Die  Abgrenzung  des  schulmäßigen  Lehrgutes  und  die  Lehrfächer.  9

So  wenig  aber  wie  man  neue  Lehrfächer  leichten  Herzens  in  den  Organismus
  der  höheren  Schule  einführen  sollte,  ebenso  wenig  sollte  man  vorschnell
sagen:  ‘dies  oder  jenes  Lehrfach  ist  veraltet,  kann  den  Forderungen  der  Neuzeit
  zum  Opfer  fallen.  Es  sind  naturgemäß  —  neben  der  Religion  —  die
beiden  alten  Sprachen,  besonders  das  Griechische,  die  man  vielfach  in  dieser
Weise  auf  die  Proskriptionsliste  gesetzt  hat,  und  leider  ist  das  oft  mit  argen
Scheinargumenten  und  ist  es  nicht  selten  am  eifrigsten  von  denen  geschehen,
die  am  wenigsten  von  diesen  Fächern  verstanden,  wie  denn  auf  der  andern
Seite  die  Verteidigung  derselben  Lehrfächer,  namentlich  des  Lateinischen,  oft
mit  recht  äußerlichen  Gründen  vollzogen  worden  ist.  Das  Gymnasium  kann
diesen  Anfechtungen  gegen  seine  Hauptfächer  mit  ruhiger  Sicherheit  die  Tatsache
  entgegenhalten,  daß  es  die  in  der  strengen  Geistesschulung  seines  Unterrichts
  herangewachsenen  Männer  gewesen  sind,  die  auf  allen  Gebieten  der
Wissenschaft  und  des  öffentlichen  Lebens  in  den  letzten  Jahrzehnten,  von  einzelnen
  z.  T.  autodidaktischen  Genies  abgesehen,  die  führenden  nnd  bahnbrechenden
  gewesen  sind,  es  darf  sich  auch  auf  die  immer  neu  auftauchenden  biographischen
  Zeugnisse  zugunsten  der  beiden  alten  Sprachen  und  darf  sich
doch  auch  darauf  berufen,  daß  sehr  viele  bedeutende  Vertreter  der  pädagogischen
Wissenschaft  und  Praxis,  denen  man  einseitiges  Kleben  am  Überkommenen
schwerlich  nachsagen  kann,  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  den  eigenartigen
Bildungswert  des  Griechischen  und  Lateinischen  auch  neuerdings  wieder  als
redliiche  Warner  aufs  eindringlichste  betont  haben.!)  Sollten  die  Stimmen
dieser  Männer  nicht  doch  schwerer  ins  Gewicht  fallen  als  die  Äußerungen  der
Gegner  des  altsprachlichen  Unterrichts,  unter  denen  übrigens  nicht  wenige  die
Bekämpfung  des  Griechischen  in  erster  Linie  als  Agitationsforrm  im  Kampfe
gegen  das  Monopol  des  Gymnasiums  durchgeführt  haben  dürften,  andere  überhaupt
  im  Grunde  nur  die  Ausdehnung  des  altsprachlichen  Unterrichts  auf  eine
allzu  große  Schülerzahll  —  und  das  mit  Recht  —  bekämpfen  wollten?

Was  aber  die  Unentbehrlichkeit  der  Religion  in  dem  schulmäßigen  Lehrgut
unserer  Zeit  betrifft,  so  sei  nur  kurz  auf  einen  Gesichtspunkt  hingewiesen:  wir
leiden  sowieso  schon  genug  an  der  Öberflächlichkeit,  die  über  die  Natur  der
Religion  und  der  Kirche  und  über  das  Verhältnis  der  Religionen  und  der

geliefert  hat.  Über  die  Unterstützung  der  Arbeit  der  Schule  durch  Schülervereine  bietet
höchst  wertvolle  Belehrung  A.  Rausch,  Schülervereine.  Erfahrungen  und  Grundsätze.  Unter
Beifügung  der  gesetzlichen  Bestimmungen  und  Verordnungen.  Halle  1904,  Waisenhaus.

1)  Zur  Orientierung  über  die  Bedeutung  des  altklassischen  Unterrichts  dient  vor  allem
die  seit  1847  in  Berlin  bei  Weidmann  erscheinende  “Zeitschrift  für  das  Gymnasialwesen’
(jetziger  Herausgeber  J.  H.  J.  Müller)  und  das  reichhaltige  Material,  das  —  vorwiegend  unter
polemisch-apologetischem  Gesichtspunkt  —  seit  1892  in  dem  “Humanistischen  Gymnasium’,
dem  von  G.  Uhlig,  neuerdings  von  Uhlig  und  Oskar  Jäger  gemeinsam  herausgegebenen  Organ
des  Gymnasialvereins,  gesammelt  ist.  Von.  neuerer  Fachliteratur  vgl.  besonders  P.  Natorp,
Was  uns  die  Griechen  sind  (Marburg  1902,  Elwert),  Chr.  Muff,  Humanistische  und  realistische
Bildung  (Berlin  1901,  Grote)  und  Fr.  Fauth,  Wie  erzieht  und  bildet  das  Gymnasium  unsere
Söhne?  (Berlin  1902,  Reuther  und  Reichard).  Lesenswert  ist  auch  Karl  Jentsch,  3  Spaziergänge
  eines  Laien  ins  klassische  Altertum  (Leipzig  1900,  F.  W.  Grunow).