2  Zıeuen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

v.  Sybel  im  Jahre  1868  in  bezug  auf  die  Wirksamkeit  der  akademischen  Professoren
  etwas  schroff  so  ausdrückte:  “Was  Lehrtalent  im  formellen  Sinne  betrifft,
so  ist  man  zufrieden,  wenn  nicht  die  gänzliche  Abwesenheit  desselben  konstatiert
ist.  Kein  Zweifel:  der  Rückschlag  ist  eingetreten,  zum  Teil  sogar  in  bedenklicher
  Weise,  indem  ein  seiner  wissenschaftlichen  Vorbildung  und  Lebensaufgabe
kaum  noch  gedenkendes  “Elementaroberlehrertum’  nach  dem  Was  des  Unterrichts
  in  den  verschiedenen  Fächern  überhaupt  kaum  noch  fragte,  geschweige
denn  den  Wert  dieses  Was  vertiefen  und  zu  heben  suchte,  sondern  ganz  aufging
  in  einer  Methodentüftelei,  bei  der  ein  fast  unheimliches  Lehrvirtuosentum
vielleicht  möglich,  von  Geist  aber  kaum  noch  die  Rede  ist.  Zum  Glück  kann
uns  die  Wahl  zwischen  den  beiden  Extremen,  der  früher  nicht  seltenen  Unterschätzung
  und  der  heute  hier  und  da  sich  breit  machenden  Überschätzung  der
Unterrichtsmethodik,  erspart  bleiben.  Die  Auffassung  der  Dinge,  wie  sie  in
Preußen  und  anderwärts  in  der  Einfügung  des  Seminarjahres  zwischen  Studienzeit
  und  Probejahr  zum  Ausdruck  kam,')  hat  klar  genug  gezeigt,  wo  die  richtige
Mittelstraße  liegt:  zuerst  gründliche,  fachwissenschaftliche  Vorbildung  der  Lehrer
und  darauf  ihre  Einführung  in  die  Aufgaben  des  erziehenden  Unterrichts,  den
heutzutage  kein  vernünftiger  Schulmann  mehr  in  dem  inneren  Organismus  der
höheren  Schule  missen  möchte.  Was  ‘erziehender  Unterricht’  im  allgemeinen
für  jede  Schulstufe  bedeutet,  soll  hier  unter  Hinweis  auf  die  reichhaltige  Fachliteratur
  über  die  Frage?)  nicht  erörtert  werden,  wohl  aber  wollen  wir  mit
kurzen  Worten  die  Punkte  hervorheben,  die  für  diese  Art  des  Unterrichts  an
der  höheren  Schule  im  besonderen  wesentlich  sind:  an  erste  Stelle  möchte
dabei  die  Forderung  zu  stellen  sein,  daß  der  Unterricht  die  Schüler  kein
totes  Wissen  auf  mechanischem  Wege  sich  aneignen,  sondern  daß  er  sie  überall,
wo  es  nur  irgend  möglich  ist,  unter  geschickter  Benutzung  des  der  Jugend  angeborenen
  Forschungstriebes  ein  lebendiges  Wissen  sich  in  tunlichst  gesteigerter
Selbsttätigkeit  erarbeiten  läßt;  die  Arbeit  wird  durch  dies  Verfahren  den  Schülern
nicht  nur  sehr  erleichtert  —  denn  nichts  ist  ermüdender  als  ein  einseitig  vom
Katheder  ausgehendes  Dozieren  und  die  mechanische  Wiedergabe  dessen,  was
auf  diesem  Wege  in  die  Klasse  eingedrungen  ist;  auch  die  sittliche  Wirkung
des  Unterrichts  wird  ganz  bedeutend  gesteigert,  wenn  die  jugendlichen  Geister
sich  das  Ringen  nach  der  Wahrheit  (oder  womöglich  sogar  nur  das  Ergebnis
dieses  Ringens)  nicht  nur  vorführen  lassen,  sondern  selbst  nach  dem  Maß  ihrer
Kräfte  daran  teilnehmen  dürfen.  Je  mehr  das  in  lebhafter  Beteiligung  der
ganzen  Klasse  geschieht  —  wir  haben  zum  Glück  bei  uns  in  Deutschland  wirklichen
  Klassenunterricht  und  nicht  das  in  Österreich  noch  immer  nicht  ganz

1)  Über  die  Frage  der  Lehrerbildung  s.  vor  allem  Abschn.  2  dieses  Handbuches.  Sybels
Ausspruch  findet  sich  in  seinem  akademischen  Vortrage  über  ‘Die  deutschen  und  die  auswärtigen
  Universitäten’  (Bonn  1868,  Cohen  u.  Sohn),  wieder  abgedruckt  in  der  Schrift  ‘Die

deutschen  Universitäten,  ihre  Leistungen  und  Bedürfnisse’  (ebenda  1874).
rn)  8.  REP  unter  ‘Erziehender  Unterricht’.  Es  ist  beachtenswert,  wie  der  Gedanke  des

erziehenden  Unterrichts  von  der  höheren  Schule  aus  allmählich  auch  in  die  sog.  *Hochschulpädagogik’
  mehr  und  mehr  eingedrungen  ist.