14  Zıesen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

bracht  zu  werden.  Die  Anordnung  bringt  dazu  den  weiteren  Vorteil,  daB  die
alten  Sprachen  auf  dem  Gymnasium  erst  in  etwas  reiferem  Alter  an  die  Schüler
herangebracht  werden  und  infolgedessen  von  vornherein  in  sehr  viel  wissenschaftlicherer
  Weise  gelehrt  werden  können.  Das  Französische  aber,  von  Sexta
an  den  Schülern  nahe  getreten,  wird  ihnen  bei  richtiger  Behandlung  des  Unterrichts
  in  einer  Weise  geläufig,  daß  das  Sprechen,  Verstehen,  fließende  Lesen
und  auch  Schreiben  dieser  Sprache  in  einem  bisher  für  das  Gymnasium  einfach
unerreichbaren  Maße  möglich  wird.

Diesen  inneren  Vorteilen,  die  seine  Vertreter  dem  Frankfurter  Lehrplan
—  unseres  Erachtens  sehr  mit  Recht  —  nachrühmen,  stehen  freilich  zahlreiche
Vertreter  des  humanistischen  Gymnasiums  sehr  skeptisch  gegenüber  und  wissen
vielmehr  manche  Bedenken  gegen  den  inneren  Aufbau  des  neuen  Lehrplans
vorzubringen.  Es  ist  ihnen  bange  darum,  ob  das  Lateinische  in  sechs,  das
Griechische  in  vier  Jahren  trotz  verstärkter  Stundenzahl  den  Schülern  wirklich
zum  inneren,  nicht  nur  treibhausmäßig  erzielten  Besitz  werden  könne,  auch
scheint  ihnen  der  mathematische  Unterricht  in  den  Oberklassen  eine  zu  starke
Einbuße  zu  erleiden,  für  die  die  Verstärkung  des  Faches  im  Unterbau  keinen
ausreichenden  Ersatz  biete.  Der  günstige  Verlauf  der  Reifeprüfungen  in  Frankfurt
  erklärt  sich  nach  ihrer  Ansicht  durch  die,  sowohl  was  die  Lehrer  wie  was
die  Schüler  betrifft,  ausnahmsweise  günstigen  persönlichen  Verhältnisse  von
Frankfurt  a  Main  —  eine  Erklärung,  die  übrigens  an  sich  recht  mißlich  ist
und  die  an  Glaubwürdigkeit  recht  sehr  verliert,  wenn  in  wachsender  Zahl  ähnlich
  günstige  Erfahrungen  auch  an  anderen  Orten  reichlich  zutage  treten.)
Zu  den  pädagogisch-didaktischen  Bedenken  gesellt  sich  bei  den  humanistischen
Gegnern  des  Frankfurter  Lehrplans  endlich  auch  die  Besorgnis,  Reinhardt  und
seine  Anhänger  möchten  sich  auf  der  gleitenden  Bahn  befinden,  der  Verschiebung
  des  Griechischen  bis  zum  Beginn  der  Untersekunda  möchte  über  kurz  oder
lang  die  Beschränkung  des  Faches  auf  die  drei  obersten  Klassen  und  damit
dessen  völlige  Vernichtung  folgen.

Die  Schulverwaltung  hat  solchem  Widerstreit  der  Meinungen  gegenüber  den
zweifellos  allein  richtigen,  übrigens  von  Reinhardt  selbst  empfohlenen  Weg  betreten,
  von  einer  raschen  allgemeinen  Einführung  des  Frankfurter  Lehrplans
abzusehen,  dagegen  seiner  allmählichen  Ausbreitung  kein  Hindernis  in  den  Weg
zu  legen.  Die  Zukunft  wird  lehren,  wie  weit  die  bisherigen,  unbestreitbar
großen  Erfolge  des  Versuches  andauern  und  noch  wachsen.  Das  weiter  unten
zu  bezeichnende  Minimalmaß  der  Verbreitung  des  lateinischen  Unterbaus  darf
als  völlig  gesichert  gelten;  auch  ist  seine  Zweckmäßigkeit  für  das  Realgymnasium
  fast  allgemein  anerkannt.

Doch  wie  auch  der  weitere  Verlauf  mit  dem  Altona-Frankfurter  Lehrplan
sich  gestalten  möge,  jedenfalls  hat  heutzutage  das  höhere  Schulwesen  in  Deutschland,
  unter  Verzicht  auf  die  Einheitsschule  zwar,  aber  als  Ganzes  doch  einen

!)  Ihre  Registrierung  hat  sich  in  sehr  dankenswerter  Weise  die  Zeitschrift  des  in
Anm.  1  9.  13  genannten  Vereins  für  Schulreform  zur  Aufgabe  gemacht.