Die  Differenzierung  der  Schularten  und  ihre  Vorteile.  17

Differenzierung  der  Schulen  unter  Festhaltung  eines  gemeinsamen  Kernes  der
Lehrfächer  nun  ohne  weiteres  ermöglicht,  mit  der  Gesamtzahl  der  wöchentlichen
  Unterrichtsstunden  ohne  zu  starke  Verkürzung  irgendeines  Einzelfaches
auf  ein  gesundes  Maß  beschränkt  zu  bleiben,  das  wohl  um  ein  paar  Stunden
schwanken  darf,  aber  sich  doch  in  den  erfahrungsgemäß  nötigen  Grenzen  von
etwa  260  Gesamtwochenstunden  verbindlichen  Unterrichts  für  die  Dauer  der
neun  Schuljahre  hält  (vgl.  die  Lehrplanübersicht  am  Schlusse).!)

Wichtig  ist  nun,  daß  jede  der  verschiedenen  höheren  Schulen,  deren  Nebeneinander
  wir  eben  kennen  gelernt  haben,  wirklich  einen  einheitlichen  Organismus
darstellt,  “ihre  Eigenart’,  wie  das  der  Kaiserliche  Schulerlaß  vom  Jahre  1900?)
will,  kräftig  entwickeln  kann.  Dies  geschieht  zunächst  dadurch,  daß  —  nach
den  Worten  des  erwähnten  Erlasses  —  “die  wichtigsten  Unterrichtsfächer  nach
der  Eigenart  der  verschiedenen  Anstalten  in  den  Vordergrund  gerückt  und  vertieft
  werden’,  ein  Verfahren,  das  mit  der  mechanischen  und  dem  Schülerstandpunkt
  gegenüber  geradezu  gefährlichen  grundsätzlichen  Unterscheidung  von
“Haupt-  und  Nebenfächern’  ja  nicht  verwechselt  werden  darf.  Vor  allem  wird
dabei  auch  die  oben  besprochene  Konzentration  des  Unterrichts  in  ihrer  Richtung
  und  in  ihrem  Verlauf  durch  den  Bildungstypus  bestimmt  sein  müssen,
um  den  es  sich  bei  der  einzelnen  Schulart  und  innerhalb  der  einzelnen  Schulart
bei  den  örtlichen  Bedürfnissen  handelt.  Mit  Recht  hat  die  deutsche  Schule
sich  darüber  gefreut,  daß  durch  das  Vorgehen  der  preußischen  Schulverwaltung
im  Jahre  1900  für  die  Durchführung  dieser  Aufgabe  eine  größere  Bewegungsfreiheit
  geschaffen  worden  ist;  in  der  Verbindung  verwandter  Lehrfächer  durch
geschweifte  Klammer  bringen  die  neuen  Lehrpläne  zum  Ausdruck,  daß  für
manche  Fälle  die  Konzentration  in  bezug  auf  Lehrerpersönlichkeit  und  Unterrichtsverfahren
  geradezu  unerläßlich  ist,  für  die  Naturwissenschaften  beginnen
mehr  und  mehr  die  Schranken  zu  fallen,  die  bisher  zum  Schaden  der  Sache  so
oft  zwischen  ihren  einzelnen  Disziplinen  auf  der  höheren  Schule  bestanden
haben,  für  die  lateinlose  Schule  sehen  sogar  die  Lehrplanübersichten  zwei
gleichwertige  Typen  mit  verschiedenen  Nuancen  in  den  einzelnen  Fächern  vor
—  alles  Maßregeln,  die  darauf  hinweisen,  daß  der  innere  Organismus  des  höheren
Schulwesens  als  etwas  Lebendiges  aufgefaßt  wird  und  erhalten  werden  soll.

Die  Betonung  der  Eigenart  der  verschiedenen  Schularten  soll  auch  in  der  Aus
gestaltung  der  einzelnen  Unterrichtsfächer  zum  Ausdruck  kommen;  Cauer?)  hat

1)  Von  schulhygienischer  Seite  wird  ab  und  zu  eine  Herabsetzung  der  Geramtstundenzahl
  unter  das  oben  angegebene  Normalmaß  gefordert.  Es  darf  wohl  als  fraglich  bezeichnet
werden,  ob  eine  starke  Vermehrung  der  Freizeit  wirklich  der  Gesundheit  der  Schüler  uneingeschränkt
  förderlich  sein  würde.  Jedenfalls  sollte  man  auch  die  Gefahren  nicht  gering
anschlagen,  die  in  einer  Unterbürdung  der  Jugend  von  seiten  der  Schule  liegen.

r,  Der  Erlaß  ist  u.  a.  abgedruckt  bei  Lexis,  Die  Reform  des  höheren  Schulwesens  in
Preußen,  S.  VIIff.  Zur  Frage  des  Reallesebuches  vgl.  die  in  Anm.  2  8.  3  angeführte  Schrift
sowie  die  zahlreichen  Abhandlungen,  die  aus  Anlaß  des  Griechischen  Lesebuchs  von  U.  von
Wilamowitz-Möllendorf  in  den  verschiedensten  Fachzeitschriften  erschienen  sind.

5,  Vgl.  PaulCauer,  Palaestra  vitae  (Berlin  1902,  Weidmann),  Einleitung.  Für  die  philosophische
  Propädeutik  kommt,  besonders  auf  den  Reslanstalten,  auch  die  naturwissenschaft-Handbuch

  für  Lehrer  höherer  Schulen.  2