Der  Zusammenschluß  der  Lehrfächer  zum  Lehrplan.  Die  Einheitsschule.  11

und  der  Pädagogik,  wie  Lothar  Meyer  und  Frick  haben  ihr  Bestes  getan,  um
durch  Sichtung  des  wissenschaftlichen  Lehrstoffes  und  Empfehlung  neuer  Wege
der  Unterrichtsmethotik  die  Erreichung  dieses  Zieles  zu  ermöglichen.  So  fruchtbare
  Anregungen  aber  von  Hornemann  und  seinen  Genossen  im  Dienste  ihrer
Bestrebungen  dem  gesamten  höheren  Schulwesen  gegeben  worden  sind,  ihr
Hauptziel  haben  sie  nicht  erreicht;  der  Rahmen  einer  neunstufigen,  nicht  auf
ein  zehntes  Jahr  erweiterten  höheren  Lehranstalt  hat  trotz  aller  subtrahierenden
Konzentration  und  trotz  aller  Hebung  des  Unterrichtsverfahrens  die  Fülle  des
Stoffes  nicht  zu  fassen,  dem  hohen  Maß  der  Aufgaben  nicht  zu  genügen  vermocht;
  sein  Vorsitzender  handelte  richtig,  als  er  im  Jahre  1891  selbst  die  Auflösung
  des  Vereins  beantragte,  dem  übrigens  unvergessen  bleiben  wird,  was  er
Gutes  für  das  deutsche  Schulwesen  geleistet  hat.

Das  Streben  nach  der  Einheitsschule,  das  naturgemäß  seinerzeit  bei  dem
Gymnasium  ansetzte,  uns  künftig  aber  gewiß  noch  manchen  Versuch  vom  Standpunkt
  der  Realanstalten  aus  bringen  wird,  geht  von  der  Anschauung  aus,  das
ganze  Lehrgut  der  Nation  müsse  in  gleicher  Weise  und  in  gleichem  Maße
allen  zugute  kommen,  die  überhaupt  die  Wohltsten  der  höheren  Schule  zu
genießen  in  der  Lage  sind;  man  übersieht  dabei,  daB  es  ganz  unstreitig  mehr
darauf  ankommt,  der  Nation  ein  gewisses  ‘Kollektivwissen’  zu  erhalten  —  ein
Kollektivwissen,  dessen  Komponenten  durchaus  auf  verschiedene  Kreise  unter
den  “Gebildeten’  der  Nation  verteilt  sein  können.  Tatsächlich  ist  es  nicht
etwa  ein  Nachteil,  sondern  geradezu  ein  Vorteil,  wenn  in  diesen  Kreisen  verschiedene
  “Bildungstypen’!)  nebeneinander  vertreten  sind,  ja  bis  zu  einem  gewissen
  Grade  können  auch  —  wir  werden  weiter  unten  bei  der  Berechtigungsfrage
  darauf  zurückkommen  —  innerhalb  desselben  Berufskreises  verschiedene
Bildungstypen  in  sehr  fördernder  Weise  gemeinsam  vertreten  sein  und  einander
ergänzen.  Ein  möglichst  großes  Wissensquantum  gleichmäßig  an  möglichst
viele  heranzubringen,  muß  als  ein  sehr  fragwürdiges  Ideal  der  Schulpolitik  bezeichnet
  werden.

Erweist  sich  aber  für  uns  die  Einheitsschule  als  eine  Einrichtung,  die  in
ihrem  Werte  an  sich  fraglich  ist  und  die  sich  nur  auf  Kosten  einer  starken
Überbürdung  der  Schüler  mit  Lehrstoff  oder  auf  Kosten  einer  weiteren  Ausdehnung
  der  schon  ziemlich  langen  Schulzeit  würde  erreichen  lassen,  so  taucht
nun  die  Frage  auf,  bis  zu  welchem  Grade  und  in  welcher  Weise  man,  von  der
Einheitsschule  absehend,  die  verschiedenen  Schulen  differenzieren  soll.  Die  erste
dieser  beiden  Fragen  würde  eine  —  nur  imaginär  hier  angenommene  —  voraussetzungslose
  Neuschöpfung  ohne  Zweifel  dadurch  beantwortet  haben,  daß  sie,
an  die  allen  gemeinsame  Grundlage  der  Volks-  oder  Vorschule  anknüpfend,  die
verschiedenen  Schultypen  in  langsamer  Gabelung  der  Lehrpläne  allmählich  aus-7)

  Zum  Begriff  der  Bildungstypen  s.  außer  Willmanns  in  Anm.  1  8.6  angeführtem  Werk
neuerdings  auch  Th.  Petermann,  Die  Gelehrtenschulen  und  der  Gelehrtenstand  [Neue  Zeitund
  Streitfragen,  herausg.  von  der  Gehestiftung  zu  Dresden,  Heft  3  u.  4]  (Dresden  1904,
Zahn  und  Jaensch).