Das  Lehrgut  der  Schule  und  die  Forderungen  der  Gegenwart.  17

Denn  die  Frage  muß  doch  ein  jeder  stellen,  der  das  Bestehende  nicht
ohne  weiteres  als  gegeben  hinnehmen,  sondern  seine  Berechtigung  erkennen
und  auf  dieser  Erkenntnis  bei  seiner  Arbeit  fußen  will:  warum  wählt  aus
der  Masse  des  Wissensstoffes,  den  ich  in  meinem  Brockhaus,  Meyer,  Pierer  oder
Spamer  finde,  die  Schule  gerade  die  Stoffe  aus,  die  sich  in  den  amtlichen  ‘Lehraufgaben’
  und  in  den  Jahresprogrammen  der  Anstalten  verzeichnet  finden?
Warum  zeigen  die  Lehrpläne  die  Lehrtätigkeit  der  höheren  Schule  beschränkt
auf  14  Lehrgegenstände,  während  der  Realindex  eines  Konversationslexikons
oder  einer  periodischen  “Umschau”  über  die  Fortschritte  des  geistigen  Lebens
der  Nation  von  sehr  viel  mehr  Wissensgebieten  zu  berichten  weiß?  Es  hat  in
der  Tat  niemals  an  solchen  gefehlt,  die  diese  Fragen  nicht  nur  stellen,  sondern
auch  recht  rasch  bei  der  Hand  sind,  dem  Verzeichnis  der  Lehrfächer  unserer
höheren  Schulen  mit  dem  übertriebenen  Nachdruck,  den  die  mangelnde  Sachkenntnis
  so  leicht  ihren  Forderungen  gibt,  einige  neue  Nummern  aufzudrängen,
mit  an  sich  wertvollen  Gegenständen,  wie  Volkswirtschaftslehre,  Gesundheitslehre,

  angefangen  bis  herab  zu  Äußerlichkeiten  derart,  als  da  —  nur  vom  Standpunkt
  der  Schule  aus  natürlich  —  sind  Uniformkunde  und  ähnliche  Wissensgebiete.



Die  höhere  Schule  handelt  mehr  als  richtig,  wenn  sie  solche  Erweiterungen
ihres  Lehrplans  —  je  nach  der  Art  des  Vorschlages  mit  mehr  oder  weniger
höflichem  Danke  —  ablehnt  und  an  dem  festen  Bestande  der  von  ihr  überdie

  nur  z.  T.  abweichenden  Schulverhältnisse  der  anderen  Staaten,  denen  hier  im  einzelnen
nachzugehen  aus  Gründen  des  Raummangels  nicht  möglich  ist,  wird  jeder  Leser  unschwer
vollziehen.  Zur  Orientierung  ist  diesem  Abschnitt  des  Handbuches  übrigens  eine  vergleichende
  Übersicht  über  die  Lehrpläne  der  8  höheren  Schularten  in  den  verschiedenen
Ländern  Deutschlands  beigegeben,  die  vielleicht  an  sich  manches  Lehrreiche  darbietet.  Es
darf  wohl  als  ein  sehr  erstrebenswertes  Ziel  bezeichnet  werden,  daß  in  durchaus  freier
Verständigung  —  das  Unterrichtewesen  ist  Sache  der  Einzelstaaten,  nicht  des  Reiches  [vgl.
auch  Anm.  1  S.20]  —  allmählich  noch  mancher  Unterschied  beseitigt  wird,  der  zurzeit  noch
die  Einheit  des  höheren  Schulwesens  in  Deutschland  stört.  Einer  mechanischen  Gleichmacherei
  soll  natürlich  nicht  im  entferntesten  das  Wort  geredet  werden.  Im  übrigen  sind
für  die  verschiedenen  deutschen  Länder  außer  den  amtlichen  Lehrplänen  noch  folgende
Bücher  einzusehen:  A.  Baumeister,  Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichtsiehre  für
höhere  Schulen.  I.  Bd.  2.  Abt.  Die  Einrichtung  und  Verwaltung  des  höheren  Schulwesens
in  den  Kulturländern  von  Europa  und  Nordamerika  (München  1894,  O.  Beck)  und  das  aus
Anlaß  der  Weltausstellung  von  St.  Louis  herausgegebene  Werk  von  W.Lexis,  Das  Unterrichtswesen
  im  Deutschen  Reich,  4  Bde.,  Berlin  1904,  A.  Asher  u.  Ko.  Bd.  II,  verfaßt  unter  Mitwirkung
  von  K.  Rethwisch,  R.  Lehmann  u.  a.,  behandelt  “Die  höheren  Lehranstalten  und
daa  Mädchenschulwesen’.  Ein  wichtiges  Hilfsmittel  zur  ersten  Orientierung  über  die  Entwicklung
  der  Schulverfassungsfragen  bieten  die  seit  1886  erscheinenden  ‘Jahresberichte  über
das  höhere  Schulwesen’  von  K.  Rethwisch  (Berlin  1887  ff.,  Verlag  von  R.  Gärtner,  seit  1903
Weidmann);  dazu  nehme  man  noch  das  im  IV.  Jahrgang  stehende  bibliographische  Werk
‘Das  gesamte  Erziehungs-  und  Unterrichtswesen  in  den  Ländern  deutscher  Zunge’,  das
Karl  Kehrbach  im  Auftrage  der  "Gesellschaft  für  deutsche  Erziehungs-  und  Schulgeschichte’
herausgibt  (Berlin,  Komm.  von  J.  Harrwitz,  Nachfolger).  Quellenmateriel  zur  Geschichte  der
Lehrpläne  und  Schulverordnungen  bringen  in  reicher  Fülle  die  von  K.  Kehrbach  begründeten
Monuments  Germanise  Paedagogice,  Berlin,  A.  Hofmann  u.  Ko.