18  Zıenzn:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Ichulwssens.

sehr  mit  Recht  gefordert,  daß  der  Geschichtsunterricht  am  Gymnasium  in  der
alten  Geschichte  seinen  Schwerpunkt  suchen,  die  Realanstalten  ihn  z.  T.  auf  die
außerdeutsche  neuere  Geschichte  verlegen  sollten.  Ich  würde  durchaus  für
keinen  Schaden  halten,  wenn  der  Religionsunterricht  und  wenn  der  mathematischnaturwissenschaftliche,
  sowie  der  erdkundliche  Unterricht  in  entsprechender
Weise  da,  wo  es  sich  um  geschichtliche  Betrachtung  handelt,  noch  mehr  als
es  zurzeit  geschieht,  nach  der  Eigenart  der  Schulen  differenziert  und  auch
durch  Auswahl  des  Lesestoffes  im  Sprachunterricht  in  bezug  auf  ihre  besonderen
Ziele  gefördert  würden.  Der  Gedanke  fremdsprachlicher  Reallesebücher,  der
heutzutage  in  der  pädagogischen  Fachliteratur  sehr  vielfach  und  in  sehr  verschiedenem
  Sinne  erörtert  wird,  bringt  wohl  zum  mindesten  den  einen  unanfechtbaren
  Vorteil  mit  sich,  daß  die  Durchnahme  eines  solchen  Lesebuches,  die
natürlich  neben  der  Lektüre  abgeschlossener  Literaturwerke,  nicht  statt  ihrer
stattzufinden  hat,  die  leitenden  Gedankenkreise  der  bestimmenden  Fächer  jeder
Schulart  ausgiebig  zu  pflegen  erlaubt.  Und  auch  die  philosophische  Durchbildung,
  die  einsichtige  Männer  gerade  in  unseren  Tagen  mit  Recht  in  die  höhere
Schule  wiedereingeführt  zu  sehen  wünschen,  darf  wohl  ruhig  je  nach  der  Eigenart
  der  Anstalt  einen  verschiedenartigen  Verlauf  nehmen;  es  gibt  sehr  verschiedene
  Stellen  der  für  die  Schullektüre  in  Betracht  kommenden  antiken  oder
neusprachlichen  Literatur,  an  denen  die  philosophische  Propädeutik,  soweit  sie
nicht  als  besonderes  Unterrichtsfach  etwa  dem  Deutschen  angegliedert  wird,  mit
ihrer  Belehrung  einsetzen  kann.

Im  Sinne  ihrer  Eigenart  möglichst  fruchtbar  entwickelt,  dürfen  aber  in  der
Tat  die  drei  zurzeit  bestehenden  Arten  der  höheren  Schule  auf  die  Zuerkennung
der  Gleichwertigkeit  Anspruch  erheben;  und  es  ist  dringend  zu  wünschen,  daß
sie  im  Bewußtsein  dieser  ihrer  Gleichwertigkeit  das  schöne  Wort  „Vir  bonus
incomparabilis  estol“  auf  sich  anwenden,  vor  allem  sich  nicht  darum  bemühen,
wie  weit  mit  Bezeichnungen,  die  im  heutigen  Gebrauch  vielfach  zu  bloßen
Schlagwörtern  herabgesunken  sind,  der  Vorzug  einer  Schulart  vor  den  anderen
sich  begründen  läßt.  Auf  die  einzelnen  Schulen  angewandt,  würde  diese  Mahnung
bedeuten,  daß  die  Vertreter  des  Gymnasiums  nicht  allzusehr  darauf  pochen
sollten,  im  Alleinbesitz  eines  "humanistischen’  Unterrichts  zu  sein,  und  daß  die
der  Realanstalten  es  lieber  lassen  sollten,  im  Dienste  schulpolitischer  Agitationszwecke
  an  der  Bedeutung  der  ‘formalen  Bildung’  herumzumäkeln,  deren  Fortfall
  den  Bildungsstand  der  Nation  doch  sehr  viel  empfindlicher  schädigen  würde,
als  es  der  nur  auf  direkt  verwendbares  Wissen  gerichtete  Utilitarismus  zu  ahnen
vermag.  Es  ist  genug  Schaden  damit  angerichtet  worden,  daß  der  Kampf  mit
solchen  Schlagwörtern  gewissenlos  in  die  breiteste  Öffentlichkeit  hineingetragen
worden  ist,  und  auch  im  Interesse  des  Lehrerstandes  selbst  aufs  tiefste  zu  bedauern,
  daß  über  die  andere  Schulart  oftmals  die  am  lautesten  aburteilten,  die
sie  am  allerwenigsten  aus  eigener  Erfahrung  kannten,  von  ihren  Lehrstoffen

liche  Grundlage  in  Betracht,  auf  die  sie  A.  Schulte-Tigges  in  seiner  "Philosophischen  Propädeutik’
  (2.  Aufl.,  Berlin,  Reimer)  gestellt  wissen  will.