20  Zıenen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesen».

Gesamtgeistesrichtung  des  deutschen  Volkes  und  der  tatsächlichen  Gestaltung
seines  Kulturlebens  am  besten,  ja  allein  zu  entsprechen  schien.  Ein  wunderliches,
  vielleicht  nie  ganz  zu  analysierendes  Gemisch  aus,  sagen  wir  85%,  tatsächlicher
  Bedürfnisse  und  15%,  künstlich  angefachter  Agitation  hat  dann  zu
dem  bekannten  jahrzehntelangen  Sturmlauf  gegen  das  Gymnasium  geführt,  dessen
Endziel  sich  schließlich  mit  den  Wünschen  zahlreicher  einsichtiger  und  vorurteilsfreier
  Vertreter  des  Gymnasiums  selber  decken  sollte;  seine  Geschichte?)
kann  hier  nicht  vorgeführt,  vielmehr  nur  das  kurz  angedeutet  werden,  was  aus  ihr
für  die  richtige  Beurteilung  des  heutigen  inneren  Organismus  der  höheren  Schule
unbedingt  nötig  ist.  Im  Vordergrund  steht  da  die  Tatsache,  daß  das  Gymnasium
etwa  vom  Jahre  1830  ab  mit  seinem  Lehrplan  scheinbar  ein  Anachronismus
gegenüber  den  veränderten  Kulturverhältnissen  geworden  ist.  Es  ist  ein  eigentümliches
  Schauspiel:  mehr  und  mehr  erwachsen  infolge  der  naturwissenschaftlichen
  Entdeckungen  des  19.  Jahrhunderts  ganz  neue  Berufsarten  und  Kulturzweige
  auf  dem  Boden  auch  unseres  Vaterlandes,  und  es  will  vielen  wie  mutwillige
  Zeitverschwendung  erscheinen,  daB  man  von  allen  diesen  neuen  Errungenschaften
  an  die  Jugend  in  der  Schule  verhältnismäßig  wenig  heranbringt
  und  daß  man  trotz  all  dieses  neuen  Stoffes  doch  lieber  ein  Lehrfach
wie  das  Griechische  beibehält,  das  in  der  Geistesrichtung  des  ausgehenden
18.  Jahrhunderts  wohl  aktuelle  Bedeutung  gehabt  hatte,  sie  aber  nun  kaum
noch  besaß.

1)  Über  die  Geschichte  des  Schulstreites  orientieren  vor  allem  die  in  Anm.  1  8.5  und
Anm.1  S  12  genannten  Bücher  von  Hugo  Müller  und  von  Paulsen.  Reichhaltiges  Material  bieten
such  die  einschlägigen  Teile  von  K.  A.  und  G.  Schmids  ‘Geschichte  der  Erziehung  von  Anfang
  an  bis  auf  unsere  Zeit’  (Stuttgart,  J.  G.  Cotta);  eine  Übersicht  über  die  neuzeitlichen
Schulreformbestrebungen  in  Deutschland  gibt  in  Bd.  V  (erschienen  1901)  H.  Bender  und  der
Redaktor  seines  Nachlasses,  allerdings  durchaus  vom  Standpunkt  des  humanistischen  Gymnasiums
  aus.  Interessante  Zusammenstellungen  finden  sich  in  Knabes  Artikel  “Reformschule’
in  REP  V  776  ff.

Der  Weg  durch  das  Gymnasium  erschien  natürlich  um  so  leichter  als  ein  —  wie  die
typische  Wendung  lautete  —  “dem  Leben  entfremdender’  Umweg,  weil  die  inneren  Vorteile,
die  der  altsprachliche  Unterricht  als  Mittelpunkt  des  ganzen  Lehrplans  an  demselben  bietet,
sich  nicht  ganz  leicht  in  Worte  fassen  und  greifbar  darstellen  lassen.  Auch  genoß  die
deutsche  Universität  zwar  im  allgemeinen  mit  einem  ruhigen  Gefühl  behaglicher  Sicherheit
die  einheitliche  und  strenge  Geisteszucht,  die  die  Studenten  von  dem  Gymnasium  als  der
anfangs  alleinberechtigten  Vorbildungsanstalt  mitbrachten,  doch  empfand  man  z.  T.  innerhalb
  dieses  Gefühles  der  Sicherheit  wohl  auch  lebhaft,  daß  manche  Mängel  in  der  Vorbildung
  dieser  Studenten  zutage  traten,  und  wurde  durch  die  Beobachtung  dieser  Mängel
dazu  geneigt,  den  Wert  einer  etwas  fachschulmäßigeren  Vorbildungsart  vom  Standpunkte
der  einzelnen  Fakultäten  aus  zu  überschätzen.  Daher  traf  der  Wunsch  mancher  Universitätslehrer
  durchaus  mit  den  Bestrebungen  derer  zusammen,  die  wie  der  Realschulmännerverein
(s.  Steinbarts  Artikel  "Realgymnasium’  in  REP  V  738  ff.)  für  die  Gleichberechtigung  der  höheren
Schulen  kämpften  und  die  zugunsten  ihrer  Wünsche  nicht  nur  die  spätere  Laufbahn  nicht
weniger  ehemaliger  Abiturienten  von  Realanstalten  sondern  auch  die  tatsächliche  Verschiebung
  der  Kulturverhältnisse  und  die  Gedankenreihe  anführen  konnten,  aus  der  heraus
Paul  de  Lagarde  seinerzeit  die  höheren  Schulen  geradezu  in  Fachschulen  verwandelt
wissen  wollte.