Der  Altona-Frankfurter  Lehrplan.  Die  3  bestehenden  Schultypen.  15

einheitlichen  Organismus  bildend,  das  fruchtbare  und  zweckmäßige  Nebeneinander
  von  drei  Arten  höherer  Schulen  gefunden:  des  humanistischen  Gymnasiums,
des  Reslgymnasiums  und  der  Oberrealschule,  welch  letztere  nach  meiner  Überzeugung
  im  Laufe  der  Zeit  wohl  noch  eine  Oberhandelsschule  als  Anstalt  mit
allgemein  bildender  Tendenz  von  sich  abzweigen  dürfte.)  Diese  drei  zurzeit
herausgebildeten  Schultypen  haben  gemeinsam  denjenigen  Teil  des  “Lehrgutes’
der  Nation,  dessen  Besitz  als  unerläßliche  Vorbedingung  für  jede  Mitwirkung  an
einer  irgendwie  leitenden  Stelle  der  Kulturarbeit  unseres  Volkes  zu  betrachten  ist,
die  Religion,  das  Deutsche,  das  Französische,  Geschichte  und  Erdkunde,  Rechnen
und  Mathematik,  Naturwissenschaften,  Zeichnen,  Gesang  und  —  zugunsten  der
nötigen  körperlichen  Ausbildung  —  das  Turnen.  Differenzen  in  der  Stundenzahl
  treten  schon  bei  einigen  dieser  Fächer  zutage,  aber  auch  bei  diesen
Fächern  ist  allen  drei  Schulen  ein  gewisser  Grundstock  von  Stundenzahlen  gemeinsam,
  bei  dem  ein  gleichfalls  allen  dreien  gemeinsames  Lehrziel  gleichmäßig
erreicht  werden  kann.  Ein  ausreichendes  Maß  von  Einheit  in  dem,  was  wir
mit  einem  schwer  definierbaren,  aber  praktisch  in  seiner  Tragweite  jedermann
zum  Bewußtsein  kommenden  Worte  ‘Bildung’  nennen,  ist  damit  als  gemeinsame
Basis  der  Verständigung  für  die  eben  bezeichneten  Kreise  der  Nation  gesichert.

Neben  diesem  gemeinsamen  Lehrgut  stehen  nun  für  jede  Schulart  diejenigen
Fächer,  die  die  drei  verschiedenen  Bildungstypen  unseres  heutigen  höheren
Schulwesens  bedingen:  der  altsprachliche  Unterricht  macht  das  Gymnasium  zur
Pfiegestätte  einer  Bildung,  die  vorwiegend  auf  eine  gründliche,  durch  quellenmäßige
  Behandlung  vertiefte  Kenntnis  der  geschichtlichen  Entwicklung  des
menschlichen  Geistes  gerichtet  ist  und  die  Schüler  dazu  anleitet,  die  Erscheinungen
  und  Aufgaben  der  heutigen  Kultur  nicht  nur  an  der  näheren  Vergangenheit,
  sondern  vor  allem  an  derjenigen  Enntwicklungsperiode  der  Menschheit  zu
messen,  die  uns  das  erste  und  überaus  lichtvolle  Bild  eines  in  sich  abgeschlossenen,
zu  verhältnismäßig  harmonischer  Entwicklung  aller  seiner  Teile  gelangten  Kulturganzen
  zeigt.  An  der  Oberrealschule  wird  durch  einen  ausgedehnten  Unterricht
in  den  beiden  neueren  Fremdsprachen  und  in  den  mathgmatisch-naturwissenschaftlichen
  Fächern  diejenige  Bildung  gegeben,  die  das  weitverzweigte  Bild  der
Gegenwart  möglichst  allseitig  in  lebendiger  Anschauung  und  klarer  Analyse  des
Vorhandenen  auffassen  lehrt  und  vom  Standpunkt  der  Gegenwart  aus  den  Blick
so  weit  rückwärts  wendet,  als  das  zur  unmittelbaren  Erklärung  des  heutigen
Kulturlebens  nötig  ist.  Zwischen  Gymnasium  und  Öberrealschule  steht  das
Realgymnasium  als  ein  vermittelnder  Schultypus.  Man  hat  es  als  eine  Komı)

  Vgl.  “Über  allgemeine  und  fachliche  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns’,  Heft  13
der  Veröffentlichungen  des  deutschen  Verbandes  für  das  kaufmännische  Unterrichtswesen,
sowie  Heft  15  u.  16  derselben  Veröffentlichungen.  Nur  den  Standpunkt  des  Fachunterrichts
verfolgt  die  Behandlung,  die  das  Handelsschulwesen  in  Bd.  IV  Teil  3  des  in  Anm.  2  3.7  genannten
  Sammelwerkes  von  Lexis  erfahren  hat.  —  Über  den  Begriff  der  Bildung  vgl.  außer
dem  betr.  Artikel  des  Reinschen  Handbuches  u.  a.  noch  W.  Schuppe,  Was  ist  Bildung?  im
Anschluß  an  die  Petition  um  Zulassung  der  Reslgymnasialabiturienten  zum  juristischen
Studium.  (Berlin  1900,  R.  Gärtner.)