtete.  Als  S.  M.S.
„Prinz  Adalbert“,  auf  dem  Heinrich  damals  als  Kadett  diente,  in  Ostasien
  eintraf,  fand  selbstverständlich  ein  lebhafter  Berkehr  mit  der  dortigen
  deutschen  Kolonie  und  den  Vertretern  der  deutschen  Firmen  statt.
Wie  erstaunten  aber  mein  Bruder  und  die  Offiziere  des  Schiffs,  als
ihnen  häufig  aus  deutschen  Kreisen  die  Meinung  entgegentrat,  sie
brauchten  keine  deutsche  Flotte,  sie  hätten  ja  dort  eine  britische  Flotte,
die  ebensogut  für  fhren  Schutz  da  sei  wie  für  die  Briten.  Auf
diese  Erzählung  hin  wurde  der  Fürst  denn  doch  sehr  ärgerlich  und  rief,
mit  der  Faust  auf  den  Tisch  schlagend:  „Dieses  undeutsche  Wesen  muß
endlich  aufhören!“  „Zawohl,  Durchlaucht“,  erlaubte  ich  mir  darauf
zu  sagen,  „es  wird  aufhören,  sobald  Eure  Durchlaucht  uns  zu  einer
deutschen  Flotte  verhelfen!“  Aus  dieser  Erkenntnis  habe  ich  später
die  Folgerungen  gezogen  und  mit  Hilfe  des  Admirals  v.  Tirpitz  die
deutsche  Flotte  geschaffen.

Auch  zu  Graf  Herbert  Bismarck  habe  ich  gute  Beziehungen  unterhalten.
  Uns  verband  neben  den  dienstlichen  Interessen  vor  allem
die  gemeinsame  Verehrung  für  seinen  großen  Bater.  Graf  Herberts
Arbeitseifer,  seine  unverwüstliche  Arbektskraft  und  seine  politischen
Kenntnisse  waren  bewundernswert,  ohne  die  Genialität  seines  Vaters
zu  besitzen,  war  er  zweifellos  dessen  begabtester  und  bedeutendster
Schüler.  Im  vpersönlichen  Verkehr  konnte  er  bei  all  seiner  Grobheit

244
        <pb n="266" />
        und  Rücksichtslosigkeit  ein  lustiger  und  unterhaltsamer  Gesellschafter
sein,  der  einen  Kreis  von  interessanten  Männern,  nicht  nur  aus  der
Diplomatie,  um  sich  zu  sammeln  verstand.  Aber  über  eine  gewisse
Kameradschaftlichkeit,  wie  sie  unter  jungen  Männern  mit  gleichen
Interessengebieten  bei  gegenseitigem  gutem  Willen  leicht  entsteht,
konnte  unser  Verhältnis  nicht  hinauskommen,  Beziehungen  freund—
schaftlicher  Art  haben  uns  nicht  verbunden.  Das  zeigte  sich  besonders
deutlich,  als  ich  ihn  nach  dem  Ausscheiden  seines  Vaters  bat,  im
Dienste  zu  bleiben  und  mir  zu  helfen,  die  Tradition  in  der  Politik
fortzuführen.  Graf  Herbert  lehnte  diese  Bitte  schroff  ab,  er  sei  nur
gewöhnt,  seinem  Vater  zu  dienen  und  könne  nicht  mit  der  Mappe
unter  dem  Arm  bei  einem  anderen  Reichskanzler  zum  Vortrag  an—
treten.  So  schieden  sich  unsere  Wege  für  immer.

3#

Das  Kommando  zum  Auswärtigen  Amt  hatte  für  mich  in  bestimmter
  Richtung  eine  große  Unannehmlichkeit  gezeitigt.  Denn  meine
Eltern,  die  dem  Fürsten  Bismarck  bekanntlich  nicht  sonderlich  freundlich
  gegenüberstanden,  verdachten  es  dem  Sohne,  daß  er  in  seine
Kreise  eintreten  wollte.  Man  kennt  den  verletzenden  Brief,  den  mein
Vater  an  den  Kanzler  geschrieben  hat,  um  gegen  meine  Beschäftigung
in  seinem  Amte  Einspruch  zu  erheben.  Er  befürchtete  wohl  Beeinflussung
  gegen  die  Eltern,  Hpperkonservativismus  und  wie  die  Gefahren
alle  hießen,  die  von  Ohrenbläsern  aller  Art  gegen  mich  angeführt
wurden.  Ich  habe  mich  niemals  auf  diese  Dinge,  die  man  mir
nachsagte,  eingelassen.  Aber  die  Stellung  im  Elternhaus  ist  mir
durch  die  Hintertreppenpolitik  der  Geschichtenträger  oft  recht  erschwert
und  manchmal  peinlich  gestaltet  worden.

3  *  t

Am  7.  September  1887  überreichte  Fürst  Bismarck  meinem  Großvater
  den  Entwurf  eines  Erlasses,  „durch  den  das  Kommando  des

245
        <pb n="267" />
        Prinzen  beim  Auswärtigen  Amt  um  ein  Jahr  verlängert  und  Seine
Königliche  Hoheit  gleichzeitig  in  ähnliche  Beziehung  zunächst  zu  dem
Ministerium  der  Finanzen  gestellt  würde,  nachdem  der  Prinz  in  die
Geschäfte  der  inneren  Verwaltung  bereits  unter  Leitung  des  Ober—
präsidenten  und  Staatsministers  Achenbach  in  Potsdam  einen  Einblick
  genommen  hat“.  In  dem  daraufhin  ergangenen  Erlaß  vom
folgenden  Tage,  der  die  bereits  erwähnte  Verlängerung  meiner
Dienstleistung  im  Auswärtigen  Amt  brachte,  äußerte  der  Kaiser  den
Wunsch,  daß  ich  auch  in  die  Geschäfte  des  Ministeriums  des  Innern
und  der  Finanzen  eingeführt  werde.  Fünf  Tage  später  teilte  mir
das  Auswärtige  Amt,  zu  dem  ich  kommandiert  war,  mit,  daß  an
das  Finanzministerium  Mitteilung  wegen  meiner  Beschäftigung  dort
ergangen,  die  Benachrichtigung  des  Innenministers  dagegen  „einst—
weilen  ausgesetzt“  sei.  Durch  die  weitere  Entwicklung  der  Dinge
ist  leider  meine  Unterweisung  auch  im  Innenministerium  unterblieben,
nur  den  Lehrgang  im  Finanzministerium  habe  ich  noch  erledigt.  Am
21.  November  billigte  und  genehmigte  mein  Großvater  den  ihm  für
mich  vorgelegten  Arbeitsplan.

Ich  habe  im  Finanzministerium  im  Winter  1887/88  ähnlich
wie  zuvor  im  Auswärtigen  Amt  gearbeitet,  indem  ich  wöchentlich
mehrmals  von  Potsdam  hinüberfuhr,  an  den  Sitzungen  und  den
Arbeiten  einzelner  Referenten,  besonders  bei  Ezzellenz  Meinecke,  teilnahm
  oder  mir  vom  Minister  Vortrag  halten  ließ.  Finanzminister
Scholz  war  ein  sehr  tüchtiger  Fachbeamter,  der  auch  mir  gegenüber
  sein  Bestes  getan  hat.  Die  trockene  Materie  aber,  Finanzen,
Steuern,  Etat  usw.,  vermochte  er  mir  nicht  schmackhaft  und  interessant
  zu  gestalten.  Ich  habe  mich  erst  in  späteren  Jahren  mit
diesen  bedeutsamen  Dingen  mehr  zu  befreunden  gelernt,  als  der  gewandte
  Miquel  das  Mintsterium  übernahm.

t  *  *t

246
        <pb n="268" />
        Um  mich  über  diese  Stoffgebiete  hinaus  politisch  für  mein  hohes
Amt  vorzubilden,  dessen  Antritt  1887  bereits  verhältnismäßig  nahe
zu  stehen  schien,  wollte  mir  Fürst  Bismarck  in  der  Art  eines  Adjutanten
  einen  wissenschaftlich  und  praktisch  entsprechend  vorgebildeten
Beamten  als  ständigen  Begleiter  geben.  Zunächst  scheiterte  der  Plan
an  dem  Widerstande  meines  Großvaters,  der  bei  meinem  todkranken
Vater  nicht  den  Anschein  erwecken  wollte,  als  rechne  man  mit  ihm
nicht  mehr.  Im  Januar  1888  nahm  Bismarck  aber  seinen  Plan
wieder  auf  und  schlug  den  Unterstaatssekretär  Herrfurth  im  Innenministerium,
  einen  außergewöhnlich  tüchtigen  und  in  allen  staatswissenschaftlichen
  Fragen  überaus  gut  bewanderten  Fachmann  für  die
gedachte  Stellung  vor.  Um  ihn  aber,  wie  das  beabsichtigt  war,
dauernd  um  mich  zu  haben,  war  er  doch  zu  alt,  die  für  engeres
Zusammensein  nötige  gegenseitige  Sompathie  hätte  sich  kaum  eingestellt.
  Fürst  Bismarck  konnte  nicht  umhin,  meine  Bedenken
gelten  zu  lassen  und  kam  nun  auf  die  Idee,  die  geplante  Stellung
in  zwei  Teile  zu  zerlegen.  Eine  Persönlichkeit  sollte,  wie  er  mir
erklärte,  mir  über  staatswissenschaftliche  Fragen  gewissermaßen
Kolleg  lesen,  die  andere,  notwendig  füngere  Persönlichkeit  sollte
als  Ziviladfukant  in  meiner  Umgebung  und  zu  meiner  ständigen
Verfügung  sein  als,  wie  der  Fürst  sich  ausdrückte,  „lebendes
Lexikon"  7).

In  dieser  Form  wurde  der  Plan  auch  verwirklicht  und  mit  dem
ersten  Bosten  Geheimrat  PBrofessor  Gneist,  mit  dem  zweiten  der  Regierungsrat
  v.  Brandenstein  aus  Magdeburg  betraut.  Die  schicksalsvolle
  Wendung  des  nächsten  Monats  sowie  meine  eigene  fast  völlige
Inanspruchnahme  durch  den  militärischen  Dienst  haben  aber  diese  Einrichtung
  nicht  mehr  so  fruchtbar  werden  lassen,  wie  man  es  für  normale
  Zeiten  hätte  erwarten  können.

*)  Bgl.  Anhang  Nr.  J.

247
        <pb n="269" />
        V.

In  den  Jahren  meiner  Jugend  spielte  sich  jener  unselige  Streit
ab,  den  man  gewohnt  ist,  unter  dem  Schlagwort  Kulturkampf  zusammenzufassen.
  Heute  ist  gar  kein  Zweifel  mehr  möglich,  daß  dieser
Kampf  ein  schweres  Verhängnis  für  die  geistige  Einheit  Deutschlands
war,  vor  allem  nachwirkend  durch  die  Erstarkung  der  Zentrumspartei.
Denn  das  Zentrum,  ursprünglich  aus  einer  klerikal-partikulartstischen
Opposition  gegen  die  Reichsgründung  entstanden,  vereinigte  auf  Grund
dieser  Tendenz  politisch,  sozial  und  konfessionell  so  verschiedenartige
Elemente  in  sich,  wie  z.  B.  die  Polen,  Elsässer  und  die  protestantischen
  Welfen,  daß  der  Partei  anfänglich  kaum  eine  längere  Lebensdauer
  zugesprochen  werden  konnte)  erst  durch  den  Kulturkampf  ist  sie
fest  zusammengeschlossen  worden.  Als  Vertreterin  der  klerikalen
„Märtyrer“  im  Kampfe  gegen  Bismarcks  „Diokletianische  Christenverfolgung“
  gewann  sie  ihren  übermächtigen  Einfluß  auf  die  batholischen
  Wählermassen  und  blieb  zum  Schaden  unseres  Vaterlandes
auch  bestehen,  als  sie  nach  Abbruch  des  Kulturkampfes  ihre  Existenzberechtigung
  verloren  hatte.  Die  Partei,  als  konfessionelle  Fraktion
in  einer  politischen  Bersammlung  ein  europisches  Unikum,  wurde
gewissermaßen  zum  Selbstzweck.  Von  einer  ausländischen  Macht,
dem  Papste,  geistig  abhängig,  hat  die  Zentrumsführerschaft  nie  die
innere  Abneigung  gegen  das  protestantische  Kalsertum  verleugnen,
nie  zu  einer  rückhaltlosen  freudigen  Befahung  des  Neichsgedankens
sich  aufschwingen  können.  Bei  dem  Fehlen  eines  einheitlichen  staatspolitischen
  Brogramms  nahm  das  Berhalten  dieser  konfessionellen
Bartei  gegenüber  allen  politisch  grundsätzlichen  Fragen,  allen  nattonalen
  Lebensnotwendigkekten  sehr  bald  den  Charakter  einer  ausgesprochenen
  Opportuniktäts=  und  Augenblickspolitik  an  und  hat  ihn  bis
auf  den  heutigen  Tag  behalten.

Nichts  liegt  mir  ferner,  als  den  Millionen  deutscher  Zentrumswähler
  die  Liebe  zum  Vaterlande  abzusprechen.  Ich  habe  sedoch  aus

248
        <pb n="270" />
        zahlreichen  trüben  Erfahrungen  die  Uberzeugung  gewonnen,  daß  der
aufrichtige  katholische  Jdealismus,  der  in  diesen  Wählermassen  lebt,
mißbraucht  worden  ist  von  einer  Führerschaft,  deren  politische  Betätigung
  keineswegs  dem  wahren  Wollen  ihrer  Anhänger  entsprach.
Daß  dies  möglich  war  und  noch  ist,  erklärt  sich  aber  aus  dem  verhängnisvollen
  Eindruck,  den  der  Kulturkampf  in  den  Seelen  der
deutschen  Katholiken  hinterlassen  hat.  Von  dieser  Erinnerung  zehrt
das  Zentrum  noch  heute,  aus  ihr  zieht  es  noch  heute  seine  Kraft.
So  müssen  noch  spätere  Generationen  dafür  leiden,  daß  der  Staat
der  Bismarckschen  Ara  sich  einstmals  im  Kampf  mit  dem  Bapsttum
versucht  hat.

Den  Abbruch  des  Kulturkampfes  habe  ich  seinerzeit  freudig  begrüßt
  und  im  Geiste  der  Toleranz,  die  mir  Hinzpeters  Erziehung
und  die  Tradition  meines  Hauses  zu  eigen  gemacht  hatten,  nach  Kräften
zur  Versöhnung  und  Beilegung  des  Streites  beigetragen.  Eine  Reihe
prachtvoller  katholischer  Männer  war  mir  vergönnt  bennen  zu  lernen.

In  erster  Kinie  habe  ich  hier  meines  Oheims,  des  Kardinals
Gustav  Hohenlohe,  füngeren  Bruders  des  damaligen  Pariser  Botschafters
  und  späteren  Reichskanzlers,  zu  gedenken.  Er  war  ein
liebenswürdiger,  seiner  Mann,  konfessionell  sehr  frei,  ganz  positiv
zum  deutschen  Staate  eingestellt  und  auch  durchaus  bereit,  die  Bertretung
  Deutschlands  beim  Vatikan  zu  übernehmen,  in  seinem  Arbeitszimmer
  hing  sogar  ein  Bild  Bismarcks  mit  dessen  eigenhändiger
Unterschrift!  Das  Zentrum,  vornehmlich  Windthorst,  haßten  ihn  daher
entsprechend.  In  Rom,  wo  er  lebte,  hatte  er  sich  eine  gute  Stellung
gemacht,  besonders  unter  Bius  IX.,  den  er  auf  seiner  Flucht  nach
Gasta  begleitet  hatte.  Ich  habe  mich  mit  dem  geistvollen,  etwas
schwärmerisch  weichen  Manne  ausgezeichnet  gestanden.  Ich  kannte
ihn  schon  von  meiner  Kindhekt  her,  da  er  oft  meine  Eltern  besuchte,
die  ihn  sehr  gern  hatten;  meine  Mutter  duzte  sich  mit  ihm.  Ich  habe
mit  ihm  in  ziemlich  regem  Briefwechsel  gestanden  und  bin  von  ihm

249
        <pb n="271" />
        gut  über  die  kirchlichen  und  politischen  Strömungen  in  Rom  unterrichtet
  worden.  Als  ich  nach  meinem  Regierungsantritt  den  ersten
Besuch  in  der  Ewigen  Stadt  machte,  hat  er  mir  wertvolle  Informationen
  gegeben,  die  des  klugen  Schlözers  Instruktionen  vortrefflich
  ergänzten.

Unter  den  tüchtigen  und  einsichtsvollen  Katholiken,  mit  denen  ich
mich  aussprechen  konnte,  nenne  ich  weiter  noch  Kardinal  Schönborn,
den  Fürstbischof  von  Brag,  und  den  prächtigen  Kardinal  Kopp,  dessen
einfache,  gediegene  und  echt  deutsche  Natur  mich  im  höchsten  Maße
anzog.  Sodann  Andreas  Thiel,  den  Bischof  von  Ermland,  der  sehr
alt  geworden  ist  und  vier  Königen  gedient  hat;  ich  habe  ihn  von
Cadinen  aus  noch  oft  besucht.  Gut  verstanden  habe  ich  mich  auch
mit  dem  jungen,  frischen  und  energischen  Bropst  Scheuffgen  in  Trier,
oft  haben  wir  uns  offen  und  rückhaltlos  ausgesprochen.  Er  war
ein  humorvoller,  jovialer  Herr  von  lebhaftem  Geist,  dazu  ein  —  ausgezeichneter
  Weinkenner!  Später  hat  er  mich  oft  in  Urville  besucht
und  ist  dabei  gelegentlich  mit  meiner  Familie  photographiert  worden.
Wohl  daraus  ist  die  Fama  entstanden,  er  sei  —  Beichtvater  meiner
verewigten  Frau  gewesen!

Zum  00.  Geburtstage  meines  Großvaters  kam  unter  anderen
Würdenträgern  auch  der  einflußreiche  Kardinal  Galimberti  im  Auftrage
  Papst  Leos  XIII.  nach  Berlin;  er  war  damals  stellvertretender
Staatssekretär.  Als  Sekretär  der  Kongregation  für  außerordentliche
geistliche  Angelegenhekten,  in  der  auch  die  kirchenpolitischen  erhandlungen
  mit  Preußen  bearbeitet  wurden,  hatte  er,  persönlich
ein  großer  Berehrer  des  Fürsten  Bismarck,  sein  Möglichstes  getan,
  um  die  Versöhnung  zwischen  Rom  und  Berlin  herbeizuführen.
Bei  seinem  Besuch  hat  seine  eindrucksvolle  Persönlichkeit  mit  den
südländisch  blitzenden  Augen  mir  und  allen  andern  hervorragend

gefallen;  was  er  sagte,  zeugte  von  großer  Klugheit  und  Uberlegenheit.


250
        <pb n="272" />
        Das  waren  alles  Männer,  die  eine  ganz  andere  Staatsgesinnung
besaßen  als  die  führenden  Kreise  in  unserem  Zentrum.  Diese  zeigten
sich  in  den  Zeiten,  von  denen  ich  eben  gesprochen  habe,  als  der  Kulturkampf
  abgebaut  und  die  Bersöhnung  zwischen  der  Kurie  und  dem
preußischen  Staate  vollendet  wurde,  völlig  intransigent  und  wirklich
päpstlicher  als  der  Bapst.  Man  konnte  damals  oft  die  Frage  hören,
ob  Windthorst  oder  Leo  Xlll.  Papst  sei,  und  es  erleben,  daß  die  Frage
zugunsten  des  ersteren  beantwortet  wurde.  Mir  persönlich  war  es
damals  eine  Greude  und  Genugtuung,  daß  Männer  wie  Kopp  und
andere  katholische  Würdenträger  mich  mehrfach  aufsuchten  und  mit
rückhaltloser  Offenheit  mir  ihr  Bertrauen  schenkten.  Es  ist  mir,  wie
ich  meinem  Onkel  Hohenlohe  einmal  stolz  mitteilen  konnte,  auch  verschiedene
  Male  möglich  gewesen,  die  Wünsche  dieser  Männer  weiterzugeben
  und  erfolgreich  für  ihre  Erfüllung  zu  sorgen.  So  ist  es  zu
meiner  wahrhaften  Freude  meiner  bescheidenen  Kraft  vergönnt  gewesen,
  zu  einem  kleinen  Teile  an  dem  friedlichen  Abschluß  des  verhängnisvollen
  Streites  mitzuwirken.

VI.

England  und  meine  dortigen  Verwandten  habe  ich  in  diesen  Jahren
ebenso  oft,  wenn  nicht  häufiger,  besucht  als  in  den  Tagen  meiner
Kindheit.  Einmal  bin  ich  auch  mit  meinen  Eltern  zusammen  auf
einige  Tage  Gast  des  Prinzen  von  Wales  in  Marlborough  House
in  London  gewesen.  Mein  Oheim  war  ein  äußerst  liebenswürdiger
Gastgeber,  und  die  Prinzessin  von  Wales,  damals  eine  große  Schönheit,
  stand  ihm  in  der  reizendsten  Weise  zur  Seite.  Ich  benutzte
den  Aufenthalt,  um  die  Galerien,  Museen  und  Sammlungen  in
London,  wie  das  British  Museum,  die  National  Gallery,  die  Wallace
  Collection  aufzusuchen,  mich  an  den  Kunstschätzen  zu  erfreuen
und  zu  bilden.  Auch  einige  Malerateliers  habe  ich  besichtigt,  vor
allem  das  Atelier  Alma-Tademas,  der  den  Adel  und  die  harmo-251
        <pb n="273" />
        nische  Schönheit  der  griechischen  Antike  trefflich  wiederzugeben  verstand.
Nebenbei  sei  erwähnt,  daß  die  damaligen  drei  Hauptvertreter  der
britischen  Malerei  der  Friese  Alma-Tadema,  der  Bayer  Herkomer
und  der  Franzose  Sir  John  Millais  waren.  Auch  die  schöne  Um—
gegend  Londons  konnte  ich  bewundern,  wenn  ich  Richmond,  Hampton
Court,  Kewgarden  und  die  großen  Treibhausanlagen  von  Mr.  Veitch
besichtigte.

Bei  einem  meiner  Besuche  in  London  nahm  ich  Gelegenheit,  dem
großen  englischen  Staatsmann  und  Premierminister  Lord  Beaconsfield
(Disraeli)  meine  Aufwartung  im  Foreign  Office  zu  machen.  Er  war
ein  sehr  hoch  aufgeschossener,  breitschulteriger  Mann  mit  auffallend
langen  Beinen.  Sein  Gesicht  war  farblos,  aschfahl,  fast  wächsern,
sein  Haar  pechschwarz  und  gelockt,  ein  kleines  Spitzbärtchen  zierte
das  Kinn,  über  dem  ein  schmaler  Mund  wie  ein  feiner  Messerschnitt
im  Gesicht  stand.  Seine  Augen  waren  schwer  zu  erkennen,  da  er
beim  Hören  wie  beim  Sprechen  seinen  Partner  niemals  direkt  ansah.
Ein  bestimmter  Ausdruck  dieses  maskengleichen  Antlitzes  war  nicht
wahrnehmbar,  als  Gesamteindruck  blieb  jedoch:  klug  und  kalt  berechnend.
  Im  übrigen  verfügte  er  über  sehr  gewandte,  ich  möchte  fast
sagen  geschmeidige  Umgangsformen.  Bald  darauf  konnte  ich  ihn  in
Windsor  in  seinem  Verkehr  mit  meiner  Großmutter  beobachten,  der
er  bekanntlich  den  Titel  „Kalserin  von  Indien“  errungen  hatte.  Da
die  Königin  stets  leise  zu  sprechen  pflegte  und  verhältnismäßig  klein
war,  mußte  sich  der  riesige  Mann  so  tief  zu  ihr  herabbeugen,  daß
sein  Körper  fast  im  rechten  Winkel  zu  stehen  kam.  Hierbei  legte  er
eine  Unterwürfigkeit  seiner  Königin  gegenüber  an  den  Tag,  die  keinen
angenehmen  Eindruck  machte.  Mich  wunderte  es  sehr,  daß  der
PBremier  in  so  hoher  Gunst  bei  meiner  Großmutter  stand,  da  mir
bekannt  war,  daß  die  Königin  gerades,  offenes  Auftreten  liebte  und
jeder  Art  zur  Schau  getragener  Unterwürfigkeit  abhold  war.  Die

252
        <pb n="274" />
        unbestreitbar  großen  Verdienste  Disraelis  mußte  sie  aber  so  hoch
angeschlagen  haben,  daß  es  ihr  möglich  war,  über  solche  Eigenschaften

hinwegzusehen.
#

In  hohem  Maße  anregend  war  es  steis  für  mich,  das  ungemein
lebhafte  Interesse  der  Engländer  am  Sport,  um  den  man  sich  damals  in
Deutschland  noch  gar  nicht  bekümmerte,  zu  beobachten.  Recht  bezeichnend
waren  in  dieser  Beziehung  meine  Erlebnisse  bei  einem  großen  sportlichen
  Ereignis,  dem  berühmten  Kricket-Match  zwischen  Eton  und
Harrow,  das  sich  neben  der  Oxrford=  und  Cambridge-Regatta  zu  einem
englischen  Nationalfest  entwickelt  hatte.  Die  Anteilnahme  der  Zuschauer
  war  außerordentlich  stark.  Alle  Anwesenden  trugen  —  die
Herren  im  Knopfloch,  die  Damen  an  den  Hüten  —  Schleifen  mit
dem  Hellblau  der  einen  oder  dem  Dunkelblau  der  anderen  Bartei.
Eine  lebhafte  alte  Dame,  die  hinter  mir  auf  einem  Stuhl  stand,  bemerkte
  mein  Interesse  für  das  Spiel  und  zugleich,  daß  ich  ein
Fremder  war.  Sie  lud  mich  ein,  einen  neben  ihr  stehenden  leeren
Stuhl  zu  besteigen  und  belehrte  mich  mit  erstaunlicher  Sachkenntnis
über  die  beteiligten  Personen  und  die  einzelnen  Bhasen  des  Spiels.
Plötzlich  fiel  ihr  auf,  daß  ich  kein  Band,  weder  ein  hell=  noch  ein
dunkelblaues,  in  meinem  Knopfloch  hatte,  und  sie  half  diesem  Mangel
dadurch  ab,  daß  sie  kurz  entschlossen  ein  Stück  ihres  Hutbandes  abschnitt
  und  mir  ins  Knopfloch  praktizierte.  Als  ich  sie  fragte,  welche
Partei  diese  Farbe  führe,  antwortete  sie:  „Eton  of  coursel  Now
you  look  a  full-blown  gentleman,  voung  man.  Before,  you  were
only  half  one')  !“  Ich  bedankte  mich  höflich  und  nahm  schließlich
herzlichen  Abschied  von  meiner  „Wohltäterin“.

k  *  36

*)  „Eton  natürlich!  Jetzt  sehen  Ste  erst  wie  eln  ganzer  Gentleman  aus,  funger
Mann!  Vorher  waren  Ste  nur  ein  halber!“

273
        <pb n="275" />
        Im  Oktober  /  November  1880  weilte  ich  gleichzeitig  mit  meiner
Braut  in  Cumberland  Lodge,  Windsor  Park,  bei  meinem  Onkel  und
meiner  Tante  Christian  von  Holstein.  Dieser  Besuch  war  durch  Vermittlung
  meiner  Mutter  eigens  so  eingerichtet  worden,  damit  wir  Gelegenheit
  bekämen,  uns  auszusprechen  und  uns  näher  kennen  zu  lernen.
Von  Cumberland  Lodge  aus  waren  wir  mehrfach  allein  oder  im
Verein  mit  meinem  Onkel  und  meiner  Tante  Christian  als  Gäste
meiner  Großmutter  in  Windsor  Castle.  Zu  meiner  innigen  Freude
übertrug  die  Königin  ihre  Liebe  und  Freundlichkeit  zu  mir  auch  auf
meine  Braut,  mit  deren  Mutter  sie  übrigens  befreundet  war.  Dies
gute  Berhältnis  zwischen  den  beiden  hohen  Frauen  hat  bis  zum
Tode  der  Königin  unverändert  angedauert.

Ein  Theaterbesuch,  den  ich  damals  mit  meiner  Braut  machte,
ist  mir  wegen  des  großen  Schauspfelers  Sir  Henry  Irving,  den
wir  sahen,  unvergeßlich  geblieben.  Das  Stück  hieß  „Ihe  Corsican
Brothers“  und  handelte  von  Zwillingsbrüdern,  deren  einer  in  Paris
im  Duell  fällt  und  seinen  Tod  durch  seine  Erschefnung  dem  Bruder
in  Korsika  anzeigt,  worauf  letzterer  nach  Paris  fährt  und  des  Bruders
Tod  an  seinem  Gegner  rächt.  Sir  Henry  Irving  spielte  beide
Rollen  mit  vollendeter  Meisterschaft  und  hielt  sein  Bublikum  bis  zum
Schluß  in  höchster  Spannung.  Es  war  eine  schauspielerische  Leistung,
die  mir  efnen  nachhaltigen  Eindruck  gemacht  hat.

--Die

  meisten  Erlebnisse  meines  damaligen  Besuchs  in  England
sind,  soweit  sie  erwähnenswert  sind,  militärischer  oder  maritimer
Natur.  So  besuchte  ich  einmal  unter  Führung  meines  Oheims,
des  Herzogs  von  Connaught,  das  Lager  von  Aldershot.  Ich  nahm
am  Abendessen  des  Offizierkorps  der  0Oth  KRilles  teil,  wobek  die
Herren  alle  außerordentlich  freundlich  und  entgegenkommend  zu  mir
waren,  so  daß  ich  mich  in  ihrem  Kreise  sehr  wohl  gefühlt  habe.  Die
Haltung  des  Offizierkorps  war  von  größter  Musterhaftigkest,  diese

274
        <pb n="276" />
        zeigte  sich  auch  in  der  Unterhaltung,  die  stets  in  gedämpftem  Ton
geführt  wurde.  Einen  tiefen  Eindruck  machte  es  auf  mich,  als  am
Schluß  der  Wahlzeit  sich  alle  Anwesenden  erhoben,  der  Regimentskommandeur
  das  Wohl  der  Königin  mit  den  Worten:  „Her  Majesty
the  Queen!“  ausbrachte,  und  alle  Herren,  ein  jeder  für  sich,  wiederholten:
  „Ihe  Queen!“)  die  meisten  setzten  dem  noch  hinzu:  „God
bless  her!“,  und  dann  leerten  wir  in  feierlicher  Stille  die  Gläser.
So  gedachte  in  würdiger  und  eindrucksvoller  Weise  am  Schluß  des
Tages  der  britische  Offizier  seines  Herrschers.

Ein  anderer  Oheim  von  mir,  der  General  Prinz  Eduard  von
Weimar,  lud  mich  auf  einen  Tag  zu  Besuch  nach  Poresmouth  ein,
wo  er  garnisonierte.  Ich  verbrachte  in  seinem  gastlichen  Hause  angenehme
  Stunden,  die  durch  Besuche  von  Kasernen  und  militärischen
Anlagen  sowie  der  Werft  unterbrochen  wurden.  Auf  letzterer  habe
ich  unter  anderen  Schiffsneubauten  auch  die  Panzerschiffe  „Inflexible“
und  „Dreadnought“  besichtigt“).  Die  „Inflexible“,  ein  sogenanntes
Zitadellschiff  mit  11  400  Tonnen  Wasserverdrängung,  damals  das
stärkste  Banzerschiff  der  britischen  Flotte,  wurde  später  unter  dem
Kommando  des  Kapitäns  Fisher,  des  nachmaligen  berühmten
Admirals,  der  Mittelmeerflotte  zugeteilt.  Auch  das  die  Reede  verteidigende,
  auf  der  äußersten  Spitze  einer  langen  Sandbank  aus
schweren  Granitquadern  erbaute  Spitfort  habe  ich  damals  in  Augenschein

  genommen.  6

Ein  andermal  bot  sich  mir  die  Möglichkeikt,  ein  Bataillon  der
Scots  Guards,  das  unter  dem  Kommando  des  Obersten  Moncrieff
in  Windsor  in  Garnison  stand  und  die  zahlreichen  Wachen  in  dem
ausgedehnten  Windsor  Castile  besetzen  mußte,  zu  besuchen.  Das
Kasernement  der  Mannschaften  war  sehr  einfach,  man  kann  sagen,
spartanisch,  in  den  Stuben  herrschte  musterhafte  Ordnung  und  pein-*)

  Vgl.  Anhang  Nr.  6.

255
        <pb n="277" />
        liche  Sauberkeit.  Uber  dem  Kopfende  eines  seden  Bettes  waren
auf  einem  Regal  mehrere  Röcke,  sorgfältig  zusammengefaltet,  niedergelegt.
  Auf  meine  Frage,  wieviel  Garnituren  für  jeden  Mann  vorhanden
  seien,  erhielt  ich  zunächst  keine  Auskunft,  da  es  das  Wort
„Garnitur“  im  englischen  Militäridiom  nicht  gibt.  Schließlich  bekam
ich  heraus,  daß  jeder  Mann  alle  zwei  Jahre  einen  neuen  Nock  bekam,
  der  ihm  persönlich  angemessen  wurde.  Die  ausrangierten  Röcke
wurden  Eigentum  der  Leute,  die  sie  außer  Dienst  weitertrugen  oder
auch  verkaufen  konnten.  Kammern  mit  Garnituren  und  Reservestücken
  wie  bei  uns  gab  es  damals  nicht.  Das  rote  Tuch  der  Uniform
war  von  ausgezeichneter  Qualität  und  der  Sitz  seden  Rocks,  da  genau
  nach  Maß  gearbeitet,  wie  angegossen,  wozu  der  schlanke,  fast
hüftenlose  Körperbau  der  Briten  das  Seine  beitrug.  Ich  bin  der
Meinung,  daß  die  englische  Vorkriegsarmee  in  ihren  schönen  Friedensuniformen
  die  bestgekleidete  der  Welt  war.

Ich  wurde  auch  eingeladen,  die  Kaserne,  die  von  einem  Teil  der
First  Lifeguards  belegt  war,  zu  besuchen  und  Neitabteklungen  derselben
  zu  besichtigen.  Die  ausgesucht  schönen  und  großen  Leute  boten
auf  ihren  Rappen  ein  treffliches  reiterliches  Bild.  Die  gesamte  Reitdressur
  des  Regiments  lag  in  der  Hand  eines  sogenannten  „Ridingmasters“,
  die  Leutnants  hatten  mit  der  Dressur  nichts  zu  tun.  Die
Ridingmasters  waren  besonders  zur  Pferdedressur  veranlagte,  aus  den
unteren  Chargen  hervorgegangene  Leute,  die  es  nicht  selten  bis  zum
Kapitän  (Rittmetster)  brachten,  ohne  aus  dem  betreffenden  Regitment
  selbst  stammen  zu  müssen.  Der  von  mir  bei  den  First  Lifeguards
  gesehene  Ridingmaster  war  ein  schon  angegrauter  Herr  und
trug  Ulanenuniform.  Den  Schluß  der  Besichtigung  bildete  elne  von
den  Mannschaften  im  Paradeanzug  mit  angefaßter  indischer  Bambuslanze
  gerittene  Quadrille  nach  der  Musik,  „musical  ride“  genannt,
die  ohne  Kommando  fehlerlos  ausgeführt  wurde.  Ubrigens  hatte
schon  damals  das  Polospiel  derart  überhand  genommen,  daß  mir  ein
256
        <pb n="278" />
        Schwadronschef  seufzend  erklärte,  es  sei  sehr  schwer,  die  jungen  Herren
dazu  anzuhalten,  eine  erhebliche  Summe  an  ein  tüchtiges  Chargenpferd
  für  den  Frontgebrauch  zu  wenden,  da  sie  fast  alles  Geld  in
ihre  Bolo-Ponps  steckten,  von  denen  die  meisten  ungefähr  ein  halbes

Dutzend  hätten.

Sehr  oft  bin  ich  sowohl  bei  der  Königin  wie  auch  anderswo
dem  Better  meiner  Großmutter,  Herzog  Georg  von  Cambridge,  begegnet,
  der  mich  ebenfalls  immer  ganz  verwandtschaftlich  behandelt
hat.  Ich  blickte  mit  Ehrfurcht  zu  der  imposanten  Gestalt  des  Herzogs
empor,  der  schon  im  Krimkrieg  mitgekämpft  hatte  und  setzt  Oberkommandierender
  des  englischen  Heeres  war.  Er  hegte  eine  warme
Verehrung  für  meinen  Großvater,  der  seinerseits  ihm  in  treuer
Freundschaft  zugetan  war  und  seine  militärischen  Anlagen  sehr  hoch
einschätzte.  Der  Herzog  war  von  Natur  außerordentlich  heftig,  und
wenn  ihm  die  Galle  überlief,  bediente  er  sich  stets  sehr  starker  Ausdrücke,
  meinte  es  aber  weder  so,  noch  wußte  er  die  Tragweite  seiner
Worte  zu  erkennen.  Zahllos  waren  die  Anekdoten,  die  darüber  in
der  Armee  im  Umlauf  waren,  hier  eine  zur  Brobe.  Bei  einem
Manöver  in  Aldershot  war  dem  Herzog  das  laute  Schimpfen  der
Offiziere  aufgefallen.  Um  dieses  Betragen  zu  rügen,  versammelte
er  am  Schluß  der  Ubung  die  Offiziere  um  sich  und  fuhr  sie  zornsprühend
  an:  „I  beard  a  lot  of  swearing  going  on.  I  wont  have
this  d-ed  swearing  anymore.  Who,  the  devil,  gentlemen,  ever
heard  me  swear!?)“

#  *  t

Im  Mai  1887  erhielt  ich  von  meinem  Großvater  den  Befehl,
ihn  bei  dem  90  ährigen  Krönungsjubiläum  der  Königin  Bictoria

*)  „Ich  habe  fürchterlich  viel  fluchen  gehört.  Ich  will  dies  verdammte  Eluchen
nicht  mehr  haben!  Wer  zum  Teufel,  meine  Herren,  hat  mich  schon  einmal  fluchen
gehört?“

17  Aus  meinem  Leben  257
        <pb n="279" />
        am  21.  Juni  in  London  zu  vertreten,  da  mein  erkrankter  Vater  der
Schonung  bedurfte  und  deshalb  nur  inoffiziell  an  den  Feierlichkeiten
teilnehmen  konnte.  Neben  meinem  persönlichen  Adjutanten,  dem  Freiherrn
  v.  Bissing,  wurden  mir  Generalleutnant  v.  Hahnke  und  Oberstleutnant
  v.  Kessel  attachiert.

Mit  Genehmigung  meines  Großvaters  schiffte  ich  mich  an  Bord
des  Flottillenfahrzeugs  „Blitz“  der  Torpedobootsflottille  unter  dem
damaligen  Kapitän  z.  S.  Tirpitz  ein,  die  nach  England  mitgehende
erste  Division  der  Flottille  kommandierte  mein  Bruder  Heinrich  als
Chef.  Wir  liefen  bei  schönstem  Wetter  nachts  über  die  Nordsee  und
erreichten  am  frühen  Morgen  das  englische  Festland.  Ein  herrlicher
Sommertag  brach  an,  als  wir  die  Küste  entlang  auf  die  Themsemündung
  zu  dampften.

Bei  Loweskoft  nahmen  wir  einen  englischen  Themselotsen,  er  war
ein  prächtiger  jovialer  Mann,  der  über  alle  Schiffahrtsverhältnisse
bereitwillig  Auskunft  gab.  Das  Meer  war  sehr  belebt,  wir  passierten
außer  zahlreichen  Fischerfahrzeugen  vornehmlich  leere  Kohlendampfer,
die  Kurs  nach  Newcastle  hatten.  Bekanntlich  muß  das  Handelsschiff,
  wenn  es  einem  Kriegsschiff  begegnet,  seine  Nationalflagge  setzen
und  grüßen.  Als  eine  Anzahl  jener  Kohlendampfer  es  versäumte,
ihre  Flagge  zu  zeigen,  brach  unser  über  diese  Nichtachtung  sehr  erboster
  Lotse,  mit  der  Faust  nach  den  Dampfern  drohend,  in  zornige
Worte  aus.  Dagegen  erfreute  ihn  unsere  im  Kielwasser  des  „Blitz“
in  bester  Marschformation  folgende  Torpedobootsdivision  ungemein,
und  er  gab  seinem  Erstaunen  darüber,  daß  so  kleine  Schiffe  es
wagten,  über  die  Nordsee  zu  fahren,  unverhohlen  Ausdruck,  wobei
er  sich  in  Worten  der  Bewunderung  nicht  genugtun  konnte.  Es
war  in  der  Tat  das  erstemal,  daß  eine  Torpedobootsdivision  in  geschlossenem
  Verbande  die  Nordsee  überquert  hatte,  man  war  damals
noch  der  Meinung,  daß  Torpedoboote  wohl  zur  Küstenverteidigung,
nicht  aber  auf  der  hohen  See  gebraucht  werden  könnten.  Als  wir

258
        <pb n="280" />
        später  voneinander  Abschied  nahmen,  schüttelte  mir  der  brave  Lotse
kräftig  die  Hand  und  sagte  voller  Herzlichkeit:  „I  am  proud  to  have
piloted  the  eldest  grandson  of  my  beloved  Queen  to  Gravesend
to  take  part  in  the  Jubily  festivities  of  his  grandmother  *).“

Die  Fahrt  die  Themse  hinauf  war  bei  dem  starken  Schiffsverkehr
höchst  abwechslungsreich  und  fesselnd.  Wir  ankerten  bei  Gravesend,
während  die  von  Kapitän  Tirpitz  entlassene  Torpedobootsdivision  schon
vorher  nach  Sheerneß  gelaufen  war  und  dort  kameradschaftliche  Aufnahme
  durch  die  englischen  Marinebehörden,  insbesondere  den  Stationschef,
  gefunden  hatte.  Später  erzählte  mir  mein  Bruder,  daß  auch
das  Erstaunen  der  Seeoffiziere  in  Sheerneß  über  die  Leistung  der
Torpedobootsdivision  groß  gewesen  sei.  Nach  einigen  Stunden
Wartens  in  Gravesend  schiffte  ich  mich  aus,  um  in  Begleitung  von
Sir  Howard  Elphinstone  als  Ehrendienst  im  Extrazug  nach  London
zu  fahren.  In  Spencer  House,  das  uns  während  der  Festlichkeiten  als
Wohnung  zur  Verfügung  gestellt  worden  war,  traf  ich  mit  meiner
Frau  zusammen,  die  mit  unserem  ältesten  Sohne  über  Blissingen
gereist  war.  Der  kleine  Brinz  Wilhelm  war  der  einzige  Urenkel  der
Königin,  der  bei  ihrem  Jubiläum  anwesend  war.

*

Der  englische  Hof  hatte  fast  drei  Jahrzehnte  lang  infolge  der  seit
dem  Tode  des  Prince-Consort  von  der  Königin  geübten  völligen
Zurückgezogenheit  keine  Feste  mehr  veranstaltet.  Die  Beamten  waren
daher  für  die  vielseitigen  Aufgaben  des  Regierungsjubiläums  nicht
recht  vorgeschult,  und  Mißverständnisse  und  kleine  Reibungen,  die  durch
unvorhergesehene  Anderungen  hervorgerufen  wurden,  unvermeidlich.
Daß  es  so  kommen  werde,  prophezeite  uns  bereits  der  zu  meiner
Frau  kommandierte  Generaladjutant  der  Königin,  General  Me  Neill.

*)  Ich  bin  stolz  darauf,  den  ältesten  Enkel  meiner  geliebten  Königin  zur
Teilnahme  an  den  Jubiläumsfelerlichkeiten  selner  Großmutter  nach  Gravesend  gelotst

  zu  haben.“
17*  259
        <pb n="281" />
        Er  war  ein  mit  schlagfertigem  Witz  begabter  Schotte,  der  allen  Dingen
die  komische  Seite  abzugewinnen  verstand,  aber  niemals  ein  Wort  mehr
als  nötig  sprach.  Als  wir  am  ersten  Abend  nach  unserer  Ankunft
im  Rauchzimmer  behaglich  versammelt  waren  und  die  bevorstehenden
festlichen  Ereignisse  besprachen,  holte  General  v.  Hahnke  ein  für  die
Festlichkeiten  gedrucktes  Buch  mit  Instruktionen  hervor  und  begann  den
Abschnitt  für  den  nächsten  Tag  zu  studieren.  Als  General  Me  Neill
dies  bemerkte,  klopfte  er  ihm  auf  die  Schulter  und  sagte  dazu:  „My
dear  Hankey,  if  you  intend  to  go  by  this  bock,  you  will  always
be  wrong,  for  everything  will  either  be  changed  or  has  already
been  changed.“*)

Mc  Neills  Voraussagen  haben  sich  zu  einem  nicht  geringen  Tell
bewahrheitet.  3.  B.  war  uns  für  das  Bankett  nach  dem  großen
Hofball  die  Zeichnung  für  die  Sitzordnung  an  ovalen  Tischen  auf
die  Zimmer  gelegt  worden.  Als  ich  aber  auf  dem  Hofball  im  Gespräch
  mit  einem  der  Zeremonienmeister  Lord  Mount  Edgecumbe,
einem  Freund  meiner  Mutter,  der  eine  ihrer  Brautsungfern  geheiratet
hatte,  zufällig  die  Sitzordnung  erwähnte,  kündigte  er  mir  an,  daß
statt  der  ovalen  Tische  ein  offenes  Biereck  vorgesehen  sei.  Ein  hinzukommender
  jüngerer  Zeremonienmelster  griff  das  Thema  auf  und
fragte  mich,  ob  ich  etwas  von  Mathematik  verstünde.  Als  ich  das
kühn  befahte,  bemerkte  er  freundlich:  „Dann  rechnen  Sie  sich  einmal
aus,  wohin  Sie  bei  der  Verwandlung  von  x  ovalen  Tischen  in
ein  offenes  Viereck  zu  sitzen  kommen!“  Das  Ergebnis  meiner  mathematischen
  Berechnungen  beförderte  mich  an  die  Seite  der  dunkelhäutigen
  Schwester  des  Königs  Kala  Kaua  von  Hawat)  sie  unterhielt
  sich  mit  mir  angelegentlich  in  gutem  Englisch,  vornehmlich  über
den  Besuch  ihres  Bruders  bei  uns  in  Potsdam.  Indes  vermochten

*7)  „Mein  lleber  Hahnke,  wenn  Ste  dle  Absicht  haben,  sich  nach  diesem  Buch
zu  richten,  so  werden  Sie  stets  fehlgehen.  Denn  alles  wird  entweder  geändert
werden  oder  ist  berelts  geändert  worden!“

260
        <pb n="282" />
        die  kleinen  Zwischenfälle  den  Gesamteindruck  dieser  einzigartigen  Jublläumsfeier
  nicht  zu  stören.

Bei  der  stattlichen  Zahl  der  geladenen  VFürstlichkeiten,  die  sämtlich
  im  Schloß  der  Königin  unterzubringen  unmöglich  war,  mußte
die  Gastfreundschaft  des  britischen  Hofstaates  ausgiebig  in  Anspruch
genommen  werden.  So  wurden  meine  Gemahlin  und  ich  zunächst
bei  Lord  Cadogan  untergebracht.  Unter  seinen  weiteren  Gästen  befand
  sich  eine  äußerst  interessante,  lebhafte  und  anregende  Dame,  die
einmal  meine  Tischnachbarin  wurde.  Es  war  Lady  Maria  Ailesbury,
die  in  ihrer  Zugend  noch  die  Krönung  meiner  Großmutter  miterlebt
hatte.  Als  ich,  mit  28  Jahren  der  Jüngste  aus  der  Gesellschaft,  bestimmt
  wurde,  sie,  die  Alteste,  zu  Tisch  zu  führen,  war  allgemeines
Erstaunen.  Bei  der  Tafel  erwies  sich  diese  Anordnung  entgegen  der
Erwartung  als  für  mich  höchst  ergötzlich,  und  ich  wurde  gleich  meinem
Schwager,  dem  Erbprinzen  von  Meiningen,  der  der  Lady  zur  Rechten
saß,  von  ihrer  geistvollen,  mit  kleinen  Bosheiten  gepfefferten  Unterhaltung
  in  höchstem  Grade  gefesselt.  In  sprühendem  Durcheinander
schilderte  sse  uns  höfische  und  gesellschaftliche  Ereignisse  aus  der
Regierungszeit  meiner  Großmutter,  wobei  sie  derart  treffende  und
witzige  Charakteristiken  entwarf,  daß  wir  aus  dem  Lachen  nicht
herauskamen.  Der  Erfolg  war,  daß  die  gesamte  Tischgesellschaft
ihre  eigene  Konversation  einstellte,  mit  neidischen  Blicken  nach  uns
hinüberschaute  und  an  den  Konfidenzen  der  Ladp  Ailesbury  teilzunehmen
  versuchte.  «

Ein  anderes  Mal  waren  wir  bei  Mr.  Goschen  zu  Tisch,  der
später  einer  der  hervorragendsten  Marineminister  Englands  wurde.
Er  stammte  aus  dem  bekannten  Berlagshause  Göschen  in  Leipzig,
das  er  häufig  zu  besuchen  pflegte,  er  sprach  daher  ebenso  wie  seine
Kinder  fließend  Deutsch  und  bediente  sich  den  Herren  und  Damen
unseres  Gefolges  gegenüber  aus  Höflichkeit  dieser  Sprache.  Unter
seinen  Tischgästen  traf  ich  Lord  Lytton  (Bulwer),  einen  Sohn  des

261
        <pb n="283" />
        berühmten  Verfassers  der  „Letzten  Tage  von  Bompesi“,  die  ich  einst
mit  heller  Begeisterung  gelesen  hatte.  Auch  der  Herzog  von  Manchester
  war  anwesend,  der  als  Schwager  von  General  v.  Alten
ein  stets  gern  gesehener  Gast  am  Berliner  Hofe  war)  ich  hatte  ihn
zum  ersten  Male  bei  der  von  meinem  Vater  kommandierten  PBarade
des  II.  Armeekorps  1869  bei  Stargard  gesehen.  Noch  oft  habe  ich
dankbar  an  diesen  anregenden  Abend  unter  dem  gastfreien  Dache
Mr.  Goschens  zurückdenken  müssen.
-#

Gewaltig  war  der  Eindruck  am  Jubiläumstage,  als  die  Königin
in  offenem  Wagen,  eskortiert  von  der  Gardekavallerie  und  einer
Ehrenwache  indischer  Reiter,  durch  die  in  einen  Fahnenwald  verwandelten,
  mit  Girlanden  und  Teppichen  über  und  über  geschmückten
Straßen  Londons  von  Buckingham  Palace  nach  Westminster  Abben
fuhr.  Brausender,  nicht  endenwollender  Jubel  ihrer  aus  ganz  England
  und  aus  allen  Teilen  des  großen  britischen  Weltreichs  zusammengeströmten
  Untertanen  grüßte  die  Königin.  Vor  ihrem  Wagen  ritten
wir,  ihre  Söhne,  ihre  Enkel,  die  Gatten  von  Enkelinnen  und  ihre
Schwiegersöhne,  im  ganzen  32  Fürsten.  Besonders  die  hohe  Gestalt
meines  Baters  in  seiner  Pasewalker  Kürassieruniform  zog  aller  Blicke
auf  sich,  „ein  wahrer  Kriegsgott  anzuschauen“.  Es  sollte  das  letztemal
  sein,  daß  ich  ihn  hoch  zu  Roß  sahl!  Tief  ergreifend  war  der
Gottesdienst  in  der  wundervollen  Westminster  Abbey,  bei  dem  der
ganze  Pomp  der  anglikanischen  Kirche  entfaltet  wurde.  Am  Schluß
der  Feierlichkeit  huldigten  wir  alle  der  Königin,  indem  wir  einzeln
zum  Handkuß  herantraten,  den  sie  mit  herzlicher  Umarmung  erwiderte.
Dieser  Tag  gab  uns  allen  einen  überwältigenden  Eindruck  von  der
Macht  und  Ausdehnung  des  Britischen  Imperiums.

Meine  Großmutter  ließ  in  der  Folge  ein  großes  Bild  von  der
Geier  in  Westminster  Abbey  malen  und  schenkte  mir  später  einen

danach  angefertigten  schönen  Stich,  ich  habe  khn  unter  Glas  und
262
        <pb n="284" />
        Rahmen  im  Treppenhaus  meiner  „Hohenzollern“  aufhängen  lassen,
wo  er  die  Freude  aller  englischen  Besucher  erregte.
3

Als  meine  Gemahlin  und  ich  uns  am  Schluß  der  Feierlichkeiten
bei  der  Königin  verabschiedeten,  überraschte  sie  uns  damtt,  daß  sie
uns  ihre  Dampfyacht  für  die  Uberfahrt  nach  Blissingen  zur  Verfügung
  stellte.  Der  englische  Ehrendienst  begleitete  uns  nach  Port
Victoria,  wo  wir  uns  einschifften.  Der  Abschied  bot  General  Me  Neill
noch  einmal  Gelegenheit,  eine  Probe  seines  Humors  zu  geben.  Alsdie
  Oberhofmeisterin  meiner  Frau,  Gräfin  Brockdorff,  den  General
im  Hinblick  auf  die  Nachtfahrt  sehr  besorgt  fragte,  ob  das  Schiff
auch  seetüchtig  sei,  erwiderte  er  prompt:  „Not  in  the  least,  ma'am,
she  has  no  watertight  rompartmems.  If  you  have  a  ccllision,  down
you  80  like  a  bandbox!  No  time  for  crying  Help'l“#)Die  arme
Gräfin  Brockdorff  soll  infolgedessen  die  ganze  Nacht  über  kein  Auge
zugetan  haben.

VII.

Aus  meinen  früheren  Darlegungen  geht  bereits  zur  Genüge  hervor,
  daß  ich  eine  besondere  Passion  für  die  Marine  hatte.  Sie  entstammte
  wohl  nicht  zum  geringsten  Teil  meinem  von  müntterlicher  Seite
herrührenden  englischen  Blut.  Mehrfache  Besuche  in  Seebädern,  wie
z.  B.  in  Wyk  auf  Föhr,  in  Norderney  und  in  Scheveningen,  trugen
neben  den  Besuchen  in  England  zur  Belebung  dieser  Vorliebe  bei.
Ich  habe  darüber  in  den  Kapiteln  über  meine  Kindheit  und  Jugend
an  den  betreffenden  Stellen  ausführlich  gesprochen.

In  späteren  Jahren  habe  ich  mich  mehrfach  bemüht,  sowohl  im
Ersten  Garderegiment  zu  Fuß  wie  bei  den  Garde-Husaren  das  Inter-*)

  Nicht  im  geringsten,  Madamel  Es  hat  keine  wasserdichten  Schotten!
Wenn  Sie  einen  Zusammenstoß  haben,  gehen  Sie  unter  wie  eine  Bugzschachtel,  bevor
  Sie  Hilfe  rufen  können!“

263
        <pb n="285" />
        esse  für  die  Kaiserliche  Marine  durch  Vorträge  zu  wecken  und  zu
entwickeln.  So  habe  ich  z.  B.  über  Schiffstppen,  über  die  Geschwaderübungen,
  an  denen  ich  fast  alljährlich  teilnahm,  über  die  Flotteninspizierung
  meines  Baters  1880,  über  die  Flottenschau  in  Spithead,
der  ich  im  Juni  1887  beigewohnt  habe,  sowie  auch  einmal  über  Seeminen
  und  Fischtorpedos  gesprochen,  diese  Waffe  begann  damals  die
Aufmerksamkett  auf  sich  zu  lenken.  Selbstverständlich  war  die  Wirkungsmöglichkeit
  meiner  Bemühungen  an  sich  nur  beschränkt,  auch  der  „Widerstand
  der  stumpfen  Welt“  so  schnell  und  so  leicht  nicht  zu  besiegen.
Erst  später  war  es  mir  beschieden,  mit  der  Kraft  „jenes  Glaubens,
der  sich,  stets  erhöhter,  bald  kühn  hervordrängt,  bald  geduldig  schmiegt“,
mein  Bolk  zur  Tat  mit  fortzureißen.
*

Im  Juli  1881  wurde  meinem  Großvater  der  bevorstehende  Besuch
der  britischen  Reserveflotte  unter  dem  Kommando  meines  Oheims,  des
Herzogs  von  Edinburgh,  angezeigt.  Kiel  wurde  zum  Ankerplatz  bestimmt,
  und  ich  erhielt  von  meinem  Großvater  den  Auftrag,  in  seiner
Bertretung  den  Herzog  zu  empfangen  und  zu  bewirten.  Voller  Freude
reiste  ich  nach  Kiel  und  wurde  dort  in  der  liebenswürdigsten  Weise
von  Helnrich  im  Schloß  aufgenommen,  wo  er  inzwischen  sein  Quartier
  aufgeschlagen  hatte.

Auf  der  Kieler  Förde  im  Außenhafen  lagen  nach  meiner  Erinnerung
  „Breußen“,  „Friedrich  der  Große“,  „Grkedrich  Karl“  und
„Kronprinz“  vor  Anker.  Am  nächsten  Vormittag  lief  das  aus  noch  vollgetakelten
  Banzerschiffen  bestehende  englische  Reservegeschwader  unter
Führung  des  Herzogs  von  Edinburgh  in  Kiellinie  ein  und  machte
an  den  Bosen  fest,  das  Flaggschiff  „Hercules“  kam  gerade  dem  Schloß
gegenüber  zu  liegen.

Nach  Austausch  der  Salute  und  offiziellen  Begrüßungen  von  seiten
der  Marinebehörden  fuhr  ich  an  Bord  des  „Hercules“  und  bewillkommnete
  dort  namens  meines  Großvaters  meinen  Oheim.  Im  An-204
        <pb n="286" />
        schluß  daran  forderte  der  Herzog  mich  zu  einem  Rundgang  durch  sein
Flaggschiff  auf,  ein  verbessertes  und  verlängertes  Modell  unserer  Kaiser—
klasse,  das  von  Kapitän  Heneage,  seinem  Flaggkapitän  und  Stabschef,
  kommandiert  wurde.  Dann  fuhr  ich  die  stattliche  Reihe  der
englischen  Schiffe  entlang,  um  sie  mir  näher  anzusehen.  Die  Typen
waren  sehr  verschieden.  Am  längsten  und  schönsten  war  das  Linien—
schiff  „Warrior“,  das  erste  und  älteste  gepanzerte  Kriegsschiff  der  bri—
tischen  Marine.  Die  Namen  der  übrigen  Schiffe  des  Geschwaders
waren  „Hercules'  (Elaggschiff),  „Hector“,  „Baliant",  „  Defence“,
„Repulse“,  „Benelope“  und  „Lord  Warden".  Einige  waren  noch  als
Zwei=  oder  Dreidecker  gebaut  und  später  durch  „Rasieren“  der  oberen
Batterien  und  Auflegen  von  Platten  auf  die  Schiffssekten  zu  Panzerschiffen
  umgewandelt  worden.  Der  Gesamteindruck  des  Geschwaders
war  aber  großartig  und  sehr  ansprechend,  da  sämtliche  Schiffe  vollgetakelt
  waren.  Mit  Wohlgefallen  ruhte  das  Auge  des  Beschauers
auf  den  himmelhohen  Masten  und  den  gewaltigen  Rahen.

Der  Herzog  von  Edinburgh  hatte  außer  seinem  Flaggschiff  eine
hübsch  eingerichtete  Dampfpacht  „Lively“  zur  Verfügung,  die  neben
dem  „Hercules“  verankert  war,  sie  wurde  von  Commander  Le  Strange
kommandiert.  An  Bord  der  Bacht  befand  sich  als  Gast  der  berühmte
englische  Operettenkomponist  Sir  Arthur  Sullivan,  dessen  reizende
Stücke  „H.  M.  S.  Binafore“  und  besonders  der  „Mikado“  über  alle
Bühnen  gegangen  sind.  Nach  den  kleinen  Brivatdiners,  die  Heinrich
und  ich  bei  unserem  Onkel  an  Bord  seiner  Bacht  einnahmen,  pflegte
Sullivan  sich  häufig  ans  Klavier  zu  setzen  und  uns  aus  seinen  Kompositionen
  vorzuspielen.

Am  Abend  gaben  Heinrich  und  ich  unserem  Oheim  und  seinen
Kommandanten  im  Auftrage  unseres  Großvaters  ein  Bankett,  bei
dem  Heinrich  und  der  Herzog  Trinksprüche  wechselten.  Nach  Tisch
machte  der  Herzog  mich  mit  seinen  Kommandanten  näher  bekannt,

unter  denen  sich  auch  ein  riesengroßer  Herr  mit  blaurotem  Gesicht
265
        <pb n="287" />
        und  einer  in  allen  Farben  schillernden  Pontacnase  befand.  Der  Unglückliche
  hatte  es  auf  der  Herfahrt,  wie  mein  Oheim  mir  erzählte,
fertig  bekommen,  am  hellen  lichten  Tage  sein  Schiff  bei  dem  damals
noch  englischen  Helgoland  auf  eine  Sandbank  zu  setzen,  was  ihm
einen  gründlichen  Rüffel  des  Herzogs  eingetragen  hatte.  Dieser  Herr
leistete  sich  im  Laufe  des  Gesprächs  einen  ebenso  guten  wie  unfrei—
willigen  Witz.  Er  erzählte  nämlich,  sie  seien  außerhalb  Kiels  einer
deutschen  Fregatte  begegnet  und  fragte  beiläufig,  wie  sie  wohl  geheißen
habe.  Auf  die  Antwort,Blücher“  erwiderte  der  Captain  nach  längerer
Uberlegung:  „Oh,  I  suppose  vou  mean  Bluker!  Thar  is  the  name
of  the  celebrated  BHeldmarshall,  isn't  it?“  —  „Ves.“)  —  Zunächst  Bause.
Und  dann:  „Well,  1  suppose  the  fine  old  warrior  is  dead  now!71“8  2)
Es  war  wirklich  schwer,  diese  einfache  Frage  in  salonfähiger  Form
zu  beantworten!

Der  Verkehr  zwischen  den  deutschen  und  britischen  Offfzieren  war
in  jeder  Beziehung  herzlich  und  kameradschaftlich,  das  kam  besonders
bei  einem  gelungenen  Gartenfest  in  Bellevue  zum  Ausdruck.  Nicht
anders  war  das  Verhältnis  zwischen  den  Mannschaften.  Man  sah
die  britischen  Matrosen,  die  der  „Naval  Reserve“  angehörten  und  daher
  bereits  älteren  Jahrgangs  waren,  mit  ihren  deutschen  Kameraden
vergnügt  zu  Fuß  und  zu  Wagen  umherstreifen.  Zu  heiteren  Zwischenfällen
  kam  es  immer,  wenn  solche  Gruppen  deutschen  oder  englischen
Seeoffizkeren  begegneten  und  unsere  Matrosen  sich  vom  Arm  der
englischen  Kameraden  bösten,  um  Front  zu  machen.  Da  dsese  Art  der
Ehrenbezeugung  in  England  unbebannt  ist,  pflegte  dann  gewöhnlich
aus  den  Reihen  der  britischen  Kameraden  die  erstaunte  Frage  zu
kommen:  „Heallo,  jack,  why  do  you  heave  to7“  („Hallo,  Jack,
warum  drehst  du  bei“)

*)  „Oh,  Sie  melnen  vermutlich  Bluker  (engl.  Aussprache  für  Blücher)!  So
heißt  doch  der  berühmte  Feldmarschall,  nicht  wahr?“  —  „Jawohll!"
)„Schön!  Sopiel  ich  welß,  ist  dieser  prächtige  alte  Held  doch  wohl  berelts  tot71H

266
        <pb n="288" />
        Da  dem  Stationschef  von  Kiel,  dem  hochverdienten  Admiral
Batsch,  von  seiner  eigenen  Dienstzeit  in  der  englischen  Marine  her
das  Verhalten  der  englischen  Mannschaften  auf  Landurlaub  nur  zu
wohl  bekannt  war,  hatte  er  die  Hafenwache  reichlich  mit  Stroh  versehen
  lassen.  Auf  die  daraus  gefertigten  Lagerstätten  wurden  die
aus  den  Kneipen  gebrachten  „Leichen"  schiffsweise  geordnet  niedergelegt,
um  dann  stündlich  von  den  bereitgehaltenen  Dampfbarkassen  auf  ihre
Schiffe  gebracht  zu  werden,  so  waren  diese  der  Sorge  für  ihre  auf
Urlaub  gegangenen  Mannschaften  enthoben.  Das  britische  Geschwader
begrüßte  diese  Neuerung,  die  die  Engländer  bisher  in  keinem  anderen
Hafen  der  Welt  erfahren  hatten,  und  die  von  deutscher  Voraussicht
und  Gründlichkeit  zeugte,  mit  anerkennendem  Danke.  Eine  Anzahl
Mannschaften  kehrte  übrigens  von  ihren  Auöflügen  nicht  wieder,
sondern  benutzte  die  Gelegenheit  zur  Desertion.

Ich  selbst  hatte  unfreiwillig  Gelegenheft,  mich  von  dem  Treiben
der  englischen  Matrosen  zu  überzeugen.  Am  Abend  vor  dem  Auslaufen
  des  Geschwaders  bevölkerten  nämlich  die  von  ihrem  letzten
Abschied  heimkehrenden  Urlauber  in  reichlich  angeheitertem  Zustand
und  so  zahlreich  die  Landungsstege,  daß  der  Herzog  es  für  notwendig
hielt,  uns  mit  seinem  Adjutanten  CKommander  Le  Strange  persfönlich
  an  Land  zu  bringen.  Wir  stiegen  an  der  „Schloßbrücke“  aus,
und  der  Herzog  sah  sich  genötigt,  uns  persönlich  durch  die  lärmende
  Masse  hindurchzugeleiten,  was  unter  dem  Schutze  seiner
Admfralsuniform  auch  gelang.  Trotzdem  bamen  wir  mehrmals  in
Gefahr,  von  den  schwankenden  Gestalten  ins  Wasser  gedrängt  zu
werden.

Nach  fünf=  oder  sechstägigem  Aufenthalt,  der  in  jeder  Beziehung
harmonisch  verlief,  lichteten  unsere  englischen  Gäste  wieder  die  Anker.
Am  Morgen  der  Abfahrt  schiffte  ich  mich  auf  der  „Grille“  ein,  um
mit  vier  weiteren  Schiffen  dem  britischen  Geschwader  das  Geleit  bis
ins  offene  Meer  zu  geben,  während  Heinrich  an  Bord  des  „Her-267
        <pb n="289" />
        cules“  mit  nach  England  hinüberfuhr.  Auf  der  „Grille“  befand  sich
mit  seinem  Flaggleutnant  der  Geschwaderchef  Admiral  v.  Wickede,
der  in  seiner  Jugend  unter  Tegetthoff  die  Schlacht  bei  Lissa  mitgemacht
  hatte.  Die  „Grille“  lief  den  vier  deutschen  Geleitschiffen
voraus,  und  vor  der  Kieler  Bucht  erwarteten  wir  in  Kiellinie,  die
„Grille“  an  Backbord  querab  vom  Flaggschiff  „Eriedrich  Karl“,  das
an  der  Spitze  stand,  unsere  Gäste.  Bald  darauf  führte  der  Herzog
sein  Geschwader  in  Kiellinte  aus  der  Förde  heraus  und  formierte
Doppelkolonne  an  Backbord  von  uns,  jede  Kolonne  zu  vier  Schiffen
querab  voneinander.  Beide  Geschwader  dampften  nun  nebeneinander
her,  wobei  der  Herzog  verschiedene  Schwenkungen  und  Wendungen
machen  ließ.  Zum  Schluß  führte  er  uns  das  Manöver  vor,  das  in
der  britischen  Flotte  „Griciron“  genannt  wurde.  Die  beiden  Kolonnen
  drehten  nach  innen  aufeinander  zu,  dampften  durcheinander  durch
und  stellten  dann  durch  Wendung  auf  den  alten  Kurs  die  Doppelkolonne
  wieder  her,  für  den  Laien  könnte  man  dieses  Manöver  am
besten  mit  der  Française  oder  dem  Kontertanz  vergleichen.  Nach  dem
Abschiedssalut  des  deutschen  Geschwaders  schwenkte  Admiral  v.  Wickede
auf  Gegenkurs,  indem  er  seine  Schiffe  an  der  Steuerbordkolonne  des
britischen  Geschwaders  entlang  führte.  Unsere  Mannschaften  enterten
auf,  und  während  das  Signal  „Leben  Sie  wohl,  glückliche  Reise“
von  unseren  Schiffen  wehte,  brausten  zu  den  ebenfalls  aufgeenterten
britischen  Kameraden  drei  Hurras  hinüber,  die  von  diesen  kräftig  erwidert
  wurden.

Bald  darauf  bemerkten  wir,  daß  das  Schlußischiff  des  britischen
Geschwaders  achteraus  sackte,  d.  h.  seine  Position  nicht  innehalten
konnte,  und  Signale  gab,  die  Maschine  mußte  eine  Havarie  haben.
Mit  Blitzesschnelle  bedeckte  das  Schiff  sich  mit  einer  großen  Masse
Segelleinwand,  und  das  Schiff  fuhr  nun  unter  Segel  weiter.  Es
war  das  letzte  Panzerschiff,  das  ich  unter  vollen  Segeln  gesehen  habe.

7##

208
        <pb n="290" />
        Im  Jahre  1884  lud  mich  der  neue  Marineminister,  General
v.  Caprivi,  ein,  an  den  Ubungen  der  Glotte  bei  Zoppot  teilzunehmen.
Mein  Großvater  bewilligte  mir  Urlaub,  und  ich  erhielt  die  Erlaubnis,
  an  Bord  des  in  Kiel  als  Wachtschiff  liegenden  Banzerkreuzers
„Hansa“  (Kapitän  zur  See  Becks)  nach  Zoppot  zu  fahren.  Die  Uberfahrt
  war  außerordentlich  stürmisch,  die  .Hansa“  schlingerte  lebhaft,
und  ich  hatte  daher  eine  böse  Nacht  zu  überstehen.  Caprivi  kam  bei  Hela
an  Bord,  und  wir  fuhren  nun  die  Linie  der  in  der  Bucht  von
Zoppot  verankerten  Schiffe  entlang,  die  das  gesamte  kn  Dienst  befindliche
  Materkal  bis  zu  den  Schulschiffsbriggs  hinunter  darstellten.
Auch  einige  der  ersten  Torpedobootsmodelle  waren  dabet  vertreten,
ebenso  die  Küstenverteidigungskanonenboote  der  ü„Brummer“-Klasse
mit  se  einem  schweren  Geschütz.  Das  Ganze  stand  unter  dem  Kommando
  des  Admirals  Graf  Monts,  der  seine  Flagge  auf  S.  M.  S.
„Baden"  gesetzt  hatte.  Beim  Essen,  das  General  v.  Caprivi  auf
dem  Flaggschiff  gab,  traf  ich  den  Flügeladjutanten  meines  Großvaters,
  Oberstleutnant  v.  Blessen,  der  von  seinem  alten  Bekannten,
Kapitän  zur  See  Tirpitz,  zu  der  Flottenschau  eingeladen  war,  um  dem
Kasser  Bericht  zu  erstatten.  Es  fanden  Inspizierungen  von  Schiffen
teils  unter  Segel,  teils  unter  Dampf  statt,  sowie  Gefechtsübungen
und  eine  große  Landungsübung  bel  Gdingen,  bei  der  die  Ersten  Leibhusaren
  aus  Danzig  den  Feind  abgaben.  «

Tirpitz,  dem  damals  das  Torpedowesen  unterstand,  hatte  ein  Gefechtsbild
  ausgearbektet,  das  das  Herankommen  von  Torpedobooten
unter  dem  Schutz  des  Nauches  der  feuernden  Schfffe  darstellen  sollte.
S.  M.  S.  „Hansa“  war  als  Zielobsekt  ausersehen,  die  Ubung  sollte
„gehelm“  sein.  Caprivi,  Plessen  und  wir  anderen  Zuschauer  befanden
uns  an  Bord  der  „Grille“  und  harrten  gespannt  der  Dinge,  die  da
kommen  sollten.  Die  Erwartung  wurde  noch  dadurch  erhöht,  daß
neben  dem  großen  Schausptel  sich  ein  kleineres,  aber  nicht  weniger
interessantes  abrollen  sollte.  Durch  die  Geheimpolizei  war  nämlich

269
        <pb n="291" />
        gemeldet  worden,  der  Konsul  einer  fremden  Macht  in  Danzig  habe  die
Absicht,  bei  den  Ubungen  zu  spiontkeren.  Daher  waren  alle  Patrouillenboote
  auf  diesen  Herrn  besonders  aufmerksam  gemacht  worden,  als  dessen
Kennzeichen  ein  hoher  grauer  Zplinder  angegeben  war.  Endlich  begann
die  „Hansa“  mit  donnernden  Brettseiten  sich  in  dichten  Bulverdampf  zu
hüllen,  während  im  Kanal  von  Neufahrwasser  die  Rauchwolken  der  herannahenden
  Torpedoboote  sichtbar  wurden.  Die  Spannung  wuchs.  Da
plötzlich  rief  Tirpitz,  indem  er  nach  achtern  zeigte:  „Da  ist  der  Kerll“
Alle  Augen  fuhren  herum,  und  wahrhaftig,  nicht  weit  vom  Heck  der
„Grille“  entfernt,  war  ein  Ruderboot  zu  sehen,  in  dem  ein  älterer
Herr  mit  einem  hohen  grauen  Iplinder  saß.  Sofort  erging  das
Kommando:  „Binassen  gleich  das  Boot  an  die  „Grille“  heranschleppen!“
  Wie  die  Habichte  stürzten  sich  mehrere  Dampfpinassen
auf  das  Ruderboot,  legten  neben  ihm  an  und  begannen  lebhafte
Unterhandlungen  mit  den  Insassen.  Aber  vergeblich  erwarteten  wir,
daß  der  Spion  als  Beute  eingebracht  wurde,  denn  wenige  Minuten
später  kehrten  die  Pinassen  ohne  das  Fahrzeug  und  ohne  den  „Kerl“
zurück.  Ein  Kadett,  der  die  eine  Pinasse  kommandiert  hatte,  überreichte
dem  gleich  uns  allen  sehr  befremdeten  Kapitän  Tirpitz  nichts  als  einen
Zettel.  Da  entspannten  sich  plötzlich  dessen  Züge,  und  der  höchst  unerwartete
  Ausruf  „Mein  Bater!“  machte  der  allgemelnen  Aufregung
ein  Ende.  Kein  Spion,  kein  Konsul  und  kein  „Kerl“,  sondern  Tirpitz“
eigener  Bater  war  der  Herr  im  grauen  Zylinder!  Den  Zettel,  den
er  in  der  Hand  hielt,  hatte  er  persönlich  mit  seiner  Namensunterschrift
als  Passterschein  ausgestellt!

Inzwischen  hatten  die  Torpedoboote  die  „Hansa“  „suppontert  torpedsert“.


##

Im  Jahre  1884  wurde  endlich  ein  alter  Wunsch  erfüllt,  den
mir  die  Liebe  zur  See  und  zur  Marine  eingegeben  hatte:  Seebilder
malen  zu  lernen.  Der  funge  Maler  Karl  Saltzmann,  ein  Berliner

270
        <pb n="292" />
        Kind,  hatte  die  Aufmerksamkeit  meiner  Mutter  durch  sein  prachtvolles
  Bild,  das  die  Einfahrt  des  Kolberger  Hafens  im  Sturm  dar—
stellte,  auf  sich  gelenkt,  sie  bewirkte  dessen  Ankauf  durch  meinen  Großvater,
  der  es  in  seinen  Gemächern  im  Schloß  zu  Wiesbaden  aufhängen
  ließ.  Als  mein  Bruder  seine  zweijährige  Weltreise  an  Bord
S.  M.  S.  „Prinz  Adalbert“  antrat,  veranlaßte  meine  Wutter,  daß
Saltzmann  ihn  begleitete.  Er  brachte  auch  reiches  Material  an  Seizzen,
Zeichnungen  und  Bildern  mit  zurück  und  malte  das  eindrucksvolle
Bild  von  S.  M.  S.  „Brinz  Adalbert“  in  dem  schweren  Taifun,  der
dem  Schiff  fast  den  Untergang  gebracht  hätte.  Zu  Beginn  meiner
Regierungszeit  fand  es  seinen  Blatz  im  Sternensaal  des  Berliner
Schlosses.  Nach  der  Rückkehr  meines  Bruders  von  seiner  zweiten
größeren  Seereise  an  Bord  S.  M.  S.  „Olga"  1884  wohnte  er  eine
Zeitlang  in  der  Villa  Liegnitz  zu  Botsdam,  wo  er  Malunterricht
bei  Saltzmann  nahm.  Diese  Gelegenheit  ließ  ich  mir  nicht  entgehen,
sondern  nahm  schnell  entschlossen  an  dem  Unterricht  mit  meinem  Bruder
teil.  Ich  habe  es  wahrlich  nicht  bereut.

Was  ich  von  Saltzmann  lernte,  waren  in  erster  Linie  die  Hauptgrundsätze,
  nach  denen  der  Maler  die  Natur  betrachten  muß,  die  Kenntnis
  der  Stelle,  an  die  im  allgemeinen  der  Horizont  hinzulegen  ist,  der
Ubergang  von  den  kräftigen  Tönen  des  Vordergrundes  zu  den  zarteren
in  der  Nähe  des  Horizontes  usw.  Ferner  erklärte  er  uns  den  „Bau“,
gewissermaßen  die  „Konstruktion“  einer  Welle  im  großen  wie  auch
ihre  Einzelheften,  und  gewöhnte  uns  daran,  die  Wasserfläche  auf  ihre
Beeinflussung  durch  den  Wind  zu  studieren.  Dazu  trat  die  Unterweisung
  in  den  Gesetzen  der  Farbenmischung  und  der  Farbengebung.
Da  ich  ja  nicht  die  Absicht  hatte,  ein  ausübender  Künstler  zu  werden,
so  benutzte  ich  den  Unterricht  bei  Saltzmann  vor  allem  dazu,  um
einen  Einblick  in  die  von  einem  Landschafter  zu  lösenden  Aufgaben
und  ihre  Schwierlgkeiten  zu  gewinnen  und  die  Anwendung  der  technischen
  Hilfsmittel  kennen  zu  lernen.  Indem  ich  mich  so  beschränkte,

271
        <pb n="293" />
        habe  ich  dem  Unterricht  wohl  den  für  meine  Verhältnisse  größtmöglichen
  Nutzen  abgewonnen.

Die  Malstunden  waren  um  so  anregender,  als  der  Künstler  bei
allen  Anweisungen  seinem  köstlichen  Berliner  Humor  die  Zügel  schießen
ließ  und  dadurch  den  an  sich  schon  höchst  interessanten  Unterricht  noch
schmackhafter  machte.  Auf  den  späteren  alljährlichen  Sommerreisen
nach  dem  Norden  war  Saltzmann  mir  ein  stets  treuer,  lustiger  Begleiter,
  der  die  gesamte  Reisegesellschaft  durch  seine  Scherze  zu  unterhalten
  wußte,  ohne  dank  seines  ungemein  liebenswürdigen  und  feinen
Herzenstaktes  jemals  verletzend  zu  wirken.

In  seiner  Kunst  besaß  Saltzmann  das  seltene  Talent,  mit  großer
Schnelligkeit  in  Ol  nach  der  Natur  zu  seizzieren,  genau  so,  wie
andere  in  Agquarell,  aber  trotz  seines  raschen  Malens  erwiesen  sich
diese  Skizzen  als  berests  sehr  gut  im  Detail  durchgeführt.  Ich  habe
auf  einer  Nordlandfahrt  einmal  eines  Abends  von  9  bis  11  Uhr  auf
dem  Heck  meiner  Vacht  neben  ihm  gesessen  und  die  Gewandtheit  bewundern
  können,  mit  der  er  den  Fjord,  in  dem  wir  ankerten,  mit
seinen  ihn  umgebenden  gewaltigen  Bergen  in  zwei  Stunden  in  Ol
auf  die  Leinwand  warf,  es  war  eigentlich  schon  ein  fertiges  Bild,
obwohl  er  es  als  Skizze  bezeichnete.  Das  nach  dieser  von  mir  bestellte
  große  Olbild  ließ  ich  in  einem  Zimmer  des  Berliner  Schlosses
aufhängen.  ·

J

Im  Februar  1885  erteilte  mir  mein  Großvater  den  ehrenvollen
Auftrag,  ihn  bei  dem  Stapellauf  einer  Korvette  in  Kiel  zu  ver—
treten  und  diese  in  seinem  Namen  nach  seiner  Schwester,  der  ver—

witweten  Großherzogin  von  Mecklenburg-Schwerin  „Alexandrine“
zu  taufen.

#
Im  Juni  1887  fand  die  Grundsteinlegung  zum  Katser-Wilhelm-Kanal
  durch  melnen  Großvater  bei  Holtenau  statt.  Ich  war  schon
272
        <pb n="294" />
        am  Tage  vor  der  Feier  zu  meinem  Bruder  gefahren  und  konnte  in
Kiel  die  letzten  Vorbereitungen,  die  Stadt  und  Marine  zum  würdigen
Empfang  des  Kaisers  trafen,  mitansehen.  Die  Schiffe  lagen  an
den  Bojen,  Dampfbarkassen  fuhren  geschäftig  hin  und  her,  Tribünen
umgaben  den  Festplatz,  Kiel  und  Holtenau  hatten  sich  in  einen  Wald
von  Flaggen  gehüllt.  Da  die  Admiralität  die  Kosten  für  die  Indienststellung
  der  eigens  für  Repräsentationszwecke  erbauten  Bacht  „Hohenzollern“
  nicht  verantworten  zu  können  glaubte,  hatte  sie  den  Radaviso
  „Bommerania“  für  den  Kaiser  herrichten  lassen.

Am  folgenden  Tage  traf  mein  Großnvater  bei  schönstem  Wetter  in
Kiel  ein.  Auf  dem  Platz  vor  dem  Bahnhof  begrüßte  ihn  das  Offizierkorps
  der  Marine  mit  drei  donnernden  Hurras.  Den  Ehrendienst
versah  der  Flügeladjutant  des  Kaisers  und  gleichzeitige  Hofmarschall
meines  Bruders,  Kapitän  z.  S.  Frhr.  v.  Seckendorff,  er  war  der
erste  Seeoffizier,  der  die  Schnüre  meines  Großvaters  getragen  hat.
Auf  dem  Festplatz  in  Holtenau  hielt  mein  Großvater  eine  seiner
packenden  Reden,  die  tiefen  Eindruck  auf  die  Anwesenden  machte.
Am  Schluß  der  Feier  schiffte  der  Kaiser  sich  mit  uns  und  seinem
Gefolge  an  Bord  der  „Bommeranka“  ein.  Von  der  Torpedoboots-=division
  meines  Bruders  geleitet,  dampfte  sie  langsam  die  im  Hafen
vor  Anker  liegenden  Schiffe  entlang,  die  über  die  Toppen  geflaggt
hatten,  salutierten  und,  sowett  sie  noch  Takelage  besaßen,  die  Mannschaften
  auf  den  Rahen  stehen  hatten.  Die  Hurras  der  Mannschaften
wurden  an  Land  von  dem  zahlreich  versammelten  BDublikum  stürmisch
aufgenommen.  Alles  befand  sich  in  gehobener  Stimmung.

Für  mich  sollte  der  Tag  noch  eine  besonders  große  Freude  bringen.
Bei  der  Abfahrt  auf  dem  Bahnhof  war  ich  bereits  mit  den  Herren
Seiner  Mafestät  in  ihr  Abteil  gestiegen  und  hatte  mich  an  das
Fenster  gestellt.  Als  mein  Großvater  sich  von  meinem  Bruder  verabschtedete,
  schlen  es  mir,  als  ob  dieser  ihm  noch  etwas  vortrug.

Plötzlich  richtete  mein  Großvater  sein  Auge  auf  mich,  sah  mich  freund-18

  Aus  meinem  Leben  273
        <pb n="295" />
        lich  an,  nickte,  als  Heinrich  fertig  war,  zustimmend  mit  dem  Kopf
und  winkte  mich  heraus.  Als  ich  salutierend  vor  ihm  stand,  sagte
der  Kaiser  zu  mir:  Heinrich  hätte  ihm  soeben  gemeldet,  ich  hätte  ein
so  großes  Interesse  und  Verständnis  für  die  Marine,  daß  das  zwischen
ihr  und  mir  bestehende  Band  auch  äußerlich  erkennbar  sein  müsse.
Nach  den  schönen  Eindrücken  des  heutigen  Tages  sei  er  besonders
gern  bereit,  diesen  Wunsch  zu  erfüllen,  den  ich  gewiß  auch  in  meinem
Innern  hegte.  Daher  stellte  er  mich  hiermit  à  la  suite  des  I.  Seebataillons!
  Ich  war  von  Freude  und  Uberraschung  völlig  überwältigt!
Heinrich  fiel  mir  um  den  Hals  und  drückte  mich  dergestalt  an  seine
Brust,  daß  mir  fast  der  Atem  ausging,  und  die  zur  Verabschiedung
anwesenden  höheren  Seeoffiziere,  die  die  Worte  meines  Großvaters
vernommen  hatten,  reichten  mir  voller  Freude  die  Hand.

Nachdem  ich  noch  einmal  mit  bewegten  Worten  meinem  Großvater
  meinen  Dank  ausgesprochen  hatte,  zog  ich  mich  wieder  in  das
Abteil  zurück,  in  dem  die  Generaladsutanten  mit  dem  Kriegsminister
General  Bronsart  v.  Schellendorff  Platz  genommen  hatten.  Auf  die
Frage  Generals  v.  Albedyll,  was  sich  denn  so  Erfreuliches  auf  dem
Bahnhof  abgespielt  habe,  meldete  ich  thm  die  empfangene  Auszeichnung,
  worauf  er  mir  mit  herzlichem  Glückwunsch  die  Hand
schüttelte.  Auch  seine  Kollegen  gratulierten  mir  aufs  wärmste.  Nur
General  v.  Bronsart  las  in  einem  Aktenstück,  ohne  sich  um  den  Vorgang
  zu  bekümmern.  Als  ich  auch  ihm  meine  Meldung  machte,  sah
er  mich  über  den  Kneifer  hinweg  an  und  sagte  nur  mit  kühler  Gleichgültigkeit:
  „Sol  Na,  Sie  sollen  sich  ja  für  dergleichen  Dinge  interessieren,
  und  setzte  seine  Lektüre  fort.

General  v.  Bronsart  gehörte  zu  der  Gruppe  älterer  preußtischer
Generale,  denen  das  Verständnis  für  die  Fragen  der  Seegeltung  und
einer  starken  Marine  durchaus  abging.  Sie  betrachteten  diese  als  ein
Anhängsel  der  Armee  und  das  für  sie  ausgegebene  Geld  als  der
Armee  widerrechtlich  entzogen.  Diese  Einstellung  war  mir  an  sich

274
        <pb n="296" />
        nicht  fremd.  Aber  angesichts  seiner  eben  so  kraß  bewiesenen  Interesselosigkeit
  für  die  Marine  konnte  ich  es  mir  doch  nicht  versagen,
den  Kriegsminister  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Marine  die  ebenbürtige
  Schwesterwaffe  der  Armee  sei  und  die  Ehre  der  deutschen
Flagge  im  Auslande  vertrete,  es  wäre,  sagte  ich,  meines  Erachtens
durchaus  an  der  Zeit,  daß  auch  die  Armee  ein  Interesse  an  „dergleichen
  Dingen“  nähme.  Sprach's  und  verließ  das  Abteil.

An  dem  mangelnden  Verständnis  der  Armee  für  die  Marine  trug
vielleicht  auch  die  eigenartige  Entwicklung  des  Offizierkorps  der  alten
preußischen  Marine  schuld.  Dieses  war  im  Vergleich  zu  der  Armee
besonders  dadurch  zurückgeblieben,  daß  die  Kommandanten  der  Schiffe
großenteils  aus  der  Handelsmarine  übernommene  Schiffskapitäne
waren  („Stürkes",  =  Steuerleute,  genannt).  Diese  verstanden  alles,
was  zur  Navigation,  zum  Segelmanöver  und  zur  Seemannschaft  gehörte,
  vortrefflich,  konnten  aber  nur  wenig  von  dem  wissen,  was  von
einem  Offizier  und  einem  Offizierkorps  gefordert  werden  mußte.  Sie
waren  daher  selten  in  der  Lage,  Seeoffizkere  auszubilden  oder  Offizierkorps
  zu  lekten.  Bei  der  Vergrößerung  der  alten  preußischen  Marine
fehlte  es  vollkommen  an  einem  Marineoffizierkorps,  die  wenigen  auf
eigenen  Antrag  in  die  englische  Marine  abkommandierten  preußischen
Offiziere,  wie  z.  B.  Admiral  Graf  Waldersee,  vermochten  daran  nichts
zu  ändern.  Es  wäre  zweifellos  richtiger  gewesen,  nach  dem  Vorbild
  der  alten  britischen  Marine,  die  auf  jedem  größeren  Kriegsschiff
einen  für  das  Seemännische  verantwortlichen  „sailingmaster“  hatte,
die  „Stürkes“  als  solche  mit  Verantwortung  für  Navigation  usw.
auf  die  Schiffe  zu  kommandieren,  während  man  als  Kommandanten
schneidige  ältere  Kavallerieoffiziere,  für  die  Arkillerie  Artillerieoffiziere
und  für  inneren  Dienst,  Disziplin  und  Drill  Infanterieoffiziere  hätte
nehmen  müssen.  Auf  diese  Weise  hätte  schnell  ein  homogenes,  in  sich
straff  gegliedertes  Seeoffizkerkorps  geschaffen  werden  können,  das  zudem
  eine  Innige  Wechselwirkung  mit  der  Armee  gepflegt  hätte.  Dann

18*  275
        <pb n="297" />
        wäre  auch  eine  Auffassung  wie  die  des  Generals  Bronsark  v.  Schellendorff

  kaum  möglich  gewesen.
r

Im  Juni  desselben  Jahres  habe  ich  die  Marine-Infanterleuniform
in  England  bei  dem  Krönungsfubiläum  meiner  Großmutter,  bei  der
Glottenschau  auf  der  Reede  von  Spithead  und  bei  einem  großen
Empfang  der  Stadt  London  tragen  können.  Im  September  erwies
mein  Großvater  meiner  Frau  die  Ehre,  daß  sie  die  in  Kiel  vom
Stapel  laufende  Korvette  auf  ihren  Namen  „Brinzeß  Wilhelm“
taufen  durfte.

VIII.

Dem  Geiste  des  Bündnisses  zwischen  Deutschland  und  Österreich-Ungarn
  entsprechend,  waren  sich  auch  die  jüngeren  Mitglieder  der
Häuser  Hohenzollern  und  Habsburg  nähergetreten.  Mit  dem  Kronprinzen
  Rudolf  war  ich,  wie  geschildert,  seinerzeit  anläßlich  der  Wiener
Weltausstellung  bekannt  geworden  und  hatte  seitdem  mit  ihm  gute
Kameradschaft  zu  unterhalten  gesucht.  Er  war  eine  anregende,  kluge
und  in  ihrer  frischen  Lebhaftigkeit  fesselnde  Matur,  voll  sprudelnden
Humors,  freilich  auch  nicht  ohne  eine  recht  beträchtliche  satirische  Ader.
Wir  waren  beide  große  Naturfreunde  und  auch  der  Jagdleidenschaft
ergeben,  Rudolf  war  zudem  ein  kenntnisreicher  Zoologe,  speziell  Ornithologe.
  Zu  meinem  Leidwesen  mußte  ich  aber  im  Laufe  der  Jahre
bemerken,  daß  er  es  mit  der  Religion  nicht  eben  ernst  nahm,  und
es  war  mir  schmerzlich,  wenn  mein  Kamerad  auch  über  die  Kirche
und  Geistlichkeit  wie  über  den  schlichten  Glauben  des  Kandvolks  die
Lauge  seines  spöttelnden  Witzes  ausgoß.  Auch  andere  Charakterschwächen
  konnten  mir  nicht  verborgen  bleiben,  und  so  kam  es,  daß
mein  ursprüngliches  Vertrauen  schwand  und  daß  wir  mit  der  Zeit
mehr  und  mehr  auseinander  gerteten.  Hinzu  trat,  daß  ich  allmählich
erkennen  mußte,  wie  wenig  der  Kronprinz  innerlich  dem  neuen  Deut-276
        <pb n="298" />
        schen  Reiche  und  dem  Zweibunde  geneigt  war,  vor  allem  die  Idee  des
Preußentums  war  ihm  in  der  Seele  verhaßt.  Aus  allen  diesen  Gründen
wurden  unsere  Beziehungen  kühler  und  schließlich  auf  beiden  Seiten
lediglich  unter  dem  Gesichtspunkt  politischer  Notwendigkeiten  gepflegt.

Mein  Verhältnis  zu  Kaiser  Franz  Josef  ist  dagegen  immer  außerordentlich
  eng  und  herzlich  gewesen.  Ich  darf  wohl  sagen,  daß  ich
vom  Kaiser  fast  wie  sein  eigener  Sohn  behandelt  wurde  ich  wiederum
blickte  vom  ersten  Tage  unserer  Bekanntschaft  an  zu  dem  Berbündeten
  meines  Großvaters  und  Baters  mit  der  Berehrung  und  Liebe
auf,  welche  die  ehrwürdige  Bersönlichkeit  eines  solchen  Greises  der
Jugend  abfordern  muß.  Der  alte  Kaiser  war  für  mich  ein  leuchtendes
  Borbild  in  der  Ergebung  und  Glaubensfestigkeit,  mit  der  er  alle
schweren  Schicksalsschläge  trug,  und  in  seinem  geradezu  sprichwörtlichen
  Bflichtgefühl,  mit  dem  er  rastlos  für  das  Wohl  seiner  Völker
arbeltete.  Die  Art  meiner  Beziehungen  zu  Kaiser  Franz  Josef  ist
keinem  Wandel  unterworfen  gewesen.  Ich  habe  den  edlen  Herrscher
in  Ehrfurcht  stets  als  meinen  väterlichen  Freund  angesehen,  und  es
bestand  zwischen  uns  über  alle  Zeiten  hinweg  ein  inniges  Verhältnis
gegensektigen  BVertrauens,  das  bis  zur  Stunde  gewährt  hat,  da  er
sein  Haupt  im  Tode  neigte.

Kaiser  Franz  Josef,  der  auch  Bate  meines  ältesten  Sohnes  war,
zeichnete  von  Anfang  an  meine  Frau  mit  besonderer  Liebenswürdigkeit
  aus,  die  die  ganze  Rltterlichkeit  seines  vornehmen  Wesens
zur  Geltung  brachte.  Als  mein  Sohn  großfährig  wurde,  ließ  der
hohe  Pate  es  sich  nicht  nehmen,  persönlich  zu  erscheinen,  um  seine
Glückwünsche  zu  überbringen.  Als  ein  rührender  Zug  sei  erwähnt,
daß,  als  beim  Mittagsmahl  meine  Frau  dem  Kaiser  das  „Du“  antrug,
  das  bisher  noch  nicht  gebraucht  worden  war,  der  hohe  Herr
mir  sogleich  von  dieser  „Ehrung“,  wie  er  es  nannte,  Kenntnis  gab.
Es  muß  dem  des  einzigen  Sohnes  und  seiner  Gattin  beraubten  Katser

hoch  angerechnet  werden,  daß  er  sich  zu  diesem  Besuch  verstanden
277
        <pb n="299" />
        hatte,  wo  ihn  das  Bild  der  von  einer  Schar  blühender  Kinder  umgebenen
  glücklichen  Eltern  nur  um  so  schmerzlicher  an  seinen  herben
Verlust  erinnern  mußte.  ·
Auch  bei  einem  anderen  kleinen  Vorfall  offenbarte  sich  die  rührende
Güte  und  feine  politesse  de  cceur  des  ritterlichen  alten  Herrn.  Ich
hatte  mit  meiner  Gemahlin  und  meiner  Tochter  Biktoria  Luise  in
Schönbrunn  den  Kaiser  besucht  und  ließ  die  damals  im  Backfischalter
stehende  Prinzessin  mit  dem  alten  Herrn  an  der  Statton  zurück.  Als
der  Zug  sich  in  Bewegung  setzte,  sahen  wir  gerührt,  wie  der  Kaiser
der  Prinzesstn  eine  Berbeugung  machte  und  sie,  indem  er  ihr  galant
den  Arm  bot,  zu  seinem  Wagen  führte.
Bemerkenswert  ist,  daß  Kaiser  Franz  Josef  polpglott  war  und
die  Idiome  seiner  Bölker  beherrschte.  Während  eines  Manövers,
zu  dem  mich  der  Katser  eingeladen  hatte,  stand  ich  einmal  mit  ihm
auf  einer  Anhöhe,  um  den  Gang  des  Gefechtes  zu  beobachten.  Da
bemerkte  der  Kaiser  eine  Manöverordonnanz,  die  anscheinend  die  Leitung
suchte  und  ratlos  umherritt.  Sofort  befahl  er  einem  seiner  Flügeladjutanten,
  den  Mann  zu  dirigieren,  worauf  sich  zwischen  den  beiden
ein  längeres  Hin  und  Her  entspann.  Schließlich  dauerte  das  dem
Kaiser  zu  lange,  und  er  sagte  zu  mir:  „Schau,  die  können  sich  halt
nicht  verständigen,  der  Ulan  ist  Galizier  und  die  Landessprache  versteht
der  Adfutant  nicht.  Da  muß  i  amol  selbst  nachschauen,  sonst  kommt
die  Meldung  nimmer  an  die  Leitung.  Du  verzeihst  wohl  einen  Augenblick.“
  Gesagt,  getan!  Der  Kaiser  voltigierte  mit  sugendlicher  Leichtigkeit
  in  den  Sattel  und  sprengte  auf  seinem  prachtvollen  englischen
Bollblutfuchs  im  Fluge  über  die  das  Terrain  durchziehenden  Gräben.
Nach  zwei  Minuten  bereits  war  der  Mann  unterwegs,  wobei  er,
die  Meldung  hochhaltend,  von  Zeit  zu  Zeit  ausrief:  „Manöveroberleitnant!“
  —  es  sollte  heißen  Manöveroberlektung.  Mit  vergnügtem
Augenzwinkern  kehrte  der  Kaiser  zu  mir  zurück  und  bemerkte  beim
Absitzen:  „Es  ist  halt  doch  gut,  wenn  man  die  Sprachen  seiner  Bölber

278
        <pb n="300" />
        reden  kann.“  Mir  aber  und  meinen  Herren  gab  dieser  Vorgang
doch  einiges  zu  denken  für  den  Ernstfall.

Kaiser  Franz  Josef  ist  in  seinem  Leben  durch  so  viel  Leid  hin—
durchgegangen,  wie  wenige  Menschen.  Als  sener  verabscheuungswürdige
  Mordanschlag  die  schöne  Kaiserin  Elisabeth  dahinraffte,  eilte
ich  sofort  nach  Wien  und  stand  dem  hohen  Herrn  tröstend  zur  Seite
Niemals  werde  ich  den  herzergreifenden  Anblick  vergessen,  als  der
gebeugte  Witwer  nach  einem  kalten  zeremoniellen  Gottesdienst  hinter
dem  Sarge  seiner  einst  so  gefeierten  und  vergötterten  Gemahlin  aus
der  Kapelle  in  die  Kapuzinergruft  hinabstieg.

Die  anmutige  Kaiserin,  die  einst  der  Gegenstand  meiner  jugend—
lichen  Schwärmerei  gewesen  war,  war  nun  dahin.  Ich  selbst  habe
der  Kaiserin  nicht  näher  gestanden,  ich  weiß  aber  sowohl  von  meinem
Großvater  wie  von  meiner  Mutter,  die  sie  beide  gut  kannten,  daß
die  allgemeine  Vorstellung  von  ihr  nicht  der  Wirklichkeit  entsprach.
Beide  erklärten  sie  für  eine  bedeutende  Frau,  der  tiefes  Gemüt  und
eine  große  Seele  zu  eigen  waren,  und  bedauerten  es  sehr,  daß  sie  in
ihrem  eigenen  Lande  fast  allgemein  verkannt  wurde.  Weine  Mutter
war  der  Ansicht,  daß  der  Kaiserin  in  ihrer  Zugend  schwere  Enttäuschungen
  von  seiten  der  österreichischen  Gesellschaft  bereitet  worden  seien.
Wenn  die  Osterreicher  von  ihr  sagten,  daß  sie  unnahbar  und  unsichtbar
sei,  so  hätte  das  wahrscheinlich  daran  gelegen,  daß  die  Kaiserin  keinen
Gefallen  an  der  oberflächlichen  und  vergnügungssüchtigen  Gesellschaft
habe  finden  können.  Mein  Großvater  hat  oft  seine  Bewunderung
für  den  klaren  Berstand  und  das  sichere  Urteil  der  hohen  Frau  gedußert
  und  sie  sehr  verehrt.  Als  Beweis  für  ihre  Charakterstärke
mag  das  Wort  gelten,  das  sie  sprach,  als  ihr  die  Nachricht  vom
Tode  ihres  Rudolf  gebracht  wurde:  „Niemand  anders  als  ich  darf
das  dem  Kaiser  sagen,  ich  werde  es  ihm  mitteilen!“

Nach  dem  erschütternden  Ereignis  hat  sich  die  Kaiserin  immer
mehr  von  der  Welt  zurückgezogen.  Im  Garten  des  Achilleions  auf

279
        <pb n="301" />
        Korfu  findet  sich  eine  verschwiegene  stille  Ecke,  wo  sie  eine  Büste
Rudolfs  aufstellen  ließ,  die  von  elektrischen  Lampen  beleuchtet  werden
konnte.  Dort  hat  die  unglückliche  Fürstin  oft  nächtelang  weinend
gesessen.  Ihr  Schicksal  war  zu  schwer,  als  daß  man  ihr  aus  der
Abgeschlossenheit,  in  die  sie  sich  begab,  einen  Borwurf  machen  dürfte.

Alle  diese  Gedanken  bewegten  mich,  als  ich  neben  dem  trauernden
Gemahl  an  der  Bahre  der  edlen  Frau  stand.  Sie  war  Kaiser  Franz
Josef  sehr  viel  mehr  gewesen,  als  die  dem  Schein  nach  urteilende  Welt
ahnt,  und  wäre  gewiß,  wenn  sie  am  Leben  geblieben  wäre,  ihm  eine
treue  Stüte  in  den  schweren  Stürmen  der  späteren  Zeit  geworden.
Aber  das  Schicksal  wollte  es  anders,  und  indem  es  Leid  auf  Leid
auf  den  edlen  alten  Mann  häufte,  ersparte  es  ihm  nichts  an  persönlichem
  Schmerz,  und  an  politischen  Enttäuschungen  nur  die,  daß  es
ihn  den  Untergang  seines  Reiches  nicht  mehr  erleben  ließ.

Und  nunmehr  kehre  ich  zu  den  Ereignissen  meiner  Jugendzeit
zurück,  über  die  ich,  hingerissen  von  den  übermächtig  gewordenen  Erinnerungen,
  einige  Male  bereits  hinausgegangen  bin.

##  *  t

Im  Mai  1881  wurde  ich  mit  meiner  Frau  zur  Hochzeit  des
Kronprinzen  Rudolf  eingeladen.  Unser  Quartier  war  ein  reizendes
kleines  Rokokoschlößchen  im  Garten  von  Schönbrunn,  das  „Katserstöckl“
  genannt.  Beim  Empfang  überraschte  mich  Kaiser  Franz  Josef
mit  der  Ankündigung,  daß  er  mich  à  la  suite  des  Regiments  meines
Großvaters,  des  Königlich  Ungarischen  Infanterieregiments  Nr.  34
„König  von  Breußen“  („Preußeninfanterie")  gestellt  habe,  eine  Ehrung,
über  die  ich  mich  sehr  gefreut  habe.

Beide  Majestäten  hatten  sich  in  den  acht  Jahren,  seit  ich  sie  nicht
gesehen,  nur  wenig  verändert.  Wenn  er  auch  etwas  grauer  geworden
war,  hatte  der  Katser  sich  doch  seine  sugendliche  Figur  und  Elastizität
bewahrt,  und  die  Kaiserin  sah  immer  noch  wunderschön  und  majestätisch

280
        <pb n="302" />
        aus.  Die  Festlichkeiten  verliefen  genau  nach  Programm  und  mit  einer
geradezu  peinlichen  Bünktlichkelt,  auf  die  der  Katser  ungeheuer  scharf
hielt.  Kronprinz  Rudolf  hatte  uns  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß
der  Katser  grundsätzlich  fünfzehn  bis  zwanzig  Minuten  vor  der  festgesetzten
  Zeit  zu  erscheinen  pflege,  die  Golge  davon  sel,  daß  sich  die
Katserliche  Famille  bereits  eine  halbe  Stunde  vor  Tisch  versammle.
Wir  haben  natürlich  diesen  Wink  genau  befolgt,  was  bei  dem  ersten
Essen  den  Kaiser  zu  dem  Scherz  veranlaßte:  Wir  als  Gäste  brauchten
diese  „Unsitte“  nicht  mitzumachen)  er  habe  meine  Frau  abholen  wollen.
Späterhin  erfuhr  ich  aber,  daß  er  seiner  Umgebung  mit  dem  Ausdruck
  der  Anerkennung  erklärt  habe,  das  Prinzenpaar  Wilhelm  sei
sehr  pünktlich.  Der  gleichzeitig  zur  Hochzeit  in  Wien  anwesende
Brinz  von  Wales  konnte  sich  an  diese  Pünktlichkeit  nicht  gewöhnen
und  ging  infolgedessen  eines  gleichen  Lobes  verlustig.

Die  katserliche  Küche  war  gut,  aber  schwer.  Eine  gewisse  Berühmtheit
  hatte  das  Kfeblingsgericht  des  Katsers,  der  Rinderschmorbraten,
  erlangt.  Die  Tafel  war  stets  mit  prächtigen  goldenen  Aufsätzen
  und  Kübeln  versehen,  in  denen  die  erlesensten  Blumen,  meistens
Orchideen  aus  den  Treibhäusern  in  Schönbrunn,  zu  farbenfrohen
Gruppen  zusammengestellt  waren.  Der  Kaiser  war  ein  großer
Blumenfreund  und  liebte  besonders  Orchideen  in  allen  Spielarten.
Nichts  machte  ihm  mehr  Freude,  als  wenn  man  den  Blumenschmuck
seiner  Tafel  lobte,  was  man  in  der  Tat  mit  gutem  Gewissen  tun  konnte.

Auf  der  deutschen  Botschaft  und  in  österreichischen  Häusern  hatten
wir  häufig  Gelegenheit,  führende  Persönlichkeiten  aus  der  Wiener
Gesellschaft  kennen  zu  lernen:  die  Damen  meist  stattliche  Erscheinungen,
  oft  von  großer  Schönheit,  strahlend  im  Glanze  reichen
Familtenschmucks,  die  Herren  schlank  und  gut  gewachsen  in  eleganten
Zivilkleidern  oder  Uniformen,  alle  ausnahmslos  von  der  gewinnenden
österrelchischen  Liebenswürdigkeit  und  Urbanität,  die  den  Fremden
sehr  schnell  bestrickt.  Im  gastlichen  Hause  des  Erzherzogs  Karl  Ludwig

281
        <pb n="303" />
        und  seiner  schönen  Gemahlin  lernte  ich  auch  den  Erzherzog  Franz
Ferdinand  kennen,  mit  dem  ich  mein  Leben  lang  bis  zu  seinem  tragischen
  Ende  eng  befreundet  blieb.  Karl  Ludwig  war  der  liebenswürdigste
  Gastgeber  und  verstand  es,  sich  in  fesselnder  Weise  über
die  mannigfaltigsten  Themata  zu  unterhalten.
X

Als  das  Königlich  Ungarische  Infanterieregiment  Nr.  34,  dem
in  der  österreichisch-ungarischen  Armee  gebräáuchlichen  Turnus  entsprechend,
  auf  einige  Zeit  nach  Wien  in  Garnison  verlegt  wurde,
erhielt  ich  von  Kaiser  Franz  Josef  eine  Einladung,  der  Frühjahrsparade
  auf  der  Schmelz  beizuwohnen,  mein  Großvater  gewährte
gern  seine  Erlaubnis  für  den  nötigen  Urlaub.  Besonders  erfreut
war  meine  Großmutter,  die  Kaiserin  Augusta,  die  in  dem  Besuch
eine  willkommene  Gelegenheit  zur  Festigung  und  Vertiefung  des
Bündnisses  zwischen  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  wie  der  Beziehungen
  zwischen  den  Häusern  Hohenzollern  und  Habsburg  erblickte.
  Die  Barade  bot  ein  glänzendes  milstärisches  Schauspiel  und
verschaffte  mir  die  Gelegenheit,  Kaiser  Franz  Josef  das  stolze  Regiment
  meines  Großvaters  zum  ersten  Male  vorzuführen.  Im
Weltkrieg  hat  das  Regiment  seinen  alten  Ruhm  bewährt,  und  bei
der  Erstürmung  der  Grodeb-Stellung  vor  Lemberg  konnte  ich  hinter
seiner  Front  den  Regimentskommandeur  bei  Janow  zur  Meldung
empfangen.  Wenige  Tage  darauf  vollführte  es  eine  wichtige  Waffentat,
  indem  es  durch  die  Erstürmung  der  stark  befestigten  Felskuppen  der
Zlota  Gora  die  Befreiung  Lembergs  herbeiführen  half.  Das  Regiment
selbst  habe  ich  später  in  der  Nähe  des  Schlosses  Bodhorce  südwestlich  von
Brody  inspizieren  und  zu  seinen  Leistungen  beglückwünschen  können.

Nicht  minder  herzlich  waren  meine  Beziehungen  zu  meinem
ungarischen  Husarenregiment  Nr.  7,  dessen  Chef  Prinz  Friedrich
Karl  gewesen  war.  Kaiser  Franz  Zosef  verlieh  es  mir,  als  er  die
Meldung  von  meiner  Ernennung  zum  Kommandeur  des  Garde-282
        <pb n="304" />
        Husarenregiments  erhalten  hatte.  Die  „Chefs“  der  österreichtschungarischen
  Regimenter  waren,  anders  als  in  der  deutschen  und
russischen  Armee,  „Oberst-Inhaber"  des  betreffenden  Regiments,  sie
trugen  Oberstenunkform  ohne  die  Abzeichen  ihrer  höheren  Chargen.
Der  Oberst-Inhaber  war  und  blieb  Oberst.  Erst  lange  nach  mefnem
Regierungsantritt  erwies  mir  Kaiser  Franz  Josef  die  besondere,  bis
dahin  wohl  nicht  verliehene  Auszeichnung  der  Ernennung  zum  k.  und  k.
österreichischen  und  ungarischen  Geldmarschall  mit  der  Berechtigung
zum  Tragen  der  betreffenden  Regimentsunifformen.

Auch  meinem  Husarenregiment  wurde  die  Aufgabe  zuteil,  entsprechend
  dem  oben  erwähnten  Turnus,  einige  Jahre  in  Wien  in
Garnison  zu  stehen,  und  so  konnte  ich  dasselbe  ebenfalls  bei  einer
Grühjahrsparade  auf  der  Schmelz  seinem  erlauchten  Kriegsherrn  vorführen.
  Ich  nahm  die  Gelegenheit  wahr,  um  das  Regiment  in  seinem
Kasernement  zu  besuchen  und  mir  verschiedene  Dressurabteklungen
anzusehen.  Der  Sitz  der  Leute  war  sicher  und  leicht,  man  sah  ihnen
an,  daß  sie  einem  Reitervolk  angehörten.  Das  Pferdematerial  war
sehr  ansprechend,  das  richtige  Husarenpferd  das  Springen  war  vortrefflich
  zu  nennen,  auch  das  Voltigieren  am  galoppierenden  Pferde
wurde  gewandt  ausgeführt.  Ein  Barademarsch  bildete  den  Schluß
der  Besichtigung,  wobei  die  zusammengestellten  Trompeter  der  Schwadronen
  eine  anfeuernde  Fanfare,  die  „Aspern-Wagram-Fanfare  „bliesen,
die  als  Auszeichnung  für  Tapferkeit  in  den  beiden  Schlachten  seinerzeit
  dem  Regiment  verliehen  worden  war.

Bon  den  Keistungen  meines  ungarischen  7.  Husarenregiments
im  Weltkrieg  gibt  eine  sehr  hübsche  illustrierte  Regimentsgeschichte
Kunde,  von  der  mir  vor  einigen  Jahren  eine  durch  eine  Regimentsdame
  gefertigte  Abschrift  überreicht  wurde.  Es  war  mir  leider  nicht
vergönnt,  das  Regiment  im  Felde  zu  begrüßen  und  es  zu  seinen

Taten  zu  beglückwünschen.
#

283
        <pb n="305" />
        In  diesem  Zusammenhange  möchte  ich  eines  Umstandes  Erwähnung
tun,  der  an  und  für  sich  zwar  geringfügig  ist,  seiner  Entstehung  nach
mir  sedoch  recht  bezeichnend  erscheint.  Es  war  mir  nämlich  einmal
aufgefallen,  daß  die  zu  meinem  Empfang  auf  einem  Bahnhof  aufgestellte
  Ehrenwache  nicht  präsentierte,  sondern  mit  über  die  rechte
Schulter  gehängtem  Gewehr  dastand,  diese  Tragweltse  ersetzte  bei  der
österreichisch-ungarischen  Armee  unser  „Gewehr  über".  Als  ich  gelegentlich
  der  weiter  unten  erwähnten  Gemsfsagd  dem  Grafen  von
Meran,  der  großes  Interesse  für  militärische  Fragen  hatte,  meine
Beobachtung  mitteilte,  erwiderte  er  folgendes.  Die  Armee  habe  über
die  Tragweise  des  über  die  Schulter  gehängten  Gewehrs  ungünstig
berichtet,  da  es,  zumal  bei  Leuten  mit  abfallenden  Schultern,  die
Neigung  habe,  über  den  Arm  hinabzurutschen  oder  die  Leute  auf  der
Schulter  drücke.  Daraufhin  wurden  aus  Tuch  gearbeitete,  mit  der
Kragenfarbe  des  Regiments  versehene  Schulterwülste  aufgesetzt.
Dies  erleichterte  zwar  den  Mannschaften  das  Tragen  des  Gewehrs,
erschwerte  aber  den  Präsentiergriff,  der  durch  Vorschleudern  des
Gewehrs  am  Riemen  zu  erfolgen  hatte.  Erneute  Eingaben  aus  der
Armee  erfolgten,  die  auf  diese  Schwierigkelkten  hinwiesen.  Statt
nun  einfach  zu  befehlen,  es  wird  das  „Gewehr  über“  getragen
und  vom  „Gewehr  über“  präsentiert,  machte  man  es  anders:  man
schaffte  das  Präsentieren  ab.  Und  so,  rief  der  Graf  verzweffelt  aus,
sei  die  k.  und  k.  österreichtsch-ungarksche  Infanterietruppe  die  einzige
in  der  Welt,  die  nicht  einmal  mehr  vor  ihrem  Obersten  Kriegsherrn,
dem  Kaiser  und  König,  präsentiere,  sondern  ihm  genau  dasselbe
Honneur  erweise  wie  dem  Korporall

#6  *  t

Im  Mai  1883  weilte  ich  mit  meiner  Frau  zu  Besuch  bei  den
kronprinzlichen  Herrschaften  in  Wien  und  danach  als  ihre  Gäste  auf
dem  Hradschin  in  Prag.  Dort  führte  mir  Kronprinz  Rudolf  die  von

284
        <pb n="306" />
        ihm  kommandterte  Division  in  Parade  vor,  die  sehr  gut  ausfiel.  Rittmeister
  Graf  St.  Quentin  exerzierte  nachher  eine  Schwadron  Savoyen-Dragoner
  vor  uns.  Die  Leute  saßen  vortrefflich  auf  ihren  Pferden
und  ritten  festgeschlossen  hinter  ihren  Zugführern  und  ihrem  Schwa—
dronschef  her,  der  die  Eskadron  ohne  Signale  nur  nach  Winken
führte.  Bei  der  Attacke  wurden  die  Säbel  in  Augenhöhe  mit  dem
Korb  vor  dem  Gesicht,  die  Schneide  nach  unten,  so  gehalten,  daß
der  Mann  über  seine  Klinge  den  Gegner  anvisieren  konnte.  Diese
Auslage  schien  mir  praktischer  als  die  unsere,  da  der  Stich  im  Gefecht
  immer  wirbungsvoller  ist  als  der  Hieb.

*  *t

Ich  erhielt  mehrfach  von  Kaiser  Franz  Josef  Einladungen  zu  den
Herbstjagden  im  Gebirge,  in  Mürzsteg  und  in  Eisenerz,  wo  der  Kaiser
einen  kleinen  Kreis  weidgerechter  Verwandten  und  Bekannten  um
sich  versammelte.  Darunter  befanden  sich  der  König  von  Sachsen,
Prinz  Leopold  von  Bayern,  der  Großherzog  von  Toskana,  der  die
Schuß=  und  Streckenlisten  führen  mußte,  der  Oberstallmeister  Brinz
Taxis,  der  im  Kriege  ein  Auge  verloren  hatte,  der  Obersthofmeister
Prinz  Konstantin  Hohenlohe  und  der  schon  erwähnte  geistsprühende
und  frohstinnige  Graf  von  Meran,  mit  dem  ich  mich  sehr  angefreundet
habe,  ab  und  zu  kam  auch  Kronprinz  Rudolf  zu  diesen  Jagden.
Nan  fuhr  mit  dem  Sonderzug  über  die  schöne  Semmeringbahn
nach  Mürzsteg,  das  sehr  einfach,  aber  behaglich  eingerichtet  war.
Alle  trugen  die  stelerische  Tracht,  auf  der  Reise  und  im  Hause  mit
langen  Belnkleidern,  auf  der  Jagd  mit  kurzen  „Gamsledernen“,  dazu
den  berühmten  grünen  Hut  mit  dem  Gamsbart,  die  nötigen  Nagelschuhe
  lieferte  ein  bekannter  Schuster  aus  dem  Gebirge.

Es  wurde  meist  um  7  Uhr  abends  gegessen,  darauf  bei  Tisch
geraucht,  wobel  der  türkische  Tschibuk  sehr  belkebt  war,  und  dann
begab  sich  der  Kaiser  um  ½9  Uhr  zur  Ruhe,  während  wir  Gäste

285
        <pb n="307" />
        noch  ein  Stündchen  plauderten.  Das  Frühstück  fand  meist  gegen
5  Uhr  morgens  statt,  zuweilen  aber  auch  schon  um  3  Uhr.  Das
bedeutete  bei  der  Pünktlichkeit  des  Katsers  Bersammlung  20  Minuten
vorher,  was  den  Alteren  unter  uns  zuweilen  etwas  schmerzlich  war.
Dann  fuhr  man  zu  Wagen  in  das  Revier,  wo  Prinz  Leopold  von
Bapern  und  der  Großherzog  von  Toskana  Ponys  bestiegen,  wir
anderen  aber  bei  Laternenschein  den  mehrstündigen  Anstieg  zu  Fuß
machten.  Gegen  Tagesanbruch  war  man  auf  den  Ständen,  die  bald
auf  freier  Bergeshöhe,  bald  im  Walde  an  Bachbetten  angelegt
waren.  Die  Treiben  dauerten  ungefähr  fünf  bis  sechs  Stunden,
das  Wild  erschien  an  den  Ständen  erst  in  der  zweiten  Hälfte  dieser
Zeit.  Der  Anlauf  war  ganz  verschieden,  da  auf  der  Gebirgssagd
der  bei  zweifelhaftem  Wetter  sehr  wechselnde  Wind  eine  große
NRolle  spielt.

Eines  Tages  wies  mir  der  Kaiser  einen  für  ihn  bestimmten  Stand
an,  da  ich  tags  zuvor  keinen  Anlauf  gehabt  hatte.  Ich  war  darüber
sehr  erfreut,  mußte  aber  dafür  eine  recht  schwierige  Kletterpartie  mit
in  Kauf  nehmen,  an  deren  Schluß  ich  gar  erst  mittels  einer  Leiter
meinen  Stand  erreichen  konnte.  Dicker  Webel  behinderte  jede  Aussicht.
  Kaum  hatte  ich  mich  dort  eingerichtet,  so  sank  ich  auch  schon,
in  einen  warmen  Belzrock  gehüllt  und  eine  Pelzdecke  über  den  Knien,
völlig  erschöpft  in  Schlaf.  Als  mein  Büchsenspanner  Nolfing  mich
weckte,  war  der  Nebel  verschwunden,  und  nun  sah  ich  ein  prachtvolles
  Banorama  vor  mir.  Aber  zu  meiner  nicht  geringen  Uberraschung
  entdeckte  ich  gleichzeitig,  daß  ich  auf  einer  Felsplattform
saß,  die,  von  der  Hauptwand  ins  Tal  vorspringend,  höchstens  zehn
Quadratmeter  groß  sein  mochte.  So  still,  wie  auf  dem  Felsen,  habe
ich  in  meinem  Leben  nicht  gesessen!  Der  Wind  war  gut,  der  Anlauf
  entsprechend  günstig,  die  Gemsen  wechselten  verhältnismäßig  nahe
an,  vor  oder  über  mir  vorbei,  und  es  gewährte  mir  Freude,  ihr
Verhalten  genau  beobachten  zu  können.  Eine  Geiß  zog  mit  ihrem

286
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        Kitz  über  meine  Felsplattform  unmittelbar  vor  meinen  Knien  vorbei,
so  daß  ich  das  Kitz  mit  meiner  Hand  hätte  berühren  können,  und
dann  verschwanden  beide  über  die  Felskante,  scheinbar  in  die  Luft
springend.  Ich  befürchtete,  bald  ihren  Aufschlag  unten  auf  dem  Berghang
  zu  hören,  sah  sie  aber  nach  einigen  Minuten  auf  einem  schmalen
Grat  wohlbehalten  an  der  gegenüberliegenden  Felswand  weiterklettern.
Es  gelang  mir,  eine  Anzahl  Gemsböcke  zu  strecken.

Am  Schluß  der  Jagd  stieg  ich  über  meine  Leiter  wieder  herunter  und
traf  am  Fuße  der  Felswand  mit  dem  von  seinem  Stand  zurückkehrenden
Kaiser  zusammen.  Als  ich  ihm  meine  Strecke  meldete,  beglückwünschte
er  mich  voller  Freude  und  schlug  mir  vor,  da  die  anderen  Schützen
noch  nicht  zur  Stelle  waren,  ihn  ins  Tal  hinab  zu  begleiten  und
mit  ihm  gemeinsam  nach  Hause  zu  fahren.  Ich  nahm  selbstverständlich
  dankend  an  und  folgte  dem  hohen  Herrn  auf  dem  schmalen  zu
Tal  führenden  Pfad,  ohne  zu  ahnen,  was  mir  bevorstand.  Denn
bald  begann  der  Kakser,  der  ein  von  Jugend  auf  geübter  Bergsteiger
war,  seinen  Bergstock  seitwärts  einsetzend,  mit  großen  Sprüngen  den
beschleunigten  Abstieg,  was  ich  bei  nur  einem  leistungsfähigen  Arm
nicht  nachmachen  konnte.  Ich  mußte  infolgedessen  im  Trabe  dem  hohen
Herrn  folgen,  um  ihn  im  Auge  zu  behalten  und  landete  eine  Weile
nach  ihm  in  vollkommener  Auflösung  an  seinem  Wagen,  worauf  der
Katser  nur  mitleidvoll  sagte:  „Es  hat  dich  wohl  a  bisserl  echauffiert?“
Ihm  selbst  sah  man  keine  Spur  einer  Anstrengung  an.

Bei  diesen  Jagden  merkte  man,  welch  große  Freude  Kaiser  Franz
Josef  das  edle  Weidwerk  in  der  herrlichen  Gebirgsnatur  bereitete  und
wie  es  ihm  half,  auf  kurze  Zeit  seine  mannigfachen  Sorgen  zu  vergessen.
  Er  war  aufgerdumt  und  heiter  und  freute  sich  über  alles,
was  an  der  Tafelrunde,  oft  in  schönstem  Zägerlatein,  zum  besten  gegeben
  wurde,  oftmals  teilte  er  auch  aus  seinem  eigenen  Schatz  einiges
mit.  So  erzählte  der  Kaiser  gelegentlich  von  einem  seiner  Jagdgäste,
dem  Grafen  Würm,  daß  dieser  ihm  abends  auf  der  Strecke  seine

287
        <pb n="309" />
        zwei  Hirsche  gezeigt  und  gemeldet  habe,  er  habe  sie  mit  einem  „coup
double“  (Doublette)  erlegt.  Nachher  aber  habe  sich  aus  den  Meldungen
des  Jagdleiters  ergeben,  daß,  wie  der  Katser  sich  ausdrückte,  der  „oup“
morgens  früh  um  8  Uhr  oben  auf  dem  Berge  gefallen,  während  der
„double“  nachmittags  um  3  Uhr  ganz  unten  im  Tale  erfolgt  sei.
Sehr  niedliche  Zwischenfälle  traten  auch  ein,  wenn  der  Großherzog  von
Toskana,  nachdem  er  vorher  durch  den  Napport  des  Zagdleiters  unterrichtet
  war,  für  die  bei  Seiner  Masestät  einzureichenden  Schußlisten
die  Meldungen  der  Jagdgäste  über  die  Schußzahl  und  die  Zahl  des
erlegten  Wildes  anforderte.  Die  zuweilen  romanhaften  Schilderungen
der  Schützen  ließen  sich  oft  nur  schwer  mit  den  Meldungen  des  Zagdlekters
  in  Einklang  bringen.  Die  daraus  entstehenden  Konflikte  wurden
  stets  die  Ouelle  großer  Heiterkeit,  angegebene  Gehlschüsse  von  dem
Großherzog  durchweg  mit  dem  Vermerk  „Probeschüsse  auf  ein  Stück
Wild“  nottert.

Die  Jagden  wurden  geleitet  von  einem  Revierbeamten,  dem  sogenannten
  „Jandlekster“,  und  den  Förstern  des  betreffenden  Neviers,
höhere  Jagdbehörden,  wie  Oberfägermelster  und  Jägermelster,  traten
nicht  in  Erscheinung.  Der  Zagdleiter  bestimmte  selbständig  über  die
Stände  und  den  Abschuß  des  Wildes.

Eine  große  Rolle  bei  der  vom  Katser  selbst  genehmigten  Verteklung
  der  Stände  spielte  sein  treuer  alter  Kammerdiener  Kundrat,
der  von  den  Jagdgästen  mit  äußerstem  Respekt  und  großer  Höflichkeit
  behandelt  wurde  —  hing  doch  von  ihm  fast  des  Jägers  Schicksal
ab!  Ich  stand  einmal  hinter  dem  Katser  auf  dem  Flur,  als  Kundrat
die  Anwelsung  eines  bestimmten  Standes  für  einen  hohen  Jagdgast
  vorschlug,  und  wurde  Zeuge,  wie  der  Kaiser  in  gemacht  komischer
Entrüstung  den  Vorschlag  ablehnte  und  dabel  in  die  Worte  ausbrach:
„O,  fallt  mir  gar  im  Traum  net  ein,  auf  dem  Stand  schießt  er

überhaupt  nir!“
*  7

288
        <pb n="310" />
        Im  Herbst  des  Jahres  1885  besuchte  ich  mit  meiner  Frau  das
Kronprinzenpaar  Rudolf  in  Budapest  anläßlich  der  ungarischen  Landesausstellung.
  Aus  den  Fenstern  der  hochgelegenen  Hofburg  genossen
wir  zunächst  einmal  den  unvergeßlich  schönen  Blick  über  Budapest,
dessen  an  den  Ufern  der  Donau  hingestreckte  Front  großen  Eindruck
auf  mich  machte.  In  den  Straßen  herrschte  reges  Leben  und  Treiben,
und  wo  wir  bei  unseren  Spaziergängen  oder  zfahrten  erkannt  wurden,
wurden  uns  freundliche  Ovationen  seitens  der  heißblütigen  Ungarn
und  Ungarinnen  dargebracht.  In  der  Landesausstellung,  die  geschickt
und  übersichtlich  angeordnet  war,  fand  ich  die  Abteilung  für  Forsten
und  Jagd,  in  der  erstaunlich  starke  Geweihe  ausgestellt  waren,  besonders
anregend  und  reichhaltig.  Ein  zahlreiches  Bublikum  pflegte  uns  zu
begleiten  und  an  unserer  Bewunderung  des  Gebotenen  sich  zu  erfreuen.
  In  der  Geweihausstellung  trafen  wir  unversehens  mit  dem
Grafen  Andrassy  zusammen,  es  war  für  mich  eine  besondere  Freude,
die  Bekanntschaft  dieses  Mitbegründers  des  Bündnisses  zwischen  Osterreich-Ungarn
  und  Deutschland  zu  machen.  Andrassy  war  ein  Vollblutungar,
  kohlschwarz,  eine  Locke  hing  ihm  in  die  Stirn,  er  machte
den  Eindruck  eines  Mannes,  der  genau  wußte,  was  er  wollte.  Während
unserer  Unterhaltung  staute  sich  das  Bublikum  immer  mehr,  so  daß
der  ebenfalls  anwesende  Prinz  von  Wales  Mühe  hatte,  binauszukommen.
  Plötzlich  brachte  jemand  aus  dem  uns  umdrängenden
Publikum  ein  Eljen  auf  den  deutschen  Bundesgenossen  und  den  Begründer
  des  Bundes,  den  Grafen  Andrassy,  aus.  Eljenrufe  durchbrausten
  die  Halle,  während  ich  dem  großen  Staatsmann  herzlich
die  Hand  schüttelte.  Nach  dem  entschwindenden  Prinzen  von  Wales
deutend,  flüsterte  mir  Andrassy  zu:  „Das  wird  er  nicht  gern  gehört
haben!  Ihm  gefällt  der  Dreibund  nicht.  Europa  wird  einmal  unruhigen
  Zeiten  entgegengehen,  kommt  er  ans  Ruderl“

Auch  das  Theater  haben  wir  in  Budapest  besucht.  Ehe  wir  in
die  Loge  traten,  machte  uns  Kronprinz  Rudolf  mit  dem  Brauch  des

280

10  Aus  meinem  Leben
        <pb n="311" />
        Publikums  bekannt,  den  Fürstlichkeiten,  die  die  Loge  betraten,  eine
Ovation  darzubringen,  diese  müßte  mit  Front  gegen  das  Publikum
regungslos  entgegengenommen  werden.  Und  so  geschah's,  laute  Eljen—
rufe  begrüßten  uns.  Es  wurde  ein  ungarisches  Schauspiel  der  Gegen—
wart  aufgeführt,  in  welchem  eine  bei  den  Budapestern  sehr  populäre
schöne  Schauspielerin  namens  Blahané,  die  vortrefflich  sang,  auftrat.
Sie  brachte  im  Laufe  des  Stücks  ein  wunderhübsches,  in  Ungarn
viel  gesungenes  Volkslied  „Mädchen  von  Körösch“  zum  Vortrag.
Dies  sollte  eine  Huldigung  für  den  Kronprinzen  sein,  dessen  Lieblingslied
  es  war  und  das  er  oft  vor  sich  hin  pfiff  oder  sang.  Das
Publikum  war  begeistert,  und  der  donnernde  Beifall  der  Zuschauer
veranlaßte  die  Blahané  zu  mehrfacher  Wiederholung.  Es  war  interessant,
  die  leicht  entzündbare  Begeisterungsfähligkeit  des  intelligenten
ungarischen  Bolkes  zu  beobachten,  dessen  auf  heißer  Baterlandsliebe
begründeter  Nationalstolz  es  zu  den  höchsten  Leistungen  befähigt.  Ich
stand  unter  dem  Eindruck,  daß  es  bei  richtigem  Verständnis  für  seine
Eigenart  und  Eingehen  auf  seine  Ziele  nicht  schwer  zu  leiten  sein  müsse.

In  späteren  Jahren  habe  ich  mehrfach  diese  Frage  mit  meinem  und
meines  Baterlandes  treuestem  ausländischen  Greunde,  dem  Botschafter
von  Szögyéni,  besprochen.  Er  gab  mir  darin  völlig  recht,  bemerkte
aber  einschränkend,  der  westliche  Barlamentarismus  sei  für  die  Ungarn
ein  absoluter  Berderb.  Er  habe  auch  dem  großen  Andrasspy  viel
Berdruß  bereitet  und  ihm  das  Leben  schwer  gemacht.  Man  müsse
sich  eben  klar  sein,  daß  die  mannigfachen,  dem  Nichtungarn  oftmals
völlig  unverständlichen  parlamentarischen  Ereignisse,  wie  plötzliche  Ministerkrisen,
  Lärmszenen  u.  a.,  auf  die  alten,  noch  aus  dem  Mittelalter
herstammenden  Rivalitäten  der  führenden  ungarischen  Magnatenfamilien
  zurückzuführen  seien,  die  an  Stelle  des  Turniers  oder  der  Privatfehde
  vergangener  Jahrhunderte  den  Kampf  nunmehr  in  die  Arena
des  Parlaments  verlegt  hätten.  Hierbei  sei  die  Rolle  der  ungarischen
  Frauen  nicht  zu  unterschätzen,  die  durch  ihr  leidenschaftliches

290
        <pb n="312" />
        Temperament  den  Kampf  oft  verschärften  und  die  Zwietracht  ver—
tieften.  Leider  habe  man  von  Wien  aus  sich  zu  wenig  um  die  Un—
garn  bekümmert,  nur  Kaiserin  Elisabeth  habe  die  Ungarn  verstanden
und  sei  infolgedessen  von  ihnen  auf  Händen  getragen  worden.

Als  Beispiel  für  das  mangelnde  Verständnis  und  Entgegenkommen
  für  ungarische  Wünsche  möge  folgendes  dienen.  Szögpéni  klagte
mir  eines  Tages  über  die  zunehmende  Reizbarkeit  seiner  Landsleute
wegen  der  dauernden  Ablehnung  ihrer  Wünsche  betreffend  eigner  ungarischer
  Fahnen  für  die  ungarische  Armee  und  die  Honveds,  wie  sie
schon  einmal  zur  Zeit  der  Kaiserin  Maria  Theresia  bestanden  hatten.
Er  fragte  mich,  ob  nicht  eine  Parallele  zu  ziehen  sei  mit  den  von
mir  an  die  deutschen  Bundeskontingente  neu  verliehenen  Fahnen.
Ich  bejahte  das  mit  dem  Bemerken,  die  Landesherren  seien  gebeten
worden,  Zeichnungen  ihrer  früheren  Fahnen  einzureichen,  und  wenn
solche  nicht  vorhanden  waren,  seien  ihnen  Entwürfe  vorgelegt  worden,
  in  denen  die  Landeswappen  oder  die  der  fürstlichen  Häuser,  die
Landesfarben  und  die  Monogramme  der  regierenden  Herren  Berücksichtigung
  gefunden  hätten.  Man  könne  meines  Erachtens  seitens
des  Königs  von  Ungarn  den  ungarischen  Truppen  gleiches  gewähren,
ohne  Osterreich  zu  nahe  zu  treten.  Späterhin  mußte  mir  der  Botschafter
  zu  seiner  Betrübnis  mitteilen,  daß  alle  Vorstellungen  und
Bemühungen  in  dieser  Angelegenheit  vollkommen  ergebnislos  ausgefallen
  seien.

LX.

Es  war  nach  allem,  was  ich  früher  gesagt  habe,  selbstverständlich,
  daß  ich  in  der  Atmosphäre  der  kraditionellen  freundschaftlichen
und  verwandtschaftlichen  Beziehungen  aufwuchs,  die  zwischen  unserem
und  dem  russischen  Kaiserhause  seit  den  Befreiungskriegen  bestanden.
In  meiner  Kindheit  kam  es  oft  vor,  daß  Kaiser  Alexander  II.  auf
der  Durchreise  durch  Berlin  auch  im  Neuen  Balais  weilte,  wo  ihm
in  dem  dortigen  hübschen  kleinen  Theater  eine  Vorstellung  darge-19*

  291
        <pb n="313" />
        boten  wurde,  auch  ich  durfte  sie  mitunter  besuchen.  Als  der  Zar
dann  zur  Drei-Kaiser-Zusammenkunft  in  Berlin  war,  verlieh  er  mir,
wie  ich  bereits  berichtete,  die  Uniform  des  St.  Petersburger  Grena—
dierregiments  Friedrich  Wilhelm  III.,  auch  die  freundschaftlich-teilnehmenden
  Worte,  die  er  beim  Gedenken  an  die  Verluste  der  Garde
1870  an  meinen  Bater  richtete,  habe  ich  erwähnt.  Um  so  niederschmetternder
  wirkte  dann  nach  einigen  Jahren  die  Schreckensnachricht
  von  der  Ermordung  des  Zaren.  Wir  begaben  uns  mit  unseren
Eltern  auf  die  am  Abend  eingetroffene  Trauerkunde  hin  sofort  zu
meinem  Großvater.  Der  Kaiser  war  auf  das  tiefste  erschüttert  und
keines  Wortes  fähig,  währenddem  er  still  vor  sich  hin  weinte.

*  7*

Im  Jahre  1884  erhielt  ich  von  meinem  Großvater  den  Befehl,
mich  zur  Teilnahme  an  der  Großfährigkeitsfeier  des  damaligen  Thronfolgers,
  des  späteren  Zaren  Nikolaus  II.,  nach  Betersburg  zu  begeben
und  ihm  den  Schwarzen  Adlerorden  zu  überreichen.  Die  Instruktidn
meines  Großvaters  und  des  Fürsten  Bismarck  für  diese  Reise  habe
ich  schon  in  meinem  früheren  Buche  erwähnt).  Außer  Hofmarschall
v.  Lkebenau  sowie  meinen  persönlichen  Adjutanten  Major  v.  Krosigé
und  Hauptmann  v.  Bülow  begleitete  mich  General  Graf  Waldersee,
am  Abend  des  15.  Mak  verließ  ich  Berlin.  An  der  Grenze  bei
Wirballen  wurde  ich  von  einer  Dragonerschwadron,  die  die  Ehrenwache
  stellte,  empfangen,  sowie  von  dem  zum  Ehrendienst  kommandierten
  Generalmasor  à  la  suite  Grafen  Lambödorff,  der  sich  in  der
freundlichsten  Weise  meiner  und  meines  Gefolges  auf  der  langen
Fahrt  annahm.  In  Gatschina  stiegen  der  Botschafter  Generalleutnant
v.  Schweinitz  und  Graf  Herbert  Bismarck,  damals  Legationsrat  an
der  PBetersburger  Botschaft,  sowie  Generalleutnant  v.  Werder,  der
der  Berson  des  Zaren  attachiert  war,  in  meinen  Wagen,  sie  orien-*)

  Ereigussse  und  Gestalten  S.  10.
202
        <pb n="314" />
        tierten  mich  über  die  Zarenfamilie  und  über  die  bevorstehenden  Festlichkeiten.
  Auf  dem  Bahnhof  in  Betersburg,  wo  ich  am  Nachmittag
des  17.  Mai  ankam,  war  der  übliche  Empfang,  auch  sämtliche  Großfürsten
  waren  erschienen,  und  Großfürst  Wladimir  hieß  mich  im  Auftrag
  des  Zaren  willkommen.  Er  brachte  mich  bei  Schlackerwetter
und  Regen  (Rasputiza)  nach  dem  Winterpalais,  wo  ich  von  den
Majestäten  empfangen  wurde.  Ich  benutzte  die  Gelegenheit,  um  dem
Zaren  sogleich  einen  Brief  meines  Großvaters  zu  überreichen.

Als  ein  Zeichen  besonders  zarter  Aufmerksamkeit  seitens  des  Zaren
empfand  ich  es,  daß  er  mir  zu  meinem  Aufenthalt  das  Ouartier
genau  unter  demjenigen  hatte  anweisen  lassen,  in  welchem  mein  Großvater
  gewohnt  hatte,  wenn  er  PBetersburg  besuchte.  Der  Blick  aus
den  Genstern  fiel  auf  den  großen  Blatz  vor  dem  Winterpalais,  die
Admiralität  sowie  auf  ein  Stück  Newakai.  Auf  dem  Platz  war,
durch  eine  hohe  Umzäunung  gegen  Blicke  Neugieriger  geschützt,  auf
Befehl  Alexanders  III.  ein  Garten  angelegt  worden,  in  dem  sich  die
Kaiserliche  Familie  ungestört  ergehen  konnte.  Die  Zimmer  waren
wohnlich  im  Geschmack  der  dreißiger  Jahre  eingerichtet,  nur  die  starke
Heizung  mit  heißer  Luft  verursachte  Unbehagen,  da  die  Fenster,  die
vom  Winter  her  noch  verklebt  waren,  mit  Ausnahme  eines  kleinen
Scheibchens  nicht  geöffnet  werden  konnten.  Ein  alter  dänischer
Kammerdiener  der  Zarin,  der  deutsch  und  russisch  konnte,  hat  vortrefflich
  für  mich  gesorgt.  Die  Verpflegung,  vor  allem  was  Tee  und
Gebäck  sowie  Suppen  und  Fischspeisen  der  rein  russischen  Küche  betraf,
  war  ausgezeichnet.

Bei  den  Festlichkeiten  fiel  es  mir  leicht,  mit  der  Katserlichen
Familie  bekannter  zu  werden,  da  alle  mir  mit  der  sprichwörtlichen
russischen  Liebenswürdigkeit  und  Ritterlichkeit  entgegenkamen.  Die
männlichen  Mitglieder  der  Familie  boten  einen  imposanten  Anblick,
da  sie  meist  das  durchschnittliche  Größenmaß  überschritten,  sie  alle
aber  wurden  von  der  gewaltigen,  robusten  Gestalt  Zar  Alexanders  III.

293
        <pb n="315" />
        weit  überragt.  Während  der  Großfürst  Wladimir  dunkelblond  war,
sah  sein  Bruder,  Großfürst  Alexei,  der  Großadmiral,  in  seiner  hell—
blonden  Mannesschönheit  wie  ein  germanischer  Heerführer  aus  alter
Zeit  aus.  Besonders  freundlich  und  liebenswürdig  erwies  sich  Großfürst
  Michael  Mikolajewitsch,  Schwager  des  Großherzogs  von  Baden
und  Großvater  der  Kronprinzessin  Cecilie,  ebenfalls  eine  stolze,  ritterliche
  Erscheinung.  Neben  ihrem  übergroßen  Gemahl  bot  die  Zarin
das  Bild  einer  gar  zierlichen  und  liebreizenden  Erscheinung.  Die
Großfürstin  Alexandra,  Gemahlin  des  Großfürsten  Konstantin,  nahm
sich  mit  ihrem  hohen  schlanken  Wuchs  und  ihrer  stolzen  Haltung  sehr
stattlich  aus,  ihr  immer  noch  schönes  Antlitz  war  von  schneeweißem
Haar  umrahmt.  Sie  war  sehr  gütig  zu  mir,  einmal  wohl  deshalb,
weil  sie  eine  Lieblingskusine  meines  Baters  war,  dann  aber  auch  in
Erinnerung  daran,  daß  ich  im  Winter  1860/70  mit  ihrem  früh  verstorbenen
  Sohn  in  Cannes  gespielt  hatte.  Die  Großfürstin  Wladimir
war  eine  matronenhafte  Erscheinung  von  großer  Schönheit.  Auch  die
Gemahlin  des  Großfürsten  Michael,  Schwester  meines  Oheims,  des
Großherzogs  von  Baden,  hatte  sich  ihre  Zugendfrische  bewahrt.  Die
drei  letztgenannten  Damen  haben  sich  meiner  liebevoll  angenommen,
so  unterrichteten  sie  mich  über  die  Gepflogenheiten  und  Gebräuche  des
Hofes,  über  die  Besuche,  die  ich  machen  mußte  usw.  Eine  große  Zahl
von  füngeren  Großfürsten  trug  zur  Belebung  des  Familienbildes  durch
ihr  jugendlich  fröhliches  Wesen  bei.  Ein  heiterer  Zug  bam  bei  den
gewöhnlichen  Familiendiners  dadurch  in  die  Gesellschaft,  daß  die
Zarin  beim  Betreten  des  Bersammlungszimmers  den  die  Hacken
sporenklirrend  zusammenschlagenden  jfüngeren  Großfürsten  den  üblichen
  Gruß  der  Vorgesetzten  an  die  Soldaten  zurief,  der  von  ihnen
wie  nach  der  Vorschrift  unisono  beantwortet  wurde.
3#

Am  Morgen  nach  mesner  Ankunft  besuchte  ich  zunächst  die  Peter-Baulsfestung,

  wo  ich  auf  dem  Marmorsarkophag  Zar  Alexanders  II.

294
        <pb n="316" />
        einen  Kranz  niederlegte.  Die  Kirche  war  mit  zahlreichen  Trophäen
aus  vergangenen  Kriegen  ausgeschmückt.  Mein  besonderes  Interesse
erregte  das  kleine  Holzhaus  aus  Zaandam  in  Holland,  in  welchem
Peter  der  Große  während  seiner  Schiffbauarbeiten  gewohnt  hatte.
Nach  meiner  Rückkehr  in  das  Winterpalais  hatte  ich  die  Ehre,  in
Gegenwart  des  Zaren  und  der  ganzen  Kaiserlichen  Familie  dem  Cäsarewitsch
  die  Insignien  des  Hohen  Ordens  vom  Schwarzen  Adler  mit
einem  Allerhöchsten  Handschreiben  zu  überreichen,  worauf  mir  der  Zar
für  den  Kaiser  mit  herzlichen  Dankesworten  Grüße  übermittelte.

Die  dann  folgende  Feier  der  Großjährigkeitserklärung  des  jungen
Cäsarewitsch  Nikolai  trug  einen  vorwiegend  militärischen  Charakter.
Die  großen  Säle  des  Winterpalais,  die  ich  mit  dem  Zaren  vor  dem
Beginn  der  Feier  durchschreiten  mußte,  waren  angefüllt  mit  Deputationen
  auserlesener  Mannschaften  der  Betersburger  Garderegimenter,
sie  boten  mit  ihren  Fahnen  und  Standarten  einen  prachtvollen  Anblick
  für  ein  Soldatenauge.  Nachdem  ich  mich  in  aller  Schnelligbeit
  in  russische  Uniform  geworfen  hatte  und  in  das  Bersammlungszimmer
  zurückgekehrt  war,  teilte  mir  der  Zar  zu  meiner  großen
Uberraschung  mit,  daß  er  mich  zum  Chef  des  Wiborgschen  Infanterieregiments
  Nr.  85  ernannt  habe.  Eine  Abordnung  desselben,  die
auf  Befehl  des  Zaren  aus  ihrer  Garnison  Nowgorod  nach  Betersburg
  hereingekommen  war,  meldete  sich  am  anderen  Tage  bei  mir.
Nachdem  ich  dem  Zaren  für  die  Auszeichnung  gedankt  hatte,  begannen
  die  Feierlichkeiten.

In  der  Schloßkapelle,  die  ich  im  Zuge  der  Mafestäten  und  Fürst—
lichkeiten  an  der  Seite  der  Königin  Olga  von  Griechenland  betrat,
fanden  wir  eine  stattliche  Bersammlung  von  Generälen,  Staatsund
  Hofwürdenträgern  sowie  Damen  des  Hofes  vor,  letztere  waren
gleich  der  Zarin  und  den  Großfürstinnen  in  großer  Toilette  mit  dem
kleidsamen  russischen  Kopfputz,  dem  Kokoschnik,  erschienen  und  ließen
einen  geradezu  märchenhaften  Schmuck  sehen.

295
        <pb n="317" />
        Bei  der  langen  kirchlichen  Zeremonie,  die  von  dem  würdevollen
Metropoliten  von  Nowgorod  und  St.  Petersburg  sowie  den  Mit—
gliedern  des  Heiligen  Synod  und  der  hohen  Geistlichkeit  in  ihren
überaus  prunkvollen  Gewändern,  von  dem  eindrucksvollen  russischen
Chorgesang  begleitet,  zelebriert  wurde,  stand  der  kleine  Thronfolger,
ein  damals  sehr  zarter  Knabe  von  14  Zahren,  in  seiner  lichtblauen
Uniform  allein  vor  dem  Altar.  Mit  lauter  Stimme  verlas  er  dann
den  Eid,  dem  Zaren  und  dem  Baterlande  die  Treue  zu  halten  und
die  gesetzliche  Thronfolgeordnung  zu  wahren,  indessen  tiefe  Bewegung
alle  Anwesenden  ergriff.  Dann  wurden  von  der  hohen  Geistlichkeit
Gebete  gesprochen,  das  Tedeum  erklang,  die  Glocken  fingen  an  zu
läuten,  und  301  Kanonenschüsse  donnerten  ihren  Gruß  in  die  feierliche
  Handlung.  Nachdem  noch  das  „ad  multos  annos“  verkündet
war  und  die  Mitglieder  des  Heiligen  Synod  den  Mafestäten  und
dem  Cäsarewitsch  ihre  Glückwünsche  ausgesprochen  hatten,  begab  sich
die  ganze  Versammlung  in  geschlossenem  Zuge  in  den  St.  Georgssaal,
  wo  die  Fahnen  und  Standarten  der  militärischen  Abordnungen
vor  dem  Thron  versammelt  waren.  Der  Cäsarewitsch  nahm  an
einem  kleinen  Altar  Aufstellung.

Nun  trat  eine  Abordnung  großer  bärtiger  Leibgarde-Kosaken  vor
und  senkte  die  uralte  reichbestickte  Standarte  vor  dem  Thronfolger,
hrem  nunmehrigen  Hetman.  Dieser  ergriff  einen  Zipfel  derselben  und
sprach  in  sichtlicher  Bewegung,  aber  mit  klarer  Sprache,  die  ihm  vorgesprochene
  Formel  des  Fahneneides  nach.  Der  Augenblick  war  von
tiefem  Eindruck  auf  die  Zuschauer.  Man  sah  viele  der  Anwesenden
weinen,  dem  alten  eisgrauen  Standartenträger  tropfte  das  helle  Wasser
in  seinen  langen  Bart.  Als  dann  am  Schlusse  der  Zeremonie  das
Elternpaar  in  tiefer  Rührung  seinen  Sohn  umarmte,  malte  sich  allgemeine
  Ergriffenheit  auf  den  Gesichtern  der  Anwesenden.  Mancher  von
den  alten  Getreuen  mag  ein  stilles  Gebet  zum  Himmel  emporgesandt
haben,  daß  Gott  dem  künftigen  Zaren  gnädig  zur  Seite  stehen  möge.

296
        <pb n="318" />
        Am  Tage  nach  der  Großfjährigkeitserklärung  fand  auf  dem  Platz
vor  dem  Winterpalais  die  sogenannte  „Rekruten-Verteklung“  durch
den  Zaren  statt.  Dieser  Vorgang  bot  die  beste  Gelegenheit,  einen
Uberblick  über  das  für  die  Garde  bestimmte  Soldatenmaterial  zu
gewinnen.  Die  Retkruten  der  Infanterke  standen  regimenterweise  geordnet
  im  ersten  Treffen,  dahinter  die  der  Kavallerie,  im  dritten  die
der  Artillerie.  Anwesend  waren  die  direkten  Borgesetzten,  die  General-Inspekteure
  und  sämtliche  Großfürsten  sowie  das  Katserliche  Gefolge.
Der  Gesamteindruck,  den  die  Mannschaften  auf  mich  machten,  war
hervorragend"  es  waren  alles  ausgesuchte  Leute.  Merkwürdig  sahen
die  Rekruten  des  Grenadierregiments  Paul  aus,  die  alle  Stupsnasen
  haben  mußten.  Die  Rekruten  der  Chevallker-Garde  und  der
Garde  ä#ccheval  andererseits  waren  besonders  schön  gewachsene  Leute,
bei  denen  mir  das  fast  gänzliche  Fehlen  der  Hüften  auffiel,  die
weißen  Koller  saßen  auf  ihren  schlanken  Körpern  wie  angegossen.

Als  wir  uns  zur  Verteilung  auf  den  Platz  begaben,  machte  der
Zar  mir  gegenüber  die  scherzhafte  Bemerkung,  ich  solle  wohl  aufpassen,
  welch  ein  heftiger  Kampf  zwischen  dem  Regiment  Preobrashenfé,
dem  russischen  Ersten  Garderegiment,  und  der  Gardeequipage  der
Elotte  entbrennen  werde,  da  jede  Truppe  die  schönsten  Leute  haben
wolle,  dabei  habe  er  zuweilen  als  Schiedsrichter  eine  schwere  Rolle.
Und  in  der  Tat,  ich  wurde  bald  Zeuge  eines  solchen  Kampfes.  Ein
wie  eine  Tanne  gewachsener  Mann,  der  berekts  im  Rocke  des  Regiments
  Preobrashensk  steckte,  wurde  vom  Kommandeur  der  Gardeequfpage
  beansprucht,  während  der  Kommandeur  des  Regiments
seinerseits  sich  weigerte,  ihn  herauszugeben.  Zur  Unterstützung
sprangen  schließlich  auf  der  einen  Seite  der  Divisionskommandeur
und  der  Kommandierende  General  ein,  während  auf  der  anderen
Seite  der  Marineminister  und  Großadmiral  Großfürst  Alexei  sich  für
die  Gardeequipage  einsetzten.  Die  Entscheidung,  die  der  Zar  zu  treffen
hatte,  fiel  schließlich  zugunsten  des  Regiments  Preobrashensk  aus,  zur

#  207
        <pb n="319" />
        sichtlichen  Freude  des  Regimentskommandeurs  und  des  Feldwebels
der  Leibkompagnie  des  Regiments,  für  die  der  betreffende  Soldat
bestimmt  war.  Dieser  Feldwebel  war  ein  Gigant  mit  riesigem  Bart
und  mächtigem  Brustkasten,  ein  paar  gutmütige  hellblaue  Augen
strahlten  aus  seinem  Gesicht,  und  eine  Ordensschnalle  nannte  er  sein
eigen,  die  von  einer  Schulter  bis  zur  anderen  reichte.  Er  war  ein
besonderer  Liebling  des  Kaiserhauses  und  hat  mehrfach  Gelegenheit
gehabt,  bei  Deputationen,  die  nach  Berlin  kamen,  meinem  Großvater
  vorgestellt  zu  werden.  Ich  schüttelte  ihm  zu  seiner  Eroberung
glückwünschend  die  Hand,  wobei  die  meinige  bis  zum  halben  Unterarm
in  seiner  „Pranke“  verschwand.  Dabei  grinste  er  vergnügt  und  stieß
in  gebrochenem  Deutsch  heraus:  „Soldat,  nicht  Matrose,  Soldat
besser!“  Ich  habe  später,  als  er  einmal  mit  einer  Deputation  in
Berlin  war,  mit  ihm  ein  gerührtes  Wiedersehen  gefeiert,  wobei  er
mir  strahlend  versicherte:  „Rekrut  gutes  Soldat  geworden,  schon
Untjerafizjer  (Unteroffizier).“

Nach  der  Rekrutenbesichtigung  begab  ich  mich  zum  Zaren,  um
mich  in  der  mir  verliehenen  Uniform  des  Wiborg-Regiments  vorzustellen.
  Der  Kaiser,  der  von  Natur  aus  mißtrauisch  und  verschlossen
war,  hatte  zu  mir  Vertrauen  gefaßt  und  behandelte  mich  in  der
Unterredung  ungemein  freundlich  und  offenherzig.  Ich  benutzte  die
Gelegenheit,  um  den  Auftrag  meines  Großvaters,  den  Zaren  wegen
der  Angelegenheit  mit  dem  Fürsten  von  Bulgarien  zu  beruhigen  —
ich  komme  darauf  noch  zurück  —  und  ihn  für  die  Fortdauer  der
„entente  à  trois“  mit  Osterreich-Ungarn  zu  gewinnen.  Gegen  die
Donaumonarchie  zeigte  der  Zar  sich  in  höchstem  Maße  eingenommen,
und  es  bedurfte  eines  großen  Aufwandes  an  Gründen,  um  ihn
von  der  Notwendigkeit  des  Dreikaiserbündnisses  zu  überzeugen.  Auftragsgemäß
  habe  ich  besonders  mit  der  auf  die  Mentalität  des  Zaren
berechneten  Begründung  gearbeitet,  daß  die  drei  Kaiserreiche  gemein—
sam  gegen  die  Anarchie  kämpfen  müßten  oder,  wie  ich  es  mit  einem

298
        <pb n="320" />
        vom  Fürsten  Bismarck  gebrauchten  Symbol  ausdrückte:  die  drei
Kaiserreiche  müßten  als  dreiseitige  Bastion  gegen  die  heranstürmenden
Wellen  der  Anarchie  und  liberalisierenden  Demokratie  zusammenstehen.
  Wie  später  aus  den  Mitteilungen  Herbert  Bismarcks?)  und
dann  auch  aus  seinen  und  unseres  Botschafters  Berichten  **)  hervorging,
sind  meine  Bemühungen  keineswegs  vergeblich  geblieben,  mein  Großvater
  berief  sich  ausdrücklich  auf  diesen  Erfolg,  als  es  sich  zwei  Jahre
später  darum  handelte,  den  Zaren  in  Brest-Litowsk  zu  begrüßen).
Zum  Schluß  der  Audienz  ging  der  Katser  in  seiner  Freundlichkeft
sogar  so  weit,  mir  das  Du  anzubieten.  Eine  Unterredung,  die  ich  nachmittags
  mit  dem  Außenminister  Giers  hatte,  bewegte  sich  politisch
in  den  gleichen  Bahnen  wie  am  Vormtttag,  und  ich  glaube  annehmen
zu  können,  daß  auch  sie  nicht  ohne  Nutzen  für  die  deutsch-russischen
Beziehungen  gewesen  ist?#).

Am  20.  Mai  besuchte  ich  den  Kriegshafen  Kronstadt,  wo  mich
Großfürst  Alexei  umherführte  und  mir  auch  die  auf  den  Werften
im  Bau  befindlichen  Schiffe  zeigte  f).  Am  nächsten  Tage  machte
ich  das  Regimentsfest  des  Leibgarde-Kürassierregiments  der  Katserin
in  Gatschina  mit,  am  22.  Mai  wohnte  ich  vormittags  einer  Barade
der  Feuerwehr  bei  und  besichtigte  darauf  eine  Batterie  der  Gardeartillerke.
  Nachmittags  empfing  ich  die  Botschafter  von  Frankreich
und  Osterreich-Ungarn,  sowie  den  dänischen  Gesandten.  Damit  war
mein  offizielles  Brogramm  erledigt.  Die  freibleibende  Zeit  benutzte
ich  zu  Besuchen  der  großen  Kathedralen,  des  Alexander-Newskij—
klosters,  der  Eremitage,  des  Hofstallmuseums  und  anderer  Sehens-*)

  Bgl.  Anhang  Nr.  11.

xx)  Bgl.  Die  Große  Bolltik  der  Europässchen  Kabinekte  1871—1914  Bd.  3,
Nr.  631—634.  Ich  gebe  diese  Berichte  zur  Ergänzung  meiner  elgenen  im  Anhang
  Nr.  13—16  bel.

xxx)  Ebenda  Bd.  7,  Nr.  984  Anmerkung.
)  Bgl.  meine  Berichte  Anhang  Nr.  7—16,  ferner  Nr.  14—17.

)  Bgl.  Anhang  Nr.  9.

299
        <pb n="321" />
        würdigkeiten.  In  dem  Alexander-Newskijkloster,  einem  hochberühmten
Wallfahrtsort,  der  die  Gebeine  des  Heiligen,  nach  dem  er  genannt  ist,
und  vieler  anderer  berühmter  Persönlichkeiten  birgt,  stand  ich  auch  vor
dem  Grabstein  des  gewaltigen  Heerführers  Suworow,  auf  dem  nur
die  kurzen,  aber  bedeutungsvollen  Worte  zu  lesen  waren:  „Hier

liegt  Suworow.“
r*ul

Es  war  manchmal  reichlich  spät,  bis  ich  den  üblichen  Tagesbericht
  an  meinen  Großvater  niederschreiben  konnte,  aber  es  gewährte
mir  doch  große  Freude,  ihm  über  die  Vorgänge  zu  berichten,  von
denen  ich  wußte,  daß  er  sie  mit  lebhafter  Tellnahme  verfolgte.  Ich
freute  mich  auch,  wenn  ich  ihm  Grüße  alter  Bekannter  übermitteln
konnte,  an  die  er  mir  Empfehlungen  mitgegeben  hatte,  wie  z.  B.
der  Frau  v.  Rohrbeck,  die  bei  seiner  Schwester  Charlotte,  der
Katserin  von  Rußland,  Kammerfrau  gewesen  und  jetzt  Verwalterin
des  Kronschmucks  war.  Die  freundliche  alte  Dame  wurde  ganz  gerührt,
  als  ich  ihr  meines  Großvaters  Grüße  ausrichtete.  Zum  andern
war  es  eine  uralte  Hofdame,  Bartenieff  mit  Namen,  die  ebenfalls
im  Dienste  seiner  Schwester  gestanden  hatte.  Sie  übertrug  ihre
Anhänglichkeit  auch  auf  mich,  und  als  ich  nach  meiner  Thronbesteigung
  zum  ersten  Male  in  Peterhof  weilte,  ließ  sie  sich  mit  ihren
90  Jahren  noch  in  einem  Lehnstuhl,  von  Kissen  aufrecht  gehalten,
ans  Fenster  rollen,  um  mir  einen  Gruß  zuzuwinken.  Der  Zar  machte
mich  selbst  auf  sie  aufmerksam,  indem  er  mir  beim  Vorbeifahren
zurief:  „Voilà  la  chere  Mademoiselle  Bartenieff,  qui  espèere  d’attrapper

  un  regard  de  ta  part!“)
%

Am  Abend  des  22.  Mai  verlfeß  ich  Petersburg  und  relste  nach
Moskau  ab,  das  zu  besichtigen  der  Zar  mich  in  der  Unterredung

*)  „Da  ist  die  teure  Mademoiselle  Bartenteff,  die  elnen  Blick  von  dir  zu
erhaschen  hofft!“

300
        <pb n="322" />
        am  19.  aufgefordert  hatte.  Gegen  alle  Erwartung  ehrte  mich  der
Zar  noch  dadurch  in  hohem  Maße,  daß  er  mich  in  seinem  offenen
Wagen  vom  Anitschkoff-Balais  zum  Bahnhof  geleitete,  wozu  er
preußische  Uniform  angelegt  hatte.  Diese  Auszeichnung  machte  allgemein
  um  so  größeren  Eindruck,  als  der  Zar  sonst  selbst  bei  Souveränen
  schwer  zu  diesem  Höflichkeitsakte  zu  bewegen  war.  Auf  dem
Bahnhof  hatten  sich  alle  Großfürsten  und  die  Deputation  des  85.
Wiborgschen  Regiments  eingefunden,  um  sich  von  mir  zu  verabschieden.

Ich  konnte  von  Petersburg  in  dem  Bewußtsein  scheiden,  meine

Sendung  nach  besten  Kräften  erfüllt  zu  haben.
*

Am  WMorgen  des  23.  Mai  kam  ich  in  Moskau  an.  Nach  dem
üblichen  Empfang  auf  dem  Bahnhof  fuhr  ich  nach  dem  Kreml,  wo
der  Zar  mir  ein  Quartier  hatte  bereitstellen  lassen.  Dort  wurde  ich
von  dem  Generalgouverneur  und  Krönungsmarschall  Fürst  Dolgorukoff
empfangen,  während  der  Bräsident  des  Moskauer  Hofkontors  Graf
Orloff-Dawoydoff  und  seine  Gemahlin  sich  meiner  auf  das  entgegenkommendste
  annahmen  und  für  mich  sorgten.

Der  berühmte  Kreml  ist  kein  Schloß,  sondern  eine  Stadt  für  sich.
Er  besteht  aus  Palästen,  Kathedralen,  Klöstern,  Kapellen,  Kasernen
und  Berwaltungsgebäuden,  wird  umschlossen  von  der  weltbekannten
alten  Mauer  mit  ihren  gespaltenen  Zinnen,  und  flankiert  von  einer
Anzahl  verschiedenförmiger  Türme.  Bei  meinem  Rundgang  durch  den
Hauptpalast  besuchte  ich  zunächst  die  Räume,  die  bei  den  Krönungsfeierlichketten
  benutzt  wurden  und  die,  zum  Teil  in  byzantinischem
Stil  mit  Goldmosaik  gehalten,  einen  ungemein  prächtigen  Eindruck
machten,  der  Einfluß  des  Orkents  war  bereits  unverkennbar.  Daran
schloß  sich  ein  Rundgang  durch  die  „Ordenssäle“,  die  so  genannt
wurden,  weil  seder  russische  Orden  einen  Saal  hatte,  dessen  Wände
und  Möbel  mit  Stoff  von  der  Farbe  des  Ordensbandes  bezogen
waren,  während  die  Decken  die  Ordenssterne  und  Anhänger  in  großem

301
        <pb n="323" />
        Ausmaß  in  Metall  zeigten.  Am  schönsten  wirkten  der  Andreassaal,
ganz  in  lichtblauem  Atlas,  und  der  Katharinensaal,  in  purpurrotem
Atlas  mit  Silbereinfassung  gehalten.  Der  größte  von  allen  war
der  Georgssaal  in  weißem  Marmor,  auf  dessen  Wänden  die  Namen
aller  Georgsritter  in  Gold  eingemeißelt  waren.  Ich  fand  unter  ihnen
die  Namen  mancher  preußischen  Heerführer  aus  den  Befreiungskriegen,
Erinnerungen  an  glorreiche  Zeiten  der  Waffenbrüderschaft  mit  dem
russischen  Heere,  auch  den  des  Prinzen  Friedrich  Karl,  meines  Vaters
und  meines  Großvaters.  Auf  dieser  Wanderung  bekam  ich  ferner
im  oberen  Stock  frühmittelalterlich  eingerichtete  Wohnungen  aus  der
Zeit  der  Großfürsten  und  Zaren  von  Moskau  zu  Gesicht,  deren
Venster,  von  zierlich  gedrehten  Säulen  getragen,  mit  verschiedenfarbiger
  Majolika  bekleidet  waren.  Bon  ihnen  aus  genoß  man
einen  prachtvollen  Rundblick  über  die  ganze  Stadt  Moskau  mit
ihren  zahllosen  goldenen,  grünen  und  blauen  Kuppeln,  die  von  vergoldeten
  Kreuzen  mit  herabhängenden,  ebenfalls  vergoldeten  Ketten
gekrönt  wurden.  Im  gleißenden  Sonnenlicht  fürwahr  ein  märchenhafter
  Anblick,  der  einzig  in  seiner  Art  warl

Ich  machte  unter  Führung  des  Fürsten  Dolgorukoff  einige  Rundfahrten
  zum  Besuch  bemerkenswerter  Gebäude  und  Kirchen  wie  auch
des  alten  Spitals  und  Altenheims  der  deutschen  Kolonte.  Unter
anderem  sah  ich  die  von  Iwan  dem  Schrecklichen  gebaute  Wassilif-Blashinnp-Kathedrale,
  deren  Kuppeln  teils  pinienzapfenförmig,  teils
ananasartig  gestaltet  und,  wie  die  gesamte  übrige  Kirche,  in  bunten
Garben  gehalten  waren.  Dieses  Bauwerk  soll  den  Zaren  Jwan  so
erfreut  haben,  daß  er  nach  einer  Legende,  die  freilich  auch  von  zahlreichen
  anderen  Fürsten  berichtet  wird,  dem  Baumeister  die  Augen
ausstechen  ließ,  damit  er  einen  solchen  Wunderbau  nicht  zum  zweiten
Male  errichten  könne.

Auch  die  gewaltige,  damals  gerade  in  der  Ferttigstellung  begriffene
Gedächtntskirche  für  die  Befrefungskriege  auf  einem  großen  freien

302
        <pb n="324" />
        Platz  außerhalb  der  Stadt  habe  ich  besucht.  Ihre  marmorgetäfelten
Umgänge  waren  mit  Inschriften  geschmückt,  die  Kabinettsorders  des
Zaren,  Berichte  über  die  Hauptschlachten,  ordres  de  bataille  der
beteiligten  Truppen  und  die  Namen  der  Gefallenen  nannten,  ein  ein—
drucksvolles  Denkmal  für  eine  große  Zeit,  zu  dessen  Bau  auch  Deutschland
  und  Österreich  beigesteuert  hatten.  Auch  auf  die  Sperlings-=berge
  führte  mich  der  Fürst,  wo  ich  im  Anblick  Moskaus  des  Augenblicks
  gedachte,  da  Napoleon  I.  zum  ersten  Male  seine  Augen  auf  der
ersehnten  Stadt  hatte  ruhen  lassen.

Schließlich  habe  ich  auch  die  Krönungskirche  besucht  und  die
Kathedrale,  in  der  die  Särge  der  früheren  Moskauer  Zaren  reihenweise
  nebeneinander  standen,  alle  in  roten  Samt  gehüllk,  nicht  unten
in  der  Gruft,  sondern  in  der  Kirche  selbst.  Als  ich  die  Reihe  der
Särge  langsam  entlangschritt,  hielt  mich  bei  einem  von  ihnen  Fürst
Dolgorukoff,  der  mich  führte,  fest  und  flüsterte  mir  ins  Ohr:  „Jwanl“
Iwan  der  Schreckliche!  Erschütterung  ging  durch  meine  Seele,  als
ich  am  Sarge  dieses  wilden,  gewaltigen  Fürsten  stand.  In  tiefer
Stille  verließen  wir  den  eindrucksvollen  Raum.

Auf  Wunsch  des  Zaren  besichtigte  ich  in  der  großen  Manege  von
Moskau,  dem  größten  Exerzierhaus  der  Welk,  Infanterietruppenteile
  der  Garnisomn.  Das  Ezerzierhaus  machte  in  seinen  Riesenausmaßen
  trotz  seiner  nüchternen  Einfachheit  einen  überwältigenden
Eindruck.  Große  Kachelöfen  wechselten  in  Nischen  ab  mit  Kapellen
für  den  Militärgottesdienst,  dem  auf  diese  Weise  die  Truppe  am
Sonntag  in  großer  JZahl  beiwohnen  konnte.  Unter  Kommando  des
Generals  à  la  suite  Ellis  standen  dort  im  ersten  Treffen  vier  Bataillone
  des  Grenadierregiments  „Friedrich  Wilhelm  IV.,  König  von
Preußen"),  in  Bataillonskolonne  nebeneinander,  dahinter,  ebenfalls
in  Kolonnen,  acht  zusammengesetzte  Batakllone  aus  Regimentern  des

)Ich  habe  dem  Regiment  noch  kurz  vor  dem  Kriege  zu  seinem  Jubtläum  ein
Porträt  des  Königs  geschenkt.

303
        <pb n="325" />
        Grenadierkorps  in  Moskau.  An  der  Tür  empfing  mich  der  Kommandant
  der  Moskauer  Militärbezirke  General  Graf  Brevern  de  la
Gardie.  Auf  seinen  Wunsch  rief  ich  den  Truppen  den  üblichen  Gruß  zu,
der  von  den  zwölf  Bataillonen  unisono  erwidert  wurde  und  dem  ein
dreifaches  Hurra  folgte.  Die  Haltung  der  Bataillone  unter  präsentiertem
  Gewehr  war  ebenso  wie  der  Parademarsch  gut,  das  Marschtempo
  flott  und  etwas  schneller  als  bei  uns.

Bei  dem  darauffolgenden  Frühstück  für  die  höheren  Vorgesetzten
im  Kreml  lernte  ich  einen  Teil  der  bereits  ziemlich  bejahrten  Generäle
  kennen.  Manche  von  ihnen  waren  in  füngeren  Jahren  in
Berlin  gewesen  und  sprachen  anerkennend  von  unserer  Armee  sowie
ihren  alten  Beziehungen  zur  russischen  von  den  Befreiungskriegen  her.
So  fragte  mich  z.  B.  der  General  Graf  Brevern  eingehend  über
Berlin  und  Potsdam  aus,  wo  er  seinerzeit  gewesen  war.  Als  er
mich  nach  vielen  Persönlichkeiten  des  Hofes,  der  Gesellschaft  und  der
Garde  befragte,  von  denen  ich  nur  durch  Hörensagen  etwas  vernommen
  hatte,  wurde  ich  stutzig  und  stellte  an  den  General  die  GFrage,
wann  er  denn  zuletzt  in  Berlin  gewesen  sei,  worauf  er  mir  antwortete:
  „Anno  18741“  Unter  den  Generälen  befand  sich  auch  ein
liebenswürdiger  älterer  Herr,  der  mir,  sowekt  ich  mich  erinnere,  als
Oberst  Kisslinski  vom  Grenadierregiment  Generalfeldmarschall  Graf
Barclap  de  Tollp  vorgestellt  wurde,  der  ebenfalls  von  vielen  preußischen
  Erinnerungen  zu  erzählen  wußte.  Ich  hatte  die  Empfindung,
daß  bei  diesen  Herren  der  älteren  Generation  die  Traditionen  der
preußisch-russischen  Waffenbrüderschaft  noch  lebendig  waren  und  gerne
aufgefrischt  wurden.

Den  Abschluß  meines  Moskauer  Aufenthalts  bildete  ein  Abschiedsessen
  am  25.  Mai,  das  mir  Fürst  Dolgorukoff  gab,  und  zu  dem  das
Stadtoberhaupt  von  Moskau  sowie  die  Generalität  geladen  waren.
Küche  und  Keller  des  Fürsten  waren  berühmt,  und  beide  rechtfertigten
  ihren  Ruf  an  diesem  Abend.  Schon  die  Sakußka  (Vor-304
        <pb n="326" />
        tisch)  bot  eine  solche  Fülle  auserlesener  Delikatessen  und  Liköre,  daß
sie  für  preußische  Verhältnisse  vollauf  genügt  hätte,  den  Hunger  zu
stillen.  Das  Menu  wies  weit  über  ein  Dutzend  Gänge  auf,  zu
denen  der  liebenswürdige  Wirt  „freundlichst  nötigte“.  Die  Dauer
des  Essens  betrug  über  zwei  Stunden,  und  die  alten  Herren  wurden
allmählich  jovial  und  angeregt.  Am  Schluß  des  Diners  brachte
Fürst  Dolgorukoff  drei  Hurras  auf  den  Zaren  und,  in  Erinnerung
an  die  alten  preußisch-russischen  Traditionen,  auf  meinen  Großvater
aus.  Nach  Tisch  wurde  in  einem  Nebensaal  geraucht,  während
Zigeuner  und  Zigeunerinnen  mit  glockenreinen  Stimmen  in  kunstvoll
abgestimmtem  Chor  russische  Bolkslieder  sangen.

Um  Mitternacht  brachte  mich  der  Fürst  nach  dem  Bahnhof,  wo
sich  das  Offizierkorps  des  Grenadierregiments  Friedrich  Wilhelm  IV.
zum  Abschied  eingefunden  hatte#  auch  viele  der  Tischgäste  hatten  es
sich  nicht  nehmen  lassen  mitzukommen.  Nach  herzlicher  Berabschiedung
von  meinem  liebenswürdigen  Gastgeber  stieg  ich  in  den  mir  vom
Zaren  zur  Berfügung  gestellten  Sonderzug,  der  unter  Hurrarufen
die  Halle  verließ.  Am  28.  Mai  traf  ich  wieder  in  Berlin  ein.

*  7
.

Mein  nächster  Besuch  auf  russischem  Boden  fand  1886  statt.
Im  Februar  dieses  Jahres  lud  mich  der  Generaladjutant  meines
Großvaters,  Fürst  Anton  Radziwill,  zur  Bärenjagd  auf  seine  russischen
Besitzungen  ein.  Nachdem  mein  Großvater  mir  den  erbetenen  Urlaub
  bewilligt  hatte,  wurde  am  12.  Februar  die  Reise  über  Warschau
nach  Nieswiecz,  dem  uralten  Schlosse  der  Fürsten  Radziwill  im
Gouvernement  Minsk,  angetreten.  Mein  Adjutant,  Major  v.  Krosigk,
begleitete  mich.  Einige  Stationen  vor  Warschau  kam  der  vom  Fürsten
Bismarck  hochgeschätzte  Generalkonsul  Baron  v.  Rechenberg  in  unseren
Wagen  und  erzählte  uns  einiges  über  Warschauer  Berhältnisse.  Auf
der  Station  Baranowitschi,  von  der  damals  gerüchtweise  verlautete,

20  Aus  meinem  Leben  305
        <pb n="327" />
        sie  solle  ein  großer  Eisenbahnknotenpunkt  werden,  verließen  wir  den
Zug  und  bestiegen  die  Reiseschlitten.  Diese  sahen  von  außen  wie
auf  Kufen  gesetzte  Oberteile  von  Kaleschen  aus,  innen  waren  sie  ge—
räumig  und  mit  Bärenfellen  ausgeschlagen,  in  die  man  sich  je  nach
Wahl  mehr  sitzend  oder  liegend  einhüllte,  so  daß  man  unter  dem
heruntergezogenen  Verdeck  wohlgeborgen  war.

Die  Fahrt  ging  durch  öde  und  trostlose,  metertief  mit  Schnee
bedeckte  Gegend,  auf  einem  Wege,  der  nach  unseren  Begriffen  nichts
als  eine  aus  nebeneinanderliegenden  Gleisen  bestehende  Trift  und
als  Straße  nur  durch  die  zu  beiden  Seiten  stehenden  Birken  mar—
kiert  war.  Diese  Birkenalleen,  die  die  Zarin  Katharina  in  ganz
Rußland  hatte  anlegen  und  durch  Androhung  der  Todesstrafe  vor
dem  Abholzen  schützen  lassen,  waren  sehr  nützlich,  da  die  von  Schnee
bedeckte  Landschaft  bei  Dunkelheit  dem  Fahrenden  keinerlei  Ortentierungspunkte
  bietet.

Auf  dem  Hofe  des  gewaltigen,  von  Erdbastionen  umgebenen
Schlosses  Nieswiecz  empfingen  mich  der  Kommandeur  und  das
Offizierkorps  des  im  Ort  garnisonierenden  Dragonerregiments,  dessen
Chef  der  Landgraf  von  Hessen  war.  Bei  einem  Nundgang  durch
das  Schloß  zeigte  mir  der  Fürst  eine  große  Galerie  von  VPorträts
seiner  Borfahren:  die  Herren  waren  von  martialischem  Aussehen,
hielten  fast  alle  einen  goldenen  Streitkolben  in  der  Hand  und  waren
zumeist  in  langen,  pelzbesetzten  Gewändern  dargestellt.  Ich  konnte
mich  der  Bemerkung  nicht  enthalten,  daß  ich  diese  Bilder  nicht  eben
als  künstlerisch  übermäßig  hochstehend  anzusehen  vermöchte.  Darauf
fing  der  joviale  Fürst  an  laut  zu  lachen,  indem  er  sagte,  er  teile
durchaus  mein  Urteil  und  wolle  mir  die  Geschichte  der  Bilder  erzählen.
  Sein  Oheim,  der  Generalleutnant  Leo  Radziwill,  habe
sich  einstmals  einen  Maler  aus  Grankreich  verschrieben,  um  die  stark
in  Verfall  geratenen  Bilder  wieder  herzustellen.  Nachdem  dieser  eingetroffen
  war,  führte  Radziwill  den  Künstler  in  den  Saal  und  nannte

300
        <pb n="328" />
        die  ihm  zugedachte  Aufgabe.  Da  erbleichte  der  Künstler  und  rief
verzweifelt  aus:  „Monseigneur,  je  crains  un  malentendu,  une  confusion,
  car  je  ne  suis  point  portraitiste,  mais  un  peintre  d'animaux*)“,
worauf  der  Schloßbesitzer  ihm  unbeirrt  erwiderte:  „Mon  cher,  cela
ne  fait  rien  du  tout.  Ces  gens  là,  regardez  les  bien,  étaient  rous
plus  ou  moins  des  animaux?:).“

In  einem  Raum  zu  ebener  Erde  lag  eine  Reihe  von  bronzenen
Kanonenrohren  aus  der  Zeit  Johann  Sobieskis,  die  die  merkwürdigsten
  Formen  aufwiesen,  die  ich  je  bei  Kanonen  gesehen  habe.
Die  meisten  waren  in  Form  von  korinthischen  oder  ionischen  Säulen
gegossen,  denen  sogar  das  Kapitell  nicht  fehlte;  andere  hatten  die
Jorm  von  Baumstämmen,  denen  die  Aste  abgeschlagen  waren.  Ich
sagte  dem  Fürsten,  daß  die  Rohre  nicht  nur  einen  hohen  Bronzewert
  besäßen,  sondern  auch  Erzeugnisse  einer  hochstehenden  Gießereikunst
  darstellten,  wie  sie  in  dieser  Anzahl  kaum  ein  Artilleriemuseum
besitzen  werde;  es  sei  bedauerlich,  daß  sie  unbeachtet  in  dem  Gewölbe
lagerten.  Als  der  Fürst  darauf  bemerkte,  er  wisse  nicht,  was  er  mit
den  Rohren  anfangen  solle,  machte  ich  ihm  den  Vorschlag,  sie  aufrecht,
  mit  den  Mündungen  nach  oben,  als  Träger  für  das  Dach
eines  Häuschens  auf  dem  großen,  ziemlich  schmucklosen  Hofe  aufzustellen.
  Späterhin  erzählte  mir  der  Fürst  gelegentlich,  daß  er  diesen
Vorschlag  ausgeführt  und  der  Hof  dadurch  wesentlich  gewonnen  habe.

Am  Mittag  wurde  die  Schlittenreise  nach  dem  Gut  Radziwillmonte
  (bei  Kilez),  das  zu  der  großen  Herrschaft  gehörte,  fortgesetzt.
Einmal  kreuzten  wir  eine  große,  breite  Straße,  auf  der,  was  mir
auffiel,  keine  Schlittengleise  zu  sehen  waren.  Wie  der  Fürst  mir
später  erklärte,  war  das  die  berühmte  Heerstraße,  die  Kaiser  Nikolaus  I.

*)  „Monsetgneur,  ich  fürchte,  es  ist  ein  Mißverständnis  geschehen,  eine  Konfuston:
  ich  bin  gar  keln  Borträtmaler,  sondern  Tlermaler!“

na)  „Mein  Lleber,  das  schadet  nicht  im  geringsten.  Dlese  Herrschaften  waren,
sehen  Ste  sie  nur  gut  an,  alle  mehr  oder  weniger  Biecher."

202  307
        <pb n="329" />
        einstmals  mit  dem  Lineal  als  direlte  Verbindungslinie  zwischen
Moskau  und  Warschau  nach  der  Karte  gezogen  hatte,  sie  berührte
wenig  Städte  und  fast  gar  keine  Dörfer,  so  daß  sie  kaum  benutzt
wurde.

In  der  kleinen  Stadt  Kilez  wurde  eine  Futterpause  für  die  Pferde
eingelegt.  Da  das  Wetter  herrlich  war,  minus  5  Grad  bei  strahlendem
  Sonnenschein,  war  die  gesamte  Bevölkerung  des  Ortes  auf  den
Beinen  und  umstand  neugierig,  doch  ohne  zudringlich  zu  sein,  unseren
Schlitten,  dessen  Verdeck  zurückgeschlagen  war.  Die  Männer  trugen
den  üblichen  großen  russischen  Bauernpelz,  ihre  faltigen,  von  großen
blonden  Bärten  umrahmten  Gesichter  mit  den  hellblauen  Augen  erinnerten
  in  gewisser  Beziehung  an  Dürersche  Apostelköpfe.  Die
Frauen  waren  durchweg  kräftig  und  gut  gebaut,  am  Oberkörper  nur
mit  einem  Hemde  bekleidet,  das  die  Arme  frei  ließ  und  bis  zum
Gürtel  offen  stand.  Dieser  hielt  einen  Rock  zusammen,  der  etwa
bis  auf  die  halbe  Wade  reichte:  Schuhe  und  Strümpfe  waren  anscheinend
  unbekannte  Luxusgegenstände.  Als  der  Fürst  den  Leuten
sagte,  wer  ich  sei,  nahmen  die  Bauern,  sich  tief  verneigend,  ihre
Mützen  ab.  Die  Frauen,  soweit  sie  Kinder  auf  den  Armen  oder
an  der  Brust  hatten,  traten  an  den  Schlitten  heran  und  reichten
mir  die  Kleinen,  damit  ich  sie  streichle.  Im  Hintergrunde  vergnügte
sich  indessen  die  Dorfjugend  mit  Herabrutschen  von  Schneehügeln,
wobei  ich  manch  kleines  Geschöpf  sah,  das  nur  mit  einem  HOemdchen
  bekleidet  war  und  das  Rutschen  mit  dem  blanken  Körper  besorgte,
  so  wie  unsere  Kinder  es  im  Sommer  auf  den  Sandhügeln
an  der  See  tun.  Als  ich  mein  Erstaunen  über  diesen  Grad  von
Abhärtung  aussprach,  erwiderte  der  Fürst:  „Alles  Schwache,  was
dieses  Leben  nicht  verträgt,  geht  ein.  Wer  durchkommt,  ist  derart
abgehärtet,  daß  er  alles  vertragen  kann.“

Abends  trafen  wir  in  Nadziwillmonte  ein,  wo  uns  ein  behaglich
  gewärmtes  Quartier  aufnahm.  Erst  am  Nachmittag  des  nächsten

308
        <pb n="330" />
        Tages  erreichten  wir  das  Jagdhaus  Denistowicz  in  den  Pripjetsümpfen.
  Eine  kleine  Jagdgesellschaft,  bestehend  aus  einem  General
à  la  suite,  dessen  Name  mir  entfallen  ist,  Prinz  Matthias  Radziwill,
Kammerherrn  des  Zaren,  und  Prinz  Wilhelm  Radziwill,  Bruder
des  Fürsten,  begrüßte  uns  dort.  Deniskowicz  war  ein  von  Buschwald
  umgebenes,  einfaches  Blockhaus  mit  schlicht,  aber  behaglich  eingerichteten
  Zimmern.  Ich  hatte  ein  Schlafzimmer  für  mich,  während
die  übrigen  Gäste  einen  größeren  gemeinsamen  Raum  bewohnten.
der  „Salon"  des  Hauses  war  zu  gleicher  Zeit  Ebzimmer.  Ein  hünenhafter
  Oberförster,  aus  Oberschlesien  gebürtig,  Biernatzki  mit  Namen,
meldete  dem  Fürsten  die  Bestätigung  mehrerer  Bärenlager,  was  zu
den  schönsten  Hoffnungen  berechtigte.  Dann  stellte  mir  der  Fürst
den  Generaldirektor  seiner  Besitzungen,  Herrn  Ablamowitsch,  und
seine  polnische  Jägerei  vor,  die  unter  Biernatzki  das  Bärentreiben
zu  führen  hatte.  Die  Leute  sahen  intelligent  und  weidmännisch  aus
und  machten  einen  guten  Eindruck.

Am  nächsten  Morgen  stiegen  wir  bei  herrlichem  Wetter  in  unsere
Schlitten,  von  denen  feder  nur  eine  Berson  aufnehmen  konnte.  Sie
bestanden  aus  Waschkörben,  die  mit  Stroh  angefüllt,  mit  einem  Sitzbänkchen
  versehen  und  dann  auf  Kufen  gesetzt  waren.  Der  Kutscher
saß  seinem  Fahrgast  fast  auf  den  Knien  und  lenkte  ein  kleines  galizisches
  Bferdchen,  an  dessen  Hals  eine  Glocke  hing.  Man  saß  also
dicht  über  dem  Schnee,  über  den  man  hinglitt,  und  riskierte  nichts
für  den  Fall  des  Umwerfens.  Kam  das  hie  und  da  einmal  vor,
so  machten  die  Kutscher  gar  kein  Aufhebens  von  der  Sache,  richteten
Insassen  und  Korb  wieder  auf,  klopften  den  Schnee  ab  und  trösteten
mit  dem  bei  allen  widrigen  Vorkommnissen  üblichen  russischen  Wort:
„Nitschewo“  (schadet  nichts).

Am  Sammelplatz  wurden  wir  mit  der  Meldung,  daß  der  Bär  fest
sei,  von  Biernatzki  und  der  Jägerei  empfangen.  Diese  trug  kleidsame

graue,  pelzgefütterte  Joppen,  schwarze  Belzkappen,  lange  Strümpfe
300
        <pb n="331" />
        mit  hohen  Pelzstiefeln,  und  war  ausgerüstet  mit  Büchse  und  Hirschfänger,
  dazu  mit  großen,  mit  Mundstücken  versehenen  Büffelhörnern,
die  beim  Lockerwerden  des  Bären  das  „Bärensignal“  geben  sollten.
Das  Revier,  in  dem  der  Bär  in  einem  großen  Windbruch  bestätigt
war,  war  von  etwa  400  bis  700  Treibern  umstellt,  die  so  dicht
standen,  daß  sie  sich  gegenseitig  die  Hand  reichen  konnten.  Sie  nahmen
sich  buntfarbig  und  höchst  originell  aus,  Belze  und  Kappen  in  allen
Farben  und  Formen  waren  zu  sehen.  Teilweise  waren  die  Leute
mit  großen  Beilen  in  der  Hand  erschienen,  teilweise  auch  mit  Schußwaffen
  aus  allen  Jahrhunderten,  darunter  sogar  einigen,  die  einst  den
Schweden  Karls  XII.  abgenommen  worden  waren.

Wir  trennten  uns  nun,  um  auf  unsere  Stände  zu  gehen,  und
Herr  Ablamowitsch  stellte  mich  an  eine  uralte,  mächtige  Kiefer,  bei
dieser  war  seinerzeit  im  Herbst  nach  dem  ersten  Schneefall  der  Wechsel
des  Bären  in  sein  Winterlager  bestätigt  worden,  den  er  meistens
beim  Gestörtwerden  zum  Herauswechseln  wieder  anzunehmen  pflegt.
Ich  erhielt  die  Instruktion,  den  Bären  möglichst  nahe  herankommen  zu
lassen  und  nur  dann  zu  feuern,  wenn  das  Ziel  ganz  frei  sei  und  kein
Zweig  die  Kugel  ablenken  könne.  Nechts  von  mir,  etwa  70  Schritt
entfernt,  postierte  sich  Herr  Ablamowitsch,  während  unmittelbar  an
meiner  linken  Seite  ein  hünenhafter,  alter  Bärenjäger  zu  stehen  kam,
der  mit  seinen  Riesenfäusten  meine  stärkste  Saufeder  umkrallte.  Oicht
hinter  mir  stand  mein  treuer  Büchsenspanner  Rollfing  mit  einer  Reserve-Doppelbüchse,
  während  ich  die  erste  selbst  schußbereit  in  Händen  hielt.
Hinter  Rollfing  wiederum  postierte  sich  der  brave  Gendarmeriewachtmeister
  mit  einer  westeren  Reservebüchse  und  den  Patronen,  weiter
rückwärts  noch  ein  Hauptmann  der  Gendarmerie  mit  einigen  Gendarmen
  als  Hauptreserve  für  den  Großkampf.

Da  ich  gewohnt  war,  stets  allein  von  einem  Förster  geführt,
mit  Nollfing  auf  die  Pirsch  zu  gehen,  erschien  mir  dieses  Aufgebot
bewaffneter  Macht  gegen  einen  Bären  etwas  reichlich,  aber  Herr
310
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        Ablamowitsch  sagte,  ein  angeschossener  Bär  sei  unberechenbar  und
nähme  dann  alles  an,  was  ihm  zu  Gesicht  käme.  Daher  dürfe  ich,
selbst  wenn  das  Tier  zusammenbreche,  mit  Schießen  nicht  eher  aufhören,
  bis  es  regungslos  sei.  Aus  demselben  Grunde  hatte  er  mir  auch
empfohlen,  auf  alle  Fälle  einen  Revolver  für  den  Nahkampf  umzuschnallen.
  Mein  Schußfeld  gewährte  geradeaus  ungefähr  150  Schritt
Sicht,  ein  Windbruch  hatte  einige  gewaltige  Kiefern  durcheinander
geworfen,  was  dem  Ausblick  einen  malerischen  Abschluß  gab.

Die  Jägerei  hatte  sich  inzwischen  zu  den  bereitgehaltenen  Hunden
begeben,  um  mit  einigen  kleinen  Spürhunden  erst  das  Lager  des
Bären  aufzufinden,  während  die  großen  Bracken,  die  „Backer“,  bei
seinem  Erscheinen  auf  ihn  losgelassen  werden  sollten,  um  ihn  dann  so
lange  vor  sich  herzufjagen,  bis  er  an  die  Schützenlinie  käme.  Plötzlich
  wurde  die  tiefe  Stille  des  schönen,  sonnigen  Tages  durch  ein  geheulartiges
  Tuten  der  Hörner  unterbrochen,  in  das  sich  wütendes
Hundegebell  mischte.  Alle  Nerven  spannten  sich.  Der  Bärenjäger
mit  der  Saufeder  links  von  mir  nickte  zufrieden  mit  dem  Kopf  und
deutete  nach  der  Gegend  des  Dickichts,  wo  der  Bär  locker  gemacht
worden  war.  Sobald  die  Bracken  den  Bären  an  die  Treibwehr
brachten,  erhob  diese  —  wohl  auch  aus  Angst  —  lautes  Geschrei  und
knallte  Abwehrschüsse  in  die  Luft,  so  daß  der  Bär  wieder  in  den
Trieb  hineingescheucht  wurde.

Plötzlich  erstarrte  mein  links  neben  mir  stehender  Bärenjäger  wie
zu  einer  Salzsäule,  seine  Augen  funkelten  schräg  links  vorwärts,
und  mit  seinem  tiefen  Baß  flüsterte  er  mir  zu:  „Medwsed!“  (der
Bär),  während  Nollfing  mir  zuflüsterte:  „Bär  kommt  von  schräg
links,  etwa  120  Schritt  entfernt.“  Ich  ging  in  Anschlag.  Gleich
darauf  hörte  man  Keuchen  und  Prusten,  und  im  nächsten  Augenblick
sah  man  eine  große,  runde,  dunkle  Pelzkugel  oder  einen  muffartigen
Gegenstand  durch  den  Schnee  rollen,  vor  sich  her  wie  Schiffe  in
schneller  Fahrt  eine  Art  Bugwelle  aus  Schnee  treibend.

311
        <pb n="333" />
        Sobald  der  Bär  von  dem  Windbruch  freikam,  feuerte  ich,  etwa
einen  Meter  vor  den  allerdings  nicht  zu  erkennenden  Kopf  haltend.
Zu  meinem  größten  Erstaunen  roulierte  der  Bär,  ohne  ein  Zeichen
zu  machen,  genau  wie  ein  Hase.  Schwergetroffen  versuchte  er  sich
mit  den  Vorderpranken  noch  weiterzuschleppen,  bis  er,  mit  ihnen
über  eine  gefallene  Kiefer  hinüberhängend,  liegen  blieb.  Starker
Schweiß  strömte  in  den  Schnee  und  zeigte,  daß  der  Schuß  tödlich  war.
Da  der  Bär  den  Kopf  noch  hoch  hatte,  gab  ich  ihm  zwei  weitere
Schuß,  worauf  meine  „bewaffnete  Macht“  sich  auch  ihrerseits  für  verpflichtet
  hielt,  das  Feuer  zu  eröffnen.  Nachdem  dies  mit  einiger
Schwierigkeit  wieder  zum  Schweigen  gebracht  worden  war,  wirnkte
mir  mein  Bärensäger,  heranzugehen,  und  schritt  mit  gefällter  Saufeder
  voraus.  Ich  folgte  mit  schußbereitem  Revolver.  Aber  der  Bär
war  bereits  verendet.  Der  erste  Schuß  hatte  das  Rückgrat  schwer
verletzt,  die  beiden  anderen  hatten  das  Herz  durchbohrt.  Die  Freude
war  allgemein,  und  Glückwünsche  regneten  von  allen  Seiten  auf
mich  herab.  Stolz  fuhr  ich  nach  Hause,  und  setzte  Frau,  Eltern  und
Großvater  vom  Erlegen  meines  ersten  Bären  in  Kenntnis.  Natürlich
  wurde  das  Ereignis  am  Abend  bei  der  Tafel  gebührend  gefeiert.

Ich  schoß  in  den  nächsten  Tagen  noch  zwei  Bären,  von  denen  einer
unter  schwierigen  Umständen  gestreckt  wurde.  Er  kam  über  eine  freie
Schneefläche  auf  den  Baum  am  Waldrand  zu,  an  dem  ich  stand,
inmitten  einer  wildkläffenden  Meute,  von  der  einige  Hunde  sich  an
seinem  Hals  dicht  hinter  den  Gehören  festgebissen  hatten.  Es  war
nicht  zu  unterscheiden,  was  Bär  und  was  Hund  war.  Da  die  Hunde
sehr  wertvoll  sind  und  der  halb  durch  den  Schnee  verdeckte  Kopf  des
Bären  nicht  zu  erkennen  war,  wagte  ich  keinen  Schuß,  und  es  kam
der  ganze  Knäul  bis  auf  zwanzig  Schritt  heran.  Als  der  Bär  mich
dugte,  drehte  er  blitzschnell  um  und  gab  mir  so  Gelegenheit,  ihm  von
rückwärts  auf  einen  von  Hunden  nicht  besetzten  Platz  den  tödlichen
Schuß  zu  versetzen,  unter  dem  er  gleich  zusammenbrach.  Es  kostete

312
        <pb n="334" />
        viel  Mühe,  die  wild  auf  den  verwundeten  Bären  zufahrenden  Packer
und  Rüden  von  ihm  abzurufen,  damit  das  Fell  nicht  beschädigt
wurde.  Er  lag  abgeschritten  35  Fuß  von  meinem  Stand.  Diesmal
  hatte  die  „bewaffnete  Macht“  nicht  eingegriffen.  Eines  der  erlegten
  Tiere  war  übrigens  eine  Bärin,  die  zwei  Junge  hinterließ.
Nach  russischem  Brauch  muß  derjenige,  welcher  eine  Bärin  schießt,  für
die  Jungen  sorgen.  Ich  habe  daher  die  beiden  kleinen  Bären  mit—
genommen  und  im  Schloß  zu  Potsdam  aufziehen  lassen,  wo  sie  noch
viele  Jahre  meinen  Kindern  Vergnügen  und  sich  selbst  den  Spaß  bereiteten,
  alle  erreichbaren  Knöpfe  abzuknabbern!

Mein  Büchsenspanner  Nollfing  erzählte  mir  viel  von  dem,  was
er  im  Dorfe  gesehen  hatte,  auch  von  den  primitiven  Blockhäusern:
dort  hausten  die  Menschen  mit  den  kleineren  Haustieren  und  dem  Geflügel
  in  einem  Raum  zusammen,  in  dem  es  fast  an  jeder  Einrichtung
fehlte.  Es  sei  bemerkenswert,  daß  vielfach  bei  den  Bauern  in  den
Häusern  außer  den  üblichen  Heiligenbildern  Buntdrucke  hingen,  die
Alexander  I.,  Nikolaus  I.,  Friedrich  Wilhelm  III.  und  meinen  Großvater
  darstellten  —  also  hier  im  Jahre  1880  in  den  fernen  Pripjetsümpfen
  noch  Erinnerungen  an  die  Befreiungskriege  und  die  Heilige
Allianz!  Ich  habe  selbst  ein  solches  Haus  besucht  und  mich  von  der
Tatsache  überzeugen  können.

Noch  ein  anderer  Vorfall  zeigte  Erinnerungen  an  das  einstige
enge  Verhältnis  zwischen  Rußland  und  Breußen.  Eines  Spätnachmittags
  beobachtete  ich  mehrfaches  aufgeregtes  Kommen  und  Gehen
der  Herren  Ablamowitsch  und  Biernatzki,  die  recht  verstört  aussahen
und  mit  dem  Fürsten  Anton  wiederholte  Besprechungen  hatten,  auch
bei  Tisch  schienen  mir  der  Fürst  und  Ablamowitsch  nachdenklich  zu
sein.  Erst  am  Abend  des  nächsten  Jagdtages  nach  Erlegung  des
dritten  Bären  klärte  mich  der  Fürst  auf.  Die  Treiber  erhielten
außer  ihrem  gewöhnlichen  Treiberlohn  für  jeden  Bären  einen  Extrazuschuß.
  Da  nun  bereits  vier  gestreckt  waren,  hatten  sie  eine  erhebliche

313
        <pb n="335" />
        Einnahme  zu  verzeichnen  und  infolgedessen  zu  verstehen  gegeben,  sie
würden  am  nächsten  Tage  nicht  treiben,  sondern  erst  einmal  ihren
Verdienst  in  Wodka  umsetzen.  Alle  Uberredungsversuche  hatten  keinen
Erfolg.  Schließlich  wurde  der  Fürst  gebeten,  selbst  mit  den  Leuten
zu  sprechen.  Das  geschah.  Da  auch  er  auf  Widerstand  gestoßen
sei,  hätte  er,  wie  er  sich  ausdrückte,  zu  seinem  „letzten  Mittel“  gegriffen
  und  den  Treibern  folgendes  auseinandergesetzt:  Sein  Jagdgast
  sei  der  Enkel  des  Königs  Wilhelm  J.  von  Preußen,  des  Schwagers
ihres  früheren  Zaren  Nikolaus  I.  Was  würde  der  König  wohl  dazu
sagen,  wenn  er  von  seinem  Enkel  auf  die  Frage,  wieviel  Bären  er
geschossen  habe,  die  Antwort  erhielte,  er  hätte  noch  mehr  Bären
schießen  können,  aber  die  Treiber  hätten  sich  geweigert  zu  treiben.
Das  würde  eine  ewige  Schande  für  sie  sein.  Darauf  seien  die  Leute
zu  kurzer  Besprechung  zusammengetreten  und  hätten  beschlossen,  am
nächsten  Tage  doch  zu  treiben.  Noch  in  der  Nacht  seien  Sbiläufer  (die
dortigen  Bauern  laufen  alle  Sei)  in  die  Dörfer  der  Umgegend  geschickt
  worden,  und  statt  der  verlangten  700  seien  800  Treiber  zur
Stelle  gewesen.  Ich  bat  den  Fürsten,  den  blonden  Riesen  meinen
Dank  für  ihr  gutes  Treiben  auszusprechen,  ich  würde  es  meinem
Großpater  berichten.

Wir  reisten  am  21.  Jebruar  in  derselben  Weise  und  auf  gleichem
Wege  wieder  zurück,  begleitet  von  meinen  beiden  kleinen  Bären.  Zu  Haus
mußte  ich  natürlich  viel  von  meinen  Abenteuern  erzählen.  Meinen
Großpater  interessierte  ganz  besonders  meine  Schilderung  der  Bärenjagd
  und  der  Vorfall  mit  den  Treibern,  denn  er  freute  sich  immer,
wenn  die  guten,  alten  Erinnerungen  der  deutsch-russischen  Freundschaft
  wachgehalten  wurden.

N

Der  Fortgang  meiner  Erinnerungen  an  Rußland  erheischt  es,
daß  ich,  wiewohl  ungern,  an  dieser  Stelle  auf  die  leidige  Battenbergaffäre
  eingehe.  Ich  will  das  aus  naheliegenden  Gründen  nur

314
        <pb n="336" />
        so  weit  und  so  ausführlich  tun,  als  es  im  Interesse  des  Berständnisses
  nötig  ist.

Am  22.  April  1879  wählte  die  bulgarische  Nationalversammlung
in  Tirnowo  den  ihr  von  Zar  Alexander  II.  vorgeschlagenen  Kandidaten
Prinz  Alexander  von  Battenberg,  Sohn  des  Prinzen  Alexander  von
Hessen  und  Neffen  des  Zaren,  zu  ihrem  Fürsten.  Er  war  preußischer
Offizier,  hatte  den  russisch-türkischen  Krieg  von  1877/78  im  russischen
Hauptquartier  mitgemacht  und  war  dann  zu  den  Gardes  du  Corps
versetzt  worden.  Hier  war  er  Sekondeleutnant,  als  ihn  die  Nachricht
  von  seiner  Erwählung  traf.  Mein  Großvater  beförderte  ihn
noch  schnell,  und  als  Stabsoffizier  machte  er  die  Frühjahrsparade
in  Botsdam  mit,  bevor  er  in  sein  neues  Land  fuhr.  Mit  seinen
22  Jahren  war  er  ein  ungemein  schöner  und  spmpathischer  Mann
von  großer,  stattlicher  Figur.

Das  anfänglich  gute  Verhältnis  zwischen  dem  Zaren  und  dem
jungen  Fürsten  erhielt  einen  unheilbaren  Bruch,  als  in  Bulgarien
und  Ostrumelien  die  Bestrebungen  auf  Vereinigung  beider  Gebiete
immer  stärker  wurden.  Da  Fürst  Alexander  sich  ihnen  unmöglich
entgegenstellen  konnte,  faßten  die  Russen  den  Plan,  ihn  abzusetzen
und  das  Land  unmittelbar  unter  ihre  Herrschaft  zu  bringen,  der
Berliner  Kongreß  hatte  es  ihnen  nur  als  Einflußzone  zugewiesen.
Angesichts  dieser  zutage  tretenden  Tendenzen  entledigte  sich  Gürst
Alexander  im  September  1883  der  russischen  Generale  und  Minister
—  in  erster  Kinie  Kaulbars  —,  mit  denen  er  bisher  regiert
hatte.  Die  bulgarisch-ostrumelischen  Bestrebungen  hatten  schließlich
den  Erfolg,  daß  am  18.  September  1885,  freilich  ohne  Zutun  des
Fürsten,  die  Vereinigung  Rumeliens  mit  Bulgarien  proklamiert
wurde.  Rußland  glaubte  das  unter  keinen  Umständen  billigen  zu
können,  und  so  verstärkte  sich  die  starke  Spannung  zwischen  dem
Zarenreiche  und  dem  jungen  Staate,  den  es  nur  als  seinen  Vasall

betrachtete,  noch  mehr.  Darüber  hinaus  drohten  europäische  Ver-315
        <pb n="337" />
        wicklungen  zu  entstehen,  als  König  Milan  von  Serbien  angesichts
des  von  Bulgarien  gewonnenen  Gebietszuwachses  Kompensationen
forderte  und  den  Krieg  gegen  Bulgarien  eröffnete.  Entgegen  Bismarcks
  Wunsch  wurde  er  von  Osterreich-Ungarn,  das  seit  Juli  1881
im  Bundesverhältnis  zu  Serbien  stand,  nicht  zurückgehalten.  Der
Zar  ließ  nun  seinen  abtrünnigen  Neffen  aus  der  russischen  Rangliste
streichen,  die  Serben  erlitten  die  schwere  Niederlage  bei  Slionitza
und  wurden  vor  der  Vernichtung  nur  durch  das  Dazwischentreten
Osterreich-Ungarns  gerettet.  Dadurch  wurde  Rußland  auf  den  Plan
gerufen,  und  es  entstand  eine  starke  österreichisch-russische  Kriegsgefahr,
die  lange  Zeit  sehr  bedrohliche  Formen  annahm,  ein  Krieg  zwischen
Rußland  einerseits  und  Osterreich-Ungarn  sowie  dem  mit  der  Donaumonarchie
  verbündeten  Deutschen  Reiche  anderseits,  von  dem  Frankreich
  selbstverständlich  nicht  fern  geblieben  wäre,  schien  unvermeidlich.
Da  nun  Fürst  Alexander  erkennen  mußte,  daß  eine  Aussöhnung  mit
dem  Zar  außerhalb  des  Erreichbaren  lag,  wandte  er  sich  von  Rußland
ab  und  der  Türkei  zu.  So  kam  im  April  1886  die  Union  zwischen
Bulgarien  und  Ostrumelien  zustande,  da  der  Sultan  das  Generalgouvernement
  Ostrumelien  an  den  Fürsten  verlieh,  freilich  nur  auf
fünf  Jahre  und  ohne  Nennung  seines  Namens.

Rußland  setzte  nun  alle  Hebel  in  Bewegung,  um  seinen  verlorenen
Einfluß  in  Bulgarien  wieder  zu  gewinnen  und  Fürst  Alexander  zu
beseitigen.  Russische  Agenten  durchzogen  das  Land  und  hetzten  gegen
den  Fürsten.  So  kam  es  schließlich  in  der  Nacht  vom  20.  zum
21.  August  1886  zu  einer  WMeuterei  bulgarischer  Truppenteile  und  zu
einem  Anschlag  auf  den  Fürsten.  Dieser  wurde  im  Bett  überfallen
und  auf  russisches  Gebtet  entführt,  doch  gelang  es  ihm  von  dort  aus,
nach  Galizien  zu  entkommen.

Schon  acht  Tage  später  konnte  Alexander,  für  den  sich  alle  Garnisonen
  erklärten  und  den  eine  provisorische  Regentschaft  abermals  zum
Fürsten  proklamterte,  unter  dem  Jubel  des  Volkes  nach  Sofia  zurück-310
        <pb n="338" />
        kehren.  In  diesem  Augenblick  beging  er  den  schweren  Fehler,  daß  er,
um  wieder  gute  Beziehungen  zu  Rußland  herzustellen,  sich  bereit  erklärte,
  seine  Krone  in  die  Hände  des  russischen  Herrschers  zurückzugeben,
  da  dieser  sie  ihm  gegeben  hätte.  Diese  Spekulation  war
in  jeder  Beziehung  verfehlt.  Der  Jar  antwortete,  daß  er  die  Rückkehr
  Alexanders  nicht  billige,  und  dieser  verließ  das  Land  für  immer,
nachdem  er  die  Regentschaft  Stambulow  übertragen  hatte.

Soweit  die  historischen  Vorgänge.  Ich  habe  im  Anschluß  daran
nur  noch  kurz  zu  schildern,  inwiefern  diese  an  unseren  Hof  und  in
unsere  Familie  hineinspielten.

Fürst  Alexander  war  zuerst  im  Juni  1882  und  dann  ein  Jahr
später  wieder  im  Juni  in  Berlin  gewesen.  Bei  dieser  Gelegenheit
faßte  meine  Schwester  Biktorka  zu  dem  schönen  Manne  eine  tiefe
Neigung,  die  von  diesem  offenbar  erwidert  wurde.  Dieses  Eheprofekt
wurde  nun  auf  Jahre  hinaus  die  Quelle  heftiger  Differenzen  innerhalb
  der  Familie  und  auf  dem  Gebiek  der  hohen  Politik.  Die  Kronprinzessin
  und  mit  ihr  Königin  Bictoria,  deren  Tochter  Beatrix  den
füngsten  Bruder  Fürst  Alexanders  heiratete,  sowie  der  Brinz  von
Wales,  ebenso  meine  Schwester  Charlotte  setzten  sich  für  die  Heirat
ein,  während  der  Kaiser  und  die  Kaiserin  sie  auf  Fürst  Bismarcks=Vorstellungen
  hin  unbedingt  ablehnten,  da  sie  uns  in  Konflikt  mit
Rußland  gebracht  hätte.  Zwischen  beiden  widerstreitenden  Parteien
hatte  mein  Bater  einen  schweren  Stand,  der  wie  immer  gern  der
Stimme  seines  edlen  Herzens  gefolgt  wäre.

Ich  habe  gleich  meinen  Großeltern  Bismarcks  Standpunkt  mit
Entschiedenheit  vertreten  und  anders  gerichtete  Tendenzen  mit  allen
Kräften  bekämpft.  Daß  dadurch  mein  Berhältnis  zu  meiner  Mutter
schwer  gekrübt  worden  ist,  hat  mich  tief  geschmerzt,  und  auch  das  persönliche
  Schicksal  meiner  Schwester  ist  mir  sehr  nahe  gegangen.  Da  aber
das  Wohl  des  Vaterlandes  auf  dem  Spiele  stand,  hatten  alle  persönlichen
  Wünsche  zu  schweigen.  «

317
        <pb n="339" />
        Die  Angelegenheit  endigte  zunächst  damit,  daß  mein  Großvater
dem  Fürsten  in  einer  Audienz  im  Mai  1884  erklärte,  er  hätte  bein
Interesse  an  Bulgarien,  und  Fürst  Bismarck  ihm  rundheraus  sagte,
daß,  solange  er  Reichskanzler  sei,  diese  Ehe  nicht  geschlossen  werden
würde.  Im  März  des  nächsten  Jahres  richtete  dann  mein  Großvater
einen  scharfen  Brief  an  den  Fürsten,  in  dem  er  sich  energisch  gegen
die  Hekrat  aussprach,  woraufhin  Alexander  an  meinen  Großvater
einen  Verzichtbrief  schrieb.  Zu  Lebzesten  meines  Großvaters  ist  dann
das  Projekt  nicht  mehr  an  die  Oberfläche  gekommen.

Diese  Ausführungen  waren  notwendig,  um  die  deutsch-russischen
Bezlehungen  der  achtziger  Jahre  verständlich  zu  machen.  Bereits  bei
meiner  ersten  Mission  nach  Rußland  hatte  ich  von  der  Angelegenheit
zu  sprechen,  und  auch  bei  der  zwekten  im  September  1886,  zu  der
ich  nun  komme,  ist  die  Rede  davon  gewesen.

*
*  2

Im  Sommer  des  Jahres  1886  gebrauchte  ich  wegen  meines
Ohrenleidens  eine  zweimonatige  Kur  in  Reichenhall.  Hier  erhielt
ich  Anfang  August  von  meinem  Großvater  den  Befehl,  mich  bei  ihm
in  Gastein  einzufinden,  um  ihm  bei  der  für  den  8.  und  9.  geplanten
Zusammenkunft  mit  Kaiser  Franz  Josef  zur  Verfügung  zu  stehen.

Ich  traf  bei  meinem  Großvater,  dem  es  gesundheitlich  nicht  sehr
gut  ging,  einige  Tage  vor  dem  angegebenen  Termin  ein  und  hatte  auf
diese  Weise  einmal  Gelegenheit,  das  Gasteiner  Leben  mit  anzusehen.
Die  bemerkenswerteste  Persönlichkeit  unter  den  Badegästen  war  Kai—
serin  Elisabeth,  die  ebenfalls  eine  Kur  gebrauchte,  sie  besuchte  meinen
Großvater  häufig,  um  sich  mit  ihm  auszusprechen.  Außer  zahlreichen
Mitgliedern  des  österreichisch-ungarischen  Adels  waren  viele  Norddeutsche
  anwesend,  darunter  Fürst  und  Gürstin  Bismarck,  Graf  Herbert
Bismarck,  General  Graf  Waldersee,  unser  Wiener  Botschafter  Prinz
Reuß,  der  Militäkrattaché  Graf  Wedel,  Staatsminister  v.  Boetticher

318
        <pb n="340" />
        und  Frau,  der  alte  Graf  zu  Dohna-Schlobitten  mit  seinem  Sohne
Richard,  dem  späteren  Fürsten,  und  andere  mehr.  Daß  die  beiden
Kabinettschefs  meines  Großvaters,  sein  Leibarzt  sowie  Lehndorff  und
Radziwill,  die  Generaladjutanten,  und  Perponcher,  der  Hofmarschall,
zugegen  waren,  versteht  sich  von  selbst.  Mittags  und  abends  waren
stets  einige  deutsche  und  ausländische  Gäste  zu  meinem  Großvater
geladen,  mit  denen  er  in  der  liebenswürdigsten  Weise  und  ganz  zwanglos
  verkehrte.  Nachmittags  begleitete  ich  die  Herren  seiner  Umgebung
zu  einem  kleinen  oberhalb  Gasteins  gelegenen  Bauernwirtschaftshaus
„Zur  schwarzen  Lies'I!“,  wo  die  tägliche  Kegelpartie  geschoben  wurde.

Kaiser  Franz  Josef,  der  in  Begleitung  seines  Zeremonienmeisters
und  Adsutanten  PBrinz  Konstantin  Hohenlohe  kam,  wurde  bei  seiner
Ankunft  am  8.  August  mittags  von  uns  allen  feierlich  empfangen,  das
Wiedersehen  der  beiden  hohen  Herren  war  äußerst  herzlich.  Abends  kam
der  österreichisch-ungarische  Außenminister  Graf  Kälnokpy  mit  seinem
Sekretär  Baron  Ahrenthal  nach.  Zwischen  den  Monarchen  und  ihren
verantwortlichen  Staatsmännern  fanden  an  diesem  und  dem  folgenden
Tage  politische  Besprechungen  statt,  die  in  erster  Linie  die  durch  den
Aufstand  in  Rumelien  geschaffene  bedrohliche  Lage  betrafen.  Bismarck
hat,  soviel  ich  weiß,  in  Gastein  versucht,  Osterreich-Ungarn  milktärisch
und  wirtschaftlich  enger  und  fester  an  Deutschland  zu  binden,  ist  damit
aber  jedenfalls  nicht  durchgedrungen.  Da  der  Fürst  nach  der  russischen
  Enttäuschung  über  den  Berliner  Kongreß  und  nach  dem  Anschwellen
  der  panflawistischen  Welle  in  Rußland  ständig  die  Gefahr
eines  russisch-französischen  Bündnisses  besorgte,  seine  Bläne  bezüglich
Osterreich-Ungarns  aber,  wie  ich  annehme,  gescheitert  waren,  wird  er
beschlossen  haben,  Rußland  wieder  näher  an  Deutschland  heranzuziehen
  und  dazu  dem  Zaren  freie  Hand  auf  dem  Balkan  und  an  den
Meerengen  zuzusichern.  So  dürfte  es  zu  meiner  Mission  gekommen
sein,  die  ich  bereits  in  meinem  früheren  Buche')  kurz  gestreift  habe,

*)  Ereignisse  und  Gestalten  S.  12.

319
        <pb n="341" />
        nach  außen  hin  sollte  dabei  vornehmlich  der  Fortbestand  des  Drei—
kaiserbündnisses  manifestiert  werden.

Nach  Abschluß  der  politischen  Erörterungen  am  9.  August  befahl
mein  Großvater  mich  zu  sich  und  eröffnete  mir  seine  Absicht,  mich
zum  Zaren  zu  entsenden.  Ich  bekam  einen  heftigen  Schreck,  da  mein
Bater  hierbei  übergangen  werden  sollte,  und  erlaubte  mir,  das  in  aller
Ehrfurcht  anzudeuten.  Ich  erhielt  darauf  zur  Antwort,  Fürst  Bismarck
sei  entschieden  gegen  eine  Sendung  meines  Baters,  der  antirussisch
und  proenglisch,  auch  ein  Greund  des  Prinzen  von  Battenberg  sei,
den  der  Zar  hasse.  Darauf  sandte  mich  mein  Großvater  zum  Fürsten
Bismarck.

Das  war  ein  schwerer  Gang  für  mich!  Ich  sagte  mir,  daß  mein
Vater  auf  das  tiefste  gekränkt  sein  würde  und  annehmen  müßte,  ich
hätte  durch  eine  Intrige  mich  an  seine  Stelle  zu  setzen  versucht.  Ich
faßte  daher  den  Entschluß,  den  Fürsten  zu  bitten,  von  meiner  Person
Abstand  zu  nehmen  und  sich  an  meinen  Vater  zu  wenden.  Der  Kanzler
  aber  schnitt  alle  meine  Einwände  mit  dem  Hinweis  ab,  daß  der
Kaiser  den  Befehl  erteilt  habe  und  ich  zu  gehorchen  hätte.  Die  Berantwortung
  für  diesen  Schritt  trage  formell  Seine  Masestät,  moralisch
er,  der  Fürst,  ich  selbst  sei,  auch  meinem  Vater  gegenüber,  ohne  jede
Verantwortung.  So  mußte  ich  wohl  oder  übel  den  heiklen  Auftrag
übernehmen.

Am  nächsten  Mittag  erfolgte  die  Abreise  meines  Großvaters  über
Salzburg  nach  Potsdam,  auf  der  ersten  Strecke  begleitete  ich  ihn.
Reiseanzug  war:  schwarzer  Uberrock  und  Zplinder  —  bei  fürchterlich
  heißer  Hochsommertemperatur!  Zur  Verabschiedung  hatten  sich
Katser  Franz  Josef  und  eine  große  Anzahl  deutscher  und  österreichischer
  Gäste  auf  der  Freitreppe  des  Hotels  in  Gastein  versammelt.
Es  war  das  letztemal,  daß  sich  die  beiden  Kaiser  begegneten.

Die  Wagenfahrt  ging  in  glühendem  Sonnenbrand  auf  staubiger
Straße  nach  Lend  hinunter.  Mein  Großvater  schlief  bald  ein.  Da-320
        <pb n="342" />
        her  reichte  mir  sein  Leibjäger  einen  aufgespannten  Schirm,  den  ich
dann  während  der  ganzen  Fahrt  über  den  Schlafenden  hielt.  Beim
Einsteigen  in  die  Eisenbahn  schlug  uns  furchtbare  Hitze  entgegen,  da
der  Zug  tagelang  in  der  brennenden  Sonne  gestanden  hatte.  Auf
dem  Bahnhof  in  Salzburg  wurde  meinem  Großvater  das  Aussteigen
bereits  recht  schwer,  er  hatte  trotzdem  für  jeden  der  erschienenen
österreichischen  höheren  Beamten  und  die  österreichischen  Damen,  die
ihm  Blumen  überreichten,  ein  gütiges  Wort.  In  dem  Hotel  gegenüber
  dem  Bahnhof  mußte  eine  recht  steile  Treppe  erstiegen  werden,
wobei  auf  Leutholds  Wink  ein  Leibjäger  den  Kaiser  stützte.  Sehr
zum  Kummer  des  besorgten  Arztes  überreichte  die  Hofschauspielerin
Frau  Kahle-Keßler  meinem  Großvater  noch  einen  Blumenstrauß,
was  diesen  zu  einer  Konversation  veranlaßte,  während  ihn  zahlreiche
Hotelgäste  umdrängten.  Schließlich  standen  auf  dem  obersten  Treppenabsatz
  auch  noch  die  Großherzogin  Sophie  von  Sachsen-Weimar  und
deren  Tochter,  Brinzeß  Marie  Reuß,  mit  denen  sich  mein  Großvater
wiederum  noch  ein  Weilchen  unterhielt,  bis  Leuthold  ihn  endlich  mit
dem  Leibjäger  in  sein  Schlafzimmer  brachte.  Während  wir  noch  besorgt
  im  Vorzimmer  warteten,  erschien  Leuthold  ernsten  Gesichts  wieder
mit  der  Meldung,  mein  Großvater  habe  einen  schweren  Ohnmachtsanfall
  erlitten.

Unsere  Stimmung  war,  wie  begreiflich,  sehr  gedrückt.  Da  die
Erholung  des  Kaisers  sehr  langsame  Vortschritte  machte,  beschlossen
General  v.  Albedyll  und  ich,  die  Nacht  über  Wache  zu  halten.  Wir
nahmen  auf  einer  Bank  am  Rande  der  Anlagen,  dem  GFenster  meines
Großvaters  gegenüber  Platz,  und  haben  dort  bei  herrlichem  Mondschein
  den  größten  Teil  der  lauen  Sommernach  zugebracht.  Wir  haben
lange  Gespräche  miteinander  geführt  und  vieles  aus  der  Vergangenheit
  an  unserem  geistigen  Auge  vorüberziehen  lassen,  wobei  wir  uns
gründlich  aussprachen,  in  diesen  Stunden  haben  wir  auch  unsere
Differenz  im  Unionklub-Kampf  beglichen  und  uns  wieder  ausgesöhnt.

21  Aus  meinem  Leben  321
        <pb n="343" />
        Albedyll  gab  zu,  daß  mein  Standpunkt  seinerzeit  richtig  gewesen
wäre,  er  hätte  mir  darin  Unrecht  getan.  Ich  drückte  dem  General
still  die  Hand,  und  so  schwand  die  monatelang  zwischen  uns  be—
stehende  Entfremdung,  während  wir  nach  dem  Fenster  des  Kaisers
emporsahen,  um  den  unsere  Herzen  bange  Sorge  trugen.

Glücklicherweise  erholte  sich  mein  Großvater  im  Laufe  des  nächsten
Tages  so  weit,  daß  er  abends  die  Reise  fortsetzen  konnte.  Ich  selbst
fuhr  zunächst  wieder  nach  Reichenhall  zurück.  Von  dort  aus  begab
ich  mich  am  10.  August  mit  Philipp  Eulenburg  und  dem  Herzogspaar
  Karl  Theodor  in  Bapern  nach  Baypreuth,  weilte  in  „Wahnfried“,
  legte  an  Wagners  Grab  einen  Kranz  nieder  und  besuchte,
wie  bereits  erwähnt,  die  Bühnenweihespiele.

Nach  PBotsdam  zurückgekehrt,  übernahm  ich  wieder  meinen  militärischen
  Dienst.  Ein  Besuch  im  Neuen  ZBalais  bestätigte  meine
Befürchtungen  nur  allzu  sehr.  Mein  Vater  war  auf  das  tiefste
empört  und  zeigte  sich  schwer  gekränkt.  Der  mir  übertragene  politische
  Auftrag  hat  mir,  wie  ich  vorausgesehen,  bittere  Stunden  im
Elternhause  eingetragen.

i*5

Während  mein  Großvater  und  Vater  zu  den  Kaisermanövern
im  Elsaß  abreisten,  begab  ich  mich  am  Abend  des  8.  September
zur  Ausführung  meiner  in  Gastein  beschlossenen  Sendung  nach  Brest-Litowsk,
  wo  der  Zar  einer  großen  Festungsübung  beiwohnte.  In  meiner
Begleitung  befanden  sich  mein  Hofmarschall  v.  Liebenau  sowie  meine
beiden  persönlichen  Adjutanten  Major  v.  Krosigk  und  Hauptmann
v.  Pfuel.  Nach  kurzer  Fahrtunterbrechung  in  Warschau,  wo  ich  von
dem  Fürsten  Tschakowskol  und  dem  General  v.  Werder  empfangen
wurde,  traf  ich  am  10.  September  abends  8  Uhr  in  Brest-Litows#e
bei  starker  Hitze  ein.  Auf  dem  Bahnhof  wurde  ich  von  dem  Katser,
dem  Großfürst-Thronfolger  sowie  den  Großfürsten  Georg,  Wladimir,
Nikolaus  dem  Alteren  und  Michael  Nikolajewitsch  empfangen.  Die

322
        <pb n="344" />
        Fahrt  vom  Bahnhof  ging  durch  undurchdringlichen  Staub  nach  der
5  bis  0  km  entfernten  Zitadelle,  wo  reges  militärisches  Leben  herrschte.
Die  Zarin  begrüßte  mich,  ebenso  wie  schon  der  Zar,  im  Gedenken
an  meine  Petersburger  Sendung  zwei  Jahre  zuvor  mit  größter
Liebenswürdigkeit.  Während  meiner  Anwesenheit  wurden  mir  der
Generaladjutant  Fürst  Tschakowskoi  und  der  Flügeladjutant  Fürst
Bielosselsky  attachiert.

Nach  dem  Diner  ging  eine  große  Armierungsnachtübung  vor  sich,
zu  der  für  die  Kaiserliche  Familie  eine  Tribüne  mit  Zeltüberdachung
auf  dem  Hauptwall  aufgebaut  war.  Nachdem  der  Befehl  zum  Beginn
  der  Armierung  ausgegeben  und  an  alle  Außenforts  weitergeleitet
  war,  begann  in  den  unter  uns  liegenden  Batterien  bek  elektrischer
  Beleuchtung  ein,  emsiges  Arbeiten,  Bettungsstrecken  und  Einbringen
  der  schweren  Geschütze  (15  und  21  cm).  Es  fiel  dabei  kein
Kommando,  und  keine  Instruktion  war  zu  hören.  Einem  Anmeisenhaufen
  gleich  arbeiteten  Artilleristen,  Bioniere  und  Festungsinfanteristen
  an  ihrer  Aufgabe,  so  daß  bereits  innerhalb  einer  halben
Stunde  die  schweren  Geschütze  geladen  und  feuerbereit  in  Stellung
standen.  Gleich  darauf  stieg  zischend  eine  Rakete  zum  nächtlichen
Himmel  empor  als  Signal  zum  Salut  der  Festung  für  den  Zaren.
Im  selben  Augenblick  krachte  aus  den  unter  uns  liegenden  Batterien
eine  Salve,  die  von  den  übrigen  Batterien  der  Zitadelle  ausgenommen
wurde.  Der  Luftdruck  war  so  stark,  daß  wir  ihn  als  erhebliche  Erschütterung
  bemerkten.  Nach  Schluß  des  Saluts  brachen  alle  an
der  Ubung  beteiligten  Truppenteile  in  donnernde  Hurrarufe  auf  den
Zaren  aus.

Im  Laufe  des  nächsten  Vormittags  wurden  mir  die  gewaltigen
Proviant=  und  Munitionsmagazine,  ferner  auch  die  militärische  Brieftaubenstation
  der  Festung  gezeigt.  In  den  ersteren  wurde  das  gewöhnliche
  Kommißbrot  als  Zwieback  gebacken  aufbewahrt,  damit
es  auf  diese  Weise  länger  lagern  könne.  Nachmittags  fand  ein

21*  323
        <pb n="345" />
        Besuch  zu  Wagen  bei  den  in  einem  großen  Lager  zusammengezogenen
Truppen  statt.  Auf  dem  Wege  dorthin  wurden  die  Mafestäten  von
den  mit  Befestigungsarbeiten  beschäftigten  Mannschaften,  die  Salz
und  Brot  überreichten,  mit  großem  Jubel  begrüßt.  Bei  der  Abfahrt
  liefen  Hunderte  von  Offizteren,  die  Mützen  schwenkend  und
Hurra  rufend,  hinter  dem  Wagen  her,  was  das  Zarenpaar  sichtlich
erfreute.  Bon  dem  Nachmittagstee,  der  im  Kreise  der  engeren  Kaiserlichen
  Familie  eingenommen  wurde,  ist  mir  noch  in  Erinnerung,  daß
es  der  großen  Hitge  wegen  saure  Milch  gab.  Da  sie  ein  Gericht
war,  das  Professor  v.  Leyden  dem  Zaren  als  Mittel  gegen  Artertosklerose
  verordnet  hatte,  genoß  Kaiser  Alexander  sie  in  Mengen,
die  anderen  Sterblichen  zweifellos  Unzuträglichkeiten  bereitet  hätten.
Abends  fand  zu  Ehren  des  Namenstages  des  Zaren  ein  großer
Zapfenstreich  statt,  währenddessen  sämtliche  Festungsgeschücze  donnerten.

In  der  Zwischenzeit  fand  ich  Gelegenheit,  bei  Unterhaltungen
unter  vier  Augen  dem  Jaren  meinen  Auftrag  auszurichten.  Seine
schließliche  Antwort  lautete:  Wenn  er  Stambul  haben  wolle,  werde
er  es  sich  nehmen,  wann  es  ihm  gefalle,  der  Erlaubnis  oder  Zustimmung
  des  Fürsten  Bismarck  bedürfe  er  dazu  nicht.  Doch  erklärte
er,  an  dem  Dreikafserbündnis  festhalten  und  damit  den  europätschen
Frieden  wetterhin  wahren  zu  wollen,  trug  mir  auch  herzliche  Grüße
an  meinen  Großvater  auf,  überhaupt  zeigte  er  sich  persönlich  sehr
freundlich.  Die  politischen  Beobachtungen  sowie  die  allgemeine
Stimmung  gegenüber  Deutschland  habe  ich  schon  in  meinem  ersten
Buche  niedergelegt.  Ich  verließ  Brest-Litowse  mit  zwei  Antworten
auf  Fürst  Bismarcks  Angebot,  einer  des  Zaren:  „Ich  brauche  des
Fürsten  Erlaubnis  nicht“,  und  der  der  Festung:  „Wir  sind  bereit!“
Welch  ein  Umschwung  gegen  die  Stimmung  in  Moskau  im  Jahre  18841!

Am  Morgen  des  12.  September  beglekiteten  der  Zar,  die  Zarin,
der  Thronfolger  sowie  die  Großfürsten  Georg  und  Wladimir  mich
zum  Bahnhof,  wo  sie  sich  in  der  herzlichsten  Weise  von  mir  verab-324
        <pb n="346" />
        schiedeten  *).  Fürst  Tschakowskoi  und  Fürst  Bielosselsky  gaben  mir  bis
Warschau  das  Geleite.  Ich  fuhr  von  Rußland  aus  sogleich  nach
Straßburg  und  meldete  mich  am  Abend  des  14.  September  im
Statthalterpalais  bei  meinem  Großvater,  der  gerade  einen  Huldi—
gungszug  elsässischer  Bauern  und  Bäuerinnen  entgegennahm.  Als
ich  ihm  unter  vier  Augen  meine  Meldung  gemacht  hatte,  meinte  der
Kaiser,  nachdenklich  vor  sich  hinschauend,  daß  sich  doch  in  Rußland
vieles  geändert  zu  haben  scheine.  Auch  mein  Bater  empfing  mich
zu  meiner  frohen  Uberraschung  freundlich  und  ließ  sich  einige  Tage
später  ausführlich  über  den  Brester  Besuch  berichten.  Als  ich  geendet
  hatte,  umarmte  er  mich,  und  alles  war  wieder  gut.
-

Trotz  aller  Bemühungen  Bismarcks  wurde  das  Berhältnis  Rußlands
  zu  Deutschland  zusehends  schlechter.  Es  hatte  nichts  genutzkt,
daß  Deutschland  sich  in  der  bulgarischen  Krise  mit  allen  Kräften
zurückgehalten,  Osterreich-Ungarn  sehr  enttäuscht,  fa  sogar  dem  Zaren
auf  dem  Balkan  und  an  den  Meerengen  freie  Hand  angeboten  hatte.
Die  Saat  des  Berliner  Kongresses  ging  auf,  die  russische  Mißstimmung
  wandte  sich  je  länger  je  mehr  gegen  den  „ehrlichen  Makler“.

Berekts  wenige  WMonate  nach  meinem  Besuch  in  Brest-Litowsk,
der  unzweideutig  eine  Entspannung  der  deutsch-russischen  Beziehungen
gebracht  hatte,  kamen  neue  Beschwerden  Rußlands,  es  würde  in
seiner  Balkanpolitik  nicht  genügend  von  Deutschland  unterstützt,  das
lediglich  auf  Osterreich-Ungarn  Rücksicht  nähme.  Immer  mehr  machte
man  sich  in  Rußland  mit  dem  Gedanken  eines  Krieges  gegen  OÖsterreich-Ungarn
  und  Deutschland  vertraut.  1887  war  geradezu  ein
Höhepunkt  der  panflawistischen  Hetze.  Der  französische  Revancheapostel
  Dérouläède  wurde  in  Petersburg  mit  ungeheurem  Beifall  gefekert
  und  in  Nischni-Nowgorod  auffallend  warm  empfangen.  Russische
  Generäle  und  Großfürsten  hielten  andererseits  in  Frankreich

*)  Vgl.  auch  Anhang  Nr.  17.

325
        <pb n="347" />
        Hetzreden  gegen  Deutschland,  so  spielte  Großfürst  Nikolaus,  als  er
auf  einem  französischen  Dampfer  einen  Trinkspruch  ausbrachte,  un—
verhüllt  auf  einen  baldigen  russisch-französischen  Krieg  gegen  Deutschland
  an.  Nicht  dem  Buchstaben  nach,  aber  tatsächlich  war  die  russischfranzösische
  Allianz  bereits  geschlossen.  Rußland  konzentrierte  infolge
der  Vorgänge  kn  Bulgariken  große  Truppenmassen  an  der  österreichischen
  und  preußischen  Grenze.  Weiter  erließ  der  Zar  einen  gegen
Deutschland  gerichteten  Ukas,  durch  den  allen  Fremden,  d.  h.  Deutschen,
  verboten  wurde,  in  Rußland  Grundbesitz  zu  erwerben,  Fürst
Bismarck  antwortete  mit  der  zweifellos  recht  verhängnisvollen  Maßnahme,
  daß  er  der  Reichsbank  die  Beleihung  russischer  Papiere  verbot,
  womit  er  Rußland  den  deutschen  Geldmarkt  verschloß  und  es  in
die  Arme  Frankreschs  trieb.  Die  Atmosphäre  war  so  mit  Spannung
  geladen,  daß  die  Gewehre  eigentlich  seden  Augenblick  losgehen
konnten.

Und  diese  Situation  war  eingetreten,  obwohl  Bismarck  nach  dem
endgültigen  Scheitern  des  seit  1881  bestehenden  Dreikakserbündnisses
im  Juni  1887  den  nachmals  so  berühmt  gewordenen  Rückversicherungsvertrag
  mit  dem  Zgaren  geschlossen  hatte!  Nie  und  nimmer
hätte  dessen  Borhandensein  an  sich  einen  Krieg  zwischen  Rußland
und  Deutschland  verhindert  oder,  wäre  im  damaligen  Augenblick  ein
Krieg  mit  Frankreich  ausgebrochen,  uns  die  russische  Neutralität  gesichert.
  Es  steht  für  mich  außer  Zweifel,  daß  der  Bertrag  in  vielen
Beziehungen  überschätzt  worden  ist,  und  daß  er  nicht  mehr  als  eine
Aushilfe  im  verwickelten  Spiel  des  großen  Kanzlers  mit  den  fünf
Kugeln  bedeutet  hat.

Der  Zar  war  damals  auch  persönlich  in  hohem  Maße  gegen
Deutschland,  von  dem  er  sich  hinters  Licht  geführt  glaubte,  gereizt
und  verärgert.  Die  Ursache  waren  die  sogenannten  Bulgarischen
Fälschungen.  Als  Nachfolger  des  im  September  1886  endgültig
abgedankten  Prinzen  Alexander  von  Battenberg  hatten  die  Bulgaren

320
        <pb n="348" />
        nämlich  im  Juli  1887  gegen  den  Einspruch  Rußlands,  das  einen
russischen  General  als  Regenten  in  Sofia  haben  wollte,  den  Prinzen
Ferdinand  von  Koburg  zum  Fürsten  gewählt.  Wieder  von  dem  Bestreben
  geleitet,  Rußland  nicht  vor  den  Kopf  zu  stoßen,  hatte  Deutschland
  den  Fürsten  nicht  anerkannt.  Nun  waren  dem  Zaren  gefälschte
Briefe  in  die  Hände  gespielt  worden,  aus  denen  hervorging,  daß
Bismarck  insgeheim  doch  die  Koburgische  Kanditatur  gefördert  und
dem  Prinzen  für  die  Zukunft  den  deutschen  Beistand  zugesichert  hatte.

In  dieser  hochgespannten  Situation  kam  Zar  Alexander  III.  mit
Gemahlin  und  Thronfolger  auf  der  Rückreise  von  Dänemark  im
November  nach  Berlin.

Ich  fuhr  dem  russischen  Kaiserpaar  bis  Wittenberge  entgegen,
während  der  offizielle  Empfang  in  Berlin  auf  dem  Lehrter  Bahnhof
stattfand.  Die  Stimmung  zwischen  den  russischen  Majestäten  und
meinen  Angehörigen  war  nicht  die  beste,  die  allgemeine  politische
Spannung  zwischen  beiden  Ländern  übertrug  sich  auch  auf  das  persönliche
  Berhältnis.  Bezeichnend  ist  auch,  daß  der  Zar  es  ablehnte,
im  Schloß  Wohnung  zu  nehmen,  sondern  wie  sonst  in  der  Russischen
Botschaft  abstieg.

Hier  hatte  Bismarck  am  Nachmittag  eine  längere  Unterredung
mit  Kaiser  Alexander  und  klärte  ihn  mit  Leichtigkeit  über  die  Natur
der  Bulgarischen  Fälschungen  auf.  Der  Zar  äußerte  sich  nachher
auch  sehr  befriedigt  über  die  Beseitigung  des  Mißverständnisses,  aber
lange  angehalten  hat  die  freundliche  Stimmung  nicht.

Von  diesem  Zarenbesuch  ist  noch  des  Zwischenfalls  Erwähnung
zu  tun,  der  sich  bei  der  Tafel  ereignete.  Fürst  Bismarck  war  nämlich
  durch  die  Tischordnung  nicht,  wie  üblich,  als  Reichskanzler  dem
Zaren  gegenüber,  sondern  auf  die  sogenannte  „Blutseite“,  d.  h.  seinem
fürstlichen  Range  entsprechend  auf  die  Seite  der  Fürstlichkeiten  gesetzt
worden,  wo  der  Zar  ihn  nicht  sehen  konnte.  Bismarck  war  über
diese  Anordnung  sehr  erregt,  und  in  der  Tat  kann  man  nicht  wissen,

37
        <pb n="349" />
        ob  es  nicht  gut  gewesen  wäre,  wenn  Bismarck  die  Möglichkeit  gehabt
  hätte,  mit  dem  Zaren  bei  Tisch  zu  sprechen.
3

Einen  dauernden  Erfolg  hat,  wie  gesagt,  die  Aufklärung  des
Zaren  durch  Bismarck  und  die  Entspannung  zwischen  Rußland  und
Deutschland  nicht  gehabt.  Die  panslawistische  Flut  stieg  höher  und
höher,  das  Revanchegeschrei  wurde  immer  lauter,  und  die  Gerüchte
von  einer  bereits  abgeschlossenen  Allkanz  zwischen  Rußland  und  Grankreich
  verdichteten  sich  immer  mehr.  Dazu  konnten  starke  russische
Truppenverschiebungen  an  die  polnisch-preußische  Grenze  festgestellt
werden.

Mitte  Dezember  befahl  mein  Großvater  den  Feldmarschall  Moltke
zum  Vortrag  über  den  Zweifrontenkrieg,  der  uns  allem  Anschein
nach  bevorstand.  Außer  dem  Grafen  Waldersee,  der  damals  Generalquartiermeister
  war,  sowie  dem  General  v.  Albedyll  und  dem  Kriegsminister
  Bronsart  v.  Schellendorff  mußte  auch  ich  dem  Vortrage
beiwohnen.  Mein  Großvater  sprach  zunächst  viel  von  dem  traditionellen
  Verhältnis  zwischen  Rußland  und  Deutschland,  wobei  die
Erinnerungen  an  seine  Zugendzeft  und  die  guten  Beziehungen  zu
seinem  ermordeten  Neffen,  dem  Zaren  Alexander  II.,  in  ihm  übermächtig
  wurden.  Nachdem  Moltke  einen  meisterhaften  Bortrag
gehalten  hatte,  genehmigte  der  Kaiser  den  Entschluß,  Truppen  nach
dem  Osten  zu  verschieben  und  vor  allem  den  Ausbau  des  vernachlässigten
  Bahnnetzes  im  Osten  zu  fördern.  Die  letzteren  Maßnahmen
erforderten  geraume  Zeit  und  Mittel,  zumal  die  großen  neuen  Weichselund
  Nogat-Eisenbahnbrücken  milttärischerseits  gegen  starken  Widerstand
des  Ministeriums  für  öffentliche  Arbeiten  durchgesetzt  werden  mußten.
Da  die  Behörde  die  Eisenbahnen  lediglich  aus  wirtschaftlichen  und
finanziellen  Gesichtspunkten  beurteilte,  so  waren  ihr  andere,  vornehmlich
  auf  militärische  Wünsche  gegründete  Ausgaben  wenig  sympathisch.
Vollständig  sind  die  von  Kaiser  Wilhelm  befohlenen  Maßnahmen

328
        <pb n="350" />
        erst  im  Laufe  der  Regierung  seines  Enkels  ausgeführt  worden,  erst

unter  ihm  hat  der  Osten  den  dringend  erforderlichen  Aufschluß  durch

Bahnen  erhalten.  Ein  Vergleich  der  ostpreußischen  Eisenbahnlinien

von  1888  mit  den  Eisenbahnkarten  vom  Jahre  1913  ist  in  dieser

Hinsicht  lehrreich.  Es  besteht  kein  Zweifel,  daß  mit  dem  alten  Netz

ein  großer  Teil  des  Ostens  im  Jahre  1914  verloren  gewesen  wäre.
r-Da

  die  Drohungen  von  russischer  Seite  unverminderk  fortdauerten,
  entschloß  sich  Fürst  Bismarck,  diesen  ein  Parolk  zu  bieten:  Am
3.  Februar  1888  wurde  als  lautes  Warnungssignal  der  Bündnisvertrag
  vom  Jahre  1870  zwischen  Osterreich-Ungarn  und  Deutschland
in  dem  deutschen  „Reichsanzeiger'  und  der  „Wiener  Abendpost“  veröffentlicht.
  Drei  Tage  später  hielt  der  Fürst  im  Reichstag  jene
gewaltige  Rede,  in  der  er  das  deutsch-russische  Berhälknis  historisch
beleuchtete  und  mit  den  unsterblichen  Worken  schloß:  „Wir  Deutschen
fürchten  Gott,  aber  sonst  nichts  in  der  Welt!“

Der  Eindruck  dieser  Rede,  die  ich  mit  meiner  Frau  auf  der
Tribüne  mit  anhörte,  war  ungeheuer,  die  Begeisterung  allgemein  im
Hause.  Auch  fenseits  der  schwarz-weiß-roten  Grenzpfähle  wurde  die

Rede  verstanden.
Sie  zeigt  aber  mit  aller  Deutlichkeit,  in  welcher  Richtung  sich

das  deutsch-russtsche  Berhältnis  am  Ende  der  Reglerungszeit  meines
Großvaters  entwickelt  hatte.

X.

Die  tragischen  Ereignisse  des  Jahres  1888  warfen  ihre  Schatten
bereits  auf  das  vorhergehende  Jahr.  Des  Kronprinzen  unheilbare

Krankheit  begann.
Im  Januar  1887  machte  sich  bei  meinem  Bater  andauernde  Heiserkeft

  störend  bemerkbar,  die  er  zunächst  als  Folge  einer  seiner  häufigen

Erkältungen  ansah,  erst  als  sie  nicht  weichen  wollte,  wurde  er  bedenk-320
        <pb n="351" />
        lich.  Anfang  März  übernahm  der  Geheime  Medizinalrat  Professor
Gerhardt  in  Berlin  die  Behandlung  der  Krankheit,  die  er  als  eine
polypöse  Verdickung  des  Stimmbandrandes  diagnostizierte.  Nun  begannen
  für  meinen  armen  Vater  tägliche  Quälereien,  da  Geheimrat
Gerhardt  versuchte,  mit  Hilfe  von  Glühdraht  und  Kneifzange  die
Geschwulst  zu  beseitigen.  Anläßlich  des  90.  Geburtstagsfestes  meines
Großvaters,  das  meinem  Vater  viele  Repräsentationspflichten  auferlegte,
  wurden  diese  Operationen  auf  acht  Tage  ausgesetzt,  dann
wieder  zehn  Tage  lang  vorgenommen.  Am  13.  April  fuhr  mein  Bater
nach  Ems,  um  dort  eine  Kur  zu  versuchen.  Als  er  am  15.  Mai
zurückkehrte,  mußte  Gerhardt  feststellen,  daß  diese  nichts  geholfen  hatte
und  die  Geschwulst  bedeutend  gewachsen  war.

Nunmehr  beantragten  Geheimrat  Gerhardt  und  Generalarzt
Dr.  Wegner,  der  Leibarzt  meines  Baters,  die  Heranztiehung  eines
Chirurgen,  als  den  man  Geheimrat  v.  Bergmann  in  Berlin  wählte.
Es  fand  darauf  eine  Konsultation  statt,  bei  der  v.  Bergmann  und
Gerhardt  bereits  den  Verdacht  auf  Krebs  aussprachen  und  ersterer
den  dußeren  Kehlkopfschnitt  vorschlug.  Alle  drei  Arzte  aber  beantragten,
  einen  namhaften  Larpngologen  hinzuzuziehen,  um  eine  Bestätigung
  der  Diagnose  zu  gewinnen.  Von  den  drei  ausländischen
Speztalärzten,  die  in  Vorschlag  kamen,  einigte  man  sich  einstimmig
auf  den  von  Dr.  Wegner  vorgeschlagenen  englischen  Larpngologen
Dr.  Morell  Mackenzie.  Einige  Tage  später  fand  eine  neue  Konsultatson
  statt,  an  der  außer  den  schon  genannten  Arzten  sowie  Dr.  v.  Lauer
und  Dr.  Schrader  auf  Befehl  meines  Großvaters  auch  der  Berliner
Professor  Tobold  teilnahm.  Da  auch  Tobold  die  Krankheit  als  Krebs
bezeichnete,  wurde  von  den  Arzten  die  operative  Entfernung  des  kranken
Stimmbandstückes  —  nicht  die  völlige  Herausnahme  des  Kehlkopfes  —
beschlossen.  Als  einzige  nachteilige  Folge  der  Operation,  die  man
angesichts  des  schweren  Heidens  mit  in  Kauf  nehmen  mußte,  stellten
die  Arzte  Rauhelt  und  Hetlserkeit  der  Stimme  in  Aussicht.  Mein

330
        <pb n="352" />
        Vater  gab  seine  Einwilligung,  auch  meine  Mutter  stimmte  zu,  und
so  wurde  auch  mit  ihrer  tätigen  Unterstützung,  wie  ich  betone,  die
Operation  für  den  Vormittag  des  21.  Mai  im  Neuen  Palais  vorbereitet.


Bekanntlich  ist  der  Krebs  eine  heimtückische  Krankheit,  die  den
Kranken  oft  schon  lange  Zeit  verzehrt,  ehe  sie  festgestellt  wird,  und
wenn  das  geschieht,  ist  es  in  der  Regel  zu  spät.  Anders  da—
gegen  bei  Erkrankungen,  die  die  Brust  oder  den  Hals  befallen,  diese
werden  oft  rechtzeitig  erkannt  und  auch  mit  gutem  Erfolg  operiert.
So  war  der  Fall  meines  Baters  keineswegs  als  hoffnungslos  anzusehen.
  Gerhardt  hat  in  dem  später  aufgesetzten  amtlichen  Bericht
erklärt:  «Keine  Statistik  kann  die  ganze  Wahrscheinlichkeit  dauernd
günstigen  Erfolges  voll  wiedergeben,  die  in  diesem  Falle  bestand.
Denn  in  keinem  Falle  war  die  Krankheit  so  früh,  ich  möchte  sagen,
im  Keime  erkannt.  Die  Konstitution  des  hohen  Herrn  war  die  denkbar
  kräftigste.  Alle  Hilfsmittel  standen  zu  Gebote.?  Und  Bergmann
gab  folgendes  Urteil  ab:  «»Die  Operation,  die  wir  vorschlugen,  war
nicht  gefährlicher  als  eine  gewöhnliche  Tracheotomie  (Luftröhrenschnitt),
der  ohnehin  bei  unserer  Diagnose  der  Kronprinz  doch  dereinst  ganz
bestimmt  verfallen  mußte.  Wir  schlugen  also  nicht  mehr  vor,  als
was  für  ihn  nun  einmal  unvermeidlich  war.»

Es  war  von  den  verhängnisvollsten  Folgen,  daß  am  Abend  vor
der  angesetzten  Operation  der  Engländer  Mackenzie  entscheidend  eingreifen
  konnte.  In  der  alsbald  nach  seiner  Ankunft  vorgenommenen
Untersuchung  erklärte  er,  daß  es  sich  nicht  um  Krebs  handle,  sondern
um  eine  polppöse  oder  fibromatöse  Geschwulst,  die  durch  eine  von
ihm  vorzuschreibende  Kur  ohne  Operation  in  sechs  bis  acht  Wochen
zu  beheben  sei,  der  Kronprinz  müsse  sich  nur  „wie  seder  andere  Sterbliche'
  zur  Behandlung  in  seine  Klinik  begeben.  Die  Herstellung  der
Stimme  meines  Baters,  „so,  daß  er  ein  Armeekorps  bei  der  Revue
anreden  könne“,  stellte  er  als  vollständig  sicher  hin.  Gegen  die  von

31
        <pb n="353" />
        den  deutschen  Arzten  geplante  Operation  erhob  er  entschieden  Einspruch.


Konnte  man  es  meinem  kranken  Vater  und  meiner  Mutter,  die
um  das  Leben  des  Gemahls  zitterte,  verdenken,  daß  sie  angesichts
so  bestimmter  Erklärungen  eines  angesehenen  Facharztes  diesem  Glauben
und  Bertrauen  schenkten  und  sich  für  die  gefahrlose  Methode  entschieden?
  Sollte  diese  doch  sogar  mehr  erreichen  als  die  Operation,
die  ja  dauernde  Heiserkeit  mit  sich  brachte!  Eine  andere  Frage  ist
es,  ob  der  Engländer  seine  Diagnose  wirklich  in  gutem  Glauben  gestellt
  hat.  Nach  meiner  Uberzeugung  ist  es  nicht  der  Fall  gewesen.
Nicht  nur,  daß  er  eine  laryngologische  Autorität  war,  der  man  eine
solche  Fehldiagnose  wohl  kaum  zutrauen  kann,  auch  die  Eile,  mit
der  er  nicht  nur  auf  Geld,  sondern  auch  auf  den  englischen  Adel
aus  war,  ohne  erst  den  Erfolg  seiner  Behandlung  abzuwarten,  spricht
gegen  ihn.  Entscheidend  aber  dürfte  sein,  daß  er  nach  dem  Tode
meines  Baters  auf  der  Rückreise  nach  England  eingestand,  daß  er
die  Krebsdiagnose  nur  deshalb  nicht  kundgegeben  habe,  damit  der
arme  Kronprinz  nicht  für  regierungsunfähig  erklärt  würde!

Wenn  man  bedenkt,  daß  ohne  das  Dazwischentreten  des  englischen
Arztes  mein  Bater  menschlicher  Boraussicht  nach  wohl  gerettet  worden
wäre,  so  wird  man  verstehen,  daß  ich  dieser  Bogel-Strauß-Politik
bei  jeder  Gelegenheit  heftigsten  Widerstand  entgegenstellte.  Daß  meine
Mutter  sich  von  der  Autorität  des  Engländers  nicht  loslösen  konnte,
auch  als  die  Dinge  sich  für  alle  andern  schon  zu  völliger  Klarheit
  entwickelt  hatten,  hat  mein  Berhältnis  zu  ihr  auf  das  schwerste
beeinträchtigt.  Es  hat  keinen  Jweck,  über  diese  Dinge,  die  gierig  an
das  Licht  gezerrt,  meist  aber  in  bestimmter  Tendenz  verzerrt  worden
sind,  den  Schleier  des  Bergessens  breiten  zu  wollen.  «

DurchMackenziesVerschuldenwurdeauchnochderzweiteentscheidende
  Fehler  gemacht:  Der  Engländer  empfahl  meinem  Bater  eine
Reise  nach  der  Insel  Wight,  deren  mildes  Klima  die  Heilung  von

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        <pb n="354" />
        Kehlkopfkrankheiten  fördere,  während  die  deutschen  Arzte  dem  entgegenhielten,
  daß  das  Klima  auf  Kehlkopfgeschwülste,  ganz  gleich  ob
gut=  oder  bösartig,  keinen  Einfluß  ausübe.  So  ging  mein  armer
Vater  auf  die  langen  Reisen,  von  denen  er  erst  als  kodwunder  Kaiser
zurückkehren  sollte,  und  die  Krankheit  konnte  ungestört  ihren  verhängnisvollen
  Verlauf  nehmen.  Die  ärztliche  Behandlung  durch  Mackenzie
und  seinen  Vertreter  während  dieser  Zeit  änderte  daran  nichts.  Wie
ich  bereits  erwähnte,  nahm  mein  Bater  im  Zuni  1887  an  den  Zubiläumsfeierlichkeiten
  in  London  teil  und  erregte  dort  die  stürmische
Begeisterung  des  Bublikums,  es  ahnte  nicht,  daß  er  nur  noch  im
Glüstertone,  kaum  vernehmlich,  zu  sprechen  vermochte.

Selbstverständlich  konnte  weder  die  „Kur“  auf  der  Insel  Wight
noch  im  schottischen  Gebirge,  das  mein  Bater  Anfang  August  aufsuchte,
  der  Krankheit  Einhalt  tun.  Als  der  Erfolg  ausblieb,  die
Wucherungen  zunahmen  und  das  Befinden  sich  verschlechterte,  wußte
Mackenzie  nichts  anderes,  als  seinen  Batienten  von  Land  zu  Land,
von  Ort  zu  Ort  zu  jagen.  In  den  Hochlanden  war  die  Herbstluft
zu  kalt  —  so  mußte  mein  Vater  Anfang  September  nach  Toblach
ins  PBustertal.  Dieser  Ort  erwies  sich  infolge  seiner  hohen  Lage
nicht  als  geeignet,  daher  Ende  September  Aufbruch  nach  Benedig.
Als  auch  die  Lagunenstadt  beine  Besserung  brachte,  ging  es  Anfang
Oktober  nach  Baveno  am  Lago  Maggtore,  bis  schließlich  Anfang
November  mit  San  Remo  die  letzte  Station  erreicht  war.  Von  da
ab  versagte  die  Stimme  völlig.  Währenddessen  aber  verstand  es
Mackenzie,  in  der  ganzen  Zeit  von  seinem  Erscheinen  in  Berlin  ab,
die  Bresse,  nicht  nur  die  englische,  sondern  auch  gewisse  Teile  der
Berliner  Presse,  für  sich  einzufangen.  Ständig  wurde  in  die  Welt
posaunk,  daß  er  des  Kronprinzen  Lebensretter  sei,  indem  er  ihn  vor
der  „lebensgefährlichen“  Operation  bewahrt  habe,  die  deutschen  Trzte
dagegen  verstünden  nichts.  Angeblich  war  mit  seiner  Hilfe  der  Kronprinz
  auf  dem  Wege  völliger  Heilung.

333
        <pb n="355" />
        In  Baveno  begingen  wir  am  18.  Oktober  meines  Baters  letzten
Geburtstag,  alle  Kinder  außer  meiner  Schwester  Charlotte  waren
zu  diesem  Tage  hinübergefahren  und  erfreuten  den  Bater  durch
Klavierspielen,  Singen,  die  Aufführung  von  kleinen  Theaterstücken
und  Scharaden.  Die  Villa,  in  der  meine  Eltern  Aufenthalt  genommen
  hatten,  lag  in  einem  schönen  großen  Park  voll  südlicher
Begetation  mit  dem  zauberhaften  Blick  auf  den  See.

Ich  fand  meinen  Bater  verhältnismäßig  frisch  aussehend  und  bei
guter  Stimmung.  Aber  den  verhängnisvollen  Optimismus  meiner
Eltern  über  seinen  Zustand  vermochte  ich  nicht  zu  teilen,  habe  sedoch
als  Erfolg  meiner  Vorstellungen  bei  meiner  Mutter  nur  ihre  schwere
Verstimmung  gegen  mich  zu  verzeichnen  gehabt.  In  ihrer  rührenden
Fürsorge  für  meinen  Bater  wollte  sie  sich  und  ihm,  überzeugt  von
den  Versprechungen  Mackenzies,  alle  Zweifel  an  der  einmal  als
richtig  erkannten  Behandlung  fernhalten.  Es  waren  wahrlich  schwere
Zeiten,  nicht  zum  wenigsten  für  mich.

3#

Kaum  war  mein  Bater  in  San  Remo  eingetroffen,  als  ein
alarmterendes  Telegramm  Mackenzies  in  Berlin  einlief:  es  hätten
sich  plötzlich  bedenkliche  Spmptome  gezeigt,  und  er  erachte  die  Zuziehung
  weiterer  Arzte  als  erforderlich.  Wenn  Mackenzie  sich  so
dußerte,  mußte  es  bedrohlich  stehen.

Mein  Entschluß  war  sofort  gefaßt.  Ich  bat  meinen  Großvater
um  Erlaubnis,  nach  San  Remo  fahren  zu  dürfen,  um  endlich  Klarheit
  zu  schaffen,  sowohl  der  Kaiser  wie  auch  Fürst  Bismarck  billigten
mein  Borhaben.  Wein  Großvater  gab  mir  den  Befehl,  eine  offizielle
Außerung  der  Arzte  herbelzuführen  und  deshalb  den  bekannten
Laryngologen  Sanitätsrat  Dr.  Moritz  Schmidt  aus  Frankfurt  a.  M.
mitzunehmen.  Diesen  sollte  ich  mit  einem  Bericht  an  ihn,  den
Kaiser,  über  die  abzuhaltende  Konsultation  der  Arzte  beauftragen.
Außer  Dr.  Schmidt  wurden  noch,  wie  von  Mackenzie  beantragt,  der

334
        <pb n="356" />
        bedeutende  Kehlkopfarzt  Professor  Schrötter  aus  Wien  und  der  Privatdozent
  Dr.  Krause  aus  Berlin  entsandt.

Als  ich  am  Abend  des  0.  November  die  wundervoll  am  Mittel—
meer,  inmitten  eines  Olivenhaines  gelegene  Villa  Zirio  betrat,  erregte
  meine  Ankunft  wenig  Freude  bei  meiner  Mutter.  Sie  fürchtete
wohl,  daß  nun  das  Kartenhaus,  auf  das  sie  ihre  Lebenshoffnung
gesetzt  hatte,  zusammenbrechen  könnte.  Unten  an  der  Treppe  stehend,
mußte  ich  ihre  Borhaltungen  über  mich  ergehen  lassen  und  ihre  ent—
schiedene  Weigerung  vernehmen,  mich  zum  Vater  zu  lassen,  ich  sollte
sofort  nach  Rom  weiterfahren.  Es  war  nämlich  seltsamerweise  die
Meinung  aufgekommen,  ich  sei  nach  Rom  entsandt,  um  dem  König
den  Schwarzen  Adlerorden  zu  überbringen.  Der  Zustand  des  Baters
sei  in  keiner  Weise  besorgniserregend,  meinte  meine  Mutter,  aber  der
steinerne,  gegen  Baveno  völlig  veränderte  Ausdruck  ihres  Gesichts  —
das  Zeichen  des  harten  Kampfes  ihres  eisernen  Willens  mit  der  zunehmenden
  Sorge  —  bot  keine  Bestätigung  dessen,  was  ihr  Mund
sprach,  und  es  fiel  mir  wie  Zentnerlast  auf  das  Herz.  Da  hörte  ich
oben  auf  der  Treppe  ein  Geräusch,  sah  hinauf  und  erblickte  meinen
Vater,  der  mir  entgegenlächelte.  Ich  stürzte  die  Treppe  hinauf,  und
mit  unendlicher  Rührung  hielten  wir  uns  umfangen,  indes  er  in  leiser
Flüstersprache  seiner  Freude  über  meinen  Besuch  Ausdruck  gab.  In
den  nun  folgenden  schweren  Tagen  sind  wir  uns  beide  innerlich  sehr
nahe  gekommen.

Die  Villa  Zirio  lag  am  Hang  des  Berges  oberhalb  der  großen
Rivierastraße,  nur  unvollkommen  verdeckt  durch  eine  Mauer,  durch
Olivenbäume  und  Balmen,  der  Garten  war  im  Berhältnis  zum
Bark  von  Baveno  nur  klein.  Ich  bekam  zwei  Zimmer  im  Hotel
Bictorka  zugewiesen,  das  unmittelbar  an  der  Landstraße  lag,  der
Villa  schräg  gegenüber,  Terrasse  und  Garten  befanden  sich  nach  der
See  zu.  Das  Hotel  war  ziemlich  voll,  eine  große  Zahl  Reporter
aus  aller  Herren  Länder  machte  sich  mit  ihrer  zudringlichen  Meugier

337
        <pb n="357" />
        und  Schnüffelei  höchst  unliebsam  bemerkbar.  In  der  Mehrzahl  waren
es  Mackenzies  Kreaturen!

Ich  mußte  nun  Sorge  tragen,  den  Befehl  des  Kaisers  auszu—
führen.  Nachdem  die  Arztie  eine  erste  Untersuchung  vorgenommen
hatten,  berief  ich  sie  zu  einer  vorläufigen  und  dann  zu  einer  endgültigen
  Beratung  zusammen.  Ich  machte  sie  darauf  aufmerksam,  daß
ihre  Urteile  offizielle  Bedeutung  haben  sollten  und  daher  zu  Protokoll
genommen  werden  müßten,  dann  forderte  ich  sie  der  Reihe  nach  —
dem  Alter  entsprechend  —  auf,  ihr  Urteil  abzugeben.  Als  erster
sprach  Mackenzie,  und  zu  meinem  nicht  geringen  Erstaunen  erklärte
er  unumwunden,  daß  mein  Vater  an  Kehlkopfkrebs  litte  und  in
18  Monaten  tot  sei.  Die  anderen  Arzte  schlossen  sich  diesem  einfachen
  Botum  an  und  erklärten  auch  die  völlige  Entfernung  des
Kehlkopfes  jetzt  als  zweifelhaft  für  den  Ausgang,  so  daß  die  Entscheidung
  dem  Kronprinzen  überlassen  werden  müsse,  nur  Dr.  Krause
verklausulierte  sein  Urteil  erheblich.  Darauf  stellte  ich  die  Frage,
wie  lange  wohl  das  Ubel  schon  vorhanden  sei,  um  sich  jetzt  als  in
so  hohem  Grade  entwickelt  zu  zeigen,  und  erhielt  die  Antwort:  mindestens
  sechs  Monate.  Ich  glaubte,  Mackenzie  würde  vor  Scham
vergehen,  aber  sein  Gesicht,  das  ich  genau  beobachtete,  zeigte  nicht
die  geringste  Bewegung.

Nachdem  der  Spruch  der  Arzte  zu  Protokoll  genommen  war,
erhielt  Brofessor  Schrötter  von  seinen  Kollegen  den  Auftrag,  meinem
Vater  über  das  Ergebnis  ihrer  Besprechungen  Bericht  zu  erstatten.
Wir  Kinder  waren  bei  dieser  furchtbaren  Eröffnung  nicht  zugegen,
es  wäre  über  unsere  Kraft  gegangen;  nur  meine  Mutter  stand  dem
geliebten  Gatten  in  dieser  schweren  Stunde  zur  Seste.  Mein  Vater
nahm  sein  Todesurteil  —  denn  das  war  es  —  gleich  einem  Helden
entgegen,  aufrecht,  fest  den  Arzten  ins  Auge  schauend.  Dann  dankte
er  ihnen  in  voller  Ruhe  für  die  Mühe,  die  sie  sich  seinetwegen  gemacht
  hätten.  Die  vorgeschlagene  Operation  lehnte  er  bei  dem  ihm

336
        <pb n="358" />
        Nach  einem  Gemälde  von  J.  Falat

lhelm  von  Breußen  auf  der  Bärenfagd  in  Rußland.

Brinz  Wi

1886

6ê5  ni  .  ..«
.-  W  4  &amp;amp;  .  .
:  I.VI-Is.fll.sss.qul.s.
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        177——

—.  :
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16  s
-  —  l

Kaisertage  in  Homburg  v.  d.  Höhe.  1883

linko  nach  rechts.  1.  Damen:  Brinzeß  Victoria  von  Hessen,  Herzogln  von  Connaught  Brinzeß  Ellsabeth  von  Hessen,  Brinzeß  Jreue
Fron  Hessen,  W—  Victorla  von  Preußen,  Kronprinzessn  IDsctorta  von  Breußen.  2.  Herren:  Erbgroßherzog  von  Sachsen-Welmar-  König
von  Serbien,  Herzog  von  Connaught,  Kalser  Withelm  I.,  Kronprinz  von  Bortugal,  Erbgroßherzog  von  Baden,  König  von  Spanien,  Brinz
Wilhelm  von  Preußen,  Herzog  von  Cambrldge,  Grohherzog  von  Hessen,  Großherzog  von  Sachsen-Welmar,  König  von  Sachsen,  Kronprinz

Grkedrich  Wilhelm  von  Preußen,  Brinz  von  Wales.
        <pb n="360" />
        dargelegten  zweifelhaften  Ausgang  durch  eine  schriftliche  Erklärung
ab.  Unser  lieber  Oberstabsarzt  Schrader,  der  schon  1869  als  Leibarzt
mit  in  Cannes  gewesen  war,  brach,  überwältigt  von  soviel  Tragik
und  Seelengröße,  in  krampfhaftes  Schluchzen  aus.  Als  wir  Kinder
dann  nach  dem  Fortgang  der  Arzte,  im  Tiefsten  erschüttert,  zum
Vater  kamen  und,  unserer  nicht  mehr  mächtig,  in  Tränen  zerflossen,
da  war  er  es,  der  uns  mit  der  stillen  Heiterkeit  seiner  Seele  zu  trösten
und  aufzurichten  suchte.)  In  sein  Tagebuch  aber  trug  er  am  Abend
dieses  schicksalsschweren  Tages  ein:  «Somit  werde  ich  wohl  mein
Haus  bestellen  müssen.»

Meine  arme  Mutter  zeigte  sich  bewunderungswürdig  gefaßt.  Nur
auf  einem  Spaziergang  mit  ihr  auf  der  staubigen  Rivierastraße,  von
Neugierigen  verfolgt  und  umspäht,  erlebte  ich  es,  daß  auf  einen
Augenblick  ihre  mit  aller  Energie  aufrecht  erhaltene  Fassung  zusammenbrach.
  Fest  an  meinen  Arm  geklammert,  gewann  sie  erst  nach  ge—
raumer  Zeit  ihre  Selbstbeherrschung  wieder.

Rührend  war  auch  die  Sorgfalt,  mit  der  die  Kammerdiener
Schulze  und  Bieke  ihren  kranken  Herrn  pflegten.  Beide  traten  nach
seinem  Tode  in  meinen  Dienst,  und  ich  verlor  diese  treuen  Männer
erst  im  Laufe  meines  Aufenthalts  in  Holland  durch  den  Tod.  Ihr
Andenken  bleibt  unvergessen.

Als  ich  auf  der  Heimreise  in  Basel  eintraf,  trat  plötzlich  Roggenbach,
  der  in  großer  Sorge  um  meinen  Bater  war,  in  mein  Eisenbahnabteil.
  Bon  Anfang  an  hatte  gerade  Noggenbach  einen  sehr  klaren
Blick  für  den  Zustand  meines  Baters  gezeigt  und  sich  von  dem  englischen
  Scharlatan  nichts  vormachen  lassen.  So  nutzte  es  mir  denn
auch  nichts,  als  ich  jetzt  seine  Frage  nach  dem  Krankheitsbilde
meines  Baters  mit  der  in  San  Nemo  vereinbarten  VFormel  zurückhaltend
  beantwortete;  unter  Tränen  sagte  er,  er  wisse  doch,  woran

5)  Vgl.  Anhang  r.  18.

22  Aus  meinem  Leben  337
        <pb n="361" />
        er  sei.  Lange  sprach  er  dann  mit  mir  über  die  schwierige  Lage,  in
die  unser  Vaterland  gerate:  der  Kaiser  90  Jahre  alt  und  damals
sehr  leidend,  der  Thronerbe  hoffnungslos  dem  Tode  entgegensiechend.
Wie  die  Dinge  nun  einmal  lägen,  müßte  ich  ihnen  fest  ins  Auge
sehen  und  mich  bereit  halten,  die  Last  der  Regierung  in  absehbarer
Zeit  auf  mich  zu  nehmen.  Wir  sprachen  dann  besonders  über  das
Verhälenis  des  Kaisers  zu  den  Bundesfürsten,  das  beim  Ubergang
der  Krone  auf  einen  verhältnismäßig  noch  jungen  Erben  leicht  zu
Schwiersgkeiten  führen  könne.  Roggenbach  riet  mir,  ich  solle  bereits
jetzt  efne  Broklamation  an  die  Bundesfürsten  für  den  Fall  der  Regierungsübernahme
  durch  mich  vorberesten,  in  der  ich  meine  und  ihre
Stellung  sowie  das  Berhältnis  beider  zueknander  präazisieren  solle,
wenn  plötzlich  die  Ereignisse  einträten,  sei  es  zu  spät.  Bekanntlich  hat
die  Ausführung  dieser  Anregung  mir  das  Mißfallen  Fürst  Bismarcks
zugezogen,  dem  ich  lopalerweise  meinen  Entwurf  zugeschickt  hatte.

Nachdem  das  offlzkelle  Berdikt  Klarhett  über  den  Zustand  meines
armen  Baters  geschaffen  hatte,  erachtete  es  Fürst  Bismarck  für  notwendig,
  angesichts  der  offensichtlich  zunehmenden  Hinfälligkeit  des
greisen  Kaisers,  die  sich  in  häufigen  Schwächeanfällen  äußerte,  mir
dessen  Stellvertretung  zu  übertragen.  Besonders  das  Militärkabinett
drängte  darauf,  den  Kaiser  von  den  zahlreichen  Unterschriften  zu
entlasten,  damtt  die  Geschäfte  nicht  aufgehalten  würden.  Mein
Großvater  unterzeichnete  die  Order  am  17.  November,  sie  hatte
folgenden  Wortlaut:

*In  Anbetracht  der  Wechselfälle  meiner  Gesundhett,
welche  mich  vorübergehend  zur  Enthaltung  von  Geschäften
nötigen,  und  in  Betracht  der  Krankheit  meines  Sohnes,  des
Kronprinzen,  beauftrage  ich  Eure  Königliche  Hoheit  in
allen  Fällen,  wo  ich  eine  Bertretung  in  den  laufenden  Re—
gierungsgeschäften  und  namentlich  in  der  Unterzeichnung

338
        <pb n="362" />
        von  Orders  zu  bedürfen  glauben  werde,  mit  dieser  Ver—
tretung,  ohne  daß  es  für  die  einzelnen  Fälle  einer  jedesmaligen,
  besonderen  Order  bedarf.

Berlin,  17.  N  ovember  1887.

Wilhelm.  v.  Bismarck.
An  den  Prinzen  Wilhelm,  Königliche  Hoheit.»

Wie  man  sieht,  hatte  diese  Stellvertretung  nur  untergeordnete
Bedeutung,  sie  sollte  für  die  wichtigen  Geschäfte  nur  in  den  besonderen
  Fällen  der  Behinderung  des  Kaisers  eintreten,  im  übrigen
war  sie  auf  die  Unterzeichnung  der  Erlasse  des  Zivil=  und  des  Militärkabinetts,
  also  von  Offizierspatenten,  Beamtenernennungen  und
Vormalien  beschränkt,  immer  unter  der  Uberschrift:  „Auf  Allerhöchsten
Befehl.“  Irgend  ein  Einfluß  auf  die  Staatsgeschäfte  war  mir  damit
nicht  eingerdäumt  worden.  Die  Stellvertretung  mußte  auch  im  Falle
des  Hinscheidens  des  Kaisers  sofort  erlöschen,  da  dann  automattisch
die  Regierungsgewalt  auf  den  Kronprinzen  überging.  Eine  Anderung
  der  Thronfolge  ist  durch  diese  Order  also  weder  eingeleitet  noch
ist  eine  solche  überhaupt  erörtert  worden.

Als  mir  am  folgenden  Tage  die  Stellvertretungsorder  mitgeteilt
wurde,  die  übrigens  gleichzeitig  an  allen  deutschen  Höfen  nottfizkert,
aber  erst  am  8.  März  1888  veröffentlicht  worden  ist,  erfuhr  ich,  daß
weder  das  Staatsministerium  noch  mein  Bater  vorher  von  dem
Schritt  verständigt  worden  waren.  Ich  begab  mich  daher  alsbald
zum  Kanzler  und  bat,  daß  meinem  Bater  Mitteilung  gemacht  würde.
Gürst  Bismarck  gab  dann  in  meinem  Beltsein  den  Befehl,  diese  offizielle
  Mitteilung  zu  machen,  und  versprach  mir  auch,  persönlich  zu
schreiben.  Zu  Hause  schrieb  ich  dann  noch  selbst  an  meinen  Bater
und  äußerte  besonders  den  Wunsch,  daß  die  Order  nie  zur  Anwendung
  kommen  möge.  Den  Brief  gab  ich  meinem  Bruder  Heinrich
mit,  der  in  jenen  Tagen  sich  gerade  wieder  nach  San  Remo  begab.

227  339
        <pb n="363" />
        Diese  Stellvertretungsorder  gefährdete  aber  von  neuem  das  erst
kürzlich  so  herzlich  gewordene  Berhältnis  zu  meinem  Vater.  Denn
mein  Vater  hatte  kaum  angefangen,  meinen  Brief  zu  lesen,  als  er
in  höchste  Erregung  geriet  und  in  bittere  Klagen  gegen  den  Kanzler
und  mich  ausbrach,  da  ihm  nicht  einmal  offizielle  Mitteilung  gemacht
worden  sei.  Als  mein  Bruder  unserem  Bater  vorhielt,  er  müsse
doch  das  Schreiben  Gürst  Bismarcks  erhalten  haben,  stellte  sich
heraus,  daß  dieses  ihm  aus  Gründen  der  Schonung  biöher  vorenthalten
  war.  Die  Angelegenheit  klärte  sich  nun  zwar  auf,  hinterließ
  aber  bei  meinem  Vater,  der  durch  seine  Krankheit  naturgemäß
sich  in  einem  gereizten  Zustande  befand,  eine  Verstimmung,  die  sich
in  keinem  Verhältnis  zu  der  Bedeutung  der  Ursache  befand.  Durch

solche  Mißverständnisse  sind  mir  oft  genug  Unannehmlichketten  in
meinem  Elternhause  erwachsen.

XI.

Noch  im  gleichen  Monat,  der  mir  schon  so  viele  seelische  Er—
schütterungen  gebracht  hatte,  sollte  eine  gut  gemeinte  Aktion,  die  als
ein  Werk  der  Nächstenliebe  gedacht  war,  mir  neue  Kümmernis  bereiten.
  Wie  ich  schon  berichtet  habe,  stand  die  tief  religköse  Gräfin
Waldersee  meiner  Gemahlin  sehr  nahe.  Im  Verfolg  ihrer  vielfachen
charstativen  Bestrebungen  nahm  sie  Gelegenheit,  auch  meine  Frau
zu  veranlassen,  sich  der  leiblichen  und  seelischen  Not  der  Berliner
Vorstadtgemeinden  anzunehmen  und  die  regsame  Berliner  „Stadtmission“
  zu  unterstützen.

Um  das  Interesse  für  die  Bestrebungen  der  Stadtmission  auch
in  der  zumeist  ahnungslosen  Gesellschaft  zu  wecken  und  zu  beleben,
wurde  Ende  November  1887  vor  einem  Kreis  von  Eingeladenen,
unter  denen  sich  Angehörige  aller  politischen  Parteien  befanden,  in
den  Räumen  des  Grafen  Waldersee  eine  Sitzung  anberaumt.  Der
bekannke  Hofprediger  Stöcker  gab  bek  dieser  Gelegenhekt  auf  Grund

340
        <pb n="364" />
        seiner  Erfahrungen  aus  der  Stadtmission  eine  niederschmetternde
Schilderung  von  der  Not  in  den  Berliner  Vorstädten,  während  ich
selbst  mich  mit  einigen  Worten  für  die  Pflege  des  christlichsozialen
Geistes  einsetzte.  Aus  dieser  Sitzung  machte  die  mir  übelwollende
Presse  die  sogenannte  „Waldersee-Bersammlung"“  und  überhäufte  sowohl
  den  Grafen  wie  vor  allem  meine  Frau  und  mich  mit  maßlosen
  Berdächtigungen,  Berleumdungen  und  Angriffen.  Schmerzlich
war  es  mir,  daß  Fürst  Bismarck  sich  in  diesem  Falle,  der  mit  Politik
nichts  zu  tun  hatte,  auf  die  Seite  meiner  Gegner  stellte.  Der  Brief—
wechsel,  den  ich  deswegen  mit  dem  Kanzler  geführt  habe,  ist  inzwischen
  bekannt  geworden.  Alsbald  nach  seiner  Rückkehr  nach  Berlin
hat  dann  auch  die  Aussöhnung  stattgefunden,  eine  „Verstimmung“,
wie  Fürst  Bismarck  anzunehmen  schien,  hat  weder  dieser  Borgang
noch  der  betreffs  der  geplanten  Proklamatkon  an  die  Bundesfürsten
bei  mir  zurückgelassen.

Allen  Gegenbestrebungen  und  Ouertreibereien  zum  Trotz  wurden
die  Mittel  für  die  Stadtmission  aufgebracht,  so  daß  den  Armen
Berlins  ausgiebig  geholfen  werden  konnte.  Und  aus  der  Unterstütung
der  Stadtmisston  ging  die  Gründung  des  „Evangelisch-kirchlichen
Hilfsvereins“  hervor,  der  unter  der  Leitung  des  trefflichen  Oberhofmeisters
  Freiherrn  v.  Mirbach  Unvergängliches  auf  dem  Gebiet  des
Kirchen=  und  Kapellenbaues  geleistet  hat.  Nicht  sowohl  der  äußere
Erfolg  unserer  guten  Sache,  als  vor  allem  die  zahlreichen  rührenden
Dankesbriefe  aus  Arbeiterkreisen  waren  uns  ein  schöner  Lohn  für
die  erlittenen  Kränkungen.

XII.
Die  Tage  des  großen  Kaisers  neigten  sich  dem  Ende  zu.
In  weiter  Ferne  schien  die  Zeit  zu  liegen,  da  er  auf  der  Jagd  beim
Fürsten  Stolberg  in  Wernigerode  noch  eine  große  Strecke  gemacht,
außerordentlich  angeregt  und  unterhaltsam  gewesen  war  —  und  doch

341
        <pb n="365" />
        war  das  erst  im  verflossenen  Oktober  gewesen!  Die  Schwächeanfälle
häuften  sich  mehr  und  mehr,  und  die  Arztie  urteilten,  daß  das  Leben
des  nun  fast  01jährigen  alten  Herrn  wohl  in  kurzem  einmal  verlöschen
würde.  Zwei  Ereignisse  sollten  ihm  noch  seinen  Abend  verdüstern.

Das  eine  war  der  hoffnungslose  Zustand  des  Kronprinzen.  Am
O.  Februar  hatte  nun  doch  der  Luftröhrenschnitt  gemacht  werden
müssen,  um  den  Kranken  vor  dem  Ersticken  zu  schützen,  und  seitdem
trug  er  eine  silberne  Kanüle  in  der  Luftröhre.  Oft  verlangte  der
Kaiser  weinend  nach  dem  Sohn  und  nach  dem  Erben  seiner  Krone  —
aber  der  war  fern.  Aus  San  Remo  kamen  immer  beunruhsgendere
Nachrichten,  und  viele  fürchteten  schon,  der  deutsche  Kronprinz  würde
außerhalb  des  Heimatbodens  hinscheiden.  In  dieser  Situation  erteilte
  mir  mein  Großvater  Ende  Februar  den  Befehl,  nach  San
Remo  zu  fahren  und  die  möglichst  schnelle  Rückkehr  meines  Baters
nach  Deutschland  zu  veranlassen.

Da  traf  ihn  noch  das  zweite  traurige  Ereignis.  Am  23.  Februar
starb  plötzlich  der  Sohn  der  Großherzogin  Luise,  Brinz  Ludwig  von
Baden.  Diesen  Enkelsohn,  einen  prachtvollen  frischen  jungen  Mann
und  strammen  Soldaten,  der  mit  meinem  Bruder  Heinrich  eng  befreundet
  war,  hatte  der  Kaiser  sehr  in  sein  Herz  geschlossen.  So
mußte  sein  Tod  in  der  Blüte  der  Jugend  ihn  tief  erschüttern.

Ich  erhielt  nun  Befehl,  zunächst  zu  den  Beisecgungsfeierlichkeiten
nach  Karlsruhe  zu  fahren,  um  den  Kaiser  zu  vertreten,  und  von  dort
aus  ungesäumt  nach  San  Remo  weiterzureisen,  um  den  erwähnten  Auftrag
  auszuführen.  Am  2.  März  traf  ich  wieder  in  der  Villa  Zirfo  ein.

Der  Anblick  meines  Baters  war  herzzerreißend.  Die  hohe  Stiegfriedgestalt
  zeigte  in  ihrer  starken  Abmagerung  und  der  gelben  Gesichtsfarbe
  unverkennbar  den  schnellen  Fortschritt  der  Krankheit,  fortwährend
  plagte  ihn  Hustenreiz,  und  über  die  Lippen  kam  kein  Wort,
sein  Mund  war  bereits  für  immer  verstummt.  Schnell  hingeworfene
Notizen  auf  kleinen  Zetteln  mußten  die  Sprache  ersetzen,  soweit  das

342
        <pb n="366" />
        nicht  durch  Gesten  und  Mimik  geschehen  konnte.  Aber  mit  großer
Selbstüberwindung,  ja  mit  stiller  Heiterkeit  trug  er  sein  furchtbares
Schicksal.  Erschütternd  war  auch  zu  erleben,  mit  welcher  Hingebung
und  Liebe  meine  Mutter  den  kranken  Gemahl  pflegte,  und  wie  sie
um  nichts  in  der  Welt  sich  bereit  finden  lassen  wollte,  an  die  furchtbare
  Wahrheit  zu  glauben.  Es  war  ihr  unfaßbar,  daß  unheilbarer
Krebs  das  Leben  ihres  herrlichen  Mannes  zerstören  sollte.  Mackenzie
war  noch  immer  der  große  Mann,  der  ihr  Vertrauen  besaß,  und
neben  dem  die  pessimistischen  deutschen  Arzte  nicht  aufkommen  konnten.
Von  der  Krebsdiagnose,  die  er  im  November  selbst  anerkannt  hatte,
war  er  inzwischen  leichtfertig  wieder  abgegangen  und  hatte  meine
Mutter  mit  neuem  Optimismus  erfüllt.  Zudem  trat  unter  ihrer  treuen
Pflege  gerade  in  den  Tagen  meiner  Anwesenheit  eine  Besserung  ein.
Vormittags  konnte  der  Kranke  im  Garten  oder  auf  dem  Balkon
sitzen  und  die  wärmende  Sonne  des  Südens  genießen,  oft  auch  auf
dem  Balkon  die  Fremden,  die  sich  in  Scharen  einfanden,  voll  Dank
für  ihre  Teilnahme  begrüßen.

So  hätte  also  sehr  wohl  eine  Ubersiedelung  nach  Deutschland
stattfinden  können,  um  den  Wunsch  des  Kaisers  zu  erfüllen,  wenn
nicht  in  der  Heimat  der  Winter  außergewöhnlich  kalt  und  stürmisch
gewesen  wäre.  Daher  sollte  erst  der  Eintritt  wärmerer  Witterung
abgewartet  werden,  und  ich  reiste  ab,  ohne  meinen  Auftrag  ausgeführt
  zu  haben.  Mit  Geheimrat  v.  Bergmann,  der  ebenfalls  in
den  nächsten  Tagen  nach  Deutschland  zurückkehren  wollte,  konnte  ich
nur  vereinbaren,  daß  er  Mackenzie  das  Versprechen  abnehme,  meinen
Vater  im  Falle  der  Verschlimmerung  nach  Hause  zu  bringen.  Außerdem
  sollte  sein  Assistent  Dr.  Bramann,  der  seinerzeit  den  Luftröhrenschnitt
  gemacht  hatte,  täglich  an  Leuthold  chiffrierte  Telegramme  über
den  Zustand  meknes  Vaters  schicken.  Mehr  konnte  ich  nicht  tun.

Tief  bedrückt  und  hoffnungslos  reiste  ich  nach  Berlin  zurück.

*  „  *

1

343
        <pb n="367" />
        Als  ich  am  7.  März  in  Berlin  eintraf,  zählten  die  Arzte  das
Leben  meines  geliebten  Großvaters  nur  noch  nach  Stunden,  schon
setzte  der  Puls  wiederholt  aus.  Unbeschreiblich  ist,  mit  welchen  Gefühlen
  ich  an  das  Sterbebett  trat,  nachdem  ich  soeben  ein  anderes
verlassen  hatte!  Sofort  als  der  Kaiser  meiner  ansichtig  wurde,  fragte
er  nach  San  Remo,  und  ich  konnte  ihm  für  einige  Momente  davon
berichten,  was  selbstverständlich  in  der  schonendsten  Form  geschah.

Noch  zwei  Tage  flackerte  das  Lebenslicht  des  alten  Kaisers.  Alle
seine  Getreuen  waren  um  ihn,  in  erster  Linie  Kaiserin  Augusta,  die,
in  ihren  Rollstuhl  gelehnt,  nicht  von  seinem  Bett  wich,  sowie  die
Großherzogin  Luise,  die  soeben  erst  den  Sohn  verloren  hatte.  Noch
konnte  mein  Großvater  wiederholt  mit  mir  sprechen,  meist  über  militärische
  Dinge,  vor  allem  beschäftigte  ihn  die  Frühfahrsparade,  und
er  gab  mir  für  die  Aufstellung  der  Truppen  genaue  Anordnungen.
Das  letzte,  was  er,  wohl  im  Glauben,  meinen  Bater  vor  sich  zu
haben,  zu  mir  sprach,  betraf  Deutschlands  Verhältnis  zu  Osterreich-Ungarn
  und  Nußland,  das  er  wieder  im  Lichte  vergangener  Zeiten
sah:  ich  solle  an  der  Allianz  mit  Osterreich  festhalten,  aber  die  Freundschaft
  mit  Rußland  hegen  und  pflegen.  Dann  stiegen  in  seinen  Todesphantasten
  Bilder  aus  der  Jugendzeit,  aus  dem  Famtlienleben  mit
der  Königin  Luise,  seiner  Mutter,  und  aus  den  Fretheitskriegen  auf.
Und  dann  neigte  er  sein  Haupt  zum  ewigen  Schlummer.

Die  Erinnerung  an  das  Sterben  des  großen  Kaisers  ist  mir  ein
heiliges  und  unantastbares  Bermächtnis.

t
        <pb n="368" />
        Die  neunundneunzig  Tage
        <pb n="369" />
        I##  mit  innerem  Widerstreben  ergreife  ich  die  Feder,  um  die
kurze  Regierungszeit  meines  Baters  zu  schildern.  Sie  war  so

voll  Leid  und  Schmerz,  aber  auch  von  Kabalen  und  Intrigen  erfüllt,
daß  mich  die  Erinnerung  daran  noch  heute  gleich  einem  furchtbaren
Alp  bedrückt.  Doch  sei  nun  gesagt,  was  im  Rahmen  dieses  Buches
gesagt  werden  muß.

J.

In  tiefer  Trauer  um  meinen  geliebten  Großvater  stehend,  hatte
ich  dennoch  keine  Muße,  meinem  Schmerz  nachgeben  zu  können.
Denn  da  mein  Vater  in  der  Fremde  weilte,  fiel  die  Last  der  mit
dem  Regierungswechsel  verbundenen  Maßnahmen,  sowie  der  An—
ordnungen  für  die  Aufbahrung  und  Beisetzungsfeierlichkeiten,  denen
oft  die  telegraphische  Befragung  meines  Vaters  vorangehen  mußte,
auf  meine  Schultern.

Die  nächste  Aufgabe  war,  festzustellen,  auf  welchen  Namen  die
Truppen  vereidigt  werden  sollten.  Auf  die  Anfrage  erfolgte  aus
San  Remo  die  Anweisung:  Seine  Majestät  wolle  den  Namen
Friedrich  IV.  annehmen.  Fürst  Bismarck  erklärte  dies  mit  aller  Entschiedenheit
  für  unmöglich,  da  das  1871  gegründete  Deutsche  Reich
nichts  mit  dem  alten  Römischen  Reich  Deutscher  Nation  zu  tun
habe.  Als  König  von  Preußen  sei  Seine  Majestät  Friedrich  III.  und
führe,  da  der  König  von  Preußen  zugleich  Deutscher  Kaiser  sei,  folge—
richtig  als  solcher  denselben  Namen.  Albedyll  und  ich  stimmten  dem
uneingeschränkt  zu,  und  ein  entsprechendes  Telegramm  wurde  sofort

347
        <pb n="370" />
        nach  San  Remo  gesandt.  Der  in  ihm  enthaltene  Vorschlag  wurde
denn  auch  mit  Hilfe  meiner  Mutter,  die  sich  nachdrücklich  für  diese
Lösung  einsetzte,  von  meinem  Bater  angenommen.

Ich  wurde  mit  dem  Stabe  des  Gardekorps  und  der  1.  Gardedivision
  im  Exerzierhaus  in  der  Karlstraße  zusammen  mit  dem
2.  Garderegiment  zu  Fuß  vereidigt.  Ich  kam  neben  General
v.  Schlichting,  meinem  Divisionskommandeur,  zu  stehen.  Vor  uns
hielten  die  umflorten  Fahnen  des  Regiments,  die  diesem  in  so  manchem
stegreichen  Kampfe  unter  meinem  Großvater  vorangeweht  waren.  Es
war  ein  kief  ergreifender  Augenblick,  als  wir  mit  erhobenen  Schwurhänden
  die  Formel  des  geheiligten  Gahneneides  sprachen,  worauf  drei
Hurras  auf  Kaiser  Friedrich  III.  ausgebracht  wurden.  Die  Bewegung
war  so  allgemein,  daß  vielen  der  Offiziere  und  Mannschaften  das
Wasser  in  den  Augen  stand.  Auch  ich  konnte  vor  innerer  Bewegung
meine  Tränen  nicht  zurückhalten.

II.

Es  wurden  nun  die  Vorbereitungen  für  die  Ubersiedelung  meines
Baters  von  San  Remo  nach  dem  Schloß  Charlottenburg  getroffen,
das,  staubfrei,  ruhig  und  von  einem  Bark  umgeben,  besser  für  den
Aufenthalt  des  kranken  Kaisers  geeignet  erschien  als  sein  Palais
oder  das  Schloß  inmitten  Berlins.  Alles  wurde  so  warm  und  wohnlich
  eingerichtet  wie  nur  möglich.  Das  Wiedersehen  mit  meinem
Bater  am  Abend  des  11.  März  auf  dem  Bahnhof  Charlottenburg
war  tief  erschütternd.  Er  umarmte  mich  mit  einem  unbeschreiblichen
Ausdruck  in  seinen  Augen,  den  ich  nie  vergessen  werde.  Sein  Zustand
  war  so  schlecht,  daß  er  nicht  einmal  an  der  Beisetzung  seines
Baters  teilnehmen  konnte.  Weinend  stand  er  an  einem  der  nach  der
Gartenseite  hinausgehenden  Fenster  des  Charlottenburger  Schlosses,
als  der  Trauerzug  am  Nachmittag  des  froststarrenden  10.  März  den
alten  Kaiser  auf  seiner  letzten  Fahrt  zum  Mausoleum  geleitete.

#½

348
        <pb n="371" />
        Bald  nach  seiner  Ankunft  hielt  mein  Vater  eine  Kronratssitzung
ab,  bei  der  die  Minister  vereidigt  wurden.  Die  Herren  waren
durch  das  furchtbar  veränderte  Aussehen  des  Kaisers,  den  sie  länger
als  ein  Jahr  nicht  gesehen  hatten,  tief  erschüttert.  Da  mein  Vater
nicht  mehr  sprechen  konnte,  stellte  er  Fragen  und  erteilte  Befehle  auf
kleinen  Zetteln,  Fragen  wurden  mit  Kopfnicken  oder  -schütteln  beantwortek,
  seine  geistige  Frische  war  ungebrochen  und  völlig  die  alte.
Mir  ist  aus  jener  Sitzung  noch  in  Erinnerung,  daß  Ginanzminister
Scholz  über  die  Brägung  neuer  Münzen  mit  dem  Bildnis  des  nunmehrigen
  Kaisers  Bortrag  hielt,  und  daß  mein  Bater  auf  die  Mitteilung
  von  Scholz,  die  Ausprägung  würde  ungefähr  zwei  Monate
dauern,  eine  Bewegung  mit  den  Händen  machte,  die  deutlich  sagte:
das  erlebe  ich  nicht  mehr!  Seine  Ahnung  hat  ihn  nicht  getrogen,
und  ich  habe  es  nach  seinem  Tode  für  einen  Akt  der  Pietät  gehalten,
möglichst  viele  Münzen  mit  dem  Bildnis  meines  Baters  herstellen

zu  lassen.
3

Am  ersten  Sonntag,  an  dem  wir  Kinder  zum  Gottesdienst  in
der  Schloßkapelle  nach  Charlottenburg  kamen,  zeigte  mir  mein  Vater
die  in  seinem  Borzimmer  aufgestellten  Grundrisse  und  Pläne  für  den
von  ihm  geplanten  Neubau  des  Domes  zu  Berlin.  Der  Geheime
Baurat  Raschdorff  hatte,  wie  mein  Bater  mir  mitteilte,  diese  Enkwürfe
  in  fahrelanger  Arbeit  nach  vielen  Konferenzen  mit  ihm  und
meiner  Mutter  fertiggestellt.  Meine  Eltern  hätten  auf  ihren  italienischen
  Reisen  ständig  alle  Kuppelbauten  studkert,  die  vorliegenden
Pläne  seien  das  Ergebnis  dieser  Studien.  Er  selbst  werde  die  Fertigstellung
  nicht  mehr  erleben  und  lege  mir  deshalb  die  Pflicht  auf,
wenn  er  nicht  mehr  sei,  die  Ausführung  des  Dombaus  als  sein  Vermächtnis
  durchzuführen.

In  Anbetracht  des  schwer  leidenden  Zustandes  meines  Vaters
erhielt  ich  von  neuem  eine  Stellvertretungsorder  für  die  Unter-349
        <pb n="372" />
        schriften  der  minder  wichtigen  laufenden  Angelegenheiten.  Indessen
flackerte  des  kranken  Kaisers  Lebenskraft  noch  einmal  auf.  Am
28.  März  konnte  er  seinen  ersten  Ausgang  im  Garten  machen,  am
20.  sogar  eine  Fahrt  in  den  Grunewald  unternehmen.  Am  30.  März
und  1.  April  machte  mein  Bater  Fahrten  nach  Berlin,  wobel  die
Bewohner  seiner  Hauptstadt  ihn  mit  begeistertem  Jubel  empfingen
und  mit  Blumen  überschütteten.  Die  Hoffnungen,  die  diese  Ausfahrt
  in  Berlin  erweckte,  sollten  aber  nur  allzu  trügerisch  sein.

III.

Leider  war  die  Gesellschaft  von  Korrespondenten  aus  San  Remo
ebenfalls  nachgekommen  und  hatte  es  verstanden,  unter  dem  Schutze
Mackenzies  sich  bis  in  das  Arztezimmer  des  Schlosses  hineinzudrängen.
Diesen  Herren  war  es  zu  verdanben,  wenn  nicht  nur  gegen  die
deutschen  Arzte,  insbesondere  Bergmann,  eine  schamlose  Hetzkampagne
betrieben  wurde,  sondern  auch  in  einem  gewissen  Teil  der  Berliner
Presse  sowie  in  englischen  und  französischen  Blättern  ein  Berleumdungs=
  und  Hetzfeldzug  gegen  mich  begann,  der  in  seiner  Gemeinheit
  beispiellos  zu  nennen  war.  (Später  habe  ich  freilich  in  dieser
Beziehung  noch  mehr  erleben  müssen.)  Wiederholte  Vorschläge,
diesen  Berleumdungen  in  der  Presse  entgegenzutreten,  wies  ich  ab,
ich  wollte  eher  meinem  Bater  zuliebe  das  Unrecht  still  dulden,
als  ihn  zu  allem  Leid  auch  noch  mit  einem  öffentlichen  Skandal
quälen.

Mit  diesen  Presseangriffen  hing  aber  noch  etwas  anderes  zusammen,
  das  mir  weit  schmerzlicher  war.  Ich  konnte  nämlich  sehr
bald  beobachten,  daß  man  meinen  Besuchen  bet  meinem  Bater  Schwierigkeiten
  in  den  Weg  zu  legen  begann,  sie  abzukürzen,  sa  sogar  unter
fadenscheinktgen  Vorwänden  sie  zu  verhindern  suchte.  Ich  hatte  das
Gefühl,  daß  eine  unsichtbare  Mauer  zwischen  meinem  Bater  und  mir
aufzurichten  versucht  wurde.  Dann  erfuhr  ich,  daß  Späher  aufge-350
        <pb n="373" />
        stellt  waren,  die  rechtzeitig  meine  Ankunft  im  Schlosse  meldeten,
worauf  ich  entweder  nur  von  meiner  WMutter  empfangen  oder  bereits
an  der  Haustür  mit  dem  Bemerken  begrüßt  wurde,  der  Kaiser  schlafe
und  Ihre  Majestät  sei  spazieren  gegangen.  Es  war  klar,  ich  sollte
meinen  Vater  nicht  ohne  Zeugen  sprechen.  Als  es  mir  endlich  ein—
mal  mit  Hilfe  von  Kammerdiener  Schulze  gelang,  durch  eine  Hintertreppe
  unbemerkt  in  das  Schlafzimmer  meines  Baters  zu  gelangen,
zeigte  er  sich  sehr  erfreut  und  ließ  sich  von  mir  viel  erzählen,  vor
allem  über  meine  Brigade.  Als  er  mir  zu  verstehen  gab,  ich  solle
ihn  doch  öfter  besuchen,  er  sähe  mich  so  selten,  und  ich  ihm  darauf
antwortete,  ich  sei  schon  öfters  dagewesen,  aber  nicht  vorgelassen
worden,  war  er  höchst  erstaunt  und  bezeichnete  diese  Absperrung  als
unsinnig,  ich  sei  ihm  jederzeit  willkommen.  Bei  einem  zweiten  Besuch
  bemerkte  ich,  daß  uns  aus  dem  weiter  rückwärts  liegenden  Trztezimmer
  verschiedene  mir  unbekannte  Gesichter  beobachteten,  was  mich
veranlaßte,  die  Tür  zu  schließen.  Vor  Verlassen  des  Schlosses  gab
ich  gegenüber  den  Herren  Seiner  Majestät  meiner  Entrüstung  über
dieses  Treiben  scharf  Ausdruck,  erhfelt  aber  die  Antwort,  man  sei
nicht  in  der  Lage,  sich  dieser  von  Mackenzie  protegierten  Journalisten
zu  entledigen.  Sogar  am  Sterbetage  meines  Baters,  kaum  daß  er
die  Augen  geschlossen  hatte,  fand  ich  im  Sterbezimmer  einen  Wiener
Journalisten,  den  Mackenzie  hineingeführt  hatte,  er  ist  dann  schneller
hinaus=  als  vorher  hineingekommen.
rm

Am  16.  April  erhielt  ich  von  dem  in  Berlin  wohnenden  Flügeladfutanten
  meines  Baters,  Oberst  v.  Kessel,  die  Meldung,  ein
Restknecht  aus  Charlottenburg  sei  soeben  bei  ihm  eingetroffen  mit
der  Meldung,  es  sei  Lebensgefahr  bei  meinem  Bater  eingetreten.
Ich  ließ  sofort  meinen  schnellsten  Vollblüter  satteln  und  fagte  nach
Charlottenburg  hinaus.  Mein  Erscheinen  schien  sehr  zu  überraschen
und  wurde  von  melnen  Geschwistern  sichtlich  mit  Dankbarkelt  begrüßt.

351
        <pb n="374" />
        Mehrere  Tage  lang  war  der  Zustand  des  Kaisers  hoffnungslos,  die
Arzte  glaubten  das  Ende  nahe.  Doch  ging  die  Gefahr  vorüber,  und
mein  Vater  erholte  sich  wieder.

IV.

Am  24.  April  traf  Königin  Victoria  von  England  mit  ihrer
Tochter  Beatrix  und  ihrem  Schwiegersohn  Prinz  Heinrich  von  Battenerg
  in  Charlottenburg  ein.  Sie  wurde  von  meinen  Geschwistern
ind  mir  im  Auftrage  meines  Vaters  empfangen  und  nach  dem
Schlosse  geleitet,  wo  sie  von  meiner  Mutter  in  tiefer  Bewegung  berüßt
  wurde.  Die  Königin  wurde  in  dem  östlichen  Seitenpavillon
es  Schlosses  untergebracht,  dessen  Räume  meine  Mutter  mit  den
ostbarsten  Möbeln  und  Stoffen  in  friderizianischem  Rokoko  kunstnnig
  hatte  ausstatten  lassen.  Zum  Abendessen  wurden  verschiedene
ervorragende  Persönlichkeiten  aus  Berlin  zur  Vorstellung  bei  der
dönigin  eingeladen,  an  ihrer  Spitze  Fürst  Bismarck.

Da  meine  Großmutter  den  Wunsch  geäußert  hatte,  von  den
Lruppen  der  preußischen  Garde  etwas  zu  sehen,  so  befahl  mein  Bater,
daß  das  4.  Garde-Regiment  zu  Fuß  von  meiner  Brigade  und  das
Regiment  der  Gardes  du  Corps  aus  Potsdam  zur  Parade  vor  meiner
Großmutter  auf  dem  Charlottenburger  Exerzierplatz  zu  erscheinen
hätten,  mir  gab  er  den  Auftrag,  das  Kommando  zu  übernehmen.
Königin  Bictorka  kam  mit  meiner  Mutter  im  Vierspänner  heraus,
ich  kommandierte  das  Präsentieren  und  begleitete  dann  den  Wagen
meiner  Großmutter  die  Front  der  beiden  Regimenter  entlang.  Die
Parademärsche  fanden  den  ungeteilten  Beifall  der  Königin,  neben  ihr
haltend,  konnte  ich  an  ihrem  Gesichtsausdruck  erkennen,  wie  stark  das
militärische  Bild  sie  fesselte.  Am  Schluß  der  Parade  sprach  ste  mir
ihre  Freude  aus,  daß  mein  Bater  mich,  ihren  Enkel,  dazu  ausersehen
habe,  ihr  die  schönen  Regimenter  vorzuführen.  Es  seten  die  ersten
preußischen  Truppen,  die  sie  seit  ihrem  Besuch  in  Koblenz  als  funge
Königin  wiedersähe.

352
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        V.

Anfang  Mai  erholte  sich  der  Kaiser  noch  einmal.  Noch  einmal
konnte  er  nach  seinem  lieben  Berlin  fahren  und  die  Huldigungen
der  Bevölkerung  entgegennehmen,  dann  aber  ging  es  unaufhaltsam
bergab.  Als  am  24.  Mai  in  der  Kapelle  des  Charlottenburger
Schlosses  die  Trauung  meines  Bruders  Heinrich  mit  Prinzessin  Irene
von  Hessen-Darmstadt  stattfand,  war  die  Feier,  an  der  auch  der
Prinz  von  Wales  teilnahm,  ganz  beherrscht  von  der  tiefen  Wehmut,
die  das  furchtbar  verfallene  Aussehen  meines  Baters  bei  allen  Anwesenden
  auslöste.  Er  ließ  es  sich  trotzdem  nicht  nehmen,  beim  Ningwechsel
  sich,  auf  seinen  Stock  gestützt,  reckenhaft  aufzurichten,  mußte
dann  aber  sich  sogleich  aus  der  Kapelle  entfernen.  Ich  habe  nie  wieder
eine  Hochzeit  wie  diese  mitgemacht,  auf  der  statt  der  Freude  alle  Herzen

Trauer  erfüllte.  "„

Trot  der  sich  verschlechternden  Gesundheit  lag  mein  Vater  seinen
Herrscherpflichten  mit  dem  ihm  innewohnenden  großen  Pflichtgefühl
eifrig  ob.  Täglich  arbeitete  er,  wiewohl  unter  Schmerzen,  mehrere
Stunden  lang  mit  Fürst  Bismarck  und  den  beiden  Kabinettschefs.
Für  die  Kaiserliche  Marine  wollte  er  eine  neue  Uniformierung  einführen,
  er  beauftragte  daher  meinen  Bruder  Heinrich  mit  der  Ausarbestung
  der  betreffenden  Vorschläge  und  befahl  mich  zu  dem  Schlußvortrag,
  bei  dem  die  Modelle  der  neuen  Uniformen  vorgelegt  und
von  ihm  genehmigt  wurden.  Ich  habe  sie  nach  meiner  Thronbesteigung
zur  Einführung  gebracht.  Für  die  Armee  ernannte  mein  Vater  eine
Kommission  zur  Ausarbeitung  eines  neuen  Exerzierreglements  und
einer  neuen  Felddienstordnung,  die  den  Wegfall  des  dritten  Gliedes,
die  Einführung  der  Kompagniekolonne  zu  drei  Zügen  als  Grundlage,
die  Abschaffung  der  Lineartaktik  und  der  Bewegungen  in  der  Batasllonskolonne,
  statt  dessen  die  Bermehrung  der  Gefechtsübungen  und
die  erhöhte  Ausbildung  im  zerstreuten  Gefecht  gebracht  hat.  Nach

23  Aus  meinem  Leben  353
        <pb n="378" />
        diesen  Grundsätzen  habe  ich  im  Frühfahr  1888  meine  Brigade  als
erste  Truppe  in  der  Armee  ausgebildet.

Auch  schaffte  mein  Bater,  wie  ich  schon  früher  erwähnte,  das
bisher  übliche  Frühjahrsexerzieren  im  Regiment  und  in  der  Brigade
ab.  Auf  meine  besondere  Bitte,  zu  der  ich  durch  eine  Betition  meiner
Brigade  bewogen  war,  erhielt  ich  von  meinem  Vater  die  Genehmigung,
  die  Brigade  statt  dessen  im  Gefecht  ausbilden  zu  dürfen.  Mein
persönlicher  Adfutant,  Masor  Freiherr  v.  Bissing,  der  oft  mit  der
Führung  des  markierten  Feindes  beauftragt  wurde,  hatte  volle  Freiheit
  des  Handelns,  verfügte  über  eine  Flaggenbrigade  mit  dem  nötigen
Führerpersonal  und  war  ermächtigt,  durch  unerwartete  Maßnahmen
sowohl  mir  wie  den  einzelnen  Regimentskommandeuren  Gelegenheit
zu  raschen  Entschlüssen  zu  geben.  Er  hat  diese  Aufgabe  glänzend
durchgeführt  und  zuweilen  fast  kritische  Situationen  herbeizuführen
gewußt,  die  aber  von  den  selbständig  handelnden  Kommandeuren  ausgezeichnet
  pariert  wurden.  Ich  erlebte  zu  meiner  Freude,  daß  auch
sie  trotz  des  alten  Reglements  das  Gefecht  durchaus  nach  modernen
Grundsätzen  zu  führen  verstanden.

Als  ich  am  Abend  vor  dem  letzten  Gesechtsexerzieren  mit  den
Offizieren  meiner  Brigade  bei  einem  Glase  Bier  saß,  erhielt  ich  einen
Brief  aus  Charlottenburg.  Ich  bekam  einen  heftigen  Schreck,  da  ich
Schlimmes  befürchten  mußte,  eisiges  Schweigen  legte  sich  auf  die
Versammlung.  Aber  wer  beschreibt  meine  Freude,  als  ich  meinen
Offizieren  den  Befehl  meines  Vaters  vorlesen  konnte:  die  Brigade
habe  nach  Abschluß  des  Gefechtsexerzierens  auf  dem  Nachhausemarsch
vor  ihm  im  Park  von  Charlottenburg  vorbeizudefilieren!  Ich  hatte  mich
also  in  dem  Glauben  nicht  geirrt,  daß  meinem  Vater  diese  Truppenschau
  Freude  machen  würde  —  er  hatte  meinen  Vorschlag  vom  Vormittag

  angenommen!)  Drek  Hurras  auf  Katser  Friedrich  III.  waren
die  Antwort.

*)  Bal.  Anhang  Ar.  19.
354
        <pb n="379" />
        Am  nächsten  Tage,  es  war  der  29.  Mai,  fand  ein  lebhaftes  Ge—
fecht  auf  dem  Tegeler  Schießplatz  statt,  das  durch  einen  geschickten
Flankenangriff  des  Garde-Füsilierregiments  entschieden  wurde.  Nach
Abbruch  der  Ubungen  wurde  den  Mannschaften  der  dret  Regimenter
meiner  2.  Garde-Infanterie-Brigade  mitgeteilt,  daß  ihnen  die  Ehre
bevorstehe,  vor  ihrem  Allerhöchsten  Kriegsherrn  vorbeizumarschieren,
worüber  die  Freude  groß  war.  Zubelnd  und  singend  wurde  die  Strecke
vom  Tegeler  Schießplatz  nach  dem  Park  von  Charlottenburg  zurückgelegt.
  Innerhalb  des  Parktores  ließ  ich,  entsprechend  dem  besonderen

Befehl  des  Kaisers,  Kompagniekolonnen  formieren,  dann  wurde  mit

schlagenden  Tambours  und  spielenden  Regimentsmusiken  die  Gartenfassade
  des  Charlotten  burger  Schlosses  entlang  der  Parademarsch  ausgeführt.
  Mein  Bater  saß  während  des  Vorbeimarsches  in  vollor
Uniform,  den  Helm  auf  dem  Haupte,  den  Körper  mit  aller  Gewalt
in  straffe  Haltung  gezwungen,  in  seinem  offenen  Wagen:  ich  selbst
hielt  am  Wagenschlag  schräg  hinter  ihm.  Es  war  ein  unvergeßlicher,
alle  Teilnehmer  tief  ergreifender  Borgang,  denn  dieser  Vorbeimarsch
meiner  Brigade  sollte,  wie  allen  eine  bange  Ahnung  sagte,  die  einzige
  Heerschau  meines  armen  Baters  sein.  Als  die  Regimenter
vorbeidefiliert  waren,  drückte  er  mir  in  tiefer  Bewegung  weinend
die  Hand,  zeigte  nur  immer  auf  sein  Herz  und  überreichte  mir
einen  Zettell,  auf  dem  geschrieben  stand:  „Das  sind  nun  meine
Truppen“,  und  einen  anderen:  „Zufrieden,  und  eine  große  Freude
empfunden.“

Als  ich  dann  die  bereits  mir  voraus  auf  dem  Marsche  nach
Berlin  befindlichen  Bataillone  entlangsprengte,  fand  ich  sie  in  tiefes
Schweigen  gehüllt,  das  wie  eine  Lähmung  auf  ihnen  lag.  Das
in  ihrer  Erinnerung  lebende  Bild  der  mannhaften  Schönheit  meines
  Vaters  stand  in  furchtbarem  Gegensatz  zu  dem,  was  sie  soeben
  erblickt  hatten.  Erst  weit  im  Tiergarten  befindlich  vermochten
sie  den  Bann  von  sich  abzuschütteln.  Die  Stelle,  an  der  der

237  355
        <pb n="380" />
        Wagen  meines  Baters  gehalten  hat,  bezeichnet  jetzt  eine  von  der
2.  Garde-Infanterie-Brigade  gestiftete  Vase  nach  einem  Entwurf
von  Ihne.

Zu  dem  letzten  Dienst,  den  ich  meinem  Vater  vor  seinem  Tode
noch  erweisen  konnte,  gab  mir  seine  Ubersiedelung  von  Charlottenburg
nach  Botsdam  Gelegenheft.  Da  mein  Bater  heftig  drängte,  nach
seinem  geliebten  Botsdam  und  dem  ihm  so  teuren  Neuen  Palais  hinauszukommen,
  wo  er  „geboren  sei  und  auch  sterben  wolle“,  fanden
mehrfache  Beratungen  zwischen  den  Arzten,  dem  Generaladjfutanten
v.  Winterfeld,  dem  Oberhofmarschall  Fürst  Radolin  und  mir  statt.
Die  Arzte  erklärten  einen  Eisenbahntransport  für  zu  gefahrvoll,  eine
Wagenfahrt  auf  staubiger  Chaussee  wollten  sie  auch  nicht  riskieren,  so
daß  die  Verlegenheit  groß  war.  Ich  freute  mich,  eine  befriedigende
Lösung  dieser  Schwierigkeiten  vorschlagen  zu  können.  Die  Dampfvacht
  der  Königlichen  Familie,  „Alexandria“,  die  an  der  „Matrosenstation“
  im  Sommer  zu  liegen  pflegte,  war  ein  aus  dem  Ende  der
40  r  oder  Anfang  der  5Oer  Jahre  stammender  Raddampfer  gewesen,
eins  der  ältesten  Dampfschiffe  Europas.  Als  mein  Großnpater  seinerzeit
  die  Meldung  erhielt,  daß  ein  Ersatz  für  dieses  Schiff  notwendig
sei,  hatte  er  mir  den  Auftrag  erteilt,  eine  neue  Dampfyacht  entwerfen
zu  lassen.  Diese  neue  „Alexandria“  war  gerade  nach  Absolvierung
ihrer  Brobefahrt  in  den  Dienst  gestellt  und  lag  jetzt  an  der  „Matrosenstation“.
  Da  das  Schiff  sehr  niedrig  über  Wasser  lag,  war  keine
Treppe  notwendig,  man  konnte  zu  ebener  Erde  an  Bord  gehen.  Der
große,  an  Deck  liegende  Salon  mit  bequemen  Sofas  und  Stühlen,
die  mit  weißem  Kattun  überzogen  waren,  gewährte  jede  für  den
Kranken  erforderliche  Bequemlichkeit,  während  die  breiten  Genster,
die  je  nach  Bedarf  geöffnet  oder  geschlossen  werden  konnten,  einen
weiten  Ausblick  boten.  Die  Herren  stimmten  meinem  Vorschlag  zu,
und  ich  ließ  die  Bacht  durch  den  Spandauer  Kanal  nach  Charlottenburg
  kommen,  wo  sie  am  Schloßpark  anlegte.

356
        <pb n="381" />
        Noch  einmal  suchte  mein  Vater  am  Abend  des  31.  Mai  das  stille
Mausoleum  im  Charlottenburger  Park  auf,  um  Abschied  von  der
Ruhestätte  des  Vaters  und  der  Großeltern  zu  nehmen,  dann  schiffte
er  sich  am  nächsten  Tage  auf  der  „Alexandria“  ein,  die  er  damit
einweihte.  Meine  Mutter  und  wir  Geschwister  begleiteten  ihn.  Es
war  rührend  zu  sehen,  welche  Freude  ihm  das  schmucke  Schiff  mit
dem  hellen  freundlichen  Raum  und  die  schöne  Wasserfahrt  bereiteten.
So  lange  an  das  Krankenzimmer  gefesselt,  konnte  er  sich  an  den  vom
Sonnenschein  übergossenen  Havelufern,  die  uns  so  lieb  und  vertraut
waren,  nicht  satt  sehen.  Beim  Passieren  der  Pfaueninsel,  die  er  so
innig  in  sein  Herz  geschlossen  hatte,  und  auf  der  wir  so  unendlich
oft  als  Kinder  und  später  auch  als  Erwachsene  mit  ihm  im  trauten
Familkenkreise  geweilt  hatten,  überkam  ihn  tiefe  Wehmut.  Langsam
winkte  er  mit  der  Hand  hinüber,  und  eine  Träne  stahl  sich  aus
seinem  Auge  —  er  nahm  Abschied  von  der  lieblichen  Insel  und  all
den  schönen  Erinnerungen,  die  sich  an  sie  knüpften.  Dieser  Anblick
war  so  ergreifend,  daß  ich  die  Kommandobrücke  aufsuchen  mußte,
um  die  mich  übermannende  Rührung  zu  verbergen.  Ich  stellte  mich
neben  den  Schiffsführer,  Kapitän  Beltken,  dem  es  nicht  anders  als
mir  ging.  Er  hielt  das  Steuerrad  fest  in  der  Hand,  starr  vor  sich
in  die  Ferne  blickend,  die  Zähne  fest  zusammengebissen,  während  die
Tränen  in  seinen  mächtigen  rötlichen  Seemannsbart  hinabrannen.

Im  Neuen  Palais  bezog  mein  Bater  die  zu  ebener  Erde  liegenden
  Räume,  die  früher  für  meinen  Großvater  anläßlich  seines  Besuches
  des  Schrippenfestes  vorbehalten  waren,  und  die  ich  nachher
während  meiner  ganzen  Regierungszeit  bewohnt  habe.  Bei  dem
herrlichen  Wetter  konnten  alle  Türen  offen  stehen,  und  mein  Vater
war  in  der  Lage,  seden  Augenblick  ins  Freie  zu  treten,  um  sich  an
dem  Anblick  des  geliebten  Barks  von  Sanssouci,  der  im  herrlichsten
Blütenschmuck  prangte,  zu  erfreuen.  Er  war  nun  an  der  Stätte

seiner  Sehnsucht.
357
        <pb n="382" />
        VI.

Bald  nach  der  Ubersiedlung  in  das  Neue  Palais  erfolgte  ziemlich
  überraschend  die  Entlassung  des  Staatsministers  von  Puttkamer.
Sie  löste  in  der  politischen  Welt  rechts  Erbitterung,  links  Freude,
allgemein  große  Erregung  aus.  Zahllos  waren  die  umherschwirrenden
  Gerüchte  und  Kombinationen,  die  sich  schließlich  dahin  verdichteten,
meine  Mutter  sei  schuld  an  diesem  Ereignis.  Auf  Grund  meiner
Kenntnis  über  die  Vorgänge,  die  sich  hinter  den  Kulissen  abgespielt
hatten,  kann  ich  erklären,  daß  diese  Annahme  falsch  ist.  Nicht  meine
Mutter  hat  „hinter  dem  Rücken  des  Fürsten  Bismarck“,  wie  es  hieß,
durch  ihre  Intrigen  den  Abgang  Puttkamers  herbeigeführt,  sondern
im  Gegenteil  hat  der  Kanzler  in  der  Hoffnung,  die  von  ihm  geargwöhnten
  Widerstände  meiner  Mutter  zu  überwinden  und  ihre  Zuneigung
  zu  gewinnen,  den  ihr  nicht  genehmen  Minister  fallen  lassen.
Meine  Mutter  hat  sehr  unter  diesen  Gerüchten  gelitten  und  mir  ans
Herz  gelegt,  bei  geeigneter  Gelegenheit  es  Puttkamer  wissen  zu  lassen,
daß  sie  nichts  mit  seinem  Abgang  zu  tun  gehabt  habe.

#

Mehrmals  kam  der  Justizminister  Friedberg  zum  Besuch  nach  dem
Neuen  Palais  heraus.  Er  war,  wie  ich  bereits  geschildert  habe,  ein
langjähriger,  intimer  Freund  und  Berater  meiner  Eltern,  dem  ich
oft  in  ihrem  Hause  begegnet  bin,  und  den  ich  sehr  verehren  und
schätzen  gelernt  habe.  Er  besaß  unser  aller  vollstes  Vertrauen,  da
er  eine  durch  und  durch  vornehm  denkende,  edle  Natur  war.  Auf
einem  Spaziergang,  den  ich  mit  ihm  auf  der  Terrasse  des  Neuen
Balafs  unternahm,  machte  er  mich  darauf  aufmerksam,  daß  mir  im
Falle  des  Ablebens  meines  Baters  ein  inhaltsschweres  Schriftstück
vorgelegt  werden  würde,  das  ich  reiflich  überdenken  möge.  Ich  will
hier  gleich  vorweg  bemerken,  um  was  es  sich  handelte.  Es  war  ein
verstegelles  Schreiben  König  Frfedrich  Wilhelms  IV.,  auf  dessen  Umschlag
  sich  das  Siegel  und  der  Lesevermerk  meines  Großvaters  und

358
        <pb n="383" />
        meines  Vaters  befanden.  In  dem  Schreiben  forderte  der  König
seine  Nachfolger  auf,  die  ihm  durch  die  Revolution  von  1848  abgezwungene
  Verfassung  außer  Kraft  zu  setzen  und  die  alte  Regierungsform
  wieder  herzustellen,  da  diese  die  einzige  sei,  mit  der  man
in  Preußen  regieren  könne.

Als  Friedberg  mir  das  Dokument  nach  meiner  Thronbesteigung
überreichte,  war  mir  sofort  klar:  kam  dieses  Blatt  in  die  Hände  eines
unerfahrenen  Thronfolgers,  so  konnte  es  das  größte  Unheil  anrichten.
Ich  zerriß  daher  kurzerhand  den  Brief  und  verbrannte  ihn  in  meinem
Kamin.  Auf  das  Kuvert  schrieb  ich,  mit  meinem  Siegel  und  dem
Datum  des  Tages  darunter:  „Inhalt  gelesen  und  vernichtet.“  Das
Kuvert  ging  in  die  Akten  zurück.

VII.

Nun  kamen  des  schmerzgeprüften  Kaisers  letzte  Leidenstage.

Am  13.  Juni  traf  König  Oskar  von  Schweden  zum  Besuch  bei
meinem  Vater  ein.  Die  beiden  hohen  Herren  waren  seit  langer  Zeit
befreundet,  daher  hatte  der  König  den  Wunsch  ausgesprochen,  meinem
Vater  noch  einmal  die  Hand  zu  drücken.  Mein  Bater  empfing  ihn
sitzend,  ganz  hinfällig,  in  einem  nach  der  Gartenseite  des  Neuen
Palaks  hinaus  liegenden  Zimmer,  er  trug  seinen  alten  Interimsrock,
an  dem  die  oberen  Knöpfe  offen  standen.  Aber  schon  nach  wenigen
Minuten  kam  der  König  zu  mir  auf  die  Terrasse  heraus,  seelisch  so
erschüttert,  daß  er  lange  Zeit  keines  Wortes  fähig  war.  Zu  tief  hatte
ihn  der  herzzerreißende  Anblick  der  einst  so  stolzen  Gestalt  ergriffen.

Am  Morgen  des  folgenden  Tages  meldeten  mir  Dr.  Schrader
und  der  hinzugezogene  Generalarzt  Professor  Bardeleben,  die  Möglichkeit
  der  Ernährung  meines  Baters  sei  abgeschnitten,  da  die  flüssige
Nahrung,  die  er  zu  sich  nehme,  neben  der  Kanüle  wieder  herausliefe,
  das  Innere  des  Halses  sei  völlig  zerstört.  Als  ich  zu  meinem
Vater  gelassen  wurde,  fand  ich  ihn  bereits  in  der  Agonie.  Ich  blieb

359
        <pb n="384" />
        daher  den  Abend  im  Hause  und  schlug  mein  Quartier  in  einem
Gastzimmer  nicht  weit  von  der  Wohnung  meines  Vaters  auf.

Am  frühen  Morgen  des  15.  weckte  mich  meine  Schwester  Biktoria,
  ich  solle  schnell  hinüberkommen,  es  ginge  zu  Ende.  Ich  fand
meinen  Bater  völlig  erschöpft,  von  starken  Hustenanfällen  erschüttert
und  dem  Tode  nahe,  meine  Mutter  und  meine  Geschwister  waren
bereits  um  ihn  versammelt.  Um  dem  Sterbenden  Erleichterung  zu
schaffen,  wurde  er  hoch  aufgerichtet,  so  daß  er  fast  saß.  Bald  nach
meinem  Kommen  schrieb  er  mit  zitternder  Hand,  kaum  leserlich,  auf
einen  Zettel:  Bickoria,  ich  und  die  Kinder?  —:  er  wollte  seiner
Genugtuung  Ausdruck  geben,  daß  alle  seine  Lieben  um  ihn  waren.
Es  waren  seine  letzten  Worte.

Aber  erst  nach  mehreren  Stunden  kam  die  Erlösung.  Noch  einmal
  blickte  er  uns  mit  seinen  gütigen  blauen  Augen  fest  und  liebevoll
  an,  dann  sank  er  langsam  in  die  Kissen  zurück.  Durch  die  geöffneten
  großen  Fenstertüren  schmetterten  die  Stimmen  der  Vögel
herein,  der  berauschende  Duft  der  Blüten  aus  den  von  ihm  mit
unendlicher  Liebe  gepflegten  Gärten  durchwogte  das  Zimmer,  auf
sein  edles,  leidgefurchtes  und  abgemagertes  Antlitz  fielen  die  Strahlen
der  hellen  Zunisonne.

Still  und  ohne  Todeskampf  hauchte  der  Sieger  von  Königgrätz
und  Wörth,  dos  neuen  Deutschen  Reiches  zweiter  Katser,  seine  edle

Seele  aus.
*  *
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        Anhang
        <pb n="386" />
        Ar.  1.
(Zu  Seite  55.)
Prinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.)

Januar  1871.
Lieber  Großpapal

Es  sind  in  dieser  Zeit  so  viele  wunderbare  Dinge  passiert,  und  so  viele
große  Ereignisse  vorgefallen,  daß  ich  meine,  Dir  wohl  einen  Brief  schreiben
zu  dürfen,  besonders  um  Dir  dafür  zu  danken,  daß  Du  so  gnädig  gewesen,
an  mich  zu  denken  und  mir  zu  meinem  Geburtstage  zu  gratulieren.  So  gratuliere
  sch  Dir  denn  auch  von  Herzen  und  mit  Ehrfurcht  dazu,  daß  Du  Deutscher
  Kaiser  geworden  bist,  und  ich  hoffe,  daß  Du  diese  Würde  noch  lange
Jahre  bekleiden  wirst.  Ich  jubelte  vor  Preude,  als  ich  hörte,  daß  es  so  gekommen
  war.  Man  hatte  mir  erzählk,  wie  der  König  von  Bayern  Dir  den
Antrag  gemacht,  wie  die  übrigen  Fürsten  ihm  beigestimmt  hätten,  und  wie
Du  dann  zuletzt  die  Krone  angenommen  hättest.  Es  scheint  nun  ein  großes
Glück,  daß  Du  Deutscher  Kaiser  geworden  bist,  denn  jeßzt  sind  alle  kleinen
deutschen  Fürsten  zu  einem  einzigen  großen  und  mächtigen  Staate  verbunden.
Jetzt  ist  endlich  die  katserlose  Zeit  vorbei  und  das  deutsche  Reich  einig.  —  Du
kannsi  Dir  leicht  denken,  wie  ich  mich  freue,  zu  einem  Geschlecht  zu  gehören,
welches  sich  an  die  Spitze  des  deutschen  Reiches  emporgeschwungen  hat,  und
wie  stolz  ich  bin,  einen  solchen  Bapa  und  einen  solchen  Großpapa  zu  haben.

Lebe  wohl,  lieber  Großpapa,  Goktes  Schutz  möge  wie  bisher  auf  Dir
ruhen,  ich  hoffe,  bald  Dich  ruhmgekrönt  hier  als  Deutschen  Kaiser  begrüßen
zu  können.

Nr.  2.
(Zu  Seite  04.)

Brinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.

[Scheveningen  1874.
Mein  lieber  Großpapal
Da  ich  dachte,  daß  es  Dir  einc  Freude  machen  würde,  wenn  ich  Dir
das  mililkärische  Erlebnis  des  gestrigen  Tages  schilderte,  so  habe  ich  meine
Feder  ergriffen,  um  dasselbe  zu  tun.

5)  Nach  einer  Abschrift  von  der  Hand  Hinzpeters.  Schlußformel  und  Unterschrift
  fehlen.

363
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        Als  wir  nach  glücklicher  Reise  im  Haag  incognito  angelangt  waren  (wir
sind  unter  dem  Namen  der  Grafen  von  Bergh  gereist),  bestiegen  wir  unsere
Wagen,  um  nach  dem  eine  halbe  Stunde  entfernten  Scheveningen  zu  fahren.
Wie  wir  die  dorthin  führende  Straße  an  einem  Kanal  herabfuhren,  erblickten
wir  auf  dessen  anderer  Seite  einen  großen,  von  herrlichen  Bäumen  umsäuumten
  Rasenplatz.  Auf  diesem  Platze,  Malkebaan  genannt,  sahen  wir
Truppen  stehen,  deren  Baradeanzug  in  der  Mittagssonne  glitzerte.  Um  den
höchst  seltenen  Anblick  einer  holländischen  Barade  nur  nicht  zu  verpassen,  läßt
General  von  Gottberg  anhalten.  Wir  springen  heraus,  gehen  über  die  Kanalbrücke
  und  wollen  eben  uns  unter  die  Zuschauer  stellen,  als  wir  plötzlich
Rossegetrampel  hinter  uns  hören.  Wie  wir  uns  umdrehen,  sehen  wir  einen
General  mit  seiner  Suite  die  Straße  daherreiten.  Wir  machen  schnell  Blatz
und  konnten  nun  uns  den  General  genauer  betrachten.  Seine  Uniform  bestand
aus  einem  kurzen,  mit  goldenen  Husaren-Schnüren  verzierten  schwarzen  Rock,
grauen  Beinkleidern,  die  so  weit  geschnitten  waren,  daß  sie  wie  ein  Baar
Säcke  saßen,  und  einer  Husaren-Belzmütze.  Sobald  der  General  —  Michelhof
  war  sein  Name  —  näher  herankam,  erkönte  über  den  Blatz  ein  Signalhorn,
  welches  von  den  Tambours  mit  einem  Wirbel  beantwortek  wurde.
Wir  hatten  nun  Zeit,  die  ganze  Truppenaufstellung  zu  sehen.

Diese  nahm  die  drei  Seiten  eines  offenen  Karrees  ein,  dessen  Sffnung
gegen  uns  gerichtet  war.  Auf  dem  rechten  Flügel,  also  links  von  uns  aus  gesehen,
  standen  4  Bataillone  Infanterte,  2  Bataillone  Garde-Grenadiere  und
2  Bataillone  Jäger,  jedes  Bataillon  zu  5  Kompagnien.  Uns  gegenüber  standen
2  Batterien  6-BRfünder  zu  6  mit  6  Pferden  bespannten  Geschützen,  auf  der
letzten  Seite  4  Schwadronen  Husaren.  Sobald  General  MWichelhof  auf  den
Platz  gekommen,  sprach  er  erst  mit  einigen  Offizieren,  während  die  Truppen
im  Rühren  blieben.  Endlich  ritt  er  auf  die  Infanterte  zu,  um  die  Front
binunter  zu  reiten.  Aun  standen  sie  still  und  faßten  zwar  das  Gewehr  an,
aber  von  Bräsentieren  war  keine  Rede,  das  Musikkorps  der  Grenadiere  spielte
einen  hübschen  Marsch,  das  der  Zäger  blieb  stumm.  Bei  der  Kavallerie  und
Artillerte  standen  die  Schwadron-Chefs  und  Batterte-Kommandeure  ihren
Gronten  gegenüber,  während  der  General  mitten  zwischen  hindurchritt.  Sowie
  er  fertig  war,  sprengte  er  um  den  Flügel  der  Kavallerie  herum  und  besichtigte
  diese  sowie  die  anderen  Truppen  von  hinten.  Je  nachdem  er  vorbei
war,  schwenkte  die  Kavallerke  ab,  was  leidlich  gut  ausstel.  Die  4  Bataillone
marschkerten  nun  mit  Gewehr  über  in  Kolonne  heran,  schwenkten  dann  auf
den  Hacken  und  nahmen  dicht  vor  uns  Aufstellung  so,  daß  sie  nochmals  eine
Schwenkung  zu  machen  hatten,  um  geradeaus  bei  dem  General  vorbeizukommen.
  Wie  sie  herankamen  und  das  Kommando  „Halt“  erfolgte,  wurde
es  einen  Moment  ein  wenig  unordentlich,  denn  einige  Leute  blieben  zu  früh
stehen,  andere  liefen  vor,  und  so  mußten  sie  sich  zuerst  einrichten.  Endlich
kam  das  Kommando  zum  Parademarsch  mit  Gewehr  über.  Die  vereinte

364
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        Musik  der  Grenadiere  und  Zäger  marschierte  voran  und  machte  dem  General
gegenüber  Front,  die  Infanterie  marschierte  in  Kompagniefront  mit  4  Halbzügen
  vorbei.  Die  Schwenkung  ging  so  ziemlich,  aber  das  Antreten  zum
Marsch  war  wieder  recht  unordentlich.  Einige  traten  mit  dem  rechten,  andere
mit  dem  linken  Fuß  an,  die  Leutnants,  die  bei  uns  die  Züge  schließen,  marschierten
  auf  dem  rechten  Flügel  derselben.  Die  Uniform  der  Grenadiere
war:  blaue  Beinkleider,  ein  blauer  Waffenrock  mit  zwei  Knopfreihen,  rotem
Kragen  und  Gardelitzen,  Tschako  mit  weißen,  wollnen  Kordons,  krummem
Seitengewehr,  Hinterladergewehr  mit  Bajonnett,  die  BPatronentasche  hinten,
auf  dem  Tornister  in  Wachsleinewand  der  Mantel  aufgeschnallt.  Nach  den
Grenadieren  kamen  die  Jäger,  dunkelgrün  von  oben  bis  unten,  an  den  Beinkleidern
  eine  gelbe  Biese,  gelbe  Litzen  und  Aufschläge,  ebenso  wie  die  Grenadiere
  bewaffnet.  Die  Offiziere  hatten,  bei  den  Jägern  sowohl  wie  bei  den
Grenadieren,  orange-wollene  Schärpen  und  kleine  Büsche  von  Hahnenfedern
an  den  Tschakos,  und  alle  Mannschaften  weiße  Handschuhe.  Die  Flügelkompagnien
  führten  Kompagniefahnen,  bel  den  Grenadieren  blau  und  rot,
bei  den  Jägern  grün  und  gelb.  Nach  den  Jägern  kamen  die  Husaren,  die
blaue  Attilas  mit  roten  Schnüren  und  Pelzmützen  mit  weißen  Kordons
hatten.  Ihre  Pferde  waren  klein,  aber  kräftig  und  gedrungen.  Während
ihres  und  der  Arkillerte  Borbefmarsch  spielte  die  Musik  der  Grenadiere  und
Jäger  ruhig  weiter,  ihre  acht  Trompeter  leiketen  den  Barademarsch  bloß
ein,  was  einen  sehr  sonderbaren  Eindruck  machte.  Die  Geschütze  der  Artillerie
  sind  kurze  6-Bfünder-Vorderlader,  deren  6  Züge  sich  so  scharf  markierten,
  daß  die  Mündung  nicht  rund,  sondern  wie  ein  Sechseck  aussah.
Die  Geschütze  wurden  von  6  Pferden  gezogen,  die  Mannschaften  auf  den
Handpferden  und  den  Protzen  aufgesessen.  Die  ganze  PBarade  machte  einen
sehr  bunten  Eindruck,  die  Uniformen  erinnerten  mich  lebhaft  an  die  Bilder,
die  ich  von  der  Barade  bei  Kalisch  gesehen  habe.

Ich  muß  jetzt  aufhören,  lieber  Großpapa,  und  mit  meinen  besten  Wünschen
  für  Dein  Wohlsein  bleibe  ich  Dein

treuer  und  gehorsamer  Enkel
Wilhelm.

Nr.  3.
(Zu  Seite  9).)

Glaubensbekenntnis  des  Prinzen  Wilhelm.

Vorgelesen  vor  versammelter  Gemeinde
am  1.  September  1874.

Lob,  Preis  und  Dank  erfüllen  meine  Seele  in  dieser  feierlichen  Stunde
für  alle  Liebe  und  Treue,  für  alle  Gnade  und  Barmherzigkeit,  die  Gott,
mein  himmlischer  Bater,  mir  in  meinem  bisherigen  Leben  hat  zuteil  werden

365
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        lassen.  —  Der  mir  das  Leben  gegeben,  es  mir  erhalten  und  vor  allen  Ge—
fahren  behütet,  wie  reich,  wie  überreich  hat  er  mich  gesegnet  mit  irdischen  und
geistigen  Segnungen,  wie  seine  treue  Liebe  mir  kund  werden  lassen,  wie  vor
allem  darin  seine  Gnade  mir  offenbart,  daß  er  mich  hat  unterweisen  lassen
von  frühester  Jugend  an  in  den  heilsamen  Lehren  seines  Sohnes,  so  daß
ich  nun  diese  feierliche  Stunde,  nach  der  meine  Seele  sich  gesehnt,  begehen
kann,  um  Ihm,  meinem  himmlischen  Bater,  und  Ihm,  dem  Sohne,  meinem
Herrn  und  Helland,  das  Gelübde  der  Treue  darzubringen  und  zu  bestätigen,  daß
ich  in  meinem  Taufbunde  verharren  will  bis  an  mein  Ende.  —  Jal  in  dieser
Stunde  voll  Lob  und  Dank  ist  meine  Seele  zu  heiligen  Gelübden,  brünstigen
Gebeten  bereit!  Und  so  gelobe  ich  denn  vor  Gott,  dem  Allwissenden,  als  der
in  mein  innerstes  Herz  sehen  kann,  und  vor  dieser  ganzen  christlichen  Bersammlung
  Ihm,  den  ich  durch  Jesum  Christum  erkannt  als  den  allmächtigen
und  allweisen  Schöpfer,  Erhalter  und  Regierer  der  Welt,  als  den  heiligen  und
gerechten  Lenker  und  Leiter  der  Geschicke  der  Menschheit  wie  sedes  Einzelnen,
aber  auch  als  den  liebenden,  barmherzigen  und  gnädigen  Bater,  der  uns  in
Christo  zu  seinen  Kindern  annimmt  und  unser  Gebet  hört  und  erhört,  —
Ihm  will  ich  in  kindlichem  Glauben  ergeben  bleiben  mein  Leben  lang,  auf
Ihn  hoffen,  auf  Ihn  vertrauen,  daß  Er  in  allen  schweren  Aufgaben  des  späteren
  Lebens,  sowie  unter  allen  Leiden,  auch  mir  mit  Seiner  Hilfe  und
Seinem  Troste  werde  nahe  sein  —  Ihm  will  ich  wie  heute  so  immer  wieder
danken,  für  Seine  Gnade,  die  Er  mir  in  Christo  hat  offenbar  werden  lassen,
an  welchen  ich  glaube  als  den  eingeborenen  Sohn  Gottes,  meinen  Heiland,
der  mich  von  allen  Sünden  erlöst  und  mir  das  ewige  Leben  erworben  hat
durch  seinen  bittren  Tod  am  Kreuze.  Es  soll  mein  eifrigstes  Bemühen  sein,
mit  Ihm  und  durch  Ihn  mit  Gott  in  steter  Gemeinschaft  zu  bleiben,  die
Kraft  zur  Heiligung  vom  Heiligen  Geist  mir  täglich  zu  erbitten,  und  das  durch
die  Taufe  in  mir  geborene  geistige  Leben  durch  das  Alkar-Sakrament  zu
nähren  und  zu  befestigen,  um  so  zu  immer  klarerer  Erkenntnis  des  göttlichen
Wesens  zu  gelangen,  und  zu  immer  vollkommenerer  Erfüllung  seines  heiligen
Willens  zu  erstarken.  Jal  mein  Glaube  an  Gott  und  meinen  Herrn  und
Heiland  soll  sich  vor  allem  in  der  Erfüllung  der  heiligen  Gebote  betätigen,
vornehmlich  des  Gebotes,  das  Christus  selbst  mich  als  das  größte  hat  kennen
lehren.  —  All  mein  Loben  und  Danken  und  Geloben  gipfelt  heute  in  dem
Gelöbnis:  Ihn,  der  mich  also  gelfebet,  will  ich  wieder  lieben  von  ganzem
Herzen,  von  ganzer  Seele,  von  allen  Kräften  und  von  ganzem  Gemüte,  und
diese  meine  Gottesliebe  soll  sich  bewähren  in  der  Liebe  zum  Nächsten.  —  In
kindlicher  Liebe  will  ich  den  Meinen  ergeben  bleiben,  den  teuren  Großeltern
und  Eltern,  in  freudigem  und  willigem  Gehorsam  ihnen  unterkan  sein  und
ihnen  auf  jede  Weise  wohl  zu  gefallen  suchen.  —  In  treuer  Liebe  will  ich  mit
meinen  Geschwistern  und  Verwandten  verbunden  bleiben,  liebevolle  Teilnahme
  für  ihr  Wohlergehen  soll  steks  mein  Herz  bewegen.  Aber  sodann  soll

360
        <pb n="390" />
        es  auch  mein  eifrigstes  Bemühen  seln,  das  Gebot  der  Gottes-  und  Nächsienliebe
  in  den  weiteren  Kreisen  des  Lebens  zu  erfüllen.  —  Berufen  zu  einem
Bürger  des  Reiches  Gottes  will  ich  dieses  Reich,  das  Reich  der  Liebe,  der
Wahrheit,  der  Heiligkeit,  der  Gerechtigkeit,  der  Freude  und  des  Friedens  aus
allen  Kräften  fördern  helfen,  dazu  auf  alle  leibliche  wie  geistige  Not  meiner
Brüder  mein  Auge  gerichtet  haben,  dazu  wehren  allem  gottwidrigen  Wesen,
allem  Unlauteren  und  Unwahren,  dazu  pflegen  alles  Göttliche  und  sittlich
Gute,  alles,  was  zur  Bildung  des  Geistes  und  Herzens  dienen  kann,  dazu
endlich  fördern  helfen  alle  segensreichen  Institutionen  des  Gemeinwesens,  vornehmlich
  den  Bau  der  christlichen  Kirche.  —  Ich  weiß,  hohe  und  schwere  Aufgaben
  warten  meiner  in  meinem  zukünftigen  Leben,  auch  bin  ich  mir  bewußt,
daß  Gott  einst  Rechenschaft  von  mir  fordern  wird,  ob  und  wie  ich  mefnen
Christenberuf  erfüllt  habe,  doch  der  Gedanke  daran  soll  mich  nicht  mutlos
machen;  wohl  aber  will  ich  ihn  mir  zur  Bewahrung  vor  sedem  Hochmut
dienen  lassen,  vornehmlich  aber  jetzt  zur  ernsten  Mahnung,  treu  und  gewissenbaft
  die  Zeit  meiner  Zugend  zur  Ausbildung  der  mir  von  Gott  verliehenen
Gaben  und  Kräfte  zu  benutzen,  treu  im  Gehorsam  gegen  meine  Lehrer,  immer
gerichtet  den  Blick  auf  Gott  und  Christus.  Seinem  Vorbilde  will  ich  nachfolgen,
  Seiner  Liebe,  Heiligkeit  und  Wahrheit  nachstreben,  und  dazu  den
Vater  bitten  um  Seinen  Heiligen  Geist.  Ja,  das  walte  Gott,  daß  ich  also
wandeln  möge  als  ein  Christ,  und  daß,  so  ich  in  meinen  heiligen  Entschließungen
  sollte  wankend  werden,  die  Erinnerung  an  diese  Stunde  mich  immer
werde  darin  stärken.  Das  walte  Gott,  daß  ich  im  Glauben  an  meinen  Heiland
  und  Erlöser  freudig  von  hinnen  scheiden  könne  in  der  Hoffnung  auf  ein
ewiges  seliges  Leben!  Amen.

Nr.  4.
(Zu  Seite  216.)

Brinz  Wilhelm  an  Kaiserin  Augusta.

Reichenhall  27.  VI.  1886.
Liebe  Großmamal

Endlich  bin  ich  imstande,  im  Gefühl  der  wiederkehrenden  Kraft  und
Gesundheit  Dir,  —  wie  ich  bisher  nur  telegraphisch  gekonnt  —  auch  brieflich
meinen  herzlichsten  Dank  für  Deine  liebende  Sorge  und  Dein  warmes  Mitgefühl
  zu  Füßen  zu  legen.  Es  war  eine  sehr  schwere  Brüfung  für  mich,
weniger  das  Leiden  selbst  als  die  daraus  folgende  gänzliche  Enthaltung  von
aller  leistungsfähigen,  fördernden  Arbeit,  zu  der  mich  mein  eben  erlangter
Posten  berufen.  Doppele  schwer,  da  meine  Passion  für  den  Dienst  so  heiß,
und  da  zugleich  mir  die  Möglichkelt  geraubt  ward,  vor  Großpapa  persönlich
zu  zeigen,  ob  ich  das  mir  anvertraute  Amt  auszufüllen  imstande  sei.  Um  so
mehr  vermißte  ich  diese  Wöglichkeit,  da  es  mir  sehr  viel  darauf  ankam

307
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        zu  beweisen,  daß  ich  etwas  Ordentliches  zu  leisten  imstande  sei.  Ich  habe
die  Heimat,  offen  gestanden,  unzufrieden,  um  nicht  zu  sagen  tief  verletzt
und  gekränkt  verlassen!  Mein  Kampf  gegen  das  Laster,  die  Schwelgerei,
das  Spiel,  Wetten  usw.  bei  unserer  Jugend  ist  von  einzelnen  hochstehenden,
bei  Großpapa  einflußreichen  Herren  mißgünstig  beleuchtet,  ja  sogar  falsch  gedeutet
  worden,  und  hat  man  heimlich  versucht,  mich  bei  Großpapa  anzuschwärzen,
  um  ihn  gegen  mich  einzunehmen  —  unser  gegenseitiges  Verhältnis
hat  schon  manchen  geärgert.  —  Es  scheint  dies  in  Etwas  gelungen  zu  sein,
obgleich  ich  aus  seiner  Güte  gegen  mich  beim  Abschied  zu  sehen  meinte,  daß
es  nur  sehr  gering  gewesen  sein  kann.  Aber  ich  kann  es  doch  nicht  unterlassen,
Dir  dieses  Faktum  zu  erzählen,  um  Dir  zu  zeigen,  wie  schwer  mir  auch  militärisch
  das  Leben  gemacht  wird.  Ich  habe  genugsam  in  das  Tun  und  Treiben
unserer  sog.  „guten  Gesellschaft“,  auch  „QJeunesse  dorée“  geblickt,  um  nicht
Abscheu  und  Ekel  vor  denselben  zu  haben,  weshalb  ich  mir  als  Oberst  und
Leiter  eines  Offizierkorps  vom  ersten  Augenblick  an  zum  Ziel  genommen,
demselben  einen  Geist  der  christlichen  Zucht,  Sittlichkeit  und  Einfachheit  einzuimpfen.
  Aber  durch  die  Maßnahmen  und  das  energische  Auftreten  erregte
  ich  —  neben  dem  mir  von  allen  Teilen  des  Reichs  aus  Armee=  und
Provinzkreisen  zuströmenden  Dank  —  seitens  der  sich  getroffen  fühlenden  Personen
  Arger,  der  sie  veranlaßte,  auf  nicht  offenen  Wegen  durch  oben  angedeutete
  Bersönlichkeiten  gegen  mich  zu  agstieren  und  Großpapa  mit  hinein
und  zwar  gegen  mich  zu  engagieren.  Die  Phasen  des  wechselvollen  Winters
und  Frühjahrs  durchzugehen  ist  hier  nicht  die  Zeit,  —  Tante  Luise  und  Onkel
Fritz  haben  sie  zum  Teil  mit  durchlebt  und  mich  mit  Zuspruch  gestärkt  und
könnten  Dir  viel  sagen  —  doch  gelangen  die  Machinationen  nur  zum  Teil  und
erreichten  nur  das,  daß  mir  der  Kampf  gegen  die  Unlauterkeit  erheblich  erschwert
  wurde,  da  ihm  in  geschickter  Weise  bei  Großpapa  eine  falsche  Deutung
gegeben  lwurdel.  Ich  habe  manche  Kränkung  und  manchen  versteckt  angebrachten
  Stich  ohne  Murren  hinnehmen  müssen  um  der  Sache  willen,  ja
selbst  das  Wohlwollen  und  Einverständnis  wie  die  Billigung  meines  Vaters
dabek  vermochte  mich  nicht  zu  schützen!  Soweit  ist  der  Standpunkt  derer,  die
um  Großpapa  sind,  herabgesunken,  daß  sie  wegen  ihrer  eigenen  persönlichen
Pläne  und  Wünsche  sich  nicht  entblöden,  nicht  nur  gegen  den  eigenen  Enkel,  der
ein  altpreußisches,  echt  christlich  deutsches  Offizierkorps  heranzubilden  bemüht
ist,  zu  intrigieren  und  ihm  Aufenthalk  zu  bereiten,  sondern  sogar  es  wagen,
den  Großpapa  persönlich  gegen  ihn  einzunehmen  durch  Verleumdung!  Es  ist
sehr  schmerzlich,  das  herauszufinden,  für  mich,  von  dem  Du  wohl  die  einzige
bist,  die  weiß,  was  ich  zu  Hause  zu  erdulden  gehabt,  well  ich  fest  und  unerschütterlich
  treu  zu  Großpapa  und  Dir  gestanden,  und  wie  ich  Tag  und  Nacht
sauer  gearbeltet,  seitdem  ich  im  Dienst  bin  (0  Jahre),  um  Großpapa  Freude
zumachen  und  ihm  seine  Wünsche  an  den  Augen  ablesend  womöglich  im  voraus
zu  erfüllen!  Das  ist  die  schwerste  Brüfung!  —

368
        <pb n="392" />
        Uns  geht  es  ganz  gut  hier!  Wir  leben  ganz  still,  noch  unter  dem  Eindruck
  der  furchtbaren  Schicksale  des  armen  verstorbenen  Königs!  Mit  vielen
Wünschen  für  Deine  Besserung  küsse  ich  Deine  Hand  als  2

ein

treugehorsamster  Enkel
Wilhelm.

Nr.  5.
(Zu  Seite  247.)

Brinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.

Berlin,  22.  II.  1888.
Lieber  Großpapal

Mit  untertänigstem  Dank  beeile  ich  mich  Deinen  soeben  erhaltenen  Brief
zu  beantworten.  Bei  dem  Diner  des  Grafen  Herbert  Bismarck  habe  ich  den
Herrn  Herrfurth  gesehn  und  gesprochen.  Ich  kam  dabei  zu  der  Uberzeugung,
daß  derselbe  für  die  —  mir  für  ihn  genannte  Stellung  eines  Ziviladjutanten  —
zu  alt  sei.  Dies  Bedenken  erfuhr  der  Kanzler  durch  Graf  Herbert  und  kam
auf  Gneist  nach  langem  Suchen.  Der  Fürst  teilte  mir  bei  meinem  vorgestrigen
  Besuch  mit,  er  hege  dieselbe  Ansicht  wie  ich  von  Herrfurth  und  habe
daher  die  Stellung  sozusagen  zerlegk.  Eine  Bersönlichkeit  solle  mir  gewissermaßen
  Kolleg  lesen  über  allerhand  Staatsrechtliches,  daß  derselbe  mehr  als
Brofessor  anzusehen  sei,  und  dies  solle  Gneist  sein.  Die  andere  Berson  solle
zu  meiner  Berfügung  und  zu  näherem  Umgang  sein  als  lebendes  Lexikon,
dieselbe  müsse  jüngeren  Alters  sein,  das  sei  H.  v.  Brandenstein.  Letzterer
ist,  soviel  ich  weiß,  der  Sohn  des  verstorbenen  Chefs  des  Ingenieurkorps,
Vorgängers  von  Gen.  v.  Stiehle,  er  #ist  nach  jeder  Richtung  außerordentlich
empfohlen  von  Vorgesetzten  und  Kollegen.  Er  ist  bereits  mit  30  Jahren
Ober-Bräsidialrat!  .

UbeaneisthafmichderFiirstvölligorientiertundauchbetont,wkeer
fetztloyalunddurchunddurchgottvernementalistxwaserineinerenergischen
Rede  zur  Verteidigung  der  Krone  und  ihrer  Rechte  gegen  den  Reichstag  besonders
  bewiesen  hat.  Ich  bin  daher  überzeugt,  wenn  Du  befehlen  wolltest,  daß
der  Fürst  mit  Gneist  persönlich  über  seine  Aufgabe  spricht  und  ihm  einige
Richtungspunkte  angibt,  letzterer  gewiß  nur  so  handeln  und  reden  wird  wie
Du  es  haben  willst.  Denn  Bescheid  weiß  er  bei  uns  wie  in  allen  anderen
Ländern  wie  kein  anderer  und  trägk,  wie  ich  höre,  sehr  gut  vor.  Ich  bin  daher
mit  der  Wahl  der  beiden  Herren  völlig  einverstanden.

Indem  ich  ganz  gehorsamst  dafür  danke,  daß  Du  Dich  so  freundlich  um
meine  Ausbildung  kümmerst,  bleibe  ich  Dein

treugehorsamster  Enkel
Wilhelm.

24  Aus  meinem  Leben  369
        <pb n="393" />
        Nr.  6.
(Zu  Seste  257.)

Prinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.
Cumberland  Lodge,  Windsor  Park,  13.  XI.  1880.

Mein  lieber  Großpapal

Da  ich  glaubte,  daß  es  Dir  vielleicht  Freude  machen  würde,  wenn  ich
Dir  einiges  mitteilte  von  dem,  was  mir  von  militärischen  und  nautischen
Sachen  zu  sehen  gegönnt  war,  so  erlaube  ich  mir,  Dir  zwei  kurze  Berschte
zu  Füßen  zu  legen,  welche  nur  das  erzählen  sollen,  was  ich  gesehen  habe.
Soweit  ein  unerfahrener  junger  Mann  ein  Ulrteil  haben  darf,  habe  ich  mir
ein  solches  erlaubt.

Dein

Dich  innigst  liebender  Enkel
Wilhelm.

Cumberland  Lodge,  den  14.  November  1880.

Bericht
über  den  Besuch  der  Forks  und  Docks  in  Portsmouth  am  12.  November  1880.

1.  Die  Besichtigung  des  „Spitforts“.

Am  12.  November  morgens  fuhr  ich  mit  dem  Prinzen  Eduard  von
Weimar,  Höchstkommandierender  der  Truppen  in  Bortsmouth,  auf  einem
kleinen  Dampfschiff  nach  dem  „Spitfort“  hinaus.  Der  Name  „Spit"“
kommt  von  der  langen  Sandbank,  welche  vom  Lande  sich  schräg  vor  der
Einfahrt  in  den  Hafen  erstreckt,  und  auf  deren  äußerster  Spitze  das  ebengenannte
  Fork  erbaut  ist.  Letzteres  ist  das  kleinste  von  4  Forts,  welche  weit
im  MWeere  liegend,  in  der  Form  eines  unregelmäßigen  Bierecks  den  Raum,
welcher  zwischen  der  Isle  of  Wight  und  Borksmouthsich  erstreckt,  nach  Osten  abschließen.
  Die  ungefähre  Lage  ist  auf  vorstehendem  Blan  angegeben).  Die
Forts  können  sich  von  allen  Seiten  gegenseitig  unterstützen  und  stehen  auf
ihren  Flügeln  mit  sehr  starken  Landbatterien  in  Berbindung.  Das  Fahrwasser
  für  sämtliche  Schiffe,  die  den  Hafen  ansteuern,  führt,  wie  punktiert
ist,  zwischen  den  Gorts  —  also  im  wirksamsten  Kreuzfeuer  —  hindurch  auf
60  Schritt  etwa  am  Spitfort  vorbei.

Das  Spittfortk  ist  wie  die  drei  anderen  rund,  aus  schweren  grauen  Granitquadern
  erbaut,  nach  der  Seeseite  —  nach  Osten  —  ist  es  sedoch  stark  gepanzert.
  Die  Geschütze  stehen  rings  herum  in  einem  bombenfest  kasemattterten
  Raum  von  ziemlicher  Höhe,  der  sehr  hell  und  gut  ventiliert  ist.  Das

*)  Die  beigegebenen  Zeschnungen  sind  hier  fortgelassen.
370
        <pb n="394" />
        Spitfort  führt  16  Geschütze  im  ganzen,  die  sämtlich  Armstrong  Vorlader
sind,  auf  Rahmenlafetten  mit  Glyzerinbremse,  und  feuern  durch  Scharten.
Nach  der  Landseite  feuern  sieben  Nton-Geschütze,  nach  der  Seeseite  neun
38  ton-Geschütze,  letztere  dürften  wohl  unseren  28  cm-Küstengeschützen  ziemlich
entsprechen.  Eines  von  den  letzteren  ließ  ich  mir  vorexerzieren.

Ungefähr  10  Mann  gehörten  zur  Bedienung.  Zunächst  wurde  ein
eisernes  Gestell,  welches  ungefähr  die  Zeichnung  wiedergeben  soll,  quer  vor
den  unteren  Teil  der  Scharte  gehängk,  dieses  sollte  den  Wischer  unterstützen
während  des  Ladens  und  Auswischens.  Sodann  wurde  der  rechts  vom  Geschütz
  an  der  Decke  hängende  27—  30  Fuß  lange  Wischer  herabgeholt  und
zwei  in  der  Scharte  vor  der  Mündung  sitzenden  Leuten  gegeben.  Der  Wischer
hing  nun  einige  Momente  mit  fast  seiner  ganzen  Länge  zur  Scharte  hinaus,
während  er  eingesetzt  ward.  Nun  stießen  die  beiden  in  der  Scharte  sitzenden
Nummern  den  Wischer  in  das  Geschütz,  unterstützt  von  den  links  von  demselben
  stehenden  Mummern,  welche  an  einem  am  Stielende  des  Wischers  befestigten
  starken  Bindfaden  (zuweilen  aus  Draht)  mitzogen.  Nun  ward  der
Wischer  wieder  herausgezogen,  hing  wieder  einige  Sekunden  aus  der  Scharte
über  dem  Gestell  und  ward  dann  hereingeholt.  Hierauf  wurden  zwei  große
Flanellrollen,  welche  die  genaue  Form  der  wirklichen  Bulverladung  hatten,
den  beiden  Nummern  in  der  Scharte  hinaufgegeben,  welche  dieselben  einsetzten.
  Diese  Rollen  wurden  dann  durch  eine  Stange,  die  fast  ebenso  lang
als  der  Wischer  war  und  mit  der  genau  ebenso  wie  mit  ersterem  verfahren
wird,  in  den  (Ladungs-)  Bulverraum  hinuntergeführt.  Ebenso  wurde  das
Geschoß  eingesetzt  und  bis  auf  die  Ladung  geführt.  Die  einzige  Schwierigkeit,
  welche  auch  eine  Stockung  mit  sich  führte,  war  die,  das  Geschoß  bis  vor
die  Mündung  zu  heben.  Es  wurde  auf  einem  kleinen  Karren  herangebracht,
der  ähnlich  der  nebenstehenden  Zeichnung  ist,  in  die  an  demselben  befindlichen
Osen  wurde  ein  Flaschenzug  eingehängt  und  das  Ende  t,  an  dem  gezogen
werden  soll,  in  eine  kleine  Rolle  an  der  linken  vorderen  Ecke  der  Lafette  eingeführt.
  Aber  dieses  ist  gerade  die  Schwierigkett.  Denn,  da  das  schwere
Geschoß  einen  starken  Zug  nach  unten  auf  den  Flaschenzug  ausübt,  so  nimmt
es  die  Kraft  der  sämtlichen  Mummern  der  linken  Seite  des  Geschützes  in
Anspruch,  um  den  Gegendruck  zu  bewerkstelligen,  während  einer  von  ihnen,
so  schnell  es  eben  geht,  das  mittelstarke  Tau  durch  die  Rolle  oder  Haken  zu
scheeren  versucht,  was  ihm  ein  paarmal  mißlang.  Endlich  war  das  Geschoß
in  der  Höhe  der  Mündung  und  wurde  nun  sorgfältig  zwischen  Schartenwand
und  Gese  chützmündung  hindur  chgeführt,  einges  etzt  —  mit  der  Spitze  nach  vorn  —
und  hineingeführt,  bis  es  auf  die  Nollen  hörbar  aufstieß.  Machdem  die  Stange
entfernt  und  die  beiden  Nummern  aus  der  Scharte  wieder  hereingesprungen
waren,  war  das  Laden  beendet.  Aun  bestieg  der  Geschützkommandeur
einen  kleinen  Tritt  hinker  dem  Geschütz  und  nahm  seine  Seitenrichtung,  welche
durch  ein  unter  der  Lafetke  befindliches  Zahnrad,  das  auf  einem  in  den  Boden

24  371
        <pb n="395" />
        gemauerten  halbkreisförmigen  Zahnbogen  lief,  leicht  reguliert  wurde,  indem
an  jeder  Seite  der  Lafette  je  2  Nummern  mit  Kurbeln  arbelteken.  Darauf
stellte  der  Geschützkommandeur  sein  Ziel  fest  ein,  und  so  war  das  Geschütz
zum  Schuß  bereit.  Das  Laden  hatte  3  Minuten  beansprucht,  das  Zielen
und  Einrichten  eine  Minute.  Nachdem  das  Geschütz  schußfertig  gemacht  war,
wurden  von  beiden  Seiten  schwere  Vorhänge  aus  2  Zoll  dickem  Hanftaugeflecht
  vor  die  Scharte  geschoben,  so  daß  nur  noch  die  Mündung  des  ausgerannten
  Geschützes  frei  blieb.  Diese  Vorhänge  heißen  „Wantelets“  und
sollen  das  Hereinziehen  des  Rauches  nach  dem  Schuß  verhindern.  Ausgerannt
  wird  das  Geschütz,  indem  es  hinten  durch  hodraulischen  Druck  etwas
gehoben  wird  und  dann  auf  dem  nach  vorn  geneigten  Rahmen  herabläuft.
Eingerannt  wird  das  Geschütz  durch  den  eigenen  Rücklauf,  der  schon  durch
das  Ansteigen  des  Rahmens,  hauptsächlich  aber  durch  den  Widerstand  des
Glopzerins  in  dem  unter  dem  Geschützrohr  befindlichen  Stempel,  gehemmt
wird.

Das  Entladen  bot  ziemlich  dasselbe  Bild  wie  das  Laden,  nur  daß  die
beiden  Mummern  in  der  Scharte  sich  mit  den  Güßen  gegen  die  Mündung
stemmen  mußten  und  buchstäblich  fast  auf  dem  Rücken  lagen,  um  das  kolossal
schwere  Geschoß  wieder  herauszubekommen.  Ich  stieg  nun  auf  das  Dach.
An  der  inneren  Seite  des  nach  allen  Richtungen  hin  abfallenden,  glacisartig
gewölbten  Daches  lief  ringsherum  in  Brusthöhe  gedeckt  ein  eiserner  Balkon
Auf  diesem  soll  der  Kommandeur  des  Forts  sowie  mehrere  Offiziere  stehen
und  über  die  Brüstung  hinwegschauend  das  Feuer  der  untenstehenden  Geschütze
  leiten.  Zu  diesem  Zweck  sind  an  den  verschiedenen  Hauptstandplätzen
in  der  Mauer  Sprachrohre  angebracht,  welche  direkt  mit  dem  betreffenden
Geschütze  —  resp.  dessen  Kommandeur  —  in  Berbindung  stehen.  Auf  dem
Dache  selbst  sind  in  verschiedener  Olfarbe  gerade  Hinien  gezeichnek,  welche
genau  mit  der  Bisterlinie  des  unten  stehenden  Geschützes  korrespondieren
diese  Linien  sind  genau  auf  die  Hauptzielpunkte  eingestellt,  welche  schon  vorhanden
  sind.  MWebenstehende  Zeichnung  soll  dieses  ungefähr  wiedergeben.

Wenn  man  im  ganzen  noch  einen  Rückblick  auf  die  vorhergegangene
Beschreibung  wirft,  so  wird  man  sich,  glaube  ich,  doch  wohl  sagen,  daß  krotz
aller  Vorteile,  die  das  Borderladerspstem  haben  mag  (für  den,  der  mit  demselben
  aufgewachsen  und  eingeübt  ist),  es  hier  sehr  starke  Schattenseiten  zeigt,
ja  sogar  vielleicht  als  unpraktisch  bezeichnet  werden  muß.  Wenn  z.  B.  im
Moment  des  Ladens,  wo  der  Wischer  so  weit  außen  hängt,  eine  Granate  oder
nur  ein  größeres  Sprengstück  derselben  in  die  Scharte  träfe,  so  würden  nicht
nur  die  beiden  dort  sitzenden  Wummern  getötek,  sondern  aller  Wahrscheinlichkeit
  nach  der  Wischer  auch  zerschmettert  werden,  und  dadurch  der  Gebrauch  des
Geschützes  auf  mehrere  Minuten  unmöglsch  gemacht  werden!  Oder  wenn
im  Moment,  in  dem  das  Geschoß  mit  dem  Flaschenzuge  vor  die  Mündung
gehoben  wird,  ein  Sprengstück  das  eine  Tau  desselben  zerrisse,  so  würde  das

372
        <pb n="396" />
        Geschoß  herabstürzen,  die  beiden  Nummern  zerschmettern  und  —  im  Fall
es  eine  Granate  wäre  —  auf  dem  Boden  explodierend  Tod  und  Verderben
um  sich  verbreiten.

Die  sämtlichen  mich  begleikenden  Artillerieoffiziere,  welche  ich  auf  ihr
Gewissen  hin  fragte,  ob  sie  für  die  Einführung  von  Hinterladern  seien  oder
nicht,  antworteten  mir,  sie  seien  dafür!

Die  anderen  Forts,  welche  um  uns  herum  im  Wasser  lagen,  sind  größer
als  das  Spitfort,  sind  ringsum  gepanzert  und  führen  in  2  Etagen  zwischen
30—90  Geschütze.

2.  Besichtigung  der  „Inflexible'  und  „Dreadnought“.

Vom  Spitfork  aus  fuhren  wir  in  den  Hafen  zurück  und  landeten  an
der  Werft,  an  welcher  für  gewöhnlich  die  indischen  Truppenkransportschiffe
liegen.  Jeczt  war  nur  ein  kleineres  Transportschiff  da,  welches  eben  vom
Kapland  mit  Invaliden  heimkehrend  angelangt  war.  Wir  stiegen  in  einen
Eisenbahnwagen  und  fuhren  rasch,  von  einer  Werftlokomokive  gezogen,  nach
dem  großen  Bassin,  in  welchem  die  „Inflexible“  und  „Dreadnought“,  —
wörtlich  übersetzt:  die  „Unbeugsame"  und  „Furchtlose"  —  fast  ganz  fertig
lagen.  An  Bord  der  „Inflexible“  erwarkete  uns  der  alte  Mr.  Robinson,
der  einen  großen  Teil  der  jetzt  schwimmenden  englischen  Panzerschiffe  erbaut
  hat.

Das  Panzerschiff  „Inflexible  ist  das  augenblicklich  stärkste  Panzerschiff
der  britischen  Flotte,  am  24.  Februar  1874  begonnen,  lief  es  am  26.  April
1876  vom  Stapel.  Seine  Hauptdimensionen  sind  folgende:

Länge  zwischen  Perpendikken  97,74  m
Größte  Breiee.  22,87  „
Verhälknis  der  Länge  zur  Breiie  4:26
Tiefe  im  RKame  7.45  „
Tiefgang  vorne  0D.14,
Tiefgang  achten:::  7,75,
Deplacement..  ...  .11406t
Eingebauchte  Fläche  des  Hauptspantes  .  156,40  am

Man  kann  dieses  Schiff  das  erste  der  sogenannten  „Zitadellschiffe'  nennen,
d.  h.  ein  Schiffskörper,  der  bis  auf  1,96  m  vollkommen  unter  Wasser  schwimmt,
hat  oben  ein  gewölbtes,  gepanzerkes,  gegen  schräg  auftreffende  Schüsse  geschütztes
  Deck.  Unten  befinden  sich  sämtliche  Kessel,  Steuerapparate  und
Maschinen,  deren  das  Schiff  40  aufweist,  darunter  2  elektrische.  Oben  auf
der  Mitte  des  Decks  in  dieser  Citadelle  stehen  die  beiden  Türme,  der  vordere
auf  Backbord  (links),  der  hintere  auf  Steuerbord  (rechts),  nicht  in  der  Kiellinte
  wie  sonst  bei  den  gewöhnlichen  Turmschiffen.  Nebenstehende  Zeichnung
gibe  die  Seitenansicht.  Die  Panzerwand  der  Citadelle  besteht  aus:

373
        <pb n="397" />
        1.  Einer  Panzerplattee...  .  .  .  .  305  mm
2.  Teakholzunterlage  ..  275,
3.  Einer  Banzerplatte  307  „
4.  Teakholzunterlges  132  „
J.  Je  2  Eisenblechen  do  .  se  25  „

Vor  und  achter  (hinter)  der  Zitadelle  sind  2  Deckhäuser,  die  sehr  hoch,
hell  und  gut  ventiliert  sind,  in  diesen  sind  die  Offiziere  und  Mannschaften
untergebracht.  Sie  sind  an  den  beiden  Seiten  eingezogen,  um  das  Schußfeld
  der  Türme  nach  vorn  so  viel  als  möglich  frei  zu  machen.  Von  diesen
beiden  Deckhäusern  erheben  sich  die  beiden  großen  Masten  mit  voller  Takelage,
welche  jedoch  direkt  nicht  nötig  sind,  für  die  Bewegung  des  Schiffes  und  für
die  Schnelligkeit  im  „Klarschiff  zum  Gefecht"  nur  beeinträchtigend  wirken,
da  sie  vollkommen  abgetakelt  werden  müssen.  Der  Admfral  Foley  gab  mir
auf  meine  diesbezügliche  Frage  zur  Ankwort,  die  Masten  seien  vollständig
überflüssig  für  ein  solches  Schiff,  man  habe  sie  mehr  zur  Ubung  für  die
Matkrosen,  welche  die  Besatzung  ausmachen  sollen,  eingesetzt,  aber  er,  sowie
die  Mehrzahl  der  Marsneoffiziere,  sei  dagegen  gewesen.

In  jedem  Turm  führt  die  „Inflexible"  se  zwei  81  ton-Geschütze  (16-Zöller),
die  parallel  nebeneinanderstehen.  Der  Durchmesser  der  Türme  (der  innere)
beträgt  8,53m,  der  äußere  10,71  m.  Der  untere  Rand  der  Geschützpforten
liegt  3,666  m  über  der  Lade=  und  3,36  m  über  der  Wasserlinie  (Gefechtswasserlinie),
  die  Rohrachsen  der  Geschütze  4,41  m  über  der  Ladewasserlinie.
  Die  Geschütze  sind  ebenfalls  Armstrong  Vorderlader  und  stehen  auf
einem  Schlitten,  der  seinerseits  wieder  auf  einem  großen  Hebel  ruht.  Dieser
sowohl  als  wie  die  Schildzapfen  der  Geschütze  stehen  mit  hpdraulischen  Maschinen
  in  Berbindung.  Sowie  der  Schuß  (aus  bellebiger  Elevation)  abgefeuert
  worden  ist,  so  rollt  das  Geschütz  auf  dem  Schlitten  zurück,  der  durch
den  Hebel  unter  demselben  herabgezogen  wird,  und  nimmt  sogleich  den  zum
Laden  nötigen  Depressionswinkel  an  (119),  welcher  der  Ladestellung  entspricht,
d.  h.  die  Mündung  senkt  sich  um  11°  nach  unten  vor  ein  ihr  genau  entsprechendes,
  gleichfalls  mit  Zügen  versehenes  Loch,  welches  in  das  Deck  gearbestek
  ist.  Mebenstehende  Zeichnung  soll  dieses  erläutern.  Sodann  wird
ein  in  der  Decke  des  unteren  Hauptdecks  ruhender  Wischer  hodraulisch  von
unten  in  das  im  Ladeloch  ruhende  Geschütz  hinaufgeführt.  Vermittelst  eines
sehr  einfachen  Handhebels  regiert  der  Lader  den  hodraulischen  Wischer  und
bewegt  denselben  mehrere  Male  im  Rohre  auf  und  nieder.  Da  der  Wischer
bohl  ist,  so  hat  man  ihn  gleich  zum  Auswaschen  des  Geschützes  gebraucht.
Vorn  am  Wischer  ist  eine  Metallscheibe  angebracht,  an  welcher  sich  ein  Dorn
befindet,  sowie  der  Kopf  des  Wischers  —  der  sich  dreht  —  in  die  Mündung
kommt,  wird  durch  die  Berührung  derselben  der  Dorn  beiselte  geschoben,
und  eln  Wasserstrahl  von  ziemlich  bedeutender  Stärke  schießt  dem  Wischer

374
        <pb n="398" />
        voran  in  das  Rohr,  und  hört  erst  dann  auf,  wenn  der  Wischer  ganz  wleder
herausgezogen  und  der  Dorn  wieder  vorgeschoben  ist.  Allerdings  hat  diese
sehr  einfache  und  ingenieuse  Erfindung  auch  ihren  Nachteil.  Sobald  nämlich
der  Wischer  zurückgezogen  wird,  ergießt  sich  das  ganze  Wasser,  welches  in
das  Rohr  gespritzt  worden  ist,  auf  die  unten  Stehenden  oder  wenigstens  um
sie  herum,  so  daß  ein  lang  andauerndes  Gefecht  den  Ladern  auf  die  Dauer
einen  etwas  nassen  Aufenthalt  bereiten  dürfte.  Erwähnt  man  nun,  daß  4  Geschütze
  im  ganzen  fortwährend  arbeiten,  so  würde  wohl  auf  die  Länge  die  Atmosphäre
  sehr  feucht  werden  im  unteren  Deck  von  den  fortdauernd  herabfließenden
  Kaskaden.  Dann  macht  sich  noch  eine  Frage  geltend,  welche
Admtral  Foley  auch  aufwarf.  Wird  niche  durch  das  ofte  Auswaschen  der
Lauf,  das  Rohr  des  Geschützes  so  glate  werden,  daß  bei  der  nötigen  Depreisto
  uor  Gaiossaz  Geschoß  aunen  keinen  Halt  hat  und,  sowie  der  Wischer
eraus  ist,  wieder  hinausgleite  8  ist  dies  eine  «
Zukunft  erst  lösen  kann.  st  dies  eine  ernste  Frage,  welche  die

Sobald  das  Geschütz  geladen  ist,  hebt  sich  das  Rohr  hydraulisch  wieder,
erhält  seine  Elevation  und  wird  durch  hydraulischen  Druck  wieder  ausgerannt,
indem  der  Hebel  von  unten  den  auf  ihm  ruhenden  Schlitten  hebt  und  so  das
Geschütz  nach  vorne  rollt.  Die  4  Geschütze  des  Schiffes  können  in  jede
Richtung  des  Horizontes  feuern  mit  Ausnahme  von  achtern,  dahin  können
immer  nur  2  Geschütze  zugleich  feuern.

Von  der  „Inflexible“  gingen  wir  an  Bord  der  „Dreadnought“,  welche
so  ziemlich  dasselbe  Schiff  ist  oder  besser  gesagt,  zwischen  der  „Devastation“=Klasse
  und  der  „Inflexible"  steht.  Es  ist  in  den  Dimensionen  kleiner  und
führt  nur  je  zwei  38  ton-Geschütze  in  jedem  Turm.  Sonst  aber  sind  die
Einrichtungen  auf  ihr  dieselben  wie  auf  der  „Inflexible“.  Die  Türme  werden
gleichfalls  mit  Dampf  gedreht,  und  stehen  die  Geschütze  in  ihnen  jedes  auf
seinem  Schlitten  für  sich.  Beide  Schiffe  führen  Fischtorpedos  und  können
dieselben  zur  Seite  hinausfeuern,  unter  Wasser  und  auch  über  Wasser.
Die  „Dreadnought"“  machte  im  ganzen  einen  freundlicheren,  behaglicheren
Eindruck  wie  die  „Inflexible“  besonders  waren  die  Wohnräume  der  Offiziere
  und  des  Admirals  sehr  hoch,  bell,  groß  und  freundlich.  Die  „Dreadnought"
  ist  vollkommen  „seeklar“  und  wird  wohl  in  kurzer  Zeit  eine  Fahrt
unternehmen.  Wir  fuhren  nun  noch  zu  den  neuen  großen  Bassins  hin,
welche  durch  Sträflinge  ausgegraben  werden  und  von  ungeheuren  Dimensionen
  sind.  In  7—8  Jahren  rechnek  man  darauf,  daß  sie  vollendet  sein

werden.  —.

Werfen  wir  noch  einmal  einen  Blick  auf  die  vorhergegangenen  Seiten  und
besonders  auf  das  artilleristische  Element,  so  werden  wir,  meine  ich,  finden,
daß  das  Vorderlader-System  eine  große  Menge  sehr  komplizierter  —  wenn
auch  sehr  hübscher  —  Maschinen  erfordert,  welche  wiederum  viel  Platz  be-373
        <pb n="399" />
        anspruchen.  Diese  fallen  natürlich  bei  dem  Hinterladersystem  ganz  fort,  und
wird  der  Platz  zu  anderen  Zwecken  benutzt.  Daß  das  letztere  System  eingeführt
  werden  muß,  darüber  scheinen  Armee  und  Marine  vollkommen  einig
zu  sein.  Freilich  bedingt  die  Einführung  der  Hinterlader  eine  kotale  Umänderung
  aller  bestehenden  Elemente  sowohl  im  Personal,  als  auch  im  Makerial,
  und  wird  dieses  eine  Niesenaufgabe  sein,  deren  Verwirklschung  in  der
Zukunft  liegt  und  deren  Ausführung  viele  Jahre  dauern  wird.

Wilhelm  Prinz  von  Preußen.
An  Seine  Majestät  den  Kaiser  und  König.

Nr.  7.
Gu  Sekite  209.)

Brinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.

Vertraulich.  Winkerpalais  18.  V.  1884.
Bericht.  .

Uber  den  Empfang  und  die  Zeremonie  der  Eidesleistung  des  Großfürsten-Thronfolgers.


Nach  einer  nur  durch  das  Umsteigen  in  Wirballen  und  eine  dortselbst
aufgestellte  Ehrenwache  der  5.  Dragoner  (Regiment  Courland)  unterbrochenen
Reise  langte  ich  am  17.  um  6  Uhr  nachmittags  in  Petersburg  an.  Auf  dem
Bahnhof  waren  alle  Großfürsten,  jung  und  alt,  im  Paradeanzug  erschienen,
solche,  die  preußische  Uniformen  hatten,  in  denselben.  Ich  ward  äußerst  warm
und  herzlich  empfangen  und  bewillkommnet.  Eine  Ehrenwache  vom  Ssémẽnov-Leibgarderegiment
  machte  recht  strammen,  guten  Eindruck.  Die
Gesichter  der  Leute  waren  auffallend  hübsch,  da  dieselben  lediglich  für  das
Regiment  nach  dem  schönen  Aussehen  ausgesucht  werden.  Ich  fuhr  mit  dem
Großfürsten  Wladimir  nach  dem  Winterpalais,  wo  mich  Seine  Majestät  in
ungemein  liebenswürdiger  Weise  begrüßte,  er  trug  die  Uniform  des  Kaiser
Alexander-Regiments.  Ich  übergab  Sr.  Majestät  Deinen  Brief,  und  ging
letzterer  nach  kurzem  Gespräch,  in  welchem  er  sich  anhaltend  nach  Dir  erkundigte,
  in  sein  Balais  zurück,  wohin  ich  ihm  mit  dem  Großfürsten  Sergius
bald  zum  Familiendiner  folgte.  Dort  war  die  gesamte  kalserliche  Familie
versammelt.  Ihre  Mafestät  die  Katserin  sah  entzückend  aus  und  war  von
herzlicher,  gewinnender  Güte  für  mich,  die  mich  fast  beschämte,  desgleichen
auch  die  anderen.  Das  Diner  war  sehr  heiter  und  ungezwungen,  und  kanzte
nach  demselben  die  Jugend  untereinander  sowie  auch  die  Kaiserin  mit  dem
kleinen  Thronfolger.  Derselbe  ist  zwar  klein  für  sein  Alter,  sedoch  aufgeweckt,
frisch  und  entschlossen  und  hat  von  beiden  Eltern  viel  im  Gesicht

376
        <pb n="400" />
        Heute  morgen  fuhr  ich  in  die  Festung  zum  Grabe  des  seligen  Kaisers  und
glaubte  Deinen  Intentionen  nachzukommen,  indem  ich  auf  seinen  Sarkophag
einen  Kranz  niederlegte.  Ich  muß  gestehen,  daß  mich  ein  Gefühl  der  Wehmut
momentan  beschlich,  als  ich  an  der  Grabstätte  des  stets  für  uns  freundschafelich
  gesinnten  und  so  liebenswürdigen  Monarchen  stand!  —  Nach  Abmachen
der  verschiedenen  Bisiken  begab  ich  mich  in  der  preußischen  Gala  in  die  Gemächer
  hinauf,  in  denen  Du  zuletzt  gewohnt,  an  der  Ecke  nach  der  Newa
hinaus  —  welche  gerade  über  den  meinigen  liegen  —  und  übergab  dann  die
Ordensinsignien  sowie  Dein  Allerhöchstes  Schreiben  in  Anwesenheit  Sr.
Majestät  des  Kaisers  und  der  Familie.  Hierauf  befahl  der  Katser  mir,  ihn
zu  begleiten,  und  schritt  derselbe  alle  in  den  verschiedenen  Sälen  aufgestellten
Truppendeputationen  ab.  Dieselben  machten  einen  ausgezeichneten  Eindruck,
und  konnte  man  sich  dem  Gedanken  nicht  verschließen,  daß  in  der  Menge  die
russische  Uniform  doch  ganz  gut  aussieht.  Am  meisten  heimelte  mich  das

egiment  Bavlowsk  an  mit  den  Grenadiermützen.  Von  jedem  Garderegiment
  und  den  in  der  Stade  stehenden  Linienregimentern  waren  2  Züge
mit  der  Fahne  erschienen.  Schon  am  Morgen  war  ich  verschtedenen  Abteilungen
  in  den  Straßen  begegnet,  die  Fahnen  nach  dem  Winterpalais
brachten.  Die  Truppen  hatten  graue  Mäntel,  Lederzeug  —  eine  unlackierte
Tasche  an  der  rechten  Seite  —  und  über  denselben  ein  in  Kreuzform  übereinander
  geschlagenes  Baschlik.  Haltung  und  Griffe  auf  der  Straße  waren
ebenso  schlapp  und  bummelig  als  stramm  und  gut  in  den  Sälen,  wo  die
ruppen  ohne  Mantel  standen.  Ganz  süperbe  sahen  die  Deputationen  der
Chevaliers  Garde  und  Garde  à  cheval  aus.  Die  Leute  wie  aus  dem  Ei
gepellt  und  schlank  und  gerade  wie  die  Lichter.  Sehr  kühn  und  ansprechend
machten  sich  auch  die  Matrosenabkeilungen,  welche  zur  Auszeichnung  für  den
Krieg  das  Georgenband  um  die  Mütze  tragen.  Nachdem  die  Aufstellung  der
Truppen  besichtigt  war,  kehrken  wir  in  die  Versammlungszimmer  zurück,  und
hatte  ich  einen  Augenblick  Zeit,  mich  schnell  in  die  russische  Uniform  lzu
werfenl.  Als  ich  wieder  erschien,  keilte  mir  Se.  Majestät  der  Kaiser  in  den
liebenswürdigsten  Ausdrücken  mit,  daß  er,  erfreut  durch  meine  Anwesenheit
und  durch  Deine  Attention,  mich  zum  Chef  des  ersten  Regimenks  der  22.  Division,
  Wiborg  No.  85,  gemacht  und  dies  im  Tagesbefehl  an  die  Truppen  verkündigt
  sei.  Man  rangierte  sich  nun  zum  Zuge,  wobei  mir  die  Ehre  zuteil
ward,  J.  Majestät  die  Königin  von  Griechenland  zu  führen.  Wir  gingen
durch  alle  Säle  durch,  während  die  Musikkorps  die  Nationalhymne  anstimmten,
  nach  der  Schloßkapelle,  woselbst  die  kirchliche  Feier  stattfand.
Nach  einem  längeren,  schönen  Gottesdienst  trat  der  kleine  Thronfolger
vor  und  verlas  mie  lauter,  fester,  energischer  Stimme  den  Eid.  Die  Majestäten
und  wir  alle  waren  kief  ergriffen,  und  liefen  dem  Kaiser  die  hellen  Tränen
während  der  Zeit  hinab.  Nach  dem  Schlußgesang  ging  der  Zug  in  einen  anderen
  Saal,  wo  die  Fahnen  alle  versammelk  waren.  Nachdem  Ihre  Wajestät

377
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        mit  den  Großfürstinnen  die  Thronstufen  erstiegen  und  sich  aufgestellt  hatte,
trat  der  Standartenträger  der  Kosaken  vor,  und  an  einem  kleinen  Altar  schwor
der  Thronfolger  den  Fahneneid.  Nach  beendigter  Feier  stimmten  die  zunächststehenden
  Musikkorps  den  Marsch  der  Fahnen  an  —  derselbe,  der  für  das
Erste  Garderegiment  Bräsenciermarsch  ist  —  und  marschierten  die  Fahnen
bei  uns  vorbei  zu  den  Deputationen  zurück,  sodann  ging  der  Zug  in  die
Gemächer  zurück,  wo  wir  bald  auseinander  gingen.  »

Um  noch  einige  Notizen  hinzuzufügen,  so  will  ich  zuerst  erwähnen,  daß
Deine  Idee,  mich  hierher  zu  senden,  von  allen  mit  der  größten,  ungeschmink—
testen  Freude  begrüßt  worden  ist,  der  mein  Empfang  vollkommen  entsprach.
Auch  im  Publikum  scheint  man  sehr  zufrieden  zu  sein.  Die  Familie,  besonders
  die  Mazestäten,  sind  sehr  belkebt.  Mit  dem  Kaiser  allein  habe  ich  noch
nicht  sprechen  können,  mit  Herrn  v.  Giers  werde  ich  heute  sprechen  und  mich
Deiner  Aufträge  entledigen.  Das  Demeni  über  die  bulgarische  Sache  in
der  Norddeutschen  Allgemeinen  scheint  hier  sehr  beruhigend  zu  wirken,  da
man  nicht  ganz  klar  sah,  was  daraus  werden  würde.

Wilhelm  Prinz  von  Preußen.

Nr.  8.
(Zu  Seite  200.)

Prinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.
Winterpalais  10.  V.  1884.

Bericht
über  die  heute  Morgen  stattgehabte
Konversation  mit  Sr.  Mazestät  dem  Kalser.

Als  ich  heute  Bormittag  zu  Sr.  Majestät  fuhr,  um  mich  in  meiner  neuen
Uniform  als  Chef  des  Regiments  Wiborg  No.  87  zu  melden,  empfing  er
mich  äußerst  gnädig,  und  äußerke  in  direkt  den  Wunsch,  ich  möchte  doch
Moskau  nicht  versäumen.  Da  ich  gehört  hatte,  daß  im  Publikum  hier  darauf
ein  großer  Wert  gelegt  werde  und  wußte,  daß  Se.  Majestät  der  Kaiser  es
gern  sah,  so  glaubte  ich  nach  Deinen  Intentionen  zu  handeln,  wenn  ich  diesen
Wunsch  erfüllte.  Um  so  mehr  als  derselbe  sich  innerhalb  des  von  Dir  gegebenen
Rahmens  erfüllen  läßt.  Ich  werde,  wenn  alles  gut  abläufe  und  wenn  Gott
hilft,  am  28.  mich  bei  Dir  melden  können.  Ich  fand  nun  bald  eine  Gelegenheit,
um  Deinem  Wunsch  gemäß  den  Keiser  über  die  bulgarische  Angelegenheit
zu  beruhigen,  und  ging  derselbe  ganz  frel  und  offen  darauf  ein.  Ich  habe
ihm  im  ganzen  gesagt,  was  ungefähr  daran  wäre,  und  welche  Position  Du
von  Anfang  wie  auch  der  Fürst-Reichskanzler  dazu  genommen  und  danach
gehandelk  hättest.  Daß  selbstverständlich  niemals  von  mariage  die  Rede  sein
könne,  und  dem  Resche  nichts  an  dem  Fürsten  und  seinem  Lande  gelegen  sel-Sekret!



378
        <pb n="402" />
        jedenfalls  nicht  soviel,  als  daß  Du  Dich  in  Deinen  freundschaftlichen  Bezlehungen
  zum  russtschen  Kaiser  und  seinem  Haus  durch  den  Bulgaren  stören
ließest.  Es  schien  diese  Außerung  dem  Kaiser  eine  große,  sichtliche  Beruhigung
  zu  gewähren,  da  er  ordentlich  aufatmete.  Er  erwähnte  mit  einem  Tone
elnes  schwer  getäuschten  und  enttäuschten  Freundes,  daß  er  sich  im  Fürsten
von  Bulgarien  ganz  verrechnet  habe,  derselbe  habe  eine  Zeitlang  sich  sehr
nett  und  vernünftig  gestellt,  dann  habe  er  aber  andere  Saiten  aufgezogen,
und  habe  sich  schließlich  so  gegen  ihn  benommen,  daß  alles  eben  aufhörte.
Er  habe  sehr  viel  Ungelegenheiten  über  die  russische  Regierung  gebracht  und
sehr  viel  von  ihrem  Geld  ausgegeben.  Dabei  sei  er  sehr  undankbar  gegen
ihn  gewesen  und  habe  sich  auf  verschiedenen  Unwahrheiten  ertappen  lassen.
Er  sei  zu  der  Uberzeugung  gelangt,  daß  er  nicht  gut  tue  und  schloß  mit  den
Worten:  J/6e  crois  qu’il  ne  restera  plus  tres  longtemps  la  bas.“  Worauf
ich  mir  erlaubte  zu  erwidern,  daß  das  vielleicht  kein  so  furchtbares  Unheil
wäre.  Se.  Majestäl  dankte  herzlichst,  daß  ich  so  offen  mit  ihm  geredet,  bat
mich,  Dir  speziell  zu  danken,  daß  Du  so  gnädig  daran  gedacht  habest,  ihn
orientieren  zu  lassen,  was  er  als  neues  Zeichen  für  Deine  freundschaftlichen
Gesinnungen  ansehe  und  ihm  doppelt  wert  sei,  und  befahl  mir  von  jetzt  ab

auf  Du  mit  ihm  zu  stehn.
Wilhelm  Prinz  von  Preußen.

Nr.  0.
(Zu  Seite  209.)

Brinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.

Sekret.  Winterpalais  21.  V.  1884.
Bericht

über  die  Besichtigung  von  Kronstadt.

Gestern  Morgen  um  9  Uhr  fuhren  wir  auf  einer  reizenden,  in  England
gebauten  Bacht  „Strelna“"  unker  Führung  des  Großadmirals  Großfürsten
Alexei  nach  Kronstadt.  Das  Wetter  war  überaus  günstig,  windstill,  und  die
Sonne  schien  warm.  Kurz  vor  Kronstade  kam  uns  der  Kommandangt  des
Blatzes  und  aller  Schiffe  Admiral  Schwartz  entgegen.  Wir  liefen  erst  außerhalb
  der  noch  zum  Teil  aus  Holz  —  das  ganz  verfault  ist  —  bestehenden  Schutzmauer
  entlang.  Am  Eingang  in  den  eigentlichen  Hafen  angelangt,  stiegen
wir  in  eine  allerliebste,G  sehr  gut  gehaltene  Dampfbarkasse  mit  verdeckter  Kajüte,
welche  gleichfalls  dem  Großadmiral  gehörte.  Wir  führen  längs  der  Innenseite
  der  hier  schon  aus  Steinquadern  bestehenden  Hafenmauer,  bei  dem
Panzerschiff  „Großadmiral',  Turmschiff  „Peter  der  Große"  vorbet  zum

„Wladimir  Monomach“.  Ein  Kreuzer,  für  die  hohe  See  be-Banzerscht


stimmt,  trägt  sie  ihre  Batterie  wie  eine  Glattdeckskorvette  auf  dem  Oberdeck,
und  zwar  waren  die  Geschüge  wie  folgt  verteilt:

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        a)  Große  Heckkajüte  des  Admirals  zwei  lange  (20  Kaliber  lange)  15  em—
Geschütze  zum  Heckfeuer  achteraus.

b)  Diche  vor  dem  Eingang  unter  die  Kampagne  in  ausgebauten  lebenfalls
  zum  Feuer  nach  Achtern]  Halbtürmen  2  kurze  17  cm-Geschütze.

c)  In  Bakterie  8  (20  Kallber  lange)  17  cm-Geschütze.

d)  In  ausgebauten  Halbtürmen  zwischen  Batterie  und  Back,  2  kurze

17  cm-Geschütze  zum  Jagd=  und  Bugfeuer  voraus.
e)  Ganz  vorn  unter  der  Back  2  (20  Kaliber  lange)  15  cm-Geschütze

zum  Bungfeuer.

Summa  16  Geschügze,  davon  4  zum  Heck  und  4  zum  Bugfeuer  zu  verwenden.
  Die  20  Kaliber  langen  17  Cm-Geschütze  haben  sich  ganz  vorzüglich
bewährt  und  besonders  auf  2000—3000  Meter  vortreffliche  Schießresultate
  geliefert,  so  daß  man  jetzt  dabei  ist,  die  kurzen  17  cm-Geschütze  ebenfalls
auf  20  Kaliber  Länge  zu  bringen.  Die  Räume  im  Schiff  waren  sehr  hoch
und  luftig.  Besonders  die  große  Offiziersmesse,  welche  gerade  im  Heck  unter
der  Admiralskafüte  den  gesamten  Raum  einnimmt,  ist  so  hoch,  daß  man  mit
Helm  und  Busch  auf  dem  Kopf  bequem  darin  umhergehn  könnte,  ohne  anzustoßen.
  Born  ist  das  Schiff  für  Torpedofeuer  etwa  4  Fuß  über  Wasserlinie
eingerichtet.  Es  soll  im  ganzen  36  Offiziere  bekommen  und  in  der  nächsten
Zeft  abgehn.

Wir  fuhren  nun  zum  „Beker  dem  Großen“,  der  derselbe  Typus  ist  wie
die  „Devastation“  die  ich  Dir  zu  beschreiben  in  meinem  Bericht  im  Jahre
1880  aus  England  mir  erlaubte.  Von  dort  fuhren  wir  im  Kriegshafen  umher,
  sahen  Monitors  mit  ein  und  zwei  Türmen  in  Reihen  liegen.  Panzerkanonenboote,
  für  ein  schweres  Geschütz,  ähnlich  wie  die  „Wespe“-Klasse  bei
uns,  nur  größer,  viel  breiter  und  darum  auch  wohl  etwas  seetüchtiger.  Alle
lagen  in  der  ersten  Reserve.  Außerdem  wurden  noch  verschiedene  Kreuzer
und  Avisos  für  das  Wittelmeer  und  den  Stillen  Ozean  in  Dienst  gestellt,
mit  einzelnen  Artillerte-,  Unteroffizier=  und  Schiffsjungenschiffen.

Der  Handelshafen  war  von  großen  Dampfern  vollgepfropft,  die  alle
mit  Aus=  oder  Einladen  beschäftigt  ein  reges  Bild  der  Tätigkeit  gaben.  Wir
landeten,  bestiegen  die  bereitstehenden  Wagen  und  fuhren  bei  den  Kasernen
der  „Equipages“  —  bei  uns  wohl  den  Divisionen  entsprechend  —  vorbei.
Es  sind  deren  6  da  zu  je  1700  Mann.  Wir  sahen  das  große  Dock,  welches
Peter  der  Große  angelegk,  große  Magazine  zur  Ausrüstung.  Sodann  das
Klubhaus  des  Marine-Offizierkorps  und  der  Garnison  mit  einem  enormen,
sehr  schönen  Tanzsaal.  Die  Torpedoschule,  wo  sie  augenbllcklich  eine  Flüssigkeit
(braunrote  Farbe)  entdeckt  zu  haben  scheinen,  deren  geringe  Quantitätchen
eine  100  mal  stärkere  Explosivkraft  haben  sollen  als  das  Dynamit  (17),  was
uns  an  dem  Aussehen  eines  Eisenstöpsels,  der  ganz  wie  ein  Pilz  oben  auseinandergeborsten
  war,  gezelgt  wurde.  Dann  sahen  wir  das  sehr  große  Arsenal,

380
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        welches  Waffen  und  Geschosse  der  ältesten  und  neuesten  Konstruktion  enthielt.
Gewöhnliche  Hotchkiß,  einläufige  Hotchkiß,  Nordenfeldt-Mitrailleusen,  Geschüge
  schweren  und  leichten  Kalibers,  Massen  von  Geschossen,  meist  mit  Bleimänteln,
  nur  sehr  wenige  mit  Kupferführung  (Langgranaten).  Besonders
die  Langgranaten  der  Bootsgeschütze  haiten  3  Kupferringe.  Dann  gingen
wir  durch  die  verschiedenen  Reparaturwerkstätten  und  Gießereien  durch  und
fuhren  dann  mit  der  Pinasse  wieder  an  Bord  der  „Strelna'  bei  mehreren
allerliebsten  Kaiserl.  Bachts  vorbei.  Alle  wurden  jedoch  durch  die  schöne
große  Kaiserliche  Bacht  „Dirschawa“  überragt,  welche  Du  schon  von  der
Zusammenkunft  in  Danzig  her  kennst.  Wir  liefen  aus  dem  Kriegshafen
heraus  und  nahmen  den  Kurs  nach  der  Außen-Reede  vor  Kronstadt.  Wir
passterten  viele  große  Handelsdampfer,  die  vor  Anker  lagen  und  den  Momene
abwarketen,  wo  eine  Stelle  im  Hafen  für  sie  frei  werden  würde.  Darauf
liefen  wir  zwischen  2  alten  Skeinforts  —  aus  Granikquadern  gebaut  —  durch,
deren  Geschütze  aus  6  Reihen  von  Scharten  übereinander  feuern.  Diese
Forts  liegen  sedoch  von  vorn  genommen  in  der  2.  Linie  echeloniert  auf  die
neuen  Forks  der  1.  Linie.  Letztere  sind  etwa  800  —1000  Meter  weiker
vorgelegt  und  sind  aus  Granktquadern  mit  starker  Erdrevetierung.  Dieselben
sind  mit  vielen  Geschützen  schwersten  Kalibers  und  mit  einer  großen  Anzahl
Mörsern  armlert.  Sie  haben  auch  gepanzerte  Deckungen,  so  z.  B.  das
Fort  Milutin  5  BPanzertürme  mit  Geschützen  darin.  Jedes  der  neuen  Forts
hat  außerdem  einen  Hafen  für  sich,  in  welchen  sich  die  Monitors,  Banzerkanonenboote
  etc.  nach  Belleben  zurückziehen  können,  sobald  der  Gegner  ihnen
Schaden  zugefügt  hat.  Nach  genügender  Ortentierung  kehrken  wir  um  und

liefen  wieder  nach  Petersburg  zurück.
Wilhelm  Brinz  von  Preußen.

Nr.  10.
(Zu  Seite  200.)
Prinz  Wilhelm  an  Katser  Wilhelm  I.

Sekret.  Winkerpalais  21.  V.  1884.

Anschließend  an  den  Bericht  über  Kronstadt  erlaube  ich  mir  ganz  gehorsamst
  einige  Eindrücke  und  Bemerkungen,  welche  ich  teils  vernommen,
teils  selbst  gemacht  habe,  mitzuteilen.

Zunächst  in  bezug  auf  des  Kaisers  Mafestät.  Derselbe  ist  im  Laufe  der
Zeit,  die  ich  hier  zugebracht  habe,  immer  freier  und  offener  mir  gegenüber
geworden,  und  möchte  ich  dieses  nicht  zum  Geringsten  auf  die  Konversation
von  neulich  schieben.  Er  hält  fest  im  Auge  die  engste  Freundschaft  mit  uns,

z  ist  noch  eine  Portion  Abneigung  gegen  Österresch  bei  ihm  voraller

  »
handkkgg  wskchskhmspstemakkschaussekedetwesdmmußte,undzwar-Ill-381
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        mählich.  Wie  ich  ja  auch  in  der  Richtung  schon  zu  sprechen  mir  erlaubt  habe.
Er  steht  sich  vortrefflich  mit  seinen  beiden  älteren  Brüdern,  dem  Großfürsten
Wladimir  und  Alexel.  Besonders  letzterer  hat  sich  außerordentlich  zu  seinem
Vorteil  verändert.  Seitdem  er  die  Marineverwaltung  mit  ihrer  schweren
Verantwortung  —  obwohl  mit  größtem  Widerwillen  anfänglich  —  übernommen
  hat,  ist  er  viel  ernster  und  gesetzter  geworden.  Ich  hatte  auf  meiner
Fahrt  nach  Kronstadt  die  Gelegenheit,  länger  mit  ihm  zu  sprechen,  und  deutete
er  mir  im  Laufe  des  Gesprächs  leichthin  nur  an,  welche  fürchterlichen  Zustände
  er  bei  der  Ubernahme  vorgefunden,  auch  war  er  beim  Umgang  in
Kronstadt  sehr  gut  versiert  in  den  verschiedenen  Ressorts,  und  gab  er  mit  der
größten  Hiebenswürdigkeit  und  Offenheit  sedweden  erbetenen  Bescheid.

Der  Großfürst  Wladimir  gibt  sich  viel  mit  den  unter  ihm  stehenden
Truppen  ab,  ist  gut  zu  Hause  in  allem,  so  das  Reglement  und  die  militärische
Organisation  betrifft.  Doch  höre  ich,  soll  er  das  alles  mehr  aus  Pflichtgefühl  als
aus  Passion  tun.  Wie  auch  der  größte  Teil  der  anderen  dienenden  Großfürsten.
Der  „furor  militaris“,  der  bei  uns  in  der  Familie  tradstionell  und  selbstverständlich
  ist,  scheint  ihnen  sedoch  nicht  inne  zu  wohnen.  Nicht  minder  herzlich
  ist  das  Berhältnis  des  Kaisers  zu  seinen  beiden  Oheimen,  die  beide
stramm  zu  uns  halten.  Die  einzige  Gefahr  ist,  daß  im  Gefolge  des  Kaisers
oder  auch  aus  dem  größeren  Kreise  der  Bekannten,  eine  Persönlichkeit  mit
Geschick  ihm  feindselige  Einflüsterungen  machen  könnte.  Dagegen,  glaube
ich,  müßte  wohl  die  Haupttätigkeit  unserer  Diplomaten  gerichtet  sein.

Der  Großfürst  Sergius  nimmt  eine  besonders  seit  letzter  Zeit  isolierte
Stellung  in  der  Familie  ein.  Er  ist  stets  einsilbig,  macht  fortwährend  ein
mißvergnügtes  Gesicht  und  ist  der  einzige,  der  mir  gegenüber  nie  über  die
kälteste  Oöflichkeit  hinübergekommen  ist.

Die  kleine  Elisabeth  von  Altenburg  hatte  durch  die  bekannte  Berweigerung
  des  Kreuzkusses  die  gesamte  Familie  arg  verschnupft,  und  sind  die  letzten
Uberreste  dieses  Gefühls  noch  nicht  so  ganz  verschwunden.  Ich  hatte  die  Gelegenheit,
  mit  ihr  darüber  zu  reden,  und  gab  sie  mir  zu,  daß  sie  doch  eine
Dummhett  begangen  habe,  allerdings  durch  kurzsichtige  Gelstliche  zu  Haus
falsch  instruiert,  und  auch  aus  Furcht,  zum  Ubertritt  gezwungen  zu  werden.
Ich  beruhigte  sie  über  den  letzten  Punkt  und  wies  sie  auf  das  Beispiel  der
Großfürstin  Wladimir  hin,  die  ja  auch  nicht  übergetreten  sei.  Letztere  wirkt
ranwtegsüh  für  die  deutsche  Sache  und  ist  sehr  beliebt  in  und  außer  der

amilie.

Was  die  Stellung  von  Werder  betrifft,  so  ist  es  nicht  leicht,  sich  ein
klares  Bild  von  ihr  zu  machen.  Jedenfalls  ist  sie  nicht  mehr  so  wie  früher.
Der  Kaiser  ist  zwar  sehr  höflich  und  freundlich  für  ihn,  doch  zieht  er  ihn  nie
besonders  vor  anderen  zu  sich  heran,  noch  bespricht  er  irgendwelche  Fragen
von  Wichtigkeit  mit  ihm,  so  daß  er  doch  den  Eindruck  macht,  als  ob  er  etwas
überflüssig  hier  wäre  und  General  v.  Schweinitz  ganz  genüge.  Beide  sind

382
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        bier  gern  gesehen.  Aber  während  General  v.  Schwelnitz  wegen  seiner  geraden
  biederen  Ehrlichkeit  —  welche  ganz  besonders  für  den  Katser  paßt  —
bei  allen  beliebt  ist,  so  ist  Werder  mehr  der  Liebling  gewisser  älterer  Damenkreise,
  welche  noch  in  Erinnerung  an  vergangene  Zeiten  leben  und  sich  deshalb
  nicht  gern  von  ihm  trennen  mögen,  wie  man  sich  nicht  gern  von
einem  lieben  alten  Möbel  trennt,  das  einem  ans  Herz  gewachsen.  Zu  diesen
Damen  gehörk  vor  allem  die  Fürstin  Helene  Kotschubep,  unser  aller  und  Deine
spezielle  Freundin  und  innigste  Verehrerin,  die  mich  mit  Grüßen  für  Dich
überhäuft  hat.  Besonders  beliebt  ist  Graf  Herbert  Bismarck,  der  in  kürzester
Jeit  der  Liebling  der  ganzen  Stadt  geworden.  Er  hat  durch  seinen  regen
Fleiß  und  Studium  der  Strömungen  und  deren  Urheber  in  den  hiesigen
Kreisen  eine  sehr  gute  Orientierung  über  die  dort  herrschenden  Ansichten  erworben
  und  hat  durch  seine  derbe,  offene  Ark  im  Verkehr  mit  eminenten
Leuten  ungemein  viel  zur  Wiederherstellung  der  freundschaftlichen  Beziehungen
zu  uns  beigetragen.  Hier  ist  man  untröstlich,  daß  er  fort  muß.

Walusew  und  Tolstok  sind  gerade  so  gute  und  feste  Breußen  geblieben,
als  sie  schon  waren  und  sind  bekannt  dafür.  Den  Kriegsminister  habe  ich
nicht  kennen  gelernt;  man  hört  wenig  von  ihm,  und  wenn  man  von  ihm  hört,
so  ist  es  gewöhnlich  nichts  Schmeichelhaftes,  es  scheink,  daß  er  recht  unbedeutend
  ist  und  ganz  in  den  Händen  vom  Stabschef  Obrutschew,  der  ein
roter  Republikaner  und  ein  geschworener  Deutschenhasser  ist.  Man  mißtraut
ihm  hier  auch  sehr.

Indem  ich  hiermit  die  Berichte  abschließe,  erlaube  ich  mir  die  Hoffnung
gehorsamst  auszusprechen,  daß  meinen  geringen  Kräften  es  gelungen  sein
möge,  ungefähr  in  Deinem  Sinne  ein  Körnchen  zum  Nutzen  des  Baterlandes
und  zu  Deiner  Zufriedenheit  hinzuzutragen  und  dadurch  die  freundlichen  Beziehungen
  der  beiden  Länder  festigen  zu  helfen.  Dies  getan  zu  haben,  würde
mich  mit  stolzer  Freude  beseelen.

Wilhelm  Brinz  von  Preußen.

Nr.  11.
(Ju  Seite  209.)
Prinz  Wilhelm  an  Kaiser  Wilhelm  I.

Se  kretl!  Winterpalais,  den  22.  Mai  1884.
Lieber  Großpapal
Soeben  war  Graf  Herbert  Bismarck  bei  mir  und  hatte  mir  eine  so  erfreuliche
  Nachricht  mitgebracht,  daß  ich  nicht  umhin  kann,  sie  Dir  sofort  mit-15
  Graf  Bismarck  meldete  mir,  daß  gestern  der  Herr  v.  Giers  in  freudigster
  Bewegung  bei  ihm  angekommen  sei  und  ihm  wie  folgt  berichtet  habe:

383
        <pb n="407" />
        Der  Kalser  habe  vorgestern,  als  er  zum  Vortrag  bel  ihm  gewesen  sei,  ihn
gar  nicht  zum  Vortragen  kommen  lassen,  sondern  habe  lange  und  lebendig
über  meine  Konversation  von  neulich  —  in  meinem  2.  Bericht  enthalten  —
mit  ihm  gesprochen,  und  zwar  in  so  erfreuter  Weise,  daß  er  ganz  erstaunt
gewesen  sei.  Aber  damit  sek  es  noch  nicht  genug  gewesen,  seit  Se.  Mazfestät
auf  dem  Thron  sitze,  habe  derselbe  noch  nie  anders  als  abfällig  von  Osterreich
  gesprochen,  geschweige  denn  von  einem  Bündnis  mit  dem  Reiche.
Gestern  habe  der  Kaiser  zum  ersten  Male  seit  seinem  Regierungsantritt  das
Wort  „drei“  in  bezug  auf  die  Freundschaft  der  Monarchen  ausgesprochen
und  erklärt,  ich  hätte  ihm  das  besonders  anschaulich  gemacht  durch  ein  Symbol,
  daß  die  drei  Katserreiche  als  dreiseitiges  Bastion  gegen  die  heranstürmenden
  Wellen  der  Anarchie  und  liberalisierenden  Demokratie  zusammenstehen
  müßten.  Ein  Ausdruck,  dessen  sich  der  Fürst-Neichskanzler  mir  gegenüber
  bediente  in  meiner  letzten  Unterredung,  und  der  mir  so  prägnant  schien,
daß  ich  ihn  weiter  zu  verwerten  beschloß.  Nun,  er  scheint  seine  Aufgabe
vollkommen  gelöst  zu  haben.  Gerade  dieses  Beispiel,  sagte  Herr  v.  Giers,  habe
dem  Kaiser  außerordentlich  gefallen  und  habe  er  also,  dadurch  bewogen,  zum
ersten  Male  von  einer  Freundschaft  und  Zusammengehen  der  „Dreikaiserreiche“
  gesprochen.  Früher  sei  immer  nur  von  uns  und  Nußland  allein  die
Rede  gewesen,  ohne  daß  man  dem  Kaiser  —  von  Osterreich  habe  reden
dürfen.  Uberhaupt,  habe  dann  Herr  v.  Giers  geschlossen,  sei  ex  abrupto  der
Kaiser  so  frei  und  aufgeknöpft  geworden,  wie  er  ihn  noch  nie  gesehen  habe.
Wenn  diese  plötzliche,  so  erfreuliche  Umänderung  wirklich  zum  Teil  ein  Erfolg
  meiner  Bemühungen  sein  sollte,  dann  würde  ich  wirklich  von  Herzen
mich  freuen,  denn  es  wäre  mir  dann  gelungen,  Deinen  Allerhöchsten  Intentionen
  zum  Wohle  des  Baterlandes  zu  entsprechen.  Der  Kaiser  hat  auch
öffentlich  Zeichen  seiner  besonderen  Huld  und  Freundschaft  für  uns  gegeben.
So  z.  B.  am  großen  Diner  für  den  Thronfolger  hatte  er  Befehl  gegeben,
  daß  alle  Großfürsten,  welche  den  Schwarzen  Adler  besäßen,  ihn  anlegen
  müßten,  und  trug  er  ihn  selbst  auch  bei  der  Gelegenheit.  Sodann
gestern  in  Gatschina  beim  Regimentsfest  der  Kürassiere  der  Katserin,  brachte
er  erst  das  Wohl  derselben  aus,  sodann  der  Oberst  das  des  Kaisers,  worauf
derselbe  nochmals  das  Glas  ergriff  und  das  gesamte  Regiment  aufforderte,.
auf  mein  Wohl  zu  krinken,  ich  war  so  überrascht  und  von  Rührung  übermannt,
  daß  ich  wie  gebannt  einen  Augenblick  dastand,  und  ehe  ich  mich  erholen
  konnte,  schrikt  der  Kaiser  auf  mich  zu  und  drückte  mir  in  herzlichster
Welse  die  Hand.

Aus  allen  diesen  Zeichen  glaube  ich  bestimmt  behaupten  zu  können,  daß

er  an  mir  wirklich  Gefallen  gefunden  und  offen  Beweise  treuer  Freundschafe
gegeben  hat,  was  mich  mit  freudigstem  Dank  erfüllt.

Wilhelm  Prinz  von  Preußen.
384
        <pb n="408" />
        Nr.  12.
(Zu  Seite  2090.)

Telegramm  Prinz  Wilhelms  vom  27.  Mai  1884
an  Zar  Alexander  III.

X  Sa  Majesté  l'  Empereur

Gatschbina.
Au  moment  où  je  duitte  la  Russie  je  prie  Votre  Majesté  d’agréer

#xpression  de  ma  reconnaissance  la  plus  profonde  de  Tacceuil  qdue  Vos
Majestés  ainsi  due  les  membres  de  Votre  famille  ont  bien  voulu  me  faire.

Pénétré  d’'une  sincère  gratitude  et  cCharmé  de  tout  ce  due  la  bonté  de
Votre  Majesté  m’a  permis  de  voir  à  Moscou,  dont  je  suis  vraiment  ravi,
je  Compterai  toujours  cette  première  visite  en  Russie  parmi  les  meilleurs
souvenirs  de  ma  vie.  F’ajoute  mes  félicitations  les  plus  sincè#res  pour
aujourck  hui.

Guillaume

Prince  de  Prusse.

Nr.  13.
(Zu  Seite  200.)

Der  Botschafter  in  Betersburg  v.  Schweinitz
an  den  Reichskanzler  Fürsten  v.  Bismarck.

Ganz  vertraulich!
St.  Petersburg,  den  20.  Mai  1884.

Seine  Kgl.  Hoheit  Prinz  Wilhelm  hat  gestern  früh  mit  Seiner  Majestät
dem  Kaiser  Alexander  und  nachmittags  mit  Herrn  v.  Giers  Unterredungen
gehabt,  deren  Inhalt  Seine  Königliche  Hoheit  mit  mir  vorher  nicht  besprochen
hat,  über  welche  mir  aber  sowohl  der  Kaiser  als  auch  der  Minister  gegen
Abend  Mitteilungen  gemacht  haben.  "

Seine  Majestät  sagten  unter  anderen:  „Tout  ce  due  le  Prince  m’a
dit,  m’ia  énormément  plũ,  er  sieht  die  Dinge  ganz  richtig  an,  hat  Interesse
und  Verständnis  für  alles,  und  ich  bin  von  der  Unterredung,  welche  ich  mit
ihm  hatte,  sehr  befriedigt.  Ich  bin  dem  Kaiser  dankbar  für  die  Aufmerksamkeit,
  welche  er  uns  durch  diese  ganz  überraschende  Sendung  erwiesen  hat.“  —

Herr  v.  Giers  schloß  seine  Mitkeilungen  mit  den  Worten:  „Le  Prince
S#lexprime  bien-  is  entre  kout  2  fait  dans  les  idées  du  Prince  de  Bismarck,
’Empereur  en  est  ertremement,  Content.  II  doit  Comprendre,  due  notre
politique  Dactuelle  est  la  bonne“,  und  fügte  er  hinzu,  „la  seule  possible“.

v.  Schweinis.
25  Aus  meinem  Leben  387
        <pb n="409" />
        Ar.  14.
(Zu  Seite  299.)

Der  Botschafter  in  Petersburg  v.  Schweinitz
an  den  Reichskanzler  Fürsten  v.  Bismarck.

Ganz  vertraulich!
St.  Petersburg,  den  21.  Mai  1884.

Bei  dem  gestrigen  Vortrage  des  Herrn  v.  Giers  hat  Seine  Majestät  der
Kaiser  sehr  viel  über  seine  Unterredung  mit  Seiner  Königlichen  Hoheit  dem
Prinzen  Wilhelm  gesprochen  und  zwar  ganz  in  demselben  Sinne  wie  gegen
mich,  nur  viel  ausführlicher.

Der  Minister  hat  daran  erinnert,  daß  er  in  dem  Berichte,  welchen  er
nach  seinem  Besuche  in  Friedrichsruh  Seiner  Mafestät  erstattete,  über  die
Auffassung  und  die  Absichten  Euerer  Durchlaucht  genau  dasselbe  geschrieben
hat,  was  der  Prinz  setzt  sagt,  oder  was  teilweise  schon  glücklich  verwirklicht
ist,  der  Katser  hat  dies  zugegeben)  er  hat  auch  den,  wic  es  scheint,  vom  Brinzen
klar  dargelegten  Sat,  daß  man  zu  Dreien  gegen  die  Revolution  kämpfen
müsse,  als  richtig  anerkannt,  ferner  hat  der  Kaiser  dem  Minister  erzählt,  was
der  Prinz  über  Bulgarien  gesagt  hat,  und  was  vollständig,  oft  wörtlich  mit
demjenigen  übereinstimmt,  was  Euere  Durchlaucht  Herrn  von  Giers  gegenüber
  ausgesprochen  haben.  „Schließlich“,  sagte  der  Minister,  „ist  sehr  viel
von  Familienangelegenheiten  die  Rede  gewesen,  welche  sich  natürlich  meiner
Beurteilung  entziehen.“  «

Seine  Königliche  Hoheit  wohnten  heute  in  Gatschina  einem  militärischen
Feste  bei,  werden  morgen  die  Botschafter  von  Osterreich-Ungarn  und  Grankreich
  und  den  dänischen,  setzt  nach  Berlin  versetzten  Gesandten  von  Vind

empfangen,  bei  Seiner  Majestät  dem  Kaiser  zu  Mittag  speisen  und  abends
nach  Moskau  fahren.  .
v.  Schweinitz.

Nr.  17.
(Zu  Seite  200.)

Der  Legationsrat  in  Betersburg  Graf  Herbert  v.  Bismarck
an  den  Reichskanzler  Fürsten  v.  Bismarck.

St.  PBetersburg,  den  22.  Mai  1884.

Eben  war  ich  bel  Giers,  um  mich  zu  verabschieden,  und  will  die  10  Minuten,

  die  mir  noch  bis  zum  Abgang  des  Kuriers  bleiben,  benutzen,  um  Dir
schnell  einige  Zeilen  zu  schreiben.  ·  -

Giers  sagte:  „Wer  auch  immer  die  Idee  gehabt  hat?),  Brinz  Wilhelm
herzuschicken,  der  kann  sich  Glück  wünschen,  und  wir  können  ihm  nicht  dank-*)

  Randbemerkung  Katser  Wilhelms  I.:„  II  faur  que  jaccepte  le  compliment!  W.
386
        <pb n="410" />
        bar  genug  sein.  Der  Kaiser  ist  durch  und  durch  von  ihm  eingenommen,  er
hat  sich  mit  Liebe  und  hoher  Anerkennung  über  ihn  ausgesprochen.  Bei  meinem
Vortrage  kam  ich  gar  nicht  zur  Geschäftserledigung,  der  Katser  sprach  immer
von  Brinz  Wilhelm,  ich  habe  ihn  noch  nie  so  lange  hintereinander  sprechen
hören,  er  ist  sonst  sehr  wortkarg.  Ich  habe  dem  Kaiser  gesagt,  für  mich  wäre
in  allem,  was  Brinz  Wilhelm  gesagt  hätte,  nichts  Neues,  das  hätte  mir  alles
schon  der  Kanzler  in  Friedrichsruh  gesagt,  aber,  um  nicht  zu  rosig  zu  schildern,
sei  ich  im  Bewußtsein  meiner  Berantwortung  in  meinem  damaligen  Bericht
vielleicht  etwas  zu  weit  hinter  der  Wirklichkeit  zurückgeblieben:  ’avais  un
peu  baissé  la  note.  Nun  konnte  nichts  Besseres  geschehen,  als  daß  der  Brinz
grade  so  vertraulich  mit  dem  Kaiser  Alexander  sprach,  der  so  empfänglich
für  Offenhett  ist,  wo  er  einmal  Vertrauen  gefaßt  hat  —  und  letzteres  hat  er
zum  Prinzen  in  hohem  Maße  gewonnen.  Wie  tief  der  Eindruck  seiner  Worte
auf  den  Kaiser  Alexander  war,  sehen  Sie  aus  Folgendem:  „Vous  savez  due
nous  ne  portons  pas  dans  notre  cœur  I-Autriche,  il  y  a  trop  de  pierres
Tachoppement  et  de  différences  de  vues  entre  nous,  surtout  pour  le  polonisme
  et  le  catholicisme,  ’Empereur  n'a  pas  de  sympathie  pour  les  Autrichiens,

  nous  nous  M’arrangeons  avec  eux  due  pour  des  raisons  politiques.
Cependant  I'Empereur  mia  dit  avant--hier  „le  prince  Guillaume  'est
tres-bien  exprimé,  il  nous  faut  un  lien  d'amitié  et  une  entenre  à  trois  pour
Combattre  les  lots  de  l'anarchie.  «  C'est  la  premieère  fois  due  1Empereur
a  dit  2  a  troiss,  habituellemem  il  a  toujours  dit  à  deux“  et  meme  accentuẽ
  l'entente  à  deux.  Voils  un  grand  triomphe  du  prince  Guillaume,  il
est  arrivé  dans  deux  jours  à  un  point  où  toute  notre  diplomatie  n’a  pas
pu  amener  I’Empereur  dans  six  mois.“

Giers  war  strahlend  vor  Vergnügen,  er  sagte:  „Vous  auriez  dd  entendre
V’Empereur  comme  il  parle  de  Votre  jeune  prince  et  de  tout  ce  due  celui-di
lui  a  dit  au  Compte  du  prince  de  Bulgarie.“

Ich  bin  sehr  froh  über  dies  alles,  der  Prinz  ist  ganz  vorzüglich.
Herbert.
Nr.  16.
(Zu  Seite  200.)

Aus  einem  Schreiben  des  Legationsrats  in  Petersburg

Graf  Herbert  v.  Bismarck  an  den  Reichskanzler  Fürsten
v.  Bismarck.  ...

St.  Petersburg,  den  24.  Mai  1884.

Peinz  Wilhelm  hat  hier  großen  Erfolg  gehabt.  Schweinic  sagte  mir,  er
habe  schon  viele  Prinzenreisen  und  besuche  erlebt  und  mitgemacht,  noch  nie
aber  habe  eine  einen  so  tiefen  Eindruck  gemacht“  als  der  vorige  Kalser  von

387

25“
        <pb n="411" />
        Plewna  zurückkam,  wären  die  Straßen  nicht  entfernt  so  voll  und  belebt  gewesen
  wie  vorgestern,  wo  unser  Prinz  mit  Alexander  III.  im  offenen  (Wagen]
zum  Bahnhofe  fuhr.

H.  Bismarck.

Nr.  17.
(Zu  Seite  325.)

Telegramm  Katser  Alexanders  III.  vom  11.  März  1887
an  Prinz  Wilhelm.

TJe  suis  bien  touché  de  ton  alfectueux  scuvenir  à  I’occasion  de  ma
fẽte.  se  wai  pas  oublié  notre  entrevue  à  Brest  et  je  te  garde  une  sincère
amitié  en  te  remerciant  cordialement  pour  tes  Vvoeux  et  félicitations.

Alexandre.

Nr.  18.
(Zu  Seite  337.)

Brinz  Wilhelm  an  Dr.  Georg  Hinzpeter.

San  Remo  11.  XI.  1887.
Lieber  Doktor!

Das  Urteil  der  Arzte  ist  gefällt,  das  furchtbare  Geschick,  das  für  wenige
Eingeweihte  schon  lange  im  Hintergrund  als  drohendes  Gespenst  stand,  hat
sich  erfüllt!  Wach  dem  heute  endgültig  gefällten  Berdikt  der  Doktoren  ist
mein  Baker  unheilbar  am  Krebs  erkrankt  und  keine  Macht  der  WMenschen
vermag  ihn  mehr  zu  retten!  Es  ist  sogar  schon  so  weit,  daß  die  große  —  im
Frühfahr  von  Bergmann  gewollte  —  Operation  nichts  mehr  nutzen  würde.
Heute  morgen  wurde  ihm  sein  Schicksal  von  den  versammelten  Herren  klar
mitgeteilt.  Aufrecht  stehend,  ungebeugt  dem  Sprecher  fest  in  die  Augen  sehend,
vernahm  er  den  Spruch.  Ohne  zu  zucken  oder  auch  die  leiseste  Bewegung
zu  verraken,  dankte  er  ihnen  für  ihr  Bemühen  und  Sorgen  und  entließ  sie,
da  sie  stumm  und  staunend  von  dem  Helden  gingen,  noch  ganz  erfüllt  von
seinem  Charakter,  der  den  echten  Hohenzoller  und  großen  Soldaten  zeigte.

Als  wir  später  bei  ihm  waren,  war  er  es,  der  uns  mit  ruhig  lächelnder
Miene  kröstete,  "  QZ  Fig  uich

als  wir  unserer  nicht  mehr  mächtig  in  Tränen  schwammen!
Welch  ein  Mann!  Gebe  ihm  Gott  nur  möglichst  wenig  Schmerzen  in  diesem

fürchterlichen,  unerhörten  Abschluß  seines  Lebens!  Ich  hätte  ni  "O'
glaubt,  daß  Tränen  eine  Erlet  ch  hätte  nimmer  ge

chterung  sind,  denn  ich  kannte  sie  nicht  bisher,

heut  habe  ich  es  empfunden,  wie  sie  den  furchtbaren  Schmerz  lindern!  Mußte

388
        <pb n="412" />
        er,  er  es  sein,  der  diesem  Leiden  erliegt!  Ein  Schlag,  eine  Kugel,  alles  wäre
ja  besser,  als  dies  entsetzlichste  aller  Ubel,  ich  kann  es  kaum  noch  fassen.

Genng  für  heute.
Ihr
treu  ergebenster  Zögling
Wilhelm  Blrinzl  vlon]  Prleußenl.

Nr.  10.
(Zu  Seite  354.)

Kronprinz  Wilhelm  an  Kaiser  Friedrich  III.

28.  J.  1888.
Liebster  Bapal

Mit  einer  ganz  gehorsamen  Anfrage  erlaube  ich  mir,  Dich  zu  belästigen.
Weine  Brigade  exerziert  morgen  zum  letzten  Mal  im  Terrain  in  der  Tegeler
Heide  und  endigk  mit  einem  Sturm  auf  die  Charlottenburger  Brücke  des
Berlin-Spandauer  Kanals.  Darf  ich  eventkuell,  wenn  dies  Dir  Spaß  machen
sollte,  auf  dem  Nachhauseweg  die  Truppen,  —  ohne  Spielzu  rühren,  an  Deinem
Genster  vorbeiführen?  Entweder  vor  dem  Schloß,  oder  vielleicht  besser  hinten
durch  den  Park  die  Straße  entlang?  Von  der  Absicht  weiß  niemand  eiwas,
wir  würden  um  ½8  Uhr  das  Gefecht  beginnen  und  um  ½11  Uhr  etwa  passieren

können.  Darf  ich  um  ein  einfaches  „Nein"  oder  „Ja“  durch  den  Neitknecht
bitten?

Mit  1000  Grüßen
Dein  treu  gehorsamster  Sohn.
        <pb n="413" />
        Register
        <pb n="414" />
        Aachen:  159.

Abbazsa:  115.

Abdul-Hamid  (1842-  1918),  1876
bis  1909  türb.  Sultan:  316.

Abessinien:  17.

Abiturkentenexamen:  140.

Ablamowitsch,  Generaldirektor  des
Fürsten  Anton  Radztiwill:  309,  310,
311,  313.

Achenbach,  Helinrich  v.  (1829—90),
1860  Oberbergrat,  Mitbegründer  der
Frekkonservativen  Partei,  1871  Vortrag.
Rat  im  Reslchskanzleramt,  1873—78
Staatsminister  für  Handel,  Gewerbe
und  öffentliche  Arbeiten,  1878  Oberpräsident
  der  Brov.  Westpreußen,  1870
von  Brandenburg,  1885  im  Staatsverwaltungsdienst:
  240,  246.

Achsllekson  auf  Korfu:  161,  2790.

Achilles:  20,  65,  120,  161.
Adalbert,  Brinz  pon  Preußen  (1811  bis
73),  Sohn  des  Prinzen  Wilhelm,  füngsten
  Bruders  König  Friedrich  Wilhelms
  III.,  1840  Oberbefehlshaber  der
preuß.  Marine,  1854  Admiral:  19.
kodmiralität:  14.

Agar,  Madame,  französ.  Schauspielerin:
  180.

Aginetengruppe:  129.

Agppten:  40,  184.

Ahrenthal,  Alois  Freiherr  (seit  1900
Graf)  Lexa  v.  (1854—1912),  österreichischer
  Diplomat,  1877  Attacheé  in
Paris,  1888—094  Botschaftsrat  in  Petersburg,
  1895—990  Gesandter  in  Bukarest,
  1899—  1906  Botschafter  in  Betersburg,
  1906  —12  Minister  des  Auswärtigen:
  HKäser  fr  s.  Bacht:  50

„Algle“,  Kaiserl.  französ.  Bacht:  50.

Ailesburpy,  Lady  Maria:  261.

Ajfwasowskif,  Iwan  Konstantinowitsch
917—  1900),  russischer  Marknemaler:

Akropolis:  21.

Albanp,  s.  Leopold.

Albedoll,  Emil  von  (1824—97),  General,
  1871—88  Chef  des  Militärkabinetts,
  1888—93  Komm.  General
des  VII.  AK.,  sett  1869  verm.  mit  Julie,
geb.  v.  Alten  (geb.  1835),  Schwester

302

des  Generals:  107,  108,  100,  110,
173,  216,  217,  223,  262,  274,  321,
322,  328,  347,  353.

Albert,  Brinz  von  Sachsen-Koburg=Gotha,
  zweiter  Sohn  des  Herzogs  Ernst
von  Sachsen-Koburg-Gotha,  geb.  26.
August  1810  Schloß  Rosenau  bei  Koburg,
  seit  10.  KFebruar  1840  Gemahl
der  Königin  Bictorka  von  Großbritannien,
  erhielt  1857  nach  seiner  Naturalisation
  den  Titel  Prince  Consorte
(Beinzgemah.)  und  trat  in  den  Geheimen
  Nat  ein,  starb  14.  Dezember
1861  in  Windsor  Castle:  3,  16,  10,
73,  74,  75,  76,  173,  181,  250.

Albert,  König  von  Sachsen  n5  bis
1002),  regierte  seit  1873:  285.

Albert  Eduard,  Prinz  von  Wales,
s.  Eduard  VII.

„Alberta“,  Königlich  großbritannische
Raddampfyacht:  76.

Albrecht  Achilles  (1414—86),  seit
1470  Kurfürst  von  Brandenburg:  88.

Albrecht,  Erzherzog  von  ÖOsterreich
(1817—97),  Feldmarschall,  General-Inspector
  des  k.  und  k.  Heeres,  siegte-24.
  Juni  1866  bei  Custozza,  übernahm
nach  der  Schlacht  bei  Königgrätz  3.
Juli  den  Oberbefehl  gegen  die  Preußen:
  87.

Albrecht,  Prinz  von  Preußen  (1800  bis
72),  vierter  Sohn  König  Friedrich  Wilbelms
  III.  und  der  Königin  Luise,  1852
General  der  Kavallerie,  1865  Inspekteur
  der  3.  Armecabt.,  befehligte  1866
das  Kav.  Korps  der  1.  Armee,  1870
die  der  3.  Armee  zugeteilte  4.  Kav.
Div.,  1871  Generaloberst:  59.

Albrecht,  Brinz  von  Preußen  (1837  bis
1906),  Sohn  des  vorigen,  führte  1866.
die  1.  schwere  Kav.-Brigade  im  Kav.-=Korps
  der  1.  Armee,  1870  die  2.
Gardekav.-Brig.,  1871  Kommandeur
der  20.  Div.,  1873  General  der  Kav.
und  Kommandeur  des  10.  A.-K.,  1883
Herrenmelster  des  Johannkterordens,
1885—1906  Regent  von  Braunschwelg,
1888  Generalfeldmarschall  und  Generalinspekteur
  der  1.  Armeeinspektion:
45,  46,  141,  142.
        <pb n="415" />
        Aldershot:  76.  254,  257.

Alesia,  gall.  Stadt  nördl.  Autun,  52
v.  Chr.  von  Cäsar  erobert:  60.
Alexander  d.  Gr.  (356—323  v.  Chr.):
136,  228.

Alexander  l.,  Kaiser  von  Rußland
6  1½7—  1825),  regierte  seit  1801:  303,
Alexander  II.,  Kaiser  von  Rußland
(1518—81),  Sohn  des  Katsers  Nikoaus
  I.  und  der  Katserin  Alexandra
(-Charlotte,  Tochter  König  Friedrich
Wilhelms  III.  von  Preußen),  reglerte
seit  1855,  13.  März  1881  ermordek:
82,  83,  181,  182,  201,  202,  20“4,  315,
328,  377.

Alexander  lII.,  Kaiser  von  Rußland
(1845—94),  Sohn  des  vorigen  und
der  Prinzessin  Marie  von  Hessen-Darmstadt,
  regierte  seit  1881,  vermählt  1866
mit  Marsa  Feodorowna  (dän.  Prinzessin
  Dagmar,  geb.  1847):  82,  292  ff.
309,  317,  310,  320,  322,  323,  324,
325,  326,  327,  328,  376,  377,  376,
3  381,  382,  384,  385,  386,  387,
388.

Alexander,  Brinz  von  Battenberg
(1857—93),  zwekter  Sohn  des  Brinzen
  A.  von  Hessen,  1870—86  Kürst
von  Bulgarien,  nahm  1889  den  Namen
  Graf  von  Hartenau  an,  heiratele
die  Sängerin  Johanna  Lotsinger  und
war  bis  zu  selnem  Tode  österr.  General
  in  Graz:  108,  298,  315,  316,  317,
318,  320,  326,  379.

Alexander,  Prinz  von  Hessen  und  bei
Rhein  (1843—385,  Bater  des  BPrinzen
  A.  von  Battenberg:  315.

Alexander,  Prinz  von  Preußen  (1820
bis  1896),  Urenkel  König  Friedrich
Wilhelms  II.:  15.

Alexandra  Josiphowna,  russ.  Großfürstin
  (1830-  1911),  geb.  Prinzessin
von  Sachsen-Altenburg,  Gemahlin  des
Großfürsten  Konstantin  Nikolasewttsch
98  Ihr  Sohn  Wifatscheslaw

onstantinowstsch  1862—1879:  294.

„Ale  randria,  königl.  preuß.  Dampfpacht:
  356,  357.  Med-Alexandrine,

  Großherzogin  von  ecklendurg-Schwerin,
  zweltälteste  Schwester
  Kaiser  Wilhelms  I.,  geb.  23.  Februar
1803,  gest.  21.  April  1892,  vermäh

25.  Mak  1822  mit  Großherzog  Baul.
Feden,  Witwe  seit  7.  März  1842:
-
e  randrine“,  Kreuzer-Korvette:
Tlexandrowo=  182.
exei  Alexandrowitsch,  russ.  Großfürst
(1850—1908),  Sohn  Kaiser  Alexanders
  II.,  General-Admtral  der  russ.
lotte:  204,  297,  299,  379,  382.
leris,  Willibald  (1798—1871),  Rowenschihteller
  (eigentl.  Wilhelm  Häng):
  65.

Alfons  XII.,  Köntg  von  Spanten.
(1857—85),  regierte  seft  1874:  206.

Alfred,  Herzog  von  Edinburgh  (1844.
bis  1900),  zweiter  Sohn  der  Königin
Bictoria  von  Großbritannien,  (1881)
Kapitän,  später  Admtral  der  brit.  Flotte,
Chef  der  Artill.  u.  Inf.  der  brit.  Flotte,
preuß.  u.  sächs.  General  der  Inf.,  Admiral
  à  la  suite  der  deutschen  Marine,
1893  reg.  Herzog  von  Sachsen-Koburg-Gotha:
  264,  265,  267,  268.

Alice,  Großherzogin  von  Hessen,  geb.
25.  April  1843,  gest.  14.  Dezember-1878,
  zweite  Tochter  der  Königin  Victorka
  von  Großbritannten  und  des
Prinzen  Albert,  vermählt  seit  1862
mit  Brinz  Ludwig  von  Hessen  (seit
1877  als  Kudwig  IV.  Großherzog):
46,  77,  168,  169,  180.

lix,  Brinzessin  von  Hessen  und  bet

Rhein,  geb.  6.  Juni  1872,  16.  Junk

1918  ermordet,  nachmalige  Zarin

Alexandra  Feodorowna,  Tochter  des

nachmaligen  Großherzogs  Ludwig  IV.

von  Hessen  und  bei  Rhein,  vermählt

Zar  Niseit

  26.  November  1894  mit
kolaus  II.  169.  4
Alma-Tadema,  Sir  Lawrence  (1836
bis  1912),  engl.  Maler:  251,  252.
Alster:  150,
Alten,  Carl  Frledrich  Franz  Bictor
Graf  v.  (1833—1901),  1868  Flügeladjutant,
  1  *  Oeneralmajor  und  General
  à  la  suite,  März  1887  Generalleutnant
  und  Kommandeur  der  16.
Div.,  November  1887  der  Garde-Kav.=Div.,
  März  1888  General  à  la  suite
Eriedrichs  III.,  1889  Gouverneur
  der  Festung  Ulm,  1891  General
der  Kav.,  3  2  D.:  100,  198.

393

2
        <pb n="416" />
        Altenburg,  s.  Eltsabeth.

Altona:  150.

Ambraser-Sammlung  in  Wien,
kunsthistor.  Sammlungen  aus  Schloß
Ambras  in  Tirol:  88.

Ampthlll,  Lord,  s.  Russell,  Odo.

Amsterdam:  92.

Anden:  238.

Andrassoy,  Julius  Graf  v.  (1823  bis
1890),  1867—70  ungar.  MUintsterpräsident,
  1871—  79  österr.-ungar.  Minister
  des  Außern  und  des  Kalserl.
Hauses:  289,  200.

Antike,  antike  Kunst:  158,  161.

Antimachtavell,  Schrift  Friedrichs
d.  Gr.  1730  gegen  die  polit.  Grundsäße
  Machiavells:  71.

Arbeiterfrage:  27ff.

Archäologie:  20,  20,  66.

Archer,  Miß  (gest.  1882),  engl.  Lehrerin:
  30.

Archstektur:  128.

Argenfels,  Burg:  166.

Argentinten:  229.

Argpll,  John  Douglas  Sutherland
Campbell,  Herzog  von  (1845—  1014),
1878—83  Generalgouverneur  von  Kanada,
  später  Gouverneur  des  Schlosses
Windsor,  vermählte  sich  als  Märquis
of  Lorne  1871  mit  Prinzessin  Luise  von
Großbritannien:  170.

Aristogelton,  Athener,  Mörder  des
Hipparchos:  135.

Arles:  32.

Armeefkorps,  I.:  182.

Armeekorps,  II.:  219,  262.

Armeekorps,  IV.:  205.

Armeekorps,  VII.:  208.

Armeekorps,  VIII.:  167,  208.

Armeekorps,  XIII.:  211,  220.

Arthur,  Herzog  von  Connaugbt,  3.
Sohn  der  Königin  Bictoria  von  Großbritannten,
  geb.  1.  Mai  1850,  1880
Generalmasor,  1893  General,  1011  bis
1913  Generalgouverneur  von  Kanada,
1920  —  23  der  Südafrikan.  Unton,  seit
13.  WMärz.  1870  verhekratet  mit  Prinzessin
  Lulse  Margarethe  von  Preußen,
Tochter  Prinz  Friedrich  Karls:  74,  76,
78,  180,  254.

Atellerbesuche:  7,  67.

Atlantis,  fabelhafte  Insel  westl.  v.
Afrika  (nach  Blaton):  227.

394

Augusta,  Deutsche  Katserin  u.  Königin
von  Preußen,  geb.  30.  September  1811
zu  Welmar  als  Tochter  des  Großherzogs
  Karl  Frledrich  von  Sachsen-Welmar,
  vermählt  selt  11.  Zuni  1829  mit
Brinz  Wilhelm  von  Breußen  (Katser
Wilhelm  I.,  gest.  7.  Januar  1800  (u
Berlin,  beigesetzt  im  Mausoleum  zu
Charlottenburg:  10,  37,  55,  59,  66,
94,  104  f.,  110,  111,  112,  134,  195,
165,  167,  168,  173,  182,  192,  208,
222,  282,  317,  344,  366,  367.

Auguste  Viktorta,  Deutsche  Kalserin
u.  Königin  von  Preußen,  geb.  22.  Oktober
  1858  in  Dolzig  als  Tochter  des
Herzogs  Griedrich  von  Schleswig-Holstein-Augustenburg
  und  der  Prinzessin
Adelheld  von  Hohenlohe-Tangenburg,
vermählt  seit  27.  Februar  1881  mit
PBrinz  Wilhelm  von  Preußen,  seit  9.
März  1888  Kronprinzessin,  seit  15.Juni
1888  Kaiserin  u.  Königin.  Folgte  dem
Kaiser  November  1918  nach  Amerongen
(Holland),  später  nach  Doorn,  wo  sie
11.  April  1921  starb,  belgesetzt  19.  April
1021  in  dem  Antiken  Tempel  in  PBotsdam:
  17,  36,  42,  137,176,  224,225,  227,
231,  254,  250,  263,  276,  277,  275,
280,  284,  280,  312,  320,  340,  341.

Ausstellung,  Wiener  (1873):  35.

Auswärtiges  Amt:  183,  241,  242,
243,  245,  246.

Auth,  Eduard  ##  2S,  1861  bis
86  Lehrer  für  Mathem.  u.  Naturw.  am
Goymnafium  zu  Kassel,  später  Professor:
126,  127.

Avignon:  72.

Ayme,  Frangçois  (geb.  1845),  französischer
  Sprachlehrer,  schrieb:  „□Une  Edu-Cation
  Imperiale,  Guillaume  Il.«  (Baris

o.  J.):  127.

DZabelsbers:  94,  90,  200,  219,
Bach,  Gust.  v.  (1837—1001),  MWagfor
im  I.  —  “3  Mitglied
  der  Prüfungskommission  für
Hauptleute  und  Premierleutnants  der
Artillerie,  später  Generalmasor:  203.
Baden,  Großherzogtum:  114,  115,  ⅛.
Feleorch  I.,  Friedrich  II.,  Ludwig  Wlilelm,
  Lutse.

„Baden“,  anzerschiff:  269.
        <pb n="417" />
        Baden-Baden:  99,  105,  154,  183.
—  Meßmersches  Haus:  105.

Balkan:  319,  325.

Ballett:  37.

Balmoral,  Schloß:  176,  IN,  178.

Bapaume,  Jan.  1871  Kämpfe  zwischen
Deutschen  und  der  französischen  Nordarmee:
  213.

Baranowitschs:  305.

Bardeleben,  Heinrich  v.  (1819—95),
Chirurg,  Geh.  Ob.-Med.-Rat,  Prof.  a.
d.  Untv.  Berlin,  Direktor  der  chtrurg.
Klinik  der  Charité,  Generalarzt:  359.

Bar-le-Duc:  33.

Bar-sur-Aube:  101.

Bartenieff,  russische  Hofdame:  300.

Baruth:  232.

Basel:  337.

Batsch,  Ferdinand  (1831—98),  BVice-A#mttaal.
  1881  Stattonschef  von  Kiel:
207.

Battenberg,  (.  Alexander,  Helnrsch.

Battenbergaffäre:  314.

Baumbach,  Ernst  v.  (1812  —  75P),
ehem.  Kurhess.  Oberjägermelsster  und
Kammerherr,  Mitglied  der  Generalverwaltung
  des  Kurfürl.  Haus-Fidel-Commisses
  in  Kassel:  138.

Baumgartenbrück  bei  Potsdam:
198.

Baveno:  11,  333,  334,  337.

Bap  6  b  n,  s.  Karl  Theodor,  Leopold,  Ludwig
  II.

Baypreuth:  228,  322.

Bazaine,  Francois  Achille  (1811  —88),
franz.  Marschall:  40.  ·

Beaconsfleld,  Benjamin  Disraeli,
Earl  of  (1804—81),  1868  und  1874
bis  1880  Premierminsster,  seit  1876  Earl
of  B.:  252,  253.

Beatrix,  Prinzessin  von  Großbritannien
  und  Irland  (geb.  1857),  5.  Tochter
der  Königin  Bictoria,  vermählt  seit
23.  Juli  1885  mit  Hefnrich,  Brinz  von
Battenberg:  74,  317,  372.  —

Beauvon  S#lchuge  **-  Cand.  thecl.%
ranz.  Sprachlehrer:  127.

E  scher  n,  Ludwig  (1801  —60),  Olchter
und  Schriftsteller,  versffentlichte  Schriften
  und  Sammlungen  zur  Bolksdichtung,
  so  das  „Deutsche  Märchenbuch
(1844)  und  „Neues  deutsches  Märchen.

buch“  (1856):  65.

Becker,  Karl  Friedrich  (1777—1806)=Geschschtschrelber,
  Frichb  Cäln0
aus  der  alten  Welt  für  die  Jugend“
(1801  —  03,  3  Bde.,  10.  Aufl.  von
Masius,  1873)  und  „Weltgeschichte  für
Kinder  und.  inderlehrer'  (1891—05,

0  *

Becks,  Willibald  (1838—00),  Kapitän
3.  S.,  Kommandant  der  „Hansa“,  seit
1885  z.  D.  und  Naolgatlons-Dkrektor
der  Werft  in  Kiel:  260.

Befestigungslehre:  145.

Shretungstrtege  (1813):  101,  302,

/  -

Begas,  Reinhold  (1831—1911),  Bildhauer:
  69.

Belgien,  s.  Leopold  II.,  Maria.

nm  6  iee,  Graf  (1817  bis

1804—  anzös.  Botschafter
-  Berline  100  französ.  Botschaft
erengarl.,  König  von  Italien  (gest.
924),  888—924  K#m#n  915  Kaiser,
sein  Enkel  Berengar  II.  952—63,  gest.
966:  184.

Berg,  Frledrich  Wilhelm  Rembert  Graf
v.  (100.—-4570,  russ.  Feldmarschall,

gen  1863  Statthalter  von  Polen:  82.

erg,  Gustav  Hans  Dietrich  August
Freih.  v.  (1893—1008),  1895  Majsor
und  diensttuender  Flügeladsutant,  1900
Oberstleutnant  und  Kompagnkeführer
der  Schloßgardekompagnte,  1902Oberst
des  1.  Garde-Regiments  z.  E.,  1906
Generalmasor  2.  Garde-Inf.  Brigade
u.  General  à  la  suite:  191.

171,  172,  1
236,  239,  243

353,  357.  —  3-  derar  4  lenten:
  —  tes  useum:
schaften  129,  161.  —  Bellevuestr.:

69.  —  Botanischer  Garten:  37,  7).
4  Branvenburger  Tor:  37,  58,  223.
—  Dom:  7,  8,  68,  172.  —  -*
faltigkeltskirche:  172.  —  Exerzierhaus

395
        <pb n="418" />
        in  der  Karlstraße:  348.  —  Garnisonfriedhof
  in  der  Linienstraße:  66.  —

Garnisonkirche:  114.  —  Gendarmenmarkt:
  66,  69.  —  Grunewald:  350.
—  Dohenzollern-Museum:  7.  —  Joachimsthalsches
  Gymnasium:  84.  —
Kommandantenstraße:  67.  —  Könsgsplatz:
  70.  —  Kreuzberg:  111,  204,  224.
—  Kriegsakademie:  231.  —  Kronprinzenpalals:
  4,  6,  10,  12,  33,  34,
76,  84,  236,  348  (Hauskapelle:  40).
—  Kunstgewerbemuseum:  11,  10,  63.
—  Lehrter  Bahnhof:  327.—  Lustgarten:
57.  —  Neue  Wache  10.  —  Oberwallstraße:
  10,  34.  —  Opernhaus:  4,
37,  84.  —  Opernplatz:  7.  —  Palais
Kalser  Wilhelms  I.:  90,  102,  106,
182,  223.  —  Pariser  Platz:  78.  —
Brinzessinnenpalais:  4,  10,  10.  —  Russische
  Botschaft:  327.  —  Schloß:  56,
106,  113,  126,  142,  225,  271,  327,
348.  —  Schloßkapelle:  113,  172.  —
Schloßplatgz:  59.  —  Stegesallee:  126.
—  Stegessäule:  69,  88.  —  Tempelhofer
  Feld:  57,  82,  182.  —  Tiergarten:
236,  355.  —  Ulnter  den  Linden:  4,  5,
54,  78,  59,  90,  223.  —  Biftoria-Lyzeum:
  12.  —  Zirkus  Nenz:  37.  —
Zool.  Garten:  37,  70.

Berliner  Kongreß  (13.  Juni  —  13.
Juli  1878),  von  Fürst  Bismarck  nach
dem  Frieden  von  San  Stefano  am
3.  März  1878  zur  Berhütung  eines
russisch  -englischen  Krieges  einberufen,
brachte  der  rust.  Diplomatie  elne  schwere
Viederlage.  Da  diese  die  Schuld  daran
Deutschland  zuschob,  verschlechterte  sich
seitdem  das  Verhälknis  zwischen  Nußland
  und  Deutschland:  315,  319,  325.

Berliner  Vertrag  vom  13.  Juli  1878,
Ergebnis  des  Berliner  Kongresses:  181.

Bernhard,  Herzog  von  Sachsen-Melningen,
  Sohn  des  Herzogs  Georg  II.,
geb.  1.  April  1851,  seit  1878  vermählt
mit  Prinzessin  Charlotte  von  Preußen,
Schwester  Katser  Wilhelms  II.,  regierte
25.  Juni  1914  bis  10.  Wovember  1918:
135,  172,  261.

Bernhard,  Karl  (1830—1916),  1886
bis  1002  Regts.-Sattler  d.  G.-Hus.=Regts.:
  214,  215.

Bethmann  Hollweg,  Fellr  v.  (1824
bis  1900),  Gutsherr  zu  Hohenftnow

396

Bett  war.

bei  Eberswalde,  vermählt  mit  Isabella.
von  Rougemont  (1833—  1908)  aus
Schloß  Schadau  am  Thuner  See:
150.

Bethmann  Hollweg,  Theobald  von
1856—1921),  Sohn  des  vorigen,  1886
andrat  des  Kreises  Oberbarnim,  1896

Oberpräsidkalrat  in  Poksdam,  1899
Regierungspräsident  in  Bromberg,  noch
im  gleschen  Jadre  Oberpräsident  der
Prov.  Brandenburg,  1005  preußtscher
Minister  des  Innern,  1907  Staatssekretär
  des  Reichsamts  des  ZInnern.
und  BVizepräsident  des  preuß.  Staatsminssteriums,
  14.  Juli  1000  bis  14.
Juli  1917  Reichskanzler:  130.

Bibel:  26,  64.

Bielefeld:  19,  23,  30,  141.

Bielosselsky,  Fürst,  Flügeladfutant
Kaiser  Alexanders  III:  323,  325.

Biernatzki,  Oberförster:  300,  313.

Bigelow,  Poultney  (geb.  1835),  Sohn
des  nordamertikanischen  Publizisten  und
Diplomaten  John  B.,  der  1361  Konsul
  und  1863—67  Gesandter  in  Paris,
1867—68  Staatssekretär  von  New

Poulkney  B.  schrieb:  »The

erman  Emperor  and  his  Eastern
Neighbourse  (1802),  „The  Borderland
#of  Czar  and  Kaisers  (1805),  »History
of  the  German  Struggle  for  Libertic
(2  Bde.  1896):  39.

Bigot:  Anatol  Graf  B.  de  Saint
Ouentin  (geb.  1840),  1883  Rittmeister
bei  den  Savoyen-Dragonern:  285.

Bildhauerkunst:  128.

Bildnisausstellung:  67.

Bismarck,  Herbert,  Graf  v.,  seit  1898
Fürst  (1849—1004),  seit  1873  im  Auswärtigen
  Amt,  1882  Botschaftsrat  in
London,  1884  in  Betersburg,  dann
Gesandter  im  Haag,  1885  Unterstaakssekretär
  im  Auswärtigen  Amt,  1886
bis  1890  Staatssekretär:  241,  242,
333  *  245,  292,  299,  318,  369,

/  -

Bismarck,  Johanna  v.  (1824—94),
geb.  v.  Buttkamer,  1847  verm.  mit  Ottov.
  B.:  227,  318.  «

Bismarck,Otto,Fiirstvon,(1.Apt-il
1815  bis  30.  Juli  1898),  seit  1862
preuß.  Ministerpräsident,  1667  Kanzler

des  Norddeutschen  Bundes,  Relchs-
        <pb n="419" />
        kanzler  1871—  1890:  14,  17,  28,  20,
59,  100,  181,  182,  227,  235,  241,
242,  243,  244,  245,  247,  248,  240,
250,  202,  209,  305,  316,  317,  318,
319,  320,  324,  325,  326,  327,  328,
329,  334,  338,  339,  340,  341,  347,
352,  353,  358,  384,  385,  386,  387.

Bissing,  Woritz  Ferdinand  Fretih.  v.
(1844—1017),  1870  Adfutant  beim
Oberkommando  der  3.  Armee,  bis  1880
im  Generalstab  des  X.  A.-K.,  1881
Rittmelster,  1883  Masor  im  Husaren-Regiment
  Nr.  7,  1884  im  Generalstab
der  Armee,  1885  beim  Generalstab
des  III.  A.-K.,  1887  Adjutant  beis  Prinz
Wilhelm,  10.  Juni  1888  Oberstleutnant

und  Flügeladfutant,  1890  Oberst  und
Kommandeur  der  Gardes  du  Corps,
1893  Generalmasor,  1897  Generalleutnant,
  1002  General  der  Kavallerie,
1014—17  Generalgouverneur  von  Belgien,
  1915  Generaloberst:  258,  374.

Blahanc,  ungarische  Schauspielerin:
200.

Blankbenberghe:  43.

Blecken  v.  Schmeling,  Herm.  (1838
bis  1000),  seit  1885  Oberst,  1887—89
Kommandeur  des  Garde-Hüsilerregiments:
  223.

Bleibtreu,  Georg  (1828—92),  Maler:
07,  236.

„Bliis“,  Avtso:  79,  80,  283.

Blücher,  Gebhard  Leberecht  v.,  Fürst
v.  Wahlstatt  (1742—18190):  266.

„Blücher',  Torpedo-Schulschiff:  266.

Blumenthal,  Leonhard  Graf  v.  (1810

bis  1900),  1866  Chef  des  Generalstabs
  der  2.  Armee,  1870  wieder  Generalstabschef
  des  Kronprinzen  v.  Preußen
führte  seit  1872  das  IV.  A.-K.,  1888
Generalfeldmarschall,  war  Generalinspekteur
  der  m  13—%  der  3.  Armeeinspektion:
  „205.

Bock  essutten  (1523—1899),  kathol.
Geistlicher,  Berfasser  des  Werkes  „Die
Kleinodkendesheiligenrömtschen  Reiches
Deutscher  Natton“.  Mit  58  Tafeln.
(Wien  und  Leipzig  1864):  6.  831

Bodelschwingh,  Friedrich  v.  (18
bis  1910),  Pfarrer,  gründete  seit  18)2
in  und  um  Bielefeld,  besonders  in
Bethel,  Anstalten  für  innere  Mission:

19.

Bodenhausen,  Hans  Heinrich  Freih.
v.  (1839—1912),  Maforatsherr  auf
6ngehasen  (Sachsen),  Besitzer  der
Rsttergüter  Weineweh,  Hollsteit,  Kirchsteltz
  und  Thterbach,  vermählt  seit  1865
Fit  Janny  geb.  Butler  (1840—1903):

Boetticher,  Karl  Heinrich  v.  (1833
bis  1907),  1870  Oberpräsident  von
Schleswig-Holstein,  1880—97  preuß.
Staatsminister  und  Staatssekretär  des
Relchsamts  des  Innern,  1888  Vizepräsident
  des  preuß.  Staatsmintstertums,
1898  –1906  Oberpräsident  der  Provinz
Sachsen.Dermähle  seit  1869  mit  Sophie
geb.  Berg  (geb.  1851):  318,  319.

Böger,  Generalarzt  1.  Kl.,  Leibarzt
Kaiser  Wilhelms  I.,  1873/74  Subdireftor
  vom  Med.  chir.  Fr.  Wilh.  Institut:

Bohnenfest,  am  Abend  vor  Epiphantas
oder  an  diesem  Tage  (6.  Januar)  stattfindende
  Lustbarkeit,  bei  der  die  im  Kuchen
aufgefundene  Bohne  den  Bohnenkönig
bestimmte,  dieser  wählte  sich  seine  Könfgin
  und  den  Hofstaat:  39.

Bonaparte  Jérôme,  Fürst  von  Montfort
  (1784/1860),  Bruder  Napoleons  I.
130—13  König  von  Westfalen:  137,

Bonn:  111,  150,  154  f.,  180,  184,
224.—Beethovenhalle:  e½°  166.

Bornstedt  bei  Botsdam:  14,  34.

Bornstedter  Feld  bei  Potsdam:  37,
145,  192,  199,  200,  218,  230.

Borromessche  Inseln  im  Lago  Maggiore:

  11.
Borussia,  Korps:  162,  163,  164.
Bose,  Julius  Friedrich  Wilhelm  Graf
v.  (1809—91),  1866  Generalleutnant,
1873  General  d.  Inf.:  138,  142.
Bötticher,  Karl  (1806—89),  Archäolog,
  Direktor  der  Skulpturengalerie
des  Berliner  Museums:  66,  128,  131.
„Boupvet“,  franz.  Aviso:  36.
Brabourne,  s..  Knatchbull.
Bramann,  Friedrich  Gustav  v.  (1894
z36191  ),  per,  18900  Professor  in
alle:  34—.
Brandenburg,  s.  Albrecht  Achilles.
Brandenburg,  Stadt:  70.
Brandenburg,  Graf  Wilhelmv.  (1819
bis  92).  General  der  Kav.,  Komman-397
        <pb n="420" />
        deur  des  Gardekorps,  Generaladjutant:

200,  201.

Brandenstein,  Hans  v.  (geb.  1840),
Regierungsprästdent:  24),  360.

Brasilien:  220.

Brauneck,  Johannes  (1857—1025),
Schulkamerad  Kaiser  Wilhelms,  später
Direktor  des  Wilhelm-Gymnasiums  in
Hamburg:  125,  136.

Bremen:  46.

Brest-itowsk:  215,  209,  322,  323,
324,  325,  388.

Breverndela  Gardie,  Graf,  Generaladjutant,
  Kommandant  der  Moskauer
Milltärbezirke:  304.  -

Briefmarkensammlung:  136.

Brockdorff  (  *—m  Therese  Gräfin
  v.  (1846  -  1924),  geb.  Freiin  v.  Loẽn,
seit  1871  vermählt  mit  Graf  Cay  Bertram
  B.,  1881—1018  Oberhofmelisterin
der  Kalserin  Auguste  Biktorta:  263.

Brocken  (Harz):  122.

Bronikowskbi,  s.Oppeln-B.

Bronsart  von  Schellendorff,  Baul
(1832—1891),1883—89  preuß.Kriegsminsster,
  1889  Kommandierender  General
  des  I.  TA.-K.:  220,  274,  276,  328.

Brown,  John,  Kammerdiener  der  Königin
  Victoria  von  Großbritannien:  178.

Brozowski,  Adolf  v.  (1823—1005),
1878  Generalmasor,  1870  Kommandeur
der  2.  Garde-Kav.-Brigade,  1883  Generalleutnant,
  1884  Kommandant  von

Keankfurt  a.  M.,  1835  z.  D.:  109,  200,

Brügge:  194.

.Brummer“,  Banzerfahrzeug  (866  Tonnen):
  260.

Brüssel:  154,  173ff.

Buchbinderes:  33.

Buchholtz,  s.  Glomsda.

Budapest:  280.

Bulgarsen:  108,  208,  315,  316,  318,

-  ,  326i,s3;9,  Zsöcs  F  auch  Berdinand  J.
ulgar  e  Fälschungen:  320,  327.

Bülk  bei  Kiel:  180.

Bülow,  Adolf  v.  (1850—97),  1870
bis  85  Hauptm.  à  la  suite  des  Generalst.
u.  persönl.  Adfutant  des  Brinzen  Wilbein,
  später  Generalmajor:  221,  238,

Bunsen,  Georg  v.  (1824—90),  Dr.
phil.,  vorm.  Herr  auf  Burg  Nheins-398



dorf  bei  Bonn,  erst  nationalliberaler,
dann  (selt  1884)  deutsch-freisinniger
Polsttker,  seit  1862  Mitglied  des  preuß.
Abgeordnetenhauses,  seit  1871  des
Relchstags,  vermählt  mit  Emma  geb.
Birkbeck,  Vater  von  Karl  und  Lothar:  38.
Bunsen,  Karl  v.  (1857—90),  Kapltänleutnant:
  38,  44.
Bunsen,  Lothar  v.  (geb.  1858):  38,  44.
„Bürgergeneral,  Der“,  einaktiges
Lustspiel  von  Goethe  (1703):  30.
Busch,  Schwimmetster  in  Bonn:  166.
Busch,  Wilhelm  (1832—1008),  Zeichner
  und  Otichter:  45.
Bong,  Miß  (gest.  1882),1870  —82  engl.
Grachlehrerin  im  Kronprinzl.  Haufe#
O.  Z

Cadinen,  Gut  Kaiser  Wilhelms  II.  bei
Elbing  (Wesirr.,  1808  erworben:  250.

Cadogan,  Earl:  261.

Calderon,  Pedro  C.  de  la  Barca
(1600—81),  span.  Dramattker:  65.

Cambridge,  Herzog  von,  s.  Georg.

Cambridge,  Stadt:  253.

Cannä,  Schlacht  216  v.  Chr.:  207.

Cannes:  46,  47,  40,  70,  52,  62,  64,
65,  204,  337.

Caprioi,  Leo  (seit  1891),  Graf  v.  (1831
bis  1899),  1866  im  Stabe  des  Oberkommandos
  der  1.  Armee,  1870/71
Chef  des  Generalstabs  des  X.  A.-K.,
1872  Abteklungsleiter  im  Kriegsminfsterlum,
  1883—  88  Chefder  Admtralität,
1888—00  Kommandierender  General
des  X.  A.-K.,  1800  —  04  Relchskanzler
und  (bis  1892)  preuß.  Ministerpräsident:
  260.

Caputh  bei  Potsdam;:  36.

Tarmen  Syplva,  Dichtername  der
Königin  Elisabeth  von  Rumänien:  170.

Cäsar,  Gajfus  Julius  (100—44  v.
Chr.):  60,  62.—  Bellum  Gallicum:  60.

Chanzy,  Antoine  Eugene  Alfred  (1823.
bis  1883),  französischer  General,  1879
bis  1881  Botschafter  in  Betersburg:  170.

Chorttat.  Beßrebungene  0,  12.

Charlotte,  Frinzessin  von  Preußen,
Tochter  des  nachmaligen  Katsers  Friedrich
  III.,  geb.  4.  Juli  1860,  gest.  1.  Oktober
  1919,  seit  18.  Februar  1878  vermählt
  mit  Herzog  Bernhard  v.  Sachsen-Meiningen:
  22,  30,  172,  183,  317,  334.,
        <pb n="421" />
        Charlotte,  Kalserin  von  Rußland  (1708
bis  1860)0,  Schwester  Kalser  Wilhelms  I.,
vermählt  seit  1817  mit  dem  späteren
Zaren  Mikolaus  l.:  300.

Charlottenburg:  31,  352,  353,  354,
355,  356,  380.—  Mausolcum:  348,  397.
—  Schloß:  35,  348,  340,  350,  351,
353,  355.  —  Bark:  40,  354,  356.

Chelius,  Oskar  v.  (1859  —  1023),  1895
Rittmeister,  1899  Masor,  1900  Flügeladfutant,
  kommandiert  zur  Botschaft  in
Rom,  1905  Oberstleutnant,  1006  diensttuender
  Flügeladfutant,  1907  Oberstund
Kommandeir  des  Leib-Garde-Husarenregiments,
  1011  Generalmasor  und
dliensttuender  General  à  la  suite,  1914
Generalleutnant,  Militär.  Bevollmächtigter
  in  Rußland,  attachiert  dem  Zaren.
Seit  1888  vermählt  mit  Hedwig  geb.  v.
PButtkamer  (1859  —  1023):214,233,234.

Chemie:  63,  158.

Chevalier-Garde,  russisches  Reglment:
  297,  377.

Chrisftian,  Prinz  von  Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg
  (1831
bis  1917),  Bruder  Herzog  Friedrichs
  VIII.,  englischer  General  und  persönlicher
  Adjutant  der  Königin,  preuß.
Generaloberst  à  la  suite  der  Armee.
Seit  1866  vermählt  mit  Prinzessin
Helena  von  Großbritannten  und  Irland
3.  Tochter  der  Königin  Victoria  (1846
bis  1023):  254.

Christllteb,  Theodor  (1833—1880),
Theolog,  1868  Professor  und  ev.  Universitätsprediger
  in  Bonn:  171.

Cicero,  Marcus  Tullius  (106  —  43  v.
Chr.):  128,  120,  130,  131.

„Civis  Germanus  Ssum“:  133.

Clausius,  Rudolf  (1822—88),  Bhosiker,
  seit  1869  Brofessor  in  Bonn:  138,
16

O.
Clodtus,  Bublius  C.  Pulcher  (1  32
v.  Chr.),  röm.  Partekführer,  erwirkte
Ciceros  Berbannung:  131.
Cochrane,  Earl  of  Dundonald:  219.
Collgy,  Gaspard  v.  Chätillon  (1519
bis  1572),  Hugenottenführer:  126.
Kollas,  Freiherr  v.,  Oberst,  1887—80
Kommandeur  des  2.  Garderegiments

z.  F;  223.
Collin,  Georg  (1851—  1018),  Berliner
Hofbuchbinder:  33.

1

TConnaught,  Arthm.

Cooper,  James  Fennimore  (1789  bis
1851),  amerkk.  Schriftsteller,  Berf.  der
berühmten  Lederstrumpferzählungen:  65.

Corsican  Brothers,  Thec,  Schauspiel:

  254.
Cotta,  Luctus  Aurunculesus,  röm.
*  Bgl.  Caes.  Bell.  Gall.  V,  32ff.:

Cowell,  Sir  John  (gest.  1894),  Generalmasor,
  Hofmeister  der  Königin  Bictoria
  von  Großbritannien:  75.

Erass:  7#  164#

owley,  Büchsenspanner  des  Brinzgemahls
  Albert:  178.  Brinzs

Croh,  s.  Karl.

Cumberland  Lodge:  254,  370.

urriculum  Vitae:  Vorw.,  60,  62,
79,  83,  84,  80,  122,  128,  141.

Curtius,  Ernst  (1814—  1896),  Altertumsforscher.
  Schrieb:  „Griech.  Geschichte",
  3  Bde.  (6.  Aufl#,  Berl.  1887
bis  1889):  20,  21.

Custozza,  Schlacht,  24.  Juni  1866:  87.

Dagebyll:  79.
amiette,  Stadt  am  östl.  Nilarm:  93.
anebrog:  7.
Dänemark:  4,  299,  327.
annenberg,  Ferdinand  v.  (1818  bis
1893),  1881—87  Kommandierender
eneral  des  II.  A.-K.:  220.
Danzig:  19,  269,  270,  381.
arcourt,  Octavie  (1833—1905),
1866—74  französische  Sprachlehrerin
im  kronprinzl.  Hause,  1875  verm.  mit
Georg  Hinzpeter:  30,  52,  63.
armstadt:  154,  168,  180.
Oefeee“  brit.  Kriegsschiff:  265.
Delbrück,  Hans  (geb.  1848),  1874  bis
1870  Erzkeher  des  Brinzen  Waldemar
von  Preußen,  1885  —1921  Professor
in  Berlin,  schrieb  u.  a.  „Geschichte  der
Kriegskunst  im  Rahmen  der  polit.  Geschichte“,
  3  Bde.  (1901—0));:  20,  206,
C

7.
Demosthenes  (383—322  v.  Chr.),
grlech.  Redner:  130,  131.
Denkseowtcz,  Jagdhaus:  300.
erenthall,  Otto  v.  (1831—1910),
1874  Oberstleutnant,  1875—83  mit  der
Führung  des  Ersten  Garde-Regiments
8.  F.  beauftragt,  1876  Oberst,  1881

399
        <pb n="422" />
        Zlügeladfutant,  1883  Generalmajor,
1885  Kommandant  von  Berlin,  1887
Generalleutnant  (2.  Garde-Inf.-Brigade),
  1890  als  General  der  Inf.  zur
Disposition  gestellt:  144,  145,  146.
Dérouläde,  Baul  (1846—1914),
französ.  Dichter  und  Politiker,  seit
1870/01  Vorkämpfer  des  Revanchegedankens:
  325.

Deutsch-dän.  Krieg  1864:  4.
Deutsche  Literaturgeschschte,
Kolleg:  158.  4

Deutscher  Orden,  gelstl.  Ritterorden,
gegr.  1100  bezw.  1198:  80.
Deutsches  Reich,  s.  Augusta,  Auguste
Biktorta,  Friedrich  III.,  Bictoria  (Kalserin),
  Wilhelm  I.,  Wilhelm  II.,  Wilhelm
Kronprinz.

Deutsch-Französ.  Krieg  1870/71:
51,  72  ff.,  07,  110,  236.

Deutsch-Osterr.  Krieg  1866:  5,  23,
42

Deutz,  Stadt:  171.
*d  evastation“,  brit.  Kriegsschiff:  375,
30.

Devonshire:  176.

Dewitz,  Viktor  v.  (1853—1021),  Rittmeister
  im  Garde-Husaren-Regiment,
später  Masor  a.  D.,  Mitglied  des
Herrenhauses:  212.

Dichten,  Versuch  des  Prinzen  Wilhelm:
  135.

Dickens,  Charles  (1812—70)  engl.
Schriftsteller:  134.

Diener,  Julius  (geb.  1841),  Hauptmann
  beim  Pionier-Bataillon  4,  seit
1873  kommandiert  zur  Kriegsschule  in
Potsdam,  seit  1877  à  la  suite  der  2.
Ingenieur-Inspektion,  später  Oberstleutnant:
  145.

Dietrich  von  Bern:  65.

Digermul-Kollen,  Häusergruppe  auf
der  Insel  Hindö  (Lofoten).  Von  diesem
Plateau  aus  ist  das  sogenannte  Nordlandpanoramg
  zu  Berlin  aufgenommen:
238,  230.  «

DkoccetianifcheChristenverfocgung
  (303):  248.

Dirschau:  182.

irschawa“,  kalserl.  russ.  Bacht:  381.

lsraell,  Bensamin,  s.  Beaconsfifeld.

Dobeneck,  Freifräulein  Sophsev.  (1827
bis  1901),  1861  Gouvernante,  1862

400

bis  1856  Obergouvernante  im  Haushalt
  des  Kronprinzen  von  Preußen,  1866
vermählt  mit  Carl  v.  Jagow:  22.

Dohna-Schlobstten,  Richard  Graf,
sekt  1900  Fürst  zu  (1843—  1916),  preuß.
Oberstleutnant  à  la  suite  der  Armee
mit  der  Uniform  der  Gardes  du  Corps:
319.

Dohna-Schlobstten,  Richard  Graf,
seit  1916  Fürst  zu  (1872—  1018),  Sohn
des  vorigen,  1893—1001  Leutnant  bei
den  Gardes  du  Corps,  1902  Oberleutnant,
  1908  a.  D.  und  Rittmeister
mit  der  Uniform  der  Gardes  du  Corps:
227,  319.

Dolgornkoff,  Fürst,  russ.  Generalad-=jutant,
  Generalgouverneur  von  Moskau:
301,  302,  303,  304,  305.

Donau:  280.

Dörnberg,  Moritz  Freiherr  v.  (1821
bis  1912),  kurfürstl.  hess.  Erbküchenmeister
  und  Kammerherr:  138.

Drachenfels,  Burg  am  Rhein:  166.

Dragonerregiment,  5.  russ.:  376.

Drake,  Friedrich  (1805  —  1882),  Bildhauer:
  60.

„Dreadnough“,  brit.  Lanzerschiff:
255,  373,  375.

Dreibundvertrag,  20.  Mai  1882  geschlossenes
  Bündnis  zwischen  Deutschland,
  Oesterreich-Ungarn  und  Italien:
183,  242,  280.

Dreikakser-Abkommen,  Vertrag8
vom  6.  Juni  1873  zwischen  Kaiser
Alexander  II.  von  Rußland  und  Kalser
Franz  Josef  I.,  dem  Kaiser  Wilhelm  I.
am  22.  Oktober  d.  Is.  bestrat:  83.

Drekkaiserbündnis,  Geheimvertrag
vom  18.  Juni  1881  zwischen  Rußland,
Osterreich-Ungarn  und  Deutschland,
27.  März  1884  auf  3  Jahre  erneuert,
nach  Ablauf  nur  zwischen  Deutschland
und  Rußland  fortgeführt  in  dem  sog.
Rückversicherungsvertrag:  208,  320,
324,  326.

Drekkaiserparade  im  Sept.  1872.
Bgl.  das  Folgende:  82.

Drekkaiser-Zusammenkunft:
Begegnung  der  Katser  Alexander  II.,
Wilhelm  I.  und  Franz  Josef  I.  im  Sept.
1872  in  Berlin:  202.

Drefklinden,  Gut  Prinz  Frledrich  Karls
bef  Botsdam:  202.
        <pb n="423" />
        Dresky,  Gustav  v.  (1835—  1910),  Neffe
des  Generals,  Hauptmann  im  2.  Thürg.
Inf.-Rgt.  Nr.  32,  später  Direktor  der
Militärturnanstalt  in  Berlin:  31,  138.

Dresky,  Justus  v.  (1818—90),  1870
Generalleutnant,  Bräses  der  Brüfungskommtsseon
  für  Hauptleute  und  Bremterleutnants
  der  Artlillerie,  1884  z.  D.:

203.

Drypander,  Ernst  v.  (1843—1922),
protestant.  Theolog,  1870  Pfarrer  in
Bonn,  1882  an  der  Dreifaltigkeitsklrche
  in  Berlin,  1887  Mitglied  des
Konsistorkums  für  Brandenburg,  1890
Hofprediger,  1892  Generalsuperintendent,
  1007  Bizepräsident  des  evangel.
Oberkirchenrates:  171.

Dundonald,  s.  Cochrane.

Dupup  de  Löme,  Stanislas  Charles
(1816—85),  französ.  Ingenieur  und
Schiffbauer:  81.

Durazzo,  Marchese:  183.

Dürer,  Albr.  (1471—1228),  deutscher

Künstler:  308.

Düsseldorf:  166.

Dock,  Anthonls  van  (1599—1641),
niederländ.  Maler:  92.

Ebers,  Georg  (1837—  98),  Aegyptolog
und  Romanschriftsteller:  4  ,  134.

Eckartsberg,  Baul  v.  (1862—  1910),
Secondeleutnant  im  Ersten  Garde-Regiment
  z.  F.:  189.

Edinburgh,  s.  Alfred.

Editha,  Gemahlin  Kaiser  Oktos  lI.,
Tochter  König  Edwards  des  Alteren
von  England,  929  vermählt,  946  ge-„lterbene

  70.
duard,  Prinz  von  Sachsen-Welmar
1823/1002),  Sohn  des  Brinzen  Bernard,
  Ohelms  der  Prinzessinnen  Marie
Gemahlin  des  Brinzen  Karl  von
Preußen)  und  Augusta  (Gemahlin
Katser  WilhelmsI.),  war  Königl.  Großbrltann.
  Feldmarschall,  seit  1851  vermählt
  mit  Lady  Augusta  Katharina
Gordon  Lennoz  a.  d.  H.  der  Dukes  of
Richmond  (1827—1904):  255,  370.

Eduard  VII.,  König  von  Großbritannien
und  von  Irland,  Katser  von  Indien
(9.  November  1841  bis  6.  Mat  1910),
ältester  Sohn  der  Königin  Bictoria

26  UAus  meinem  Leben

und  des  Prinzgemahls  Albert,  bis  zu
selnem  Reglerungsantritt  1001  Brinz
von  Wales,  vermählt  selt  10.  März
1863  mit  Brinzessin  Alexandra  von
Dänemark  (1844—1025);  3,  9,  17,  74,
56  95,  222,  291,  281,  280,  317,  353.

Egli,  Villa  Ballavicinf:  183.

Ehlers,  Otto  (1855  —1895),  bereiste
Ostafrlka,  Border=  und  Hinterindien,
Korea  und  Japan,  Samoa  und  Neugalnea,
  wo  er  ermordet  wurde:  164,

Chrenbrekistein:  167.

Eichen,  Krofesoor,  Jeichenlehrer:  63.

Elin'  feste  Burg"“:  123.

Einsegnung:  88,  80,  90,  95,  104,  123.

Eisenbart,  Joh.  (1661—1727),  Heilkünstler:
  122.

Eksenerz,  Marktflecken  in  Oberstelermark:
  289.

Eiserne  Krone:  184.

Elserne  Maske,  Mann  mit  der.  Nicht
mit  Sicherheit  festzustellender  vermummt
gehaltener  Staatsgefangener,  zunächst
auf  St.  Marguertte,  1608  bis  zu  seinem
Tode  1703  in  der  Bastille  zu  Baris:  40.

Elektra,  Tragödie  von  Sopheokles:  131.

Elementar=  u.  Ornamentzeichnen:

63.

Elisabeth,  Katserin  von  Österreich,  Königin
  von  Ungarn,  Tochter  des  Herzogs
Maxlmillan  Josef  in  Bayern,  geb.
24.  Dezember  1837,  vermählt  24.  April
1854  mit  ase  Franz  Jofef  I.,  10.  Sept.
1808  in  Genf  ermordet:  36,  87,  279,
280,  291,  318.

Elis  abeth,  Könisgin  von  Breußen,
Tochter  Maximilkans  I.  Josef  von
Bayern,  geb.  13.  November  1801,  1823
vermählt  mit  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm
  (IV.)  von  Preußen,  gestorben  14.
Dezember  1873:  35.

Elisabeth,  Königin  von  Rumänien

1843—1916),  Tochter  des  Fürsten
ermann  zu  Wied-Neuwied,  1869  vermählt
  mit  dem  Fürsten,  späteren  König
Karl  Il.  von  Rumänken.  Unter  dem
Dichternamen  Carmen  Sylva  veröffentlichte
  sie  zahlreiche  Lieder  u.  Märchen:

170.
Elisabethte  Prinzessin  von  Altenburg

(geb.  1865),  zweite  Tochter  von  Prinz
Moritz,  vem  Bruder  des  regierenden

401
        <pb n="424" />
        Herzogs  Ernst,  1884  in  Petersburg  vermählt
  mit  Großfürst  Konstantin  Konstantinowstsch
  (1858/1015):  382.

Elisabeth,  Erzherzogin  von  Osterrelch
1831—1903),  1.  Tochter  Erzherzogs

oseph  776  —  1847),  in  erster  Ehe  1847

vermählt  mit  Erzherzog  Ferdinand  von
Este  (1821—40),  in  zweiter  Ehe  1854
mit  Erzherzog  Carl  Ferdinand  von
Osterreich  (1818—74):  87.

Elisabeth,  Brinzessin  von  Hessen  und
bei  Rhein  (1864—1017),  Tochter  des
Großherzogs  Ludwig  IV.,  seit  15.  Juni
1334  vermählt  mit  Großfürst  Sergius:

9.
Elisabeth,  Prinzessin  von  Preußen
992%  Tochter  Belnz  Friedrich
arls,  vermählt  seit  18.  Februar  1878
mit  Erbgroßherzog  Friedrich  August  von
Oldenburg:  172.

„Elisabeth“,  Kreuzer-Fregatte:  49.

Ellis,  russ.  Generalmasor  à  la  suite,
Kommandeur  der  1.  Grenadlerdfofsion:
303.

Elphinstone,  Sir  Howard  (1829  bis
1890)0,  Oberst-Lteutenant,  Schatzmeister
des  Herzogs  von  Connaught,  später
Generalmajor:  250.

Elsaß:  322.

Elsässer:  248.

Emerich,  Prinz  von  Thurn  und  Tax's
1820—  1000),  k.  u.  k.  Geh.  Rat  und

ämmerer,  General  der  Kav.,  Inhaber
des  Husaren-Regiments  Nr.  3,  Oberstallmeister
  des  Katsers  von  Osterreich,

Kapfstän  der  Garde-Restt.-Esk.:  285.

Ems:  90,  109,  330.

England:  3,  4,  8,  19,  62,  63,  71  ff.,
176,  180,  219,  251,  258,  259,  263,
276,  332.

Englischer  Sprachunterrischt:  30,
63,  120,  127.

entente  à  trois  (Rußland,  Deutschland,
  Osterreich-Ungarn):  208.

Erdkunde:  20,  62.

Erdmannsdorf  im  Rliesengebirge:  5,
12,  23.

Ermland:  250.

Ernst  II.,  Herzog  von  Sachsen-Koburg
und  Gotha  (1818—1893),  regierte  selt
1844:  208.  „

Ernst  Ludwig,  Großherzog  von  Hessen,
geb.  25.  November  1868  als  einziger

402

Sohn  Großherzog  Ludwigs  IV.,  Großherzog
  1892—  1918:  169.

Erziehung:  21ff.

Essen  a.  d.  Ruhr:  44.

Eton:  133,  253.

Ettlingen:  210.

Eulenburg,  August  Graf  zu  (1838  bis
1921),  1865  Adjutant,  1868  Kammerherr
  und  Hofmarschall  des  Kronprinzen,
1883  Oberzeremonienmesster,  1800
Oberhof=  und  Hausmarschall  Kalser
Wilhelms  II.,  1007—21  Minister  des
königlichen  Hauses:  110.

Eulenburg,  Philipp,  Graf  zu,  seit
1900  Fürst  zu  E.  und  Hertefeld,  Graf
v.  Sandels  (18470—  1021),  seit  1866
im  Heere,  1877  im  diplomat.  Dienste,
1881  zuerst  Botschaftssekretär  in  Paris,
dann  Sekretär  bel  der  preußfschen  Gesandtschaft
  in  München,  1888  —  90
Gesandter  Iin  Oldenburg,  1890—094  in
Stuttgart  und  München,  1804—  1002
Botschafter  in  Wien.  Von  selnen
Dichtungen  sind  am  bekanntesten
„Skaldengesänge"  (1892)  und  „Rosenlieder":
  226,  227,  228,  322.

„Eurydice“,  brit.  Segelfregatte:  78.

Euskirchen:  208.

Evangelfsch  =  kirchlicher  Hilfsverein,
  1887  gegründet  in  der  sogen.
Waldersee  -Versammlung  zwecks  Bekämpfung
  der  religiös-sittlichen  Notstande,
  besonbers  2  großen  Städten
und  Industriebezirken.  Aus  ihm  ging
1899  die  „Evangeltsche  Franenhilfs
Deutschlands“  hervor:  341.

Evans,  Zahnarzk:  73.

Examen:  83.

Expersmentalchemse:  158.

Kobrerbesuc.  e:  27,  32.
echtunterrscht:  26,  127,  138,  164.
Pebrbellte  70.
eldartillerteregiment  General-Feldzeugmelster
  (1.  Brand.  Nr.  3):  108.
eldkunde:  149.
erdinand  l.,  Fürst,  1008—18  König
von  Bulgarken,  geb.  1861  als  Sohn  des
Prinzen  August  zu  Sachsen-Koburg-Gotha,
  seit  14.  August  1887  Fürst:  327.
Cerdinand  IV.,  Großherzog  von  Toscana,
  fallerl.  Brinz  von  Osterreich  (1835
bis  1908),  k.  u.  k.  Feldmarschall-Leut-
        <pb n="425" />
        nant,  seit  1859  Großherzog:  285,  286,

Feuerbach,  Anselm  (1829—1880),
Maler:  67.

Klevet,  französ.  Lehrer:  63.
knanzminksterium:  246.
Slnanzwtssenschafte  158,  159.
(sher,  Sir  John  Arbuthnot  (1841  bis
1920),  Baron  (1900),  Lord  F.of  Kilverstone
  (1010),  britischer  Admiral:  255.
landern,  (-.  Bhillpp.
lorettfechten:  138.
lotte:  242,  244.

ö  r:  4,  79,  81,  82,  263.
oley,  engl.  Admiral,  Superintendent
of  the  Dockyard:  7),  78,  374,  375.

Fontane,  Theod.  (1819—1898),  Dichter:
  65.

Vre  Office:  252.
Gortschrittspartes:  136.

»Les  Fourchambaults,  Drama  von
Emtle  Augser  (1820—89).

Fox,  englischer  Lehrer:  63.

Franke,  Karl,  Verf.  der  „Griech.  Schulgrammatik“
  (.  Aufl.,  Berlin  1840):60.
„Franklin“,  amerfkan.  Fregatte:  42.

Frankreich:  46  ff.,  76,  196,  290,  316,
319,  325,  326,  328,  386.

m*  Hals-Museum,  in  Haarlem:

2.

Franz  Ferdinand,  Erzherzog  von
Osterreich-Este  (1863—1914),  ältester
Sohn  des  Erzherzogs  Karl  Ludwig,
nach  dem  Tode  des  Kronprinzen  Rudolf
  und  seines  Vaters  Thronfolger,

Fs  "  #  173,  .  ½#
ranz  Josef  I.,  Kalser  von  Oste  /
König  von  Ungarn  (1830—1916),
regierte  *  1848,  vermählt  1854  mit
Elksabeth,  Brinzessin  von  Bayern:  53
35,  86,  115,  1)3,27,  278,  20,  20
281,  282,  285,  286,  287,  288,  315,
W  sher  Adler=  53,  59
Franzö  er  er:  53,  59.

TtHsher  Unterricht:  30,  61.
63,  120,  127.
rauenbildung  9,  12.

een  s.  Befrelungskriege.

Freptag,  Gustao  (1816—95),  Schriftsteller
  und  Olchter:  20,  63.

Friedberg,  Heinrich  v.  (1813—9
1873  Unterstaatssekretär  im  preuß.  Zustemtnisterlum,
  1877  Kronsondikus“1

26#

Staatssekretär  des  Neichsfustigamts
1879—88  preuß.  Justizmintster:  18,

v%  %  Barb
riedr  „Barbarossa,  deutscher  Kaiĩser
  u.  König  (1123  hczh  38

Friedrich  II.  der  Große,  König  von
Preußen  (1712—806),regierte  seit  1740:
34,  71,  79,  191.

Friedrich  III.,  deutscher  Kaiser  und
König  von  Preußen,  geb.  18.  Oktober
1831  im  Neuen  ZBalals  bei  Potsdam
als  Sohn  Kaiser  Wilhelms  I.  u.  der
Brinzessin  Augusta  von  Sachsen-Weimar,
  als  Brinz  und  Kropprinz  (seit
1861)  Friedrich  Wilhelm  genannt,  studlerte
  1850  in  Bonn,  vermählt  seit
25.  Januar  1858  mit  Prinzessin  Victorka
  von  Großbritannien,  Tochter  der
Königin  Blctorta  und  des  Brinzgemahls
Albert,  1866  Oberbefehlshaber  der  2.
Armee  in  Schlesien,  entschted  3.  Juli
den  Sieg  von  Königgrätz,  befehligte
1870/71  die  3.  Armee,  Oktober  1870
Generalfeldmarschall,  1871  Generalinspekteur
  der  4.  Armeeinspektion,  seit
9.  März  1888  Kaiser,  starb  15.  Juni
1888  km  Neuen  Palais.  Kinder:  Katser
  Wilhelm  II.,  Prinzen  Heinrich,
Stgismund  und  Waldemar,  Prinzessinnen
  Charlotte,  Victorta,  Sophie  u.
Margareta:  3,  5ff.,  13,  14,  15,  16,  18,
20,  21,  22,  30,  40,  46,  4,  72,  73,
55,  56,  57,  60,  66,  67,  83,  85,  92,
9  105,  108,  109,  138,  139,  141,  142,
143,  144,  145,  148,  150,  151,  152,
154,  157,  172,  173,  180,  182,  184,
187,  189,  204,  206,  208,  210,  215,
216,  217,  221,  222,  223,  224,  227,
228,  231,  234,  235,  236,  237,  247,
24-,  253,  252,  264,  27J.  292,  294,
302,  312,  317,  320,  322,  325,  329,
330,  331,  332,  333,  334,  336,  3237,
338,  339,  340,  342,  343,  344,  347,
348,  340,  351,  332,  353,  354,  356,
357,  363,  366,  368,  388,  389.

Friedrich  7  roßherzog  von  Baden
(9.  September  1826  bis  28.  September
  1007),  regierte  seit  1836,  vermähle
1856  mtt  Prinzessin  Lutse  von  Preußen,
Tochter  Kalser  Wilhelms  I.,  1877  Generalinspekteur
  der  J.  Armeeinspektion,
1888  Generaloberst  der  Kavallerte:  16,

57,  107,  112,  224,  294,  368.
403
        <pb n="426" />
        Friedrich  II.,  Großherzog  von  Baden
(geb.  1897),  1897—  1001  Komm.  General,
  regierte  1007—  18:  42,  164.

Friedrich,  Erzherzog  von  Osterreich,
geb.  1856,  seit  85  in  der  Armee,
1889  Kommand.  General  des  5.  Armeekorps
  in  Preßburg,  Dezember  1014
Eomerschall  und  bis  Februar  1917
tellv.  Armecoberkommandant:  48,  87.

Friedrich,  Prinz  der  Nlederlande  (1707
bis  *s*s  1825  vermählt  mit  Prinzessin
  Luise  von  Breußen,  Tochter  König
Friedrich  Wilhelms  III.:  47,  140.
Friedrich  VIII.,  Herzog  von  Schleswiuig-Holstein

  =  Sonderburg-Augustenburg
  (6.  Zuli  1829  bis  14.  Januar
1880),  Vater  der  Katserin  Auguste
Biktorfa:  43,  176,  224,  225.

Eriedrsch  (1833—86),  Kammerdsener,
später  Silberverwalter  Brinz  Wilhelms:

137.

Friedrich,  Joseph  (1788—1873),  seit
1824  im  Hofdienst,  Maschinenmetsster  auf
der  BPfaueninsel,  1815  verm.  mit  Elisabeth
  geb.  Riesleben  (1788—1873):  34.

Grledrich  August,  Großherzog  von
Oldenburg,  geb.  1852,  vernschr  in
erster  Ehe  1878  mit  Prinzessin  Elisae
beth  von  Preußen,  regierte  1900  bis
1018:  172.

Lrtedech  der  Große“,  Panzerschiff:

2,  89,  264.

Griedrich  Karl,  „Brinz  von  Preußen
(1828  —  1888),  Soln  des  Prinzen  Karl,
Bruders  Kalser  Wilhelms  I.:  36,  141,
148,  172,  193,  202,  282,  302.

„Friedrich  Karl“,  Panzerschiff:  45,
264,  268.

Friedrich  Wilhelm  I.,  König  von
Preußen  (1688—  1740),  reglierte  seit
1712:  101,  104.

Ertedrich  Wilhelm  III.,  König  von
Breußen  (1770—  1840),  regterte  seit
1707,  seit  1703  vermählt  mit  Brinzessin
  Lusse  von  Mecklenburg-Strelic:
35,  36,  7,  313.

GErsedrich  Wilhelm  IV.,  König  von
Preußen  (1705—1861),  regierte  seit
1840,  selt  1823  vermählt  mit  Brinzessin
  Ellsabeth  von  Bayern:  35,  66,
81,  80,  94,  100,  101,  358.

Frledrich  Wilhelm,  Landgraf  von
Hessen  (1854—88),  Masor  à  la  suite

104

der  preuß.  Armee  und  à  la  suite  des
russ.  Dragonerreglments  Nr.  12  „Mariupol“:
  306.
Kriedrichsruh:  386.

riesack:  70.
rogmore,  könitglicher  Landsiez  bei
Windsor:  72,  73.

Frommel,  Emil  (1828—950),  zunächst
Pfarrer  in  Altlußheim  bei  Heidelberg,
Karlsruhe  und  Barmen,  1860  Garnisonpfarrer
  in  Berlin,  1872  Hoffprediger,
  Verfasser  zahlrelcher  religlöser
Erzählungen:  113,  114,  115.

CSuchsberge  bei  PBotsdam;:  34.

Lulda:  137.

Gürstenrecht:  158.

Gasta:  240.—

Gaisberg  bei  Poksdam:  36.

Galimberti,  Luigi  (1836—  00),  1868
Domherr  am  Lateran,  später  an  der
Peterskirche,  1887  Nuntlus  in  Wien,
1893  Kardinal,  180  4  Präfekt  des  Batikanischen
  Archios:  250.

Galizten:  316.

Galizin,  Nikolai  Ssergesewitsch  Gürst  v.
(1808—92),  russ.  Hfstoriker  u.  Generalleutnant,
  Verf.  von  „Allgem.  Kriegsgesch.
  aller  Bölker  u.  Zelten".  Deutsche
lbersetzung  von  Strecctus  u.  Eichwald
(Kassel  1874—70):  138.

galloping  machine  gun:  210.

Ganslandt,  Karl,  Mitschüler  des  Kalsers
zuaa  el,  später  General-Staatsanwalt:

Gerde  à  cheval,  russ.  Regsment:  207,
1.  Gardediovisson:  233,  348.
Garde  du  Corps:  108,  109,  110,  227,
315,  352,  Reitplatz:  221.
2.  Garde-Dragoner:  238.
Gardeequlpage  der  russ.  Flotte:  297.
1.  Harde-Feldarttllerleregtment=Garde-Füsfflierregiment:
  355.
Garde-Husaren-Regiment:  25,  108,
190,  102,  199,  201,  202,  210,  212,
213,  218,  221,  222,  220,  263,  282.
1.  Garde-Infanterfebrigade:  236.
2.  Garde-Infantertebrigade:  143,
222,  223,  354,  356.
2.  Garde-Infantersedfotston:  237.
Garde-Kavallertebrig.:  220.
        <pb n="427" />
        Gapde-Kavallertedlotston-  198,

0.

Gardekorps:  15,  204,  207,  208,  384.

2.  Garde-Landwehrregiment:  142.

1.  Garderegiment,  rufs.  207.

1.  Garderegiment  zu  Guß:  17,38,  30,
10,  76,  82,  88,  142,  144,  188,  190,
101,  202,  206,  210,  213,  224,  22),
233,  235,  263.

2,Gardereglment  zu  Fuß:  143,

3.  Garderegiment  zu  Zuß;  149.

4.  Garderegiment  zu  Fuß:  352.

1.  Garde  =  Ulanenregiment:  237.

Gartenkunst:  0,  12,  75.

Garter,  engl.  Orden  (Hosenbandorden):
  3,  141.

Gastein:  90,  115,  182,  241,  318,  310,
320,  322.

Gatschina:  292,  299,  384,  385,  386.

Gdingen:  269.

Geffcken,  Heinrich  (1830  —96),  Rechtselehrter,
  1872—81  Professor  in  Straßurg,
  1888  wegen  Beröffentlichung

von  Auszügen  aus  dem  Kriegstagebuch
  Kalser  Frledrichs  III.  von  1870/71
angeklagt,  1889  außer  Verfolgung  geetzt:

  20.

ulest:  22  ,  231,  242.

Generalstabskriegsspiel:  216,  221,
231.

Gent:  154.

Genua:  183,  184.

Geographie:  20,  62.

Georg,  Herzog  von  Oldenburg  (geb.
185  5),  Bruder  des  Großherzogs  August,
Oberst:  164.

Georg  Il.,  Herzog  von  Sachsen-Meiningen
  (1826  —1914),  reglerte  seit
1806,  Schöpfer  des  Melningschen  Hoftheaters,
  dessen  berühmte  Theatergesellschaft

  1874—90  Gastspielreisen

unternahm:  66.  »
GeorgAlexandrowktsch,Großfukst
(1871—99),  2.  Sohn  Katser  Alexanders
  III.:  322,  324.
Georg,  Brinz  von  Preuhen  (1826  bis
1002),  Urenkel  Köntg  Frledrich  Wilhelms

  II.,  General  der  Kav.  u.  Chef

des  Ulanen-Rgts.  von  Schmidt  (1.
Pomm.)  Nr.  4.  Sein  Palais  ist  das
setzige  Alexander-Balais  Wilhelmstr.72:
57.

Georg,  Herzog  von  Cambridge  (1819

bis  1904),  Enkel  König  Georgs  III.,
Dlivisionskommandeur  im  Krimkrteg,
1856  General  und  bis  1805  Oberbefeblshaber
  des  brit.  Heeres,  1862
Geldmarschall:  257.

Gerhardt,  Karl  (1833—1002),  Mebiziner
  (innerer  Klinfker),  1861  Professor
  in  Zena,  1872  Würzburg,  1885
Berlin:  330,  331.

Gesangbuch:  26,  64.

Geschichte,  Geschichtsunterricht:  29,
01,  62,  131,  132,  158.

Geyr  v.  Schweppenburg,  Karl-Theodor
  Freih.  v.  (1340—  1913),  stand
1864—856  beim  Garde-Husarenregiment,
  1882  Masor,  1801  Oberst  a.  D.
und  Kgl.  württemberg.  Oberstallmeister:

Giers,  Nikolaus  v.  (1820—095),  1882
bis  95  russ.  Minister  des  Außern:  200,
378,  383,  384,  385,  386,  787.

Girand,  Bootsführer  in  Cannes:  40.

Glasbläserei:  43,  44.

Glaubensbekenntnis:  91,  95,  365.

Gllenicke:  36.  (gen

omsda  v.  Buchholt,  Eugen  (geb.
1838),  Kapitän  z.  ½%.  80.

Gneist,  Rudolf  v.  (1816—  95),  Rechtslehrer
  und  Politiker:  247,  369.

Gobineau,  Josef  Arthur  Graf  v.
(1816  -  82),  Verfasser  von  La  Renaissance«:
  134.

Goeben,  August  v.  (1816  -  80),  General,
  1870/71  Führer  der  1.  Armee,
Steer  v.  St.  Ouentin:  142,  107,
Goethe:  11,  104.

Görlitz:  224.

Gortschakow,  Alexander  Fürst  v.  (1798
bis  1883),  1856—832  russ.  Mintster  des
Außern,  1870  —82  Reichskanzler:  82.

Görtz,  von,  vgl.  Schlitz.

Goschen,  Viscount  George  Joachim,
1880/81  engl.  außerordentlicher  Botschafter
  in  Konstantinopel,  1895  bis
1900  Erster  Lord  der  Admrralität:
261,  262.

Göschen,  Verlagshaus  in  Leipzig,  gegründet
  1785  von  Georg  Joachim  G.:
2  1.

Goslar:  36,  122,  Thronsessel:  6,  56.
Gotha:  43,  224.

405
        <pb n="428" />
        Gottberg,  Walter  v.  (1823—85),
1866  Oberst,  1871  Generalmasor,  1876
Generalleutnant,  1871—7)  Militärgouverneur
  des  Prinzen  Wilhelm,  1877
à  la  suite  der  Armee,  nach  Württemberg
  kommandkert,  1883  Kommandierender
  General  des  I.  A.-K.,  1884
General  der  Inf.:  71,86,  121,139,  364.

Gouda:  93,  94.

Gravesend:  250.

Gregor  VII.,  1073—85  Papfst:  68.

Gregorovius,  Ferdinand  (1821  bis
1891),  schrleb  u.  a.:  „Geschschte  der
Stadt  Rom  im  Mittelalter“  (8.  Bd.
Stuttgart  1850  ff.),  und,  Wandersahre
in  Italien“:  234.

Grenadierregiment  König  Friedrich
  Wilhelm  III.:  83.

Grenadierregiment  König  Friedrich
  Wilhelm  IV.  (1.  Bommersches
Nr.  2):  219,  303,  307.

Grenadterregiment  Paul,  rusfs.  Regiment:
  297.

Griechenland:  21,  s.  Olga.

griechischer  Unterricht:  60,  62,  84,
120,  128,  133.

„Grille“,  Aviso:  81,  82,  267,  268,
260,  270.

Grillparzer,  Franz  (1701—1872),
Olchter:  65.

Grodek,  Stadt  in  Galizien  bei  Lemberg
  am  18.  Juni  1015  von  Böhm-Ermolli
  erobert:  282.

„Grondeur“,  Drama:  39.
Hvohadmiral,  russ.  Panzerschiff:

70.

Großbritannien,  s.  Alice,  Alfred,
Arthur,  Beatrix,  Eduard  VII.,  Victoria,
  Wilhelm  IV.

„Großer  Kurfürst“,  Panzerschiff:  89.

Großgörschen,  Schlacht  1813:  41.

Groß-Ziethen:  189.

Grube,  Aug.  Wilh.  (1817—84),  Berf.
der  „Charakterbilder  aus  der  Geschichte
und  Sage“  (3  Teile,  19.  Aufl.  Leipz.
1876):  134.

Grünne,  Gräfin  Caroline  v.  (1820
bis  1913),  geb.  von  Christon,  Comtesse
  von  Rlbeaucourt,  Ehrendame,
später  Oberhofmessterin  der  Königin
Maria  von  Belgien:  177.

Güßfeldt,  Baul  (1840—1020),  Forschungsreksender
  (Westafrsta,  süd  amerkk.

406

Anden),  leltete  1873—75  die  Loango-Expeditlon,
  Mitglied  der  1800  berufenen
  Konferenz  zur  Neuregelung  des
höheren  Schulunterrichts,  1802  zum
Prof.  ernannt.  Schrleb:  „Kaiser  Wilhelms
  II.  Reisen  nach  Norwegen  in  den
ahren  1889  u.  18904.  Blu.  1800.
2te  Aufl.  unter  dem  Titel:  „Kasser
Wilhelms  II.  Reisen  nach  Vorwegen

1889—92“,  ebd.  1802.):  238,  239.

Haag:  92,  140,  364.

Haarlem:  92.

Häbringer,  Ad.  (1820—1902),  1869
bis  1890  Zahlmetster  b.  G.-Hus.-Rgt.:
213,  214.

Habsburg:  276.

Hacke,  Adelalde  Gräfin  v.  (1812—91),
1835—  00  Palastdame  der  Kaiserin  Augusta:
  116.

Haelschner,  Hugo  (1817—89),  Jurist,
1847  a.  o.,  seit  1850  ordtl.  Prof.  in
Bonn,  1870  Geh.  Justizrat:  158,  159.

Haenisch,  Eduard  v.  (geb.  1858),  Oberstleutnant
  a.  D.:  38.

Haeseler,  Gottlieb  Graf  v.  (1830  bis
1010),  1864,  1866  u.  1870  im  Stabe
des  Prinzen  Grledrich  Karl,  1880  Oberquartiermeister,
  1890—03  Komm.  des
XVI.  A.-K.,  1901  Generaloberst,  1905
Generalfeldmarschall,  im  Weltiriege  bei
der  5.  Armee:  108,  215.

Hagen,  Wilhelmine  (1854—  1917),
Schauspielerin,  1877  Gemahlin  des
Rürsten  Friedrich  zu  Sayn-Wittgenkein-Sayn
  (1836—1000):  136.

Hahnke,  Wilhelm  v.  (1833—1012),
1863  Hauptm.,  1867  Mafor,  1870/71
beim  Generalstab  der  III.  Armee,  18723
Oberstleutnant,  1875  Oberst,  1881  Generalmasor,
  1881—856  Kommandeur
der  1.  Garde-Inf.-Brigade,  1886  Generalleutnant
  u.  Kommandeur  der  2.
Garde-Inf.-Dv.,  1888  Generaladsutant
  Kaiser  Wilhelms  II.,  1888  bis
1901  Chef  des  Militärkabinetts,  1901
bis  1910  Gouverneur  von  Berlin  und
Seerbeleblsbaber.  (  den  Marken,  1905

eneralfeldmarschall:  220,  236,  237
238,  253,  260.  5

Hakenberge:  210.

Hals,  Frans  (1580—1666),  holländischer
  Bildnismaler:  92.
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        Hamburg:  82,  150,  151.

Hampton  Court  Palace,  Schloß
westl.  London:  252.

Handelspolitik:  242.

Hannibal  (247—183  v.  Chr.),  karthagischer
  Feldherr:  207.

„Hansa“,  Banzerschiff:  269,  270.

Hansea,  Korps  in  Bonn:  164.

Harke,  Emma  (geb.  1834),  Schauspielerin:
  136.

Harmodios,  Athener,  mit  Aristogeiton
Märder  des  Hipparchos:  137.

Harrach,  Ferdinand  Graf  v.  (1832  bis
1915),  Maler:  6,  45.

Harris,  Sir  Edward  Alfred  John
(1808—88),  Admiral.  Sein  Sohn
Edward  James  wurde  1889  Earl  of
Malmesbury:  140.

Harrow-on-the-Hill,  Stadt  in  der
engl.  Grafschaft  Middlesex,  berühmt
durch  die  1571  begründete  Schule  für
die  arfstokratischen  Kreise:  233.

Hartmann,  Eberhard  v.  (1824—91),
General  der  Inf.:  203.

Hartwig,  Theodor  (1837—1921),
1865  7B  Gyomnasialprofessor  in  Kassel,
dann  Direktor  in  Kassel,  später  in  Frankfurt
  a.  M.,  Geh.  Reglerungsrat:  126,
132.

Harz:  122.

Harzburg:  122.

Hasenheper,  Friedrich  August  (1823
bis  1891),  Maurermeister  in  Botsdam,
Hofmaurermeister  seit  1861:  221,  222.

Hauptmann:  187.

Hausarchiv:  7.

Havanna:  36.

Havel:  36.
eereseinteflung:  22.
eeringen,  Josias  v.,  Kurhess.  Oberhofmarschall,
  später  Präsident  der  Kgl.
General--Verw.  des  Kurfürstl.  Hausidelkommisses

  in  Kassel:  138.

„Heil  Dir  im  Siegerkranz“:  161,
168.

Heilige  Alltanz  (1815)e:  313.

Heiliger  Synod:  296.

Heinrich  III.  (1017—  70),  deutscher
Kaiser  und  König,  reglerte  selt  1039:  61.

Heinrtch,  Prinz  von  Battenberg  (1858
bis  1890),  dritter  Sohn  des  Prinzen
Alexander  von  Hessen,  Gouverneur  und
General-Kapitän  der  Insel  Wight,  1885

Heinrich,  Prinz  von

vermählt  mit  Prinzessin  Beatrifx,  Tochter
der  Königin  —*1  352.  t,  Loch

Preußen,  zweiter
Sohn  Kaiser  Friedrichs  III.,  geb.  14.  August
  1862,  trat  1877  in  die  Marine
ein,  1881  Leutnant  3.  S.,  1885  Kapfstänleutnant,
  1887  Korvettenkapitän,  1889
Oberst,  Kapttän  Kommandeur  1.  Matr.-Div.,
  1895  Generalmafor,  Kontre-Admtral,
  1897  Chef  des  2.,  1890  des
ganzen  ostasiatischen  Geschwaders,  1901
Admiral,  1906  Chef  der  Hochseeflotte,
1900  Großadmiral  und  Generalinspekteur
  der  Marine,  1914—  18Oberbefehlshaber
  der  Strekteräfte  in  der  Ostsee.
Seit  24.  Mal  1888  vermählt  mit  Brinzessin
  Irene  von  Hessen  und  bei  Rhein,
Kinder:  Waldemar  (geb.  1889),  Sigismund
  (1896),  Heinrich  (1000—04):
24,  27,  33,  36,  37  38,  43,  44,  54,
55,  68,  76,  70,  50,  81,  82,  83,  39,  92,
121,  122,  125,  140,  150,  152,  133,
154,  180,  236,  244,  258,  259,  264,
255  207,  271,  273,  274,  330,  342,

353.
Heinrich  VII.,  Brinz  von  Reuß-Schleiz

(1825—  1906),  1867—  76  Gesandter
und  (let1  Sy  Vooeschafter  in  Betersburg,
1877/78  Botschafter  in  Konstantinopel,
1878—94  Botschafter  in  Wien,  1876
verm.  mit  Brinzessin  Marie  von  Sachsen-Weimar:
  318.

Heinrich  XIII.  Brinz  von  Reuß  (1830

bis  1897),  General  der  Kav.  à  la  suĩte  der
Armeeund  General  ala  suite  Kalser  Wilhelms
  I.,  1871—  80  Kommandeur  des
Königs-Husaren-Regiments  (1.  Nheinisches)
  Nr.  7  In  Bonn,  1873  Oberst,
vermählt  mit  Anna  Reschsgräfin  von

ochberg,  Frekin  v.  Fürstenstein  (1830
(s  1910),  Tochter  des  Fürsten  v.  Pleß
und  Witwe  des  Prinzen  Heinrich
Reuß  XII.:  165.

Heinrich  XXIV.  Brinzvon  Neuß  jüngere

Linie  (Schleiz-Köstritz),  1855—1910),
Rittmeister  àla  suite  der  Armee  (Wohnsitz:
  Ernstbrunn):  165.

„Hektor“,  brit.  Kriegsschiff:  265.

ela  an  der  Danztiger  Bucht:  269.

Held,  Adolf  (1844—  80),  Nationalökenom,

  1868  a.o.  Professor,  1872  ordentl.
Professor  in  Bonn,  1880  nach  Berlin
berufen:  158,  160.

107
        <pb n="430" />
        elmholtz,  Hermann  Ludwig  Ferdsnand
  v.  (1821—04),  Bhosiker  und  Bhosiologe,
  vermählt  1861  in  zweiter  Ehe  mit

Anna  geb.  v.  Mohl  (1837—00):  10,  20.

Henckel,  Bictor  Graf,  Freih.  v.  Donnersmarck
  (1854—  1910),  studierte  in  Bonn
Rechtswissenschaft,  wandte  sich  der  diplomattschen
  Laufbahn  zu,  aus  der  er  1916
als  Wirkl.  Geh.  Rat  und  außerordentl.
Gesandter  und  bevollm.  Minister  In
Kopenhagen  ausschied:  164.

Heneage,  Kapltän  der  brit.  Kriegsmarine:
  265.

Herbert,  Obttmar,  Schauspkeler:  136.

Heringsdorf:  5.

Herkomer,  Hubert  v.  (1840—1914),
engl.  Maler:  252.

„Herkules“,  brit.  Kriegsschiff:  264,
265,  267.

Hermfsone,  dramat.  Versuch  des  Kaisers:
  135.

Herrfurth,  Ludwig  (1830—1000),
1873  Vortragender  Nat  im  Minksterium
des  Innern,  1881  Mintsterialdfrektor.
1882  Unterstaatssekretär,  1888—02
Minsster  des  Innern:  24,  360.
„Hertha“,  Korvette:  40.
Herwarth  von  Bfttenfeld,  Karl
Eberhard  (1706—1884),  Generalfeldmarschall:
  142,  165.  -
Hessen,  s.  Alexander,  Alice,  Alix,  Elisabeth,
  Ernst  Ludwig,  Friedrich  Wilhelm,
Irene,  Ludwig  IV.,  Marse.

3.  Hessisches  Infanterie-Regi—
ment  Nr.  83:  60.

Hetzendorf  bei  Wien:  85,  86,  87.

Heugel,  Kraft  v.  (1840—100),  Premlerleutnant
  im  3.  Garde-Grenadter-Regiment
  Königin  Ellsabeth,  kommandierk
  bei  der  Kriegsschule  in  Kassel,  später
Generalmasor  u.  Komdr.  d.  80.  Inf.=Brig.:
  138.

Heußner,  Friedr.  (1842—1917),  1866
bls  78  Lehrer  am  Gymnasium  in  Kassel,
späterer  Gymnastaldtrektor  u.  Reglerungsrat:

  126.
Hepden,  Aug.  v.  #132  ,  studserte
Bergwissenschaft,  besleldete  Stellungen
in  Bergwerksunternehmungen,  dann
Maler,  1882  Prefe  sor  der  Kostümkunde
an  der  Berliner  Akademse,  1800  Mitglled

  des  Staatsrats:  68,  69.
408

*  45,  51,  242,  266.

Heym,  Albert  (1808—78),  1848—76

Hofprediger  an  der  Friedenskirche  in
Potsdam:  94,  115.

Hinzpeter,  Georg  1827  -  1907),  Dr.
phil.,  Gomnasiallehrer,  1866  —77  Erzleher
  des  Brinzen  Wilhelm,  1890
Mitglied  des  preuß.  Staatsrats,  1004
des  preuß.  Lerrenhauses,  1903  Wirkl.
Geh.  Rat.  Schrieb:  „Katser  Wilhelm  II.
Eine  Skizze,  nach  der  Natur  gezeichnet“.
(Bielefeld  1838):  Vorw.,  8,  20,  23  ff.,
20,  30,  32,  33,  42,  43,  44,  46,  50,  54,
55,  77,  62,  64,  65,  67,  70,  80,  84,  88,
90,  92,  93,  119,  120,  121,  122,  123,
124,  121,  134,  135),  137,  139,  141,
144,  240,  363,  388.

Hipparchos,  Sohn  des  Pelssistratos,
527—  914  v.  Chr.  Torann  von  Atbhen:
137.

Hödel,  gen.  Lehmann,  Mazx  (hingerlchtet
16.  August  1878),  Klempnergeselle,  verübte
  11.  Mai  1878  ein  Attentat  auf
Kaiser  Wilhelm  I.:  172.

Hoepfner,  Paul  v.  (1849-  1924),
Premierleutnant  im  Ersten  Garde--Regiment
  z.  F.,  später  General  d.  Inf.:
189.

Hoffmann,  Johann  Robert,  Lakai  seit
1867,  später  im  Hofstaat  der  Kaiserin
Augusta:  48.

Hofmann,  James,  Sohn  des  bekannten
Chemikers  Aug.  Wilhelm  v.  H.  (1818
bis  1892):  63.

Hohenfinow:  1409,  150.

Hohenlohe-Schillingsfürst,  Gustav
Brinz  von  (1823—  96),  Kardinal-Priester,
  Erzpriester  von  Sta.  Maria  Maggiore
  in  Rom:  240,  251.

Hohenlohe-Schillingsfürst,  Konstantin
  Brinz  von  (1828—  96),  K.  u.  K.
Oberhofmesster,  Zeremonkenmesster  und
Adfutant,  Oberst  sämtl.  K.  u.  K.  Lebgarden:
  285,  310.

Hohenzollern,  Burg  in  Schwaben,
iburg  des  Färstenhausese  42.
„Dohenzollern“,  Kaiserl.  Bacht:  234
hhen  Kaiserl.  Bach  6

Hollande  89,  93,  139,  205,  337.
olleben,  Albert  v.  (1835—1900),

1876  Oberstleutnant,  1878  Chef  des

Stabes  IV.  A.-K.,  1881  Oberst,  1883

Abt.-Chef  im  Gr.  Generalstab,  später

(1894)  General  der  Inf.:  205.
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        Holleben,  Herm.  v.  (1804  -  78),  General
  der  Inf.,  seit  1864  Präses  der  Ober-Militärexaminations-Kommission,

Sept.  1877  z.  D.:  145.

Hollmann,  Friedrich  v.  (1842—  1013),
Admtral,  1890  —  97  Staatssekretär  des
Relchsmarkneamts:  36.

Holofernes,  Feldherr  NMebukadnezars,
getötet  von  der  füdischen  Witwe  Judith:
93,  94.

Holstein,  Provinz:  102.

Holtenau  bel  Kiel:  272,  273.

omburg  v.  d.  Höhe:  12,  54,  108,
119,  120,  173,  181,  206.
Homer,  griech.  Dichter,  dem  die,  Odyssee“
und  die  „Ilias“  zugeschrieben  werden:
62,  65,  128,  120.
Honved,  ungar.  Regiment:  291.
Hopffgarten,  Alex.  v.  (1879—1007),
Secondeleutnant  im  1.  Garde-Regiment
3.  F.,  spater  Masor:  180.
Horaz  (Horatius  Flaccus),  Ouintus,
römtscher  Dichter  (65—8  v.  Chr.),  verfaßte
  u.  a.  Satirae:  47,  112,  128,
130,  131.
Horbeguardg  3.
radschin,  Burg  in  Prag:  84,  284.
Hülsen-Haeseler,  Georg  Graf  v.  (1858
bis  1022),  1003  General-Intendant
der  Könlgk.  Schausfpiele:  136.
Humbert,  König  von  Italien  (1844  bis
1900),  regierte  seit  1878:  82,  184,  335.
Humboldt,Alexander  Freih.  v.  (1769  bis
1859),  Naturforscher  und  Weltreisender,
sein  Bruder  Wilhelm,  Sprachforscher
und  Staatsmann  (1767—1835):  66.
Husarenregiment,  ungartsches,  Nr.7:
282,  283.
Husarenregiment,  2.  Hess.  Nr.  14.  :  60.
Husarenregiment,  Thüring.  Nr.  12.:
229.

ussitenkriege:  84.
7  9  de  Paw,  Sommerhaus  des  Prinzen

  der  Niederlande:  140.

Hygiene:  12,  54.

mann,  Eduard  (1822—87),  Ad-Jachn
  1871—73  W“  t  der

Marine:  46.
Jacobs,  Frtedrich,  Verf.  des  „Griechichen
  Lesebuchs  für  äinher  „bearb.  von
Classen  (14.  Aufl.,  Jena  1847/48):

Jacoby,  Albano  v.  (1854  -  1910),  1878
Secondeleutnant  in  der  Leibkompagnie,
kommandiert  zur  Dienstleistung  bei  Brinz
Wilhelm,  1884  Adfutant,  1892  Hauptmann
  und  Flügeladsutant,  fräterer
General  der  Inf.,  General  à  la  suite
und  Bräses  der  Generalordenskommsssion:
  157,  173.

Jacoby,  Baurat:  74,  55.

Jagd:  36,  150,  173,  305ff.

James,  William  (gest.  1827),  Verfasser
von  „The  Naval  Elistory  of  Great
Britain  from  the  declaration  of  war
by  France  en  1793  to  the  accession  of
Pearse  IV.«  (6  Zde.  London  1837);

Janow  in  Gallzien:  282.

Japan:  6  8  6
asmund,  Seegefecht  (1864):  46.
Joßsman?,  Karl  v.  1r0h  1832),  1866
bis  1860  Hauptmann  und  Adjutant  des
Kronprinzen,  1870  bei  Gravelotte  gefallen:

  14.

Jekaterinburg:  169.

Jéröme,  (.  Bonaparte.

Jerusalem:  40.

Ihne,  Ernst  v.  (1848—  1017),  Geh.
Oberhofbaurat:  222,  356.

Ilfracombe  in  Devonshire:  176.

Iltas:  129.

Ilsenburg  im  Harz:  122.

Indien:  17,  136.

Infanterieregiment  König  von
Preußen  Nr.  34  („Breußeninfanterie“),
  ungarisches:  7,  280,  282

Inßanterteschteßschule  Spandau:=218.



„Inflextkble“,  brit.  Kriegsschiff:  255,
373,  374,  375.

Innere.  Mission:  19.

Instituttlonen,  Kolleg:  158.  4

Joachim,  Amalte,  geb.  Schneeweiß
(1839—090),  Sängerin,  1863  verm.
mit  Joseph  J.:  107.

Joachimsthalsches  Goymnasium,
dessen  Direktor  seit  1872  K.  Jul.  Heinr.
Schaper  (1828—86);:  62,  84.

Johann  Albrecht,  Herzog  von  Mecklenburg-Schwerin
  (1857—1920),  1895
Präsident  der  Deutschen  Kolonkalgesellu—iu“F—..
  —1001  Regent  von  Mecklenurg-Schwerin,

  1007—13  von  Braunschwelg:

  164.

400
        <pb n="432" />
        Joseph,  Erzherzog  Palatin  von  Ungarn
1797  -  1855),  Kinder:  Erzherzogin
lisabeth  (1831—  1903),  Lrzherzog
Joseph,  Veldmarschalleutnant  (1833
bis  1905)  und  Erzherzogin  Marta,
spätere  Königin  der  Belgier:  174.

Irene,  Prinzessin  von  Hessen  und  bei
Rhein,  geb.  11.  Juli  1866  als  Tochter
Großherzogs  Ludwigs  IV.  und  der
Großherzogin  Alice,  seit  24.  Mai  1888
vermählt  mit  Brinz  Helnrich  von  Preußen:
  169,  353.

Irving,  Sir  Henry  (1838—  1005),
engl.  Schauspieler:  254.

Italien:  11,  17,  63,  85,  183.  S.  auch
Humbert,  Margherita,  Victor  Emanuel
  II.,  Bictor  Emanuel  III.

Itzehoe:  1890.

Zudith:  93.

Zuristisches  Kolleg:  158.

Juste,  Karl  v.  (1832—1012),  Kunsthistoriker,
  seit  1872  Brofessor  in  Bonn:
158,  162.

Justinkanl.,  oström.  Kalser  (482  —  365),
herrschte  seit  527,  erließ  das  ?  Corpus
jurise:  1

Ivanhoe,  histor.  Roman  von  Walter
Scott:  65.

Iwan  IV.,  der  Schreckliche,  russ.  Großfürst
  (1530  —84),  1534  Zar:  302,  303.

Kachel,  Gustav  (1843—82),  1872
Hflfslehrer  an  der  Berliner  Baugkademie,
  1873  Brivatdozent  in  Berlin,
Lehrer  an  der  Lehranstalt  des  Kunstgewerbe-Museums
  und  der  Kinder  des
Kronprinzen,  gings  1874  nach  Karlsruhe,
wurde  dort  1878  Direktor  der  Landesgewerbeschule:
  63.

Kahle,  Marte,  geb.  Keßler  (1844—00),
Hofschausplelertn:  321.

Kahlenberg  bei  Wien:  86.

„Kakseradler“,  kalserl.  Bacht:  38.

Kaiser  Alexander  Garde-Grenadier-Regiment
  Nr.  1:  113,  376.

Plherstc  l,  Schloß  in  Schönbrunn:
280

Kalser  Wilhelm-Kanal:  272.

Kalakaua  I.,  König  von  Hawat  (1836
bis  1891),  regierte  seit  1874.  Ihm  folgte
in  der  Reglerung  seine  Schwester  Lilfuokalami,
  die  189  3von  derrepubllk.  Partei
gestärzt  wurde:  260.

410

Kalckstein,  Georg  v.  (geb.  1840),  seit
1868  im  Ersten  Garderegiment,  1881
Hauptmann,  à  la  suite  des  4.  Garde-Regts.,
  persönlicher  Adfutant  Prinz
Friedrich  Karls,  1885  im  Kalsser  Alerander
  Garde-Gren.-Rgt.  Nr.  1,  1805
Oberst  im  Ersten  Garde-Regt.  z.  F.,
1898  Generalmasor,  1902  Generalleutnant
  z.  D.:  227.

Kalisch:  365.

Kalttsch,  Richard  v.  (geb.  1822),  Oberforstmeister,
  Regierungsrat  bei  der  Reglerung
  in  Köln:  170.

Kälnoky,  Gustav  Graf  v.  (1832—98),
1881—95  österr.-ungarischer  Außenminsster:
  310.

Kalofnismus:  25,  26.

Kanada:  170.

Kapland:  373.

Kapuztinergruft,  Begräbnisstätte  der
Habsburger  in  Wien:  270.

Karl,  Herzog  v.  Croy  (1859—1900),
1888  vermählt  mit  Ludmilla  Prinzessin
v.  Arenberg,  seit  1902  Herzog.  Seine
Schwester  Prinzessin  Isabella  war  seit
378  Gemahlin  Erzherzog  Friedrichs:

48.

Karl,  Prinz  von  Preußen  gu#R  e3
Bruder  Kaiser  Wilhelms  I.,  preuß.
General-Feldzeugmelster  und  Chef  der
Artkllerle,  Katserl.  russ.  Generalfeldmarschall:
  35,  141,  148.

Karl  XII.,  König  von  Schweden  (1682
bis  1718),  regierte  seit  1697,  führte
den  Nordischen  Krieg  (1700  —21):;  310.

Karl  der  Große,  König  der  Granken
und  röm.  Katser  (742—814),  herrschte
seit  768:  6,  150.

Karl  der  Kühne,  Herzog  von  Burgund
  sett  140-  Herzog;  154.

Karl  Ludwig,  Erzherzog  von  Österreich

  (1833—  96),  Bruder  Kaiser  Franz

Josefs  I.,  Bater  Erz  erzog  Franz  Ferdinands,

  General  der  Kavallerie,  selt  1873

vermählt  in  3.  Ehe  mit  Prinzessin  Maria

Theresia  von  Braganza,  Infantin  von

Pertugal  (geb.  1855):  173,  174,  28,

Karl  Theodor,  Herzog  in  Bayern
1839—1909),  In  2.  Ehe  vermählt  mit
erzogin  nes  epha  von  Braganza,
Infantin  von  Portugal  (geb.  1855:
        <pb n="433" />
        Karlsruhe:  154,  210,  217,  342.

Kasino:  221.

Kassel:  24,  30,  33,  38,  60,  104,  117,
119,  120,  122,  123,  136,  137.  —  Augarten:
  124.  —  Frledrichsplatz:  137.—
Gürstenhof:  123,  124,  137.  —  Königsstraße:
  124.  —  Kriegsschule:  138.  —
Landwehrhagen:  123,  124.

Katharina  II.,  Kasserln  von  Rußland
*“*  geb.  BPrinzessin  von  Analt-Zerbst,

  Gemahlin  Beters  III.,  seit
1762  Regentin:  306.

Kaufunger  Wald,  Teil  des  hess.  Berglandes:

  126.

Kaulbars,  Alexander  Baron  v.  EGeb-1844),

  russ.  General,  1882/83  bu
Kriegsmintster:  315.

Kavallerfemitraklleuse:  219.

Kekule  von  Stradonittz,  Friedr.
August  (1820—96),  Chemiker,  seit  1867
Professor  der  Chemie  und  Dilrektor
des  Chem.  Instituts  in  Bonn:  158,
101.

Kekule  von  Stradonitz,  Reinhard
(1839—1011),  Archäolog,  1868  Brivatdozent
  in  Bonn,  1860  Konservator
am  Museum  in  Wiesbaden,  1870  Professor
  in  Bonn,  1889  Professor  an  der

niversität  und  Direktor  an  den  Kgl.
Museen  in  Berlin:  158,  161.

Kessel,  Gustav  v.  (1846—1018),  1878
Hauptmann  im  1.  Garderegiment  z.  F.,
1884  pers.  Adjutant  des  Prinzen  Wilhelm,
  1885  Mafor,  1886  pers.  Adjutant
  des  Kronprinzen,  1889  dienstt.
Elügeladsutant,  Oberstleutnant,  1891
Oberst,  1806  Generalmasor,  1896  General
  à  la  suite,  1890  Generaladsutant
und  1800  Generalleutnant,  1902  Kommandeur
  des  Gardekorps,  1909  Oberbefehlshaber
  in  den  Marken,  1904
Generaloberst:  227,  234,  238,  258,

351.
K  *  garden,  Botan.  Gartenbel  London:

252.
#r#  82,  150,  132,  180,  264,  266,
2607,273.—Bellevue:  266.—  Bülk.  180.
Kieler  Vrdeida  264,  268.
Kilez:  307,
Kircsbach,  Hugo  Graf  v.  (1809—87),
General  der  Inf.:  142.
Kirchenbesuche:  39,  47,  67.
Kirchenlehre:  91.

gar.

Kirchenparaden:  441.

Kisstinski  Oberst,  Kommandeur  des
4.  Neshwischischen  Grenadserregiments
Ferneeralfelbmars  chall  Barclap  de  Tolly:

Klassisches  Altertum:  21,  20.
Klee,  Sergeant,  späterer  Krongardsst:

Kleit,  Heinrich  v.  (777-  "•'
8  urich  v.  (1777  -  1811),  Dich

Kleist,  Karl  Freth.  v.  (1839—1912),
1883—86  Mafor  im  #’rinr
regiment,  1896  als  Generalleutnant

Sich-  4.  Frtedrich  Wilhel

eist-Retzow,  Friedri  ilhelm  v.
(1856—80),  1807  Secondeleutnant  im
1.  Garderegiment  z.  J.:  189.

Knatchbull-Hugessen,  Edward  Hugessen
  Baron  Brabourne  (1820—93),
6  5  von,  g  dtories  for  my  children-Knesebeck,

  Bodo  von  dem  (1851  bis
1911),  1879  Kabtnettssekretär,  seit  1884
Kabinettsrat  der  Kaiserin  Augusta,  1890
bis  1911  diensttuender  Kammerherr,  seit
1898  Vice--Oberzeremonienmeister  der
Kaiserin  Auguste  Viktorka:  165.

Knille,  Otto  (1832—98),  Maler:  68.

Knorr,  Ernst  v.  (1840—1020),  1865
Kapftänleutnant,  1883  Kontreadmrral,
1385  Bickadmiral,  1893  Admiral,  1899

z.  D.:  36.

Koblenz:  105,  106,  111,  166,  167,
168,  352.

Koburg,  s.  Sachsen-Koburg-Gotha.

Kögel,  Rudolf  (1829—96),  1863  Hofund
  Domprediger  in  Berlin,  1864  Oberkonsistorialrat,
  1873  Königl.  Schloßprediger,
  1879—91  Generalsuperintendent
  der  Kurmark,  1880Oberhofprediger,
1884  Mitglied  des  Staatsrats:  113.

Kohlenbergwerk:  44.

Kohlrausch,  Frledrich  (1780—1867),
Verf.  von  „Deutsche  Geschichte“  (Elberfeld
  18160):  61,  131,  134.

Kolberg:  271.

Köln:  197.

Kolontalpolitik:  242,  243.

Kolumbus,  Christoph  (1446—1506),
Entdecker  Amerikas:  66.

Kommandeur  des  Garde-Husaren-Regiments:
  211.

Kompagniechef:  188.

411
        <pb n="434" />
        Konfirmandenunterricht:  83,  89,
90,  94.

Königgrätz,  Schlacht  (1866):  5,  360.
Königin  Augusta-Garde-Grenadierregiment
  Nr.  4:  167,  208.
Könkgsberg:  182.
Königs-Grenadierregiment:  ,  79.
Königs-Husarenregiment,  1.  hein.
Nr.  7:  110,  164,  165,  170,  213.
„König  Wilhel  m’“,  Banzerschtff  45,40.

Kopp,  Georg  (1837—1914),  1887  Fürstbischof
  von  Breslau,  1803  Kardinal:
250,  251.

Körber,  Wilh.  v.  (1826—19154),  1877
Oberst  und  Kommandeur  1.  Garde-Geldartillerteregiments,
  1878  Kommandeur
  der  Garde-Feldarttllerkebrigade,
1883  Generalmasor,  1887  Generalleutnant,
  1888  z.  D.:  203.

Korfu:  161,  280.

Körösch,  Mädchen  von  (Körösy  läny),
ungarisches  Volkslied:  200.

Kostümkunde:  60.

Kotschubey,  Helene  Fürstin,  russ.  Oberhofmeisterin:
  383.

Kottbus:  15.

Krankenpflege:  12.

Krause,  Hermann,  Laryngologin  Berlin:
335,  336.

Kriegsakademie:  231.
Kriegsgeschichte:  206.
Kriegsspiele:  216,  221,  231.
Krimkrieg  (1853—56);:  51,  257.
„Kronprinz“,  Panzerschiff:  45,  264.

Kronstadt:  209,  370,  381,  382.

Krosigk,  Gebhard  v.  (1835—100),
1870—6  Oberst  des  Garde-Husarenregiments,
  später  General  der  Kav.:  25,
192,  193,  194,  100,  202,  212,  213,
217,  222,  202.

Krupp,  Friedr.,  A.  G.,  Hammerwerk
mit  Gußstahlfabrik,  1810  in  Essen  gegründet:
  44,  45.

Kulturkampf,  Kampf  1873—86  zwischen
  dem  preuß.  Staat  und  der  kathol.
Kirche:  170,  171,  248,  240,  291.

Kundrat,  Kammerdiener  Kaiser  Franz
Josefs:  288.

Kunst:  9,  10.

Kunstgeschichte:  128,  158,  161.

Kunstgewerbe:  9,  11,  10.

Kupferhammer:  43.

Kürassterregiment  Nr.  6:  108.

412

Lago  Maggtore:  11,  333.  —

Lainzer  Tiergarten  bei  Wien,  im
Wiener  Wald:  36.  212

Lambsdorff,  Graf.  v.,  russ.  Generalmasor
  à  la  suite:  202.

Lasker,  Eduard  (1820  —84),  Rechtsanwalk,
  fortschrittl.);  später  nationalliberaler
  Politiker:  136.

Lateintscher  Unterricht  (Sprache):
29,  60,  62,  84,  133.

Laue,  Bilcewachtmeister  im  Garde-Husarenreglment
  (1882):  102.

Lauer,  Gustav  v.  (1808/80),  Generalstabsarzt
  der  Armee  und  Chef  des  Militärmedizinalwesens,
  seit  1858  Leibarzt
Kaiser  Wilhelms  l.:  112,  330.

Lebenslauf,  s.  Curriculum  Vitae.

Le  Hävre:  81.

Lehndorff,  Heinr.  Graf  v.  (1820  bis
1005),  1366  Glügeladfutant,  1876
General  à  la  suite,  1885  Generaladsutant,
  April  1888  General  der  Kav.,
27.  Junk  1888  z.  D.:  107,  108,  100,
110,  310.

Lehnin:  70,  108.

Leib-Garde-Husarenregiment:
239.

Leib-Garde-Kürassierregiment,
russ:  299.

beb-Husaren-Negtment,  1.  Nr.  1.:
260

Leibrock,  Gustav  A.,  Verf.  von  „Chronsè
der  Stadt  und  des  Gürstentums  Blankenburg,
  der  Grafschaft  Regenstein  und  der
Klöster  Michaelstein  und  Walkenried“
(2  Bde.  Blankenburg  1864/65)e:  122.

Lespziger,  (später  Leipzig)  Georg  v.
(geb.  102n,.  1876  Secondeleutnant  im

zdarde-  egiment  z.  F.:  später  Oberst

Lektüre:  65,  134.

Lemberg:  5,  282.

Lend:  320.

Deo  XllI.,  1878—100  Papsft:  250,  251.

Leopold  ll.,  König  der  Belgier  (1833
bis  1000),  regierte  selt  1865.:  44,  173,
174,  175,  175.

Leopold,  Herzog  von  Albany,  Herzog
zu  Sachsen  (1853—84),  4.  Sohn  der
Königin  Victoria  von  Großbritannten:  3.

Leopold,  Prinz  von  Bayern,  geb.  1846,
1905eneralfeldmarschall,  1917berstkommandserender
  im  Osten:  285,  286.
        <pb n="435" />
        Lesen,  Unterricht:  23.

Lessing,  Julius  (1843—1008),  1871
bis  1807  Prof.  und  Lehrer  an  der  Technischen
  Hochschule  Berlin,  1872  Direktor
der  Sammlung  des  Kunstgewerbemuseums:
  19.

Le  Strange,  Commander:  265,  2607.

Leuthold,  Rudolf  v.  (1832—  1003),
1001  preuß.  Generalstabsarzt  der  Armee,
seit  1882  Leibarzt  Kaiser  Wilhelms  l.,
später  Kaiser  Wilhelms  II.,  Chef  des
Sanitätskorps,  Direktor  der  Kaiser
Wilhelm-Akademie,  Brof.  an  der  Universität
  Berlin:  112,  113,  321,  343.

Leyden,  Ernst  v.  (1832—  1010),  Mediziner:
  324.

Lepden,  Stadt  in  Holland:  140.

Lichterfelder  Kadettenhaus:  88.

Liebenau,  Wilhelm  v.  (1840—1000),
1875  Masor,  1874—-77  pers.  Adjutant
des  Kronprinzen,  1878—82  milltär.
Beglelter  des  Prinzen  Wilhelm,  1882bis
1888  Hefmershell,t86-—  20  berheoll
marschall:  157,  170,  173,  190,  292,  322.

Liegnitz,  Fürstin  Auguste  von  (1800
bis  1873),  geb.  Gräfin  Harrach,  1824
morganaktsch  vermählt  mit  König  Friedrich
  Wilhelm  III.  von  Preußen:  35.

Lifeguards,  First:  236.

Lindau,  Nudolf(1829—  1910),  Schriftsteller,
  1871—78  der  Pariser  Botschaft
  attachiert  für  Breß=  und  Handelsangelegenheiten:
  179.

Lindequtst,  Oscar  v.  (1838—1919),
1881  Oberst,  1882—  87  Kommandeur
des  1.  Garde-Regts.,  1890  Generaladsutant,
  1911  Generalfeldmarschall:
206,  233.

Lippe,  Leopold  Graf  und  Edler  Herr
zur  Lippe-Biesterfeld  (1846—1008),
Hauptmann  im  1.  Garde-Feld-Artl.=Regt.,
  späterer  Generalleutnant  à  la
suite  der  Armee:  203,  204.

Lissa,  Seeschlacht  20.  Juli  1866  zwia
  en  den  Osterrelchern  und  den  Italenern:
  268.

Ktteraturunterricht:  104.

„Ltvely“,  brit.  Dampfyacht:  265.

Lochnagar,  1083  m  hoher  Berg  –C
Schottlano,  südlich  von  Balmora
Castle:  176.

Lo  .  Walter  v.  (1828—1008),  Generalfeldmarschall,
  seit  1880  Generaladfutant

  Kalser  Wilhelms  I.,  1888  Kalser
Friedrichs  III.,  war  1867—71  Kommandeur
  der  Känigshusaren:  110,  111,
112,  165,  208,  213,  234.

Loersch,  Hugo  (1840—1007),  Jurist,
1865  Prlvatdozent,  1873  a.  o.,  1875
o.  Brof.  in  Bonn,  1891  Mitglied  des  Herrenhauses
  und  Kronsondieus:  138,  150.

Lofoten:  238.

London:  71,  72,  74,  179,  252,  279,
262,  276,  333.  —  British  Museum:
251.  —  Buckinsham  Balace:  72,  262.
—  National  Galery:  251.  —  Wallace
bollertton:  251.  —  Westminster  Abbey:

Lopez,  Franc.  Salano  (1827—70
1862  ½  von  —Mime  fiel  7
Aquidaban:  229.

zLord  W  arden“,  brit.  Kriegsschiff:  265.

Löwe,  Karl  (1796  1869),  Lieder=  und
Balladenkomponist:  135.  Die  „Glocken

von  Speyer“"  sind  gedichtet  von  Max
v.  Oer.

Lowestoft:  258.

6
Kutse,  Großherzogin  von  Baden,  Tochter
  Katser  Wilhelmsl  .,  geb.  3.  Dezember

43
        <pb n="436" />
        1838,  seit  1856  Gemahlin  Großherzo
Friedrichs,  gest.  23.  April  1923:  16,
56,  99,  102,  105,  106,  110,  112,  113,
134,  216,  217,  342,  344,  368.

Lufse,  Prinzessin  von  Großbritannien,
4.  Tochter  der  Königin  Victoria,  geb.
18.  März  1848,  vermählte  sich  21.  März
1871  mit  John  Douglas  Sutherland
Campbell,  Marquis  of  Lorne,  späterem
Herzog  von  Argyll:  75,  179.

Lusse,  Prinzessin  der  Niederlande,
füngste  Schwester  Kalser  Wilhelms  I.,
geb.  1.  Februar  1808,  seit  1825  Gemahlin
  des  BPrinzen  Friedrich  (1707
bis  1881),  gest.  6.  Dezember  1870:
47,  90.

Luise  Margarethe,  Herzogin  von
Connaught,  geb.  Prinzessin  aan  Preußen
(18560—  1917),  Tochter  Brinz  Friedrich
  Karls,  1870  Gemahllin  Prinz
Arthurs,  Herzogs  von  Connaught:  74,
180.

Lutter  &amp;amp;  Wegner,  berühmte  Wein-Hube
  in  der  Charlottenstraße  zu  Berlin:

Lützen,  Schlacht  (1632):  89.

Lütgelstein  (auch  La  Petite  Pierre),  Fort
im  Kreise  Zabern,  Bezirk  Unter-Elsaß,
am  9.  August  1870  von  den  Franzosen
geräumt,  14.  August  von  der  III.  Armee
besetzt:  53.

Lyon:  372.

Lptton,  Edward  Nobert  Bulwer  Earl
of  (1831—  91),  engl.  Staatsmann  und
Dichter,  Sohn  des  bekannten  Roman-Erifcstellers,
  1887—91  Botschafter  in

aris:  261.

Mackenzte,  Sir  Morell  (1838—92),
engl.  Larpngolog:  330,  331,  332,  333,
334,  336,  343,  350,  351.

Mac  Mahon,  Edme  Batrice  Maursce
Graf  von,  Herzog  von  Magenta  (180k
bis  1893/),  französ.  Marschall,  1872
bis  1870  Bräsident  der  Republik:  170.

Madrid:  40.

Magdeburg:  14,  70.

Magnussen,  Chr.  Karl  (1821—95),
Maler:  70,  88.

Magnussen,  Harro  (1861—1908),
Bildhauer:  79.

Masor  à  la  suite:  180.

Maison  militairei:  108.

414

Manchester,  Herzog  von,  s.  Montagu.

Manteuffel,  Edwin  Frelh.  v.  (1800
bis  188),  preuß.  Generalfeldmarschall,
1879—85  Statthalter  von  Elsaß-Lothringen:
  142,  181,  182.

Marghersta,  Königin  von  JItalken
(185°1—1926),  geb.  Prinzessin  von
Savoyen,  1868  Gemahlin  König  Humberts
  I.  (18414—  1900):  82,  184.

Martavon  Burgund  (1457—82),  Tochter
  Karls  des  Kühnen,  147)  vermähle
mit  dem  späteren  Kalser  Maximilitan  I.:
194.

Marta  Feodorowna,  Kasserin  von
Rußland,  geb.  Brinzessin  Dagmar  von
Dänemark  (geb.  18,  1866  Gemahlfn
Katser  Alexanders  III.:  294,  323,  327,
376.  377.

Marfa  Henrfette,  Königin  von  Belgien,
  geb.  Erzherzogin  von  Osterresch
(1830—1902),  Gemahlin  König  Leopolds
  II.:  173.

Marfa  Theressa,  deutsche  Kasserin
(1717—80),  regierte  seit  1740:  88,
291.

Marie,  Prinzessin  von  Preußen  (1808
bis  77),  Tochter  des  Großherzogs  Carl
Freorcch  von  Sachsen-Weimar,  1827

emahlin  Prinz  Karls,  Bruders  Katser
Wilhelms  I.:  35.

Marte,  Fürstin  zu  Wied  (1841—1910),
Tochter  Pein  Friedrichs  der  Niederlande,
  1871  vermählt  mit  Wilhelm

Fürst  zu  Wied:  47.

arie,  Brinzessin  von  Reuß,  geb.  Brinzessin
  von  Sachsen-Weimar  (1840  bis
1922),  1876  vermählt  mit  Brinz  Heinrich
  VII.  Reuß:  321.

Marte,  Brinzessin  von  Hessen  und  bei
Rhein  (1874—78),  7.  Tochter  Großherzog
  Ludwigs  IV.:  160.

Martne:  14,  38,  70,  263.

Mark  Brandenburg:  7,  69,  137.

Mark  Twain,  Pseudonym  des  amerlkantschen
  Humortsten  Samuel  Langhorne
Klemens  (1835—1910):  231.

Marlborough  Houfe:  251.

arrpat,  Fredersck  (1702—1848),
Verf.  engl.  Seeromane:  65.

i———  “u

ugust  O,  Steg  Prinz  Friedri
Karls  über  Bazaine:  238.
Narseklle:  72.
        <pb n="437" />
        Martinitz,  Jaroslaw,  Borita,  Reichsgraf
  v.  (1582  -  1649),  österr.  Staatsmann,
  wurde  mit  Slawata  für  Verlegung

  des  Masestätsbriefes  verantwortlich

  gemacht  und  23.  Mal  1618  von
protestant.  Abgeordneten  aus  dem  Pra-87

  Schlosse  zum  Fenster  hinausgestürzt:
R  ub  m  atik;:  29,  61,  62,  63,  84,  120,

Maurenbrecher  Wilh.  (1838—92)

Geschichtschreiber  1867  Prof.  in  Borpat,

  1869  Köntgsbergs  1877  Bonn,
,  160.

Leipzig:  15
auve,  Eberhard,  gen.  v.  Schmidt

1832—86),  1882—85  Oberst  und
Kommandeur  des  1.  Garde-Feldartl.=Regts.:
  203.

Mazimiltan,  Katser  von  Mexlko,  Erzherzog
  von  Osterrelch  (1832—67),  seit
1864  Katser:  87.

axse,  Sir  Heury  Berkeley  Fitzhardinge
  (1832—83),  1863—  81  Gouverneur
  von  Helgoland:  45.

ay,  vgl.  Marie  Brinzessin  von  Hessen.

WeNeill,  Sir  John  Carstairs  (1831
bis  1004),  Generalmasor,  General=—
  der  Königin  Bictoria:  279,

260,  263.
Mecklenburg-Schwerin,  s.  Alexandrine,
  Johann  Albrecht.
eerengen:  319,  3259.

Melnecke,  Joh.  Rud.  (1817—1905),

seit  1870  Unterstaatssekretär  im  Finanzministerium,
  ett  Gerrenl.  Geh.  Nat,
1884  Mitglied  des  Staatsrats:  246.
Meiningen,  Prinzen  von,  Bettern
Kaiser  Wilhelms  II.:  Bernhard  (geb.
13.  Ernst  (geb.  1859)  und  Eriedrich
—1919):  24,  37.
Meiptngent  Di#m#t  negeselszaft  Herzog
  Georgs  Il.  von  Sachsen-Melningen:

7.
Meister,  Marfa,  geb.  Becker  Geb.1840  7
Mutter  des  späteren  Reglerungspra  .r
denten  Karl  Wilhelm  v.  M.  Geb.  1863):

243.
Melbpe,  Dankel  Hermann  Anton  (1818
bis  1875),  dän.  Seemaler:  150.
Menzel,  Adolfv.  (1815—1905),  Ma  er

und  Zeichner:  68.
Menzel,  Carl  Adolf,  Konsistorkal=  und
Schulrat  in  Breslau  Verf-  zahlreicher

#

histor.  Werke,  darunter  „Neuere  Geschder
  Deutschen  selt  der  Reformation“.
706  Bde.  Breslau  1854ff.):  131.
eran,  Franz  Graf  v.,  Freiherr  v.
Brandhofen  (1839—91):  284,  285.
„Meteor“,  Kanonenboot:  36.
Meyer,  Jürgen  Bona  929—5  ,
Pxölosopkk  1868  Prof.  in  Bonn:  158,

Meyer,  Okto  (1842—90),  Hauptmann
à  la  suite  d.  3.  Thür.  J.-R.  Nr.  71,
später  Oberst  u.  Kommandeur  des  Bad.
Inf.-Regt.  Nr.  114:  145.

Michael  Afkolasew#tsch,  Großfürst
(1832—10909),  vermählt  1657  mit  Prinzessin
  Cäcilie  von  Baden  (1839—91),
Tochter  des  Großherzogs  Leopold  von
Baden  und  füngste  Schwester  des  Großherzogs
  Frledrich  l.  von  Baden,  Schwagers
  Kaltser  Friedrichs  III.  Ihr  zweites
Kind  war  Großfürstin  Anastasia,  nachmalsge
  Gemahlin  Großherzogs  Friedrich
  Franz  III.  von  Mecklenburg-Schwerin,

  deren  3.  Kind  Kronprinzessin
Cecklie  war:  204,  322.

Michelhof,  holl.  General:  364.

Michelmann,  Gutdo  (1823—98),1882
Generalmafor,  1886  als  Generalleutnant
  z.  D.:  209.

Mieg,  Armand  (geb.  1834),  bayr.
Offizler,  1872  Hauptmannu.  Direktionsmitglied
  der  Mllitärschteßschule,  1880
D.  Konstrukteur  des  Inf.-Gewehrs
88:  147.

Milan  Obrenowütsch  I.,  Könkg  von  Serbien

  (1854—  1901),  1868  Fürst,  1882
bis  1889  König:  316.

Milttärkabtnett:  107,  192,  237,  338.
S.  Albedpll.

Militz:  148.

Milsutin,  Dmitri  Graf  v.  (1816
bis  1912),1861—  81  russ.  Kriegsminister:

82,  182.
Millafs,  Sir  John  Eoerett  (1829  bis
1896),  engl.  Maler:  252.
Mintkstertum  des  Innern:  246.
Minst:  305.
Miqu  el,  Johannes  v.  (1828—1901),
1890—1901  preuß.  Finanzmintster:

246.

Mirbach,  Ernst  Freih.  v.  (geb.  1844),
Oberhofmeister  und  Kabinettschef  der
Kalserin  Auguste  Bifktorfa:  341.

415
        <pb n="438" />
        Mischke,  Albert  v.  (1830—1005),  1866
Masor,  1870  —  78  pers.  Adsf.  des  Kronprinzen,
  1878  Milktärgouverneur  des
Prinzen  Waldemar,  1880  Generalmasor,
  1885  Generalleutnant,  1889
General  d.  Inf.:  13,  58,  60.

Mittelmeer:  46  ff.

Moltkee,  Helmuth  Graf  v.  Gsoo-  9##
preuß.  Generalfeldmarschall,  1858—
Chef  des  preuß.  Generalstabes,  Leiter
der  2  1866  und  1870/71,  1888
Präses  der  Landesverteldigungskommission:
  100,  141,  208,  227,  231,  242,  328.

Moltke,  Helmuth  v.  GdS-i.F  1210,
Neffe  des  Generalfeldmarschalls,  preuß.
Generaloberst  und  Generaladsutant,
1906  bis  14.  September  1914  Chef  des
Generalstabes  der  Armee:  147.

Moncrieff,  George  Hay  (geb.  1836),
Oberst  im  Regiment  der  Scots  Guards:
255.

Monrepos:  170.

Montagu,  William  Drogo,  Herzog  von
Manchester  (1823  90),  1852  vermählt
mit  Luise  Gräfin  von  Alten  (1832  bis
1911):  110,  262.

Montmorency,  Anne  de,  Herzog  v.
(1403—  1507),  Connctable  von  Frankr.:
203

Monts,  Alexander  Graf  v.  (1832—89),
Admiral:  200.

Monumenta  Germaniae:  176.
Monza:  184.

Mores,  Antoine  Marquls  von  M.  (geb.
1858),  Sohn  des  Herzogs  dell'  Asinara
und  von  Vallombrosa:  48.

Moser,  von:  122.

Moskau:  169,  300,  301  ff.,  308,  324,
378,  385,  386.  —  Kreml:  301,  304.  —
Krönungsbkirche:  303.—  Sperlingsberg:
303.  —  Wassilis  Blashinnp-Kathedrale:
302.

Moß,  von:  38.

Moßner,  Walter  v.  (geb.  1846),  1887
Masor,  1800  Oberstleutnant,  1893
Oberst,  1887—  95  im  Garde-Hus.-Regt.,
1006  General  der  Kav.  à  la  suite  des
Garde-Hus.-Regts.,  1892—95  Flügeladfutant
  Katser  Wilhelms  II.:  165,  213.

Mount-Edgecumbe,  Earl  of,  zunächst
Kammerherr  des  Prinzen  von  Wales,
1880  Oberkammerherr  der  Königin
Victoria,  1890  Oberhofmeltster:  260.

416

München:  226,  227.
Münden  a.  d.  Werra:  122.  —
Münster  von  Derneburg,  Jürrst
Alexander  (1858  —  1022),  Dr.  iur.  et
cam.,  kgl.  preuß.  Major:  164.
Mürzsteg:  285.

Museumsbe  suche:  7,  37,  07,  120.
Musitk:  37.  .

Nancyx33.

Napier,  Robert  Cornells,  Lord  Napler
of  Magdala  (1810—903,  brit.  Fridmarschall:
  17.

Napoleon  l.,  Katser  der  Franzosen
(1769—1821),  1804—  15  Kalser:  85,
303.

Napolcon  III.,  Kalser  der  Franzosen
(1103—73),  1852—70  Katser:  137,
13

Nasse,  Erwin  (1820—90),  Natlonalökonom,
  1856  Prof.  kn  Basel,  dann  in
Rostock,  1860  in  Bonn,  seit  1874  Borsitzender

  des  Vereins  für  Soztalpolketk,

1992  Mitglied  des  Herrenhauses:  158,
159.

Nassir  ed-Din,  1848—96  Schah  von
Persien:  126.

Nationalökonomie:  158.

Natzmer,  Oldwig  v.  9842—90),  1877
Hauptmann  im  1.  Garde-Rgt.  z.  F.,
später  Generalleutnant:  187.

Nebelthau,  Friedr.  Aug.  Wilh.  (1806
bis  1875),  seit  1864  Oberbürgermeister
von  Kassel:  138.

Nelson,  Horatto,  VBiscount  (1758  bis
180)5),  brit.  Admiral:  71,  77.

Nepomuk,  Johann  v.,  Heiliger  (um
1330—93),  Batron  Böhmens:  85.

Nepos,  Cornelius  (ca.  100  —  25  v.  Chr.),
röm.  Geschschtschreiber,  schrieb:  oDe
Viris  illustribuse:  62.

Neubronn  von  Eisenburg,  Franz
Freih.  v.  (1842—1917),  Masor,  1883
Batl.-Führer  des  1.  Batl.  1.  Garde-Feld-Urt.-Rgt,später
  Generalleutnant:

Neufahrwasser:  270.

Neuktirchen,  von,  gen.  v.  Nyvenhelm,
Aug.  Freih.  v.  (1847—1000),  Rlttmeister
  im  2.  Leib-Husaren-Rgt.,  Adfutant
  Katser  Friedrichs  III.  zuletgt  Oberst
und  Kommandeur  der  18.  Kav.-Brig.:
183,  184.
        <pb n="439" />
        Neumann,  Gust.  v.  (1846—1021),1878
Hauptmannd  la  suite  des  Rhein.  Fußart.-Rgts.
  Nr.  8,  Lehrer  an  der  Krlegs-(chue
  Potsdam,  später  Generalmasor:

45.

annundneunztg  Tage:  18,  106,
345.

Neuwied:  170.

Newa:  377.

Newakas#:  293.

Newcastle:  258.

Nem  Forest:  63.

Newport:  76.

Nibelungen:  65.

Nlederlande:  93,  s.  auch  Frtedrich,
Lusse,  Sophle,  Wilhelm  III.

Nlederwald:  194.

Nieswiecz:  305,  306.

Nikolaus  l.,  Katser  von  Rußland
(1796  -  18855),  regierte  seit  1825:  307,
313,  314.

Nikolaus  II.,  Kalser  von  Rußland
(1868—  1918),  reglerte  seit  1894,  1894
vermählt  mit  PBrinzessin  Alix  von  Hessen
(Alexandra  Feodorowna  1872—1018):
169,  202,  293ff.,  322,  324,  327,  376,
377,  378,  384.

Nikolaus  Miechailowitsch,  russischer
Großfürst  (1850—1919),  Sohn  des
Großfürsten  Michael  Rikolasewttsch,
Bruder  des  Katsers  Alezander  II.,  General
  der  Inf.  und  Generaladfutant:
326.

Nikolaus  Nikolasewitsch  (der  Alere),
russ.  Großfürst  (1831—91),  Bruder  Kaiser
  Alexanders  II.:  322.

Nimes:  52.

„Niobe“,  Segelfregatte:  152,  154.

Nishnisf-Nowgorod:  325.

Nobtling,  Karl  E.  (1848—78),  verübte

  2.  Junt  1878  ein  Attentat  auf

Katser  Wilhelm  I.:  172.

Nogat:  328.  6
Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung
378.

Norderney:  45,  263.
Nordsee:  45,  70,  258.

Norwegen:  176,  239,  272.
„Notus“,  Werftdampfer:  180.
Nowgorod:  25,  296.

Nürnberg:  6.

Novenhein,  von,  pogl.  Neukirchen,

Freiherr  v.

27  Aus  meinem  Leben

Obernth,  Hugo  v.  (1819—1901),  General
  der  Inf.,  1879—88  Kommandeerender
  General  des  XIV.  A.-K.:

Oberstund  Kommandeur  des  Garde-Husaren-Regiments:
  210.

Obrutschew,  Alkolat  (1820—1904)
russ.  General  und  Panslawist,  1881  –968½
Chef  des  Generalstabs,  1898  Mitglied
des  Reichsrats:  383.

O'-Danne,  Premterleutnant  im  Gren.=Rgt.
  Köntg  Friedrich  Wilhelm  IV.
(1.  Bomm.)  Nr.  2,  18567—71  Militärgouverneur
  des  Brinzen  Wilhelm,  1871
Hauptmann  im  Inf.-Rgt.  Nr.  56,
1872  a.  D.:  30,  121.
Oetinger,  Günther  v.  (1821  —  81),
1872  Oberst,  1871—76  Kommandeur
des  Inf.-Regts.  Nr.  83,  zuletzt  Generalmafor:
  138.

Oevnhausen:  4,  44.
Offistersexamen:  145.
Ohlendorf,  Eduard  Freih.  v.  (1858
bis  1920),  Rittmeister  a.  D.:  164.
Oldenburg,  s.  Friedr.  Aug.,  Georg.

Olga,  Königin  von  Griechenland  8
1851),  Tochter  des  Großfüsten  Konstantin
  Nikolajewitsch,  1867  Gemahlin
König  Georgs  I.:  295,  377.

„Olga“,  Kreuzerkorveite:  271.

Olmütz,  Olmüger  Bunktationen  vom
November  1850,  unter  russischem  Druck
geschlossener  Vertrag  zwischen  Osterreich
und  Breußen  zur  Schllichtung  der  deutschen
  Wirren,  schwere  Niederlage  Preußens:
  182.

Olompia:  21.

Oper:  377.

Oppeln-Bronikowskk,  Karl  v.  (geb.
1857),  1878—87  im  Ersten  Garde-Rgt.
  z.  F.:  38.
Oppeln-Brontkkowski,  Walter  v.
(1859  —1912),  seit  1877  in  der  kais.
Marine,  später  Korvettenkapstän:  38.
Orange,  Stadt  im  französischen  Departement
  Baucluse:  72.
Orankenstein:  170.
Ordonnanzoffizier:  108,  200.
Ortent:  49,  184.—

Orkola,  Luise  Gräfin  v.  (1824—99),
Hofdame  der  Prinzessin  von  Preußen,  seit
1501  Palastdame  der  Königin  Augusta:
110.

417
        <pb n="440" />
        Orloff-Dawydoff,  Graf  A.,  Generalleutnant,
  Obersthofmeister,  Präsident
der  Moskauer  Hofverwaltung:  301.

Ornamentzeichnen:  63.

Osborne:  3,  4,  72,  75,  76,  78,  154.

Oskar  ll.,  König  von  Schweden  (1820
bis  1007),  regierte  seit  1872:  359.

Ostende:  194.

Osterrelch,  s.  Albrecht,  Elisabeth,  Franz
Gerdinand,  Franz  Josef  I.,  Friedrich,
Karl  Ludwig,  Maximtllan,  Nalner,
Rudolf.

Ssfterrelsch-Ungarn:  83,  183,  276,
2990,  303,  316,  319,  325,  329,  344,
381,  384,  386,  387.

Ostrumellen:  315,  316.

Osftsee:  4,  5.

Otto  l.,  deutscher  Katser  (912—973),
regierte  selt  936:  61,  70.

Ovid(kus),  Bublius  Naso  (43  v.  Chr.
bis  17  n.  Chr.),  röm.  Oichter:  60,  61.

Orford:  253.

Palatta,  Korps:  164.

Baléologue,  Maurice  (geb.  1859),
französischer  Diplomat  und  Schriftsteller,
  1013—  18  Botschafter  in  Betersburg.
  Schrieb:  „Am  Zarenhof  während
des  Weltkrieges'  (München  1925):  169.

Bandekten,  Hauptbestandteil  des  Corpus
  juris  civilis:  159.

Pape,  Alexander  v.  (1813—95),  1880
General  der  Inf.,  1882  Oberbefehlshaber
  in  den  Marken  und,  seit  1884
Kommandeur  des  Gardekorps,  1386
Generaloberst  mit  dem  Range  als  Generalfeldmarschall:
  111,  112,  200,  201,
208,  211,  216,  217,  218,  223,  231.

Paraguay:  220.

Paraden:  194.

Parts:  101,  102,  179,  180.  —  Louvre:
170.  —  Musé  de  Clund:  170.  —  Notre
Dame:  170.  —  Ste  Chapelle:  170.  —
Thsatre  Francass:  180.  —  Tuilerien:

179.
Be  rkhurst  bei  Newport  (Insel  Wight):
7

Parztival,  Held  der  Artusrunde,  dargestellt
  in  Wolfram  von  Eschenbachs  „B.“
(1200  —10),  danach  durch  R.  Wagner
in  dem  Bühnenwelhesplel  „Parsifal“:
68,  228.

Patroklos:  129.

418

Bavia,  Schlacht  (1525):  134.
Bavlowsc,  russ.  Regiment:  377.
Pegli  bei  Genua:  183,  184.
„Benelope'“,  brit.  Kriegsschiff:  265.
Penn  Brothers,  Maschinenfabrik:  81.
Perponcher-Sedlnicy,  Frtedrich
Graf  v.  (1828—  1909),  General  der
Kav.,  selt  1864  Hofmarschall:  116,
1

319.

Persien,  s.  Nassir  ed-Din.

Persius,  Konrad  (1836—1003),  1868
bis  1903  Prediger  an  der  Heiligen  Geistkirche
  in  Potsdam:  40,  89,  90.

Persius,  Ludwig  (1803—  45),  Oberhofbaurat,
  Architekt  König  Frtedrich  Wilhelms
  IV.:  80.

Persius,  Geh.  Reg.-Rat:  90.

Peter  d.  Gr.  (10672—1272),  1682  Zar,
1721  Kasser  aller  Russen:  205.

„Beter  der  Große“,  russ.  Kriegsschiff:
379,  380.

Peterhof:  300.

Petersburg:  202,  203,  295,  206,  300,
301,  323,  325,  376,  381,  385,  386,
387.  —  Alexander-Newsfkifkloster:  200,
300.  —  Anitschkoff  Balals:  301.  —
Eremstage:  200.  —  Hofstallmuseum:
200.  —  Zeter-Baulsfestung:  204.  —
Winterpalats:  203,  295,  207,  376,  377,
378,  270,  381,  763.

Petersburger  Grenadterregiment
Friedrich  Wilhelm  III.:  202.

Betersdorff,  Ernst  v.  (1841—  10083),
1870  Hauptmann  im  1.  Garde-Negt.
3.  F.,  1870  Masor,  1894  Generalleut--nant:
  143.

Petery,  Anton  (1781—1881),  preuß.
Generalleutnant:  101.  .

Pfuel,Km-tv.(geb.1849),Hauptmann,
1886-88zurDienstceiInmgbekPrknz
Wilhelmkommandiertundålasuite
des  Generalstabs,  1888  Masor  und
dienstt.  Flügeladfutant,  1907  General
d.  Kav.:  322.

Bhaethon,  Sohn  des  Hellos:  60.

Bhllipp,  Graf  von  Flandern  (1837
bis  1005),  Bruder  Leopolds  II.  von
Belgien:  175.

Phflologen  20.

Philosophie:  9,  158,  160.

Pbasuse  138.  O

ccolomini,  Octavio,  Fürst,  Herzo
von  Amalsi  (4  9  le  di  “  i-
        <pb n="441" />
        Piloty,  Karl  v.  (1826—86),  Historienmaler:
  228.

Btus  IX.  (1792—1878),  1846—78
Papst:  240.

Blanto,  Ernst  Edler  von  der  (1836  bis
1910),  Oberst,  später  Generaloberst:
210

Bleß,  Hans  Heinrich  X.,  Fürst  von
(1806—  55):  165.

Blessen,  Hans  v.  (geb.  1841),  1870
Masor  und  Flügeladfutant  Kaiser  Wilhelms
  l.,  1892  Generaladfutant  Katser
Wilhelms  Il.  und  bis  1918  Kommandant
  des  Gr.  Hauptquartiers,  1908
Generaloberst:  110,  2690.

Blewna:  148,  388.

Blomouth:  71.  .

Podhorce,  Schloß  bei  Brody:  282.

Polen:  248.

Polltik:  9.

„Bommeransa“,  Avlso:  273.

Port  Mahon  auf  den  Balearen:  38.

Porta  Westfal  sca:  44.

Portsmouth:  71,  77,  78,  255P,  370.

Port  Victoria:  203.

Botsdam:  23,  34,  36,  39,  40,  48,  56,
64,  68,  83,  89,  122,  137,  138,  139,  142,
144,  148,140,  151,  171,  176,  180,184,
187,  198,  211,  222,225,228,  236,  239,
240,  243,  246,  260,  304,  313,  319,
320,  322,  352,  356.  —  Babelsberg:  94,
99,  200,  219,  225.  —  Baumgartenbrück:
  108.  —  Bornstedt:  14,  34.  —
Bornstedter  Feld:  37,  145,  102,  199,
200,  218,  230.  —  Caputh:  36.  —
Dreilinden:  202.—  Friedenskirche:  39,
94,  95,  181.  —  Juchsberge:  34.  —
Gaisberg:  36.  —  Garnisonkirche:  34,
41.  —  Glienicke:  36.  —  Hellige  Getstkirche:
  80.  —  Zungfernsee:  36.  —  Kommandantur:
  236.  —  Lustgarten:  41,
144,  207,  217,218.  —  Marmorpalats:
225.  —  Matrosenstation:  36,  356.  —
Neuer  Garten:  36.  —  Neues  Palats:
34,  48,  101,  322,  331,  356,  357,  358,
359.  —  Pfaueninsel:  34,  36,  377.  —
Pfingstberg:  34.  —  Sanssouci:  32,  34,
35,  27.  70,  94,  357.  —  Stadtschloße
34,  225,  236.  —  Milla  Liegnitg:  35,
271.  —  Wildpark:  34,  37,  56.

Pourtalês,  Frledrich  Graf  v.  (geb.
1873),  1907—14  deutscher  Botschafter
in  Petersburg:  165.

27“

Brag:  84,  284.
remterleutnant:  142.
—’r  k,  russ.  1.  Garde-Reg.:

Breußen,  s.  Adalbert,  Albrecht,  Alexander,
  Augusta,  Auguste  BViktorta,  Tharlotte,
  Elifabeth,  Frledrich  II.,  Friedrich
  III.,  Frledrich  Karl  „Friedrich
Wilhelm  I.,  Friedrich  Wilhelm  III.,
Frtedrich  Wilhelm  IV.,  Georg,  Heinrich,

arl,  Luise,  Marte,  Radztwill  Fürstin
Lutse,  Stgismund,  Bictorta  Katserin,
Bictorta  Prinzessin,  Viktorka  Lutse,
Taldemar,  Wilhelm  I.,  Wilhelm  Kronprinz.


„Breußen“,  Banzerschiff:  89,  264.

Brimkenau:  224.

„Brinz  Adalbert“,  Kreuzer-Fregatte:
180,  244,  271.

„Brinzeß  Weilhelm-,  Kreuzer-Korse:

  *!  m  drich  b
rinz  riedri  von  omburg
Schauspiel  von  H.  v.  n  237.

PBrinz  Hekurich-Tüsiliere,  —
Regiment  Brinz  Heinrich  von  Preußen
(Brandenburg.)  Nr.  35:  108.

Bristewitz  und  Gaffron,  Arthur  v.

1844—1006),  Rittmetster  im  Husarenr*
  Nr.  14,  nahm  1877  den  Abschted:

Brivatrecht:  158.
Brotestantenverein,  Deutscher,

1865  begründet:  90.

„Brovence',  franz.  Panzerschiff:  51,  72.
Brovinztallandtag:  241.
Bustertal:  333.

Buttkamer,  Robert  Victor  v.  (1828
bis  1000),  1870—  81  preuß.  Kultusmintster,
  18831  —  88  Minister  des  Innern
und  Bizepräsident  des  Staatsministeriums,
  1891—90  Oberpräsident  von
Pommern:  234,  358.

Pyramiden:  49.

Radolin  „Fürst  Hugo,  bis  1888  Graf
Radolinski  (1841—  1017),  1876—81
erster  Sekretär  bei  der  Botschaft  in
Konstantinopel,  1884—88  Hof=  bzw.
Oberhofmarschall  des  Kronprinzen  und
Kaisers  Friedrich,  1892—94  Botschafter
  in  Konstantinopel,  1895—  1000
in  etersburg,  1900  —  10  in  Paris:
356.

419
        <pb n="442" />
        Radziwill,  Anton  Fürstl1833—1904),

General  d.  Artl.,  Generakadsukant  Katser
—  I.:  107,  109,  110,  305  ff.
r  -

Radziwil's,O  Eltsa  BPrinzessin  (1803
bis  1834),  Tochter  des  Gürsten  Anton  R.
(1775  bis  1833):  102,  103.

adziwill,  Georg  PBrinz  (1860  bis
1215),  Sohn  des  Generaladjsutanten
Fürst  Anton  R.:  38.

adztwill,  Leo  Fürst  (1808—  89),
russ.  Generalleutnant:  306.

Radziwill,  Lutse  Fürstin  1770—1830),
geb.  Brinzessin  von  Breußen,  seit  1796
Gemahlin  des  Fürsten  Anton  R.  (1777
bis  1833),  preuß.  Statthalters  im  Großherzogtum
  Bolen:  102,  103.

Nadziwill,  Matthlas  Brinz  (1842  bis
1900),  Kammerherr  des  Zaren:  300.

Radztwill,  Wanda  Brinzessin  (1813
bis  1845),  Schwester  der  Prinzessin
Elisa,  1832  vermählt  mit  Brinz  Adam
Czartorpfé  (1804—  80):  103.

Radziwill,  Wilhelm  Brinz  (184  bis
1911),  Bruder  des  Generaladfutanten
Fürst  Anton  R.:  309.

Radziwillmo  nte,  Radztwillscher  Besitz
  bei  Kilez:  307,  308.

Rainer,  Erzherzog  von  OÖsterresch  (1827
bis  1913),  1557—60  Präf.  des  Reschsrats,
  18661—65  im  Mintst.  Schmerling,
18568—  1906  Lelter  der  österr.  Landwehr,
  vermählt  mit  Erzherzogen  Maria
Karolfna  (1825—1915),  Lochter  Erzherzoge
  Karl:  87.

Rammelsberg  bei  Goslar:  122.

Ranke,  Leopold  v.  (1795—1886),  Hibortfer:

  20.  us

angaun,  Heinrich  Graf  zu  (1834—01),
1872  Mafor  im  1.  Garde-Regt.,  1870
Dberstleutnant,  1890  Generalleutnant:

Rangau,  Kuno  Graf  zu  (18423—1017),
1877—80  Komm.  Hllfsarb.  im  Ausw.
Amt,  1880—88  Vortragender  Nat,
1886  —  91  preuß.  Gesandter  in  München,
1878  vermählt  mit  Marta  Gräftn  Bismarck,
  Tochter  des  Fürsten:  243.

Raschdau,  Ludwig  (geb.  1849),  Gesandter
  a.  D.,  1887—  94  Vortragender
Nat  im  Ausw.  Amt:  242.

Raschdorff,  Jullus  (1823—1914),

Berliner  Baumetster:  349.

420

f

Ratibor,  Victor  Herzog  von,  Prinz  zu
Hohenko  he-Schtilingsfürst  (1918—933:
210.

Rageburg,  Kapitänleuknant,  Kommandant
  der  „Grille“:  81.

Rauch,  Chrtstlan  (1777—1857),  Bildhauer:
  69.

Rauch,  Mortimer  v.:  38,  44.

Raven,  v.,  Rittmelster  im  Westf.  Drag.=Regiment
  Nr.  7:  138.

Rechenberg,  Jultus  Freih.  v.  (1812
bis  1892),  Wirkl.  Geh.  Leg.-Rat,  Generalkonsul
  in  Warschau:  305.

Rechnen,  Unterricht:  20.

Rechtswsssenschaft:  158.

Regensteln  im  Harz:  122.

Reglerungs-Jubsläum  des  Kalsers
(1913):  191.

Rehme-Oeynhausen:  44.

Nelchenhalle  215,  227,  228,  318,  322,
307.

Reschensperger,  Aug.  (1808—9),
Appellationsgerschtsrat,  Mi#tbegründer
der  Zentrumspartei:  159.

Reschsanzelger:  329.

Reschsbank:  326.

Reschsgesundheitsamt:  12.

Reschsinsignien:  6.  ·

Reichskleinodien:  6,  86.

Reichstag:  56.

Reid,  Sir  James  (geb.  1849),  1881
bis  1901  Resid.  Phosickan  to  Oueen
Victoria,  1887—89  PBhosictan  in  Ordinary,
  1899—  1910  Physician  in  Ord.
to  King  Eward  VII.:  73,  113.

Reinhardsbrunn:  4,  42,  224.

Rels,  Karl  (1829—08),  Kompontst,
Dfrigent  an  der  Oper  in  Kassel:  136.

Reitunterricht:  26,  32,  138.

Nellgtonsunterricht:  26,  64,  90.

Rembrandt  (1606—69),  ntederländ.
Maler:  92.

Renz,  Zirkus  in  Berlin:  37.

„Repulse“,  bric.  Kriegsschiff:  265.

Neuß,  s.  Heinrich  VII.,  XllI.,  XIV.,
Marte.

Rex,  Otto  v.  (geb.  1857),  1870—7“
Kadett  in  Botsdam,  später  Kommandeur
2%%  Lehr-Inf.-Batl.,  1911  Oberst:  38,

Rhein:  105,  166,  168,  170,  134.
Rheinische  Mustfeste:  166.
Rheinland:  184.
        <pb n="443" />
        Rheinsberg:  70,  7J1.  1
Rschmond:  252.

Richter,  Gust.  (1823—84),  Maler:  68.
Rlesengebirge:  4.

60th  Rifles,  engl.  Negiment:  254.
Robinson,  Schtiffsbauer:  373.
Robinson  Crusoe,  Roman  von  Defoe
(1719):  65.

Roeder,  Eugen  v.  (geb.  1855),  Kgl.
preuh.  Kammerherr  und  Mafor  a.  D.:

38.

Roehl,  Karl  v.  (1810—91),  1870
Kommandeur  der  43.  Inf.-Brig.  Kassel,
zuletzt  Generalleutnant:  138.

Rogge,  Bernhard  (1831—1919),  1862
bis  1906  Hof=  und  Garnisonprediger
in  Potsdam:  41.

Roggenbach,  Franz  Frelh.  v.  (1825
bis  1007),  1861—65  bad.  Haus=  und
Außenmintster,  1871—73  Mitglied  des
Reichstags:  16,  17,  170,  337,  338.

Nohrbeck,  v.,  Kammerfrau  der  Katserin
Charlotte  von  Rußland:  300.
„Roland“,  Radbanwpfer  45.

Rollfing,  Joseph  (1856  —1920),  seit
1881  ZBüchsenspanner  Kaiser  Wilhelms
  II.,  später  Oberkastellan  von
Neubabelsberg:  286,  310,  311,  313.

Rom:  18,  240,  290,  335.

Roon,  Albrecht  Graf  v.  (1803  -79),
preuß.  General,  1879—73  Krilegsminsster,
  1861—71  auch  Marlneminister,
1873  Generalfeldmarschall  u.  Minssterpräsident:
  70,  100.

Rosebery,  Archibald  Earl  of  (geb.
1847),  1885  Großsiegelbewahrer  und
Bautenminsster,  1886  und  1892—04
engl.  Staatssekretär  des  Außern,  1894
bis  1895  Bremserminister:  243.

Rosenberg,  Peinrich  v.  (1833—1900),
1870  Mafor,  führte  1877—83  das
Brandenburg.  Husaren-Regt.  Nr.  3,
später  General  d.  Kav.:  25,  202,  230.

Ropal  Bombay-Fuflleers  103:

6.

4  oyal  Loulse“,  Segelfregatte,  erbaut
nach  dem  Entwurf  des  Schiffbaumessters
Long  auf  der  Werft  zu  Woolwich,  kam
1832  als  Geschenk  König  Wilhelms  IV.
von  England  in  den  Besitz  König  Grledrich
  Wilhelms  III.,  22.  Zuni  1832  durch
Lord  Adolphus  Fitz--Clarence  felerlich  #
übergeben,  1926  abgewrackt:  36.

Rückversicherungsvertrag,  Gehelmvertrag
  zwischen  Rußland  und  Deutschland
  vom  18.  Juni  1887  auf  3  Jahre,
in  dem  sich  beide  Staaten  wohlwollende
Neutralstät  im  Falle  elines  Krleges  zuicherten:
  326.

RNudersport:  32,  36.

Rudolf,  Erzherzon  und  Kronprinz  von
Osterreich  78—89),  Sohn  Kaiser
Granz  Josefsl.,  1881  vermählt  mit  Brinzessin
  Stephante  von  Belgien:  85,  86,
276,  79,260,  281,  284,  285,  289,  200.

Rühle,  Baul  (1823—76),  1860—76
Prof.  für  Mathem.,  Bhysik  u.  Geschschte
am  Joachimsthalschen  Gomnaslum  zu
Berlin:  62,  84.

Rumänten,  (.  Ellsabeth.

Rumelklen:  315,  316,  319.

Russell,  Mr.  Odo  (1829—85),  sekt
1881  Lord  Ampthill,  1871—84  brit.
Botschafter  in  Berlin:  141.

Rußland:  8,  99,  181,  182,  183,  291ff.,
31P  ff.,  325,  326,  327,  328,  344.  S.
Alexander  I.,  Alexander  II.,  Alexander
  III.,  Alexandra,  Alexei,  Tharlotte,
Georg,  Jwan  IV.,  Fatharina  II.,  Maria
Feodorowna,  Nikolaus  I.,  Nikolaus  II.,
Nikolaus  Milchaflowftsch,  Nikolaus
Mkolasewitsch,  Beter  d.  Gr.,  Sergius,
Wladimir.

Sachsen,  (.  Albert.
Sachsen-Koburg-Gotha,  s.  Albert,
Alfred,  Ernst  II.,  Ferdfnand  J.
Sachsen-Meiningen,  s.  Bernhard,
Georg  II.
Sachsen-Weimar,  s.  Eduard,  Sophie.
Sagen:  29,  68.
Salnt-Cloud:  180.
Satnte-Marguerite,  Insel  vor  Cannes:
  40.
Saint-Brivat-la-WMontagne,  am
18.  August  1870  von  den  Deutschen  genommen:
  38,  83.
Saint-OQOueniin,  1870  deutscher  Stieg
unter  v.  Gocben:  168.
Salnt-OQOueniin,  (.  Bigot.
„Saint-Vincent“,  engl.  Schiffssungenschulschiff:
  7).
Sallustius,  Gafus  S.  Crispus  (87—35
v.  Chr.),  röm.  Geschichtschrelber:  124.
Saltzmann,  Karl  (geb.  1847),  Marinemaler:
  270,  271.

421
        <pb n="444" />
        Salza,  Hermann  von  (gest.  1239),  seit
1210  Hochmeister  des  Dt.  Ordens:  80.

Salza  und  Lichtenau,  Ernst  Freih.  v.
(1860  —1926),  Herr  auf  Sornssig  bet
Pommritz,  1900  16  sächs.  Gesandter
in  Berlin:  80,  164.

Salza  und  Lichtenau,  Hermann

Fretb.  v.  (1858—1011),  königl.  sächs.
asor  und  General  à  la  suite:  80.
Salza  und  Lichtenau,  Hermann  v.
1829  —  1015),  Herr  auf  Wutschke,  Kgl.
ächs.  Wirbkl.  Geh.  Rat,  Bater  von
Ernst  und  Hermann  v.  S.:  80.

Salzburg:  217,  320,  321.

Sandt,  Joseph  Karl  v.  (1826  -  90),
Geh.  Reg.-Rat,  Landrat  des  Kreises
Bonn:  157,  158.

San  Remo:  16,  333,  334,  337,  330,
342,  344,  347,  348,  350,  388.  —
Villa  Zirio:  334,  335,  342.

Savoven-Dragoner,  österr.  Dragoner-Regt.
  Savoyen  Nr.  3:  287.

Sayn-Wittgensteln-Berleburg,
Prinzen:  1.  Franz  (1842—  1000),  zunächst
  österr.  Offizier,  später  bapr.  Major,
2.  Otto  (1842—1011),  ebenfalls  zunächst
  österr.  Offizier,  später  sächs.  Oberst,
zuletzt  preuß.  Generalleutnant:  23.

Sayn-Witegensteln-Sayn,  Frledrich
  Fürst  zu  (1836—1000),  seit  1880
nach  Verzicht  auf  den  Fürstentitel  Graf
v.  Altenkirchen,  seit  1800  (russ.  Titel)
Fürst  zu  Sapn  und  Wittgenstein,  1877
vermählt  mit  Wilhelmine  Hagen  (18°4
bis  1917):  136.

Schaafhausen,  Hermann  (1816—93),
Anthropolog,  1844  Privatdozent,  1855
außerordentl.  Brofessor  in  Bonn:  162.

Schachtmeyper,  Hans  v.  (1815—9y),
General  der  Inf.,  1878—85  Komm.
General  des  XIII.  A.-K.:  211.

Scheffel,  Bict.  v.  (15.6  —386),  Dlchter,
verfaßte  u.  a.  den  histor.  Roman  „Ekkehard“:
  68.

Schencking,  A.,  deutscher  Konsul  in
Toulon:  90,  51.

Scheuffgen,  Franz  Jacob  (1842  bis
1907),  Dompropst,  Gomnasialdirektor
"4  Saargemünd,  später  in  Montigny:
250.

Scheveningen:  89,  91,  92,  94,  120,
140,  263,  363,  364.

Schießen:  32,  36.

422

Sch  kller,  Friedrich  v.:  43,  65,  66,  69,

136.

Schlegel,  Maler:  63.

Schlelsnttz,  Alexander  Graf  v.  (180)7,
bis  1885),  1848,  1840  —  0  und  1858
bis  1861  preuß.  Min,  des  Ausw.,  1861
bis  1885  Minister  des  Kgl.  Hauses,  selt
1865  vermählt  mit  Maria  geb.  v.  Buch
(1842—1012,  zum  zweltenmal  vermählt
  mit  Anton  Graf  v.  Wolkenstein-Trostburg):
  115,  116.

Schleswig,  Stadt:  70.

Schleswig-Holstein:  180.

Schleswig-Holstein-Sonderburg
Augustenburg,  s.  Auguste  Biktorta
Christlan,  Frledrich  VIII.

Schlichting,  Sigismund  v.  (1829  bis
1909),  General  der  Inf.,  1885  bis
1888  Kommandeur  der  Garde-Inf.=Div.:
  210,  348.

Schlieffen,  Alfred  Graf  v.  (1833  bis
1913),  1876—84  Kommand.  1.  Garde-Ulanen-Regts.,
  1881  Oberst,  später
Generalfeldmarschall,181  1906Chef
des  Generalstabes  der  Armee,  seit  1802
Generaladfutant  des  Katsers,  Verf,.  der
berühmten  Studien  über  Cannä:  20)7,
237.

Schlittschuhlaufen:  138.

Schlitz,  Emitl  Graf  und  Herr  von  Sch.
genannt  v.  Gört  (1851—1914):  24,

Sn0.  f.  der,  Exerzlerplatz  bei

melz,  auf  der,  Exerzierpla  e
Wien:  282,  283.  J  "6

Schlözer,  Kurd  v.  (1822—94),  1882
bis  1892  preuß.  Gesandter  beim  Batikan:
  250.

Schlußprüfungsaufgaben  des  Großen
  Generalstabs:  221.

Schmidt,  Morttz  (1838—1007),  Larongolog,
  Sanstätsrat  in  Frankfurt
a.  M.:  334.  ·

Smtot-Tochsen,  Bauer  auf  Wyk:

Scholz,  Adolf  v.  (1833—1024),  1880
Staatssekretär  des  Relchsschatzamts,
1482—90  preuß.  Finanzminsster:  246,

Sehne  „rang  Graf  18  7  400,
Kardsnalpriester  und  Fürst-Erzbtschof
von  Prag,  Brimas  von  Böhmen:  250.

Schönbrunn:  85,  86,  280,  281.

Schönhausen:  40.
        <pb n="445" />
        Schorre,  Karl  (1821-  87),  1851—84
Lehrer  für  Mathem.  u.  Raturw.  am
Goymnasium  in  Kassel,  Prof.:  126.

Schottisches  Hochland:  176,  333.

Schrader,  Oberstabsarzt,  seit  1838
Generalarzt:  330,  337,  359.

Schreibunterricht:  23.

Schrippenfest:  397.

Schrötter,  Gustar  v.  (1830—  1019),
18564  Hauptmann,  1865  im  Gr.  Generalstab,
  Dezember  1865  —  August  1867
Militär-Gouverneur  des  Brinzen  Wilhelm,
  à  la  suite  des  Garde-Feld-Arklll.-Regts.,
  1868  Mafor,  1872—76
Milktärbevollmächtigter  an  der  Londoner
  Botschaft,  1876  Oberst,  1882
Generalmajor,  1886  Generalleutnant,
z.  D.:  22,  30.

Schrötter,  Leopold,  Ritter  v.  Kristellt
(1837—1008),  Larpngolog  in  Wien:
335,  336.

Schulenburg,  Graf  von  der:  4).

Schüler,  Seminarlehrer:  23.

Schulreform:  28,  134,  230.

Schulze,  Wilhelm  (1854—1926)(),  seit
1870  Kammerdlener  des  nachmaligen
Kaisers  Friedrich  III.,  1888  Kalser  Wilhelms
  II.:  337,  391.

Schulze-Delisbsch,  Hermann  (1808
bis  1883),  Polktiker  und  Volkswirt,
seit  188  M.  d.  R.  (Fortschrittspartel):
  136.

Schumann,  Feldwebel  in  der  2.  Komp.
Ersten  Garde-Regts.  z.  F.:  188,  189.

Schumann,  Klara  (1819—906),  Gattin
  von  Nobert  Sch.,  Klavierspielerin
und  Komponistin:  107.

Schwarg,  russ.  Admiral:  379.

Schwarzer  Adlerorden:  18,40,  107,
109,  141,  182,  202,  205,  337.

Schwarzwald:  42.

Schweden,  s.  Karl  XII.,  Oskar  II.

Schweinitz,  Hans  Lothar  v.  (1822  bis
1001),  preuß.  General,  1871—76  Botschafter
  in  Wien,  1876  -  93  in  Petersburg:
  202,  200,  382,  383,  385,  336,

S##etn

weiz:  52.  4
Scweninger,  Ernst  (1850  —1024),
Mediziner,  berühmt  durch  seine  erfolgreiche
  Behandlung  des  Fürsten  Bisck:

  243.
Schwimmsport-  26,  31,  35,  127,  137.

Scipi  o,  Publius  Cornelius  Africanus

d.  A.  (235  -  183  v.  Chr.),  beendete
durch  die  Schlacht  bei  Zama  den  2.
Punischen  Krieg:  207.

Scots  Guards,  brit.  Regiment:  255.

Scott,  Sir  Walter  (1771—1832),
shett.  Oüchter  u.  Romanschriftsteller:

“  *lv
Sebastopol,  im  Krimkrieg  belagert  u.
S  P4  r  Albert  F

eckendorff,  ert  Freih.  v.  (1840
bis  1021),  Kapitänleutnant,  “##
Admtral,  1885  Flügeladfsutant  Katser
Wilhelms  I.,  1877  Milltär.  Beglekter,
1888  Hofmarschall  Brinz  Heinrichs  von
Breußen:  152,  153,  273.

Seckendorff,  Götz  Graf  v.  (1842
bis  1910),  Kammerherr,  später  Oberhofmeister
  der  Katserin  Frledrich:  6,
17,  18,  165,  183.

Sedan,  Schlacht  (2.  September  1870):
55,  236.

I.  Seebatafllon:  274.

Segelsport:  32,  81.

Seherr-Thoß,  Günther  Frekh.  v.
(1839—1926),  späterer  Regierungspräsident
  von  Liegnitz:  164.

Sell,  Karl  (1810—70),  Jurist,  seit
1840  Prof.  in  Bonn:  162.

Serafewo:  173.

Serbsen:  316,  s.  Milan  I.

Sergfus  Alexandrowitsch,  Großfürst
von  Nußland  (1857—10059),  5.  Sohn
Zar  Alexanders  lI.,  seit  1884  verheiratet
  mit  Prinzessin  Elisabeth  von
Hessen  und  bei  Rhein:  169,  376,  382.

Seymour,  Lord:  30.

Shakespeare:  65,  136.

Sheerneß:  290.

Siebengebirge:  197,  166.
Sigismund,  Brinz  von  Preußen,  geb.
19.  September  1864,  gest.  18.  Juni
1866,  Sohn  Kaiser  Friedrichs  III.:  5,
9,  39.

Sblberhochseit  Kaiser  Wilhelms  II.:
191.

Slawata,  Wilhelm,  Graf  v.  Chlum
und  Koschumberg  (1572—1652),  1618
böhm.  Statthalter  und  Kaiserl.  Rat,
vgl.  Martinitg:  84.

Slionitza,  Dorf  im  NW  von  Sofia,
1885  Sieg  der  Bulgaren  über  die
Serben:  316.

423
        <pb n="446" />
        Sobiteski,  Doban  III.  (1624—90),
König  von  Polen  seit  1674:  307.

Soffa:  316,  327.

Sommer,  Sitegfried  (1850—19025),
Mitschüler  des  Kalsers  in  Kassel,  späterer
Oberlandesgerichtsrat,  Geh.  Zustizrat:
125.

„  Sommernachtstraum’',  Drama
von  Shakespeare,  Wusik  von  Felix
Mendelssohn-Bartholdy:  3.
Sondershäuser  Berg:  122.
Sophtie,  Königin  der  Niederlande
(1818—70),  Tochter  des  Königs  Wilhelm
  I.  von  Württemberg,  vermählt
1839  mit  Wilhelm,  Brinz  von  Oranien-Nassau,
  nachmaligem  König  (1840
bis  00)  Wilhelm  III.:  93.

Sophte,  Großherzogin  von  Sachsen-Weimar
  (1824—97),  geb.  Prinzessin
der  Niederlande,  1842  Gemahlin  des
Großherzogs  Karl  Alexander  (1818
bis  1901):  321.

Sophokles  (4906—406  v.  Chr.),
attischer  Tragiker:  131.

Soztale  Frage:  9,  27,  28.
Soztalpolftisches  Kolleg:  158.
Spandau:  101,  207,  218,  210.
Spandauer  Kanal:  356.
Spanten:  206,  f.  Alfons  XII.
Span.  Bürgerkrieg,  Karlistenkrieg
(1833—40):  167.

Spencerhouse:  259.

Sphlnz:  40.
Spiele:  37.
Spftfort:  255.
Splthead:  264,  276.
Sport:  137,  163.  gl.  auch  Fechtunterricht,
  Florettfechten,  Jagd,  Reitunterricht,
  Rudersport,  Schießen,  Schlittschuhlaufen,
  Schwimmsport,  Segelsport,
Turnunterricht,  Wasesersport.

Ssemenov-Leibgarderegtment:
376.

Staatsministertium:  339.

Staatsrecht:  158.

Staatsschuldenwesen:  158.

Staats=  und  Rechtsgeschichte:  158.

Stadtmission,  Berliner:  340,  341.

Stambul:  324.

Stambulow,  Stephan  Nikolow  (1855
bis  1895),  1887—94  bulgar.  Minister
präsident:  317.

Stargard:  41,  219,  262.

424

Stechow,  Reinhard  (1819—93),  seit
1895  Prediger  an  der  Dorotheenstädt.
Kirche  in  Berlin.

Steinmetz,  Karl  Griedr.  v.  (1706  bis
1877),  preuß.  Generalfeldmarschall,
1865  Kommandeur  des  V.  A.-K.,
1870  der  1.  Armee  beis  Spschern,  Gravelokte-St.
  Brivat:  141,  147.
Stettin:  89,  210.

Stiehle,  Gust.  v.  (1823—90),  General
  der  Inf.,  1886—88  Chef  des  Ingenleur=
  und  Pionterkorps:  360.

Sttllfried,  Rudolf  Graf  v.,  Graf  von
Alcantara  (1804—  82),  seit  1853  preuß.
Oberzeremontenmetster:  6,  141.

Stintzing,  Roderich  v.  (1825—83),
Jueis4,  seit  1870  Professor  in  Bonn:
158,  150

,  .

Stöcker,  Adolf  (1835—1000),  prot.
Theolog.  und  Polltiker,  1874—00  Hofprediger
  in  Berlin,  Gründer  der  Christlich-sozialen
  Bartel,  seit  1877  Leiter
der  Berliner  Stadtmission:  340.

Stockmar,  Ernst  Freih.  v.  (1823  bis
1886),  1858—63  Brivatsekretär  der
Kronprinzessin,  seit  1861  Kammerherr:
1

Stoesser,  Walter  v.  (1856—  1915),
1885  Secondeleutnant  im  Garde-Husaren-Regiment,
  später  Rittmeister
a.  D.  und  Katserl.  Reglerungsrat:  214.
Stolberg,  Otto  Graf  zu  Wernigerode
65#N  4%  selt  1900  Fürst  zu  St.,

raf  zu  Wernigerode:  341.

Stosch,  Albr.  v.  (1818—  96),  General
u.  Admtiral,  1872—83  Chef  der  Admiralitaͤc,
  preuß.  Staatsminister:  14,

5  0

Strafprozeß:  158.

Strafrecht:  158.

Straßburg:  215,  325.

Streccius,  Johannes  (1831—08),
18569—75  Dlirektor  der  Krlegsschule
Insel-  später  Generalleutnank:  138,

Strelna“,  russ.  Bacht:  379,  381.
Stuttgart:  211.

Suezkanal:  47,  "1.

Sull'van,  Sir  Arthur  (1842—1900),
Komponist:  265.
Sussmann-Hellborn,  Louts  (1828
bis  1908),  urspüngl.  Sussmann,  Bildhauer:
  69.
        <pb n="447" />
        Suworow-Rymmniksky,  Graf  Alexander
  Wassilsewitsch,  Fürst  Italljskij

1720—1800)0,  russ.  Feldherr:  300.
winemünde:  4.

Sydow,  Stephan  v.  (1857—1919),
Oberregierungsrat:  164.
Szögpvént-Martich,  Ladtslaus  Graf
v.  (1842—1916),  1692—1914  österr.=ugzar.
  Botschafter  in  Berlin:  290,
291.

Taine,  Hippolote  (1828—93),  franz.
Historiker.  Schrieb  u.  a.  2Les  Origines
de  la  France  contemporainer,  (C'ancien
Regime,  La  Revolution  in  3  Bon.,  Le
régime  moderne  in  2  Bdn.  Insgesamt
6  Bde.  Paris  1876  -  94):  134.

Taktik:  145.

Tanzen:  26.

Tauchnitz,  Karl,  Leipziger  Verlag,  begründet
  1837:  102.

Tauffkirchen,  Karl  Graf  v.  (1826
bis  1895),  Kgl.  bayr.  Kämmerer,  Staatsrat
  im  a.  o.  Dienst  und  a.  o.  Gesandter
u.  bevollm.  Minister:  243.

Tax's,  s.  Emerich  Prinz  v.  Thurn  u.  T.

Tegel:  355,  389.

Tegetthoff,  Wilhelm  Freih.  v.  (1827
bis  1871),  österr.  Admiral,  besiegte
20.  Juli  1866  bei  Lissa  die  ital.  Flotte:
268.

Telefon,  das  erste:  160.

Teltow:  198,  200.

Thate:  122.

Theater  und  Theaterbesuche:  7,  37,
101,  126,  131,  136.

Theaterspiele:  39,  165.

Themse:  258,  279.  #

Theodelinde,  Königin  (gest.  628),  Gemahlin
  des  Langobardenkönigs  Authari,
dann  Agllulfs:  184.

Thlel,  Andreas  (1826—1908),  seit
1886  Stscho  von  Ermland,  resid.  in
Frauenburg  (Ostpr.):  250.

Shuner  Seer  1

Thüringen:  4,  42.  #

Tsiele-Winckler,  Franz  Hubert  Graf
v.  (1857—1022),  Landrat:  164.

Tirnowa  In  Bulgarken:  315.

Tirpitz,  Alfred  v.  HGeb.  1840),  1875
Kapttänleutnant,  1881  Korvettenkapitän,
  1888  Kapitan  z.  S.,  1805  Kontreadmtral,
  1895/07  Chef  der  ostaslat.

Division,  1897—  1916  Staatssekrekär
des  Reichsmarlneamts,  1890  Btceadmiral,
  1003  Admtral,  1011  Großadmiral:
  244,  258,  259,  269,  270.

Tischlerei:  33.

Toblach:  333.

Tobold,  Adelbert  v.  (1827—190)7),
Laryngolog:  330.

Tolstol,  Dimitei  Andresewstsch  Graf
v.  (1823—89),  1882  —80  russ.  Minister
  des  Innern:  383.

Tornowsche  Sammlung::  19.

Toscana,  s.  Ferdinand  IV.

Toulon:  50.

Trafalgar,  Nelsons  Sieg  und  Tod
bei  T.  (20.  Oktober  1805)e:  71.

Trebbin:  207.

Treitsche,  Heinr.  v.  483495,  Geschichtschreiber:
  20,  160.

Tresckow,  Herm.  v.  (1818—1000),
1870  Generalleutnant,  1873  mit  der
Höhrung  des  IX.  A.-K.  beauftr.,  1875
homm.  General  des  IX.  A.-K.,  1875
General  d.  Inf.,  1888  z.  D.:  131.

Trier:  250.

Triglaw,  slaw.  Gottheit:  70.

Tristanund  Isolde,  Opervon  Richard
Wagner  (1865):  228.

Trosansscher  Krieg:  20.

Trommelunterricht:  22.

Tschakowskoi,  Fürst,  russ.  Generaladsutant:
  322,  323,  325.

Türkes:  316.

Turnunterricht:  31.

Uarda,  Roman  von  Georg  Ebers:
134.

Ulffers,  Franz  Naver  (geb.  1829),
Kapitän  z.  S.,  Kommandant  der  „Niobe“:
  192,  193.

Uhland,  Ludwig  (1787—1862),  Dichter:
  136.

Ungarn:  289,  291;  s.  auch  Joseph.
Ungarische  Landesausstellung  in
Budapest  1887:  280.

Uniformwesen:  22.

Unton-Klub:  111,  211,  212,  216,  217,
231,  321.  "

Uruguay:  229.

Urville:  250.

Usedom,  Guldo  Graf  v.  (1805—84),
1847  und  1851—  54  preuß.  Gesandter  in
Nom,  1863  am  ital.  Hofe,  1872  General-427
        <pb n="448" />
        direktor  der  Königl.  Museen  in  Berlin,

1849  vermählt  mit  Olpmpia  Kharlotte
Malcolm  (gest.  1886).  Beider  Tochter:
Hlldegard  (1852—  1924):  18.
„Uskan“,  Segelkutter:  36.
Utrecht:  139.

„Balkant-,  brit.  Kriegsschiff:  265.

Ballombrosa,  (.  Mores.

Varena,  Adolf  (geb.  1842),  1864—77
Theaterdirektor  in  Kassel,  1877—82  in
Stettin,  1882—  92  in  Magdeburg,  seit
1802  in  Königsberg:  136.

Beltsch,  Besitger  großer  Treibhausanlagen
  bei  London:  252.

Velten,  Carl  (1840—1925),  Oberschiffsführer
  der  Matrosenstation  Potsdam,
  seit  1876  im  Diuenst:  36,  357.

VBenedig:  183,  333.

Vereknigung  der  Biktorfachwestern:

  12.
ermählung.:  225.

Verne,  Jules  (1828—100)),  franz.
Schriftsteller:  65.

Versaklles:  41,  75,  68,  119,  168,
180

Versen,  Maximilian  v.  (1833—  93),
1864  Rittmeister,  1867—69  im  Kriege
auf  selten  Baraguays,  1860  Masor,
1874  Kommandeur  des  12.  Hus.-Regts.
und  Oberstleutnant,  1877  Oberst,  1882
Kommandeur  der  14.  Kav.-Brig.,  1883
Generalmasor,  1884  Kommandeur  der
2.  Garde-Kav.-Brig.,  1888  Generalleutnant,
  1888  Generaladsutant  Katser
Wilhelms  II.,  1890  Kommd.  General
III.  Armeekorps,  1892  General  d.  Kav.,
seit  1871  vermählt  mit  Alice  geb.  Klemens
  (1850  —1912):  211,  220,  230,
231.

Verwaltungsrecht:  158.

Victor  Emanuel  II.,  König  von
Italien  (1820  —  78),  1849  König
von  Sardinien,  1861  von  Italien,
1842  vermählt  mit  Erzherzogin  Adelbeld
  von  Osterreich  (1822  —  55):  68,

Bictor  Emanuel  III.,  König  von
Vallen,  geb.  1869,  regiert  seit  1000:

Vlctorfa,  Königin  von  Großbritannien

und  Irland,  Kaiserin  von  Indien,  geb.
24.  Mat  1819,  gest.  22.  Januar  1901,

426

Tochter  Herzog  Eduards  von  Kent,
Enkelin  König  Georgs  III.,  seit  1840
vermählt  mit  Prinz  Albert  von  Sachsen-Koburg-Gotha,
  Königin  seit  1837,
Kaiserin  seit  140.  Kinder:  Victorsa,
Eduard,  Alice,  Alfred,  Helene,  Lutse,
Arthur,  Leopold,  Beatrix:  3,  16,  19,
72,  73,  74,  75,  76,  77,  78,  95,  113,
135,  141,  154,  176,  177,  178,  181,
252,  254,  257,  259,  261,  262,  263,
276,  317,  352.

Bictoria,  Deutsche  Katseri'n,  Königin
von  Preußen,  älteste  Tochter  der  Könlgin
Victoria  von  Großbritannten,  geb.  21.
November  1840  in  London,  gest.  3.  August
1001  in  Schloß  Griedrschshof  bei  Cronberg,
  23.  Januar  1838  Gemahlin  des
Kronprinzen,  nachmaligen  Kaiser  Frer
richs  III.,  Chef  des  2.  Leib-Husaren=Regiments
  Nr.  2:  3,  7,  Sff.,  14,  17,
18,  20,  46,  40,  54,  55,  56,  J,  63,
66,  68,  60,  76,  89,  86,  87,  80,  95,
116,  134,  168,  172,  173,  180,  183,
222,  234,  235,  245,  246,  260,  271,
279,  312,  317,  331,  332,  334,  335,
336,  337,  343,  348,  340,  351,  352,
357,  358,  366.

Bictorta,  Prinzessin  von  Preusien,
Tochter  Kalser  Friedrichs  III.,  geb.
12.  April  1866,  vermählt  10.  November
  1800  mit  Adolf,  Prinz  zu
Schaumburg-Lippe  (1859—  1910)  :
317,  360.

„Bictory“,  Lintenschiff,  Flaggschiff  Meldense

  71,  77.

ieke,  Emil  (1862—1924),  seit  1887
Kammerdiener  des  späteren  Kaiser
Friedrichs  III.,  1888  Kammerdiener
Kasser  Wilhelms  II.:  337.

Bietinghoff,  gen.  v.  Scheel,  Freih.  v.,
1877  Hauptmann  im  7.  westfäl.  Inf.=Regt.
  Nr.  76:  147.

Viktoria  Luise,  Herzogin  von  Braunschwesg,
  Tochter  Kaiser  Wilhelms  II.,
geb.  13.  September  1892  im  Marmorpalafs
  zu  Botsdam,  24.  Mat  1013  vermählt
  mit  Herzog  Ernst  August  von
Dcunschweig-Kneburg  (geb.  1887):

Bit  lafranca  am  Mittelmeer,  bes  Nizza:

40.
Zilte  de  Baris“,  franz.  Kriegsschiff:
        <pb n="449" />
        Vind,  v.,  1868—84  dän.  Gesandter  in
Petersburg,  1884—  1002  in  Berlin:
209,  386.  .

VckchoW,NUd0cf(1821-  1902),  Batholog,
  Anthropolog  und  Bolltiker:  10,
20.

Blissingen:  259,  263.

Vogt,  Gideon  (1830—1900),  1870
bis  1893  Direktor  des  Gymnasiums  in
Kassel:  126.

Boigts-Rhetz,  Julius  v.  (1823  bis
1904),  Generalinspekteur  der  Artill.,
1886  General  der  Artill.,  1889  z.  D.:
203.

Bölkerrecht:  158.

Bulkanwerft  in  Stektin:  89.

„Wacht  am  Nhein“,  1840  gedschtet
von  Max  Schneckenburger  (1810—40),
kempontert  von  Karl  Wilhelm  (1854):
55,  101.

Waffenlehre:  22,  145.

Wagner,  Richard  (1813—83),  Komponist
  und  Dichter:  228,  233,  322.

Wagner-Verein:  233.

Waldemar,  Prinz  von  Breußen,  Sohn
Katser  Frledrichs  III.,  geb.  10.  Februar
1868  in  Berlin  (Kronprinzen-Balats),
gest.  27.  März  1879  ebenda,  beigesetze
20.  März  1870  in  der  Friedenskirche
zu  Potsdam:  0,  20,  181,  206,  341.

Waldersee,  Alfred  Graf  v.  (1832  bis

1004),  1870/71  Milftärattache  in  Barls,

1871  Chef  des  Generalstabes  des  Großherzogs
  von  Mecklenburg-Schwerin,
1882  Generalquartlermesster,  1888  Chef
des  Generalstabes  der  Armee,  1801
Kommandeur  des  IX.  A.-K.,  1808
Generalinspekteur  der  3.  Armee-Insp.,
1000  Generalfeldmarschall  und  Oberbefehlshaber
  der  Truppen  der  Maächte
Iin  China:  208,  220,  231,  232,  202,
318,  328,  340,  341.

Waldersee,  Franz  Graf  v.  (1835  bis
1903),  Biceadmiral,  Bruder  des  Generals:
  275.

Waldersee,  Marie  Esther  Gräfin  v.
(1837—1914),  geb.  Lee,  verw.  Fürstin
von  Noer,  selt  1874  Gemahlin  des
Generals  v.  W.:  231,  340.

Waldersee-Bersammlung  (1887):

1.
Miies,  s.  Eduard.

Wallenstein,  Albrecht  v.,  Herzog  von
Friedland  (1982t.mehepGe  zog
Wallensteintrilogie-Wallenstein,
Drama  von  Schiller:  237.
Walusew,  Peter  Graf  (1814—90),
18561—68  russ.  Mintster  des  Innern,
1872—30  Minister  der  Domänen,  1880
er551  Präsident  des  Mintsterkomites:

Wanda,  s.  Radziwill.
Wan  genheim,  Arthur  Freih.  v.  (1841
bis  1912),  1872—80  Hauptmann  im

1.  Garde-Rgt.  z.  J.,  später  Generalleutnant:
  188.

Warrtor'“,  brit.  Lintenschiff:  265.
Warschau:  182,  305,  308,  322,  325.
Wassersport:  32,  35,  81.  S.  auch
Rudersport,  Schwimmsport.
Webern,  v.,  (1887)  Bremierleutnant
im  Grenadserregiment  König  -
Wülbelms  IV.  (1.  Bommersches)  Nr.  2.:

Wedel,  Karl  Graf  v.,  seit  1014  Fürst
(1842—i910),  1881  Oberstleutnant,
1877—87  Milfstärattaché  in  Wien,  1886
Oberst,  1880  Generalmasor,  1892  Generalleutnant
  und  Generaladjutant,  1897
General  der  Kav.  und  bis  1800  Gouverneur
  von  Berlin,  1800  Botschafter  in
Rom,  1002  in  Wien,  1907  -  14  Statthalter
  von  Elsaß-Lothringen:  318.

Wegner,  August  v.  (1810—1008#),  seft
18567  Generalarzt,  seit  1838  Leibarzt
des  Kronprinzen  und  der  Kronprinzessin,

seit  1888  Leibarzt  der  Kaiserin  Frledrich,

1880  als  Generalstabsarzt  a.  D.:  330.
Weichsel:  328.
Weißensee  bei  Berlin:  140.
Weißer  Berg  bei  Prag,  (8.  November
1620)  Sieg  der  Katlserlichen  über  Kurfürst
  Ertedrich  V.  v.  d.  Pfalz:  84.
Welfen:  248.
„Welle“,  Hamburger  Bacht:  81.
Welsh,  brit.  Kapitän:  7).
Wenzel,  Könisg  von  Böhmen  (13641
bun  1410),1378—1400  deutscher  König:
5

Werder,  Bernhard  v.  (1823—1007),
1884  General  der  Infanterie,  1869  bis
1886  Milltärbevollmächtigter  in  Betersburg,
  attachiert  dem  Kaiser  von  Nußland,
  1876  Generalad  futank,  1886  Gouverneur
  von  Berlin,  1888  Generaladju-427
        <pb n="450" />
        tant  Kasser  Friebrichs  III.,  1892—97
Botschafter  in  Petersburg:  137,  202,
322,  382,  383.

Werder,  Hans  v.  (1834—97),  1877
Oberst,  1880  Kommandeur  des  Inf.=Reges.
  96,  1883  Generalmasor  und
Kommandeir  der  70.  Iuf.-Brig.,  1888
Generalleutnant  und  Kommandetr  der
1.  Diotston,  1891  Kommandierender
General  des  I.  A.-K.,  1892  Gen.  d.  Inf.,
1894  z.  D.:  205.

Werder,  Karl  (1806—  93),  Philosoph,
O#terarhtistoriker:  66,  104,  226.

Werner,  Anton  v.  (1843—1915),  Geschichtsmaler,
  Direktor  der  Berliner
Hochschule  für  die  bildenden  Künste:

Werner,  Reinhold  v.  (1825—1000),
Admiral,  verf.  „Das  Buch  der  deutschen
Siette.  (8.  Aufl.  Leipzis  1002):  133,

2.

Wernigerode:  122.

Werthern-Beichlingen,  Georg  Graf
v.  (1816—95),  1868—88  preuß.  Gesandter
  in  München:  226.

„Wespe“,  Panzerfahrzeug:  380.

Westafrika:  238.

Westfalen:  28.

Wetter  vom  Strahl,  Graf  Friedrich,
männliche  Hauptfigur  in  Kleists  „Käthchen
  von  Heilbronn“:  136.

Wiborgsches  Infanterieregiment
Nr.  85:  295,  208,  301,  377,  378.

Weickede,  Wilhelmv.  (1830  —9)),  Biceadmiral:
  268.

Wied,  1  Marte.

Wien:  84,  85,  86,  88,  279,  282,  283,
284,  201.

Wiener  Abendpost:  320.

Wiener  Wald:  86.

Wiener  Weltausstellung:  85,  276.

W  esbaden:  60,  120,  271.

Wight:  3,  63,  71,  72,  75,  76,  332,
333,  370.

Wilczek,  Hermann  Freiherr  v.  (1836
bis  1001),  1885  —  00  Oberst  des
4.  Garderegt.  z.  F.,  später  General  der
Inf.:  223.

Wildpark  bei  Potsdam:  34,  37,  56.

Wild  v.  Hohenborn  (1860—19025),
1014  Generalquarttermelster,  1915
preuß.  Krlegsminister,  1916  Korpsführer,
  1910  Gen.  d.  Inf.:  125.

428

Wilhelm  J.,  Deutscher  Kaiser,  König
von  Breußen,  geb.  22.  März  17097,
2.  Sohn  König  Friedrich  Wilhelms  III.
und  der  Königin  Luise,  verm.  11.  Junt
1829  mit  Prinzessin  Augusta  von
Sachsen-Weifmar,  Okt.  1857  Stellv.
des  Königs,  Okt.  1858  Regent,  2.  Jan.
1861  Könsg,  18.  Jan.  1871  Kalser,
gest.  0.  März  1888.  Kinder:  Katser
Griedrich  III.  und  Großherzogin  Luise
von  Baden:  4,  5,  14,  22,  24,  30,  40,
41  47  48  53,  55,  56,  57,  58,  59,
6  66,  76,  94,  97,  õol.  103,  106,
108,  110,  112,  113,  115,  123,  137,

,  142,  144,  148,  154,  168,  172,

181,  182,  183,  184,  187,  188,  180,

190,  102,  193,  104,  100,  200,  201,

,  207,  208,  210,  211,  212,  215,

216,  217,  218,  210,  220,  222,  223,

224,  225,  241,  245,  24J,  290,  257,

264,  267,  260,  271,  272,  273,  274,

276,  277,  270,  282,  202,  293,  205,

298,  200,  300,  302,  305,  312,  313,

314,  315,  317,  318  ff.,  319,  320,  321,

324,  325,  328,  329,  330,  334,
336,  338,  339,  341,  342,  344,  347,
348,  356,  37,  37°8,  363,  365,  366,
367,  368,  369,  370,  376,  378,  379,
381,  383,  386.

Wilhelm,  Kronprinz  des  Deutschen
Resches  und  von  Breußen,  Sohn  Katser
Wilhelms  lI.,  geb.  6.  Mal  1882,  ver-□g


8
—

mählt  6.  Juni  1905  mit  Herzogin  Cecilie

zu  Mecklenburg,  Kinder:  Wilhelm
(geb.  4.  Juli  1906),  Louts  Ferdinand
geb.  9.  Nov.  1907),  Hubertus
(30.  Sept.  1909),  Friedrich  (10.  Dez.
1911),  Alexandrine  (7.  Nov.  1915),
Cecilie  (5.  Sept.  1917):  259,  277.
Wilhelm  III.,  König  der  Mlederlande
28  17  ,  regierte  seit  1849:  140.
ilhelm  IV.,  König  von  Großbritannien
  und  Irland,  auch  König  von  Hanhover
  (1765—1837),  reglerte  seit  1830:

Wtbelmahpen:  45,  46.
llhelmshöhe  bei  Kassel:  60,  6
—¾]¾
lllisen,  Karl  Freih.  v.  (geb.  1858)
1  880  Sekondeleutnant  im  eisen  Garde-Rgt.
  z.  F.,  hörg  830  Flügelhgtant
  und  (1913)  Generalleutnant:
        <pb n="451" />
        Wilmanns,  Wilh.
Germanist,  seit  1877  Prof.  in  Bonn:
Gos,  160.

Wilmowski,  Karl  Freih.  v.  (1817—03),
Wirkl.  Geh.  Rat  und  Geh.  Kabinettsrat,
  Chef  des  Civllkabtnetts:  107,  108,
100,  173,  373.

Wilms,  Nobert  (1824—80),  Chirurg,
seit  1869  Generalarzt:  12.

Windischgräg,  Hugo  Fürst  zu  (1823
bis  1004),  k.  k.  Generalmasor  und
Oberst-Erblandstallmeister  zu  Steiermark:
  173.

Windsor,  Lark:  72,  254,  370.  —
St.  Georgskapelle:  3.  —  Schloß:  72,
73,  180,  254,  255.

Windthorst,  Ludwig  (1812—  91),
Hauptführer  der  Zentrumspartel:  240,
251.

Winter,  Leopold  v.,  Geh.  Reg.-Rat,
selt  1863  Oberbürgermeister  von  Danzig:
  19.

Winterfeld,  Hugov.  (1836  -  98),  1871
Zlugeladutant,  1872  Mafor,  1876

ommandeur  der  Schloßgarde-Komp.,
1877  Oberstleutnant,  1881  Oberst,  1887

Generalmasor,  22.  März  1888  Generaladjutant,
  Juli  1888  Chef  des  Stabes
der  1.  Armee-Insp.,  1890  Generalleutnant
  und  Kommandeur  der  20.  Dioision,
1804—07  Komm.  General  des  Gardekorps,
  1895  General  der  Inf.,  1897
z.  D.:  14,  15,  396.

Winterfeld,  Wilhelmv.  (1824—  1906),
1876  Generalmasor,  1881  Kommandant
von  Berlin,  1882  Generalleutnante  und
Fübrer  der  Garde-Kav.  Div.,  1887

ouverneur  von  Malnz,  April  1888

General  der  Kav.,  Dez.  1888  z.  D.;:
211.

Winterfeldt,  Rudolf  v.  (1829—754),
General  à  la  suite  des  Prinzen  Alexander
von  PBreußen:  15.

Winterhalter,  Franz  Naver  (1806
bis  1873),  engl.  Borträtmaler:  74.

Wirballen:  202,  376.

Wirtshaus  im  Spessart,  Das:  39.

Wtttekind-Widukind,  Herzog  der  Sach-Wen

  785  getauft:  44.

Ittenberge:  327.

Wittgenstein,  s.  Sayn-W.-Berleburg

und  Sayn--W.-Sayn.

(1842  —  1911),  Wisendooriß,  Karlv.(182491  .1882

Kommand.  General  des  VII.  Armeekorps,
  1884  General  der  Kav.:  208,200.
Wl  adimir  Alexandrowitsch,  russ.  Großfürst
  (1847  -  1909),  dritter  Sohn  Zar
Alexanders  ll.,  vermählt  1874  mit  Marte,
EM—  Mecklenburg-Schwerin
54-  1920):  32,  2903,  2  22,  32
57  “  .  293,  294,  322,  324,
„  Wladlmir  Monomach“,rufs.  Krlegsschiff:
  379.  hwss  res
Wolff-Metternich,  Graf  Gerdenand
  v.,  geb.  1845  auf  Schloß  Gracht
(Rheinprov.),  Fideikommißherr,  Erbobersägermeister
  im  Herzogtum  Jülich,
kön  gl.  preuß.  Kammerherr:  170.
Woolfteld,  engl.  Millenbesitzer  in
Cannes:  47.
Wörth,  Sieg  des  Kronprinzen  (6.  Aug.
1870);:  5,  13,  53,  92,  138,  360.
Wrangel,  Friedrich  Heinrich  Ernst  Graf
v.  (1784  -  1877),  preuß.  Generalfeldmarschall:
  141.
Würm,  Graf:  287.
Wustrau:  71.
Woyẽ  auf  Föhr:  4,  79,  81,  83,  88,  263.

Zaandam:  205.

Zama,  Stieg  Scipios  über  Hanntbal

(202  v.  Chr.):  207.
Zeichnen,  Unterricht:  63,  79,  88.
Zeller,  Eduard  (1814-—1908  ,  Bhilosoph:
  20.
Zentrum:  139,  248,  240,  251.
Zseten,  Hans  Joachtmv.(1599—  1786),
Reitergeneral  Friedrichs  d.  Gr.:  71.
Zieten-Husaren-Regiment,  Hus.=Regt.
  v.  Zleien  (Brandenburg.)  Ar.  3:
25,  74,  202.
Zsofladjutant:  247.
Zivflkabinett:  108,  ogl.  Wilmowsky.
Zioklverwaltung:  102.
Zlota  Gora:  282.
Zoppot:  269.  ·
Zriny,  Drama  von  Theodor  Körner:

236.

Zuschlag,  Karl  (1836—90),  Professor,
1903.8;  Lehrer  für  Mathem.  und
Naturw.  am  Gymnasium  zu  Kassel:  140.

Zwesbund,  Bündnis  vom  7.  Okt.  1870
zwischen  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn:
  183,  320.

429
        <pb n="452" />
        Verzeichnis  der  Tafeln

Skizze  des  Brinzen  Wilhelm  von  Preußen  von  A.  von  Menzel.  1873  Titelbild
Neben  Seite

2.  Königin  Victoria  von  Großbritannien.  1885  XVI
3.  Prinzessin  Victoria  von  Großbritannien  als  Braut....  .  ...  1
4.  Kronprinzessin  Victorĩa  von  Preußen  mit  ihrem  ältesten  Sohn.  Mat  1859  16
5.  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  von  Preußen  mit  Gemahlin.  Januar  1858  17
6.  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Prinz  Wilhelm  von  Preußen  in
schottischer  Traacctttt.  17
7.  Brinz  Wilhelm  von  Preußen  im  Alter  von  2  Zahren.  1861.  .  80
8.  Brinz  Wilhelm  von  Preußen  im  Alter  von  etwa  4  Jahren  80
9.  Brinz  Wilhelm  als  jsunger  Lleutenant.  1880  81
10.  Brinz  Wilhelm  von  Preußen  als  Schüler.  1874..  ..  .  ....  81
11.  Kronprinzessin  Victorĩa  von  Breußen  mit  ihrem  ältesten  Sohn.  1875  96
12.  Dr.  Georg  Hinzpeter  1855555500000  07
13.  Brinz  Wilhelm  von  Preußen  als  Bonner  „Borusse“.  187  224
14.  Brinz  Wilhelm  von  Preußen  mit  Gemahlin.  1811  225
15.  Brinz  Wilhelm  von  Preußen  auf  der  Bärensagd  in  Rußland.  1886  336
16.  Kalserkage  in  Homburg  v.  d.  Höhe.  1888  337

Letzte  Truppenschau  Katser  Friedrichs  III.  im  Schloßpark  zu  Charlottenburg.
  20.  Maf  1888.  352

.Kaiser  Frfedrich  III.  auf  dem  Sterbebtt.  353
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
