Die  höhere  Schule  als  Verwalterin  des  Lehrgutes  der  Nation.  Schulreformen.  5

such  nur  an  einer  einzelnen  Stelle  ihres  Organismus,  in  einem  öden  Formalismus
erstarrt  und  die  freie  Bewegung  verliert,  die  allein  durch  eine  vorurteilsfreie
und  in  wissenschaftlichem  Geiste  immer  wieder  erneute  Prüfung  und  Abwägung
des  Gesamtbestandes  dieser  Güter  zu  erreichen  und  zu  erhalten  ist.  An  der
Aufgabe  einer  solchen  Prüfung  und  Abwägung  mitzuarbeiten  sind  zunächst
alle  diejenigen  berufen,  die  im  Dienst  der  höheren  Schule  tätig  sind,  aber  gewiß
  soll  auch  denen,  die  als  Beobachter  draußen  stehen,  z.  B.  den  Eltern  und
den  leitenden  Männern  der  verschiedenen  Berufskreise,  die  Mitarbeit  dankbar  zugestanden
  werden.  Ihre  Mitwirkung  vollzieht  sich,  abgesehen  von  der  steten
Berührung  der  einzelnen  Schule  mit  der  Außenwelt  und  abgesehen  von  dem
Niederschlag  der  öffentlichen  Meinung  in  der  Presse,  am  besten  durch  die  regelmäßige
  Einberufung  von  Schulkonferenzen,  die  man  hier  und  da  mit  Recht  zur
stehenden  Einrichtung  gemacht  wissen  wollte.

Wird  die  hier  geforderte  Arbeit  der  beständigen  Prüfung  und  Abwägung
des  Lehrgutes  der  Nation  in  der  richtigen  Weise  geleistet,  so  kann  das  Bedürfnis
  nach  einer  Schulrevolution  sich  bei  verständigen  Leuten  überhaupt  nicht
einstellen,  und  selbst  eine  Schulreform  stellt  sich  nicht  als  eine  irgendwo  plötzlich
  einsetzende  Aktion,  sondern  vielmehr  als  ein  ruhig  und  stetig  verlaufender
Prozeß  der  Weiterentwicklung  dar,  der  sich  nur,  einem  besonders  starken  Umschwung
  der  Zeitverhältnisse  im  Kulturleben  der  Nation  zufolge,  gelegentlich
zu  etwas  intensiverer  Gestaltung  der  Maßregeln  steigert;  auch  die  preußische
‘Schulreform’  der  3  letzten  Jahrzehnte  ist  nur  in  diesem  letzterwähnten  Sinne
als  eine  in  sich  abgeschlossene  “Reform’-Bewegung  zu  bezeichnen.!)  Ein  Fehlgriff
  wäre  es  übrigens  auch  ohne  Zweifel,  wenn  der  innere  Organismus  des
höheren  Schulwesens  durch  eine  rasche  Aufeinanderfolge  von  Neuerungen,  womöglich
  sogar  einander  widersprechenden  Neuerungen  beunruhigt  würde,  mit
Recht  wehrt  sich  die  höhere  Schule  in  allen  ihren  verständigen  Vertretern  vor
allem  dagegen,  daß  die  ‘Forderungen  der  Gegenwart’  unbesehen  und  übereilt  in
dem  Unterricht  zur  Geltung  gebracht  werden.

Nur  auf  Grund  ausgebreiteter,  von  aller  Einseitigkeit  freier  schulmännischer
Erfahrung  kann  das  Bedürfnis  des  Lebens  auf  den  Lehrplan  der  Schule  richtig
projiziert  werden.  Manche  Forderung,  die  der  Schule  gegenüber  erhoben  wird?)
klingt  ja  sehr  schön,  so  schön,  daß  es  wie  vernagelte  Rückständigkeit  aussieht,
wenn  die  Vertreter  des  Unterrichts  sich  ihr  nicht  sofort  anbequemen;  aber  wenn

1)  Der  Kürze  halber  seien  hier  nur  genannt  W.  Lexis,  Die  Reform  des  höheren  Schulwesens
  in  Preußen.  (Halle  a.  S.  1902,  Waisenhaus;  dort  in  Abachn.  XXVI  ein  wertvolles
Literaturverzeichnis  von  W.  Horn)  und  Hugo  Müller,  Das  höhere  Schulwesen  Deutschlands
am  Anfang  des  20.  Jahrhunderte  (Stuttgart  1904,  Chr.  Belser).  Unter  dem  Ausdruck  ‘Reformer’
faßt  übrigens  ein  leider  sehr  oberflächlicher  Sprachgebrauch,  namentlich  in  der  Tagespresse,
die  Vertreter  höchst  verschiedener  Bestrebungen  auf  dem  Gebiete  des  Schulwesens  zusammen.

2)  Vgl.  die  in  Anm.1  8.4  angeführte  Schrift  von  Münch;  außerdem  versäume  der  Leser
nicht,  sich  mit  dem  Buche  von  M.  Evers,  Auf  der  Schwelle  zweier  Jahrhunderte.  Die
höhere  Schule  und  das  gebildete  Haus  gegenüber  den  Jugendgefahren  der  Gegenwart.  Eine
Pädagogik  des  Kampfes,  Fachgenossen,  Eltern  und  Erziehern,  Jugend-  und  Schulfreunden
vorgelegt  (Berlin  1898,  Weidmann)  bekannt  zu  machen.