239  Ziegen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens,

weil  ihm  einerseits  in  den  staatlichen  Berufsprüfungen  ein  wirksamer,  seinem
Wesen  nach  dem  Neueren  gegenüber  nicht  zu  nachsichtiger  Kontrollapparat  zu
Gebote  steht!)  und  weil  andererseits  das  Cupimus  negata,  das  ängstlichen  Vertretern
  des  alten  Zustandes  früher  wohl  ganz  unheimliche  Perspektiven  infolge
der  Neuordnung  des  Jahres  1900  auftauchen  ließ,  nach  dem  natürlichen  Verlauf
der  Dinge  sich  doch  künftig  als  eine  an  sich  sehr  maßvolle  Benutzung  der
Vorbildungsfreiheit  äußern  wird.  Denn  betrachten  wir  die  drei  höheren  Schularten
  im  Verhältnis  zu  den  Gebieten  des  praktischen  Lebens,  zu  deren  Pflege
sie  ihre  Schüler  entlassen,  so  dürfen  wir  sie  wohl  als  Berufsschulen  bezeichnen;
zweifellos  sind  die  Unterschiede,  die  in  der  Gestaltung  des  Lehrplanes  und  der
Lehraufgaben  zwischen  ihnen  bestehen,  bestimmt  durch  die  Rücksicht  auf  die
allgemeine  Sphäre  des  Berufes,  zu  dem  jede  von  ihnen  ihre  Schüler  vorwiegend
entläßt.  Solche  allgemeine  Berufssphären  hat  schon  die  antike  Staatslehre  mit
Recht  unterschieden,  wir  weichen  von  der  Auffassung  des  Plato  und  des  Aristoteles
  nur  darin  heute  grundsätzlich  ab,  daß  wir  es  ablehnen,  eine  starre  Rangordnung
  zwischen  ihnen  aufzustellen  und  in  der  absoluten  Wertschätzung  den
einen  oder  den  anderen  Beruf  von  vornherein  auf  eine  tiefere  Stufe  zu  setzen.

Außer  den  Vorzügen  seiner  schon  oben  behandelten  Eigenart  bietet  nun  das
Gymnasium  seinen  Zöglingen  noch  den  Vorteil,  daß  sie  den  Wortschatz  und  die
Wortverbindungen  als  den  äußeren,  vielfacher  Nuancierung  fähigen  Ausdruck
der  Sachbegriffe  und  der  Gedankentätigkeit  am  schärfsten  auffassen  und  in  einer
langen  geschichtlichen  Entwicklung  des  Sprachgutes  und  des  Sprachgebrauches
vergleichend  kennen  lernen;  dagegen  wird  die  Anschauung  und  klare  Auffassung
körperlicher  Formen  und  das  Verständnis  für  alle  Arten  der  Naturerscheinungen,
sowie  die  unmittelbare  Kenntnis  des  realen  Lebens  der  Gegenwart  auf  den  beiden

1)  Über  die  Stellung  der  Universität  zu  der  Gleichberechtigung  der  höheren  Schulen
s.  außer  Monatsschrift  für  höhere  Schulen  I  857  ff.  die  Übersicht  bei  Lexis,  Das  Unterrichteswesen
  des  Deutschen  Reiches,  Bd.  II  S.157  ff.  (nach  Daude,  Monatsschr.  f.  höh.  Schulen  III),
ferner  Lexis  in  Abschn.  V—VII  des  in  Anm.  1  zu  9.  5  genannten  Werkes  und  ebenda
Abschn.  III  ‘Staatsfürsorge  und  Selbstverantwortung  im  Zutritt  zur  Universität’  von  P.  Cauer.
Geschichtliche  Rückblicke  finden  sich  bei  Steinbart,  Artikel  “Berechtigungen’  in  REP  Bd.  I
S.  327  ff.  [Die  Seitenangsben  der  Einheitlichkeit  wegen  noch  nach  der  1.  Auflage  des
Buches,  von  dem  inzwischen  Bd.  I  in  2.  Auflage  erschienen  ist]  Für  die  Aufklärung  des
Elternpublikums  ist  es  wichtig,  daß  über  den  Charakter  des  Reifezeugnisses  als  einer  amtlichen
  Urkunde  gelegentlich  der  Schülerentlassungen  von  den  Anstalteleitern  die  nötigen
Belehrungen  nicht  zu  selten  gegeben  werden.  Der  Beratung  der  Eltern  bei  der  Wahl  der
Schulart  für  ihre  Söhne  dienen  neben  der  pädagogischen  Konsultation  in  den  Sprechstunden
der  Direktoren  und  der  übrigen  Schulmänner  auch  Schriften  wie  ‘In  welche  Schule  schicke
ich  meinen  Sohn?  Wie  steht  es  mit  den  Berechtigungen?  Praktische  Winke  für  Eltern
von  einem  alten  Schulmanne’  (Dir.  a.D.Dr.  A.  Schuster  in  Hannover),  2.  Aufl.,  Hannover  1908,
O.  Goedel.  Für  größere  Städte  ist  geradezu  ein  Bedürfnis  das  Vorhandensein  brauchbarer
‘Schulführer’:  vgl.  Rhein.  Blätter  f.  Erz.  und  Unterricht,  Jahrg.  76  (1902)  8.  826  ff.  Versuche
  in  dieser  Richtung  liegen  bisher  meines  Wissens  nur  für  einige  deutsche  Städte  (z.  B.
Leipzig,  Berlin)  vor.  Schließlich  sei  im  Zusammenhang  der  Schulwahlfrage  auch  noch  hingewiesen
  auf  Sammlungen  wie  ‘Das  Buch  der  Berufe.  Ein  Führer  und  Berater  bei  der
Berufswehl’,  Hannover,  Gebr.  Jänecke,  die  freilich  diesem  Gegenstand  künftig  noch  eingehendere
  Aufmerksamkeit  werden  zuwenden  müssen.