Erziehender  Unterricht.  Selbsttätigkeit  der  Schüler.  Konzentration  der  Unterrichtsfächer.  3

ausgerottete  Systen  des  sehr  stark  in  Einzelprüfungen  aufgelösten  Unterrichtsverlaufes!)
  —,  desto  gesunder  in  jeder  Hinsicht  ist  der  Unterricht,  und  sicher
arbeitet  nur  der  Lehrer  ganz  im  Sinne  des  inneren  Organismus  der  höheren
Schule,  der  diese  Selbsttätigkeit  bei  seinen  Schülern  auszubilden  weiß,  sie  überall
  da,  wo  die  Natur  des  Stoffes  es  erlaubt,  das  Richtige  selbst  finden,  das
Gefundene  selbst  nachprüfen  und  die  neuerworbenen  Kenntnisse  selbst  an  den
früheren  Wissensbestand  innerlich  anknüpfen  läßt.  Selbstverständlich,  daB  es
ohne  mechanische  Aneignung  eines,  immerhin  vielfacher  Beschränkung  fähigen
Memorierstoffes,  ohne  ‘Pauken’  in  der  höheren  Schule  keineswegs  ganz  abgehen
kann,  und  der  ist  sehr  auf  dem  Holzwege,  der  sich  in  dieser  Beziehung  von
der  Durchführung  strammer  Anforderungen  durch  pseudoerzieherische  Weisheit
abbringen  läßt:  aber  über  das  verständige  Maß  eines  durchaus  nötigen  Memorierstoffes
  hinaus  soll  die  höhere  Schule  nicht  gehen;  wo  dies  Maß  aufhört,  soll
auf  allen  Klassenstufen  die  selbsttätige  Geistesarbeit  der  Schüler  beginnen,  und
diese  Arbeit  soll  auch  nicht  erleichtert  werden,  indem  man  den  Schülern  überall
  die  allerbequemsten  Hilfsmittel,  Speziallexika,  unpädagogisch  ausführliche
Präparationen  und  ähnliche  Schöpfungen  der  modernen  Schulbücherindustrie  in
die  Hand  gibt  oder  dem  eigenen  Unterrichtsverfahren  zumutet,  den  Schülern
die  Eselsbrücke  zu  ersetzen.

Und  zu  dieser  ersten  Forderung  muß,  damit  der  innere  Organismus  der
höheren  Schule  gesund  bleibt,  noch  eine  zweite  treten:  etwa  10  verschiedene
Lehrfächer  sollen  gleichzeitig  dazu  dienen,  den  Schülern  ein  lebendiges,  auf
Können  gerichtetes  Wissen  zuzuführen;  es  kann  keine  gesunde  geistige  Entwicklung
  der  Jugend  Platz  greifen,  wenn  nicht  der  Gefahr  der  Zerstreuung  und
der  Überladung,  die  dieses  Nebeneinander  mit  sich  bringt,  durch  ein  möglichst
innerliches  Zusammenarbeiten  und  Ineinandergreifen  dieser  verschiedenen  Lehrfächer
  vorgebeugt  wird.  Die  darauf  abzielende  verständige  Konzentration  der
Fächer  setzt  aber  das  voraus,  was  ich  an  anderer  Stelle  als  die  vornehmste
Art  der  Kollegialität  bezeichnet  habe,?)  nämlich  ein  Zusammenarbeiten  der
Lehrer,  das  sich  von  allem  protagonistischen  Dünkel  und  von  aller  Verstimmtheit
und  Übelnehmerei  eines  unfreiwilligen,  aber  durch  das  Wesen  der  Sache  gebotenen
  Deuteragonistentums  freihält.  Die  Engherzigkeit  und  Enge  des  geistigen
Horizonte,  die  nur  dem  eigenen  wissenschaftlichen  Fach  ein  möglichst  hohes
Maß  von  Luft  und  Licht  in  der  Schule  sichern  will,  sollte  in  dem  Geiste  eines
Lehrerkollegiums  nirgends  Eingang  finden,  und,  so  sehr  die  akademisch  gebildeten
  Lehrer  Grund  haben,  sich  dauernd  auch  als  die  Vertreter  der  Fachwissenschaft
  zu  fühlen,  die  sie  studiert  haben  und  hoffentlich  auch  im  späteren

ı)  8.  über  das  österreichische  Verfahren  u.  a.  J.  Schipper,  Alte  Bildung  und  moderne
Kultur.  Wien  u.  Lpz.  1901,  Braumüller.  —  Von  den  Stimmen  des  Auslandes  zur  Frage  der  Unterrichtsgestaltung
  sei  hier  nur  angeführt  R.  B.Haldane,  Education  and  Empire,  London  1902.

2)  8.  Über  die  Verbindung  der  sprachlichen  mit  der  sachlichen  Belehrung.  (Lpz.  u.
Frankf.  a.M.  1902,  Kesselring.)  Vgl.  im  übrigen  den  Artikel  ‘Konzentration’  von  Schubert
in  REP  IV  205  ff.  und  dazu  etwa  noch  Tb.  Kerl,  Lehre  von  der  Aufmerksamkeit  (Gütersloh
1900,  Bertelsmann).

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