8  Zıesen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

kommenen  Lehrgegenstände,  wie  er  sich  im  Lauf  der  Zeiten  mit  gutem  Grunde
herausgebildet  hat,  fürs  erste  festhält.  Sie  weist  damit  natürlich  diese  Gegenstände
  selbst,  soweit  sie  inhaltlich  wertvoll  sind,  keineswegs  vom  Unterricht
zurück;  wissen  wir  doch,  wie  sehr  neuerdings  u.  a.  volkswirtschaftliche  und
kunstgeschichtliche  Belehrungen  in  die  verschiedensten  Lehrfächer  der  höheren
Schule  Eingang  gefunden  haben  und  wie  der  Sprachunterricht  sich  mit  Erfolg
bemüht,  wissenswerte  Realien  der  verschiedensten  Art  bei  Gelegenheit  der
muttersprachlichen  und  fremdsprachlichen  Lektüre  den  Schülern  zuzuführen.
Sie  wehrt  sich  nur  gegen  eine  Verzettelung  ihres  Lehrplans  in  zahllose  kleinere
Unterrichtsfächer,  wie  sie  in  der  Geschichte  des  höheren  Schulwesens  seit
150  Jahren  mehr  als  einmal  versucht,  aber  regelmäßig  nach  kürzerer  oder
längerer  praktischer  Erprobung  als  schädlich  und  für  die  ruhige  Entwicklung
des  jugendlichen  Geistes  geradezu  gefährlich  befunden  worden  ist,  und  richtet
sich  nach  dem  pädagogisch  völlig  unanfechtbar  richtigen  Grundsatz,  daß  man
einen  neuen  Wissenszweig  nie  koordinierend,  sondern  immer  nur  subordinierend
einführen  soll,  damit  nicht  die  Fächerzahl  vermehrt,  sondern  ein  vorhandenes
Fach  vertieft  wird’.!)

Mit  vollem  Bewußtsein  überläßt  bei  dieser  Abgrenzung  des  schulmäßigen
Lehrgutes  die  höhere  Schule  dem  Elternhause  und  der  Welt,  die  den  Schüler
außerhalb  der  Schule  umgibt,  die  Zuführung  gar  manchen  Wissensstoffes  und
die  Erwerbung  gar  mancher  Fertigkeit.  Die  Bestrebungen  derjenigen,  die  der
Schule  außer  ihren  lehrplanmäßigen  Unterrichtsfächern  auch  noch  den  Musik-,
den  Handfertigkeits-,  den  Schwimm-  und  wer  weiß  alles  noch,  welchen  anderen
Unterricht  aufbürden  wollen,  laufen  Gefahr,  das  in  manchen  Kreisen  sowieso
vielfach  schon  allzubequeme  Elternhaus  um  eine  der  schönsten  ihm  gestellten
Aufgaben  ärmer  zu  machen  und  die  gesamte  höhere  Schule  langsam  zum
Alumnat  umzugestalten,  eine  Entwicklung,  die  nur  die  völlige  Verzweiflung  an
der  erzieherischen  Kraft  des  deutschen  Elternhauses  gutheißen  kann.  Mag  dies
Elternhaus  vielfach  einen  geradezu  erschreckenden  Mangel  an  dieser  Kraft  bewiesen
haben  —  es  ist  dann  zum  Heil  unseres  Volkes  sicher  besser,  wenn  die  Reform  die
Stelle  nicht  umgeht  und  ausschaltet,  wo  der  Schaden  liegt,  sondern  wenn  sie  eben
einen  Wandel  der  Dinge  im  Elternhause  herbeiführt;  der  Einfluß  verständiger
Schulleiter  und  Lehrer  kann  dabei  sehr  kräftig  mitwirken,  und  bei  dem  ganzen
hier  empfohlenen  System  können  körperliche  Übungen  durch  Spiele,  Rudern  usw.
von  seiten  der  Schule  immerhin  noch  reichlich  gepflegt  werden.?)

ı)  L.  v.  Sybel,  Gedanken  eines  Vaters  zur  Gymnssialsache  (Marburg  1903,  Elwert);
ich  führe  absichtlich  hier  das  Urteil  eines  —  freilich  zur  Beurteilung  des  Gymnasiums
durch  seine  wissenschaftliche  Lebensstellung  hervorragend  berufenen  —  Nichtschulmannes
an.  Zur  Methode  der  “subordinierenden’  Einführung  eines  Lehrstoffes  bietet  wertvolle  Winke
Paul  Cauer  in  seiner  “Palsestra  vitae’  (Berlin  1902,  Weidmann).  Für  dieselbe  Art  der  Einführung
  in  den  Unterricht  empfiehlt  u.  a.  H.  Matzat  den  Stoff  seiner  "Rechts-  und  Staatslehre
  für  deutsche  Schulen  (Berlin  1904,  P.  Parey).

*)  Über  die  auf  körperliche  Übung  abzielenden  Nebenaufgaben  der  Schule  vgl.  vor
allem  die  verschiedenen  sehr  dankenswerten  Arbeiten,  die  Wickenhagen  auf  dem  Gebiete