24  Zıesen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

Prozentsatz  minderbegabter  und  von  dem  Gymnasium  “abgestoßener’  Schüler
rechnen  zu  müssen.

Der  freie  Wettbewerb  aber,  der  nach  Beseitigung  des  Gymnasialmonopols
für  die  verschiedenen  Arten  der  höheren  Schule  eröffnet  ist,  wird  sich  jedenfalls
schon  dadurch  segensreich  erweisen,  daß  er  jede  dieser  drei  Schularten  zu
vollstem  Krafteinsatz  bei  der  fruchtbaren  Entfaltung  ihrer  Bildungsmittel  anspornt.
  Viel  Zeit  und  Kraft,  die  bei  dem  früheren  Zustande  der  Dinge  auf
die  gegenseitige,  nicht  immer  mit  den  schönsten  Mitteln  durchgeführte  Befehdung!)
  verschleudert  worden  ist,  kann  nun  der  positiven  Arbeit  eines  jeden  an
seinem  eigenen  Hause  zugute  kommen,  die  Parteiorgane  der  drei  Hauptrichtungen,
  die  z.  T.  stellenweise  ein  recht  unerfreuliches  Bild  gegenseitigen
Herunterreißens  boten,  können  ihre  Spalten  ganz  der  Arbeit  am  inneren  Ausbau
der  von  ihnen  vertretenen  Anstaltsart  widmen.  Ihren  äußeren  Ausdruck  sollte
diese  Arbeit  vor  allem  darin  finden,  daß  der  vollständige  Lehrgang  der  drei
Schularten  in  möglichst  tiefgründiger  Weise  immer  aufs  neue  als  Ganzes  bearbeitet
  wird,  eine  Aufgabe,  die  bisher  nur  für  das  Gymnasium  in  wiederholten,
z.  T.  sehr  wertvollen  Schriften  ausreichend  geleistet  ist,  aber  auch  für  diese
Schulart  immer  neuer  Lösungsversuche  bedarf.)  Und  hinzutreten  sollte  als

1)  Unvermeidlich  freilich  wird  auch  in  Zukunft  sein,  daß  an  Stelle  friedlichen  Wettbewerbes
  der  drei  höheren  Schularten  unter  gewissen  Verhältnissen  der  unmittelbare  Kampf
tritt,  der  stellenweise  sogar  zu  einer  recht  leidenschaftlichen  Äußerung  der  verschiedenen
  Anschauungen  und  Richtungen  führen  kann;  das  wird  überall  da  der  Fall  sein,  wo
—  wie  z.  B.  in  kleineren  Städten  oder  in  gewissen  Stadtbezirken  —  nur  eine  höhere  Schule
lebensfähig  und  unterhaltbar  ist  und  wo  es  daher  zwischen  verschiedenen  Schularten  zu
wählen  gilt.  Daß  auch  hier  eine  friedliche  und  alle  Teile  befriedigende  Lösung  Platz  greifen
kann,  ist  das  große  und  wohl  auch  allseitig  anerkannte  Verdienst  des  Frankfurter  Lehrplans,
der  mit  seinem  dreijährigen  gemeinsamen  Unterbau  den  verschiedenen  Bedürfnissen  zunächst
  völlig  gerecht  wird  und  für  den  Mittelbau  des  Schulorganismus,  die  Jahre  der  U  III
und  O  II,  wenigstens  noch  die  Kombination  der  verschiedenen  Schularten  in  einer  ganzen
Reihe  von  Fächern  ermöglicht.  Enthält  jede  Provinz  mehrere  zweckmäßig  gelegene  Vollanstalten
  nach  Frankfurter  Lehrplan,  so  braucht  das  Elternhaus  der  kleinen  Orte  seine
Söhne,  die  das  Gymnasium  absolvieren  sollen,  nicht  vor  dem  Normalalter  der  Reife  für
U  IH  bezw.  U  II  fortzugeben.

2)  Genannt  sei  von  Versuchen  solcher  Darstellungen  des  Gesamtlehrganges  einer
höheren  Schulart  vor  allem  Oskar  Jäger,  Lehrkunst  und  Lehrhandwerk,  Wiesbaden  1897,
C.  G.  Kunzes  Nachfolger.  Zu  einer  entsprechenden  Gesamtdarstellung  für  das  Gymnasium
nach  Frankfurter  Lehrplan  schließen  sich  zusammen  die  Lehrpläne  für  die  einzelnen  Unterrichtsfächer,
  die  von  K.  Reinhardt  für  das  Goethegymnasium  zu  Frankfurt  a.  M.  bearbeitet
und  zunächst  leider  nur  als  Manuskript  gedruckt  worden  sind.

Dem  Ausbau  der  durch  den  Novembererlaß  den  höheren  Schulen  Preußens  vorgezeichneten
  Aufgaben  will  dienen  die  ‘Monatsschrift  für  höhere  Schulen’,  die  seit  1901  von  zwei
vortragenden  Räten  des  preußischen  Unterrichtsministeriums,  A.  Matthias  und  R.  Köpke,
herausgegeben  wird  (Berlin,  Weidmann);  die  verschiedenen  Schularten  finden  in  ihr  grundsätzlich
  gleichmäßige  Berücksichtigung.  Der  ‘Praxis  der  Gymnasien  und  Realschulen’
dienen  ferner  die  von  O.  Frick  und  Gustav  Richter  im  Jahre  1884  begründeten  “Lehrproben
und  Lehrgänge’,  zurzeit  herausgegeben  von  W.  Fries  und  R.  Menge  (Halle,  Waisenhaus),
ferner  die  seit  1826  erscheinenden  “Neuen  Jahrbücher  für  Philologie  und  Pädagogik’
(Verlag  von  Teubner,  Leipzig;  jetziger  Herausgeber  des  pädagogischen  Teils  B.  Gerth).