Die  höhere  Schule  als  Erziehungsschule  und  ihr  Verhältnis  zur  Volksschule.  1

DER  INNERE  ORGANISMUS  DES  HÖHEREN  SCHULWESENS.

Von  Dr.  JuLius  ZIEHEN.

Der  innere  Organismus  der  höheren  Schule!)  ist  zwar  nicht  ausschließlich,
aber  doch  vorwiegend  durch  die  Unterrichtsstoffe  bestimmt,  die  ihrem  Lehrplane
  zugrunde  liegen;  nicht  ausschließlich  —  denn  es  ist  gewiß  unrichtig,
wenn  man  die  höhere  Schule  im  Unterschiede  von  der  Volksschule  nicht  mehr
als  Erziehungsschule  gelten  lassen  will  und  sie  mit  der  Fachschule  fast  auf  eine
Stufe  stellt?);  aber  doch  vorwiegend  —  denn,  schon  der  Altersstufe  entsprechend,
  ist  es  in  der  höheren  Schule  von  Jahr  zu  Jahr  mehr  der  Stoff  und
weniger  das  bloße  schulgemäße  Zusammensein,  an  dem  sich  das  Werk  der
Willensbildung  und  der  Geisteszucht  zu  vollziehen  hat.  Die  Art  der  Wissensübermittlung
  macht  die  höhere  Schule  zur  Erziehungsschule  und  sondert  sie
von  der  Fachschule  ab,  die  gesteigerte  Bedeutung  der  Gegenstände  der
Wissensübermittlung  bringt  es  mit  sich,  daß  der  Charakter  des  inneren  Organismus
  der  höheren  Schule  in  erster  Linie  durch  den  Lehrplan  und  die  Lehraufgaben
  bestimmt  ist.

Je  mehr  wir  von  diesen  letzteren  später  fast  ausschließlich  handeln,  um  so
mehr  sei  über  die  Art  der  Wissensübermittlung  und  die  Aufgabe  des  ‘erziehenden
  Unterrichtes’  an  der  höheren  Schule  noch  ein  Wort  vorausgeschickt.

Die  höhere  Schule  hat  in  früheren  Zeiten  vielfach  ziemlich  geringschätzig
herabgesehen  auf  die  Tätigkeit  der  Volks-  oder  Vorschule,  aus  der  sie  die  Jugend
9  Jahre  weiter-  und  der  Reife  im  schulmäßigen  Sinne  des  Wortes  entgegenführt;
  auf  die  Beherrschung  des  Wissensstoffes  durch  den  Lehrer  wurde  einseitig
  Gewicht  gelegt,  die  Art,  wie  er  das  Wissen  seinen  Schülern  übermittelte,
unter  der  Firma  des  sehr  schönen  und  wahren,  aber  leider  so  oft  mißbrauchten
„paedagogus  nascitur“  recht  sehr  als  Frage  zweiter  und  dritter  Klasse  behandelt
und  manchmal  sogar  etwas  auch  auf  das  Gymnasium  ausgedehnt,  was  Heinrich

1)  Über  den  Begriff  der  “höheren  Schule’  (in  Österreich  ‘Mittelschule’)  s.u.a.  W.  Rein,
Pädagogik  in  systematischer  Darstellung  Bd.  I  (Langensalza  1902,  H.  Beyer  u.  Söhne)  und
die  dort  angeführte  Literatur.  Die  nötigen  statistischen  Angaben  bietet  alljährlich  das
‘Statistische  Jahrbuch  der  höheren  Schulen  und  heilpädagogischen  Anstalten  Deutschlands,
  Luxemburgs  und  der  Schweiz.  Nach  amtlichen  Quellen  bearbeitet’;  es  steht  zurzeit
im  XXV.Jahrgang.  Eine  knappe  Zusammenfassung  des  Stoffes  findet  sich  bei  Paul  Stötzner,
Das  öffentliche  Unterrichtewesen  Deutschlands  in  der  Gegenwart  (Sammlung  Göschen).

”,  Vgl.  J.  Rehmke,  Die  Erziehungsschule  und  die  Erkenntnisschule.  Ein  Versuch  der
Einteilung  unserer  Schulen  nach  ihrer  Bestimmung.  (Lpz.  u.  Frankf.  a.M.  1903,  Kesselring),
und  R.  Lehmann,  Erziehung  und  Erzieher  (Berlin  1901,  Weidmann).

Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  1