4  Ziegen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

Leben  weiter  pflegen,  das  Fachlehrertum  wird  zum  Übel,  sobald  es  auf  der
Schule  das  einträchtige  Arbeiten  der  verschiedenen  Unterrichtsfächer  stört  oder
gar  die  Schule  mißbrauchen  will,  um  dem  eigenen  wissenschaftlichen  Fach  in
ganz  verkehrter  Vorwegnahme  der  Hochschulaufgaben  möglichst  frühzeitig  recht
viele  Anhänger  und  Jünger  zu  züchten.  Nichts  läuft  dem  Gedanken  des  erziehenden
  Unterrichts,  der  mit  dem  inneren  Organismus  der  höheren  Schule
unzertrennlich  verbunden  ist,  mehr  zuwider,  als  ein  solches  Verfahren  seitens
der  Lehrer.  Daß  es  etwas  ganz  anderes  und  daß  es  durchaus  unanfechtbar  ist,
wenn  der  Individualität  der  Schüler  innerhalb  der  Grenzen  des  Lehrplans  nach
Kräften  Rechnung  getragen  und  wenn  sogar  einer  überall  gerade  genügenden
Mittelmäßigkeit  kräftig  hervortretende  gute  Leistungen  in  einer  Gruppe  der
Lehrfächer  selbst  bei  teilweisem  Ausfall  des  betreffenden  Schülers  in  anderen
Fächern  vorgezogen  wird,  bedarf  nicht  der  besonderen  Betonung.

Man  hört  heute  nicht  selten  als  eiren  schweren  Vorwurf  gegen  ihren
inneren  Organismus  die  Klage  aussprechen,!)  daß  die  höhere  Schule  ihre  Schüler
mit  Stoff  übersättigt,  statt  sie  hungrig  zu  machen.  Berechtigt  ist  diese  Klage
nur  einem  verkehrten  Unterrichtsverfahren  gegenüber,  das  keinen  Nutzen  zu
ziehen  weiß  aus  all  den  großen,  die  Stoffvermehrung  nahezu  ausgleichenden
Erleichterungen  und  Förderungen  des  Unterrichts,  wie  sie  u.  a.  die  gewaltige
Verbesserung  und  Vermehrung  der  Anschauungsmittel,  der  Ausbau  parallelgrammatischer
  Systeme  und  entsprechender  Systeme  für  die  Realien  und  wie
sie  die  gewiß  nicht  nur  auf  den  altsprachlichen  Unterricht  anwendbaren  Grundgedanken
  des  Perthes’schen  Lehrverfahrens  mit  sich  gebracht  haben.  Der  erziehende
  Unterricht,  der  sich  aller  dieser  Hilfsmittel  zu  bedienen  weiß,  ist  auch
der  Fülle  des  Lehrstoffes  gegenüber  weit  weniger  gefährdet,  und  es  geschieht
selbstverständlich  unter  der  Voraussetzung  solchen  erziehenden  Unterrichts,  wenn
wir  nunmehr  den  inneren  Organismus  des  höheren  Schulwesens  vom  Standpunkt
dieses  Lehrstoffes  aus  im  einzeinen  betrachten.  —

Die  auf  den  Wissensstoff  bezüglichen  ideellen  Güter  der  Nation,  die  die
höhere  Schule  zu  verwalten  hat  und  als  deren  Verwalterin?)  sie  eine  vielfach
noch  immer  nicht  hoch  genug  veranschlagte  Bedeutung  für  das  Staatswesen
beanspruchen  darf,  sind  gar  mannigfacher  Art  und  in  ihren  Erscheinungsformen
nach  Zeit  und  Ort  durchaus  verschiedenartig.  Nichts  kann  angesichts  dieser
Sachlage  verhängnisvoller  sein,  als  wenn  die  Verwaltung  dieser  Güter,  sei  e8

ı)  Vgl.  die  Zusammenstellung  in  dem  ersten  Teile  von  W.  Münch,  Zukunftepädagogik.
Utopien,  Ideale,  Möglichkeiten.  (Berlin  1904,  G.  Reimer)  und  etwa  noch  F.  Schmidt,  Jugenderziehung
  im  Jugendstil,  Ein  Vorschlag  zu  einer  zeit-  und  naturgemäßen  Umgestaltung
unseres  höheren  Schulwesens  und  ein  Trostwort  für  alle  bekümmerte  deutschen  Mütter  und
Väter.  (Wiesbaden  1902,  O.  Nemreich.)

”,  Vgl.  außer  dem  in  Anm.  1  $S.  1  angeführten  Buche  von  Rein  vor  allem  die  das  Bildungswesen
  betreffenden  Teile  in  Lorenz  von  Steins  Verwaltungslehbre.  Vom  Standpunkte  der
‘politischen  Pädagogik’  aus  betrachtet  das  Schulwesen  Fr.  Kretzschmar  in  seiner  ‘Politischen
Pädagogik  für  Preußen’  (Leipzig  1904  f,,  Paul  Schimmelwitz);  s.  besonders  Teil  II  und  III
des  Buches.