Das  Nebeneinander  der  verschiedenen  Schularten.  Der  gemeinsame  Unterbau.  13

verschiedenen  Schularten  an  zahlreichen  Orten  durch  einen  gemeinsamen  Unterbau
  so  miteinander  verbunden,  daß  sie  erst  im  Mittel-  und  Oberbau  in  ihren
Lehrplänen  auseinandergehen.  Diese  Maßregel  wird  nicht  nur  theoretisch
empfohlen  und  z.  T.  sogar  in  der  wohl  zu  weit  gehenden  Fornı  eines  sechsklassigen
  lateinlosen  Unterbaus  gefordert,')  sondern  sie  ist  auch  praktisch  an
verschiedenen  Stellen  durchgeführt  worden;  Direktor  Schlee  in  Altona  hat  sich
das  große  Verdienst  erworben,  durch  einen  dreijährigen  gemeinsamen  Unterbau
das  Realgymnasium  mit  der  Realschule  zu  verbinden,  und  an  ihn  anknüpfend
hat  dann  in  Frankfurt  Karl  Reinhardt  den  gemeinsamen  Unterbau  auch  auf
das  Gymnasium  ausgedehnt  und  damit  ebensoviel  Zustimmung  wie  —  von
seiten  zahlreicher  Vertreter  des  humanistischen  Unterrichts  —  noch  immer
nicht  abgeschwächten  Widerspruch  gefunden.  ?)

Die  Vorzüge  dieses  Systems  sind  keineswegs  nur  äußerlicher  Natur,  insofern
  nämlich  als  dabei  unter  Umständen  statt  mehrerer  Schularten  eine  für  die
Bedürfnisse  der  Bevölkerung  ausreicht,  also  am  Schulsäckel  gespart  werden  kann
und  die  Eltern  die  endgültige  Wahl  der  Schulart  für  ihre  Söhne  erst  nach
längerem  Schulbesuch  der  letzteren  vorzunehmen  haben.  Wichtiger  als  diese
äußeren  Vorteile  des  Altona-Frankfurter  Systems  sind  seine  inneren  Vorzüge:
der  Fortfall  des  Lateinischen  in  Sexta  ermöglicht  eine  stärkere  Betonung  des
Deutschen,  erleichtert  also  den  Übergang  von  der  Volks-  oder  Vorschule  zur
höheren  Schule  und  erlaubt,  den  auf  eine  ‘deutsche’  (vom  fremdsprachlichen
Unterricht  ganz  befreite)  Sexta  gerichteten  Wünschen  wenigstens  bis  zu  einem
gewissen  Grade  entgegenzukommen.  Auch  entspricht  es  einem  gesunden  und
daher  seit  200  Jahren  immer  wieder  von  hervorragenden  Pädagogen  betonten
Grundsatz  der  Erziehung,  das  Nebeneinander  durch  das  Nacheinander  zu  ersetzen,
  und  dies  erreicht  der  Reinhardtsche  Lehrplan  dadurch,  daB  er  das
Französische  in  VI,  das  Lateinische  in  U  III  und  das  Griechische  in  UI  beginnen
  läßt,  so  daß  jede  Sprache  reichlich  Zeit  hat,  vor  dem  Einsetzen  der
neuen  Fremdsprache  zu  einem  gewissen  ersten  Abschlusse  der  Aneignung  geı)

  Vgl.  E.  Lentz,  Die  Vorzüge  des  gemeinsamen  Unterbaus  aller  höheren  Lehranstalten.
  Berlin  1900,  8.  Auflage  1902,  Salle;  ferner  K.  Reinhardt,  die  Frankfurter  Lehrpläne.
  Frankf.  a.M.  1892,  Diesterweg;  J.  Ziehen,  Der  Frankfurter  Lehrplan  und  seine  Stellung
innerhalb  der  Schulreformbewegung  (Lpz.  und  Frankf.  a.M.  1900,  Kesselring)  und  neuerdings
besonders  O.  Liermann,  Reformschulen  nach  Frankfurter  und  Altonaer  System  (Berlin,
Weidmann,  bisher  nur  erschienen,  i.  J.  1901,  Teil  I:  ‘Die  Kasseler  Novemberkonferenz  von
1901  über  Fragen  des  Reformschulunterrichts.  Nebst  einem  Anhang:  Übersicht  über  den
Bestand  an  Reformschulen  und  einige  Lehrpläne’).  Die  Bestrebungen  Reinhardts  fallen  nur
teilweise  zusammen  mit  den  Wünschen  des  Vereins  für  Schulreform,  als  dessen  Organ  seit
1889,  von  Friedrich  Lange  begründet  und  zurzeit  von  Lentz  herausgegeben,  die  "Zeitschrift
für  die  Reform  der  höheren  Schulen’,  Verlag  von  Salle,  Braunschweig  (die  ersten  Hefte  als
‘Mitteilungen’  des  Vereins)  erscheint.

*)  Der  Sammelplatz  aller  gegen  den  Reinhardtschen  Plan  auftauchenden  Bedenken  ist
das  in  Anm.  1  8.  9  genannte  Organ  des  Gymnasialvereins,  welch  letzterem  übrigens  wegen
seiner  sonstigen  schulpolitischen  Ziele  Reinhardt  und  seine  humanistischen  Genossen  nach
wie  vor  als  z.  T.  sehr  eifrig  mitarbeitende  Mitglieder  angehören.  Energischster  Bekämpfer
des  sog.  Reformgymnasiums  ist  z.  Zt.  Paul  Cauer.