16  Zıenex:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

promißschöpfung  wiederholt  auf  den  Aussterbeetat  setzen  wollen,  während  man
es  von  anderer  Seite  her  als  die  heutzutage  allein  zeitgemäße  Form  des  humanistischen
  Gymnasiums  bezeichnet  hat.  Eine  objektive  Betrachtung  der  Dinge
wird  zugeben  müssen,  daß  das  Realgymnasium,  wenn  anders  das  Lateinische
nicht  bloß  pro  forma  und  äußerlich  an  ihm  betrieben  wird,  namentlich  in  den
Öberklassen  nicht  zu  einem  mit  ein  paar  Stunden  abgefundenen  Winkelfach
herabsinkt,  ein  sehr  wohl  lebensfähiger  Organismus  ist  und  sich  als  solcher
auch  durchaus  erwiesen  hat.  Natürlich  kann  es  nicht  den  Anspruch  erheben,
mit  seiner  Beschränkung  auf  eine  und  zwar  die  inhaltsärmere  Kultursprache
des  Altertums  die  Aufgabe  zu  erfüllen,  die  oben  dem  Gymnasium  zugewiesen
wurde;  aber  der  lateinische  Unterricht  führt  immerhin  ein  sehr  beachtenswertes
Element  ausgedehnter  geschichtlicher  Betrachtung  in  den  Gesamtlehrplan  der
Anstalt  ein  und  hat  daneben  den  Vorzug,  bei  der  sprachlich-logischen  Schulung
die  neusprachlichen  Unterrichtsfächer  zu  unterstützen,  die  dadurch  für  die  Erledigung
  anderer  Aufgaben,  besonders  reichlicher  Lektüre  wertvollen  Lesestoffes,
  entlastet  werden  können.  Und  andererseits  steht  das  Realgymnasium  in
bezug  auf  den  mathematisch-naturwissenschaftlichen  Unterricht  zwar  hinter  der
Oberrealschule  zurück,  behandelt  diesen  Unterricht  aber  von  Anfang  an  auf  viel
breiterer  Grundlage  als  das  Gymnasium,  fügt  auch  äußerlich  einige  Teilgebiete
der  Mathematik  dem  Kreise  der  einschlägigen  Lehraufgaben  des  letzteren  hinzu
und  vermag  auch  die  Chemie  als  eine  selbständige  Disziplin  wenigstens  bis  zu
einer  systematischen  Einführung  in  die  wichtigsten  Gesetze  der  Stöchiometrie
und  der  Lehre  von  den  Elementen  zu  behandeln.  Die  diesem  Kapitel  beigegebene
  Lehrplanübersicht  wird  den  Benutzern  des  Handbuches  für  alle  diese
Verhältnisse  die  nötigen  zahlenmäßigen  Belege  geben;  benutzen  wir  die  Gelegenheit
  auch  hier,  darauf  hinzuweisen,  daß  es  die  Pflicht  jeden  Schulmannes  ist,
sich  die  “Zahlenmechanik’  dieser  verschiedenen  Lehrpläne  durch  ein  eingehendes
und  vorurteilsfreies  Studium  der  amtlichen  ‘Lehraufgaben’  und  typischer
Schulprogramme,  sowie  durch  nicht  zu  kärglich  gehaltene  Studien  auf  dem
Gebiete  der  “Biographik  als  Hilfswissenschaft  der  Pädagogik’!)  zu  beleben,  wenn
anders  er  das  Recht  in  Anspruch  nehmen  will,  über  Wert  und  Unwert  der  einzelnen
  Schularten  vergleichend  zu  urteilen.

Alle  die  Differentia  specifica,  wenn  anders  wir  sie  so  nennen  dürfen,
die  dabei  in  ihrem  Bestande  und  in  ihrer  Wirkung  zutage  treten,  machen
die  drei  Schularten  nicht  zu  Fachschulen,  sondern  entwickeln,  wie  nicht
scharf  genug  betont  werden  kann,  nur  drei  verschiedene  Bildungstypen,  die
ihrerseits  nicht  in  völlig  getrennten  Kanälen  in  drei  verschiedene  Berufsgruppen
überleiten,  sondern  nur  im  allgemeinen  gegenüber  den  verschiedenen  Berufsgebieten
  den  naturgemäßesten  und  daher  auch  überwiegend  üblichen  Weg  der
Vorbereitung  bezeichnen.  Den  Vorteil  aber  bietet  das  ganze  System,  daB  diese

1)  Über  diese  Auffassung  der  Biographik  vgl.  Frankfurter  Schulzeitung  XIII,  8.  141  f.  und
die  kurzen  Bemerkungen  in  der  Schrift  “Über  den  Gedanken  der  Gründung  eines  Reichsschulmuseums’
  (Lpz.  und  Frankf.  a.M.  1903,  Kesselring).