6  Zıeuen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

irgendwo,  so  ist  es  in  dieser  Beziehung  geboten,  daß  nicht  vom  Laienstandpunkt
aus  das  Programm  entworfen  wird,  nach  dem  die  Schule  zu  verfahren  hat;  besonders
  was  die  —  an  sich  natürlich  sehr  wünschenswerte  —  Bekämpfung
übler  Zeiterscheinungen  auf  dem  Gebiete  der  Politik  und  auch  der  Religion  betrifft,
  ist  die  allergrößte  Vorsicht  geboten,  das  ‘Leben’,  das  durch  solche  Elemente
  in  den  Unterricht  hineingebracht  wird,  kann  sehr  leicht  pädagogisch  einfach
  schädlich  werden,  und  wenn  man  neuerdings  gelegentlich  als  das  Ideal
eines  fördernden  Sachunterrichts  die  ständige  Lektüre  und  Besprechung  neuester
Tageszeitungen  mit  all  dem  wirren  Durcheinander  der  verschiedenartigsten
Notizen  und  Berichte  hat  anpreisen  wollen,  so  verwechseln  solche  Vorschläge
auf  das  allerbedauerlichste  die  Wirkung,  die  solcher  Lehrstoff  auf  den  Erwachsenen,
mit  der,  die  er  auf  den  noch  jugendlich  unreifen  Geist  ausübt.  Der  große
Eifer,  den  die  Jugend  —  wenigstens  eine  Zeitlang  —  solcher  Kost  entgegenbringt,
  kann  nur  den  Unerfahrenen  über  den  wahren  Wert  solcher  “Anregungen’
täuschen.

Das  ‘enzyklopädische  Lehrgut’  unserer  Zeit  —  um  einen  glücklichen  Ausdruck
  Willmanns!)  hier  zu  verwenden  —  ist  zu  einem  ganz  gewaltigen  Umfang
angeschwollen,  dem  bescheidenen  Trivium  und  Quadrivium  des  ausgehenden
Altertums  und  des  Mittelalters  steht  heutzutage,  dem  vertieften  Inhalt  und  dem
erweiterten  Schauplatz  der  Kultur  entsprechend,  ein  Wissensstoff  gegenüber,
dessen  Ausdehnung  man  sich  am  besten  klarmacht,  wenn  man  die  Darbietungen
eines  modernen  Konversationslexikons  mit  ähnlichen,  uns  gar  ärmlich  dünkenden
Veröffentlichungen  jener  früheren  Zeiten  vergleicht.  Nicht  als  ob  es  auch  nur
im  entferntesten  erlaubt  wäre,  diese  Darbietungen  mit  dem  “Lehrgut’  der  Nation
gleichzusetzen,  dessen  Verwaltung  der  Schule  obliegt;  denn  diese  Gleichsetzung
würde  nur  öde  Polyhistorie  an  die  Jugend  heranbringen  und  des  alten  Varro
trefflichen  pädagogischen  Ausspruch:  ‘nihil  novit  qui  aeque  omnia’  in  fürchterlicher
  Weise  zur  Wahrheit  werden  lassen  —  nur  Maßverhältnisse  für  die  Abschätzung
  zwischen  einst  und  jetzt  sollen  durch  jene  Vergleichung  gewonnen
und  zugleich  soll  für  die  Gegenwart  durch  den  Hinweis  auf  diese  Enzyklopädien
des  Wissenswerten  der  Hintergrund  bestimmt  werden,  von  dem  sich  die  Lehrpläne
  der  höheren  Schule?)  als  sichtbarer  Ausdruck  des  inneren  Organismus
dieser  höheren  Schule  abheben.

ı)  Vgl.  O.Willmann,  Didaktik  als  Bildungslehre  nach  ihren  Beziehungen  zur  Sozialforschung
  und  zur  Geschichte  der  Bildung  dargestellt,  3.  Aufl,  2  Bde.,  Braunschweig,
F.  Vieweg  u.  Sohn  (Band  I:  Einleitung.  —  Die  geschichtlichen  Typen  des  Bildungswesens.
Band  U:  Die  Bildungszwecke.  —  Der  Bildungsinhalt.  —  Das  Bildungswesen).  Dazu  nehme
man  etwa  noch:  J.B.Seidenberger,  Grundlinien  idealer  Weltanschauung,  aus  O0.  Willmanns
“Geschichte  des  Idealismus’  und  seiner  ‘Didaktik’  zusammengestellt  (im  gleichen  Verlage
erschienen).  —  Für  die  Geschichte  der  antiken  Enzyklopädie  ist  besonders  lehrreich  der  Aufsatz
  von  O.  Jahn  in  Bd.  If.  der  Ber.  der  Sächs.  Gesellsch.  der  Wissenschaften  (v.  J.  1849  f.).

”)  Die  Klassenbezeichnungen  sind  im  folgenden  durchweg  nach  der  in  Preußen  und
anderen  deutschen  Staaten  maßgebenden  Benennung  gegeben,  such  sind  die  preußischen
Schulverhältnisse  in  bezug  auf  die  allgemeine  Gestaltung  des  Lehrplans  der  verschiedenen
höheren  Schulen  der  Einfachheit  halber  durchweg  zugrunde  gelegt,  die  Übertragung  auf